Von der Subversion

Es gibt seltsame Zusammentreffen im Leben. Fast auf den Tag genau sind es dreißig Jahre, dass mich der Intendant des Theaters der Stadt Schwedt an der Oder beauftragte, ein Programm aus Texten von Bertolt Brecht zu inszenieren. Nun bekam ich wieder einen Auftrag, mich an der Inszenierung eines literarischen Programms zu beteiligen – diesmal am Rhein. In den Texten mehrerer Autoren von Sophokles bis Tucholski geht es um Fragen der politischen Haltung, die Aufführung richtet sich an junge Leute, die sich auf entsprechende berufliche Felder wagen wollen. Sie könnten erfahren, inwiefern das ein Wagnis, inwiefern also hierzulande persönlicher Mut gefordert ist.

FES

Programm der Mediensommerakademie

 

Nach 25 Jahren teils von SED und Stasi erzwungener, teils selbst gewählter Abstinenz von der Theaterregie, zwanzig Jahren journalistischer Tätigkeit entschied ich mich, es wieder einmal zu versuchen. Anders als damals, als der Staat mein Tun und Treiben getreulich überwachte, jedes politisch anstößige Wort, jede Geste auswertete, war mein Risiko gering. Schlimmstenfalls konnten sich die Studenten, Volontäre, Nachwuchsreporter und –redakteure im Saal tödlich langweilen.

Meine Rolle bei der Inszenierung war allerdings eine andere als damals. Die Aufführung bestritt ein Schauspieler-Ehepaar; sie hatten vorgearbeitet, suchten nur für die Endproben meine Unterstützung. In Schwedt war ich von der Textauswahl über die Proben – auch Gesangsproben – bis zur Premiere für alles verantwortlich, ich spielte selbst mit. Die Schauspielern schätzten das damals ungeheuer, zumal mich der Regisseur der gleichzeitig auf der großen Bühne des nagelneuen Kulturpalasts laufenden Aufführung “Schwejk im II. Weltkrieg” mit der Rolle des Gestapospitzels Bretschneider betraut hatte. Es war seinerzeit -1981 – ein völlig neues Gefühl: nach dem Studium samt quälender Diplominszenierung fühlte ich mich auf einmal in meinem Beruf uneingeschränkt wohl.

“Schwejk”-Regisseur war ein Gast vom Berliner Ensemble, nach Schwedt gekommen, weil er beim Intendanten, einem Politbüro-Kandidaten, in Ungnade war. Ich bat ihn, einen Blick auf unsere Endproben zu werfen; er gab der Geschichte einen enormen Schub, weil er unsere Intention genau verstand und teilte: die Brechtschen Texte subversiv aufzuladen. Das Programm, vom Schwedter Theaterchef geplant als kulturpolitische Pflichtübung zum 25. Todestag des Staatsdichters Brecht, zusätzlich beglaubigt durchs “Antifa”-Etikett des “Schwejk”, begann zu knistern. Brecht war nicht tot, er sprach auf sehr bissige, vergnügliche, intelligente Art gegen den Mauerstaat samt den verdorbenen Greisen im Politbüro. Das Publikum war mit ihm und uns im Bunde: Wir wollten die DDR ändern.

Dreißig Jahre danach frage ich mich, wie eine solche subversive Kraft, wie ein Bündnis mit dem Publikum heute herzustellen wäre. Was wollen wir ändern?

Viele der ungelösten Konflikte von damals sind weiterhin ungelöst. Vor allen anderen erscheint mir die Aufgabe unbewältigt, die Einzelnen im Publikum zu ermutigen, ihre Angelegenheiten selbst in die Hände zu nehmen. Das kollektive Lachen, das einverständige Schweigen vorm Ungeheuerlichen, die mit Emotionen einhergehende Öffnung für Neues müssten ihre Subversion im Privaten entfalten: eine tiefe Unlust an Konformität wüchse, zugleich ein vergnügter Eigensinn.

Und weil das Denken – so meinte jedenfalls Brecht – zu den größten Vergnügungen der Menschheit gehört, muss einem dann um den Gemeinsinn nicht bange sein, in dessen Auftrag sich politischer Journalismus versteht.

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