Ein tragischer Held – links, grün, vergessen

Bahro

Vierzig Jahre werden es, dass Rudolf Bahro seine radikale Abrechnung mit dem “real existierenden Sozialismus” in Buchform fasste. Die DDR-Oberen hatten 1976 gerade Wolf Biermann ausgewiesen, die kulturelle Landschaft riss auseinander, nicht nur wegen Biermann, sondern auch wegen der vielen anderen, die sich an seine Seite stellten und nun erpresst, bedroht, bedrängt oder bestochen wurden, auf dass sie widerriefen. “Die Alternative” durfte natürlich nicht in der DDR erscheinen, ihr Autor wurde von der Stasi inhaftiert, als er das Buch 1977 im Westen veröffentlichte.

Zehn Jahre später las Bahro dem Westen die Leviten und prognostizierte ökologische und soziale Katastrophen. Ist seine Analyse überholt? Es lohnt sich, angesichts der Konflikte unserer Tage das Scheitern dieses “linksgrünen Propheten” noch einmal genauer anzuschauen. Was haben heutige Weltenretter und Verkäufer linksgrüner Rezepte mit Bahro gemein? Wie sähe er es, wenn unter schadenfrohen Kommentaren autoritärer Regimes und ihrer Mitläufer lechtsrinke (oder rinkslechte) Heilsbringer demokratische Grundwerte zersetzen, wenn Tendenzen zum fürsorglich-bevormundenden Staat den Wert individueller Freiheit in Frage stellen wie einst in der DDR, wenn dem Bürger ein Korsett politisch korrekter Gesinnung aufgeschwatzt , Sicherheit vor Freiheit wieder zur Raison d’être wird?

Vor zehn Jahren habe ich ehemalige Weggefährten Bahros befragt. Das Radiofeature auf SWR 2 enthält frappierend aktuelle Einsichten in den Unsinn und die Gefahren utopischer Konstrukte mit Massenwirkung. “Den Fürsten der ökologischen Wende”, von dem sich Bahro die Weltenrettung versprach, hat es nie gegeben. Heerscharen von gewaltbereiten Mitläufern für alle möglichen Heilsversprechen gibt es. Viel mehr als er gern auf seiner Seite gehabt hätte.

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Kernkraft Wellness Punk – eine deutsche Komödie (I)

tellerVon Rekorden schwingender und fliegender Teller und weshalb der Westen den Untergang des Sozialismus noch vor sich hat.

Zeit und Ort: Zwischen 1989 in Berlin, in den USA zur Jahrtausendwende und in Deutschland heute


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Musik (Punk)

Marion: (Vor einem Foto, das sie als Punkerin mit 18 zeigt, leichthin) Für Sie hab ich das vorgekramt, das Foto und dieses Ding (zeigt einen großen Porzellanteller, lacht.)

Wie waren Sie damals, Ende der 80er Jahre? Und wo? Ost, West? Ihre Welt: russisch, … ääähh sowjetisch, kommunistisch unterworfen oder frei dank Amerika seit über vierzig Jahren? Oder waren Sie einfach nur Bundesbürger – jenseits von Gut und Böse? Wussten Sie schon, was wird? (lacht) Ich bin jetzt … die Endform von erwachsen, längst aus den Kinderschuhen. Kinderkrankheiten – alle überstanden, die Hörner abgestoßen, lange her. Nichts wächst sich mehr aus, schief bleibt schief, Träume eingekeilt in Wirklichkeit, Erinnerung zurechtgebogen, nichts wird mehr, wie’s war – aber wie war’s?

Komisch – was niemals altert, sind doch Träume. Mädchenträume … so fing meiner an: (Sie stellt den Teller auf den Rand, dreht ihn mit kräftigem Schwung, so dass er kreiselt, das Geräusch wird immer lauter, während sie abgeht, dabei wird aus dem Foto die echte Punkerin Marion, die hin und her über die Bühne hetzt. Aus dem Hintergrund brüllt Lehrer Beitler)

Lehrer Beitler Bleiben Sie stehen! Halt! Stehenbleiben, Sie kommen doch nicht weg!

Anton (steht plötzlich vor Marion, hält sie auf) Was ist denn los?

Marion Punk O Scheiße. Idiot, lass mich los!

Lehrer Beitler Halten Sie sie fest! Das ist ein Vorkommnis mit Folgen, Grosse, Marion! Dacht ich’s doch! Danke, Anton, gut gemacht, man sieht doch gleich, was ein Genosse ist.

Anton Ich bin nur Kandidat.

Lehrer Beitler Klassenbewusst, diszipliniert, wie’s einem künftigen Wissenschaftler ansteht, nehmen sie sich ein Beispiel, Grosse, das heißt: sowieso egal, Ihr Abitur können Sie sich (beginnt zu lachen) buchstäblich abschminken, na, davon wenigstens versteh ’n Sie was, von Schminke. Ich sehe Sie um eins dann beim Direktor. (ab)

Anton Tut mir leid.

Marion Punk Wieso? Du bist doch gleich eins rauf mit Mappe, Streber. Fühlt sich gut an, nicht?

Anton Was du da grad gemacht hast …

Marion Punk … das Vorkommnis: Sabotage, vorsätzlich den Unterricht gestört …

Anton war toll! Der Teller wollte gar nicht aufhören zu tanzen. (hebt den Teller auf) Ich hab sowas noch nie gesehen. Und gehört. Eigentlich habe ich dich gesucht, weil …

Marion Punk (lacht) Möchtest du nochmal? Kommt sowieso nicht mehr drauf an.(sie dreht den Teller ein zweites Mal. Ehe er lärmen kann, fängt Anton ihn ab)

Marion Punk Und nun?

Anton Ich habe dich gesucht, weil ich dich fragen wollte: Würdest du mit mir zum Abiball kommen?

