Die Lust am Stempeln

Meine Mutter als Kind 1930 vorm Elternhaus
Meine Mutter als Kind 1930 vorm Elternhaus

Mein Elternhaus, Nummer 26 in der Herrenstraße in Suhl, einer durch ihre Waffenproduktion in Europa bekannten Thüringischen Kleinstadt, trug bis zu seinem  Abriss bei den Nachbarn den Namen “Bornmüllers Hof”. Das im Geviert um einen romantischen Innenhof gebaute Fachwerk aus dem 18. Jahrhundert beherbergte bis zur Inflation 1923 die Gewehrfabrik Richard Bornmüller und Co..

Im Maschinenraum des Handelsschiffes „Freienfels“ im Indischen Ozean

Meinem Großvater Karl fiel als einem 1919 aus Kriegsgefangenschaft im fernen Australien entlassenen Schiffsingenieur nur mehr das Los zu, die Reste der untergegangenen Firma seines Onkels Richard und seines Vaters Hilmar aufzulösen. Die Geschäfte waren schon während des Weltkriegs schlecht, denn Richard war zwar ein begnadeter Erfinder, erlangte Beachtung aber nur durch Jagd- und Sportwaffen. Den großen Konkurrenten – Haenel, Krieghoff, Gebrüder Merkel, Sauer, Simson – mit ihren Aufträgen vom Militär war er nicht gewachsen. So verschwand das Unternehmen; mein Großvater wurde arbeitslos, verdingte sich zeitweise bei Simson als Pförtner, später bei Krieghoff in der Produktion für den nächsten Weltkrieg.

Hinterhaus von Herrenstraße 26, vormals Gewehrfabrik

Als ich geboren wurde, existierten noch Überreste der einstigen Firma: Im Hinterhaus, direkt am Ufer des Flüsschens Lauter befand sich das ehemalige Kontor, an dessen Fenster mein Großvater noch zu erkennen ist. Es wurde in den 60er Jahren zu meinem Abenteuerspielplatz. Ich fand dort neben zahllosen Unterlagen einstiger Buchführung – sogar Scheckheften der „Schwarzburgischen Landesbank zu Sondershausen“ – unbenutzte Dokumente, Kassenbücher, Formulare, vor allem aber etliche Stempel. Alsbald wurde Beschreiben und Bestempeln zu einer wahren Leidenschaft. In der fiktiven Welt von „Richard Bornmüller & Co.“ war ich der Chef. Mit gehörten die Gespenster alter Gewehre und Apparaturen, Konten, Kredite und Debite. Stempel machten mich zum Eigentümer. Ich erteilte schriftliche Weisungen an Lieferanten und Angestellte, korrespondierte mit Kunden, rechnete aus und ab: Stempel und Unterschrift besiegelten mein Walten.

Weder Bank noch Fürstentum überlebten: Schwarzburg-Sondershausen

Stempel, Marken, Siegel, Wappen: Sie waren über Jahrtausende die materiellen Belege für die gesellschaftliche Stellung ihrer Inhaber, Symbole informeller Macht. Sie zu fälschen wurde bestraft, Strafen variierten von Prügeln und Pranger bei einfacher Urkundenfälschung bis zur Kerkerhaft und Todesstrafe etwa für Falschmünzerei oder den Missbrauch herrschaftlicher Insignien. Im Porträt des Königs oder der Kaiserin prägte sich deren Rang ebenso aus wie die unangreifbare Macht des Staates auf dem Geldschein.

1910 eine Menge Geld – nach der Inflation nur noch Altpapier. Wert heute: Null Komma Nix!

Es ist kein Zufall, dass wir im Zeitalter von Massengesellschaft und Massenkommunikation den Siegeszug der „digitalen Signatur“ erleben – einschließlich des Aufkommens digitaler Währungen. Daneben aber konkurrieren „analoge“ Geschäftszeichen und Gesichter immer noch als Ausdruck informeller Macht: Marken und Prominenz anstelle von Zunftzeichen, Petschaft, Prägestempel. Und es offenbart sich auch hier das spannungsvolle Verhältnis von Qualität und Quantität. Numismatiker und Philatelisten wissen, wovon ich rede, ebenso Kunstsammler und Museen. Nicht die Menge an historischen Objekten entscheidet über deren Wert, sondern ihre Qualität. Originalität und Erhaltungszustand, Alter, Seltenheit, das Signet des Künstlers zählen. Massenhafte Verfügbarkeit entwertet jede Kopie: In ihr verschwinden fast alle unnachahmlichen Eigenschaften der Vorlage.

Vom „Klassenfeind“ zur D-Mark umgerubelt: Geld der sozialistischen Pleite

Mir erscheinen die Bitcoins und ihre Verwandten – die geplante digitale Währung der EZB zumal – ebenso gespenstisch wie die Versprechungen eines Tausenders aus dem Kaiserreich oder die einer 500-Mark-Banknote der DDR. Wenn der nächste große Kladderadatsch kommt, wird einfach niemand mehr da sein, jene Versprechen auf ihren Wert einzulösen, für die arbeitende Menschen das Kostbarste hergeben, was ihnen das Universum schenkt: Lebenszeit. Die einzigartige, unverwechselbare, unersetzliche Qualität des Individuums. Ihr gegenüber sind eigentlich alle Stempel und Währungen wertlos: keine Sekunde ist zurückzukaufen. Das Signum über ihren Wert oder Unwert drückt ihr jeder selbst auf: indem er sie als Erfahrung nutzt. Niemand außer ihm selber kann das.

Aber virtuelle Währungen sind mir nur ein Hinweis darauf, wie spannungsvoll sich informelle und materielle Dimension von Macht zueinander verhalten. Selbst die imposantesten Unternehmen müssen fürchten, dass eine ihrer – aufwendig beworbenen und geschützten – Marken entwertet wird. Umgekehrt können Marken und Signets gescheiterter Firmen zu neuem Glanz kommen. Und in Zeiten globaler Netzwerke kann eine einzige Information – unabhängig vom Wahrheitsgehalt – katastrophale Wertverluste bewirken.

Die informelle Dimension der Macht hat an Bedeutung gewonnen: Die „Aufmerksamkeitsökonomie“ treibt sowohl die Konzerne wie die Mächtigen dieser Erde vor sich her. Und dieses Phänomen greift tatsächlich tief ins Leben des Einzelnen: Seine berufliche Existenz, seine Chancen bei der Partnerwahl, sein Ansehen, das seiner Familie und Freunde wird durch fortwährende Kämpfe um die Deutungshoheit von „Gut“ und „Böse“ erschüttert. Er beteiligt sich auch gern virtuell daran: beim Computerspiel, in den „sozialen Netzwerken“, als Zuschauer und Kommentator. Anders als in religiös orientierten Gesellschaften, wo überschaubare Normen und Alltagsrituale das Zusammenleben „prägen“, sieht sich das Individuum rasch wechselnden Werturteilen, Ansprüchen immer neuer Korporationen auf Deutungshoheit, immer rascherem Verfall vermeintlicher Gewissheiten gegenüber. Worauf und auf wen ist Verlass? Wem kann, wem darf einer vertrauen?

Texte von Bert Brecht und der „Staatsfeind“ als Clown 1981

In den Tagen vor meinem 70sten Geburtstag kamen mir meine Stasi-Akten wieder in die Hände. Sie reichen über 50 Jahre zurück, bis in meine Schulzeit. Höhepunkt der Mühewaltungen von offiziellen, inoffiziellen – informellen – und „gesellschaftlichen“ Mitarbeitern waren die 80er Jahre. Dutzende von ihnen bespitzelten und lähmten meine Arbeit als Regisseur und Schauspieler bis zum Berufsverbot. Unter ihnen waren Kolleginnen und Kollegen, Freunde – allerdings kaum enge – etliche Personen in Behörden, im Theaterverband und Kulturministerium, sogar der Hauptdarsteller einer meiner letzten Inszenierungen. Ich war als „feindlich negatives Subjekt“ abgestempelt.

