Wie aus Kindern Mitläufer werden

Wenn Menschen massenhaft Feindbilder übernehmen sollen, erreichen Propagandisten einer höheren Moral – egal welcher Religion oder sonstiger Ideologie – dies nur, indem sie einer hinreichend großen Zahl von Individuen Teilhabe an kollektiver Macht, kollektivem Nutzen versprechen. Die Nazis gaben ihren Mitläufern zahllose Dienstränge und Ehrenzeichen, Kommunisten verhießen das Reich der leistungslosen Anspruchsberechtigung, das Paradies auf Erden statt im Jenseits. Zugleich zeigten sie ihren Anhängern, bei wem sie sich ihre Reichtümer, ihre Wohlfahrt holen konnten. Die Grundimpulse des Erlangens und Vermeidens wurden auf “Mir nützt, was jenen schadet” fokussiert, denkende Individuen verknäuelten sich in besinnungslosem Feldgeschrei – wie die Schafe mit „Vierbeiner gut – Zweibeiner schlecht“ – auf Orwells Farm oder klammheimlicher Verschwörung zu gewaltbereiten Kollektiven. Es funktioniert immer und überall, und es funktioniert vor allem bei Kindern und Heranwachsenden.

Das Beispiel Greta Thunberg zeigt, wie sie sich massenhaft mobilisieren lassen: Kinder und Jugendliche sind besonders empfänglich dafür, an der Macht der Erwachsenen teilzuhaben. Diese Form kollektiven Hochgefühls erlebte meine Mutter bei der Hitlerjugend. Erst mit der Zeit dämmerte mir, dass “Junge Pioniere” und “FDJ” in der DDR demselben Schema folgten. Wie viele Kinder in China während Maos Kulturrevolution (1966 bis zu Maos Tod 1976) zitterte meine Frau, in Nanjing (Nanking) geboren, jeden Tag vor Angst, dass “Rote Garden” ihre Großeltern öffentlich demütigen, womöglich totschlagen würden. Deutsche Linke, als “68er” geschichtsnotorisch, feierten derweil mit erhobener Maobibel die Pogrome gegen alles Bürgerliche, sie hätten gern die deutsche “Bourgeoisie” alsbald enteignet.
Wenn hier und heute Ideologen und Politbürokraten die Verbrechen sozialistischer Regimes beschönigen und den Niedergang der Bildung an deutschen Schulen und Hochschulen herbeiführen, wenn sie wieder Schulkinder für ihre Wahnvorstellungen von Weltenrettung und Menschenverbesserung in Dienst nehmen, bedarf es keiner stärkeren Warnsignale: Ihre Ziele sind totalitär.

Ihre Mittel sind bekannt:

  • Das Verstellen der Wahrnehmung und der Sprache

  • Unablässiger Konformitätsdruck
  • Einschüchtern und “Zersetzen” aller “Abweichler” – bis zur vollkommenen sozialen Ächtung und Zerstörung der Existenz
  • Pranger und drakonische Strafen als abschreckende Exempel für andere (“Strafe einen, erziehe Hunderte”)
  • Kollektives Diffamieren bzw. Bestrafen von Freunden und Familien

Sind “die Massen” auf Linie gebracht, expandiert die systematische Unterdrückung so lange, bis die Zerstörungen groß genug sind, allen Zielen den Sinn zu nehmen: Im Krieg oder Bürgerkrieg, wenn nicht zuvor im wirtschaftlichen Kollaps. Erst dann, wenn die ziellos Vereinzelten wieder vor der Frage nach dem Sinn stehen, hat die Vernunft eine Chance zur Neuordnung. Menschen kooperieren, um zu retten was zu retten ist, es bilden sich wieder Unternehmen, Märkte, ein Rechtsstaat, der die Freiheit des Individuums zum Ziel hat – und eine Kultur unverstellter Wahrnehmung und des freien Austausches von Meinungen. So weit, so unbewältigt die historische Erfahrung – sie kostete Millionen Menschenleben, ungezählte verlorene Lebenschancen und -jahre.

Wir erleben gerade jenen Zustand von Überlagerung, jenes Sowohl-als-auch und Weder-Noch, in dem über Krieg und Frieden entschieden wird. Das nannte man vierzig Jahre lang “Kalter Krieg”, das “Gleichgewicht des Schreckens” verhinderte das Schlimmste, aber nicht zahllose Kriege, nicht das Emporkommen von “asymmetrischer” Gewalt des Terrors, nicht die Gefahr von Bürgerkriegen.
Die Treiber von Gewalt-Macht-Lust in Politik und Religion, ihre medialen Schallverstärker sind deutlich erkennbar. Ihre Mitläufer formieren sich – dank neuer Kommunikationsformen – schneller als je. Werden sie sich aufhalten lassen? Wie? Das sind Fragen, die sich uns und nachfolgenden Generationen stellen. Die Zeit wird knapp.