Marion Punk (lacht) Was fürn Angebot, na schön, komm du mit mir heut Abend an den See, dann kannst du meiner Clique mal zeigen, wie toll du meine Tellerdrehung findest. Und deinen Einstand geben, der mein Ausstand wird von dieser Schule: „Freundschaft!“ liebe Freunde, macht euern Sozialismus ohne mich! (Black, Musik)

2

(Spot)

Marion Mein See, Kies-See, ich darin als Nixe und kiese mir den Streber für mein Herz. Ach Anton! (lacht) Er hat wirklich den Direktor bequatscht, mir noch ’ne Chance zu geben, macht aus dem Teller ein Experiment, hängt gleich ’ne Hausarbeit dran: Physik, das wirklich Letzte von letzter Chance! Wie war ich verliebt – und eifersüchtig! (Die Bühne wird von einem Lagerfeuer erleuchtet, darum sitzt die Punkerclique. Musik aus einem Kassettenrekorder) So lange her, so kurz die Zeit. Die Kinder groß geworden, unsere, fahren in der Welt herum. Wir auf Mopeds damals durch den Osten. Ziellos zerstreut unterm Diktat der fremden Ziele, voll Sehnsucht aufeinander zu, erschrocken voneinander weg, wenn wir’s nur spürten: der – ein Spitzel auch, will alles wissen, horch und guck und Lug und Trug. Wissen stank nach dem Mief der Macht, Träumen war Halt, Freiheit ein glühender Schmerz vor tausend Zäunen. (geht ab, während die Musik lauter, die Bühne hell wird, Anton und Marion Punk, abgeschminkt und mit „zivilisierter“ Frisur treten auf)

Marion Punk Hey Jungs, das Bier schon warm?

Basti Wie siehst du aus? Wo sind die Würste, und was für ‘n Würstchen schleppst du an?

Anton Ich bin Anton, hätte zwei Granaten anzubieten.

Basti Hey, echter Whisky. Stasi oder Westler?

Marion Punk Er ist okay, Basti, hält mir Ärger vom Hals. Musste mich leider etwas entschärfen, sonst kein Abi.

Tina Wegen dem Typ da machst du dich zur Tussi?

Basti Trink ein Bier, Genosse, auf die Freundschaft.

Tina Und den Abschied, weil’s einer wird, nicht nur von der Schule diesen Sommer, vom See auch. Er wird eingezäunt. Nur das Strandbad bleibt. Gegen Eintritt.

Marion Punk Woher weißt du…

Tina Ordnung, Sicherheit und Disziplin, Genossen! Die sozialistische Datschenbewegung braucht Platz, da müssen schon mal ein paar Hektar Wildwuchs weg. Und Basti zieh‘n sie ein. Er geht drei Jahre zur Asche.

Marion Punk Bist du bekloppt?

Basti Fürs Studium. Mit meinen Noten krieg ich den Studienplatz nur nach drei Jahren Fahne. Prost!

Marion Punk Auf die Anpassung. Danke, Anton, dass du mir hilfst mich anzupassen. Los, braten wir die Würste. Das Feuer braucht Nachschub. Jungs, schafft Holz, sonst kriegt ihr nix zu futtern. (Anton, Basti, 2 Punker ab)

Tina Du hast ein Schwein.

Marion Punk Wegen Anton? Du bist nicht eifersüchtig auf die Speiche – oder? Du hast Basti, den Muskelmann. Dazu den Basti Senior mit Gemüseladen (lacht) aus Ostkohl und Südfrucht wird Westauto.

Tina Nicht komisch. Basti ist längst abgemeldet und ich bin schwanger von ‘nem Italiener.

Marion Punk Du bist …

Tina Genau. Mit Basti schlaf ich schon ein halbes Jahr nicht mehr. Nur Show. Mein Vater bringt mich um.

Marion Punk Wegen der Schwangerschaft?

Tina Wegen dem Italiener. Kanake, Westler, Klassenfeind: ‚Ich kann nicht glauben, dass du uns das antust, unser Vertrauen gröblichst hintergehst!‘ Gröblichst! So redet der. Und schlägt.

Marion Punk Dann schlag zurück. Hau ihm den Schädel ein. Oder was willst du?

Tina Na was schon, Klinik. Nächste Woche. Haste mal ’ne Lulle? (Sie rauchen)

Marion Tina, die Superbraut treibt ab. Kein Land in Sicht, wo die Zitronen blühn.

(Hermann kommt)

Marion Punk Was willst du hier?

Hermann Ich hätte ein paar Fragen. An dich. Nicht im Beisein dieser jungen Dame. Lassen Sie uns allein?

Marion Punk Tina bleib, der Typ hat nichts zu sagen. (Sie dreht den Punk lauter, singt) Hermann, mein roter Bruder schleicht nächtens um den See. Ist dir zu kalt in Moskau, Held der SED? Oder schickt Gorbatschow dich heim? Darauf mach ich mir einen Reim, Der deutsche Musterschüler wird zum Keim … (Geräusch von brechendem und splitterndem Holz, Gejohle der jungen Männer, die Bauholz heranschleppen, ins Feuer werfen).

Hermann Du solltest wenigstens ab und zu an die Familie denken. Deine Mutter ist…

Marion Punk Meine Mutter schuftet sich in der Klinik ab, den Haushalt besorge ich, okay? Und was ich mit meiner Freizeit mache, geht dich gar nichts an.

Hermann Du treibst dich rum, das sehe ich. Schule hört man, ist dir ein Ort zu provozieren, statt dankbar zu sein für Bildung, die du dem Staat verdankst.

Marion Punk Bildung zum Nicken. Mitmach-Training. (Sie ahmt Honeckers Fistelstimme nach) ‚Meine Liebe, meine Treue dem soschelschischen Vatrland!‘ Freundschaft! von Honis Gnaden. Wo nichtmal mehr die ‚Freunde‘ unverdächtig sind, Gorbatschow geht als Gespenst in Osteuropa um, während die ‚Brudervölker‘ Polen, Ungarn euch den Hintern zeigen, soll ich Margots Parolen wiederkäuen, Honi sei Dank, ich glaub mein Schwein pfeift.

Hermann Halt den Mund! Das muss ich mir nicht anhörn. Feindlich-negativ die Einstellung, das zeigst du dreist vor diesen Leuten. Du machst uns Schande, mir und Deiner Mutter.

Marion Punk Lass gut sein, roter Bruder. Deine Karriere ist mir scheißegal.

Hermann Das hat ein Nachspiel. (ab)

Marion Punk Du feiges Bonzenschwein.

Basti Ärger? Soll ich ihm hinterher?

Marion Punk Bloß nicht.