Die Machtverhältnisse in der Demokratie, in der ich seit über 30 Jahren lebe, erscheinen unübersichtlicher als damals, die Kämpfe um Deutungshoheiten nicht weniger verbissen. Zahllose Organisationen bewaffnen sich mit Stempeln. Sie verteilen sie samt dem Versprechen an ihre Gefolgschaft, sich als die „Guten“ einen Anteil der Privilegien und des Eigentums zu sichern, die den als böse gebrandmarkten weggenommen werden. Sie bevollmächtigen, Letztere zu bepöbeln, zu denunzieren, an den Pranger zu stellen, auszuplündern, gar auszulöschen. Egal ob im Cyberspace oder in der Realität: Diese Jahrtausende alten Muster menschlichen Handelns ändern sich nicht. Ich durfte im längst vergessenen Kontor meines Großvaters lernen – und das war der Wert der wertlosen Stempel – wie vergänglich Insignien der Macht sind, und wie kostbar dagegen die Erfahrung eines Vertrauens in liebevolle Zuwendung von Menschen, die immer beides sein können: gut und böse.

Rezensent sein? Immer noch nicht

Borck_Organisation
Anspruchsvolle Lektüre aus der Praxis für die Praxis

Gebhard Borcks Buch “Chef sein? – Lieber was bewegen!” hat mir sehr gefallen, weil es die Probleme und Konflikte der – am Ende erfolgreichen – Transformation eines Unternehmens genau und ehrlich beschreibt. Den Titel habe ich damals paraphrasiert, weil mir seine Arbeit sympathisch ist, mir angesichts des interessanten Stoffs Quengeleien über Sprache und Stil fern lagen. So ähnlich geht es mir auch mit dem neuen Buch, aber aus anderen Gründen.

Zum einen stehe ich der Vielfalt an Konzepten, Modellen, Methoden in betriebswirtschaftlichen Debatten, von denen darin die Rede ist, mit ziemlicher Unkenntnis gegenüber, zum anderen sehe ich grundlegende Empfehlungen fürs Handeln, die der Autor als “Playbook” (Ach! übers unvermeidliche Denglisch!) ausbreitet, mit Neugier und einiger Befriedigung.

Das liegt daran, dass ihre psychologischen und soziologischen Wegweiser den meinen ähneln. Gebhard Borck bezieht sich etwa auf Arbeiten von Viktor Frankl und Erich Fromm, und er nutzt beim praktischen Umsetzen der von ihm initiierten Veränderungen in Unternehmen auch Uwe Renalds Müllers Buch “Machtwechsel im Management”, das 1999 verdientermaßen den “American Business Book Award erhielt. Müllers früher Tod nach schwerer Krankheit kam dem Beweis der Praxistauglichkeit zuvor. Umso erfreulicher, dass seine klugen Analysen und Vorschläge weiterhin angewandt werden.

Mit einem Kunstgriff beginnt’s: Drei „Archetypen“ stellt der Autor vor, liefert dazu gleich passende Vignetten und ordnet ihnen drei Modelle von Führung in Unternehmen zu. Originelle Idee dabei ist, ausgerechnet Pippi Langstrumpf für das autoritäre, hierarchische, in zentral gesteuerten Organisationen zu besetzen. Hoppla: Despot und Anarchistin? Na klar: Sie sind zwei Seiten einer Medaille mit der Prägung „Ich mach mir die Welt, wiedewiedewie sie mir gefällt.“ Dazu hat Pippi sowohl die materielle – Kiste voll Gold – wie informelle Macht, nämlich Zauberkräfte. Alle finden sie toll. Fast alle. Typ zwei ist von der britischen Volkswirtschaftlerin Kate Raworth inspiriert, ein Modell der Ökonomie insgesamt in Form eines Donuts, mathematisch gesprochen eines Torus. Dieses Modell führt Gebhard Borck durch seinen Text fort, um zu erläutern, wie wichtig das Erkennen von Grenzen für unser Handeln ist. „Auf dem Donut arbeiten“ wird als besondere Perspektive etabliert, etwa so:

„Auf dem Donut wird verhandelt. Hier muss die Organisation lernen, Konflikte zu lösen. Sonst drohen faule Kompromisse. Diese gefährden die Firma, anstatt sie zu stabilisieren. Autorität ist hier ein Talent, kein Bestandteil der Stellenbeschreibung.“

Dazu gibt es als „Alternative“ noch die „Zombie-Apokalypse“: „verwöhnt aufsässige Mitarbeiter und autoritätsberaubt dienende Führungskräfte“, meist Ergebnis fragwürdiger Transformationsversuche unter dem Etikett „New Work“. Aus den drei Rollenperspektiven lassen sich nun sowohl das Geschehen wie Handlungsoptionen in einem Unternehmen betrachten. Natürlich überlagern sie sich in der Realität oft, es gibt Rollenwechsel und Regression, und das gilt auch für die von Uwe Renald Müller definierten drei Systeme der Führung (aggressiv und destruktiv, aggressiv und nicht-destruktiv, kooperativ-lebensbejahend) und zugehörige „Reifegrade“ der ihnen folgenden Gruppen. Gebhard Borck visiert mit seiner Methode der „Betriebskatalyse“ den höchsten Reifegrad an: selbstorganisierend/ selbststeuernd. Im Buch erläutert er „Denkwerkzeuge“, mannigfaltige Wege, Methoden und Mittel, wie das praktisch erreicht werden kann. Er illustriert mit eigenen Schaubildern, Übersichtsplänen und Vignetten – das mag für viele die Orientierung erleichtern. Ausdrücklich besteht er darauf, dass die Katalyse für jede Firma – mit je eigener „DNA“ – einen spezifischen Verlauf nimmt und Rezepte so wenig wie Handlungsschemata kennt.

Entscheidender Vorzug der Katalyse ist, dass sie Widerstände, Krisen und Konflikte nicht abwehrt, sondern als Teil des Prozesses nutzt, um die Organisation lernfähig zu halten. So zumindest habe ich insbesondere den Abschnitt 13.2 verstanden, und hier treffen sich meine Erfahrungen mit denen des Autors. Er kann anhand verschiedener Kunden belegen, dass es funktioniert, freilich nicht ohne gelegentlich dramatisch zugespitzte Situationen. Die Firma Heiler hat jedenfalls dank der dort gereiften Zusammenarbeit die Corona-bedingten Erschütterungen des Jahres 2020 gut gemeistert.

Über das Bild des „Donuts“ im Buch bin ich dann doch gestolpert: Hier verkauft uns der Autor die 2-dimensionale Projektion des Kringels als Modell. Dadurch entstehen fünf getrennte Topoi. Beim echten, dreidimensionalen Torus sind es nur drei: eine Teigfüllung, eine Kruste, die sie umhüllt, und die Umgebung. Interessant sind freilich die Randzonen zwischen Teig und Kruste innen, Kruste und Umgebung außen: Randbedingungen für Interaktionen zwischen Teig und Kruste, Kruste und Umgebung – also Luft oder Öl verschiedener Temperatur beim Backwerk. Wann es „reif“ ist, wie lange es genießbar bleibt – das ist in der Praxis schon eine ziemlich komplexe Sache. Sie hängt von der Qualität der Zutaten im Teig ebenso ab wie von der Kunst, das Verhältnis von Teig und Kruste zu steuern: irgendwo zwischen knusprig und luftig soll es sein. Am Ende gilt für den Kringelbäcker dasselbe wie für den betriebswirtschaftlichen Katalysator: Erfahrung zählt, und wenn der Kunde anbeißt, beweist sich der Donut – beim Essen.

