Jenseits-Kollektive

revolution_noir.jpg“Revolution Noir” ist der Titel einer Anthologie mit Texten von 16 russischen Autorinnen und Autoren, darunter Julia Kissina, die das Buch beim Suhrkamp-Verlag herausgegeben hat. Sie hat jeden Beitragenden – außer sich selbst – mit einer skurrilen Zeichnung porträtiert, im Anhang finden sich Kurzbiographien. Alle Porträtierten erscheinen als weltläufige, mit Preisen und internationaler Beachtung ausgezeichnete Schriftsteller, einige mit Doppelbegabung als Maler wie Kissina, als Filmemacher oder Musiker.

Alexander Pjatigorski (1929 – 2009) Philosoph, Orientalist, emigrierte 1974 nach London, im selben Jahr wie Juri Mamlejew, (1931 – 2015), der in die USA ging, an der Cornell-Univerität unterrichtete, in den 90er Jahren nach Russland zurückkehrte, dort die literarische Bewegung des metaphysischen Realismus begründete. „Sprung in den Sarg“ heißt seine groteske Parabel auf die Rituale der Stalinistischen Schauprozesse. Sie zeigt, wie sich eine so unheilbar wie unspezifisch kranke Tante dem (Familien-)Kollektiv eines russischen Dorfes bis zur Selbstaufgabe unterwirft. Die Angehörigen wollen sie nicht mehr durchfüttern, also wird sie zu einem inszenierten Tod gedrängt. Figuren und absurde Dialoge erinnerten mich sogleich an Bulgakow, aber solche Assoziationen nehmen dieser wie  anderen Geschichten nichts von ihrer Originalität.

Pjatigorskis Spiel mit der unzuverlässigen Wahrnehmung und der noch unzuverlässigeren Erinnerung an einen Mord dagegen findet im globalen Dorf statt; die Kindheit der Handelnden in sowjetischen Zeiten wird austauschbar. Bei den Jüngeren Autoren ist das noch  deutlicher: Die meisten, in den 60er Jahren geboren, wuchsen heran, als der Stalin-Terror vorbei war, die Politbürokratie Breshnews ins Koma fiel und die Perestroika die Verhältnisse aufwirbelte. Allein diese Biographien lassen erwarten, dass ihr Blick auf Geschichte und Realität des eigenen Landes wie auf die Welt ein  besonderer ist.

Julia Kissina erläutert selbst in dem kurzen Essay „Abschied von Dostojewski“, was die „Russische Neue Welle“ oder „Dritte Avantgarde“ ausmacht. Sie entstand zu Beginn der achtziger Jahre, vom „Samisdat“ beflügelt, eine ihrer Hauptrichtungen nannte sich „Noir“. Natürlich fiel mir die zur selben Zeit florierende „Bohème des Ostens“ am Prenzlauer Berg ein. Literarische Unterströmungen finden sich überall in Diktaturen, längst formen sie eine eigene Tradition jenseits der offiziellen Kultur, und in diesem Jenseits finden sich länderübergreifend kollektive Geisteshaltungen der Subversion. Die von Kissina ausgewählten Texte offenbaren eine Fülle an einschlägigen Begabungen, einige gefielen mir besonders:

Polina Barskowa nähert sich in „Laubriss“ wunderbar poetisch Jewgeni Schwarz und Witali Bianki an, indem sie ihnen im apokalyptischen Leningrader Blockadegeschehen fiktiv begegnet. Mich hat gefesselt, wie sie sich dabei Literatur und Geschichte einverleibt. Andrej Monastyrski entführt als Ich-Erzähler, als “Der atheistische Spion” den Leser in einen von religiösen Wahnvorstellungen getränkten Alltag, auf eine philosophisch-literarische Gespensterbahn mit witzigen blasphemischen Wendungen. Waleri Nugatow zeigt Franz Kafka beim Abstieg ins literarische Establishment von Prag 1938. Der Außenseiter als Bestsellerautor und Familienvater – die schräge Idee leuchtet zumindest insofern ein, als jede Gesellschaft von ihren Außenseitern lebt – sie verdaut sie nur auf unterschiedliche Art.  Alexej Parschtschikow überrascht mit Beobachtungen eines Studenten der Veterinärmedizin, die ebenso scharf wie humorvoll und poetisch sind, und Pavel Pepperstein fliegt mit seinem „Menschenfresser-Flugzeug“ quer durchs Genre moderner Schauergeschichten. Die spröden Liebesgeschichten von Julia Belomlinskaja führten mich wieder zurück in die 80er Jahre und mein eigenes Erleben: Wer damals wirklich befreit schreiben wollte, durfte nach einer Öffentlichkeit nicht fragen, er oder sie tauchte bestenfalls in eines der jenseitigen Kollektive ein, wo man meist befristet liebte und überlebte. Der von mir hochgeschätzte Vladimir Sorokin schließlich ist mit einem wunderbar durchgeknallten, rabenschwarzen Capriccio zum Thema Globalisierung vertreten.

Natürlich gefällt so etwas – wie das ganze Buch – Leuten mit einem Nagel im Kopf, die schreiben um zu überleben. Gleichwohl wird seine Qualität auch diejenigen überzeugen, die noch nicht ganz vom wohlgefälligen Geräusch der Quotenmaschinen betäubt sind. Das ist nicht zuletzt den Übersetzern zu danken. Ohne mir ein fachlich begründetes Urteil anzumaßen: Olga Kouvchinnikova, Ingolf Hoppmann, Annelore Nitschke und Olga Radetzkaja finden einen jeweils besonderen Ton für ihre Autoren. Derlei läse ich gern öfter, auch wenn sich mir nicht alle Texte erschließen wollten. Die Übersetzer sollen gelobt sein, vor allem die mit engen Kontakten ins Jenseits.

 

 

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