Anton Wer war das?

Marion Punk Mein idiotischer roter Stiefbruder, demnächst Diplomat in Diensten der DäDäRÄäää nach erfolgreichem Studium w unwersisitetje imjeni Lomonossowa.

Tina Nette Familie. Was ist mit Whisky? Los, saufen wir auf unsere tolle Zukunft! Auf den Punk! (alle trinken)

Marion Punk Als in Peking Panzer über Studenten walzten, hat Hermann applaudiert. Ein treuer Fan von Egon Krenz „Hoch die internationale Solidarität! Hoch die internationale …“ (alle außer Anton stimmen in den sarkastischen Sprechchor ein)

Anton Sie machen wirklich alles kaputt. Sogar die Physik.

Tina Hoppla Marion, was hat dein neuer Freund?

Anton Ich meine ja nur. Solidarität ist doch eigentlich gut. Die Naturkräfte … sind doch zum Guten da, nicht für Atomraketen. Und … ach, Scheißpolitik. Trinken wir.

Punker 3 Atomkraft ist überhaupt Scheiße, siehst du doch an Tschernobyl.

Tina Keiner will das Zeug mehr. Macht kaputt, was euch kaputt macht! Scheiß auf Kernkraftwerke! Macht kaputt, was euch kaputtmacht! (wieder nehmen alle den Rhythmus auf, skandieren, brechen Holz, werfen es ins Feuer)

Marion Punk Na los, Anton, was ist, mach mit und fang die Scheibe. Hier geht der Punk ab! (Musik wird extrem laut, alle grölen, singen durcheinander, spielen Frisbee mit Plastiktellern. Von fern ist ein Martinshorn zu hören, kommt näher)

Basti Scheiße die Bullen, nichts wie weg!

(Blaulichter, Suchscheinwerfer, Rufe „Halt, stehenbleiben, Volkspolizei!“, hektisches Gerenne der Punks gegen Zäune, Teller fliegen, in einer Slapstickszene entwischen alle nach und nach, nur Anton und Marion werden festgenommen, das geschieht mit brutaler Härte. Black oder Tableau.)

 

Enteignung

Herrenstraße26Die Ängste sind wieder da. Was einem zugeeignet wurde von Vater und Mutter, von Generationen fleißiger, irrender, in Krisen und Konflikte verstrickter Vorfahren, soll weg. Die Bindung an ein Dach überm Kopf soll gelöst, eine Immobilie vermarktet werden. Die festen Mauern sollen sich zu Geld verflüssigen. Ein vertrauter, nur dem Bewohner vertrauter Wert – der des Gebrauchs, des Wohlfühlens und der Geborgenheit – soll verwertbar im Sinne des gleichgültigen Marktes sein, der einer der größten Erfolge der Gattung ist – und ein Schlachtfeld der Begehrlichkeiten von Individuen, Gruppen, Korporationen, denen Heimat nichts bedeutet. Sie rechnen. Sie dominieren. Sie haben elaborierte Rechtfertigungen dafür, Leben seiner Lebensräume zu enteignen – egal ob es Häuser, Dörfer, Städte, Landschaften oder ganze Kontinente sind.

Es sind fast 50 Jahre, dass der DäDäÄrr-Staat meine Mutter und Großmutter vor die Entscheidung stellte, ihr Haus, das Haus meiner Kindheit, samt dem zugehörigen Grund mitten in der Stadt, entweder für einen Pappenstiel zu verkaufen oder enteignet zu werden. Die beiden machtlosen Frauen konnten nicht ahnen, dass die Enteignung die komfortable Lösung war. 20 Jahre später hätte ihnen das eine “Restitution” beschert – und ein Millionenvermögen. Sie hätten kaum Zeit gehabt, in den verbleibenden Lebensjahren diese Millionen auszugeben. Als meine Großmutter 1993 starb, spielte Geld keine Rolle – wie in den Jahrzehnten zuvor. Wir nahmen voneinander Abschied in Liebe.

Meine Mutter lebte ab 1996 – betreut von meiner Schwester – fern jenem Ort, wo die als Verkauf getarnte Enteignung stattgefunden hatte, zur Miete. Die Eigentümerin des Hauses gehört zu den wenigen Menschen mit einer ganz persönlichen Haltung zum Grundgesetz: Eigentum verpflichtet! Sie wurde zur Freundin der Familie – und das Haus war gesegnet. Die alte Dame malte die schönsten Bilder, deren sie fähig war, sie hängen immer noch erheiternd und farbenfroh in Gängen und Treppenhaus. Die Eigentümerin wusch den Zigarettengestank aus den Gardinen ihrer “Mietpartei”, obwohl sie selbst das Rauchen verabscheut.

Ich muss in diesen Tagen meinen Anteil am Haus meines Vaters verkaufen; sein Erhalt übersteigt die finanziellen Möglichkeiten der Geschwister, denen es gehört. Keiner von uns hat die Chance eines “Erwirb es, um es zu besitzen”. Vielleicht war unser Vater zu ehrgeizig, als er baute. Unsere Vorfahren – ihre Geschichte habe ich im “Blick vom Turm” aufgeschrieben – wussten wenig über die Nöte und Bedürfnisse nachfolgender Generationen. Wir müssen ihren Erwartungen nicht gerecht werden. Aber es hinterlässt mir ein tiefes Gefühl von Unbehagen und Trauer, welche Defizite ich den Nachkommen hinterlasse, wenn ich jetzt das Haus meines Vaters verschleudere, “weil der Markt mich dazu zwingt”.

Größen und Werte

Frühling in Baden-BadenHätte ich mir träumen lassen, was für aberwitzige Zeitsprünge ich in diesen Tagen erlebe? Da schiebt sich aus der Vierteljahrhundert-Perspektive zusammen, was zusammengehört: Ich werde aus der DäDäÄrr freigelassen, fliege und tanze durch einen März 1989, der genauso sonnig, trocken und blütengesäumt ist wie der in diesem Jahr. Ich bin im Glück, und auf dem Tian’anmen-Platz stehen hoffnungsvolle Menschen gegen die KPCh-Diktatur auf wie heuer auf dem Majdan gegen die Macht von Oligarchen und ihren Marionetten. Die Propaganda der letzten größten Führer aller Zeiten macht aus Demonstranten Staatsfeinde, Nazis, Terroristen, kriminelle Gewalttäter, Anarchisten, auf dass sie zusammengeschossen, verstümmelt, in Gefängnisse, Lager, Folterkeller verschleppt, ihre Familien bedroht und erpresst werden können. Bestenfalls entkommen die Gedemütigten in den Westen – wie ich vor 25 Jahren. Dort kreischen oder gackern – je nach Zielpublikum, jedenfalls fern der Gefahr – Massenmedien; sie haben die Führer so fest im Blick wie die Bilanzen: in tyrranos! Und jede Menge Mitleid für die Opfer, möglichst unverbindlich.

