Lesen, Schreiben: Elixiere der Freiheit

Atemlos habe ich über 500 Seiten aufgesogen, wie im Rausch. Darf ein Rezensent das? Vielleicht bin ich gar keiner. Nicht, wenn für das Besprechen eines Buches eine „Objektivität“ verlangt wird, die akademische Gelehrsamkeit zur Voraussetzung hat. Noch weniger, wenn politische, moralische, religiöse Neutralität – wie auch immer sie definiert sei – beim Lesen gefordert wäre. Dem Autor und seinen Texten gegenüber bin ich voreingenommen. Ich habe „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“ ebenso verschlungen wie „Für ein Lied und hundert Lieder“ , und „Die Wiedergeburt der Ameisen“; 2011 entstand mein Radiofeature „Für China aus dem Exil“, als Liao Yiwu seiner feindseligen Heimat China entkam. Aus der öffentlich-rechtlichen Mediathek ist es verschwunden, die Redakteurin fand seinerzeit schon Liaos Texte narzisstisch und unappetitlich, war dann vom Live-Gesang, von der Intensität des Gedichts „Massaker“ über den 4. Juni 1989 auf dem Tian’anmen, vom Alltag der Folter im chinesischen Gefängnis so perhorresziert, dass sie  mich gewähren ließ.

Was mir im Interview mit Liao Yiwu auffiel: Der Kontrast zwischen seinem zurückhaltenden und bescheidenen Auftreten und der ungeheuren Anmaßung seines Schreibens:  Er fordert die Politbürokratie Chinas heraus, die nicht nur über ein Milliardenvolk gebietet, sondern auch das Netzwerk globaler Diplomatie fast nach Belieben steuern kann. Die Ameise auf dem Rücken des Elefanten fällt mir ein, und das Heer der Ameisen, die „Würg ihn! Würg ihn!“ rufen. Das Heer sind wir: Autoren aus aller Herren Länder, ältesten und modernsten, technisch hochgerüsteten Despoten ausgeliefert, ein Heer, das Namen aus Jahrtausenden versammelt. Sie haben fast alle Schlachten verloren, noch die bedeutendsten, mutigsten mussten bisweilen zu Kreuze kriechen. Das Bild der zähen Insekten – in der Masse kaum unterscheidbar, reproduzieren sie sich in verborgenen Labyrinthen, kommen aber überall hin – dieses Bild erscheint bei Liao Yiwu öfter. Seine Ameisen haben Gesichter.

Sein neuestes Buch nimmt den Leser mit in die Labyrinthe, auf eine atemlos mäandernde Reise zwischen Peking und Chinas südwestlichen Provinzen Sichuan und Yunnan unter beständigem Verfolgungsdruck der Sicherheitsbehörden. Liao Yiwu schweift dabei immer wieder in die Tiefen der chinesischen klassischen Literatur- und Religionsgeschichte ab, sucht nach Vergleichen zu Fluchtschicksalen von Philosophen – etwa des großen Kong Fuzi – trifft auf Gefährten des Widerstandes. Mit manchen hat er den Folterknast geteilt. Manche haben sich den Zwängen und Verlockungen der Politbürokraten und ihrer „sozialistischen Marktwirtschaft“ ergeben, in der alles, auch Religionen und kulturelle Traditionen von Minderheiten, käuflich und verkäuflich ist. Die meisten überleben in Not und unter abenteuerlichen Umständen, sie saufen, fressen, spielen Versteck mit Spitzeln und Polizei – um den Preis des Lebens. Es ist eine lange Reihe von Namen, prägnanten Charakteren, erschütternden Schicksalen. Auch das von Lao Yiwus Familie gehört dazu. Seine Mutter hilft, obwohl sie die Repressionen mit erdulden muss, dem Sorgenkind immer wieder ins Gewissen redet. Es helfen schließlich viele aus dem Ausland, die seine Bücher schätzen und sie weltweit verbreiten wollen. Zwischen Hoffen und Verzweifeln erleben wir den Weg des Autors in die Freiheit, er balanciert zwischen Abgründen, und obwohl der gute Ausgang bekannt ist, bleibt das spannend bis zum letzten, erlösenden Augenblick im Sommer 2011.

Ja: Auch in dieser Fluchtgeschichte wird es oft unappetitlich, und der Vorwurf narzisstischer Selbstüberhöhung dürfte von jenen ertönen, die harmonisches Dazugehören vorziehen, radikal agierende Schmutzaufwirbler gern am Rand des Pathologischen verorten. Davon wird sich Liao Yiwu kaum beeindrucken lassen, und das ist eine Hoffnung für die Ameisen im Untergrund der „harmonischen Gesellschaft“, wie sie die KP Chinas verkündet. Der Schriftsteller ruht sich in Deutschland ebensowenig aus wie andere Exilanten. 2014 kam seine jüngste Tochter hier zur Welt, und es sieht danach aus, dass sie sein Lesen und Schreiben für die Freiheit weiter anspornt.

Brigitte Höhenrieder und Hans Peter Hoffmann haben bewundernswert übersetzt, sie erarbeiteten schon die deutsche Fassung von „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“. Ihnen sei ebenso Respekt gezollt, wie dem langjährigen Lektor Peter Sillem – seit 2017 ist er Galerist – und dem S. Fischer Verlag, der Liao Yiwu jederzeit den Rücken frei hielt.