Gebhard Borck „Die selbstwirksame Organisation“ Verlag Business Village Göttingen, 2020

Die Weisheit des Heimatkundigen

Vor Hans-Jürgen Salier empfinde ich tiefen Respekt. Nicht nur weil er 1990 – noch vor der Währungsunion und dem Ende der DDR – in Hildburghausen seinen Verlag “Frankenschwelle” gründete. Seit wir uns – einige Jahre später – erstmals begegneten, erschien mir seine Arbeit als Historiker wie Unternehmer in Südthüringen unschätzbar. Dort hatte der SED-Staat wirtschaftliche und kulturelle Stärken der ganzen Region durch Enteignen, rigides politisches Bevormunden und ein brutales Grenzregime bis auf wenige kleine Widerstandsnester abgewürgt. Zu denjenigen, die eigensinnig Auswege suchten – unter gelegentlich unvermeidlichen Rumpfbeugen, unter dauernder Beobachtung der Stasi, von der SED mit viereckigen Rädern fürs Wagenrennen um berufliche Ziele ausgestattet – gehörte der Deutschlehrer Hans-Jürgen Salier. Das achte ich umso höher, als ich, von meinem Deutschlehrer Siegfried Landgraf zu widerständigem Denken ermutigt, meiner nahe gelegenen Heimatstadt Suhl gleich nach dem Abi 1969 entfloh, der DDR kurz vorm Mauerfall entkam; Hans-Jürgen Salier blieb.

Den Bezirk Suhl im Südwesten kujonierten besonders engstirnige SED-Funktionäre. Auch in der „autonomen Gebirgsrepublik“ wurden Straßen und Schulen nach sozialistischen Säulenheiligen umbenannt, Denkmäler gestürzt, Geschichte geklittert, gewachsene Traditionen unterdrückt oder bis zum Vergessen ignoriert. Dadurch entlarven sich heute wieder die Nachfahren der SED alias „Die Linke“ ebenso wie in ihrem Bemühen, die Sprache mit doktrinären Phrasen zu verunstalten und den DDR-Sozialismus weichzuzeichnen. Ende der 80er Jahre gehörte Hans-Jürgen Salier zu den Mutigen, die dem wirtschaftlich, ökologisch, moralisch hinfälligen „Arbeiter-und-Bauern-Staat“ in einer friedlichen Revolution die Macht entwanden. Seine Notizen aus jener Zeit beweisen, wie waghalsig und doch besonnen sich Bürger ihre Freiheit und Selbstbestimmung zurückholten, ohne Rache zu üben. Sie ersparen dem Leser auch nicht die bittere Einsicht, dass die Apparatschiks der DDR samt Hilfstruppen in den Medien im vereinigten Deutschland seit 30 Jahren Karriere machen und reichlich ideologisch verblendeten Nachwuchs heranziehen konnten.

So überrascht wie ermutigt wird jeder Leser aus Saliers „biographischen Notizen“ erfahren, wie der Historiker sich in einer von den Überwachern unterschätzten und mangels Sachkenntnis nie durchschauten Nische schon in den DDR-Jahren internationales Renommee verschaffte: Als Philatelist. Beim Lesen wird auch klar, dass es dazu enormer Geduld und Hartnäckigkeit bedurfte. Unter den Augen hauptamtlicher und inoffizieller oder „gesellschaftlicher“ (IM, GSM) Stasimitarbeiter pflegte der Sammler Netzwerke überallhin. Philatelistenverband und Kulturbund spielten mit, denn Saliers Arbeiten ernteten Medaillen auch im „Nichtsozialistischen Währungsgebiet“. Das brachte Devisen. Nur der lukrative Handel mit Marken und Münzen aus der Nazizeit blieb der zuständigen staatlichen Stelle vorbehalten: der „Kommerziellen Koordinierung“ des Stasi-Majors und letzten Hoffnungsträgers von Erich & Erich: Alexander Schalck-Golodkowski. Salier erlebte das DDR-Schlusskapitel als Lektor im Berliner „transpress“-Verlag, auch dessen Niedergang im „Rette sich wer kann!“-Taumel der „Wendezeit„. Sowenig er den von der SED selbst erfundenen „Wende“-Begriff akzeptierte, so konsequent suchte er den eigenen Weg Richtung Marktwirtschaft und Demokratie.

Carl Joseph Meyer (1796-1856), berühmt als „Lexikon-Meyer“, verlegte sein „Biblio-graphisches Institut“ nach Hildburghausen.

Es ist nicht übertrieben, Hans-Jürgen Salier in den Fußstapfen eines anderen berühmten Unternehmers in Hildburghausen wandeln zu sehen. Nicht nur, weil beide daselbst als Verleger arbeiteten, sondern weil sie sich mit Leidenschaft unter hohem finanziellen und politischen Risiko für die Volksaufklärung engagierten. „Im Land der Anderen“ versteht darunter – ebenso wie Saliers frühere Bücher – keineswegs jene sich ans Publikum anbiedernde „trinkbare Information“, die ein SWR-Fernsehdirektor im Quoten-Zeitalter seinen Autoren fürs „Storytelling“ verordnete. Im Gegenteil: Genaue Datierung, Fußnoten, Bezüge zu Personen sind mit der Sorgfalt des Sammlers und Historikers vermerkt – anspruchsvolle Texte; und sie werden ebenso wie die dreibändigen „Grenzerfahrungen“ aus dem Bezirk Suhl an der Grenze zu Bayern und Hessen, die bis 2005 bei der „Frankenschwelle“ erschienen, als wichtige Dokumente der Zeitgeschichte dienen können. Für DDR-Unkundige erläutert ein Glossar am Ende des Buches Begriffe und deren Missbrauch im „Kaderwelsch“* der SED. Wer darüber Ausführlicheres erfahren möchte, findet es im gerade erschienenen E-Book des Leipziger Verlags.

2009 waren Hans-Jürgen Salier und ich gemeinsam in Hildburghausen unterwegs, für den SWR-Hörfunk entstand das Feature „Wikipedias Urgroßvater: Der Lexikon-Meyer“. Mich erstaunten Saliers Sachkenntnis wie seine Heimatverbundenheit. Sie spricht aus dem Programm seines Sohnes Bastian, der 2006 in Leipzig den Salier Verlag als Nachfolger der „Frankenschwelle“ gegründet hat. Auch Joseph Meyers Sohn Herrmann Julius führte in Leipzig das Werk seines Vaters fort. Den Saliers und ihren Büchern wünschte ich einen mindestens ebenso großen Erfolg: Damit nicht wieder selbst verschuldete Unmündigkeit National- oder „Real“-Sozialisten zur Macht verhilft und Thüringen, Deutschland und Europa verdunkelt.

*) Zum Begriff gibt es ein Gedicht von Bertolt Brecht in den „Buckower Elegien“ [Nr. 11] DIE NEUE MUNDART. Es lohnt immer, sie zu lesen.

Hans-Jürgen Salier

Im Land der Anderen – Begegnungen mit dem Sozialismus in der DDR.