Ja, es bekommt den Massen gut, ein wenig Mitleid zeigen und die eigene Führung als kleineres Übel erleben zu dürfen. Das fällt um so leichter, als eben jene Medien ihre Politiker gewohnheitsmäßig zu Pappkameraden stilisieren: Knallchargen für die TV-Unterhaltung. Nichts lässt die Kassen besser klingeln, als wenn ihr Aufstieg und Fall in raschem Wechsel zu begackern ist: Zwergenwerfen als Volkssport. Das freilich gefällt auch den größten Führern aller Zeiten. Sie nehmen die freien Medien der Freien Welt entsprechend ernst.

Die Entkommenen reiben sich die Augen: Je kraftvoller die Beschimpfungen aus den Redaktionsstuben erschallen, umso schneller verrauschen sie in der nächsten aufbrandenden Welle: einem Olympiakandidaten ist ein Unfall widerfahren, knapp vor den Spielen im Lande eines der größten Führer! Das Volk der Nationaltrainer zittert. Ein Volksheld hat Steuern hinterzogen, eine Diva war untreu, wird plötzlich furchtbar fett oder furchtbar mager, oder entdeckt ihr tiefes Verständnis für kraftvolle Männer an der Spitze der Politik: In Diktaturen wird schneller entschieden, gehandelt, gesiegt. Wer braucht Verlierer?

Keiner. In dieser Welt ist jeder zum Erfolg verurteilt, und dieser Erfolg muss messbar sein. In Zahlen, Quoten, Bilanzen. Hier nun beginnen die wirklich ernsten Zweifel: Mit welchem Maß messen jene, die möglichst große Mehrheiten als Erfolg bejubeln, die andererseits breite Spektren von Meinungen und politischen Formen, also mühsame Dispute als lästigen Auswuchs der Demokratie ansehen? Die dem Mainstream huldigen und eigentlich ganz froh sind, in den Ländern mit größten Führern aller Zeiten Geschäfte machen zu können, weil dort schnell entschieden, gehandelt, verwertet wird?

Größe imponiert. Und in den Weltreichen des vollkommenen Quantifizierens und Verwertens von allem und jedem in Geldform, wo die Masse ihre Bedürfnisse und Wünsche am Geld ausrichtet, wo über Armut und Reichtum amtliche Zahlen und Statistiken entscheiden, wird niemand mehr seine Rechnungen ohne die Gröfaz-Wirtschaften machen wollen. Das ist gut, weil erfahrungsgemäß eine florierende Wirtschaft auch Diktaturen ein Minimum an Liberalität und rechtlichen Regeln abverlangt, sogar Formen der Demokratie. Der Wohlstand in China hat ein Vierteljahrhundert nach dem Massaker vom Tian An Men Sprünge gemacht, es gibt eine zufriedene Mittelschicht. Träumt noch jemand, was die Demonstranten träumten? Wovon träumen jene, die heute den Ruf Russlands, die Unabhängigkeit und Kultur ihrer Heimat zwischen Kamtschatka und der Krim gegen Oligarchen und Putinismus verteidigen? Ihre Träume sind zu groß. Wenn sie in den Westen entkommen, versteht sie fast niemand.

Es ist in den Weltgegenden des quantifizierten Wohlstandes wenig Platz für alles, was sich nicht in konvertibler Währung, nicht als Marktwert beziffern lässt. Menschliche Größe dürfen Verlierer zeigen. Wir klopfen ihnen medial auf die Schultern und haben Mitleid – Sprüche und Spenden. So hält man sie sich vom Hals.

Immer wieder reloaded: Ein irrer Duft von frischem Heu

Eine Wiese - oder nur Heu?

Eine Wiese – oder nur Heu?

Zugegeben: der folgende Text ist nicht mein stärkster. Es ist zu zornig, zu persönlich. Irgendein Witzbold fand ihn gut genug, mich mit seiner Hilfe öffentlich zum Deppen zu machen: Er unterschob der Linkempfehlung in meiner Statusmeldung bei XING einen Code. Nun wird sie, gleich einem Sprung in der Platte, andauernd wiederholt. Freunde machten mich aufmerksam, ich teilte XING das Problem mit – bisher ergebnislos. Jetzt habe ich den Titel  geändert. NEIN!  Es ist kein Propagandatrick, um mehr Leute zu meinem Blog zu lotsen!

Auch heuer werden Herzen der DäDäÄrr-Nostalgiker wieder höher schlagen, wenn eine der erfolgreichsten Komödien aus der guten alten Zeit – von der DEFA in der Ägide des Stasi-IM- Generaldirektors Hans-Dieter Mäde 1977 verfilmt und mit einem Kritikerpreis belorbeert – Bühnen in Meckpomm zu Zeitmaschinen macht. “Ein irrer Duft von frischem Heu” half den Werktätigen, die Mangelwirtschaft zu ertragen, indem sie über leicht verrenkte, aber partei- oder sonst irgendwie fromme Schauspieler lachen durften. Die Gartenzwerge auf der Bühne passten den Riesenzwergen im Politbüro ins Konzept: folgenlose Massenbelustigung gegen wachsende Zweifel an der Heilsgeschichte des Sozialismus. Honecker, Mittag, Mielke & Co. waren 1977 zwar schon ökonomisch am Ende, aber dank Stasi, Stacheldraht und Selbstschussanlagen gegen Republikflüchtlinge immer noch im Vollbesitz der Macht. Sie entschieden: die Schulden sind erdrückend, aber die Afrikaner helfen uns vielleicht heraus, wenn wir genügend Kalaschnikows und W 50-LKW gegen Kaffee, Kohle und andere Rohstoffe eintauschen, statt harte Dollars zu zahlen. Wenn die Leute Kaffee haben und den irren Duft von kabarettistischen Knallfröschen, geht das sozialistische Wachstum schon irgendwie weiter; nörgelnde Kritiker verduften früher oder später mit oder ohne devisenträchtigen Häftlingsfreikauf aus dem Stasiknast gen Westen. Eigentlich war 1977 schon alles zu verkaufen – Menschen sowieso.

