Die geliehene Erde

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Hieronymus Bosch „Das irdische Paradies“

Wir Lebenden – so lese und höre ich immer wieder einmal – haben die Erde nur von zukünftigen Generationen geliehen. Wir seien also verpflichtet, durch nachhaltiges Wirtschaften, durch achtsamen Umgang mit der Natur und ihren Ressourcen diesen Nachfahren eine wohl bestellte Erde zu übergeben. Mindestens so wohl bestellt, wie die „Leihgeber“ dieselbe vorzufinden wünschen, wenn nicht besser.

Das bedeutet nichts anderes, als sämtliche Ansprüche von vorgestellten Menschen einer vorgestellten Zukunft samt dem vorgestellten Zustand von Tieren, Pflanzen, natürlichen Ressourcen zu Maßgaben heutiger Entscheidungen zu machen. So versuchen fürsorglichen Eltern sich die Zukunft ihrer Kinder vorzustellen, sie wünschen, dass ihre Kinder es „einmal besser haben“ sollen. Gute Eltern! Gute Eltern erziehen ihre Kinder dann gewiss auch zu derselben Haltung: Auch die haben ja nur von Nachfahren geborgt und müssen vererben, was jene an gepflegtem Planeten erwarten.

Ein Blick in die Geschichte weckt bei mir erhebliche Zweifel, ob dabei nicht allerhand schiefgehen kann. Zugleich frage ich mich, mit welchem Recht und bis zu welcher Grenze einer seinen Vorfahren vorwerfen darf, ihn nicht in eine wunschgemäß ausgestattete und gepflegte Umwelt hineingeboren, sondern ihm stattdessen gewaltige Probleme hinterlassen zu haben. Muss er sich nicht während seiner Ausbildung und seines Arbeitslebens mehr oder weniger engagiert, fleißig, manchmal erfolgreich mit „ererbten“ Kulturgütern ebenso wie mit hinterlassenen Konflikten befassen? Unsereiner hatte reichlich Gründe, das Verhalten von Eltern und Großeltern kritisch zu betrachten. Durfte ich also nicht meiner Mutter und Großmutter vorwerfen, durch das Festhalten an bürgerlichen Traditionen, durch Dulden, gar Unterstützen des Nazireichs sich mitschuldig gemacht zu haben an Krieg und Massenmorden, an den folgenden Mangeljahren, die meine und meiner Mitschüler Kindheit und Jugend prägten?

Das tat ich durchaus, dazu wurde ich von manchem Lehrer und den „Jugendorganisationen“ der DDR unablässig angeleitet. Dennoch gelang es insbesondere meiner Großmutter, meine Neugier und mein Interesse für überkommene Leidenschaften und Irrtümer, für Glück und Unglück der Vorfahren zu entzünden. Womöglich noch schlimmer: Sie brachte mich ans Lesen. Sonntags besuchte ich den Kindergottesdienst, nicht weil sie es forderte, sondern weil es mir dort gefiel. Natürlich lernte ich so auch das vierte Gebot kennen: „Du sollst Vater und Mutter ehren, auf dass dir‘s wohl ergehe und du lange lebest auf Erden.“ Ein Gebot, das auf Nachfahren verpflichtet, gibt es nicht. Kinder kommen in jüdisch-christlichen Geboten nicht vor, außer als diejenigen, die ihren Eltern Respekt schulden.

Dekalog

Dekalog-Pergament 1768

An dieser Stelle empfehle ich, die „Zehn Gebote“ der Juden und Christen einmal ebenso an der Realität zu prüfen, wie die „Zehn Gebote der sozialistischen Moral und Ethik“. Gönnen Sie sich den Spaß zu lesen, was 1958 von SED-Chef Ulbricht verkündet, 1963 ins Parteiprogramm aufgenommen wurde. So sollten wir zu neuen Menschen erzogen werden. Lassen wir Glaubensfragen einmal außen vor: Welches Gebot halten Sie für einigermaßen lebenstauglich?

Natürlich haben wir Walter Ulbrichts volkspädagogische Handreichungen damals genauso ignoriert, wie ich es heute mit Erziehungsversuchen durch Politiker, NGO oder ihnen dienstbare Journalisten tue. Sie verpflichten auf abstrakte kollektive Ziele und haben mit Realitätssinn so wenig wie mit der Kenntnis von Naturgesetzen zu tun. Ihre Fragwürdigkeit tarnen Geübtere mit ritueller Mechanik: Worthülsen vom laufenden Band. Heines Wort über „Das alte Entsagungslied, das Eiapopeia vom Himmel, mit dem man einlullt, wenn es greint, das Volk, den großen Lümmel“ ist Handlungsmaxime der neuesten Weltenretter. Na klar: „Ich kenne die Weise, ich kenne den Text, ich kenn‘ auch die Herren Verfasser. Ich weiß: sie trinken heimlich Wein und predigen öffentlich Wasser.“ Und heute jetten sie klimarettendend oder urlaubend um den Globus, ihre schwere Aufgabe verlangt Opfer.

„Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert“, heißt es. Sozialisten bewiesen oft und eindrucksvoll, dass von ideologischem Schwulst zu massiver Unterdrückung jeder Gegenmeinung nur ein kleiner Schritt ist, sobald sie zur Macht kommen. So entstanden sozialistische Paradiese mit einer ganz eigenen Moral – etwa „Alle sind gleich, aber einige sind gleicher.“ Die Sprache wurde politisch angepasst, und wer „1984“ gelesen hat, kennt die bestechende Logik von „Freiheit ist Sklaverei“, „Krieg ist Frieden“… Ich höre heute noch die Fistelstimme des „Spitzbartes“, wenn Politbürokraten die Bevölkerung über die Gnade belehren, in ihrem Paradies gut und gern leben zu dürfen

Die uralten Regeln aus der Bibel erschienen mir dagegen alltagstauglich. Ich versuche bis heute, sie weitgehend einzuhalten. Es hat mir nicht geschadet, gelang freilich nicht immer. Das ging meinen Vorfahren nicht anders, deshalb schaue ich mit einigem Respekt auf ihre Leistungen, entdecke dabei Erstaunliches und nehme jene Moralprediger nicht mehr ernst, die ihre eigene Großartigkeit durch „brutalstmögliche“ Aufklärung des Versagens überragender Persönlichkeiten der Geschichte beweisen wollen. Nur auf den Schultern makellos reiner Heroen wollen sie zu stehen kommen. Den Ansprüchen von Feministen, Philosemiten, Umwelt- und Tierschützern, Menschenrechtsaktivisten und Anti-Irgendwas-Kämpfern müssen die Unter-stützenden (korrekt gegendert!) entsprechen, ansonsten blüht ihnen posthum der Pranger.

Das Problem dabei: in der Realität sind wir von all den Milliarden vor uns im historischen Geschehen Lebenden untrennbar, auch von den schlimmsten Übeltätern. Wir können es uns nicht aussuchen, denn wir hängen an allen Prozessen, unterliegen all den bis ins Molekulargenetische ausgeprägten Impulsen der Entwicklungsgeschichte, die Menschen mit dem Universum verbinden. Die Geschichte war und ist nicht änderbar, nur interpretierbar. Man nennt das jetzt „Narrativ“, und im Dienste einer Gerechtigkeit, die bei genauerem Hinsehen viele kleine Nutznießerchen hat, darf daran kräftig weggelassen, geschraubt, beschönigt werden, um den eigenen Profit zu mehren. Je größer und mächtiger die Korporation, desto heftiger. Das ist nicht neu, aber seit dem 20. Jahrhundert haben wir gelernt, wie totalitäre Diktaturen Vergangenheit umlügen und versprechen, die Welt zu retten, auch wie sie dabei mit abweichenden Meinungen und mit Menschen umgehen, die sie äußern.

Mag sein, dass Johann Sebastian Bach – wie die allermeisten seiner Zeitgenossen – judenfeindlich eingestellt war. Seine Musik ist es nicht. Wenn das Werk mehr weiß als sein Schöpfer, wird es überleben. Eine widerlegte Theorie aber wird nicht dadurch richtig, dass sie als religiöse Wahnidee fortexistiert und womöglich Gesellschaften umstürzt. Sie hat die Wahrheit gegen sich: unsere gelebte, auf Vergangenem gründende Realität. Sie schenkt die Freiheit, Nein zu sagen, wenn Ideologen und Politbürokraten die Zukunft bewirtschaften wollen.

Wie aus Kindern Mitläufer werden

Wenn Menschen massenhaft Feindbilder übernehmen sollen, erreichen Propagandisten einer höheren Moral – egal welcher Religion oder sonstiger Ideologie – dies nur, indem sie einer hinreichend großen Zahl von Individuen Teilhabe an kollektiver Macht, kollektivem Nutzen versprechen. Die Nazis gaben ihren Mitläufern zahllose Dienstränge und Ehrenzeichen, Kommunisten verhießen das Reich der leistungslosen Anspruchsberechtigung, das Paradies auf Erden statt im Jenseits. Zugleich zeigten sie ihren Anhängern, bei wem sie sich ihre Reichtümer, ihre Wohlfahrt holen konnten. Die Grundimpulse des Erlangens und Vermeidens wurden auf “Mir nützt, was jenen schadet” fokussiert, denkende Individuen verknäuelten sich in besinnungslosem Feldgeschrei – wie die Schafe mit „Vierbeiner gut – Zweibeiner schlecht“ – auf Orwells Farm oder klammheimlicher Verschwörung zu gewaltbereiten Kollektiven. Es funktioniert immer und überall, und es funktioniert vor allem bei Kindern und Heranwachsenden.