Salier Verlag
Mai 2020 – 283 Seiten, 14,90 €

Impulse und Macht

Teil 4 des Vorworts zu „Der menschliche Kosmos. Zurück zu Teil 3

Komplexe Impulssteuerung beim Schwimmen: nicht untergehen, Atem holen, vorankommen

Die Irritation beim Wechsel von der Frage „WARUM?“ zur Frage „WOZU?“ ist von derselben Art, wie sie ein Rechtshänder empfindet, der wegen einer Verletzung lernen muss, mit der linken Hand zu schreiben. Ebenso gut kann einer trainieren, bei der Einschätzung seines Umgangs mit Menschen und Umwelt eben nicht nur die – bewährte, aber begrenzte – Methode der Konstruktion von Ursachen und Vergangenheiten zu nutzen. Er wird Muster anders erkennen, wenn er fragt: „Was wollen die am Geschehen Beteiligten erlangen, was vermeiden?“, wenn er auf den Verlauf innerer und äußerer Energieflüsse, die Bewegungen dynamischer Systeme und Metasysteme blickt, und den Einfluss eigener Impulse zum Erlangen und Vermeiden mit erfasst.
Dieser Wechsel der Perspektive ist nicht neu. Wieso ihn nicht nur für den Bau von Lasern, Quantencomputern oder einzelne klinische Anwendungen der Psychologie vollziehen, sondern allgemein nutzbar machen? Nicht nur das naturwissenschaftliche Denken, sondern auch Psychologie und Philosophie profitieren davon. Seit einiger Zeit ist der Begriff der „Propriozeption“ im Gebrauch. Er bezeichnet die Eigenwahrnehmung des sich bewegenden Körpers, also die Wahrnehmung fortwährend und meist unbewusst ablaufender Impulse. Sie umfasst nicht nur motorische Bewegungen wie Laufen, Schwimmen, Springen, sondern auch die Lage unserer Organe im Raum, aber auch die Motorik der nonverbalen Kommunikation – also etwa das Lächeln, Hochziehen der Brauen, Redegesten, den Tränenfluss, Schreien und Lachen. Darauf werde ich später ausgiebig zurückkommen. Impulse haben stets ein Ziel. Folgerichtig wäre, dieses Geschehen für den ausschlaggebenden Komplex menschlicher Existenz anzuwenden: Impulsverläufe in Konflikten.

Gemetzel auf einer Grafik von Francesco Goya
Goyas „Desastros de la Guera“ illustrieren die Sprache der Gewalt

Damit sind wir wieder beim Phänomen der Gewalt. Das Ziel von Gewalt ist Destruktion. Sie erstrebt einen chaotischen – regellosen – Zustand, von dem aus eigene Interessen durchgesetzt, fremde Interessen ausgeschaltet oder stark abgeschwächt werden können. Sie nimmt schwere Störungen, ja sogar die Vernichtung des eigenen Systems in Kauf. Gewalt ist nur eine von vielen elementaren Strategien gegen innere oder äußere Störungen des dynamischen inneren bzw. äußeren Gleichgewichts. Auf menschliche Konflikte bezogen: ein Ziel wird erreicht oder ein Schaden vermieden durch destruktives Verhalten; das Risiko, dabei schwerere Verluste zu erleiden, gar zu sterben, wird ignoriert. Das kann spontan geschehen oder bewusst, und es wird umso wahrscheinlicher geschehen, je öfter sich die gewaltsame Strategie mit der Erfahrung eines Erfolges verbindet – egal ob es sich um einen vermeintlichen oder wirklichen Erfolg handelt. Was Sieg, was Niederlage ist – darüber entscheidet die subjektive Wahrnehmung. Strategiewechsel infolge von Niederlagen sind selten. Ich wage zu behaupten: sie sind niemals durchgreifend. Nachzuweisen, dass jemals irgendeine Strategie zwischen den Anfängen der Evolution und dem Anthropozän, zwischen Steinzeit und „Postmoderne“ ausgestorben wäre, bedürfte einer aufwendigen, höchst wahrscheinlich erfolglosen Suche. Sicher ist nur eines: Im „Ernst-“Fall, wenn der „Tunnelblick“ die Selbstwahrnehmung einschränkt, werden alle anderen möglichen Strategien ausgeblendet bis zum Amoklauf: der „Totale Krieg“ zerstört andere und sich selbst.

Brennender Reichstag 27./28. Februar 1933
Setzte am 27./28. Februar 1933 ein Einzelner den Reichstag in Brand? Warum? – oder besser: Wozu?

“Aufarbeitung” ist ein ebenso häufig wie fahrlässig gebrauchtes, bis zum Überdruss verschlissenes Wort. Sie folgt Katastrophen so sicher wie das Amen in der Kirche: sie ist auch meist nichts als Ritual. Jeder, der seine Haltung, Ziele, Handlungsmotive vorteilhaft darstellen will, distanziert sich rituell von den an Katastrophen “Schuldigen”. Die Deutungshoheit über die Frage “Warum” wird zur Monstranz, wird unangreifbar, die eigene Position geheiligt. So geschah es mit der “antifaschistischen Aufarbeitung” des Nationalsozialismus durch marxistisch-leninistische Staatsideologie.

Tatsächlich verirrt sich die Frage nach dem „Warum“ zwischen Ratlosigkeit, unbrauchbaren Spekulationen, Schuldzuweisungen im Nebel der Unverantwortlichkeit, wenn es um Gewaltherrschaft zum Beispiel von Nationalsozialisten oder Kommunisten, um Amokläufe in Schulen oder Familien, um Terrorakte und katastrophale Schlampereien in Kernkraftwerken oder Chemiefabriken geht. Das ist kein Zufall. „Ursachen“ sind Konstrukte menschlicher Denk- und Kommunikationsprozesse. Die Frage nach den Zielen derjenigen, die da „aufarbeiten”, muss vorab gestellt werden. Dann kann über die Ziele derjenigen nachgedacht werden, die „in der Vergangenheit” handelten, darüber wie sie ihre Ziele, wie sie Umstände ihres Handelns wahrnahmen, wie sie zu Entscheidungen kamen. Dieses Nachdenken offenbart eine Dynamik sich häufig wiederholender Muster. Wer rechtzeitig und vorbehaltlos nach den eigenen, dann nach den Zielen anderer fragt und beides in ein Verhältnis bringt, wer das fragt, solange Schlamperei, Feindseligkeit, Gewalt noch „latent“ sind, kann dank erkannter Muster künftige Konfliktverläufe abschätzen, sogar manche Katastrophe abwenden. Auf unabwendbare wird er sich einrichten müssen. Konflikte sind letztlich so wenig vorhersehbar wie Menschen einheitlichen Handlungsmustern folgen, so wenig sich „Tugenden” und „Laster” säuberlich scheiden lassen.