Ich gönne den Untertanen von einst und Untertanen von heute das Vergnügen, über die Riesenzwerge von damals zu lachen, während sie die Verantwortung fürs politische Geschehen – die fürs ökonomische zumal –  den modernen Riesenzwergen überlassen. 1981 habe ich mich geweigert, das Erfolgsstück zu inszenieren, dem Intendanten angeboten, drei Monate unbezahlten Urlaub zu nehmen. Ich wollte Texte schreiben, die in der DäDäÄrr nie veröffentlicht worden wären. Meine Texte interessieren – anders als “Ein irrer Duft von frischem Heu” –  immer noch winzige Minoritäten. Trotzdem weigere ich mich, der Volksbelustigung um der daraus resultierenden Einnahmen willen meine Zeit zu opfern. Der Waffenhandel – der mit Kalaschnikows, der mit Minen, der mit Raketen, der mit Feindbildern – funktioniert zu gut. Weder der irre Duft von frischem Heu noch die Farbe des Geldes können mich betäuben. Manchmal, wenn ich wie in der DäDäÄrr sehr verzweifelt bin, betäube ich mich mit Alkohol. Aber das hilft nur zeitweise. Dann ist der Gestank von Macht und deutschem Untertanengeist wieder da.

Verstopfte Zukunft–freigeschossen

Glock_17Am 26. April werden es zehn Jahre, dass Robert Steinhäuser, ein 19jähriger Erfurter, sich schwarz maskierte, sich mit einer Pistole Glock 17, 9mm und einer Pumpgun bewaffnete, in das Gymnasium ging, aus dem ihn eine ums Renommee ihrer Schule besorgte Direktorin ein halbes Jahr zuvor hinausgeworfen hatte.

 

 

Er erschoss zwölf Lehrer, die Sekretärin, zwei Schüler, einen Polizisten, dann sich selbst. Die Bluttat mündete in die solchen Taten zwanghaft folgenden Sozialrituale. Trotz anschwellender Medienverstärkung haben diese Rituale das nächste Massaker nie verhindert, sie werden es – fürchte ich – auch künftig nicht tun. Das liegt vor allem daran, dass nach einem “Warum” gefragt wird, aber nicht  nach dem Ziel des Täters, nicht nach den Handlungsimpulsen, die auf dieses Ziel fixiert sind. In einer Gesellschaft, die sich fast ausschließlich darum bemüht, den Fortgang der je eigenen Geschäfte sicher-zu-stellen, anderen also die Zukunft zu verstopfen,  werden zwangsläufig diejenigen übersehen, denen die Zukunft verstopft wird. Nicht alle schießen sie sich frei.

Die folgende Geschichte ist persönliches Nachdenken zum Thema.

Weshalb ich dieses Geschehens in meiner Erinnerung so sicher war? Ich weiß es nicht. Es gab keinerlei gefestigte Daten, keine verlässlichen Zeugen, keinen Ort auf dem Friedhof, der hätte beglaubigen können, dass dieser Selbstmord sich 1968 wirklich ereignet hatte, aber ich hätte Stein und Bein darauf geschworen. Meine Sicherheit stützte sich seltsamerweise auf Schreckenstaten der jüngsten Vergangenheit: auf die Erschießung von Jugendlichen – fast nur Mädchen – durch einen Mitschüler in Winnenden im März 2009, auf ein ebensolches Blutbad unter Lehrern in einem Erfurter Gymnasium am 26. April 2002, auf brutale Übergriffe von Jugendlichen in den USA wie hierzulande. Sie stützte sich vor allem auf ein Gesicht – es ähnelte den Gesichtern der beiden Schulselbstmörder: es war rund, eher kindlich als markant, von blonden Haaren umrahmt, die zu lang waren, als dass sie nicht seinerzeit das Missfallen von Lehrern und FDJ-Funktionären erregt hätten.

1968 war das, und der 17jährige, der zu diesem Gesicht gehörte, war ein unauffälliger, zurückhaltender und nicht etwa für seine Aggressivität bekannter Schüler. Unauffällig, eher angepasst – wie die Selbstmord-Attentäter von Erfurt und Winnenden. Er war ganz anders als ich. Während meiner Schulzeit, vor allem in den letzten Jahren bis zum Abitur, fiel ich andauernd auf: durch Unbotmäßigkeiten, Pausenclownerien, Stören im Unterricht, politische Äußerungen, deren feindlich-negativer Charakter alsbald durch eine aufmerksame Mitschülerin der Schulleitung hinterbracht und in Akten der einschlägigen Behörde verewigt wurde. Aber meine Lehrer warfen mich nicht hinaus. Sie hielten mich für einen hellen Kopf; sogar der Parteisekretär, der es später zu einem hohen Posten in der Bezirksleitung der SED bringen sollte, sah durch die Finger. Ich hatte Glück. Und ich hatte ein schlechtes Gewissen.

Denn dieser andere, stille Junge war ungeschützt, als sie ihn hinauswarfen. Anders als ich hatte er nicht den ganzen Wissenskanon der marxistisch-leninistischen Fächer drauf; er beteiligte sich weder an Mathematik- noch an Russischolympiaden. Er war den Zensuren nach durchschnittlich und – so sagte mir die Erinnerung – weder Rebell noch romantisches Sensibelchen, aber dann brachte er sich um. Er tat das wegen des Verweises „von allen Erweiterten Oberschulen der DDR“, einer Strafmaßnahme, die gleichbedeutend mit dem Ausschluss von so gut wie jeder Studienmöglichkeit war. Er tat es, weil ihm damit die Welt zusammenbrach. Aber wofür der Hinauswurf?