Opas Tabakspfeifen (3)

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Die Wirkung schlug schon nach wenigen Minuten durch: Mir wurde kotzübel, mein Darm entlud sich explosiv, die Zeitungsseiten wurden knapp. Falls Ihnen Einsteins Formel „Energie ist gleich Masse, multipliziert mit dem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit“ geläufig sein sollte, können Sie gern mal überschlägig berechnen, wieviel Megawattstunden auch nur ein Pfund Fäces bei annähernd Lichtgeschwindigkeit einer Abortgrube zuführen. Na gut, das 200 Jahre alte Fachwerk überlebte die Attacke, ich kroch danach, klapprig wie ein Gespenst aus dessen Gründerjahren, die Treppen hinauf ins Bett meines Jugendzimmers. Dort erfuhr ich wenig später Hohn und Spott meiner Mutter. Der Tabubruch war – dank der wirklich schauderhaften Note von Onkel Walters Resteknaster – unüberriechbar. Als Urheber kam nur ich in Frage. Meine berufstätige Mama, selbst starke Raucherin von ca. 20 filterlosen Zigaretten täglich, amüsierte sich königlich über den schwächelnden Einfaltspinsel, der gern ein großer Mann mit Pfeife sein wollte.

„Wenn der Oppa wüsste, was für einen Dreck du geraucht hast, würde er sich im Grab herumdrehen. Hättest dir ein paar von meinen Zigaretten nehmen sollen statt den alten Geizhals zu beklauen.“

„Das sagst du jetzt. Beim nächsten Mal frage ich dich.“

„Fang den Quatsch gar nicht erst an. Dass ich mir‘s abgewöhnen will, weißt du.“ Natürlich fiel mir sofort die verlorene Wette zu meinem fünften Geburtstag ein. Es ging darum, dass ich mir endlich den Schnuller abgewöhnen sollte. Meine Mutter gelobte, keine Zigaretten mehr anzufassen, falls ich auf den Nuckel verzichtete. Wetteinsatz war ein Roller. Ich bekam ihn. Womöglich war der Griff nach Opas Pfeife die späte Rache für den Entzug wohliger Nuckelei – darüber sollte ein Psychoanalytiker befragt werden. Der Dreizehnjährige erwiderte seiner Mutter jedenfalls hämisch:

„Wir könnten zu meinem Geburtstag um ein Fahrrad wetten, dann lasse ich‘s.“ Nur für einen winzigen Moment blieb ihr die Spucke weg.

„Hör zu, Freundchen. Du wirst dem alten Geizhals noch sehr oft um den Bart gehen müssen, bis du sechzehn bist. Wenn er bis dahin nicht abgekratzt ist und genug rausrückt, dann darfst du dir ganz offiziell einen genießbaren Tabak kaufen. Genießbaren. Rauchen ist nämlich eigentlich ein Genuss. Abfall zu verbrennen ist eine Sauerei, das wusste sogar Tante Martha. Die frigide Schachtel war zwar genauso geizig und bösartig wie ihr Herr Gemahl, dieser Schweinigel, aber eben darum: Kein Rauch im Klo!“

„Dass er bösartig und geizig ist, merke ich beim Schach spielen, aber wieso Schweinigel?“

Meine Mutter kicherte und zündete – das hatte sie vorher nie getan – direkt neben meinem Bett eine Zigarette an.

„Der alte Knabe war hinter allem her, was Röcke trug. Frag deine Großmutter. Als sein kleiner Bruder gestorben war, konnte er sich gar nicht oft genug nach dem Befinden seiner Schwägerin erkundigen. Und da lebte seine Martha noch.“

„Hm. Na ja, wenn sie doch frigide war. Eine Schönheit war sie wirklich nicht.“

„Sie war sogar fünf Jahre älter als er. Aber eine gute Partie. Ihr Vater hat ein großes Mietshaus in Berlin samt komplett ausgestatteter Herrschaftswohnung in der Beletage als Mitgift auf den Hochzeitstisch gelegt.“

„Rechnen kann Onkel Walter. Das habe ich beim Schachspielen gemerkt.“

Jetzt lachte meine Mutter lauthals los.