Titel zu "Masse und Macht" von Elias Canetti
Längst nicht ausgeschöpft: Der Gedankenreichtum von Elias Canetti

Hierzu sei beispielsweise auf Nietzsches interessante aphoristische Gedanken in „Menschliches Allzumenschliches“ und auf Elias Canettis „Masse und Macht“ verwiesen. Beide bereichern die Diskussion um den „Freien Willen“ in hohem Maß.
Sind die Ketten der Kausalität, des Denkens in Abfolgen von Ursachen und Wirkungen, gesprengt, können die Konflikte des Individuums und der Metasysteme von Familien, Nationen, Völkern und ihren Kulturen besser verstanden werden. Quantenphysik, Relativitätstheorie und Informatik haben längst offenbart, wie brüchig diese Ketten sind. Wer sich nicht befreit, wird die Krisen und Katastrophen der sich global organisierenden Menschheit nicht verstehen, geschweige abwenden. „Wer die Ursachen beherrscht, gebietet über die Folgen” – auf dieser Einstellung fußen Strategien der mechanischen Dominanz. Wir erleben aber am Beispiel des weltweiten Terrorismus gerade, dass auch das gewaltigste Übergewicht mechanischer (militärischer) Instrumentarien systemische Prozesse nicht nachhaltig steuern kann. Der Perspektivenwechsel wird sich durchsetzen, weil er keiner ideologischen Rechtfertigung bedarf. Das Zeitalter universeller Gesellschaftsentwürfe ist allerdings genau deshalb vorbei. Sie waren immer die gedanklichen Rechtfertigungen für mechanische Dominanz, ihr systematischer Fehler ist, dass sie eine „Objektivität“ oder göttliche Herkunft von Modellvorstellungen, von „Vergangenheit“ und „Gegenwart“ erforderten, mit der „Zukunft“ zu prognostizieren ist – bis hin zur sogenannten „Weltformel“ oder zum „Weltgericht“. Aber eine solche Formel kann und wird es niemals geben. Die Revolution unserer Zeit ist der revolutionierte Zeitbegriff: Der Mensch erschafft Raum und Zeit unseres Universums mit, während er denkt, Denken ist schon Handeln, und die Dynamik dieser unauflösbaren Wechselwirkung kann nicht formelhaft „fixiert“ werden, weil eine Fixierung das Ende der Dynamik selbst bedeuten würde. Die neue Perspektive widerlegt indessen keineswegs den Sinn der Forschung, sie zeigt nur deutlicher die eigenen Grenzen; mechanische Vorstellungen versagen darin.

Titel der Ausgabe 2006 von "Der menschliche Kosmos"
„Der menschliche Kosmos“ erschien 2006 – als Vorlage zum Mit- und Weiterdenken

Reden wir vom Ziel dieses Buches: Es will keine neuen Weisheiten verkünden, sondern ein Training anbieten: Leser können versuchen, öfter statt nach dem „Warum“ nach Zielen und Strategien zu fragen, sie können versuchen, ihren eigenen Alltag anders zu erleben und zu gestalten – egal ob sie es in der internationalen Politik, im Management oder in den eigenen vier Wänden tun. In diesem Sinne ist es ganz und gar unvollkommen, weil es darauf vertraut, dass es nur Anregungen für alle diejenigen gibt, die – mit neuer Sicht auf die Welt und sich selbst – handelnd Erfahrungen machen und neue, wichtigere Kapitel schreiben werden. Es lebt von der Subjektivität der Wahrnehmung, und gibt die Subjektivität des Autors immer wieder preis. Es soll Lust darauf machen, einige der vielen alltäglichen „Algorithmen“, Rituale und Strategien kennenzulernen, mit denen unser Gehirn, unser Körper und die umgebende Welt – der „menschliche Kosmos“ – aufeinander wirken. Das wenigste davon ist uns bewusst, eben weil unser Bewusstsein um Größenordnungen von der Dimension des Kosmos entfernt ist. Aber Entdeckungsreisen sind möglich. Im Himmel und auf Erden.

Ende des Vorworts

Wovon Medien – themenunabhängig – leben

Unser Gehirn hat ein Problem: “WARUM” ist seine Lieblingsfrage. Und die Antwort erfolgt reflexhaft – seit Millionen Jahren. Was das für unsere Wahrnehmung und unser Zusammenleben bedeutet, damit befasst sich Kapitel 4 in “Der menschliche Kosmos”.

4. Kapitel

Mir nützt, was anderen schadet – das egozentrische Weltsystem
Wahrnehmung und Wahrnehmungsfehler des egozentrischen Weltsystems. Rollenspiele vor der Gaskammer. Mitleid und Schadenfreude als soziale Schmiermittel.
sündenbockDas älteste und unentbehrlichste Haustier des Menschen ist der Sündenbock.
Dieses Tier besitzt einige erstaunliche Eigenschaften: Es ist praktisch fast überall und jederzeit verfügbar, ohne dass es anwesend sein müsste. Seine Gestalt ist von unbegrenzter Mannigfaltigkeit: gerade war es noch der Nachbar mit seinem knatternden Rasenmäher, da nimmt es schon verallgemeinert die Form einer stinkenden, umweltzerstörenden Autolawine an, beschleunigt jäh bis zum Überschallknall eines Militärjets. Die Fratze der Kommunisten erscheint kurz im Abgasstrahl. Die Menschen schütteln noch die Fäuste gegen den Himmel, da plumpst der Sündenbock ihnen als Kohlendioxyd speiender amerikanischer Politiker vor die Füße. Der aber löst sich sofort in Nebel auf: „Die CIA!“ raunt es dunkel. „Die Illuminati“, grunzt der populärwissenschaftlich gerüstete Papa und greift zum Bier. Auf dem Bildschirm erscheint ein mit professoralen Weihen geadelter Sachverständiger und schickt sich an, den Schuldigen des jeweiligen Elends dingfest zu machen, aber plötzlich verlischt das Bild.
„Vanessa, du kleines Mistvieh, leg sofort die Fernbedienung auf den Tisch“, kreischt die Mama, es folgt das Geräusch eines schweren pädagogischen Missgriffs und das Geplärr jener kleinen, schwachen Figur, in die der Sündenbock gerade inkarniert ist.
Vom Sündenbock lässt sich nur eines mit Sicherheit sagen: er ist schuld. Niemand hat meines Wissens – und das grenzt in der Ära des quantifizierenden Denkens an ein Wunder – genau quantifiziert, wie viel Zeit Menschen im Laufe ihres Lebens mit der Jagd nach dem Sündenbock verbringen. Es ist sehr viel. Denn nicht nur die wirkliche Jagd – etwa auf den Pfuscher am Arbeitsplatz oder in der Verkehrsbehörde – frisst ja Zeit, auch die Beschreibungen, Analysen, Klassifizierungen seiner politischen, wirtschaftlichen, moralischen Erscheinungsformen müssen dazu gerechnet werden, seine Auftritte auf Bühnen, in Film, Funk, Fernsehen und Computerspielen, in Büchern und Zeitschriften. Genaugenommen sind wir mit wenig anderem so ausdauernd beschäftigt wie mit ihm, dem Sündenbock, oder anders gesagt, damit, Feindbilder zu zeichnen und Schuld zuzuweisen.
Weiterlesen in Abschnitt 2

Diktatur und Schwarmdummheit

AlbertEinstein_BriefmarkeTeil 3 des Vorworts von „Der menschliche Kosmos“. Zurück zu Teil 2

Die Physik erweiterte ihr Weltbild seit Beginn des 20. Jahrhunderts um Relativitäts– und Quantentheorie. Sie revolutionierte das wissenschaftliche Denken, Forschung und Technik, auch die Philosophie, vor allem aber die Informationstechnologie. Mit dem Boom der digitalen Kommunikation, der globalen Netzwerke und deren Allgegenwart verschoben sich Konkurrenzen um die Macht zwischen deren materieller und informeller Dimension. Wirtschaft und Politik, natürlich auch die ihnen hörigen Medien, folgen gewohnheitsmäßig aber den Mustern mechanischer Dominanz. Sie zeigen das Universum als ununterbrochene zeitliche Abfolge von Vorgängen, durch Ursache und Wirkung verknüpft. Der Mensch ist herausgehobenen Beobachter, der seine Sicht mittels immer besserer Instrumente zu einem „objektiven“ Bild, zur „objektiven Wahrheit“ vervollkommnet. In deren Besitz wähnte sich der Marxismus-Leninismus und beanspruchte die Weltherrschaft mit dem Versprechen, das Wohl der Menschheit mittels Planwirtschaft durchzusetzen. Leicht abgewandelt ersetzen heutige kollektivistische Bewegungen den „Godmode“ objektiver Erkenntnis durch die „Weisheit der Vielen“, „Schwarmintelligenz“ oder – so kurz wie kindisch – durch das simple „Wir sind mehr“.

