Eheliche Rollenspiele und andere Sozialrituale

In den 90er Jahren wohnte ich zur Miete in einem Haus mit Garten. Bei schönem Wetter saß ich gern auf der Wiese, ich rauchte Pfeife. Die Nachbarn, ein Ehepaar von etwa sechzig Jahren, nutzten ihren Garten viel häufiger. Sie hatten sich sogar einen kleinen runden Pavillon mit grünen Fensterscheiben gebaut, obwohl es vom Garten nur ein paar Schritte ins Haus waren. Anfangs hatte ich mich gewundert, wieso jemand sich in einem Gartenhaus grüne Gardinen vor die Fenster hängte, bis ich bemerkte, dass es weiße Stores hinter grünen Scheiben waren, die  mich befremdeten. Ebenso befremdlich erschien mir, dass im Pavillon, den aufzubauen einige tausend Mark und gute zwei Wochenenden handwerklicher Arbeit gekostet hatte, nur gelegentlich Gartenmöbel untergestellt wurden. Auch dieses Rätsel löste sich: der Pavillon war – vermutlich wegen der grünen Scheiben – ein Sonderangebot, er blieb unmöbliert, er sollte keineswegs die Besitzer bei Regen beherbergen, er beherbergte etwas viel Kostbareres: Dort stand – in Reichweite, nicht etwa in der eine Gehminute entfernten Küche – der Kühlschrank, und im Kühlschrank war das Bier.

Es war für unsere Nachbarn so wichtig, das Bier in der Nähe zu haben, weil sie sich fast immer stritten. Sie redeten ausdauernd aufeinander ein, wellenförmig brandeten Gespräche auf, gipfelten in beleidigenden Worten, brachen ins Schweigen. Sie versetzten sich gegenseitig in Zyklen der Aufregung. Ein Zyklus lief aber nicht synchron mit dem Leeren einer Bierflasche ab. Ich konnte niemals herausfinden, wer von beiden mehr und schneller trank – einerlei: es kam anscheinend einem Koitus Interruptus gleich, wenn eine besonders heftige Attacke wegen einer leeren Flasche, demzufolge eines Ganges in die Küche hätte unterbrochen werden müssen. Tatsächlich war der Kühlschrank im Pavillon mit den grünen Fensterscheiben Teil eines ebenso detailliert wie unbewusst inszenierten und mit nicht nachlassender Energie aufgeführten Dramas.

Nach mehreren Frühling-Sommer-Herbst-Staffeln als unfreiwilliger Zuhörer glaubte ich, Dreierlei feststellen zu können:
Die Rollen waren fest vergeben, die Dramaturgie blieb dieselbe, nur die Texte variierten ein wenig. Sie büßten weder an Schwung noch Emotionalität ein, und es war vollkommen sinnlos, nach Gründen für das Gezänk zu fragen. Nicht einmal Anlässe ließen sich erkennen – außer schönem Wetter im Garten und Bier im Kühlschrank. Es ging auch gar nicht um Gründe von Ärgernissen, die zu diskutieren und auszuräumen gewesen wären. Es ging insbesondere nicht um Veränderungen innerhalb einer ehelichen Beziehung. Sie hielt – so entnahm ich über den Zaun wehenden Dialogfetzen – schon 40 Jahre. Bei all der Aufregung und Dynamik des Redens und Gestikulierens, des einander Aufreizens und Ankeifens ging es im Gegenteil darum, dass sich nichts verändern durfte, dass jeder immer wieder aufs Neue seine Rolle, seine Wahrnehmung eigener Überlegenheit gegen den törichten Partner verteidigte. Es handelte sich um eine Dynamik, deren Ziel das Gleichgewicht war.