„Dieses tolle Schachspiel. Echt Elfenbein. Gehörte auch zur Mitgift. Er hat mit allen gespielt und immer gewonnen — soweit ich weiß. Weiß ich was? Mein Vater hat behauptet, Walter und Marthas Vater hätten die Konditionen für die Ehe beim Schachspielen ausgehandelt. Vermutlich war’s wirklich so. Eine weiße Ehe. Als Martha gestorben war, hab ich sie gewaschen. Dein Onkel Walter stand daneben und hat gesagt: ‚Ja, meine gute Martha, du bist nun also wirklich als Jungfrau gestorben’. Ich dachte, ich höre nicht recht. Die haben fast vierzig Jahre zusammen gelebt und er hat sie nicht angerührt, nur um an die Mitgift zu kommen. Dann ist er jeder anderen Frau in Reichweite nachgestiegen. Dieser Lustmolch!“

Meine Mutter zerdrückte Onkel Walter – zusammen mit ihrem Ex-Mann – im Aschenbecher. Hätte sie mich nicht zur Welt bringen müssen, wäre aus ihr vielleicht eine berühmte Malerin geworden – aber das ist schon wieder eine andere Geschichte. Die Sache mit der weißen Ehe und das verkniffene Gesicht von Tante Martha am Fenster, wenn sie uns Kinder ankeifte, weil wir ihren Mittagsschlaf störten, gingen mir nicht mehr aus dem Kopf.

In der Folgezeit unternahm meine Mutter einiges, Opas Pfeifen zu entsorgen und mir das Rauchen auszureden. Es hat nichts genützt. Ich wollte sein wie Einstein. Als ich sechzehn wurde, befugt, in dieser Angelegenheit selbst zu entscheiden, kaufte ich mir eigenes Gerät und anständigen Tabak – soweit das in der DDR möglich war. Einer von Opas alten Knastermeilern hat als Andenken überlebt, während meine Lust an friedlich glimmenden, duftenden Mischungen aus aller Welt niemals schwand. All die schauderhaften, Schrecken erregen sollenden Bildchen auf Zigaretten- und Zigarren-Verpackungen, alle Mahnungen auf Tabaksdosen, dass Rauchen tödlich sei, bewirken bei mir nur zweierlei: Ich stelle mir Leute, die so viel Missvergnügen in die Welt setzen, unvermeidlich wie Tante Martha vor. Und ich frage mich, was alles ihnen fehlt, um wenigstens ab und zu mal so sympathisch zu wirken wie der Raucher Einstein.

Ende

Opas Tabakspfeifen (1)

OpasPfeife

Student in Stuttgart ca. 1906

Dass ich an Opas Tabakspfeifen geriet, war unvermeidlich. Sie hatten sein ganzes Leben lang zu ihm gehört, immer hatte er sich Tabak verschafft und geraucht, sogar in Kriegsgefangenschaft, in den Baracken eines Camps in der australischen Wüste. Das ist über hundert Jahre her. Mit dem Krieg traf er nur zusammen, weil 1914 ein britischer Kreuzer im Indischen Ozean das deutsche Handelsschiff „Rappenfels“ aufbrachte, in dessen Maschinenraum er als Ingenieur Dienst tat. Danach saß er 5 Jahre hinter Stacheldraht, weit genug weg vom Stacheldraht der Fronten und Schützengräben, er hatte Glück im Unglück. Viele seiner Mitgefangenen starben noch 1919 auf See an der spanischen Grippe, als sie auf einem heruntergekommenen russischen Dampfer namens „Kursk“ in die Heimat expediert wurden. Dort gab es für den Schiffsingenieur Karl keine Zukunft, denn die Handelsflotte hatten die Briten als Entschädigung übernommen.

Den zweiten Krieg überlebte er, zu alt und zu krank für den Heldentod, daheim in Thüringen. Aber er hatte von seinen früheren Seereisen außer einigen exotischen Pfeifen aus Ton, Meerschaum und Tropenholz das Fernweh mitgebracht. In Bücherschränken, auf Regalen, in Vitrinen standen die Blickfänge meiner kindlichen und jugendlichen Sehnsüchte: hauchdünnes Porzellan aus Japan, Buddhafiguren aus Singapur, ein Ebenholztisch aus Indien. Ein ausgestopfter Kugelfisch und ein Haifischgebiss waren von Hand beschriftet: „Madras 1911”.