Das Beispiel Greta Thunberg zeigt, wie sie sich massenhaft mobilisieren lassen: Kinder und Jugendliche sind besonders empfänglich dafür, an der Macht der Erwachsenen teilzuhaben. Diese Form kollektiven Hochgefühls erlebte meine Mutter bei der Hitlerjugend. Erst mit der Zeit dämmerte mir, dass “Junge Pioniere” und “FDJ” in der DDR demselben Schema folgten. Wie viele Kinder in China während Maos Kulturrevolution (1966 bis zu Maos Tod 1976) zitterte meine Frau, in Nanjing (Nanking) geboren, jeden Tag vor Angst, dass “Rote Garden” ihre Großeltern öffentlich demütigen, womöglich totschlagen würden. Deutsche Linke, als “68er” geschichtsnotorisch, feierten derweil mit erhobener Maobibel die Pogrome gegen alles Bürgerliche, sie hätten gern die deutsche “Bourgeoisie” alsbald enteignet.
Wenn hier und heute Ideologen und Politbürokraten die Verbrechen sozialistischer Regimes beschönigen und den Niedergang der Bildung an deutschen Schulen und Hochschulen herbeiführen, wenn sie wieder Schulkinder für ihre Wahnvorstellungen von Weltenrettung und Menschenverbesserung in Dienst nehmen, bedarf es keiner stärkeren Warnsignale: Ihre Ziele sind totalitär.

Ihre Mittel sind bekannt:

  • Das Verstellen der Wahrnehmung und der Sprache

  • Unablässiger Konformitätsdruck
  • Einschüchtern und “Zersetzen” aller “Abweichler” – bis zur vollkommenen sozialen Ächtung und Zerstörung der Existenz
  • Pranger und drakonische Strafen als abschreckende Exempel für andere (“Strafe einen, erziehe Hunderte”)
  • Kollektives Diffamieren bzw. Bestrafen von Freunden und Familien

Sind “die Massen” auf Linie gebracht, expandiert die systematische Unterdrückung so lange, bis die Zerstörungen groß genug sind, allen Zielen den Sinn zu nehmen: Im Krieg oder Bürgerkrieg, wenn nicht zuvor im wirtschaftlichen Kollaps. Erst dann, wenn die ziellos Vereinzelten wieder vor der Frage nach dem Sinn stehen, hat die Vernunft eine Chance zur Neuordnung. Menschen kooperieren, um zu retten was zu retten ist, es bilden sich wieder Unternehmen, Märkte, ein Rechtsstaat, der die Freiheit des Individuums zum Ziel hat – und eine Kultur unverstellter Wahrnehmung und des freien Austausches von Meinungen. So weit, so unbewältigt die historische Erfahrung – sie kostete Millionen Menschenleben, ungezählte verlorene Lebenschancen und -jahre.

Wir erleben gerade jenen Zustand von Überlagerung, jenes Sowohl-als-auch und Weder-Noch, in dem über Krieg und Frieden entschieden wird. Das nannte man vierzig Jahre lang “Kalter Krieg”, das “Gleichgewicht des Schreckens” verhinderte das Schlimmste, aber nicht zahllose Kriege, nicht das Emporkommen von “asymmetrischer” Gewalt des Terrors, nicht die Gefahr von Bürgerkriegen.
Die Treiber von Gewalt-Macht-Lust in Politik und Religion, ihre medialen Schallverstärker sind deutlich erkennbar. Ihre Mitläufer formieren sich – dank neuer Kommunikationsformen – schneller als je. Werden sie sich aufhalten lassen? Wie? Das sind Fragen, die sich uns und nachfolgenden Generationen stellen. Die Zeit wird knapp.

Opas Tabakspfeifen (3)

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Die Wirkung schlug schon nach wenigen Minuten durch: Mir wurde kotzübel, mein Darm entlud sich explosiv, die Zeitungsseiten wurden knapp. Falls Ihnen Einsteins Formel „Energie ist gleich Masse, multipliziert mit dem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit“ geläufig sein sollte, können Sie gern mal überschlägig berechnen, wieviel Megawattstunden auch nur ein Pfund Fäces bei annähernd Lichtgeschwindigkeit einer Abortgrube zuführen. Na gut, das 200 Jahre alte Fachwerk überlebte die Attacke, ich kroch danach, klapprig wie ein Gespenst aus dessen Gründerjahren, die Treppen hinauf ins Bett meines Jugendzimmers. Dort erfuhr ich wenig später Hohn und Spott meiner Mutter. Der Tabubruch war – dank der wirklich schauderhaften Note von Onkel Walters Resteknaster – unüberriechbar. Als Urheber kam nur ich in Frage. Meine berufstätige Mama, selbst starke Raucherin von ca. 20 filterlosen Zigaretten täglich, amüsierte sich königlich über den schwächelnden Einfaltspinsel, der gern ein großer Mann mit Pfeife sein wollte.