Dieses Vorgehen hat sich in der Wechselwirkung zwischen Sinnen, Umgebung und Gehirn durchaus bewährt. Es hat der Menschheit und ihrem Instrumentarium enorme Erfolge ermöglicht – es hat sie allerdings auch an den Rand der Selbstvernichtung geführt. Die Frage „Warum“ ermöglichte, Krankheitserreger und „Schädlinge“ auszurotten, Schuldige zu identifizieren, zu bestrafen in der Hoffnung, andere Missetäter abzuschrecken. Die Masse folgte dem Rezept fast jederzeit, ohne sich über die Theorie dahinter und mögliche systemische Nebenwirkungen Gedanken zu machen. So ließen Ausrottungsfeldzüge – etwa mit Antibiotika – immer gefährlichere Krankheitskeime heranwachsen, manche „Schädlingsbekämpfung“ vergiftete die Umwelt bis zur Unbewohnbarkeit. Kriminalität ließ sich durch grausamste Verfolgung nie beherrschen, stattdessen zerstörten Denunziation, Folter, Lagerhaft Vertrauensgrundlagen der Gesellschaft. Der Zugriff auf die „Ursachen“ löste immer nur Teile eines Problems, indem mechanisch an „Stellschrauben“ gedreht wurde, was neue Probleme erschuf, gern als „Herausforderung“ beschönigt. Die Frage „Warum“ führt zu Antworten von sehr begrenztem Wert.

Wie wäre es, stattdessen öfter zu fragen „WOZU“? Genau das versucht dieses Buch.

In den vergangenen Jahrzehnten hat das Denken neue Bereiche eröffnet, es sind Begriffe wie „systemisch“, „vernetzt“, „ganzheitlich“ oder „komplex“ aufgekommen, ohne dass sie das Alltagsverhalten wirklich verändert hätten; oft sind sie nur Worthülsen, hinter denen sich tief eingewöhnte Denk- und Umgangsformen verbergen. Denn nach wie vor wird für fast jedes Problem nach einer „Ursache“ gesucht und für jeden Schaden nach einem Schuldigen – und ebenso oft geht es um die Macht: die informelle und materielle.

Wie ließe sich das Herangehen an komplexe Systeme verbessern? Ein paar Einsichten können helfen:

  • Auf die „wirkliche Vergangenheit“ haben wir keinen Zugriff, denn es gibt keine ZeitmaschineDelorean5Zeitmaschine, die ihn uns verschaffen könnte. „Vergangenheit“ – also jedes Ereignis in zurückliegender Zeit – lässt sich nur in Hervorbringungen unseres Gehirns „behandeln“, als Konstrukt, als Modell. Das Modell kann umfänglich sein und viele Details enthalten, wenn viele Gehirne an seinem Zustandekommen beteiligt sind – es bleibt ein Modell. Die vermeintlichen „Ursachen“ sind also ebenfalls Konstrukte. Das aber bedeutet, dass jede „Vergangenheit“ – jede Modellbildung überhaupt – unlösbar mit den Zielen desjenigen verbunden ist, der sie modelliert, ob er sich dessen bewusst ist oder nicht. Es gab und gibt keine von Zielen menschlichen Lebens abgekoppelte „Objektivität“ – weder im Denken noch im Handeln.
  • Nirgendwo in unserer Umgebung gibt es irgendein System – und das gilt vor allem für lebende Organismen –, das existieren könnte, ohne in Bewegung zu sein. Das gilt für die „innere“ Bewegung, mit der das System seine charakteristische Form aufrechterhält und für die „äußere“ Bewegung, in der das System mit seiner Umgebung wechselwirkt. Es ist diese Bewegung, die wir als „Zeit“ wahrnehmen.
  • „Innere“ und „äußere“ Bewegungen sind verkoppelt und konkurrieren miteinander. Jedes einzelne System hat das Ziel, sich in Form und Funktion zu erhalten, das heißt, die für seine innere Bewegung nötige Energie zu erlangen und äußere Störungen zu vermeiden. Eine der wesentlichen Strategien ist, dass sich viele Individuen – oder einzelne Zellen – zusammenschließen zu Schwärmen – bzw. neuen Organismen. Deren Form und Funktion ist nicht mehr durch einfache Ursache-Wirkungs-Schemata von der einzelnen Zelle – vom Individuum – abzuleiten.

Anschauliche Beispiele sind Schwärme von Fischen und Vögeln oder Pseudoplasmodien, Vielzeller, die sich schneckenhaft fortbewegen. Darin haben einzelne, zuvor amöbenhaft lebende Zellen einer bestimmten Art von Schleimpilzen die selbständige Existenz aufgegeben, wurden ununterscheidbare Teile eines „Metasystems“ mit qualitativ völlig anderen Erhaltungsstrategien und Bewegungsmustern als die Teilorganismen. Menschenmassen können „Schwarmqualität“ erreichen. Physisch ist das bisweilen in Zeitrafferaufnahmen sicht-, im Stadiongeräusch hörbar. Die Kommunikationskanäle, deren es dazu bedarf, sind ein Hauptthema, dieses Buches.

  • Es gibt kein System, das von Wechselwirkungen unabhäng existiert, und diese Wechselwirkungen lassen sich von den Erlangungs- und Vermeidungsstrategien aus – also den Zielen der wechselwirkenden Systeme – statt von deren „Vergangenheit“ („Ursachen“) aus betrachten.

Diese veränderte Art, Menschen und ihre Umwelt anzuschauen, erscheint zunächst mindestens irritierend, wenn nicht unlogisch. Das liegt aber einfach daran, dass fast jeder mit Begriffen wie „Vergangenheit“ und „Ursache“ verwachsen ist – genauso selbstverständlich, wie sein Gehirn „kopfstehende“ Bilder von der Netzhaut umdreht. Es ist ein winziger Teil einer ungeheuren, andauernden, unzertrennlichen und komplexen Zusammenarbeit zwischen Körper, Gehirn und Welt.

Fortsetzung (Teil 4 und Schluss des Vorworts)

Wir sind die Guten und bringen euch um

Exécution de Marie-Antoinette, Musée de la Révolution française - Vizille
Jubelnde Menschenmenge bei der Enthauptung von Marie Antoinette (Musée de la Révolution française [CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D)

„Der menschliche Kosmos“ – das verlangt der tolldreiste Titel – ist „Work in Progress“. Das Weblog gibt Leseproben dazu. Hier Teil 2 des Vorworts. Teil 1 unterm Link

