Der Affenkönig und die Kommunistin

Gelbflussgeister

Die Ausgabe des Greifenverlages aus den 50er Jahren

Eine Leseratte war ich zeitlebens. Natürlich haben sich die von der Großmutter vorgelesenen, erst recht die selbst verschlungenen Bücher besonders tief eingeprägt. Zu ihnen gehört “Die Geister des Gelben Flusses”, eine Sammlung chinesischer Märchen und Legenden. Der deutsche Sinologe Richard Wilhelm hatte sie 1914 bei Eugen Diederichs herausgegeben, eine gekürzte Lizenz-Ausgabe des Greifenverlags Rudolstadt bekam ich zu Weihnachten 1959 geschenkt. Namentlich die letzte Geschichte, “Der Affe Sun Wu Kung”, grub sich mir ins Gedächtnis und blieb dort, obwohl kurz danach der politische Bruch zwischen Maos China und Chruschtschows Sowjetunion die Kultur des Reiches der Mitte weitgehend aus Bibliotheken und Schulbüchern der DDR verbannte – keine Nachauflagen für “Die Geister des Gelben Flusses”. Daran konnte auch das Nachwort der treuen Kommunistin Klara Blum (chinesisch 朱白兰) nichts ändern, die mit Zitaten Maos und eines damaligen Vizekulturministers die uralten Texte von der Schlacke feudalen Aberglaubens reinigen und dem “jahrtausendelangen revolutionären Traum des Volkes, den es schließlich aus eigener Kraft verwirklicht hat” zuschlagen möchte. Sie lobt Richard Wilhelm als Übersetzer, wirft ihm zugleich vor, in patriarchalischer und bürgerlicher Begrenztheit nicht zu erkennen, dass Sun Wu Kung “die Verkörperung der unterdrückten Klassen in der Ming-Zeit” sei. Die Marxistin fordert im Fahrwasser von Mao und seinen Apparatschiks die Deutungshoheit über das “kulturelle Erbe”. Ihre Erfahrungen in Stalins Russland, wo ihr chinesischer Ehemann sein Leben 1943 in einem Lager verloren hat, erschüttern diesen Glauben nicht.

Die Ironie der Geschichte will, dass Mao und seine “Roten Garden” – von ihrer Mission besonders begeisterte jugendliche Kommunisten – während der “Kulturrevolution” fast die gesamte klassische chinesische Literatur – die westliche Kultur sowieso – buchstäblich vernichten wollten. Zehn Jahre lang, von 1966 bis 1976, rotteten sie alles aus, was nicht zum Bild der einzig wahren Volksherrschaft nach vollendetem Klassenkampf und zu deren vollkommener Harmonie passen mochte. Menschen mit abweichender Meinung wurden denunziert, gedemütigt, in Gefängnisse und Arbeitslager deportiert, ermordet. Tempel, Museen und andere Kulturstätten verwüsteten die Revolutionäre, sie ruinierten das Bildungssystem, indem sie jegliche Wissenschaft, vor allem die Geschichte, an die Bedürfnisse Maos und seiner Gefolgschaft anpassten. Erst nach Maos Tod begann ein mühsamer und widersprüchlicher Weg der Rückbesinnung auf die chinesische Tradition. Der Affe Sun Wu Kung allerdings hatte überlebt, wurde sehr schnell wieder zum Volkshelden; zahllose Filme, Spiele, Kitschprodukte bezeugen seine Unsterblichkeit.

JadekaiserWeihnachten 1959 fesselten mich, den damals Neunjährigen, all die Märchen aus China: Götter und Göttinnen, Dämonen und Gespenster, Flussgeister, Drachen, Hexen und Zauberer verwoben sich darin zwischen Traum und Wirklichkeit so selbstverständlich mit lebendigen Menschen, wie ich es aus Märchen der Gebrüder Grimm und vielen anderen kannte: In Großmut, Liebe und Niedertracht. Ich bestaunte Holzschnitte, die mir im Vergleich zu den Aquarellen meiner Mutter nüchtern, gleichwohl exotisch und geheimnisvoll erschienen. Es gab einen Jadekaiser als Herrn des Himmels, eine Göttin der Barmherzigkeit, einen “göttlichen Landmann” – und alle diese Figuren konkurrierten nicht mit meinem kindlichen Glauben an christliche Verhältnisse von Heiligkeit. Sie waren anders, sehr fern, wohingegen die irdischen Verhältnisse – Neid, Habgier, Zwietracht, Eitelkeit, Herrschsucht, Gewalttätigkeit, Heuchelei, Feigheit… in Konkurrenz zu (auch von meiner Großmutter beschworener) Hilfsbereitschaft, Redlichkeit, Mut, Aufrichtigkeit, Geduld, Höflichkeit… – sich offenbar im fernen China seit alten Zeiten nicht anders gestalteten als in Suhl, einer Bezirkshauptstadt des Arbeiter- und Bauernstaates DDR. Dort ging ich zur Schule und machte auf dem Pausenhof satirisch meiner Empörung über sozialistische Kulturvernichtung in der Volksrepublik Luft. Natürlich gab es Parallelen: Das 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 – auch als “Kahlschlag-Plenum” bezeichnet – hatte eine radikale, dogmatische Parteilinie für die gesamte künstlerische und wissenschaftliche Arbeit durchgesetzt. Das war auch im Unterricht deutlich spürbar.

