Liz Taylor an der Köttelbecke

Sie wissen nicht, was eine Köttelbecke ist? Dann wissen Sie wenig über das Ruhrgebiet und seinen besonderen Charme. Keine Ahnung, ob Reste davon die nächsten Jahre, geschweige Jahrzehnte überleben werden. Sein Gesicht wird von Migrationsprozessen verändert wie nie zuvor – charmanter wird es kaum werden. Dabei waren die ineinander verklumpten Städte zwischen Dortmund und Duisburg schon im 19. Jahrhundert Schmelztiegel der Zuwanderung: Aus allen deutschen Kleinstaaten und Osteuropa, vor allem Polen strömten Arbeiter herbei. Im Kaiserreich wurde “der Pott” Schwungrad der wirtschaftlichen Prosperität, nach dem II. Weltkrieg Kernreaktor des Wirtschaftswunders. Die Schlote rauchten, Abraumhalden und Müllkippen wuchsen, Bäche und Flüsse erstickten am Unrat aus Siedlungen und Fabriken. Wegen der vom Bergbau verursachten Erdbewegungen konnten Abwässer nicht unterirdisch abgeführt werden, so transportierten zahllose offene Kanäle des “Emschersystems” – die sogenannten Köttelbecken – stinkende Fracht zum gleichnamigen Fluss, er wurde zum schmutzigsten Europas.

Boye Direkteinleitung von verschmutztem Wasser

Einleitung von Schmutzwasser in die Boye 2005 (Foto: Diplo in der Wikimedia CC 3.0)

Seit der Wert von Kohle und Stahl dahinschwand, kämpfte die inhomogene, raue, zähe, zunehmend multiethnische Bevölkerung des eigenartigen Konglomerats zwischen Rheinland und Westfalen erbittert darum, sich vom Sanierungsfall der Bonner Republik in eine Zukunftsregion zu wandeln. Schon Ende der achtziger Jahre konnte einer dort unter blauem Himmel zwischen ergrünenden Industriebrachen, renaturierten Gewässern, Denkmälern der Gründerzeit auf stillgelegten Bahnlinien radeln und daneben Beweise erfolgreicher Startups finden – ein Computerspiel aus Wattenscheid wurde in den 1999 epidemisch: die Jagd auf Moorhühner.

Damals begann auch das große Vorhaben der “Emschergenossenschaft”, aus Köttelbecken wieder muntere, lebendige Bäche zu machen. Unser Garten grenzte an einen der offenen Abwasserkanäle, ein Stacheldrahtzaun trennte das Grün von der Betonrinne. Wir pflanzten Knöterich, er überwucherte rasch das hässliche Markenzeichen des Ostberliner Sozialismus, ließ allerdings im Sommer, wenn wenig Wasser floss, manch übelriechenden Schwaden durch.

Emscher in Recklinghausen

Die Emscher bei Recklinghausen im Januar 2005 (Foto: Stahlkocher in der Wikimedia CC 3.0)

Unsere Nachbarn am anderen Ufer, ein Ehepaar von etwa sechzig Jahren, waren trotzdem fast immer in ihrem Gärtchen. Sie hatten sich sogar einen kleinen runden Pavillon mit grünen Fensterscheiben gebaut, obwohl es vom Liegestuhl nur ein paar Schritte ins Haus waren. Wir wunderten uns anfangs, wieso jemand sich in einem Gartenhaus grüne Gardinen vor die Fenster hängte, bis wir bemerkten, dass es weiße Stores hinter grünen Scheiben waren, die uns befremdeten, vermutlich ein Sonderangebot. Ebenso befremdlich erschien uns, dass im Pavillon, den aufzubauen einiges Geld und gute zwei Wochenenden handwerklicher Arbeit gekostet hatte, offensichtlich nur Gartenmöbel untergestellt wurden. Auch dieses Rätsel löste sich: der Pavillon beherbergte etwas viel Kostbareres. Dort stand – in Reichweite, nicht etwa in der eine Gehminute entfernten Küche – der Kühlschrank, und im Kühlschrank war das Bier.

Für unsere Nachbarn war wichtig, das Bier in der Nähe zu haben, weil sie sich fast immer stritten. Sie redeten ausdauernd aufeinander ein, und die wellenförmig aufbrandenden Gespräche gipfelten in Beleidigungen. Ein solcher Zyklus der Aufregung lief aber nicht synchron mit dem Leeren einer Bierflasche ab. Wir konnten zunächst nicht herausfinden, wer von beiden mehr und schneller trank, aber einerlei: es wäre anscheinend einem Koitus Interruptus gleichgekommen, hätten sie eine besonders heftige Attacke wegen einer leeren Flasche, also eines Ganges in die Küche, unterbrechen müssen. Tatsächlich war der Kühlschrank im Pavillon mit den grünen Fensterscheiben Teil eines ebenso detailliert wie unbewusst inszenierten und mit nicht nachlassender Energie aufgeführten Dramas. Die beiden quälten einander mit Hingabe, sie genossen im Gleichmaß Bier und Beschimpfungen (die Texte variierten so wenig wie die Biermarke), sie büßten an Schwung und Emotionalität nie ein.

Es wäre sinnlos, Gründe für das Gezänk finden zu wollen, nicht einmal Anlässe ließen sich erkennen – außer dass die Sonne schien und Bier im Kühlschrank war.