Die Frage nach dem Überleben der Menschheit ist – spätestens seit dem nuklearen Gleichgewicht des Schreckens – die Frage nach einem Umgang mit Konflikten, der Gewalt begrenzt.
Wie soll das gehen?
Natürlich lässt sich eine Elementarstrategie, wie die Gewalt es ist, nicht einfach abschaffen. Sie hat zum Überleben der Gattung beigetragen wie die Paarung zur Fortpflanzung. Menschen erleben andauernd, welches Glücksgefühl entsteht, wenn ein „Befreiungsschlag“ gelingt, wenn Fesseln gesprengt werden, wenn das Übermächtige und Bedrohliche zu Boden stürzt und zerschmettert werden kann – wie Hitlers Führerbunker und der Stacheldraht um die Arbeitslager Stalins, wie die Berliner Mauer, wie der israelische Panzer oder der Taliban- Bunker, der in die Luft fliegt, wie der Kinderschänder, der einer rächenden Meute in die Hände fällt. Gewalt macht Lust, wenn sie „das Böse“ austilgt, und dieser Lust überlassen sich tagtäglich, zu jeder Stunde und Minute, in jedem Augenblick Millionen Menschen im Fernsehen, im Kino, im Theater, im Stadion oder im Panzer, mit der Steinschleuder in der Hand, im Düsenjäger, mit dem Messer oder der Maschinenpistole – oder im Bordell bei einer Minderjährigen. Oder auch mit dem Federhalter überm Papier, dem Mikrofon vor der Nase, der Kamera auf der Schulter, dem Text- und Bildverarbeitungsprogramm oder dem 3-dimensional animierten Killerspiel auf dem Monitor. GEWALT MACHT LUST.
„Das Böse“ sind immer die anderen.
„Gewalt Macht Lust“ – das ist ein Dreigestirn von fast ebenso metaphysischer Dimension wie „Glaube Liebe Hoffnung“. Aber mit der Moral und Metaphysik von Gut und Böse kommt man ihm ebenso wenig bei, wie mit dem Schraubenzieher des mechanischen Zeitalters, das den Menschen als vernunftbegabtes Tier und den Kosmos als Räderwerk von unablässig aufeinander folgenden Ursachen und Wirkungen ansieht.
Gewalt ist weder gut noch böse, dazu macht sie nur und ausschließlich unsere Wahrnehmung. Ebenso wenig ist sie „gerecht“ oder „ungerecht“ – dazu macht sie ausschließlich die Wahrnehmung und Interpretation ihrer Opfer oder Nutznießer.
Eines aber ist Gewalt ganz sicher: sie ist immer an ein Ziel gebunden, sie ist eine Elementarstrategie zur Erlangung eines Ziels. Das Ziel kann sein, zu vermeiden, dass ein anderer sein Ziel erreicht.

Wer dem Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt entkommen will, muss vor allem aufhören, zwischen „böser“ und „guter“, „gerechter“ und „ungerechter“ Gewalt zu unterscheiden. Er muss aufhören, nach vermeintlich rechtfertigenden Ursachen zu fragen und stattdessen die ZIELE der Handelnden erkunden.

Der Einzelne – wie das als Subjekt handelnde Kollektiv – muss imstande sein, die Perspektive zu wechseln.

Das Bild des Menschen von sich und seiner Umwelt wandelt sich fortwährend, selten freiwillig. Sigmund Freud und manche gegenwärtigen Autoren sehen etwa in der „Kopernikanischen Wende“, in Darwins Evolutionslehre, in Freuds Psychoanalyse „Kränkungen der Menschheit“. Neue Kränkung sei von der Künstlichen Intelligenz zu erwarten. Kränkung oder nicht: Seit je offenbaren Vorstellungen vom Menschen vor allem erstaunliche, bisweilen erschreckende Redundanz, selten dagegen neue Farben und Konturen. Beachtliche Beiträge lieferten etwa der amerikanische Philosoph Alva Noë mit seinem Buch „Du bist nicht Dein Gehirn“1 – zu einer „radikalen Philosophie des Bewusstseins“ und Rüdiger Safranski mit „Das Böse oder Das Drama der Freiheit“2.

Fortsetzung


1  Alva Noë „Du bist nicht Dein Gehirn“ Piper Verlag, 2010

2 Rüdiger Safranski S. Fischer Verlage 2003 „Das Böse oder Das Drama der Freiheit“

Unterwerfung

Wer seine Aufmerksamkeit von den Szenarien der „Klimarettung“ löst und sich mit realen Gefahren dieser Welt befasst, stößt auf beunruhigende ungelöste – womöglich unlösbare? – Konflikte. Ein zusätzlicher Blick in die Geschichte verdeutlicht, dass sie fast jederzeit in Kriege übergehen können, deren Verlauf und Ende Klimaszenarien erledigt. Was sagt die Erfahrung?

Die Eiapopeia- und Grusel-„Narrative“ allgegenwärtiger Quotenmaschinen lügen darüber hinweg. Sie vertrauen auf das Gewohnheitstier im Menschen, sie beschäftigen es mit Krimi, Sport und Talkshows rund um die Uhr, sie „framen“ Informationen passend zu ihrer selbstgewissen „Haltung“ und rechnen sich diese Form verblödenden sozialen „Hausfriedens“ als moralisches Verdienst an, für den jeder zahlungspflichtig ist.

Das funktioniert, weil kaum irgendwer sich nach Konflikten sehnt, fast alle sich aber gern im Fernsehen, Kino, im Buch oder Videospiel mitleidend den Verfolgten als Hüter der Gerechtigkeit gesellen, schadenfroh das Böse unterliegen sehen. Für die meisten sind Krieg, Spucken und Schläge ins Gesicht, Vergewaltigung, Raub, Einbruch in die eigene Wohnung fern ihres realen Erlebens. Sie arbeiten sich daran emotional in virtuellen Räumen lesend, zuschauend oder -hörend, Killer-spielend oder in den Scharmützeln der Social Media ab: Sie haben das alles jederzeit unter Kontrolle, so genießen sie den Kitzel der Angstlust. Falls sie bei facebook oder twitter unter verbalen Beschuss geraten, gar in einen „Shitstorm“, erwacht jäh der Wunsch, diesen Gegner auch unter Kontrolle zu bekommen. Es gibt Organisationen, die ihnen beizustehen versprechen, natürlich bieten sich – fürsorglich – der Staat und die Quotenmaschinen an.

Inzwischen dringen allerdings die weltweit brennenden Konflikte ins reale Leben ein. Das Vertrauen der Vielen in eine staatliche Ordnung, die sich das Gewaltmonopol vorbehält, wird erschüttert, wenn sie außerstande ist, es durchzusetzen. Polizisten sind längst permanent ebenso überfordert wie Staatsanwälte und Gerichte. Derweil blüht das Geschäft von Anwälten, die soziale Benachteiligung, kulturellen (religiösen) Hintergrund, persönliche Traumatisierung ihrer kriminellen Klientel wortreich zu deren Verteidigung ins Feld führen. Der Rechtsstaat kapituliert in immer mehr Fällen vor der schieren Masse notwendiger gerichtsfester Ermittlungen.

Es gibt ihn ohnehin nur noch auf dem Papier, weil mindestens ein großer Teil der Justiz nicht mehr unabhängig, sondern in ideologischen Zwangsjacken herrschender Parteien operiert. Diese Parteien aber sind nicht auf das Gemeinwohl fixiert (sofern sie es je waren), sondern auf ihre Machtimpulse. Nur die Konkurrenz mit anderen Parteien zwänge sie, über Grundwerte wie das Recht auf freie Meinungsäußerung, die Versammlungsfreiheit oder die der Berufsausübung und die Freiheit von Wissenschaft und Kunst nachzudenken. Nur Konkurrenz zwänge sie, Freiräume und Widerstände zuzulassen. Ist eine solche Konkurrenz erkennbar? In meinen Augen nicht.

Im Einparteiensystem der DDR waren Alternativen eliminiert, die „GroKo“ lässt, anhand der Aktivitäten zur Zensur im Internet und zur Ermächtigung nichtstaatlicher Korporationen erkennen, wohin sie steuert. Der BND, der Verfassungsschutz mögen demokratischer Kontrolle unterliegen – eine wachsende Zahl von mit Steuern finanzierten und von Parteien oder NGO gesteuerten politischen Korporationen sind längst unkontrollierbar. Und sie zeigen erstaunlichen Ehrgeiz, unliebsame Meinungen im bislang unkontrollierten Internet zu unterdrücken. Sie wollen eine außerstaatliche Zensur, sie wollen unangreifbar werden wie Öffentlich-Rechtliche Anstalten, deren Quotenfixierung, Versorgungsmonopol und Finanzgebaren seit langem ihren grundgesetzlichen Auftrag zur Farce werden lässt.