Mit diesen geheimnisvollen Utensilien bin ich aufgewachsen. Kaum dass ich lesen konnte, verschlang ich „Köhlers Deutschen Flottenkalender”, von 1906 bis 1913 jährlich erschienen, ich bestaunte die Panzerkreuzer, bedauerte, dass diese Riesenschiffe, auf deren Decks sich Matrosen reihten, befehligt von würdig dreinblickenden Backenbärten über Uniformbrüsten voller Orden, dass all diese Pracht und Herrlichkeit mit dem Kaiserreich untergegangen war. Die deutschen Ingenieure – waren ihre Schiffe, Zeppeline, Automobile nicht die besten? Hatten sie nicht immer wieder Land und Leute emporgebracht, ganz nach vorn? Nur im Krieg hatten sie kein Glück – das beschäftigte den kaum Zehnjährigen. Was es damit auf sich hatte, erfuhr ich weder von der Mutter noch von der Großmutter; was letztlich entschieden hatte über Sieg oder Niederlage, blieb ein dunkles Geheimnis, blieb Pech, das an den Deutschen klebte, mit den Russen ins Land sickerte, die Thüringer Familie von den Verwandten im Westen isolierte und das Reden über Verlorenes, über Reisen, Freiheit und Fernweh in rigide politische Fesseln zwang.

Opa war längst tot und begraben, als ich lesen lernte, aber seine Tabakspfeifen waren übriggeblieben, ebenso wie die Zutaten: Tabaksbeutel, Tabaksdosen, Reinigungsgerät und ein bleiernes Gefäß mit bleiernem Deckel, um den Stoff zu pressen, aus dem der alte Mann die schönsten Kringel zauberte, wenn er eine der Pfeifen entzündete. Damit hatte er die Augen des Kindes zum Leuchten gebracht, als er es unterm Weihnachtsbaum auf dem Schoß hielt. Eigentlich nur ein einziges Mal, im Jahr vor seinem Tod und meinem dritten Geburtstag, 1953.

Dass einer sich an etwas erinnert, was vor dem dritten Geburtstag geschah, halten Entwicklungspsychologen für ausgeschlossen. Beschäftigten meine Phantasie also nur die herumliegenden Pfeifen und Utensilien, die Erzählungen und das sichtbare Beispiel meines Onkels, Karls Bruder, der ebenfalls rauchte, allerdings billige Zigarren? Deren abgeschnittene Enden hob er in einer Schachtel auf, um sie schließlich in der Pfeife zu rauchen. Ja, er war geizig, aber tolle Kringel produzieren konnte er auch.

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Brehms Tierleben

Titelbild von Brehms TierlebenEin Lieblingsbuch meiner Kindheit darf ich wieder in der Hand halten: Meine Großmutter las uns daraus vor, es begleitete uns auf Wanderungen durch Wald und Flur, wo wir manchen seiner Protagonisten begegneten, einige schlüpften als Findelkinder zeitweise bei uns unter – Eichhörnchen und Igel zum Beispiel – den Kindern zur Freude, den Familienhunden zum Ärger. Meine Mutter zeichnete und malte, was wir dabei und im heimatlichen Thüringer Wald erlebten.
Unsere Originalbände von „Brehms Tierleben“ haben die Wechselfälle des Lebens nicht überstanden, unser Vergnügen an der Naturbeobachtung und am Umgang mit Tieren, das sie vor über 60 Jahren prägten, blieb. Texte und Illustrationen lesen und betrachten – das ist wie ein Wiedersehen mit sehr vertrauten Freunden nach langer Zeit. Zugleich erfreut es, weil Bildungsgänge ihren Wert beweisen, die seit 200 Jahren enzyklopädisches Wissen allen Schichten der Bevölkerung zugänglich machten.

Ein Blick auf die Editionsgeschichte zeigt, welchen Rang Brehms Arbeit beanspruchen darf, inzwischen gibt es sie auch in digitalisierter Form. Dem Dudenverlag ist die vorliegende Neuausgabe von Teilen des Gesamtwerkes zu verdanken; sie enthält Tiere, die wir heute noch in freier Wildbahn oder Naturparks antreffen. Einband und Druck insbesondere der Graphiken machen das Buch zum willkommenen Geschenk.

Das 19. Jahrhundert war eines der Forschungsreisenden, der Lexika und Enzyklopädien. Mit Alfred Brehm und Hermann Julius Meyer, dem Sohn des berühmten „Lexicon-Meyer“, fanden sich zwei Große dieser Blütezeit. 1863 erschienen in dessen „Bibliographischem Institut“ die ersten sechs Bände des „Illustrierten Thierlebens“ mit Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Robert Kretschmer, in der zweiten Auflage ab 1876 unter dem heute geläufigen Namen „Brems Tierleben“ kamen farbige Illustrationen von Gustav Mützel und Eduard Oscar Schmidt hinzu, deren Qualität Charles Darwin mit dem Lob bedachte, sie seien die besten, die er je in einem Werk gesehen habe.

