Weihnachtsgurken (III)

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 Als Mutter und Großmutter mir die Begebenheit erzählten, war der Heringssalat am Heiligen Abend längst wieder unverzichtbares Ritual, es kamen sogar Orangen auf den Gabentisch, denn im Rheinland war das Wirtschaftswunder im Gang, die Geschwister der Omma halfen – und zwar uneigennützig – mit Westpaketen. Aber immerhin erfuhr ich noch, dass die „Weihnachtsgurken“ wirklich für alle Beteiligten ein Glücksfall waren: Bauer Kurt hatte in jenem Jahr einen ziemlich üppigen Teil der Gurkenernte dem Zugriff der Behörden entzogen, er brachte ihn kurz vor Weihnachten mit Gewinn unter seine Kundschaft. Emmy erfreute sich jedes Jahr aufs Neue an dem mundgeblasenen Engel. Das weiß ich, weil ich in den 60er Jahren einen heftigen Flirt mit ihrer Enkelin hatte, ausgerechnet an Weihnachten und leider nur kurz, vermutlich weil ich zu viel Heringssalat gegessen hatte.

 Die Omma hatte nicht nur Weihnachten gerettet, sie hatte einen monatelang haltbaren Gurkenvorrat. Meine Mutter triumphierte, denn sie hatte bei dem Deal eine reife schauspielerische Leistung abgeliefert: Sie verabscheute den strahlenden Engel eigentlich als Kitsch und war froh, dass die Familie stattdessen etwas Anständiges zwischen die Zähne bekam. Sie hatte Geschmack, verfehlte nur knapp eine künstlerische Laufbahn, weil ich zur Unzeit auf die Welt kam, aber das ist schon wieder ein andere Geschichte. Jedenfalls verdanke ich meiner Mutter wohl die Neigung zum Theater. Die eigentliche Ironie des Ganzen stellte sich erst kürzlich heraus: Bei der beliebten Fernsehshow „Bares für Rares“ wurde ein alter Glasengel aus Lauscha auf 1500 Euro taxiert. Dafür könnten Sie etliche Gurken vergolden lassen.

Gurke aus Glas als Christbaumschmuck
Vielleicht zum Ausprobieren einer etwas anderen Bescherung?

Auch die eigentliche Geschichte von den “Weihnachtsgurken” beginnt im 19. Jahrhundert: Eine kleine Gurke aus grünem Glas hing versteckt in den Zweigen. Wer sie zuerst fand, durfte mit dem Auspacken der Geschenke beginnen. Der seltsame Baumbehang wanderte damals aus dem Thüringischen Glasbläserdorf Lauscha in die USA, wurde dort als „Christmas Pickle“ zum Renner – und kehrte, fast vergessen, vor einigen Jahren als spaßiger Brauch zur Bescherung nach Deutschland heim. Das skurrile Gemüse gibt es mittlerweile in vielen Größen und Formen. Ob und wie oft darum bei der Bescherung gestritten wird, ist erstaunlicherweise von der Wissenschaft noch nicht untersucht.

ENDE

Ein Kommentar zu “Weihnachtsgurken (III)

  1. Pingback: Weihnachtsgurken (II) – Eigensinn verpflichtet!

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