Der junge Mann hatte auf dem Tanzboden – also in aller Öffentlichkeit – ein T-Shirt mit dem Union-Jack getragen, ein Mitbringsel der Westverwandtschaft vielleicht oder eines der Großmutter von einem Besuch im Reich des Klassenfeindes, der Aufmerksamkeit der Sicherheitsorgane entgangen, durchgerutscht, begeistert aufgenommen vom jugendlichen Fan englischer Musikgruppen, stolz vorgezeigt beim Schwof, bunte Feder beim Balzspiel vor den Hübschen, die ihn sonst immer übersehen hatten. Das hatte der sonst Unauffällige gewagt – und verloren. Jemand hatte ihn angeschwärzt, er war geflogen. Daran meinte ich mich zu erinnern.

Nur um kurzzeitig jungen Mädchen zu imponieren, hatte er einen entsetzlichen Preis gezahlt: seine ganze Zukunft. Denn die DDR war sieben Jahre nach dem Bau der Mauer der einzige Ort, wo es für ihn eine Zukunft gegeben hätte, es gab kein anderswo, kein danach. Den Traum von Gegenden, über denen der Union-Jack statt Hammer und Zirkel im Ährenkranz auf Schwarz-Rot-Gold wehte, durfte er nicht einmal träumen. Unentrinnbar gesichert durch Minen und Stacheldraht wartete der Alltag im sozialistischen VEB auf den vom Studium Ausgeschlossenen. Diesen Alltag hatten wir Oberschüler schon kennen gelernt, denn wir gehörten zu den Jahrgängen, denen zum Abitur der Erwerb eines Facharbeiterbriefs – vulgo Gesellenprüfung – verordnet war. Wir tauchten alle drei Wochen in einem Betrieb auf, meistens freuten sich die dort Beschäftigten, dass wir für alle liegen gebliebenen, unangenehmen Arbeiten eingeteilt werden konnten. Der Tonfall, mit dem der Werkstattleiter seinerzeit die Worte „Oberschüler“ und „Zukunftsingenieure“ artikulierte, ist unvergessen.

Diese Zukunft war der Tod. Es war die Aussicht aufs unabänderliche Ritual allmorgendlichen Weckerklingelns, trostloser Transporte in stinkenden Bussen, erzwungener Gemeinschaft im „Kollektiv“, die um so schlimmer war, als sie andauernd zu erwünschter Gemeinschaft umgelogen wurde, es war die Aussicht, sich in den nächsten achtundfünfzig Jahren totzuschuften für den Sieg des Mauersozialismus und dabei mit einem Brandmal herumzulaufen oder zumindest so lange eine Maske überzustreifen, bis dieses Mal in Vergessenheit geriet. Es wunderte mich nicht, dass der junge Mann mit dem kindlichen Gesicht unterm blonden Schopf vor dieser tödlich verstellten Zukunft kapituliert, sich einen Strick genommen und im Stadtpark erhängt hatte.

Während meiner Zeit in der DDR fragte ich mich selbst immer wieder einmal nach dem Sinn eines Weiterlebens nach Hinauswürfen, Berufsverbot, „Zersetzungsmaßnahmen“ von Stasis. In meiner Umgebung nahmen sich mehrfach junge Menschen das Leben: eine Frau von Anfang 20, die nicht zu ihrem nach Westberlin geflohenen Freund ausreisen durfte, ein exmatrikulierter Schauspielstudent. Diese Tode zur Unzeit enthielten für mich immer Botschaften: „Da ist nichts und niemand mehr, die es wert wären, am Leben zu bleiben“, war eine. „Ich gehe in den Tod, damit ihr die Welt ändert“, eine andere. Die sie als lebende, sterbende Fackeln in die Öffentlichkeit trugen wie der Student Jan Palach, der Pastor Oskar Brüsewitz, wie buddhistische Mönche derzeit in Tibet, die damit das von der Kommunistischen Partei verordnete Schweigen brachen, erschütterten mich; die im Stillen gingen, waren mir näher in ihrer Ohnmacht zur Verzweiflung; ihnen gegenüber fühlte ich mich mitschuldig, weil mein Leben – wenn auch von Konflikt zu Konflikt – weiter funktionierte. Die Partei fürchtete selbst die leisen Abschiede: Ab 1963 wurden alle Statistiken zu Geheimpapieren, 1977 wurde das Verbot, über Suizide zu publizieren, noch einmal verschärft. Jeder Suizid schlug den Glücksverheißungen für alle, der ultima ratio des Kommunismus den Boden weg. Dafür hätten die Funktionäre immer noch wohlfeile Erklärungen mit „psychischer Labilität“ oder „persönlicher Tragödie“ parat gehabt; was sie wirklich scheuten, waren nachprüfbare statistische Daten. Diesen Daten nach lag die Rate der Suizide in der DDR erheblich höher als im Westen. Die Funktionäre sahen sie als Munition für den Klassenfeind.

Inzwischen sind Selbstmorde öffentliches Gemeingut. Sie werden umso lieber publiziert und in Massenmedien breit getreten, je prominenter die Toten, je ausgefallener die Todesarten; noch ausführlicher und mit noch größerem finanziellen Gewinn, wenn es „erweiterte Selbstmorde“ sind, also Angehörige oder Unbeteiligte mit in den Tod gerissen werden. Der Chor der – mal klagenden, mal empörten – Kommentare singt inbrünstig „Warum?“ dazu, hingebungsvoll schmücken Fachleute und solche, die sich dafür halten, die jeweilige Vorgeschichte aus. Beinahe immer tauchen darin Wendungen wie „still“, unauffällig“, „höflich“, gar „freundlich“ auf. Man konnte nichts ahnen. Man darf sich unbeschwert in der Sicherheit wiegen, derlei nicht vorhersehen, geschweige verantworten zu müssen.