Karsten Brensing hat eine kluge, gut lesbare Einführung geschrieben, die Brehms Leben und Walten – etwa als Zoodirektor in Hamburg und Berlin – mit der Entwicklung seiner Wissenschaft bis in die moderne Verhaltenspsychologie verknüpft. „…tatsächlich sind wir kaum weitergekommen“, schreibt er, „Brehm hat durch seine Herangehensweise, sich in Tiere hineinzuversetzen und sie zu vermenschlichen, viele Dinge bereits erkannt und aufgeschrieben, die die moderne Naturwissenschaft erst nach viel Zögern als bewiesen akzeptiert hat.“

Sowohl die Entwicklung der Arten wie die des Individuums lassen erkennen, dass tierisches und menschliches Verhalten eng verbunden sind. Wir leben und lernen voneinander und miteinander. Kaum ein anderes Forschungsfeld ist reicher, als die Untersuchung der dabei wirkenden genetischen, sozialen und psychischen Faktoren. Zum Vergnügen an Brehms Sprache und Erzählkunst gesellt sich also die Neugier, der Wissenschaft von heute bei der Arbeit zuzusehen. Wer ein Übriges tun will, besuche die Gedenkstätte in Renthendorf. Sie wurde 2012 bis 2018 generalsaniert. Jochen Süß beschreibt in einem kurzen Nachwort, wie dort auch das kostbare Erbe von Brehms Vater Christian Ludwig, eines emsigen Vogelkundlers, bewahrt wird.

Alfred Brehm, Karsten Brensing „Brehms Tierleben“, Dudenverlag, 240 Seiten

ISBN: 978-3-411-71782-8, 20 €

Hoffnung unter Panzerketten

Titel zu Erich Loests "Sommergewitter"

Loest erlebte das DDR-Zuchthaus als Gefangener. Er kannte auch die Perspektive der Mächtigen

Jahrestage, Jubiläen, Gedenkfeiern bringen selten frische Gedanken, originelle Erkenntnisse hervor, schon gar nicht, wenn sie gemütlich im Mainstream dümpelnden Journalisten anbefohlen werden. Ein kurzer Blick auf Texte zum 17. Juni 1953, zum 13. August 1961, zu den sowjetischen Militäraktionen in Ungarn 1956, in der ČSSR 1968, zur Geschichte der polnischen Werftarbeiter und der Gewerkschaft „Solidarność“ in den 70er und 80er Jahren, zum Massaker der Chinesischen Politbürokratie auf dem Tian’anmen am 4. Juni 1989 und nicht zuletzt zum Mauerfall 1989 genügt meist, mich zu überzeugen, dass ihre Lektüre so aufklärerisch und demokratiefördernd ist wie ein Pfund Toastbrot vom Discounter.

Man könnte einwenden, dass mit ärmlichen, ausgeleierten Fakten und zu nichts verpflichtenden, moralischen Worthülsen die „Chronistenpflicht“ zu erfüllen, immer noch besser sei, als solche historischen Landmarken dem Vergessen zu überlassen. Ich bezweifle das. Banalitäten und ritualisierter Wortgebrauch erzeugen Überdruss und ebensowenig Verständnis fürs historische Geschehen wie das Auswendiglernen dynastischer Erbfolgen.

Titelbild zu György Dalos "1956"

Mit 13 erlebte der Autor russische Panzer in Budapest

Das Erinnern von Zeitzeugen, ihre Ängste, ihre Verzweiflung, ihr Mut und ihre Entscheidung zum Widerstand verschwinden hinter Phrasen und medienpolitsch gleichrichtendem Geräusch. Freilich: Wenn Mitläufer erzählen, ist wenig mehr zu lernen als das Mitlaufen, das langweilt. Jugendliche werden so kaum mehr erreicht. Sie erkennen nicht, welche Verhaltensmuster damals wie heute die Herrschaft des Unrechts begünstigen, und wie sich Einzelne dagegen wehren können. Ihr eigenes Verhalten ist davon entkoppelt. In der auf Sicherheit programmierten Welt der An-Gestell-ten erlabt man sich, wohlig erschaudernd, an den Konflikten, Gewalttaten, Abenteuern, Leiden fiktiver Gestalten in komfortabler, berührungslos Distanz via Leinwand oder Bildschirm, manchmal noch auf Buchseiten.