Der 16jährige Pennäler erfand den “Genossen WU” (leicht als Initial des Spitzbarts an der Spitze zu erkennen), führte absurde Erlasse, blödsinnige Verbote und ideologische Flohknackereien vor. Unterm Gelächter und Applaus von Mitschülern fühlte er sich als Affenkönig Sun Wu Kung aus dem Märchenbuch, der den Himmelsherren herausfordert. Tatsächlich brachten ihm seine Heldentaten eine Einladung zur Schulleitung ein, es war nicht die letzte Strafmaßnahme hochmögender Tempelwächter des Sozialismus. 1989 erlaubten sie ihm schließlich “Die Reise nach Westen”, aber anders als der Sun Wu Kung im klassischen Chinesischen Roman der Ming-Zeit trat er sie nicht als Begleiter einer Delegation an, die weise Schriften des Buddha gen Osten holen sollte, auf dass verkommene Verhältnisse und ehrlos Regierende geläutert würden. Im Osten war Hopfen und Malz verloren. Das einzige was vom Reich der Moskauer Kommunisten und ihrer Statthalter in Ostberlin übrig blieb, war der Aberglaube, ihre Lehre brächte das Heil auf Erden. Meine Reise führte in den folgenden Jahren auch nach China, wo ich Vielfalt und Reichtum überkommener Kulturen bestaunte und verfilmte, zugleich die Schattenseiten der politischen Herrschaft daselbst erfuhr.

Guanyin_GeisterWelche Gottheit mich mit meiner chinesischen Lebensgefährtin zusammengeführt hat, ist bis heute zwischen uns umstritten. Shiqin behauptet, es sei Guanyin, die Göttin der Barmherzigkeit gewesen, ich würde auf Sun Wu Kung wetten. Zum einen demonstriert die Chinesin gern, dass sie mich jederzeit zum Narren halten kann, zum anderen ist sie im Jahr des Affen geboren, und schon als wir uns kennenlernten waren der alte Sun und seine Streiche Gesprächsthema. Wir sind seither einige Mal in China gewesen, haben viele dicke Bücher zusammen gelesen – vor allem zeitgenössische wie die des großartigen Liao Yiwu – aber auch Klassiker wie den “Traum der roten Kammer”.

Als kürzlich “Die Reise nach Westen” bei Reclam in einer vortreffliche Neuübersetzung der Schweizer Sinologin Eva Lüdi Kong erschien, waren wir hocherfreut. Der Wälzer von über 1300 Seiten unterhält uns seit Wochen, nicht nur wegen der drolligen Affengeschichten, über die wir uns schon als Kinder amüsierten, sondern wegen der vielen Querverbindungen zu chinesischer Kultur, Mythologie, Geschichte, die sich Dank der Kommentare und Anmerkungen von Eva Lüdi Kong verfolgen lassen. Wer Chinesisch lernt, kommt an diesem Klassiker kaum vorbei – und wird eine Menge Spaß haben, wenn er in Sun Wu Kungs Abenteuer, allerlei Konflikte von Göttern und Menschen und in die Lehren von Konfuzius, der Buddhisten und Daoisten eintaucht.

Mag sein, dass auch “Die Reise nach Westen“ Objekt von Kämpfen um die Deutungshoheit bleibt – zwischen Anhängern von Religionen und von Mao, Feministinnen, Genderbewegten, Fachwissenschaftlern. Sie alle werden – wie der Vizekulturminister – längst vergessen sein, wenn die alten Texte jedem, der sie zu lesen versteht, immer noch ihre Weisheit und ihren Humor offenbaren.

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Weihnachtsschmuck: Friede – Freude – Eierkuchen? (II)

Herrenstraße26Weihnachtsfriede, Weihnachtsfreude, Weihnachts…”, nein, das dritte Wort war nicht “Eierkuchen”. Es war ein Wort, das der alte Pfarrer, ein Orator vor dem Herrn, in der Heiligabend wie sonst nie gefüllten Kirche dem Publikum abverlangte. Dem Publikum, denn “Gemeinde”, Gläubige, die zum Gottesdienst kamen, waren ja nur wenige. Die meisten dieser Kirchenbesucher wollten sich in die rechte Stimmung bringen und den mitgebrachten Kindern die Zeit bis zur Bescherung verkürzen. Ganz wenige kamen, weil sie sich dem antireligiösen Staatswesen widersetzen wollten. Der Pastor wartete einen winzigen Moment, als wollte er das Wort aus dem Publikum hören.

Was war eigentlich dieses „dritte Wort“?

Denk nach. Was passt zu Weihnachten, zu Friede und Freude – außer Eierkuchen?

Heringssalat?

Stimmt. Auch Tauwetter. Vor allem natürlich „Geschenke“. Und der Baum.