„Wenn der Oppa wüsste, was für einen Dreck du geraucht hast, würde er sich im Grab herumdrehen. Hättest dir ein paar von meinen Zigaretten nehmen sollen statt den alten Geizhals zu beklauen.“

„Das sagst du jetzt. Beim nächsten Mal frage ich dich.“

„Fang den Quatsch gar nicht erst an. Dass ich mir‘s abgewöhnen will, weißt du.“ Natürlich fiel mir sofort die verlorene Wette zu meinem fünften Geburtstag ein. Es ging darum, dass ich mir endlich den Schnuller abgewöhnen sollte. Meine Mutter gelobte, keine Zigaretten mehr anzufassen, falls ich auf den Nuckel verzichtete. Wetteinsatz war ein Roller. Ich bekam ihn. Womöglich war der Griff nach Opas Pfeife die späte Rache für den Entzug wohliger Nuckelei – darüber sollte ein Psychoanalytiker befragt werden. Der Dreizehnjährige erwiderte seiner Mutter jedenfalls hämisch:

„Wir könnten zu meinem Geburtstag um ein Fahrrad wetten, dann lasse ich‘s.“ Nur für einen winzigen Moment blieb ihr die Spucke weg.

„Hör zu, Freundchen. Du wirst dem alten Geizhals noch sehr oft um den Bart gehen müssen, bis du sechzehn bist. Wenn er bis dahin nicht abgekratzt ist und genug rausrückt, dann darfst du dir ganz offiziell einen genießbaren Tabak kaufen. Genießbaren. Rauchen ist nämlich eigentlich ein Genuss. Abfall zu verbrennen ist eine Sauerei, das wusste sogar Tante Martha. Die frigide Schachtel war zwar genauso geizig und bösartig wie ihr Herr Gemahl, dieser Schweinigel, aber eben darum: Kein Rauch im Klo!“

„Dass er bösartig und geizig ist, merke ich beim Schach spielen, aber wieso Schweinigel?“

Meine Mutter kicherte und zündete – das hatte sie vorher nie getan – direkt neben meinem Bett eine Zigarette an.

„Der alte Knabe war hinter allem her, was Röcke trug. Frag deine Großmutter. Als sein kleiner Bruder gestorben war, konnte er sich gar nicht oft genug nach dem Befinden seiner Schwägerin erkundigen. Und da lebte seine Martha noch.“

„Hm. Na ja, wenn sie doch frigide war. Eine Schönheit war sie wirklich nicht.“

„Sie war sogar fünf Jahre älter als er. Aber eine gute Partie. Ihr Vater hat ein großes Mietshaus in Berlin samt komplett ausgestatteter Herrschaftswohnung in der Beletage als Mitgift auf den Hochzeitstisch gelegt.“

„Rechnen kann Onkel Walter. Das habe ich beim Schachspielen gemerkt.“

Jetzt lachte meine Mutter lauthals los.

„Dieses tolle Schachspiel. Echt Elfenbein. Gehörte auch zur Mitgift. Er hat mit allen gespielt und immer gewonnen — soweit ich weiß. Weiß ich was? Mein Vater hat behauptet, Walter und Marthas Vater hätten die Konditionen für die Ehe beim Schachspielen ausgehandelt. Vermutlich war’s wirklich so. Eine weiße Ehe. Als Martha gestorben war, hab ich sie gewaschen. Dein Onkel Walter stand daneben und hat gesagt: ‚Ja, meine gute Martha, du bist nun also wirklich als Jungfrau gestorben’. Ich dachte, ich höre nicht recht. Die haben fast vierzig Jahre zusammen gelebt und er hat sie nicht angerührt, nur um an die Mitgift zu kommen. Dann ist er jeder anderen Frau in Reichweite nachgestiegen. Dieser Lustmolch!“

Meine Mutter zerdrückte Onkel Walter – zusammen mit ihrem Ex-Mann – im Aschenbecher. Hätte sie mich nicht zur Welt bringen müssen, wäre aus ihr vielleicht eine berühmte Malerin geworden – aber das ist schon wieder eine andere Geschichte. Die Sache mit der weißen Ehe und das verkniffene Gesicht von Tante Martha am Fenster, wenn sie uns Kinder ankeifte, weil wir ihren Mittagsschlaf störten, gingen mir nicht mehr aus dem Kopf.

In der Folgezeit unternahm meine Mutter einiges, Opas Pfeifen zu entsorgen und mir das Rauchen auszureden. Es hat nichts genützt. Ich wollte sein wie Einstein. Als ich sechzehn wurde, befugt, in dieser Angelegenheit selbst zu entscheiden, kaufte ich mir eigenes Gerät und anständigen Tabak – soweit das in der DDR möglich war. Einer von Opas alten Knastermeilern hat als Andenken überlebt, während meine Lust an friedlich glimmenden, duftenden Mischungen aus aller Welt niemals schwand. All die schauderhaften, Schrecken erregen sollenden Bildchen auf Zigaretten- und Zigarren-Verpackungen, alle Mahnungen auf Tabaksdosen, dass Rauchen tödlich sei, bewirken bei mir nur zweierlei: Ich stelle mir Leute, die so viel Missvergnügen in die Welt setzen, unvermeidlich wie Tante Martha vor. Und ich frage mich, was alles ihnen fehlt, um wenigstens ab und zu mal so sympathisch zu wirken wie der Raucher Einstein.

