Masken der Macht – Gesichter der Ohnmacht (II)

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„Jenaer Thüringer Alte Herren 1850“: Was verraten Kopfform, Nase, Stirn einer Silhouette?

Kehren wir zu Lichtenberg zurück, einem kleinen Mann, der von Kindheit an unter einer verkrümmten Wirbelsäule litt, bucklig war, und doch schon zu Lebzeiten als Gelehrter mit außerordentlichem Scharfblick sowohl wie seiner Fähigkeit zu präzisem Beschreiben und wissenschaftlicher Argumentation wegen gerühmt wurde. Als es ab 1775 Mode wurde, die „Physiognomischen Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe“ des Schweizer Pfarrers Johann Caspar Lavater als Übungsbuch dafür zu nutzen, jederzeit und überall aus Köperformen und Gesichtszügen auf Charaktere zu schließen, reagierte er mit bissiger Polemik. Dem gesellschaftlichen Mainstream, der sich mit Spekulationen über Nasen, Kinn, Stirn und anderen Eigenheiten unterhielt, entgegnete er souverän. Sein Essay „ Über Physiognomik wider die Physiognomen“ besticht auch heute noch. Dass anhand modischer Schattenrisse auf seelische Aktivität im Hintergrund geschlossen wurde, entlarvte er als der Astrologie vergleichbaren Trug. Aber er erkannte – und das war eine herausragende Leistung – wie bedeutsam der nonverbale Anteil der sprachlichen Kommunikation ist.

„Ohnstreitig gibt es eine unwillkürliche Gebärden-Sprache, die von den Leidenschaften in allen ihren Gradationen über die ganze Erde geredet wird. Verstehen lernt sie der Mensch gemeiniglich vor seinem 25. Jahr in großer Vollkommenheit. Sprechen lehrt sie ihn die Natur, und zwar mit solchem Nachdruck, daß Fehler darin zu machen zur Kunst ist erhoben worden. Sie ist so reich, daß bloß die süßen und sauren Gesichter ein Buch füllen würden, und so deutlich, daß die Elefanten und die Hunde den Menschen verstehen lernen. Dieses hat noch niemand geleugnet, und ihre Kenntnis ist was wir oben Pathognomik genannt haben. Was wäre Pantomime und alle Schauspielkunst ohne sie?“

„Expressiv“: Mimik im Stummfilm ist der des Theaters ähnlicher als die Mimik heutiger Medien

Der Begriff „Pathognomik“ setzte sich nicht durch, aber kein geringerer als Charles Darwin trug dazu bei, dass die „wortlose Weltsprache“ als starker Signalweg der menschlichen Kommunikation erkannt wurde. Dass sich zugleich mit den Bildermedien, mit ihrer Verbreitung für Zwecke der Werbung und Propaganda ebenso wie mit dem Siegeszug des Spielfilms auch die Ausdruckspsychologie als wissenschaftliche Disziplin etablierte – Karl Jaspers veröffentlichte dazu Anfang des 20. Jahrhunderts erste Texte – ist nicht verwunderlich: Die ins Überlebensgroße gesteigerte, expressive Mimik des Stummfilms ergab ganz neue Studienmöglichkeiten. Davon profitierten zahllose Forscher, auch solche die während des Dritten Reiches rassische und eugenische Theorien damit begründen wollten. Aber das war es nicht allein, was 1973 der Ausdruckspsychologie an deutschen Universitäten den Garaus machte.

Der Versuch, aus Mienen, Gesten, Lauten Rückschlüsse auf den emotionalen Hintergrund des „Senders“ zu ziehen, erwies sich als äußerst fehlbar. Trotzdem ist es ein allgemein beliebtes wie von Medien gern genutztes Verfahren, über Gefühle, Lebenslagen und Charaktere von Menschen zu mutmaßen. Im Werkzeugkasten des inzwischen als „Framing“ gehandelten Manipulierens von Informationen zu Propagandazwecken ist es immer griffbereit. Sie haben zweifellos selbst schon erlebt, wie unvorteilhaft Sie auf einem Foto wirken können, wenn die Kamera Sie von unten erfasst. Ihr Blick auf dem Bild „von oben herab“ hinterlässt beim Betrachter einen überheblichen Eindruck, ebenso wie der „aus den Augenwinkeln“ einen des Misstrauens. Sie können leicht damit experimentieren, welchen „Gefühlshintergrund“ andere nur infolge einer veränderten Kopfhaltung bei Ihnen vermuten, wenn Sie eine Serie davon aufnehmen: Blick in die Kamera von oben, von unten, mit geneigtem, vorgeschobenem, zurückgezogenem, leicht gedrehtem Kopf; dabei sollten Hals und Schulteransatz im Bild sein um die Relation zum Körper mit zu erfassen. Tun sie das alles möglichst entspannt und emotionslos. Sie werden staunen, wie viel Emotion andere aus den Fotos herauslesen.

Dieser Artikel ergänzt die zuerst veröffentlichte Fassung im Globkult-Magazin

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2 Kommentare zu “Masken der Macht – Gesichter der Ohnmacht (II)

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