Soweit wir den zu uns über den Zaun herüber wehenden Sprachfetzen vertrauen konnten, währte die Beziehung trotz periodischer Konflikte an der Grenze zur Gewalttätigkeit schon 40 Jahre. Wir begannen zu verstehen, dass Mann und Frau nicht um Gründe von Ärgernissen stritten, die auszuräumen waren. Sie stritten schon gar nicht um Veränderungen ihrer Umgangsformen miteinander. Bei all der wiederkehrenden Aufregung, all dem Reden und Gestikulieren, während sie sich gegenseitig aufreizten und ankeiften, ging es im Gegenteil darum, dass sich NICHTS verändern sollte, sondern dass jeder immer wieder aufs Neue seine Rolle, seine Wahrnehmung von sich selbst gegen den anderen verteidigte. Es handelte sich um eine Dynamik, deren Ziel das Gleichgewicht war. Und genau deshalb, um dieser zum Ritual gewordenen Dynamik willen, unterscheiden sich die Konflikte unserer damaligen Nachbarn nicht von den meisten heutigen Konflikten zwischen Parteien, Völkerstämmen, Nationen, religiösen Gemeinschaften. Dort allerdings kann ein Gewaltausbruch Schlimmeres bewirken als ein blaues Auge und ein paar zerschlagene Bierflaschen.

Edward Albee hat Ähnliches in sein brillantes Theaterstück „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ hineingeschrieben; der Film mit Elizabeth Taylor und Richard Burton wurde vermutlich schon deshalb zum Klassiker, weil die beiden Schauspieler sehr nahe an eigenem Erleben agierten. Dramen wie die von Albee lassen uns beispielhaft nachempfinden, dass Sozialgebilde – nichts anderes ist eine Ehe – den gleichen Strategien folgen, wie andere lebendige Formen: Sie bilden in sich relativ geschlossene, dennoch für den Energie- und Stoffaustausch mit der Umwelt offene, dynamische Systeme mit dem Ziel der Selbsterhaltung und Reproduktion. Nicht nur – aber am einfachsten – durch Ausbrüche von Gewalt und Zerstörung werden wir Mitfühlende von Dramen und absolvieren meist unbemerkt ein „Mitspielen“ unserer eigenen Gefühle und Konfliktstrategien. So verwickeln uns Bühne, Film, manchmal sogar das Fernsehen in die Dynamik von Sozialgebilden, etwa einer Ehe an einer amerikanischen Kleinstadtuniversität oder an einer Köttelbecke in Wattenscheid.

Mehr dazu in „Der menschliche Kosmos“

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Verstopfte Zukunft–freigeschossen

Glock_17Am 26. April werden es zehn Jahre, dass Robert Steinhäuser, ein 19jähriger Erfurter, sich schwarz maskierte, sich mit einer Pistole Glock 17, 9mm und einer Pumpgun bewaffnete, in das Gymnasium ging, aus dem ihn eine ums Renommee ihrer Schule besorgte Direktorin ein halbes Jahr zuvor hinausgeworfen hatte.

 

 

Er erschoss zwölf Lehrer, die Sekretärin, zwei Schüler, einen Polizisten, dann sich selbst. Die Bluttat mündete in die solchen Taten zwanghaft folgenden Sozialrituale. Trotz anschwellender Medienverstärkung haben diese Rituale das nächste Massaker nie verhindert, sie werden es – fürchte ich – auch künftig nicht tun. Das liegt vor allem daran, dass nach einem “Warum” gefragt wird, aber nicht  nach dem Ziel des Täters, nicht nach den Handlungsimpulsen, die auf dieses Ziel fixiert sind. In einer Gesellschaft, die sich fast ausschließlich darum bemüht, den Fortgang der je eigenen Geschäfte sicher-zu-stellen, anderen also die Zukunft zu verstopfen,  werden zwangsläufig diejenigen übersehen, denen die Zukunft verstopft wird. Nicht alle schießen sie sich frei.

Die folgende Geschichte ist persönliches Nachdenken zum Thema.

Weshalb ich dieses Geschehens in meiner Erinnerung so sicher war? Ich weiß es nicht. Es gab keinerlei gefestigte Daten, keine verlässlichen Zeugen, keinen Ort auf dem Friedhof, der hätte beglaubigen können, dass dieser Selbstmord sich 1968 wirklich ereignet hatte, aber ich hätte Stein und Bein darauf geschworen. Meine Sicherheit stützte sich seltsamerweise auf Schreckenstaten der jüngsten Vergangenheit: auf die Erschießung von Jugendlichen – fast nur Mädchen – durch einen Mitschüler in Winnenden im März 2009, auf ein ebensolches Blutbad unter Lehrern in einem Erfurter Gymnasium am 26. April 2002, auf brutale Übergriffe von Jugendlichen in den USA wie hierzulande. Sie stützte sich vor allem auf ein Gesicht – es ähnelte den Gesichtern der beiden Schulselbstmörder: es war rund, eher kindlich als markant, von blonden Haaren umrahmt, die zu lang waren, als dass sie nicht seinerzeit das Missfallen von Lehrern und FDJ-Funktionären erregt hätten.

1968 war das, und der 17jährige, der zu diesem Gesicht gehörte, war ein unauffälliger, zurückhaltender und nicht etwa für seine Aggressivität bekannter Schüler. Unauffällig, eher angepasst – wie die Selbstmord-Attentäter von Erfurt und Winnenden. Er war ganz anders als ich. Während meiner Schulzeit, vor allem in den letzten Jahren bis zum Abitur, fiel ich andauernd auf: durch Unbotmäßigkeiten, Pausenclownerien, Stören im Unterricht, politische Äußerungen, deren feindlich-negativer Charakter alsbald durch eine aufmerksame Mitschülerin der Schulleitung hinterbracht und in Akten der einschlägigen Behörde verewigt wurde. Aber meine Lehrer warfen mich nicht hinaus. Sie hielten mich für einen hellen Kopf; sogar der Parteisekretär, der es später zu einem hohen Posten in der Bezirksleitung der SED bringen sollte, sah durch die Finger. Ich hatte Glück. Und ich hatte ein schlechtes Gewissen.

