Vertrauen – wem? Ein Tucholsky-Abend hinterlässt Fragen

Karikatur aus dem 19.Jahrhundert zeigt die "gute Presse".

Die Karikatur aus dem 19.Jahrhundert zeigt die „gute Presse“. Sie unterwirft sich in vorauseilendem Gehorsam der Zensur

Mag sein, dass der Journalismus den Tiefpunkt seiner Wertschätzung immer noch nicht erreicht hat. Dass er in die Krise geraten ist, verwundert nur Leute, die letzte Wahrheiten für wünschenswert halten und sich selbst im Besitz geeigneter Werkzeuge wähnen, zu letzten Wahrheiten vorzudringen. Sie hinken in ihrem Verständnis menschlicher Erkenntnisfähigkeit damit den Naturwissenschaften, der Physik insbesondere, um mehr als ein Jahrhundert hinterher. Ihnen fehlt jede Einsicht, dass Wahrnehmung jedenfalls subjektiv, eine vermeintliche Objektivität nur aus der Sicht einer – wie immer definierten – Gottheit zu gewinnen ist, die sich jeglicher Zugehörigkeit zu sozialen Abhängigkeiten entschlägt. Relativitätstheorie und Quantenphysik haben diesen Größenwahn eigentlich erledigt. Nietzsche lieferte mit seinem konsequent subjektivistischen Denkmodell “Gott ist tot!” einen nach wie vor beeindruckenden philosophischen Beitrag.

Wir leben leider in Zeiten, da Bildungssysteme solche Einsichten zugunsten der Behauptung ignorieren, dass über Wahrheit und Irrtum mit Mehrheit – etwa in Form von Quoten oder anderen rein quantitativen Erhebungen – entschieden werden könne. Das verschafft Wahnvorstellungen ältester Provenienz ein dauerhaftes Existenzrecht. “Wenn eine Idee die Massen ergreift, wird sie zur materiellen Gewalt”, konstatierte Marx, die Geschichte belegt, dass “Idee” durchaus wüste Wahnvorstellungen bedeuten kann. Wir erlebten die Konsequenzen in Formen des Totalitarismus von Gottes-Staaten, Kommunismus und Nationalsozialismus, wir erleben sie tagtäglich in den unausrottbaren Gefolgschaften religiösen, „linken“ und „rechten“ Fanatismus. Er hat überdauert, weil das Gefühl der Zugehörigkeit zur Macht der Masse jede qualifizierte Gegenwehr bis heute zu unterwerfen imstande ist.

Neben dem Totalitarismus sah Viktor Frankl, dem KZ entkommener Neurologe und Psychologe, Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse, den Konformismus als ebenso wirkmächtige, womöglich größte Bedrohung der Freiheit an. Er fand Demokratie und Rechtsstaat durch konformes Verhalten gefährdet: Zu wollen, was die anderen tun, hindere den Menschen am sinnerfüllten Leben ebenso, wie zu tun, was die Totalitären wollen. Beide Richtungen beschäftigen heute jeden, der sich mit Verhalten und Verhältnissen in der Arbeitswelt auseinandersetzt: „Command and Control“, „Befehl und Gehorsam“ oder die „3-K-Methode“ – Kommandieren, Kontrollieren, Korrigieren – erweisen sich weithin als untauglich für den Wandel in der Informationsgesellschaft. Er verlangt selbständiges Denken und verantwortliches Handeln statt Unterordnung – und dass konformes Mitschwimmen im Soziotop nur eine Form von Subalternität ist, liegt eigentlich auf der Hand.

Wer den Alltag in modernen Redaktionsbüros von Massenmedien zwischen Peking, New York, Paris, Berlin, Mainz, Hamburg, Köln oder Baden-Baden erlebt hat, der weiß, dass eine von noch so guten Argumenten untermauerte Position chancenlos ist, falls sie von der totalitären Parteilinie abweicht oder vom konformistischen Mainstream – den auf Quoten und Verkaufszahlen orientierten Maßgaben des jeweiligen Mediums. Für Querköpfe und Abweichler bleiben Nischen – und die Hoffnung, dass es im Internet Freiräume gibt, die weder von Regierungen noch von mächtigen Konzernen oder NGO zugemauert werden können.

In China, Russland und den meisten islamischen Staaten werden diese Hoffnungen von technisch hochgerüsteten Kontrollinstanzen der Regierenden erbarmungslos zerstört. Die Medienkartelle des Westens dominieren vor allem dank konformistischer Gewöhnung ihres Publikums. Ein Spezialfall sind die Öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Sie sind in Deutschland durch das System der Rundfunkbeiträge gegenüber der Konkurrenz im Markt privilegiert, andererseits durch Gremien an staatliche, kirchliche und andere Korporationen gebunden, also keineswegs politisch unabhängig. Wer dort angestellt oder als freier Produzent von Aufträgen abhängig ist, überlebt nur konform. Ausnahmen – gern zum Beweis für angebliche Treue zum grundgesetzlichen Auftrag unabhängiger Berichterstattung vorgeführt – bestätigen die Regel. Sie werden immer seltener.

Es bedarf keiner Zensur mehr, wenn die Schere im Kopf Voraussetzung zu einer Einstellung oder Vergabe eines Auftrages wird. Und da die Hochschulen des Landes in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr Absolventen mit dem Berufswunsch “Was mit Medien” in die enger werdenden Märkte entlassen haben, ist der Konformitätsdruck insbesondere auf die Heerscharen prekär um Einkommen kämpfender Absolventen vor allem aus soziologischen, politologischen, pädagogischen und – in geringerem Maß – naturwissenschaftlichen Fächern mächtig. Wer ihm ausgesetzt ist, wird es als große Ermutigung empfinden, wenigstens moralisch auf der richtigen Seite zu stehen. Er wird nicht zögern, durch besonders engagiertes Auftreten, durch die vom Arbeitgeber gewünschte Haltung, seine Karriere im Gestell voranzutreiben – oder sich als Produzent langfristig Aufträge zu sichern.