„Es muss etwas geschehen, aber es darf nichts passieren“, ist das Losungswort der Zeit. Die Realität minimiert Risiken, lässt Abenteuer nur im umzäunten Bereich zu, verdrängt Konflikte. Viele suchen sie dort, wohin das Angebot sie lockt, also gern in bipolaren Gamer-Welten, Serien und Filmen über heilige Kriege vom Mittelalter quer durch die Neuzeit bis in eine Zukunft aus digital aufgedonnerten Mythologemen. Allgegenwärtige Bewegtbilder verhelfen schmerz- und risikolos zum erhabenen Selbstgefühl eines Helden auf der Seite des Guten. Wundert es jemanden, dass der Büchermarkt sich diesen Schemata weitgehend anpasst hat? Verkauft wird, was TV-Quote und Blockbuster nahelegen. Es sind vor allem erfahrungslose Erzählungen. Sie ersticken die Fähigkeit, sich für anderes als das Vertraute und Erwünschte zu öffnen, sie verstellen den Blick in die Geschichte.

In den totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts wurde Geschichte innerhalb der kulturellen Gleichschaltung auf bizarre Weise geklittert. Die dagegen aufbegehrten, waren fast immer Einzelgänger, Verfemte, Verlachte. Nur selten gelang es ihnen, sich in Gruppen von Außenseitern zu organisieren, noch seltener konnten sie sich an die Spitze größerer Bewegungen von Unzufriedenen setzen. Den Zusammenbruch eines Systems überlebten sie meist nur, um sich ohnmächtig – bestenfalls oder auch schlimmstenfalls abgefunden – der neuen Politbürokratie und ihrer historischen Selbstbeweihräucherung in den Medien gegenüberzusehen.

Titel von Pavel Kohouts "Mein tolles Leben mit Hitler, Stalin und Havel"

„Die unendliche Leichtigkeit des Seins“ machte ihn berühmt

Im Westen Sozialisierte können das kaum jenen nachempfinden, die totalitäre Gesellschaften an Leib und Seele erdulden mussten. Das wird am Umgang mit den „68ern“ überdeutlich. Die literarischen Zeugenaussagen, oft auch Meinungsäußerungen der Oppositionellen im „real exisitierenden Sozialismus“ sind mit dem Mainstream des Marktes kaum vereinbar. Er entstand mit dem Vordringen sozialistisch gestimmter Kräfte in Führungspositionen von Staat und Gesellschaft infolge der 68er Bewegung. Schlimmer noch: Politbürokaten des Westens und ihre mediale Clacque verweigern Polen, Ungarn, Tschechen, Slowaken, Balten, Ostdeutschen das Verständnis für die nachwirkende Furcht, ihre Selbstbestimmung an eine „EUdSSR“ zu verlieren. Das offenbart sich am 21. August 2018, da sich der Einmarsch sowjetischer Panzer in der Tschechoslowakei, die Zerstörung der letzten Hoffnung auf Reform des Sozialismus im Herrschaftsgebiet Moskaus, zum 50sten Male jährt, wieder schmerzhaft.

Darum empfehle ich ein paar Bücher, die erzählen, ohne bequeme Distanz zuzulassen. Über Liao Yiwus Gefangenschaft nach dem Protest gegen das Massaker 1989 habe ich berichtet: „Für ein Lied und hundert Lieder“ erschien nach seiner Flucht 2011 ins Exil. Es ist so aktuell wie damals. Der Tod seines Freundes Liu Xiaobo, Friedensnobelpreisträger von 2010, infolge brutaler Gefangenschaft und die endlich mit internationaler Unterstützung gelungene Befreiung seiner Witwe Liu Xia sind beständige Mahnung, den Heils- und Harmonieversprechen kommunistischer Parteien misstrauisch zu begegnen.

Titelbild zu Immo Sennewald "Blick vom Turm"

Zwischen zwei Jahrhunderten – mit dem Blick aus einem dritten

Für mein eigenes Leben war der 21. August 1968 ein wegweisender Tag. Was dem kaum 18jähringen damals widerfuhr, floss in den ersten meiner drei Romane über deutsch-deutsche Geschichte, über die Musik der Jugend, ihre Abenteuer, Lust und Leid, Glück und Abstürze in der DDR zwischen Thüringer Wald und Berlin – und im vereinigten Deutschland ein. Der August 1968 ist 50 Jahre her – und nichts ist vergessen. Aufgeschrieben wurde vieles schon in den 80er Jahren, erscheinen konnte es erst mit dem Abstand weiterer 20 Jahre, 2008. Und das geschah auch aus der Erfahrung, dass im Westen nicht begriffen wird, wie kollektivistische Ideologien den Untergang der DDR überdauerten, und welche Gefahren mit dem bequemen Leben einhergehen, das Politbürokraten und ihre mediale Gefolgschaft versprechen.

Die Abenteuer des kleinen Gustav Horbel in der großen Stadt Berlin im August 1968, als in Prag die Panzer rollten, sind im Salier Verlag Leipzig erschienen.