Wenn wir ihn aus dem frischen Pulverschnee im Hof holten, war er noch steif vom Frost. Wir schüttelten ihn ab, trugen ihn die Tonleiter hoch, spitzten mit einem großen Küchenmesser das untere Ende zu. Der Fuß wurde in einem Holzkreuz verkeilt, die Wohnzimmertür verriegelt, denn er stand genau davor, in einer Ecke, und er reichte bis zur Decke.

Bis an eine besonders auffällige Schmutzbatik. Ja, an einen Winter erinnere ich mich besonders. Es fror Stein und Bein, und unser Christbaum war ein Prachtexemplar, gerade gewachsen, so hoch, dass wir unten etwas absägen mussten. Wir packten den Schmuck aus den Schachteln: die Kerzenhalter voll altem Wachs wurden angeklemmt, die silbernen Kugeln, Vögel, Glocken so verteilt, dass sie nicht über den Kerzen hingen, möglichst auch nicht darunter, damit wenigstens ein paar über die Feiertage kamen, ohne von Stearin bekleckert zu werden. Es war sehr alter Christbaumschmuck, damals schon mindestens 20, 30 Jahre alt, und es war ziemlich viel. Der Baum hing voll und bekam zum Schluss noch ordentlich Lametta.

„Früher war mehr Lametta“!

Ja. Der Baum sah prächtig aus. Heiligabend mittags taute er auf und begann zu duften.

Fichte oder Tanne?

Keines von beiden. Er hatte ein Geheimnis, das vom Frost konserviert worden war, und nun, da in der Stube das Eis schmolz, gab er es preis: Im verschneiten Hof hatte ihn der schwarze Kater angepinkelt.

Woher weißt du, dass es der schwarze war? Im Hof trieben sich Dutzende Kater herum.

Der schwarze war der hässlichste und bösartigste, unbestritten. Einmal hätte ich ihn fast erwischt, wie er auf die Schwelle meines Kinderzimmers pisste, der Gestank war unverwechselbar. Wir mussten also an jenem Heiligabend mittags den wunderschönen Baum abdekorieren, wegschaffen und irgendwie einen neuen besorgen.

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Weihnachtsschmuck: Friede – Freude – Eierkuchen? (I)

Ein Dialog zwischen Geschwistern

weihnacht53Erinnerst du dich? Dieser Duft nach altem Stearin. Er entströmt einer runden Schachtel aus Bast, dunkel vom Staub der Jahrzehnte in der Bodenkammer. Alles was zu diesem Duft gehört, ist längst verschwunden: der Dachboden, wo die Schachtel den Frühling, Sommer, Herbst verdämmert, bis sie aus dem Schrank geholt wird für wenige Stunden, mit ihr die Pappkartons, nicht weniger alt und staubig, voll wundersamer Dinge aus Glimmer, Glas und Stanniol. Manchmal flimmern Pulverschneeflocken im Halbdunkel des Fachwerks, wenn der Winter kalt ist und trocken, der Wind treibt Kristalle zwischen Ziegeln, Balken, Sparren hindurch. Da sind Ritzen, durch die weißes Licht flirrt, über grauweiße Wellen von Staubschnee, über schiefgetretene Dielen. Hörst du sie knarren?

Ja ja. Damals. Es war eine Hatz, den Schnee wegzuschaffen, bevor er schmelzen und braune Wasserränder an die Decke darunter batiken konnte. Schmutzbatik. Schmutzbatiken gab’s einige an den Zimmerdecken des alten Hauses. Aber der Boden war eine riesige Wunderkammer. Von dort holten wir auch Schlitten, Bretter und Skischuhe.

Verschwunden, vergangen. Aber der Duft alter Kerzenreste – weißt du noch? Es riecht nach Weihnacht. Bis Heiligabend hat der Christbaum im Hof gestanden, im Schnee. Dann tragen wir ihn hinauf, den Schmuck vom Boden herunter über die knarrenden Holztreppen. Tonleitern aus Holz. Gestimmt in zwei Jahrhunderten von Tausenden Füßen: langsamen und schweren, kleinen, flinken, leichten, und von Hundepfoten.

Auch von Stürzen. Vom Poltern der Zinkeimer, die Nachbar Hüller seinen Buben nachschleuderte: „Holamal’n Eema Wossa, Lärje!“ Tag für Tag. Wasser von der Leitung im Hof für den wachsenden Haushalt, Kind für Kind, fast Jahr für Jahr. Wie viele Eimer Wasser haben sie hinauf geschleppt in knapp zwei Jahrzehnten? Was für Weihnachten mögen sie gehabt haben, diese Hüllers, in ihrer Wohnküche? Ich weiß nicht einmal mehr, ob die Kinder zu Weihnachten weniger Prügel bekamen. Die Tür zu diesem stinkenden Stall blieb immer zu. Meistens knallte sie zu, dann hörten wir das Gebrüll der Eltern, das Jammern und Schreien der Kinder. Gab es dort ein Weihnachten?

Immerhin wünschte man auch diesen Nachbarn „Frohe Weihnachten“. Und einen Baum hatten sie wohl, sie gingen nur nicht zur Kirche.

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