Denn dieser andere, stille Junge war ungeschützt, als sie ihn hinauswarfen. Anders als ich hatte er nicht den ganzen Wissenskanon der marxistisch-leninistischen Fächer drauf; er beteiligte sich weder an Mathematik- noch an Russischolympiaden. Er war den Zensuren nach durchschnittlich und – so sagte mir die Erinnerung – weder Rebell noch romantisches Sensibelchen, aber dann brachte er sich um. Er tat das wegen des Verweises „von allen Erweiterten Oberschulen der DDR“, einer Strafmaßnahme, die gleichbedeutend mit dem Ausschluss von so gut wie jeder Studienmöglichkeit war. Er tat es, weil ihm damit die Welt zusammenbrach. Aber wofür der Hinauswurf?

Der junge Mann hatte auf dem Tanzboden – also in aller Öffentlichkeit – ein T-Shirt mit dem Union-Jack getragen, ein Mitbringsel der Westverwandtschaft vielleicht oder eines der Großmutter von einem Besuch im Reich des Klassenfeindes, der Aufmerksamkeit der Sicherheitsorgane entgangen, durchgerutscht, begeistert aufgenommen vom jugendlichen Fan englischer Musikgruppen, stolz vorgezeigt beim Schwof, bunte Feder beim Balzspiel vor den Hübschen, die ihn sonst immer übersehen hatten. Das hatte der sonst Unauffällige gewagt – und verloren. Jemand hatte ihn angeschwärzt, er war geflogen. Daran meinte ich mich zu erinnern.

Nur um kurzzeitig jungen Mädchen zu imponieren, hatte er einen entsetzlichen Preis gezahlt: seine ganze Zukunft. Denn die DDR war sieben Jahre nach dem Bau der Mauer der einzige Ort, wo es für ihn eine Zukunft gegeben hätte, es gab kein anderswo, kein danach. Den Traum von Gegenden, über denen der Union-Jack statt Hammer und Zirkel im Ährenkranz auf Schwarz-Rot-Gold wehte, durfte er nicht einmal träumen. Unentrinnbar gesichert durch Minen und Stacheldraht wartete der Alltag im sozialistischen VEB auf den vom Studium Ausgeschlossenen. Diesen Alltag hatten wir Oberschüler schon kennen gelernt, denn wir gehörten zu den Jahrgängen, denen zum Abitur der Erwerb eines Facharbeiterbriefs – vulgo Gesellenprüfung – verordnet war. Wir tauchten alle drei Wochen in einem Betrieb auf, meistens freuten sich die dort Beschäftigten, dass wir für alle liegen gebliebenen, unangenehmen Arbeiten eingeteilt werden konnten. Der Tonfall, mit dem der Werkstattleiter seinerzeit die Worte „Oberschüler“ und „Zukunftsingenieure“ artikulierte, ist unvergessen.

Diese Zukunft war der Tod. Es war die Aussicht aufs unabänderliche Ritual allmorgendlichen Weckerklingelns, trostloser Transporte in stinkenden Bussen, erzwungener Gemeinschaft im „Kollektiv“, die um so schlimmer war, als sie andauernd zu erwünschter Gemeinschaft umgelogen wurde, es war die Aussicht, sich in den nächsten achtundfünfzig Jahren totzuschuften für den Sieg des Mauersozialismus und dabei mit einem Brandmal herumzulaufen oder zumindest so lange eine Maske überzustreifen, bis dieses Mal in Vergessenheit geriet. Es wunderte mich nicht, dass der junge Mann mit dem kindlichen Gesicht unterm blonden Schopf vor dieser tödlich verstellten Zukunft kapituliert, sich einen Strick genommen und im Stadtpark erhängt hatte.

Während meiner Zeit in der DDR fragte ich mich selbst immer wieder einmal nach dem Sinn eines Weiterlebens nach Hinauswürfen, Berufsverbot, „Zersetzungsmaßnahmen“ von Stasis. In meiner Umgebung nahmen sich mehrfach junge Menschen das Leben: eine Frau von Anfang 20, die nicht zu ihrem nach Westberlin geflohenen Freund ausreisen durfte, ein exmatrikulierter Schauspielstudent. Diese Tode zur Unzeit enthielten für mich immer Botschaften: „Da ist nichts und niemand mehr, die es wert wären, am Leben zu bleiben“, war eine. „Ich gehe in den Tod, damit ihr die Welt ändert“, eine andere. Die sie als lebende, sterbende Fackeln in die Öffentlichkeit trugen wie der Student Jan Palach, der Pastor Oskar Brüsewitz, wie buddhistische Mönche derzeit in Tibet, die damit das von der Kommunistischen Partei verordnete Schweigen brachen, erschütterten mich; die im Stillen gingen, waren mir näher in ihrer Ohnmacht zur Verzweiflung; ihnen gegenüber fühlte ich mich mitschuldig, weil mein Leben – wenn auch von Konflikt zu Konflikt – weiter funktionierte. Die Partei fürchtete selbst die leisen Abschiede: Ab 1963 wurden alle Statistiken zu Geheimpapieren, 1977 wurde das Verbot, über Suizide zu publizieren, noch einmal verschärft. Jeder Suizid schlug den Glücksverheißungen für alle, der ultima ratio des Kommunismus den Boden weg. Dafür hätten die Funktionäre immer noch wohlfeile Erklärungen mit „psychischer Labilität“ oder „persönlicher Tragödie“ parat gehabt; was sie wirklich scheuten, waren nachprüfbare statistische Daten. Diesen Daten nach lag die Rate der Suizide in der DDR erheblich höher als im Westen. Die Funktionäre sahen sie als Munition für den Klassenfeind.