Gerade deshalb erschien der Tod meines blonden Mitschülers vor 40 Jahren meinem Gedächtnis unzweifelhaft, es war ihm auch buchstäblich noch einmal einverleibt worden bei der Lektüre meiner Stasiakte 1991. Ich fand zwar keinen Hinweis auf den unglücklichen Kameraden, aber alle Denunziationen aus der Schulzeit, gottlob auch Zeugnisse der Loyalität meiner Lehrer. Ich zweifelte nicht, dass ich Glück gehabt hatte, dass ich – wenigstens zeitweise – davon gekommen war, anders als der Erhängte. „Du bist davongekommen“, sprach mein Gewissen, „hast du das verdient?“

Genau dieses Gefühl stellte sich bei mir wieder ein, als ich das Gesicht des kleinen blonden Jungen sah, der einmal Robert Steinhäuser gewesen war. Die Schuldirektorin mit der straffen Frisur, mit den schwarz geschminkten, unnachsichtigen Augen hatte ihn kurz vorm Abitur hinaus geworfen. Freilich war er da kein Kind mehr, sondern ein 19jähriger mit massivem Kinn, kurzem Haar, kräftigem Körper. Seine Zukunft – jedenfalls das, was er sich davon erhoffte – war vom Verdikt der staatsgewaltigen Dame verstellt. Die Türen waren zu, er stand draußen. Er ging nur scheinbar still und leise davon, er schrieb sich wenig später umso gewaltsamer in die Zukunft ein, die ihm von der Beamteten verweigert, vernichtet worden war. Er wendete seine ganze Phantasie, seine Fähigkeit zu planen, seine aggressive Energie auf dieses Ziel. Er erreichte es. Niemand wird ihn vergessen, niemand das inzwischen aufwendig renovierte Schulgebäude betreten, ohne früher oder später an das Massaker vom 26. April 2002 erinnert zu werden. In dem gewaltigen Gedröhn, das sich damals in den Medien erhob, blieb immer vernehmlich der „Warum?“- Chor. Die Litanei war genauso wenig auf beunruhigende Antworten aus wie nach dem Massaker von Winnenden im März 2009.

Das ist, was mein Unbehagen ausmacht: dass immer wieder die Fragen gestellt werden, die beschwichtigende Antworten schon vorwegnehmen. Jener Mitschüler in der DDR 1968 hatte keinen Zugriff auf Schusswaffen. Wäre er an eine Kalaschnikow gekommen, wäre die Sache anders ausgegangen: er hätte sich seine Zukunft freigeschossen. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Immerhin hatte er in dieser Richtung keine Vorbilder.

Damit genug der Spekulationen: Mein Gedächtnis hat mich – das macht mein Unbehagen nur schlimmer – gnadenlos belogen. Den erinnerten Selbstmord wegen eines T-Shirts mit Union-Jack hat es nicht gegeben. Es gab Hinauswürfe aus der Oberschule, es gab einen Selbstmord, beides hatte nichts miteinander zu tun. Die von unserem Bewusstsein für jegliche Erklärung gern herangezogene Kausalität, die Frage „warum“ hatte auch mich getäuscht. Ich war dem scheinbar einfachen, klaren Bezug von Ursache und Wirkung aufgesessen, dem ich sonst so nachhaltig misstraue: eine dem politischen System zuzurechnende Erniedrigung treibt einen Jugendlichen in den Selbstmord.

In Wahrheit war der Selbstmörder damals vor 43 Jahren – wie es für die meisten Suizidenten zutrifft – ein 17jähriger, dessen Psyche altersbedingten Krisen nicht gewachsen, der dann einem heftigen Konflikt ohne politischen Hintergrund hilflos ausgeliefert war. Er war unglücklich verliebt, sein Elternhaus war schlecht beleumdet, er fühlte sich von Altersgenossen abgelehnt, heute würde man sagen “gemobbt”.

Von dem außerordentlich gründlich recherchierten Buch „In einem Anfall von Depression …“ des Leipzigers Udo Grashoff habe ich mich belehren lassen, dass solche Konstellationen eine Selbsttötung bei Jugendlichen begünstigen, dass Rückhalt im Elternhaus, in der Religion oder andere verlässliche soziale Netze sie verhindern – wenn sich ein Ausweg findet im Ausweglosen, ein Trost im Schmerz, wenn da andere Ziele sind als das Ende mit Schrecken, wenn dem Zug in die Tiefe, dem „Spring doch einfach!“ ein innerer Halt entgegensteht – oder auch nur ein Fluchtweg offen bleibt. Grashoff weist nach, dass schon vor dem Zweiten Weltkrieg die Zahl der Selbsttötungen in den Regionen der nachmaligen DDR traditionell deutlich höher gelegen hat als im Westen, vor allem als in den katholischen Landstrichen des Westens.

Sehen wir einmal davon ab, dass dem Arbeiter- und Bauern-Staat vermutlich viele potentielle Selbstmörder einfach entflohen sind; in den 50er Jahren gingen – so sagt auch das Buch von Grashoff –, die für sich keine Zukunft im SED-Staat sahen, einfach gen Westen, wo sie eine Zukunft hatten oder auch nicht. Falls sie im Westen doch noch Hand an sich legten, sind sie statistisch nicht spezifisch erfasst; jedenfalls blieb die Zahl der Selbsttötungen in der Bundesrepublik weit unter derjenigen im Osten. Nach dem Bau der Mauer nahmen Selbsttötungen namentlich unter den Jugendlichen der DDR noch einmal stark zu. Später normalisierten sie sich; insgesamt lässt sich dennoch keine einfache Kausalität zwischen politischer Repression und Suizidalität herstellen.

Dass die Frage, wann einer aus seinen Konflikten nicht mehr herausfindet, wann er das Ende mit Schrecken der Fortexistenz unter Qualen vorzuziehen beginnt, also ernsthafte Vorsätze in Richtung Suizid fasst, dennoch mit seinem Verhältnis zu eigenen und den Zielen seiner sozialen Umgebung zu tun haben muss, bedarf keiner wissenschaftlichen Beglaubigung. Dass sich eine derart existenzielle Krise nicht auswirkt auf die Art wie er kommuniziert, mag glauben, wer da will.

„Was wird aus mir? Was ist der Sinn meines Daseins?“ – Ich kenne fast niemanden, der sich das als junger Mensch nicht gefragt und tiefe Zweifel durchgemacht hat. Wenn einer sich als Alternder wieder damit auseinandersetzt, hat sich die Perspektive vollkommen geändert, auch die Kommunikationsweise. Und deshalb lande ich wieder bei den Gesichtern, denen man angeblich Probleme nicht ansieht, beim „unauffälligen“ und „sozialkonformen“ Auftreten. Ich lande bei dem Erziehungsprinzip, das jungen Leuten vorhält: „Was andere können, kannst du doch auch – oder?“ Das „oder“ ist eine Drohung.