Da sind wir. Und wir haben es – horribile dictu – mit einem Staat zu tun, der gar zu gern das Internet als Kontrollinstanz in Dienst nähme. Noch sind Überwachungsmaßnahmen nach chinesischem Muster hierzulande nicht eins zu eins umsetzbar, aber das “Netzwerkdurchsetzungsgesetz” zeigt, wie sich mit dem Kunstgriff eines Outsourcings staatlicher Überwachung an private Firmen und das Ertüchtigen staatlich finanzierter Gesinnungsprüfer wie der Amadeu-Antonio-Stiftung, geführt von einer ehemaligen Stasi-Zuträgerin, fast jede kontroverse Meinungsäußerung auffinden und unterdrücken lässt. Es bedarf keines chinesischen Systems von “Social Credits”, um Menschen nach dem Muster der Stasi zu “zersetzen”. Denunziationen in den social media, beim Arbeitgeber, bei Kunden wirken. Entsprechende Aktionen gutmeinender “Social Justice Warriors”, von Ministerien oder Parteistiftungen ertüchtigt, finden Verteidiger in regierungsnahen Medien. Mit dem Anspruch moralischer Unantastbarkeit im Namen geben “Antifa”-Helden gern auch dem Impuls “Gewalt Macht Lust” nach. Das nannte man zuzeiten “sozialistischen Humanismus”: Dem Klassenfeind gegenüber ist alles erlaubt, und wer Klassenfeind, gar Faschist ist, bestimmt im Besitz letzter Wahrheit und höherer Moral die Partei, die Partei, die immer Recht hat. Und jedem Totalitarismus gesellt sich massenhaft konformistisches Mitläufertum: Eine Kultur des Beschwichtigens und Wegsehens zum Erhalt eigenen Ein- und Fortkommens.

Kurt Tucholsky, einer der erfolgreichsten Journalisten des 20. Jahrhunderts, links, demokratisch, erklärter Feind der Nazis, verzweifelte daran, dass die Weimarer Republik zerbrach, weil die Parteien – fast alle Vorläufer heutiger Parteien – unfähig waren, den Nationalsozialismus mit überzeugenden Strategien abzuwehren. Kommunisten, wenn sie nicht zur NSDAP überliefen, bekämpften die SPD als “Sozialfaschisten”, die Deutschnationale Volkspartei paktierte mit Hitler. Manche Bürgerlichen sahen ihn als geringeres Übel. Alle wollten die Macht, wenige blickten weit voraus, wie es Journalisten vom Rang eines Kurt Tucholsky, Erich Kästner, Maximilian Harden, Karl Kraus,… getan hatten.

In der Sowjetischen Besatzungszone setzten sich nach 1945 Konformisten der SPD-Führung durch, wurden von Ulbricht, Pieck & Co. mit der KPD zwangsvereinigt, in der stalinistischen SED minorisiert. Reste bürgerlicher Parteien – die „Liberalen“ der LDPD, „Nationaldemokraten“ der NDPD opponierten gegen SED-Politik sowenig wie  CDU oder Bauernpartei. Zusammen mit Massenorganisationen, denen fast jeder DDR-Bürger angehörte, waren sie Transmissionsriemen des totalitären Regimes, als „Blockparteien“ durften sie im „antifaschistischen“ Deutschland ein Scheinparlament aufführen. Der Volksmund – heute bezeichnete man das wohl als „populistisch“ oder gar „Hatespeech“ – nannte sie Blockflöten. Kultur und Medien wurden immer wieder einmal hart, nicht selten mit Hilfe von Stasi und Gesinnungsjustiz, auf Linie gebracht. Oppositionelle flohen nach Westen.

„Fehlen uns heute Köpfe wie Tucholsky, da sie doch angesichts der tiefen Spaltung des Landes wieder gebraucht würden?“ fragte mich eine Besucherin unserer Literaturreihe „Leben Lesen“. „Wenn ja: Woran ließen sie sich erkennen? Und richteten sie etwas aus?“

Ich weiß es nicht. Wenn es sie gibt, beweisen sie sich an denselben zwei Kriterien wie vertrauenswürdige Politiker: Sie wähnen sich nicht totalitär im Besitz der Wahrheit und preisen ihrem Publikum – oder ihren Wählern – weder Patentlösungen an, noch geben sie ihnen die Linie vor. Sie verschweigen oder beschönigen eigene Fehler nicht, erstreben also nicht, dass man ihnen alternativlos zu folgen habe. Und: Sie reden nicht konformistisch denen nach dem Munde, die massenhaften Zulauf und Teilhabe an der Macht versprechen.

Das freilich ist eine seltene Spezies. Aber es gibt sie. Sie entlassen den mündigen Bürger nicht aus der Verantwortung. Sie machen ihm nur Mut, an der richtigen Stelle Nein zu sagen: Wenn er tun soll, was die anderen wollen, oder wenn er wollen muss, was die anderen tun. Sie begleiten ihn, wenn er vor der Frage nach Sinn steht – ohne Antworten zu geben, geschweige „alternativlose“ letzte Wahrheiten im Namen höherer Moral zu verkaufen. Sie sind noch da. Sie werden angegriffen von Totalitären und Konformisten. Sie sind noch nicht emigriert. Ob sie etwas ausrichten können, ist die Frage, an der sogar ein Tucholsky verzweifelte.

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