Inzwischen sind Selbstmorde öffentliches Gemeingut. Sie werden umso lieber publiziert und in Massenmedien breit getreten, je prominenter die Toten, je ausgefallener die Todesarten; noch ausführlicher und mit noch größerem finanziellen Gewinn, wenn es „erweiterte Selbstmorde“ sind, also Angehörige oder Unbeteiligte mit in den Tod gerissen werden. Der Chor der – mal klagenden, mal empörten – Kommentare singt inbrünstig „Warum?“ dazu, hingebungsvoll schmücken Fachleute und solche, die sich dafür halten, die jeweilige Vorgeschichte aus. Beinahe immer tauchen darin Wendungen wie „still“, unauffällig“, „höflich“, gar „freundlich“ auf. Man konnte nichts ahnen. Man darf sich unbeschwert in der Sicherheit wiegen, derlei nicht vorhersehen, geschweige verantworten zu müssen.

Gerade deshalb erschien der Tod meines blonden Mitschülers vor 40 Jahren meinem Gedächtnis unzweifelhaft, es war ihm auch buchstäblich noch einmal einverleibt worden bei der Lektüre meiner Stasiakte 1991. Ich fand zwar keinen Hinweis auf den unglücklichen Kameraden, aber alle Denunziationen aus der Schulzeit, gottlob auch Zeugnisse der Loyalität meiner Lehrer. Ich zweifelte nicht, dass ich Glück gehabt hatte, dass ich – wenigstens zeitweise – davon gekommen war, anders als der Erhängte. „Du bist davongekommen“, sprach mein Gewissen, „hast du das verdient?“

Genau dieses Gefühl stellte sich bei mir wieder ein, als ich das Gesicht des kleinen blonden Jungen sah, der einmal Robert Steinhäuser gewesen war. Die Schuldirektorin mit der straffen Frisur, mit den schwarz geschminkten, unnachsichtigen Augen hatte ihn kurz vorm Abitur hinaus geworfen. Freilich war er da kein Kind mehr, sondern ein 19jähriger mit massivem Kinn, kurzem Haar, kräftigem Körper. Seine Zukunft – jedenfalls das, was er sich davon erhoffte – war vom Verdikt der staatsgewaltigen Dame verstellt. Die Türen waren zu, er stand draußen. Er ging nur scheinbar still und leise davon, er schrieb sich wenig später umso gewaltsamer in die Zukunft ein, die ihm von der Beamteten verweigert, vernichtet worden war. Er wendete seine ganze Phantasie, seine Fähigkeit zu planen, seine aggressive Energie auf dieses Ziel. Er erreichte es. Niemand wird ihn vergessen, niemand das inzwischen aufwendig renovierte Schulgebäude betreten, ohne früher oder später an das Massaker vom 26. April 2002 erinnert zu werden. In dem gewaltigen Gedröhn, das sich damals in den Medien erhob, blieb immer vernehmlich der „Warum?“- Chor. Die Litanei war genauso wenig auf beunruhigende Antworten aus wie nach dem Massaker von Winnenden im März 2009.

Das ist, was mein Unbehagen ausmacht: dass immer wieder die Fragen gestellt werden, die beschwichtigende Antworten schon vorwegnehmen. Jener Mitschüler in der DDR 1968 hatte keinen Zugriff auf Schusswaffen. Wäre er an eine Kalaschnikow gekommen, wäre die Sache anders ausgegangen: er hätte sich seine Zukunft freigeschossen. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Immerhin hatte er in dieser Richtung keine Vorbilder.

Damit genug der Spekulationen: Mein Gedächtnis hat mich – das macht mein Unbehagen nur schlimmer – gnadenlos belogen. Den erinnerten Selbstmord wegen eines T-Shirts mit Union-Jack hat es nicht gegeben. Es gab Hinauswürfe aus der Oberschule, es gab einen Selbstmord, beides hatte nichts miteinander zu tun. Die von unserem Bewusstsein für jegliche Erklärung gern herangezogene Kausalität, die Frage „warum“ hatte auch mich getäuscht. Ich war dem scheinbar einfachen, klaren Bezug von Ursache und Wirkung aufgesessen, dem ich sonst so nachhaltig misstraue: eine dem politischen System zuzurechnende Erniedrigung treibt einen Jugendlichen in den Selbstmord.

In Wahrheit war der Selbstmörder damals vor 43 Jahren – wie es für die meisten Suizidenten zutrifft – ein 17jähriger, dessen Psyche altersbedingten Krisen nicht gewachsen, der dann einem heftigen Konflikt ohne politischen Hintergrund hilflos ausgeliefert war. Er war unglücklich verliebt, sein Elternhaus war schlecht beleumdet, er fühlte sich von Altersgenossen abgelehnt, heute würde man sagen “gemobbt”.

Von dem außerordentlich gründlich recherchierten Buch „In einem Anfall von Depression …“ des Leipzigers Udo Grashoff habe ich mich belehren lassen, dass solche Konstellationen eine Selbsttötung bei Jugendlichen begünstigen, dass Rückhalt im Elternhaus, in der Religion oder andere verlässliche soziale Netze sie verhindern – wenn sich ein Ausweg findet im Ausweglosen, ein Trost im Schmerz, wenn da andere Ziele sind als das Ende mit Schrecken, wenn dem Zug in die Tiefe, dem „Spring doch einfach!“ ein innerer Halt entgegensteht – oder auch nur ein Fluchtweg offen bleibt. Grashoff weist nach, dass schon vor dem Zweiten Weltkrieg die Zahl der Selbsttötungen in den Regionen der nachmaligen DDR traditionell deutlich höher gelegen hat als im Westen, vor allem als in den katholischen Landstrichen des Westens.