Ende

Opas Tabakspfeifen (1)

OpasPfeife

Student in Stuttgart ca. 1906

Dass ich an Opas Tabakspfeifen geriet, war unvermeidlich. Sie hatten sein ganzes Leben lang zu ihm gehört, immer hatte er sich Tabak verschafft und geraucht, sogar in Kriegsgefangenschaft, in den Baracken eines Camps in der australischen Wüste. Das ist über hundert Jahre her. Mit dem Krieg traf er nur zusammen, weil 1914 ein britischer Kreuzer im Indischen Ozean das deutsche Handelsschiff „Rappenfels“ aufbrachte, in dessen Maschinenraum er als Ingenieur Dienst tat. Danach saß er 5 Jahre hinter Stacheldraht, weit genug weg vom Stacheldraht der Fronten und Schützengräben, er hatte Glück im Unglück. Viele seiner Mitgefangenen starben noch 1919 auf See an der spanischen Grippe, als sie auf einem heruntergekommenen russischen Dampfer namens „Kursk“ in die Heimat expediert wurden. Dort gab es für den Schiffsingenieur Karl keine Zukunft, denn die Handelsflotte hatten die Briten als Entschädigung übernommen.

Den zweiten Krieg überlebte er, zu alt und zu krank für den Heldentod, daheim in Thüringen. Aber er hatte von seinen früheren Seereisen außer einigen exotischen Pfeifen aus Ton, Meerschaum und Tropenholz das Fernweh mitgebracht. In Bücherschränken, auf Regalen, in Vitrinen standen die Blickfänge meiner kindlichen und jugendlichen Sehnsüchte: hauchdünnes Porzellan aus Japan, Buddhafiguren aus Singapur, ein Ebenholztisch aus Indien. Ein ausgestopfter Kugelfisch und ein Haifischgebiss waren von Hand beschriftet: „Madras 1911”.

Mit diesen geheimnisvollen Utensilien bin ich aufgewachsen. Kaum dass ich lesen konnte, verschlang ich „Köhlers Deutschen Flottenkalender”, von 1906 bis 1913 jährlich erschienen, ich bestaunte die Panzerkreuzer, bedauerte, dass diese Riesenschiffe, auf deren Decks sich Matrosen reihten, befehligt von würdig dreinblickenden Backenbärten über Uniformbrüsten voller Orden, dass all diese Pracht und Herrlichkeit mit dem Kaiserreich untergegangen war. Die deutschen Ingenieure – waren ihre Schiffe, Zeppeline, Automobile nicht die besten? Hatten sie nicht immer wieder Land und Leute emporgebracht, ganz nach vorn? Nur im Krieg hatten sie kein Glück – das beschäftigte den kaum Zehnjährigen. Was es damit auf sich hatte, erfuhr ich weder von der Mutter noch von der Großmutter; was letztlich entschieden hatte über Sieg oder Niederlage, blieb ein dunkles Geheimnis, blieb Pech, das an den Deutschen klebte, mit den Russen ins Land sickerte, die Thüringer Familie von den Verwandten im Westen isolierte und das Reden über Verlorenes, über Reisen, Freiheit und Fernweh in rigide politische Fesseln zwang.

Opa war längst tot und begraben, als ich lesen lernte, aber seine Tabakspfeifen waren übriggeblieben, ebenso wie die Zutaten: Tabaksbeutel, Tabaksdosen, Reinigungsgerät und ein bleiernes Gefäß mit bleiernem Deckel, um den Stoff zu pressen, aus dem der alte Mann die schönsten Kringel zauberte, wenn er eine der Pfeifen entzündete. Damit hatte er die Augen des Kindes zum Leuchten gebracht, als er es unterm Weihnachtsbaum auf dem Schoß hielt. Eigentlich nur ein einziges Mal, im Jahr vor seinem Tod und meinem dritten Geburtstag, 1953.

Dass einer sich an etwas erinnert, was vor dem dritten Geburtstag geschah, halten Entwicklungspsychologen für ausgeschlossen. Beschäftigten meine Phantasie also nur die herumliegenden Pfeifen und Utensilien, die Erzählungen und das sichtbare Beispiel meines Onkels, Karls Bruder, der ebenfalls rauchte, allerdings billige Zigarren? Deren abgeschnittene Enden hob er in einer Schachtel auf, um sie schließlich in der Pfeife zu rauchen. Ja, er war geizig, aber tolle Kringel produzieren konnte er auch.