Links zu den Büchern:

Vom Glück, nicht beachtet zu werden

Pieter Brueghel "Superbia" - der Hochmut

Pieter Brueghel „Superbia“ – der Hochmut, eine der Todsünden, kommt bekanntlich vor dem Fall

Der mechanische Wahn, der alles quantifiziert und sich die Welt zurecht-rechnet, zurecht-modelliert mittels digital inflationierter Statistik, ebnet den Unterschied, also die Qualität, im Dienste von Geldmaschinen oder politschen Superdominanzen – schlimmstenfalls im totalitären Staat – ein. Die Superdominanzen in seiner Gefolgschaft schillern inzwischen in allen ideologischen Tarnfarben – alle erweisen sich als zwiegeschlechtliche Frucht von Kapital und Religion oder Machtgier und Bigotterie oder … denk er sich jede moderne Verbindung jeder Sorte religiösen Irrsinns mit Habgier, Herrschsucht, Rachegelüsten, Schadenfreude etc. hinzu. Dem nicht als – mehr oder weniger williger – Gehherda ausgeliefert zu sein, ist höchstes Glück und köstlicher Tanz auf dem Ereignishorizont.

So weit, so gut. Mir hat es nichts ausgemacht, dass meine Bücher und Weblogs wenig beachtet wurden. Für mich waren sie der Garten, den ich zum Ende meines Lebens hin mit mir gefälligen Blüten bepflanzen wollte, öffentlich zugänglich, allfälligen Besuchern zum Vergnügen. Kritiker mit guten Ideen, wie manches zu beschneiden, zu erneuern wäre, sind darin willkommen. Der Wettkampf von Konzernen und Politbürokraten um die Weltherrschaft wollte es, dass die EU-Administration diese Art individueller Gärtnerei Regeln unterwerfen zu müssen meint, die Aufmerksamkeits-Monster wie Google, Microsoft, Amazon, Facebook etc. im Gebrauch von Nutzerdaten zügelt.

Es war zu lesen, dass Google 500 Mannjahre aufwenden musste, um den Anforderungen der DSGVO nachzukommen. Ein Blick auf die Dienste, die sich unterm Dach dieses Giganten sammeln, die dort auf komplexe Weise vernetzt sind, die einer wie ich gern gratis schon aus Neugier nutzt, lässt einen ahnen, welches Ausmaß solche Regelungswut erreicht. Und ich habe keine Ahnung, inwiefern ich womöglich durch ein dort gehostetes Weblog gegen irgendeine der mir kaum verständlichen Auflagen verstoße, was rührigen Fachleuten dank von schlauen Algorithmen geleisteter digitaler Nachforschungen gestattet, mich kostenpflichtig abzumahnen.

Vorsorglich habe ich also meine Weblogs bei blogger.com entöffentlicht – leider auch „kosmosmensch.blogspot. com“, wo ich gratis Texte und deren Überarbeitung zu meinem Buch „Der menschliche Kosmos“ zehn Jahre lang zugänglich machte.

An dieser Stelle sei ausdrücklich der Anwaltskanzlei Dr. Thomas Schwenke gedankt, die Bloggern wie mir einen Generator für die DSGVO-konforme Datenschutzerklärung online an die Hand gab: Bei WordPress.com gehostete Webauftritte können hoffentlich auf diese Weise weiterhin Teil des demokratischen Meinungsspektrums bleiben, ohne denunziert und von Profiteuren des Abmahngeschäfts zum Aufgeben gezwungen zu werden. In derlei juristischen Konstellationen bleibt einer freilich – wie auf hoher See – des Geschickes Mächten ausgeliefert. Sei’s drum: Der Schiffbruch ist seit je Lebensrisiko.

Lesen, Schreiben: Elixiere der Freiheit

Atemlos habe ich über 500 Seiten aufgesogen, wie im Rausch. Darf ein Rezensent das? Vielleicht bin ich gar keiner. Nicht, wenn für das Besprechen eines Buches eine „Objektivität“ verlangt wird, die akademische Gelehrsamkeit zur Voraussetzung hat. Noch weniger, wenn politische, moralische, religiöse Neutralität – wie auch immer sie definiert sei – beim Lesen gefordert wäre. Dem Autor und seinen Texten gegenüber bin ich voreingenommen. Ich habe „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“ ebenso verschlungen wie „Für ein Lied und hundert Lieder“ , und „Die Wiedergeburt der Ameisen“; 2011 entstand mein Radiofeature „Für China aus dem Exil“, als Liao Yiwu seiner feindseligen Heimat China entkam. Aus der öffentlich-rechtlichen Mediathek ist es verschwunden, die Redakteurin fand seinerzeit schon Liaos Texte narzisstisch und unappetitlich, war dann vom Live-Gesang, von der Intensität des Gedichts „Massaker“ über den 4. Juni 1989 auf dem Tian’anmen, vom Alltag der Folter im chinesischen Gefängnis so perhorresziert, dass sie  mich gewähren ließ.