Sehen wir einmal davon ab, dass dem Arbeiter- und Bauern-Staat vermutlich viele potentielle Selbstmörder einfach entflohen sind; in den 50er Jahren gingen – so sagt auch das Buch von Grashoff –, die für sich keine Zukunft im SED-Staat sahen, einfach gen Westen, wo sie eine Zukunft hatten oder auch nicht. Falls sie im Westen doch noch Hand an sich legten, sind sie statistisch nicht spezifisch erfasst; jedenfalls blieb die Zahl der Selbsttötungen in der Bundesrepublik weit unter derjenigen im Osten. Nach dem Bau der Mauer nahmen Selbsttötungen namentlich unter den Jugendlichen der DDR noch einmal stark zu. Später normalisierten sie sich; insgesamt lässt sich dennoch keine einfache Kausalität zwischen politischer Repression und Suizidalität herstellen.

Dass die Frage, wann einer aus seinen Konflikten nicht mehr herausfindet, wann er das Ende mit Schrecken der Fortexistenz unter Qualen vorzuziehen beginnt, also ernsthafte Vorsätze in Richtung Suizid fasst, dennoch mit seinem Verhältnis zu eigenen und den Zielen seiner sozialen Umgebung zu tun haben muss, bedarf keiner wissenschaftlichen Beglaubigung. Dass sich eine derart existenzielle Krise nicht auswirkt auf die Art wie er kommuniziert, mag glauben, wer da will.

„Was wird aus mir? Was ist der Sinn meines Daseins?“ – Ich kenne fast niemanden, der sich das als junger Mensch nicht gefragt und tiefe Zweifel durchgemacht hat. Wenn einer sich als Alternder wieder damit auseinandersetzt, hat sich die Perspektive vollkommen geändert, auch die Kommunikationsweise. Und deshalb lande ich wieder bei den Gesichtern, denen man angeblich Probleme nicht ansieht, beim „unauffälligen“ und „sozialkonformen“ Auftreten. Ich lande bei dem Erziehungsprinzip, das jungen Leuten vorhält: „Was andere können, kannst du doch auch – oder?“ Das „oder“ ist eine Drohung.

Unheilvoll dräut hinter diesem Wort, was einem oder einer passiert, die nicht kann, nicht will, was alle anderen können, also wollen können und dann auch tun: sich anpassen, sich konform verhalten. Es ist ein deutlich auferlegter Zwang, nicht abweichend und eigensinnig zu agieren, sondern dem Mainstream gemäß. Wenn Sie mögen, dürfen Sie an dieser Stelle einen Katalog von Marken für die Kleidung, Schulfächern, Studienrichtungen und Karrierezielen einfügen, der dem Nachwuchs die erfolgreiche Zugehörigkeit zum „freundlichen“, „unauffälligen“, „erfolgreichen“ Dasein im Mittelstand sichert. Die Liste ist lang. Man muss sich sehr anstrengen, um mitschwimmen zu dürfen bis zum Abitur und zur Karriere. Man nennt das Lebensplanung.

Diese Lebensplanung steht in einem perversen Widerspruch zur öffentlichen Aufmerksamkeit. Wer wahrgenommen werden will in unsrer von Medien durchströmten Welt, wer mitsurfen will auf der alle Seiten des Internets und der Zeitungen sowie die Kanäle von Fernsehen und Rundfunk durchtosenden Welle, der muss spektakulär sein, überlebensgroß. Er oder sie kann sich hochdienen über Castingcouches oder -shows – das kann schnell gehen –, hinaufquälen oder -dopen auf Leistungssportgipfel – das dauert länger –, sich auf die jahrzehntelange Ochsentour der Parteienkarriere begeben. Wem man zu diesen Höhen frühzeitig, viel zu frühzeitig für besonnenes Abwägen, ob sich derlei wirklich lohnt, den Weg versperrt, wen man noch dazu deutlich das Versagen bei der Anpassung spüren lässt: „Wenn andere das können – wieso kannst du das nicht?“ – der kann aber auch einfach, um sehr schnell berühmt zu werden, die Welt samt der von anderen vorgegebenen Zukunft in die Luft jagen.

Dann brandet die Medienwoge hoch, man ist bestürzt oder betroffen, man staunt, dass, was so unauffällig und angepasst schien, so explodieren konnte.

Viktor Frankl, jüdischer Psychologe, überlebte Konzentrationslager und Drittes Reich. Er hat einmal den Unterschied zwischen Totalitarismus und Konformismus, den er für das größte Übel unserer Zeit hielt, auf den Satz gebracht, das eine bedeute: zu tun, was die anderen wollen, das andere: zu wollen, was die anderen tun. „Wenn die anderen das können …“

Sich selbst zu töten, ist eine Extremform von Kommunikation. Wer da ohne Spektakel freiwillig aus dem Leben geht, hinterlässt die Botschaft, dass ihn keine Bindung an einen anderen Menschen mehr hält. Vielleicht erscheint ihm das nur für einen Moment so, vielleicht ist das eine vom Psychiater zu diagnostizierende krankhafte Wahrnehmungsstörung. Vielleicht erleben viele junge Leute so etwas und überleben es. Die Statistik sagt, dass heute, zwanzig Jahre nach dem Ende der DDR weniger Jugendliche sich umbringen, das tun eher die Alten. Die gewalttätig – auch gegen sich selbst – handeln, die anderen ihre Zukunft zerschlagen, die „Selbstmord-Attentäter“, die modernen Medien-Eklatisten, werden mehr. Das ist eine beunruhigende Bestätigung der Worte von Frankl. Seine Schrift zum Thema heißt „Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn“.