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Hoffnung unter Panzerketten

Titel zu Erich Loests "Sommergewitter"

Loest erlebte das DDR-Zuchthaus als Gefangener. Er kannte auch die Perspektive der Mächtigen

Jahrestage, Jubiläen, Gedenkfeiern bringen selten frische Gedanken, originelle Erkenntnisse hervor, schon gar nicht, wenn sie gemütlich im Mainstream dümpelnden Journalisten anbefohlen werden. Ein kurzer Blick auf Texte zum 17. Juni 1953, zum 13. August 1961, zu den sowjetischen Militäraktionen in Ungarn 1956, in der ČSSR 1968, zur Geschichte der polnischen Werftarbeiter und der Gewerkschaft „Solidarność“ in den 70er und 80er Jahren, zum Massaker der Chinesischen Politbürokratie auf dem Tian’anmen am 4. Juni 1989 und nicht zuletzt zum Mauerfall 1989 genügt meist, mich zu überzeugen, dass ihre Lektüre so aufklärerisch und demokratiefördernd ist wie ein Pfund Toastbrot vom Discounter.

Man könnte einwenden, dass mit ärmlichen, ausgeleierten Fakten und zu nichts verpflichtenden, moralischen Worthülsen die „Chronistenpflicht“ zu erfüllen, immer noch besser sei, als solche historischen Landmarken dem Vergessen zu überlassen. Ich bezweifle das. Banalitäten und ritualisierter Wortgebrauch erzeugen Überdruss und ebensowenig Verständnis fürs historische Geschehen wie das Auswendiglernen dynastischer Erbfolgen.

Titelbild zu György Dalos "1956"

Mit 13 erlebte der Autor russische Panzer in Budapest

Das Erinnern von Zeitzeugen, ihre Ängste, ihre Verzweiflung, ihr Mut und ihre Entscheidung zum Widerstand verschwinden hinter Phrasen und medienpolitsch gleichrichtendem Geräusch. Freilich: Wenn Mitläufer erzählen, ist wenig mehr zu lernen als das Mitlaufen, das langweilt. Jugendliche werden so kaum mehr erreicht. Sie erkennen nicht, welche Verhaltensmuster damals wie heute die Herrschaft des Unrechts begünstigen, und wie sich Einzelne dagegen wehren können. Ihr eigenes Verhalten ist davon entkoppelt. In der auf Sicherheit programmierten Welt der An-Gestell-ten erlabt man sich, wohlig erschaudernd, an den Konflikten, Gewalttaten, Abenteuern, Leiden fiktiver Gestalten in komfortabler, berührungslos Distanz via Leinwand oder Bildschirm, manchmal noch auf Buchseiten.

„Es muss etwas geschehen, aber es darf nichts passieren“, ist das Losungswort der Zeit. Die Realität minimiert Risiken, lässt Abenteuer nur im umzäunten Bereich zu, verdrängt Konflikte. Viele suchen sie dort, wohin das Angebot sie lockt, also gern in bipolaren Gamer-Welten, Serien und Filmen über heilige Kriege vom Mittelalter quer durch die Neuzeit bis in eine Zukunft aus digital aufgedonnerten Mythologemen. Allgegenwärtige Bewegtbilder verhelfen schmerz- und risikolos zum erhabenen Selbstgefühl eines Helden auf der Seite des Guten. Wundert es jemanden, dass der Büchermarkt sich diesen Schemata weitgehend anpasst hat? Verkauft wird, was TV-Quote und Blockbuster nahelegen. Es sind vor allem erfahrungslose Erzählungen. Sie ersticken die Fähigkeit, sich für anderes als das Vertraute und Erwünschte zu öffnen, sie verstellen den Blick in die Geschichte.

In den totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts wurde Geschichte innerhalb der kulturellen Gleichschaltung auf bizarre Weise geklittert. Die dagegen aufbegehrten, waren fast immer Einzelgänger, Verfemte, Verlachte. Nur selten gelang es ihnen, sich in Gruppen von Außenseitern zu organisieren, noch seltener konnten sie sich an die Spitze größerer Bewegungen von Unzufriedenen setzen. Den Zusammenbruch eines Systems überlebten sie meist nur, um sich ohnmächtig – bestenfalls oder auch schlimmstenfalls abgefunden – der neuen Politbürokratie und ihrer historischen Selbstbeweihräucherung in den Medien gegenüberzusehen.

Titel von Pavel Kohouts "Mein tolles Leben mit Hitler, Stalin und Havel"

„Die unendliche Leichtigkeit des Seins“ machte ihn berühmt

Im Westen Sozialisierte können das kaum jenen nachempfinden, die totalitäre Gesellschaften an Leib und Seele erdulden mussten. Das wird am Umgang mit den „68ern“ überdeutlich. Die literarischen Zeugenaussagen, oft auch Meinungsäußerungen der Oppositionellen im „real exisitierenden Sozialismus“ sind mit dem Mainstream des Marktes kaum vereinbar. Er entstand mit dem Vordringen sozialistisch gestimmter Kräfte in Führungspositionen von Staat und Gesellschaft infolge der 68er Bewegung. Schlimmer noch: Politbürokaten des Westens und ihre mediale Clacque verweigern Polen, Ungarn, Tschechen, Slowaken, Balten, Ostdeutschen das Verständnis für die nachwirkende Furcht, ihre Selbstbestimmung an eine „EUdSSR“ zu verlieren. Das offenbart sich am 21. August 2018, da sich der Einmarsch sowjetischer Panzer in der Tschechoslowakei, die Zerstörung der letzten Hoffnung auf Reform des Sozialismus im Herrschaftsgebiet Moskaus, zum 50sten Male jährt, wieder schmerzhaft.

