Notstand in Thüringen – bald wieder?

YouTube zeigt mir eine lustige Reportage aus dem Jahr 1984. Ein Journalist des BR bereiste damals den Thüringer Wald, redete mit Glasbläsern, Bauern, Waffenherstellern. Natürlich war die Reise DDR-behördlich genehmigt und stasiüberwacht. Der gute Mann hatte aber gar nicht die Absicht, über die Stränge zu schlagen, wie’s manch anderer Reporter gewagt und seine Akkreditierung alsbald verloren hatte.

Suhl – Hauptstadt der „autonomen Gebirgsrepublik“ – ein halbes Jahr vorm Mauerfall

Im Film bauen die Leute vom Wald Häusle, Touristen sollen kommen, Thüringer Klöße werden gekocht, alles viel besser als früher: Da litten Glasbläser Not und wanderten aus in den Schwarzwald. Jetzt bezahlt sie der Volkseigene Betrieb sogar als Heimarbeiter. Die großen LPG-Felder anstelle schmaler, schwer zu bearbeitender „Handtücher“ findet der Mann aus Bayern auch gut, die Enteignungen und Fluchten der 50er Jahre kommen nicht vor. Stattdessen hätte er gern den Sozialismus in der DDR noch sozialistischer und feministischer gehabt. „Weit ist der Weg zum Gleichheits-Ideal“ (12:28). Das hat den Apparatschiks bestimmt gefallen.

Schön war’s in dem einstmaligen Notstandsgebiet, drum singt der Männerchor unter den Porträts von Honecker und Stoph „Ach, wie ist’s möglich dann, dass ich dich lassen kann…“ während eben zu jener Zeit die Zahl der Ausreiseanträge von der Stasi mit allen Mitteln gedrückt werden musste. Schwerer Sarkasmus beim Reporter? Keine Spur. Er schwafelt vom „dialektischen Fortschritt auf dem Verordnungswege“ und dass (in die alte Zeit?) niemand mehr „zurückwolle“. Aber wohin wollen die Leute? 5 Jahre später weiß es jeder: Richtung Schwarzwald.

„Die Burg“ – ehemalige Stasi-Bezirkszentrale, 1990 von Bürgerrechtlern besetzt

Wenn der offiziell akkreditierte und bestens versorgte Herr vom BR es hätte wissen wollen, hätte er es erfahren können. Aber er war brav. Und die brave Melodei vom sozialistisch aus dem Elendsgebiet erwachten Thüringen machte er fast nur an Fragen nach dem Geld fest. Fast könnte man meinen, in Bayern lebte sich’s schlechter. Vermutlich ist er inzwischen nach Empfang einer stattlichen Pension in die ewigen Investigativgründe ausgereist. Seine Nachfolger – jede Menge journalistisches Prekariat – hoffen derweil wieder auf die sicheren Einkommen im Sozialismus mit seinem Gleichheits-Ideal.

„Es wird in die Hände gespuckt“, heißt es am Ende des Films. Dass das nur mit Schattenwirtschaft, Schwarzarbeit und jeder Menge Zweitwährung – aka D-Mark – lief, mit Milliardenkrediten seines Landesvaters Franz Joseph, weiß der gute Mann von der öffentlich-rechtlichen Anstalt also auch nicht. Jeder wusste es. Aber womöglich erfüllt sich sein Traum vom „dialektischen Fortschritt auf dem Verordnungswege“ ja bald auch in Bayern. Der BR wird bestimmt nix dagegen haben. Solange der Zwangsbeitrag ihn finanziert.

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