Hamlet–ein Gegenwartsstück

Eugene Delacroix malte diese TotengräberszeneShakespeare hat im “Hamlet” eine unsterbliche Strategiedebatte erdichtet: „Sein oder nicht Sein“. Sie befasst sich – als Monolog – mit dem bewussten Teil der Entscheidung für oder gegen bestimmte Handlungen. Hamlet quält sich aber mit dem Unbewussten, mit widerstreitenden Gefühlen und der Suche nach einem Handlungsmuster, das diesen Konflikt lösen soll. Keine der in Frage kommenden bewussten Handlungen leistet das. Die emotionalen Konflikte, die ihm das Leben verleiden, entziehen sich jeglicher Planung; Ophelias Liebe vor allem passt nicht ins Kalkül.

Die einfache Lösung – der Geist seines ermordeten Vaters fordert sie ihm ab – wäre die gewaltsame Übernahme der Macht und die Bestrafung der Schuldigen: Hamlet müsste seine Mutter und ihren Geliebten töten. Aber sein kultivierter Verstand scheut die Bluttat, das atavistische Ritual, die Rache: „So macht Bewusstsein Feige aus uns allen“.

Die „Nicht- Entscheidung“ und das Narrenspiel, die Clownerie, die der Dänenprinz aufführt, um dem aufgezwungenen radikalen Machtkampf zu entgehen, die Weigerung, in das bereitliegende Kostüm zu schlüpfen und die Rolle des Rächers zu spielen, verschärfen nur den Argwohn seiner Gegenspieler.

Da Hamlet sich nicht entscheidet, entscheiden die anderen, die „Verhältnisse beginnen zu tanzen“, der Zauderer muss mit, unbewusst fällt er genau jene Entscheidungen, die zur Tragödie führen. Die Theaterspieler, Vorbilder heutiger Medien, sind nichts als blinde Werkzeuge der Rache, die jegliche Alternative zu den destruktiven Zyklen von Gewalt – Macht – Lust erstickt.

Theaterspieler von heute wollen – müssen – Geld verdienen wie alle anderen “Medienschaffenden”. Darum hüten sie sich – wie alle AnGestellten – die eigene Rolle zu befragen. Es gibt Ausnahmen. Sie leiden Not.

Shakespare schrieb aus der Not, ohne Wissen um die eigene Unsterblichkeit. Heutige Dichter möchten gern unsterblich werden, ohne Not, auch ohne Wissen um die Abgründe des eigenen Unbewussten. Sie blöken mit dem Schmierentheater werbefinanzierter Medien um die Wette.

Die Frage nach “Sein oder nicht Sein” haben sie mit Geld gelöst. Ihre Texte sind käuflich.

Menschenfresser

MonsterZufall und seltsames Zusammentreffen: Ein Handlungsstrang des Romans “Raketenschirm” spielt in einem Internat in Thüringen, es gibt ein reales Vorbild, Wickersdorf mit langer reformpädagogischer Vorgeschichte. Meine Informationen zum Hintergrund verdanke ich persönlichen Kontakten, sie sind unbezweifelbar: In Wickersdorf (nicht nur dort) wurden während der DDR-Jahre Halbwüchsige als Stasi-IM angeworben, minderjährige Mädchen von ihren Führungsoffizieren sexuell missbraucht. In meinem Roman geschieht dies zwischen 1974 und 76 einer Schülerin namens Kerstin.

Gestern zeigte die ARD eine Dokumentation über  eine Frau namens Kerstin – sie wurde in den 80er Jahren in Wickersdorf angeworben. Sexuelle Übergriffe blieben ihr anscheinend erspart. Nachdem sie die Schule verlassen, ihr Studium in Jena begonnen hatte, konnte sie sich der Stasi-Verstrickung entziehen. Der Kerstin im “Raketenschirm” gelingt das nicht – es hat für sie furchtbare Folgen.

Welche seelischen Zerstörungen  Jugendliche erlitten, wenn sie von den “Tschekisten” beobachtet, unter Druck gesetzt, als Spitzel ausgenutzt wurden, schilderte der ARD-Film auch anhand eines anderen Schülers aus Dresden; sein Leben ist infolge der “Zersetzungsmaßnahmen” aus dem Jahre 1988 bis heute versehrt. 1990 habe ich in einem Hörspiel für den RIAS die Geschichte einer Abiturklasse erzählt, in der jugendliche Liebe, jugendliches Vertrauen, am Ende ein Menschenleben am Alltag des Mauerstaats zugrunde gehen.

So lange Mitläufer und stillschweigend Mitwirkende wie der seinerzeitige Direktor des Internats Wickersdorf das Geschehene als Normalität beschönigen, so lange das SED-Regime, seine ideologischen Fundamente und seine Herrschaftsmethoden verharmlost, gar für gesellschaftspolitische Neuorientierungen nach links herangezogen werden, muss jeder einzelne Fall, jedes einzelne Schicksal uns mahnen: Die Menschenverachtung dieses “real existierenden Sozialismus” zerstörte nicht nur in Folterkellern und Gefängnissen Vertrauen, Moral, Gesundheit. Das soll niemals vergessen werden.

Die Dokumentation in der ARD gestern knüpfte an die Tugenden journalistischen Engagements für die Demokratie an – sie entsprach dem Auftrag des Grundgesetzes. Es gilt seit 21 Jahren in ganz Deutschland, im Alltag aber wird es von allzu vielen missachtet: Sie ziehen organisiertes Mitläufertum den Mühen persönlichen Einsatzes für die Freiheit anderer vor. Und deshalb ist es kein Zufall, dass sich unter Deutschlands Internaten in Ost und West Schreckensorte finden, wo junge Menschen fürs Leben Schaden nehmen.