Darum empfehle ich ein paar Bücher, die erzählen, ohne bequeme Distanz zuzulassen. Über Liao Yiwus Gefangenschaft nach dem Protest gegen das Massaker 1989 habe ich berichtet: „Für ein Lied und hundert Lieder“ erschien nach seiner Flucht 2011 ins Exil. Es ist so aktuell wie damals. Der Tod seines Freundes Liu Xiaobo, Friedensnobelpreisträger von 2010, infolge brutaler Gefangenschaft und die endlich mit internationaler Unterstützung gelungene Befreiung seiner Witwe Liu Xia sind beständige Mahnung, den Heils- und Harmonieversprechen kommunistischer Parteien misstrauisch zu begegnen.

Titelbild zu Immo Sennewald "Blick vom Turm"

Zwischen zwei Jahrhunderten – mit dem Blick aus einem dritten

Für mein eigenes Leben war der 21. August 1968 ein wegweisender Tag. Was dem kaum 18jähringen damals widerfuhr, floss in den ersten meiner drei Romane über deutsch-deutsche Geschichte, über die Musik der Jugend, ihre Abenteuer, Lust und Leid, Glück und Abstürze in der DDR zwischen Thüringer Wald und Berlin – und im vereinigten Deutschland ein. Der August 1968 ist 50 Jahre her – und nichts ist vergessen. Aufgeschrieben wurde vieles schon in den 80er Jahren, erscheinen konnte es erst mit dem Abstand weiterer 20 Jahre, 2008. Und das geschah auch aus der Erfahrung, dass im Westen nicht begriffen wird, wie kollektivistische Ideologien den Untergang der DDR überdauerten, und welche Gefahren mit dem bequemen Leben einhergehen, das Politbürokraten und ihre mediale Gefolgschaft versprechen.

Die Abenteuer des kleinen Gustav Horbel in der großen Stadt Berlin im August 1968, als in Prag die Panzer rollten, sind im Salier Verlag Leipzig erschienen.

Links zu den Büchern:

Ideen beim Aufräumen des Kellers

Von Wahlen ist andauernd die Rede, Umfragen und Prognosen sind allgegenwärtig in den Medien, auch wenn es noch ein Jahr oder länger dauern kann, ehe einer wieder aufgefordert ist, seine Stimme abzugeben. Das ist schon lästig genug, schlimmer wird es, wenn Wahlplakate auftauchen. Sie fordern dazu auf, sämtliche schlechten Erfahrungen mit Parteien zu vergessen und zu glauben. Woran? An Versprechen, die so schwammig, irrational und unglaubwürdig sind, dass sie schon von Weitem stinken. Gestern fielen mir bei einer ungeliebten aber nützlichen Arbeit ein, welchen Reim ich mir darauf machen könnte, um mich weniger zu ärgern.

Wahlversprechen

Wenn‘s im Keller schimmlig müffelt
könnte es geboten sein
man schaut dort in Ecken rein
wo von Flaschen, ausgesüffelt
noch Kartons ihr Dasein fristen
die uns einstmals, bunt und fein
sagten, was wir trinken müssten
um von Herzen froh zu sein.

Solche Reste riechen übel
wie Erinnerung an Wahlen
als ich einstmals unter Qualen
bombardiert mit Wachstumszahlen
leicht beschwipst von den Versprechen
mich entschloss, den Schwur zu brechen
nimmermehr daran zu glauben
dass – ob Falken oder Tauben –
der Gewählten einzig Ziel
nicht sei: Wähl mich – und schweig still.

In der Stille fault sodann
was man nur noch ändern kann
wenn man hart und ohne Säumen
ausräumt, was statt bunten Träumen
Moder und Verfall gebar.
Merke: Über falsch und wahr
frage nicht die Emballage
Prüf den Inhalt, hab Courage.
Was dir imponieren will
allzu oft ist‘s nichts als Müll.

Lichtzeichen im Labyrinth

igel_terror_su.jpg_1Schon nach kurzem Einlesen erstaunte mich die Recherchearbeit, die Regine Igel für ihr Buch geleistet hat. Ein enormes Puzzle von Zeiten, Orten, Personen tat sich auf, zusätzlich kompliziert durch Lücken und Schwärzungen in den Archivalien aus Stasi-Unterlagen, die man ihr beim BStU herauszugeben bereit war. Die größte Komplikation liegt freilich im Wesen der Sache: „Terrorismus-Lügen“ sind mehr als die gängigen Deckmäntel überm Agieren der Stasi, die einem beim ersten Blick auf den Buchtitel einfallen. Lügen, Fälschungen, Tarnen und Täuschen, kurz: Desinformation sind Methoden des Terrorismus selbst – und der Geheimdienste von Staaten, die dessen Handeln aus dem Untergrund gern und meist skrupellos ihren Interessen dienstbar machen. Insofern müsste die einstige Abteilung XXII des Mielke-Ministeriums nicht „Terrorabwehr“ sondern eigentlich „Terrorlenkung“ heißen.