Was mir im Interview mit Liao Yiwu auffiel: Der Kontrast zwischen seinem zurückhaltenden und bescheidenen Auftreten und der ungeheuren Anmaßung seines Schreibens:  Er fordert die Politbürokratie Chinas heraus, die nicht nur über ein Milliardenvolk gebietet, sondern auch das Netzwerk globaler Diplomatie fast nach Belieben steuern kann. Die Ameise auf dem Rücken des Elefanten fällt mir ein, und das Heer der Ameisen, die „Würg ihn! Würg ihn!“ rufen. Das Heer sind wir: Autoren aus aller Herren Länder, ältesten und modernsten, technisch hochgerüsteten Despoten ausgeliefert, ein Heer, das Namen aus Jahrtausenden versammelt. Sie haben fast alle Schlachten verloren, noch die bedeutendsten, mutigsten mussten bisweilen zu Kreuze kriechen. Das Bild der zähen Insekten – in der Masse kaum unterscheidbar, reproduzieren sie sich in verborgenen Labyrinthen, kommen aber überall hin – dieses Bild erscheint bei Liao Yiwu öfter. Seine Ameisen haben Gesichter.

Sein neuestes Buch nimmt den Leser mit in die Labyrinthe, auf eine atemlos mäandernde Reise zwischen Peking und Chinas südwestlichen Provinzen Sichuan und Yunnan unter beständigem Verfolgungsdruck der Sicherheitsbehörden. Liao Yiwu schweift dabei immer wieder in die Tiefen der chinesischen klassischen Literatur- und Religionsgeschichte ab, sucht nach Vergleichen zu Fluchtschicksalen von Philosophen – etwa des großen Kong Fuzi – trifft auf Gefährten des Widerstandes. Mit manchen hat er den Folterknast geteilt. Manche haben sich den Zwängen und Verlockungen der Politbürokraten und ihrer „sozialistischen Marktwirtschaft“ ergeben, in der alles, auch Religionen und kulturelle Traditionen von Minderheiten, käuflich und verkäuflich ist. Die meisten überleben in Not und unter abenteuerlichen Umständen, sie saufen, fressen, spielen Versteck mit Spitzeln und Polizei – um den Preis des Lebens. Es ist eine lange Reihe von Namen, prägnanten Charakteren, erschütternden Schicksalen. Auch das von Lao Yiwus Familie gehört dazu. Seine Mutter hilft, obwohl sie die Repressionen mit erdulden muss, dem Sorgenkind immer wieder ins Gewissen redet. Es helfen schließlich viele aus dem Ausland, die seine Bücher schätzen und sie weltweit verbreiten wollen. Zwischen Hoffen und Verzweifeln erleben wir den Weg des Autors in die Freiheit, er balanciert zwischen Abgründen, und obwohl der gute Ausgang bekannt ist, bleibt das spannend bis zum letzten, erlösenden Augenblick im Sommer 2011.

Ja: Auch in dieser Fluchtgeschichte wird es oft unappetitlich, und der Vorwurf narzisstischer Selbstüberhöhung dürfte von jenen ertönen, die harmonisches Dazugehören vorziehen, radikal agierende Schmutzaufwirbler gern am Rand des Pathologischen verorten. Davon wird sich Liao Yiwu kaum beeindrucken lassen, und das ist eine Hoffnung für die Ameisen im Untergrund der „harmonischen Gesellschaft“, wie sie die KP Chinas verkündet. Der Schriftsteller ruht sich in Deutschland ebensowenig aus wie andere Exilanten. 2014 kam seine jüngste Tochter hier zur Welt, und es sieht danach aus, dass sie sein Lesen und Schreiben für die Freiheit weiter anspornt.

Brigitte Höhenrieder und Hans Peter Hoffmann haben bewundernswert übersetzt, sie erarbeiteten schon die deutsche Fassung von „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“. Ihnen sei ebenso Respekt gezollt, wie dem langjährigen Lektor Peter Sillem – seit 2017 ist er Galerist – und dem S. Fischer Verlag, der Liao Yiwu jederzeit den Rücken frei hielt.

Liao Yiwu „Drei wertlose Visa und ein toter Reisepass – Meine lange Flucht aus China“

S. Fischer Verlag 2018, 528 Seiten, 26,80€