Lust am Denken – und Nationalpreise als Schutz davor

Gustav Horbel hat nach allerlei Turbulenzen das vierte Jahr seines Regiestudiums erreicht, fast alles über das Theater Bertolt Brechts gelernt, das Meiste mag er, z.B. den Satz “Der Sieg der Vernunft kann nur der Sieg der Vernünftigen sein”. Seine Diplominszenierung steht an, nur ein einziges Theater will das Experiment mit einem Diplomanden wagen. Das Stück, das er inszenieren soll, hat den Titel “Söhne des Stahls”, verfasst hat es der Nationalpreisträger Claus H. Grandel.

Er konnte die Geschichte hin und her wälzen so oft er wollte – Horbel bekam nicht den Kern zu fassen, aus dem heraus sich dramatische Widerborstigkeiten hätten entwickeln lassen. Die Dialoge der Figuren strotzten vor Nettigkeit oder Pathos, lauter harmlose Angestellte neckten sich gegenseitig oder gingen ernsthaft ihren sozialistischen Geschäften im Stahlwerk nach, als Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und stets die Langeweile schafft.

Der Konflikt war genaugenommen ein klassisches Dreieck: junge, hübsche Kranführerin wird vom Parteisekretär angebetet, der ist aber verheiratet mit einer so kreuzbraven wie eifersüchtigen Christel von der Post. Eines Tages taucht in der Poststelle ein Brief aus dem Westen an das Kranmädel auf, fällt der Rivalin in die Hände, wird dampfgestrahlt, offenbart ein Geheimnis: das Kranmädel ward einstens adoptiert, die natürlichen Eltern erkundigen sich nach dem seitherigen Ergehen, deuten die Möglichkeit einer Familienzusammenführung Richtung Ruhrgebiet an. Triumphierend hält die Postfrau ihrem Gatten den Schrieb vom Klassenfeind unter die Nase. Der ist natürlich pikiert, sorgt aber ebenso natürlich dafür, dass der Brief die Empfängerin erreicht.

Was aber tut die Bestarbeiterin am Hebezeug? Sie – obwohl der führenden Klasse zugehörig – schwankt! Aber nicht etwa aus politischen Gründen, sondern weil sie beleidigt ist. Der Galan mit Führungsrolle gesteht ihr nämlich neben seiner Liebe auch den Übergriff gegen’s Postgeheimnis; nicht seinetwegen, so die Rede, habe er sich stasiartig verhalten, sondern um die Hoffnungsträgerin am verhängnisvollen Schritt gen Westen zu hindern. Folgt die Gretchenfrage: Soll ich deinetwegen hierbleiben oder für die Planerfüllung im Stahlwerk?

Der Mann ist ein Held und wählt das Stahlwerk nebst Christel, woraufhin Gretchen nach einigem Hin und Her Richtung Duisburg entschwindet. Pause.

Danach wird’s auf nicht weniger erwartbare Weise dramatisch: die Westeltern sind reich, aber mit dem Gemüt einer emanzipierten Heldin der sozialistischen Arbeit inkompatibel. Sie versuchen andauernd, sie standesgemäß zu verheiraten. Das Ostkind büxt aus, trifft einen kernigen Stahlarbeiter, der nach ihrem Geschmack ist, lässt sich von ihm ein Westkind machen. Naja – der Titel ließ etwas Derartiges erwarten. Statt sich nun übers kommende Enkelchen zu freuen, machen die West-groß-eltern der armen Gretel das Leben sauer, weil der Schwiegersohn nicht standesgemäß ist. Die zischt daraufhin gemeinsam mit ihrem Stahlwerker ab Richtung Arbeiter-und-Bauern-Staat. Das sieht nach einem Happyend aus, wird es aber nicht, und genau dafür wurde das Stück 1969 von der Presse gelobt, verfilmt, der Autor bekam einen Nationalpreis, Gustav Horbel von einem Theater im Norden der DDR den Auftrag, es zum 30sten Jahrestag der Staatsgründung wiederzubeleben, obwohl sich die Familienzusammenführerei seit den Helsinki-Verträgen Mitte der 70er Jahre zu einem veritablen Ärgernis für den Staat von Erich & Erich ausgewachsen hatte. Die “Söhne des Stahls” sollten dennoch aufrütteln.

Der Autor nämlich, Claus H. Grandel, wusste den dramatischen Knoten zu schürzen: Die Westeltern setzen im letzten Akt mit Unterstützung einer ebenso bösartigen wie bestechlichen Figur, der Losbudenbesitzerin Edda, ein Gerücht in die heile Welt der Stahlkocher: der Parteiarbeiter, nicht der an der Walzstraße hat das Gretel geschwängert. Der Duisburger Kraftkerl fährt daraufhin in seinem mitgebrachten Manta den Rivalen zum Krüppel. Natürlich kommt alles heraus. Edda beichtet in einem Heulkrampf, der Klassenkämpfer, im Rollstuhl von seiner Christel zum Finale geschoben, nimmt ein gerüttelt Maß Schuld auf sich, der Stahlarbeiter, immer noch zweifelnd an der Liebe der Kindsmutter, verordnet ihr und sich drei Bewährungsjahre, in denen er bei der Nationalen Volksarmee dienen wird „Dat unsa Kind vor Omma, Oppa un Ihresjleischen sischa is!“. Vorhang.