Sie alle haben ihre Wirklichkeiten: Die Parteiführer, die Medienchefs, die Mitläufer, die wütenden Gegenspieler von der linken, rechten, feministischen, Gender-, Islam-, Irgendwiefundi-, Veganerfront. In diesen Wirklichkeiten werden genau jene realen Konfliktfelder ausgeblendet, für die sie keine Konzepte und Strategien haben. Die Realität aber hat eine unendlich scharfe, harte und unausweichliche Kante. Sie scheidet Wollen von Erfahrung, Wahnideen von Wissen.

Dimensionen und Dynamik der Macht (I)

Pyramid_of_Capitalist_System

Die Machtpyramide des Kapitalismus im 19.Jahrhundert

Macht lässt sich in zwei Dimensionen verorten: In der materiellen und der informellen – in Besitz und sozialem Rang. In beiden formt sie sich zu verschiedensten dynamischen Systemen von Wirtschaft und Politik aus. In den zeitgenössischen Oligarchien mit ihren elaborierten, weltumspannenden Netzwerken erreichen diese Systeme höchste Komplexität. Ihr Streben geht dahin, stabil zu werden bis zur Unangreifbarkeit (so wie Individuen wünschen, unsterblich zu sein – aber diesen Gedanken führe ich hier nicht weiter fort). Sind nicht Herrschsucht und Habgier, Missgunst und Neid elementare Treiber der Dynamik aus Erlangen und Vermeiden? Und hängt nicht der informelle Machtanteil womöglich mit der Fragilität von Oligarchien zusammen?

Geschichte und Gegenwart belehren einen fortwährend, wie regelhaft manche Muster im Wechsel von Krise, Absturz, Chaos, Neuordnung immer wiederkehren, sei’s in Familien oder Sozialgebilden unterschiedlicher Größenordnung. Besitz ist offensichtlich bedeutsam für Macht; das Kapital erlangt universellen Zugriff auf Güter und Dienstleistungen aller Art – aber es würde scheitern, wäre es uninformiert. Lassen sich die Wechselwirkungen von „Materie + Information“ in den Lebenszyklen der Macht erkennen, beschreiben, gar modellieren?

Titel von "Die Berechenbarkeit der Welt"

Revolutionen, Krisen, Kriege im Computermodell?

Bernd-Olaf Küppers war Naturphilosoph an traditionsreichem Ort: nach den ideologisch verfinsterten Jahren von Nationalsozialismus und SED-Herrschaft forschte und diskutierte er an Jenas Universität als freier Geist. Küppers hat außer naturwissenschaftlicher Expertise auch gründliche Kenntnis von der Wissenschaftsgeschichte. „Was ist Leben?“, fragt er zu Anfang des dritten Kapitels in seinem Buch „Die Berechenbarkeit der Welt“ und antwortet mit der Gleichung Leben = Materie + Information. Die spröde Formel erläutert er überraschend kurzweilig: auch ein unerfahrener Leser wird verstehen können, was Physiker, Mathematiker, Biologen und Informatiker zu einem solchen Grundgedanken hinführte.  Küppers sagt den Strukturwissenschaften – etwa der Systemtheorie – als Querschnitt und zugleich als Fundament sowohl der Geistes- wie der Naturwissenschaften voraus, dass sie sich der Berechenbarkeit der Welt immer weiter nähern.

Das entspricht wohl dem optimistischen Blick eines Emeritus aus dem Jenaer Universitätsturm. Hinter dem Wunsch nach Berechenbarkeit der Welt verbirgt sich nämlich ganz realer Sprengstoff: der Wunsch, sie zu beherrschen. Das Wissen unserer Zeit wächst gewaltig, die Verhaltensmuster von Steinzeit und Mittelalter wachsen jederzeit mit: gewaltbereit. Umso dringlicher wird die Frage nach den sozialen Strukturen der Zukunft – Küppers‘ Buch wirft sie nicht auf.

Titel von "Der menschliche Kosmos"

Gefühle – Konflikte – Strategien

Einige Züge von individuellem und Gruppenverhalten habe ich in „Der menschliche Kosmos“ näher betrachtet, und der wichtigste Ansatz dabei war, nicht mehr nur nach Gründen (warum?) sondern nach Zielen (wozu?) im ununterbrochen laufenden Strom von Entscheidungen des Menschen und seiner sozialen Gebilde zu fragen. Das Geheimnis hinter – meist unbewussten, intuitiven – Entscheidungen lässt sich mit dem Begriff der Antizipation fassen. Es ist ein schillernder Begriff, ich verstehe darunter die – meist unbewusste – Vorwegnahme eines Handlungsziels, die Impulse zum Erlangen bzw. Vermeiden steuert. Wie sehr unser Alltag davon abhängt, dass wir unablässig „automatisch“ agieren, können Sie im 6. Kapitel des „Kosmos“ etwas genauer nachlesen.

Dass Macht auf besondere Weise antizipiert wird, dürfte niemanden überraschen. Das tägliche Geschehen in den „Sozialen Netzwerken“ bezeugt eindrucksvoll, wie stark die Gier nach Aufmerksamkeit ist – also nach einem Platz an der Sonne informeller Macht. Es mag sein, dass der Ruhm von „YouTubern“ und viralen Kurznachrichten nur kurze Zeit währt: Wie sehr und intensiv sie von Politik und herkömmlichen Medien in Dienst genommen werden, beweist ihre Eignung als Instrumente im Kampf um die Köpfe der Massen. Geld und Besitz erwirbt damit nur ein winziger Bruchteil der im Netz verbundenen Nutzer. Die Megakonzerne der „Aufmerksamkeitsökonomie“ aber bewegen die Welt und häufen Milliarden auf Milliarden. Sind sie andererseits nicht auch anfälliger als Stahl- und Automobilfabriken? Wie sieht es aus, wen ein solcher Koloss ins Schlingern kommt, gar zusammenbricht?

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Wolkenzüge und Raketenschirm

Danke für die einfühlsame und genaue Rezension.

schriftwechsel

Die Trilogie „Wolkenzüge“ ist mit dem „Raketenschirm“ vollständig. Ich gratuliere dem Autor und Lyriker Immo Sennewald recht herzlich!

Raketenschirm von Immo Sennewald Raketenschirm von Immo Sennewald

Haie und Wolkenzüge

In einem Haifischbecken schwimmen und von dort heraus unbeschadet Wolkenzügen nachschauen, das schafft nur eine Person in dem neuen Roman „Raketenschirm“ von Immo Sennewald. Und dieser ‚wer‘ ist Gustav Horbel.

Jedoch sollte man nicht auf die Idee kommen, Horbel sei nur ein hoffnungslos verträumter Zeitgenosse mit mächtig viel Glück im Stasi-Land. Nein, die Hauptfigur, des im März 2013 im Salierverlag erschienen Buches, ist Anfang 60, im Osten der Bundesrepublik Deutschland, der ehemaligen DDR, geboren und aufgewachsen und wie bei einem Raketenabwehrsystem lernte Gustav Horbel im Laufe der Jahre mittels ureigener „Frühwarnradarstation“ anfliegende „Raketen“ erkennen und zu unterscheiden.

Gestaltete Geschichte

Der Autor Immo Sennewald blickt im „Raketenschirm“ zurück auf das totalitäre Herrschaftssystem der DDR und er vergisst auf seiner literarischen Gipfeltour auch die parallelen Weltsituationen nicht…

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