Markus Wolf, bis 1987 Stellvertreter Mielkes und Chef der „Hauptverwaltung Aufklärung“ gab 1997 „Partnerschaften“ mit der PLO, mit dem berüchtigten „Schakal“ Carlos, mit der RAF zu – unbestimmt und vernebelnd. Fest steht, dass in den Jahren 1989 und 1990 vor allem bei der HVA und der Abteilung XXII sehr gründlich und erfolgreich die „operativ entscheidenden“ Akten vernichtet wurden. So entgingen deren Mitarbeiter möglichen Anklagen wegen der Beteiligung an Morden und Attentaten. Das dort gesammelte Wissen war und ist freilich auch für die westlichen Geheimdienste nützlich, weshalb eine riesige Menge erhaltener Akten im Interesse der „Staatsräson“ bis heute unter Verschluss bleiben, Regine Igel durfte sie nicht nutzen.

Sie erschloss sich Quellen im Ausland – etwa anhand der sehr weitgehenden und genauen Ermittlungen zum Terrorismus in Italien – und durchstöberte Zeitungsarchive, las zahllose einschlägige Bücher, glich mit Dokumentationen und Spielfilmen ab, befragte Zeitzeugen, übersetzte selbst aus dem Italienischen und Englischen. So fand sie heraus, wie unterbelichtet in allen Darstellungen der RAF-Aktionen das Zusammenspiel mit der Stasi erscheint. Die Netzwerke nahöstlicher, italienischer, japanischer und westdeutscher Kommandos waren mit Ostberlin eng verknüpft, fast immer mit Stasileuten infiltriert, einzelne Akteure wurden bezahlt und an geheimen Ausbildungsorten trainiert, tauchten zeitweise in der DDR unter, wurden mit Pässen und Legenden versorgt.

Neben dem frappierenden Gesamtbild, das sich trotz der staatlich verordneten Leerstellen aus dem Puzzle ergibt, erschafft die Autorin ein Panoptikum wichtiger Figuren. Es sind zahlreiche Doppel- und Mehrfachagenten darunter; bis zu Kassenbelegen der Stasi sowie Ein- und Ausreisedaten des Bundesdeutschen INPOL-Systems herunter hat Regine Igel Feinstrukturen untersucht. Wer immer sich mit dem Thema RAF und internationaler Terror befasst, wird ihre Aufschlüsse schätzen. Für mich war die Lektüre zugleich aufregend und mühsam; das Hin und Her zwischen Orten, Figuren, Ereignissen verlangt mehrfaches Lesen, Aufmerksamkeit für zahlreiche Anmerkungen, aber der Gewinn an Einsichten und Hinweisen auf weiterführende Lektüre ist enorm: Obwohl „Terrorismuslügen“ schon 2012 erschien, hat das Buch nichts an Brisanz eingebüßt.

Seine Botschaften könnten – mit den Worten eines ziemlich erfolglosen Innenministers ausgedrückt – „die Bevölkerung verunsichern“. Es zeigen sich Komplementarität und Korrespondenz von Staat und Terror: Die hohe Mobilität von Attentätern und Auftragskillern signalisiert, dass niemand an irgend einem Ort dieser Welt sicher sein kann, so will es der Terrorismus. Er kommuniziert über brutale Gewalt seine Ziele und seine Macht, damit bricht er das Gewaltmonopol des Staates. Er operiert klandestin wie die Geheimdienste, die sich spektakuläre Operationen in der Öffentlichkeit nur selten erlauben können, die aber die Sicherheit des Staates und seiner Bürger schützen sollen. Korrespondenz ergibt sich da, wo Information abzuschöpfen, wo Destabilisierung Dritter beabsichtigt ist, und es entstehen giftige Bündnisse, etwa von Rechts- und Linksextremisten, die auf Antiamerikanismus und Antizionismus gründen. Auch dabei zogen, das deckt Regine Igel auf, Stasi, KGB und andere östliche Geheimdienste jahrzehntelang die Fäden. Ein Blick auf heutige politische Konstellationen der Großmächte lässt erwarten, dass Strategien des „Deep State“ insbesondere mit islamistischem Terror kalkulieren. Deutschland ist für ihn ein logistisches Dorado.

Regine Igel „Terrorismuslügen – Wie die Stasi im Untergrund agierte“, Verlag F.A. Herbig, 2. Auflage Stuttgart 2018, 336 Seiten, 23 €