Masken der Macht – Gesichter der Ohnmacht (Schluss)

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Jede Datenerhebung ist letztlich immer ein „Blick in den Rückspiegel“, die Welt ist in ihrem Lauf jeglichem Messvorgang voraus.

Erfolgreiche Hilfsmittel des Menschen im Umgang mit „Unberechenbarkeit“ sind die Konzentration auf überschaubare Ausschnitte der Realität, Simulationen und Modelle. Mit ihrer Hilfe lässt sich über Wahrscheinlichkeiten reden – vor allem, wenn es um Erwartungen an die Zukunft geht. Zu erörtern, welche Anfangs- und Randbedingungen zum jeweiligen Vorgehen gehören, ist für dessen Qualität mindestens ebenso wichtig wie seine Ergebnisse. Systematische Fehler, etwa beim Bau eines Modells oder beim „Setting“ einer statistischen Untersuchung, können die Qualität ebenso ruinieren, wie Auswertungsfehler. Sie entstehen dadurch, dass subjektive Voreingenommenheit schon die Items einer Umfrage verfälscht, selektives Wahrnehmen ihre Ergebnisse.

Kartenlegerin – ca. 1508 von Lucas van Leyden verewigt

In Zeiten eines wahren Informations-Overkills wetteifern Massenmedien darin, dem Publikum Zukunftsprognosen anhand statistischer Modelle zu liefern; meist basieren sie auf Umfragen. Wie sehr Konsumenten nach diesem Stoff gieren, weiß jeder, der die unverminderte Präsenz von Horoskopen, Kartenlegerinnen, Zahlenmystik und anderen Orakeln in fast allen Kulturen kennt. Leider sind viele „Statistik-Experten“ in Talkshows oder Pressekonferenzen nicht sehr viel glaubwürdiger. Dazu empfehle ich die Arbeiten von Professor Walter Krämer1. Er hat einen eindrucksvollen Erfahrungsschatz statistischer Irrtümer und Missgriffe gesammelt, und er erklärt gut verständlich, was die Qualität von Rückspiegeln – äääähhh – Wahrscheinlichkeits-Aussagen aus statistischen Daten ausmacht.

Im „Informationszeitalter“ mit seiner „Aufmerksamkeitsökonomie“ gewinnt letztere an Gewicht. Entscheidet sich nicht gerade, ob sich die in bürgerlichen Demokratien und im Rechtsstaat verankerte Stellung des Individuums gegen kollektivistische Machtimpulse durchsetzen kann? Treibt nicht die „Digitalisierung“, wenn sie „gläserne“ Menschen erzeugt, wenn sie zum Ziel hat, informell bis ins Privateste kontrollier- und lenkbare Personen zu erschaffen, auf eine Gesellschaft wie in China zu, von der KPCh Xi Jinpings beherrscht, mit totalitären Strukturen, in denen der Einzelne hilflos kollektiven, korporativ übermächtigen Interessen unterworfen ist?

Andererseits steht jeder Koloss mit dominanter Macht über Informationen auf tönernen Füßen: Ein einziger offensichtlicher Fehler – reales Scheitern mit erkennbar schweren Folgen – kann ihn das gesamte Vertrauen kosten. Er muss ihn verstecken, leugnen, maskieren. Neben der Dominanz auf möglichst allen Kanälen muss er also über die besten Nebel- und Lügenmaschinen zu dessen Leugnung verfügen – und den letzten Winkel erreichen, das letzte widerstrebende Individuum verstummen lassen. Er muss, wenn er es nicht liquidiert oder hinter Gefängnismauern dahinsiechen lässt, ihm das Gesicht nehmen. In “1984“ bricht die Drohung, ihm das Gesicht von hungrigen Ratten zerfressen zu lassen, den letzten Widerstandswillen von Winston Smith: Er verrät seine Liebe und trägt fortan die graue Maske der gefühllosen Mitläufer. Haben Sie auch schon einmal in so eine völlig ausdruckslose Miene geschaut? Bei einem Er-Mächtigten? Ja: Sie soll einschüchtern, Ihr Eindruck hat nicht getrogen.

Mag sein, dass es dieses dystopische Ende mit Heeren konformer Masken statt unberechenbarer Gesichter gibt. Noch sind wir nicht so weit. Die Gesichter der Ohnmacht leben als unsterbliche Qualitäten im Werk überragender Individuen weiter. Darin sind Vertrauen, Intuition und selbständiges Denken wesentliche Größen. Sie lassen sich sowenig quantifizieren wie der Kosmos als Ganzes.

Wenn Sie dieser Text interessiert hat, möchten Sie vielleicht mehr über Ihre einzigartigen, unersetzlichen und lohnenden Möglichkeiten lesen, sich in Ihrem und dem Kosmos der anderen zurechtzufinden. Vielleicht haben Sie Lust zu fragen oder zu widersprechen? Die Neufassung meines Buches könnte Ihnen gelegen kommen; es ist als E-Book seit Ende 2020 im Salier-Verlag zu haben.

SCHLUSS

Dieser Artikel ergänzt die zuerst veröffentlichte Fassung im Globkult-Magazin


1  Walter Krämer „So lügt man mit Statistik“ Campus Verlag 2015 

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