Unheilvoll dräut hinter diesem Wort, was einem oder einer passiert, die nicht kann, nicht will, was alle anderen können, also wollen können und dann auch tun: sich anpassen, sich konform verhalten. Es ist ein deutlich auferlegter Zwang, nicht abweichend und eigensinnig zu agieren, sondern dem Mainstream gemäß. Wenn Sie mögen, dürfen Sie an dieser Stelle einen Katalog von Marken für die Kleidung, Schulfächern, Studienrichtungen und Karrierezielen einfügen, der dem Nachwuchs die erfolgreiche Zugehörigkeit zum „freundlichen“, „unauffälligen“, „erfolgreichen“ Dasein im Mittelstand sichert. Die Liste ist lang. Man muss sich sehr anstrengen, um mitschwimmen zu dürfen bis zum Abitur und zur Karriere. Man nennt das Lebensplanung.

Diese Lebensplanung steht in einem perversen Widerspruch zur öffentlichen Aufmerksamkeit. Wer wahrgenommen werden will in unsrer von Medien durchströmten Welt, wer mitsurfen will auf der alle Seiten des Internets und der Zeitungen sowie die Kanäle von Fernsehen und Rundfunk durchtosenden Welle, der muss spektakulär sein, überlebensgroß. Er oder sie kann sich hochdienen über Castingcouches oder -shows – das kann schnell gehen –, hinaufquälen oder -dopen auf Leistungssportgipfel – das dauert länger –, sich auf die jahrzehntelange Ochsentour der Parteienkarriere begeben. Wem man zu diesen Höhen frühzeitig, viel zu frühzeitig für besonnenes Abwägen, ob sich derlei wirklich lohnt, den Weg versperrt, wen man noch dazu deutlich das Versagen bei der Anpassung spüren lässt: „Wenn andere das können – wieso kannst du das nicht?“ – der kann aber auch einfach, um sehr schnell berühmt zu werden, die Welt samt der von anderen vorgegebenen Zukunft in die Luft jagen.

Dann brandet die Medienwoge hoch, man ist bestürzt oder betroffen, man staunt, dass, was so unauffällig und angepasst schien, so explodieren konnte.

Viktor Frankl, jüdischer Psychologe, überlebte Konzentrationslager und Drittes Reich. Er hat einmal den Unterschied zwischen Totalitarismus und Konformismus, den er für das größte Übel unserer Zeit hielt, auf den Satz gebracht, das eine bedeute: zu tun, was die anderen wollen, das andere: zu wollen, was die anderen tun. „Wenn die anderen das können …“

Sich selbst zu töten, ist eine Extremform von Kommunikation. Wer da ohne Spektakel freiwillig aus dem Leben geht, hinterlässt die Botschaft, dass ihn keine Bindung an einen anderen Menschen mehr hält. Vielleicht erscheint ihm das nur für einen Moment so, vielleicht ist das eine vom Psychiater zu diagnostizierende krankhafte Wahrnehmungsstörung. Vielleicht erleben viele junge Leute so etwas und überleben es. Die Statistik sagt, dass heute, zwanzig Jahre nach dem Ende der DDR weniger Jugendliche sich umbringen, das tun eher die Alten. Die gewalttätig – auch gegen sich selbst – handeln, die anderen ihre Zukunft zerschlagen, die „Selbstmord-Attentäter“, die modernen Medien-Eklatisten, werden mehr. Das ist eine beunruhigende Bestätigung der Worte von Frankl. Seine Schrift zum Thema heißt „Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn“.

Freiheit der anderen oder Lizenz zum Pöbeln?

Grundgesetz_1949Mal abgesehen davon, dass nichts verwunderlicher gewesen wäre als ein verständiges "Jetzt schau’n wir mal, was er macht": die Nation der BILD-konditionierten Alle-Welt-Basher probt im Internet den nächsten Präsidentensturz, ehe der Kandidat auch nur gewählt ist. Wie bei solchen Gelegenheiten üblich: kein Vorwurf ist zu abstrus, als dass er nicht zum Wurfgeschoss taugte, Hauptsache mitmobben heißt die Devise. Freilich: Gauck wäre nicht Gauck, hätte er nicht gelernt, damit umzugehen. Hätten so etwas wie 90 % Zustimmung gedroht, wäre ihm nicht eingefallen zu kandidieren – dagegen ist er lebenslang immunisiert.

Nun blasen also die Wichtigtuer mit den großen Mäulern und der gegenüber Vorgesetzten jederzeit gut verborgenen widerständigen Meinung zum Halali gegen Gauck: im Internet. Das ist unvermeidlich, denn dabei kann sich einer wichtig, mutig, als politischer Vorkämpfer fühlen, ohne die Karriere oder die Mitgliedschaft im Verein zu riskieren. Wo sonst kann er das? Vor allem – wie sollte er dieser Versuchung widerstehen? Die Jagd auf Sündenböcke und das genüssliche Kolorieren von Feindbildern sind einmal (evolutionsbiologisch bedingt) bevorzugte Lustquellen, sie treiben seit alters her Klatsch und Tratsch, das allgegenwärtige soziale Hintergrundrauschen. Es ist ein zweckmäßiges Ritual wie das Blöken der Schafherde oder das Gegacker auf dem Hühnerhof, das Internet ist nur ein anderer Ort dafür – und so lange sich dort die Energien erschöpften, sollte’s mir eigentlich recht sein. Leider wird die fortgesetzte Übung in Schmähkritik und übler Nachrede in jedes andere Soziotop mitgeschleppt. Na gut, Stammtische kann einer heutzutage leicht meiden. Auch der Aufenthalt in mancher Betriebskantine oder Kaffeküche lässt sich umgehen, sobald dort selbsternannte Enthüller, Juristen, Politiker überhand nehmen.

Dass einer aber überall auf selbsternannte MeinungsBILDner mit der Lizenz zum Anpöbeln trifft, nicht nur im Internet, ist eine gespenstische Aussicht. Da seien Gauck und alle diejenigen vor, die im Kampf um Demokratie und Freiheit wirklich etwas riskiert haben – mein Vertrauen und meine Stimme haben sie.