Der menschliche Kosmos – Kapitel 3 (1)

Ab heute online im Weblog zum Buch: das überarbeitete und etwas erweiterte Kapitel über
Die Entdeckung und Verstellung des Körpers:
Wie durch „Objektivität“ dem Leib die Seele und dem Diskurs der Sinn ausgetrieben wird. Das Elend der Schulen.

Die Grinsekatze aus "Alice im Wunderland"
Die Grinsekatze aus „Alice im Wunderland“

Als Kind bewunderte ich die Katze unserer Nachbarin, weil sie auf die Klinke der Küchentür springen konnte und sich so ohne menschliche Hilfe die Tür öffnete. Die Katze verfehlte die Klinke nie. Sie fixierte vom Boden aus ihr Ziel, spannte ihre Muskeln, wobei ihr ganzer geschmeidiger Körper sich wie eine Faust zu ballen schien, sprang und balancierte genau jene halbe Sekunde lang auf dem Griff, bis ihr Gewicht ihn nach unten gedrückt hatte. Bevor sie von der schräg stehenden Klinke abrutschen konnte, war sie schon auf allen Vieren gelandet und verschwand mit erhobenem Schwanz im Flur.
Weder hatte jemand der Katze das Kunststück beigebracht, noch wusste irgendeiner, ob und wie viele Fehlversuche nötig waren, bis das gewitzte Tier es beherrschte. Niemand hatte sie üben, noch beim Sprung auf die falsche, äußere Klinke der Tür scheitern sehen. Auf jeden Fall aber lief das Türöffnen mit einem unglaublich präzisen Gespür für Rhythmus und räumliche Koordination ab, und soviel ist sicher: bevor die Katze sprang, war das gesamte ebenso komplexe wie stimmige Bewegungsprogramm ihrer Nerven, Sehnen und Muskeln fertig. Sie antizipierte das Ergebnis des Sprunges – die Landung auf der Klinke – und dann startete sie.
Auch Menschen – z.B. Artisten – erstaunen uns mit Leistungen körperlichen Antizipierens. Das setzt eine besonders gute Wahrnehmung, innere Koordination und physische Kraft und Beweglichkeit voraus. Antizipation ist aber eigentlich etwas so Alltägliches, dass normalerweise niemand darüber ein Wort verliert. Bei jedem Aufstehen von einem Stuhl läuft ein komplexes Bewegungsprogramm ab und es würde Wahrnehmungsfähigkeit und Konzentration überfordern, alle die dabei ablaufenden Muskelspannungen und -entspannungen jede für sich einzeln zu initiieren.
Weiter zu Abschnitt (2)

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Ein Kommentar zu “Der menschliche Kosmos – Kapitel 3 (1)

  1. Bei den indigenen Völkern lernen die Kinder durch genaues Beobachten. Wenn sie genügend geschaut haben, versuchen sie es selbst. Und der Erfolg ist dann nicht weit.
    Vera F. Birkenbihl erzählt in ihren Videos davon, dass unsere Kinder, die genügend lange anderen beim Fahrradfahren beobachtet haben, viel schneller diese Kunst beherrschten als Kinder, die ohne diese Beobachtung mit dem Üben begannen.
    Ein Freund, ein Stukateur, erzählte mir, dass er ein Jahr lang ein kleine Mädchen aus Asien anlernte. Sie schaute extrem aufmerksam zu. Wenn ich mir unsere, in der Schule …ten Kinder anschaue, so ist die Lust am Beobachten inzwischen vergangen …
    Aber schauen wir mal, was wir heute in der Schule wirklich unterrichten:
    Kritik an unserem Schulsystem: darüber, wie wir unsere Kinder verdummen ….
    Herzlich, Martin

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