Weihnachtsgurken (I)

1971 fielen die letzten Fachwerkhäuser der Herrenstraße in Suhl

Es sind jetzt ziemlich genau 50 Jahre, seit das Weihnachtshaus abgerissen wurde. Ich nenne es so, weil kein Weihnachten wie in dem alten Fachwerk mit den krumm getretenen Treppen war. Zwischen Toreinfahrt und erstem Stock hatten sich unter den Füßen von acht Generationen Holz und Nägel so aneinander abgearbeitet, dass beim Auf und Ab eine ganz eigene, knarrende Tonleiter hörbar wurde. Der Familienhund erkannte daran genau, wer kam, er sprang entweder zur Tür oder schlief einfach weiter. Selten knurrte er leise. Dann waren der Nachbar und seine Frau unterwegs, Familie Hüller, oder „die Hüllers“. Er mochte sie nicht, wir auch nicht. Sie schlugen ihre Kinder – aber das ist eine andere Geschichte.

 Wir wohnten also im ersten Stock dieses Hauses, von dort führte eine weitere knarrende Tonleiter auf den Dachboden, und dort war das Reich der Abenteuer, dunkel vom Staub der Jahrhunderte, von Sonnenstrahlen durchflirrt. In einer der Bodenkammern roch es ganzjährig nach Weihnachten, nach altem Stearin, Zimt, Mandeln und Räucherwerk. Na gut: Das mit den Gewürzen bilde ich mir womöglich nur ein – der Duft nach Kerzenwachs jedenfalls entströmte einer runden Schachtel aus Bast, die Frühling, Sommer, Herbst verdämmerte, bis ich sie aus dem Schrank holte für wenige Stunden, darin bewahrten wir Dutzende von Kerzenhaltern samt Wachsresten auf. Zur Bastschachtel gehörten Pappkartons, ebenso alt und staubig, voll wundersamer Dinge aus Glimmer, Glas und Stanniol. Wenn der Winter kalt und trocken war, flimmerten Pulverschneeflocken im Halbdunkel des Fachwerks. Der Wind trieb Kristalle durch Ritzen zwischen Ziegeln, Balken, Sparren; Lichtstreifen wanderten über grauweiße Wellen von Staubschnee, über schiefgetretene Dielen. Ich kann sie noch knarren hören.

Knäblein vom Christbaum mit antikem Schmuck
Der Autor als Knäblein vor antikem Schmuck

 Immer wenn mich meine Großmutter auf den Dachboden schickte, den Weihnachtsschmuck zu holen, war ich ganz von Vorfreude erfüllt. Ebenso aufregend war, den Christbaum aus dem Hof heraufzuschleppen – er reichte vom Boden bis zur Decke – das untere Ende mit Axt und Messer fürs breite Holzkreuz zuzuspitzen, in mit ein paar Schlägen zu verkeilen, aufzurichten bis er genau senkrecht stand, und all die alten Herrlichkeiten aufzuhängen, die mindestens von Urgroßeltern überliefert waren. Einige besonders kunstvolle Kugeln von den Lauschaer Glasbläsern und Schnitzereien aus Fernost, die der Großvater von Seereisen nach Südostasien mitgebracht hatte, waren leider in den Hungerjahren nach dem Zweiten Weltkrieg verloren gegangen. Der Tauschhandel mit Bauern, Hamstertouren nannte man das wohl damals, dieser Tauschhandel hatte nicht nur Teppiche, Bettwäsche, Porzellan und Gläser der Familie aufs Allernotwendigste reduziert – der Besuch einer Bauersfrau mit dringend benötigten Kartoffeln kostete Teile des traditionellen Baumbehangs: Emmy, so hieß sie, kam just am Heiligen Abend, alle waren froh, dass sie überhaupt kam, warf einen Blick auf meine Mutter, damals noch eine junge Frau von 21, die beim Schmücken war, und rief:

 „Hauwawau! So ebbes Deures hon mi net derhemm!“1

 Ich weiß nicht, ob Großvater und Großmutter damals einen kurzen Blick blitzschnellen Einvernehmens wechselten, die Omma erzählte mir jedenfalls 10 Jahre danach, dass sich der alte Herr, er stammte noch aus dem 19. Jahrhundert, mit seiner Tabakspfeife in die Küche verzog. Woher er im schlimmsten Mangel den Tabak hatte, ist wieder eine andere Geschichte. Großmutter begann, mit der „Dorfmadam“ zu feilschen. Ob sie denn gern etwas von dem Schmuck haben wolle, und was sie dafür herzugeben bereit sei.

 Nein. Wenn Sie, liebes Publikum, verstehen wollen, wie seltsam damals die Diktion, wie ausgeprägt Rollenmuster waren, die sich heute kaum mehr jemand vorstellen kann, muss ich anders erzählen. Bedenken Sie bitte, dass Landwirte in den ersten Jahren nach dem Krieg, in der sowjetischen Besatzungszone zumal, für Lebensmittel fast jede Gegenleistung verlangen konnten. Es gab sie, wenn überhaupt, nur auf Marken. Weihnachtsgänse gehörten ins Reich der Märchen aus guter alter Zeit. Mein Großvater war von einem stattlichen Sechziger zu einem klapprigen Greis heruntergehungert, dem jeder Filmregisseur unserer Tage eine stattliche Gage für einen Auftritt als Lagerhäftling in gestreiftem Anzug… Entschuldigung, ich schweife schon wieder ab.

 Die „Dorfmadam“ – Ausdruck meiner Omma – hatte damals Trumpfkarten in der Hand, mit denen heute, im Zeitalter globalen Handels, nicht einmal die allermächtigsten Landwirte der EU Subventionen abtrotzen könnten, vier Asse sozusagen, sie hießen Hunger, Hunger, Hunger und Hunger. Sie wusste das. Haben Sie eine Idee davon, was damals ein Zentner Kartoffeln wert war?


1               Übersetzt ins Hochdeutsch „Donnerwetter, so was Teures haben wir nicht zu Hause!“

Zur Fortsetzung (Teil II)

Ein Kommentar zu “Weihnachtsgurken (I)

  1. Pingback: Weihnachtsgurken (II) – Eigensinn verpflichtet!

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.