Gustav fragte sich, ob von den Verantwortlichen ernsthaft jemand daran glaubte, irgendeine von Erich & Erich enttäuschte Krantante, Kellnerin oder Verfasserin unveröffentlichter Poesie zöge nach Ansicht einer Vorstellung von „Söhne des Stahls“ anno 1979 ihren Ausreiseantrag zurück. Falls das die Botschaft war, hätte sie schon zur Premiere niemand hören wollen – außer den von Berufs wegen ins Theater Abgeordneten. Tine hatte Recht: Es war Kitsch, es war vielleicht halbwegs erträglich gewesen, wenn man Schauspieler wie sie mit ihrer abgefeimten Naivität und Obentraut mit seinem bulligen Charme hatte. Gustav Horbel würde sie nicht haben. Er musste die Botschaft ändern, ohne die Figuren zu verraten. Das war unmöglich, also begann er, sich an einer akribischen Konzeption abzuarbeiten – vom Bühnenbild über die Dramaturgie bis zu den Vorgängen in jeder einzelnen Szene, Charakteranalysen bis in Nebenrollen hinein. Er wollte, ganz im Sinne des großen Bertolt Brecht, die Geschichte historisieren, verfremden, sie ins „seltsam ferne Jahr 1969“ versetzen und dadurch den Zuschauern das „Dazwischenkommen“ ermöglichen, das Mit- und selber Denken. Und das Denken gehörte ja nach Brecht zu den größten Vergnügungen der Menschheit. Darin folgte Gustav Horbel, der ehemalige Physiker und Regiestudent, gar zu gern BB, dem Lehrer seiner Regielehrer.

Im Herbst legte er dem zuständigen Dozenten das Ergebnis in einem dicken Aktenordner vor. Der nickte überraschenderweise, drückte Gustav das Paket nach drei Tagen wieder in die Hand und sprach: „Na, dann machen’se mal, Horbel. Bin gespannt, was dabei rauskommt.“

Der neue kommt …

Generationenroman

Im Herbst kommt die Fortsetzung – deshalb erlaube ich mir, noch einmal auf den Roman “Blick vom Turm” hinzuweisen, der 2008 im Salier Verlag Leipzig erschienen ist.


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Der Roman kam nicht von Ungefähr zwanzig Jahre nach der Endzeit der DDR, im selben Jahr wie Tellkamps “Turm” – er spielt in Tellkamps Geburtsjahr 1968 und sein Held Gustav Horbel ist – wie Tellkamps Hauptfigur – ein Abiturient. Es sind Generationenabstände. Die Familiengeschichten allerdings reichen sehr viel weiter zurück: bis in die 30er Jahre des 19.Jahrhunderts in einer Kleinstadt in Thüringen.
Auf den ersten Blick ist das ein Ort, für den sich niemand interessieren muss – tiefste Provinz. Gustav Horbel aber erlebt, wie diese kleine Welt mit der Kulturrevolution in China zusammenhängt, mit der ersten Liebe seiner Ur-Urgroßmutter und dem Untergang der Selbständigen in der DDR. Aus Gustavs Heimat kommen nicht nur entscheidende Ideen für eine Waffe, die bis heute mehr Menschen umgebracht hat, als alle Atombomben – die “Kalaschnikow”-, sondern dort wachsen 1968 Filmstars heran, Wissenschaftler, Weltreisende, aber auch kleine Leute, die zwanzig Jahre danach über sich selbst hinauswachsen, die ein vermeintlich unerschütterliches, perfekt gesichertes politisches System zum Einsturz bringen werden.
Der Turm, von dem das Buch erzählt, ist nur noch Ruine. Die Ideen, Erlebnisse, Erfahrungen der Menschen um ihn herum – sie leuchten.

Im Herbst 2010 wird bei Salier “Babels Berg” verlegt; der Roman schließt mit dem Jahr 1969 an.
Alles ist möglich: Menschen landen auf dem Mond, zwischen West- und Ostberlin kann man wieder telefonieren, ein Diskus fliegt kilometerweit, ein Deutscher bekommt den Friedensnobelpreis, in Gustavs Thüringer Heimatstadt gibt es das europaweit beste Japan-Restaurant: Anfang der 70er Jahre sprechen viele Zeichen für Aufbruch, Fortschritt – und unbegrenztes Vergnügen bei erotischen Abenteuern jenseits der Familienplanung.
Gustav Horbel ist in der Hauptstadt Berlin gelandet, um Physik zu studieren, denn er ist sehr neugierig darauf, was die Welt im Innersten zusammenhält. In Berlins Straßen, in Bars und Theatern, im Thüringer Wald und in den Reichsbahnzügen dazwischen lernt er dann viel mehr darüber als in Labors und Hörsälen. Während er mit Prüfungen an der Universität wenig Scherereien hat, macht er in den Prüfungen des Lebens keine besonders gute Figur, er will einfach zu hoch hinaus. Ob das am Geist dieser 70er Jahre liegt, in denen alles möglich scheint?
Zwischen Traum, Wahn und Wirklichkeit stolpert Gustav durch eine bewegte Zeit. Gott sei Dank nimmt ihn immer wieder jemand bei der Hand, manchmal ein berühmter Mann, manchmal die schönste Frau der Welt.

Frühling reist

Mozarts Auftritt im Kalender

Mozarts Auftritt im Kalender

Die Räder rollen durchs glückliche Land
der rostenden Wünsche, es schnattert das Jungvolk
Eingeflimmert aufs Mittelmaß,
duftend nach Fritten und Plastikfraß.
Gesichter voll Eisen, Chemie in den Haaren
Sehn sie nicht wo, verstehn nicht, wohin sie fahren.

Draußen geschieht das verlässliche Wunder
Das sich doch niemals planen lässt
Aus Landschaften werden Züge des Glücks
Triumphprozessionen verliebter Vögel.
Textilgeschäfte verhökern den Rest
Nächstens geht die Weltwirtschaft unter.

Altersrenditen verfallen im Takt
Der murmelnden Kugeln in den Rouletts
Der schwingenden Kurse auf den Parketts
Alle Tresore werden geknackt.

Derweil erblühn die unsterblichen Formen
Aus sterblichstem Stoff in den Farben der Träume.
Ich zähle die Tage als letzte Momente
Dass vom fliegenden Blau ich nur nichts versäume.
Keine Blüte sei ungeküsst
vom Blick, der auf Unendlich gerichtet ist.