Die Einsicht brachte mich auf neue Gedanken über die Dynamik menschlicher Wechselwirkungen. Ich begann, vertraute Perspektiven des Denkens zu verlassen. Wir sind gewohnt, das Handeln der Menschen auf seine Gründe hin zu untersuchen. Aber diese Suche führt nur zu ebenso begrenzten Einsichten, wie die Vorstellung, dass die Sonne im Osten auf- und im Westen untergeht. Wer nach Gründen fragt, konstruiert eindimensionale Beziehungen zwischen subjektiv wahrgenommenen, zurückliegenden Ereignissen. Im Falle unseres Ehepaares hieße das etwa, dass die Frau ihren Mann einen Schlappschwanz nennt, weil er seinen ehelichen Aufgaben unzureichend nahgekommen ist. Natürlich könnten wir dann den Mann als den am Konflikt Schuldigen ausmachen. Als unbeteiligte (und von den Streitenden nicht bemerkte) Beobachter könnten wir uns damit zufrieden geben und unser Urteil über die Defizite der nachbarlichen Ehe fällen.  Dadurch würden wir mit großer Wahrscheinlichkeit völlig falsch urteilen. Wie falsch, erführen wir spätestens, wenn wir von dem Ursache-Wirkungs-Schema auf andere eheliche Konflikte schlössen, womöglich auf unsere eigenen.

Durch meine Beschäftigung mit der Quantenphysik und einschlägiger Literatur längst neugierig geworden, fragte ich nach meiner eigenen Rolle in dem Gartendrama. Wir alle sind nämlich nie „objektiv“ urteilende Beobachter. Wir sind an den Wechselwirkungen beteiligt, unterliegen all den Gefühlen und Trieben, deren wir uns normalerweise nicht bewusst sind. Wir sind uns ihrer so wenig bewusst, wie wir den dauernden Kraftaufwand bemerken, den unser Körper der Schwerkraft entgegensetzt, damit wir aufrecht gehen können.

Sobald ich bedachte, dass der Streit im Garten geführt wurde, dass die Nachbarn sehr wohl mit Zuhörern rechneten, verändert sich alles. Ich war als Beobachter eben nicht „unbeteiligt“. Der „Schlappschwanz“ hatte mit der erotischen Leistungsfähigkeit des Mannes viel weniger zu tun, als mit der Absicht der Frau, ihn öffentlich zu demütigen. Er musste entsprechend reagieren, seine Reaktion fiel für die Frau so wenig überraschend aus, wie er selbst von Demütigungsversuchen überrascht wurde. Das Drama führte nicht zur Auflösung der Ehe, es erhielt sie am Leben.

Edward Albee hat Ähnliches in seinem brillanten Theaterstück „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ beschrieben. Der Film mit Richard Burton und Liz Taylor ist ein Klassiker. Darin wird ein junges Pärchen zunächst Zeuge, wie das alte Ehepaar sich in Konflikten zerfleischt. Dann aber nehmen die beiden ihre jungen Gäste während einer nächtlichen Party zu Komplizen in wechselnden Schlachtszenen, zerfleddern dabei deren Liebesidyll. Am Schluss bleibt alles beim Alten – kein Konflikt wird gelöst, der nächste ist gewiss, aber die Zerstörung des Idylls befestigt das Zusammenleben der Alten – damit wird ein unbewusstes Ziel erreicht, denn eine Scheidung würde mehr zerstören, als nur die Gemeinschaft unter einem Dach.

Dramen wie die von Albee lassen beispielhaft nachempfinden, dass Sozialgebilde – nichts anderes ist eine Ehe – den gleichen Strategien folgen, wie andere lebendige Formen: sie bilden in sich relativ geschlossene, dennoch für den Energie- und Stoffaustausch mit der Umwelt offene, dynamische Systeme mit dem Ziel der Selbsterhaltung und Reproduktion. Bühne, Film oder manchmal sogar das Fernsehen verwickeln in die Dynamik solcher Sozialgebilde und ihrer Figuren – je stärker sie von den Darstellern mit Leben erfüllt werden, desto mehr. Wir erleben emotionale Wechselwirkungen mit, werden mehr als nur Augen- und Ohrenzeugen: wir werden Mitfühlende. Diese Resonanz entsteht vor allem, weil wir die Ziele der Handelnden teilen, ihre Ängste und Wünsche. Fremde Erfahrung wird so in die unsere „eingebettet“. Diesen Vorgang, der den ganzen Körper erfasst, entdeckt seit einigen Jahren die Psychologie. Von ihm aus beginnen Wissenschaften und Künste – Psychologie, Physik, Biologie, Philosophie und Musik, Schauspiel, Film, Malerei, Skulptur, Tanz, Literatur zusammenzuwachsen – als menschliche Arbeitsfelder auf dem Weg zu einer neuen Kultur.

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