Liao Yiwu „Drei wertlose Visa und ein toter Reisepass – Meine lange Flucht aus China“

S. Fischer Verlag 2018, 528 Seiten, 26,80€

 

 

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Ins Offene

IMG_20160404_165226_1Das Wunder eines jeden Jahres geschieht wieder, und ich kann niemals genug davon haben. Wenn einer als Kind das Glück hatte, so viel Zeit wie möglich im Freien zu verbringen, die Zauber der sich wandelnden Natur zu schauen, alle Farben, Klänge, Gerüche der Landschaften aufzunehmen und sich tief mit dem Augenblick zu verbinden, dann mag er niemals davon lassen, wird immer wieder aufs Neue vom vermeintlich Vertrauten überrascht.

Noch ein Frühlingsgedicht? Ja. Jeder Lenz ist – so oft sich aus Dreck, Wasser, Sonnenlicht Milliarden Blätter, Blüten, Myzelien bilden – ein anderer. Bilde ich mir ein, dass die Vögel schreien vor Lust und Glück? Mag sein. Ich lasse mich einfach anstecken.

Frühlingstag. Libellenflug.
Flirrend tilgt mit Blau und Grün
Laue Luft den längsten Winter
Nie sind Eis und Schnee genug
Nie muss Hoffnung sich bemühn.
Frühling findet uns als Kinder
Sonne zählt nicht ihre Tage
Gras fragt nicht wie lang es bleibt
Nicht die Blüte, was sie treibt
Nicht mein Mund, warum ich klage.
Deine Küsse werden Flüge
In die schwimmenden Pastelle.
Lachend fallen Vogelzüge
In des Jahres grüne Welle.

Nietzsche und die Folgen

NietzscheMeine liebsten Bücher waren allzeit diejenigen, die Lust und Neugier auf mehr Lektüre anfachten: Dieses gehört ab jetzt dazu, ich habe es begierig gelesen und wurde bestens unterhalten.

Andreas Urs Sommer ist ausgewiesener Nietzsche-Fachmann, seine Kenntnis der Werke und der Biographie ist umfassend, und er beweist mit seinem Buch, dass Nietzsches Idee von der “fröhlichen Wissenschaft” sich in zeitgemäße Literatur umsetzen lässt, er tut das sprachlich elegant, fern aller ideologischen Blähungen und akademischen Flohknackerei. Sowohl der erste Teil, der sich mit Nietzsches Werken und den biographischen Umständen ihres Entstehens befasst, als auch der zweite, in dem er die Wirkungsgeschichte bis heute anhand prägnanter Beispiele erzählt, sprengt von den Texten in 130 Jahren angelagerte politische Krusten und Verfälschungen ab: Die Tiefe und Vielseitigkeit Nietzsches, die Risse und Konflikte in seinem Leben werden anschaulich, auch etliche Anlässe zu späteren Missverständnissen.

Mir gefiel besonders, wie Sommer Eigenarten der Originaltexte herausarbeitet, wie dadurch etwa Nietzsches Suche nach einem eigenen Verständnis von Wissenschaft und Kunst für den Leser einsichtig wird. Dabei ist keine Spur von “Heldenverehrung” oder, wichtiger noch, keine Spur jener von Medien penetrant geübten, billigen Häme beim Attackieren vermeintlicher Denkmäler im Spiel. So wurde mein Vergnügen bei der Lektüre etwa von “Menschliches – Allzumenschliches” neu geweckt, meine Distanz zum “Zarathustra” mir selbst erklärlich, mein Interesse an “mehr Nietzsche” insgesamt bestärkt.

Weil Nietzsche immer wieder Perspektiven und Stil wechselte, entzieht er sich freilich „einfachen“ Deutungen, und weil andererseits fast jeder aus seinen Texten nur lesen kann, was ihm eigene Wahrnehmung und mehr oder weniger bewusste Impulsverstärker zu erkennen geben, treibt Nietzsche wie kaum ein anderer Philososoph eine konflikthafte Rezeptionsgeschichte hervor. Es macht Andreas Urs Sommer sichtlich Spaß, deren zahllose Kapriolen und Katastrophen zu verfolgen, sich Verklärer und Verteufler vorzuknöpfen, dabei verfolgt er zugleich die stimulierende, „katalytische“ Wirkung der Werke für Philosophie, Kunst und Literatur bis in unsere Zeit.

Die Fälschungen und Klitterungen der Nietzsche-Schwester Elisabeth, die den Kult um den schnauzbärtigen Philosophen begründete, sind zwar längst offenbart, gleichwohl nutzt auch manch heutige Zitatenschleuder unbeirrt die dort entstandenen Zerrbilder und Klischees. Nietzsche selbst verabscheute deutschen „Bierernst“, Moralinsäure und Nationalismus; es ist eine bittere Ironie, dass ausgerechnet er, der ins Äußerste gesteigerte Individualität vorlebte, von kollektivistischen Schreihälsen wie Mussolini und Hitler in Dienst genommen wurde. Insofern bereiten Sommers Analysen  kommunistischer und nationalsozialistischer Versuche, den Philosophen für die je eigene Propaganda zu instrumentalisieren besondere Genugtuung: Sie konnten ihn als Ideengeber sowenig zerstören wie seine geschworenen Feinde.

Schön kurzweilig lesen sich Geschichten über allerlei Parodistisches und Satirisches zum Thema, ebenso das „Was wäre wenn…“ eine der illustren Frauen (Lou von Salomé, Frau von Bachofen, Cosima von Bülow) sich den eher unattraktiven Mann erwählt hätte. Und das ist nur eine aus einem Schwarm von Fragen des Autors am Ende des Buches. Auf die letzte, in einer Nachbemerkung: „Falls sich Nietzsche doch lohnt, für wen und warum?“ versuche ich eine Antwort: Nicht für Leute, die ihn als zitierfähige Autorität im Kampf um moralische Deutungshoheit benutzen wollen. Politbürokraten und ihre mediale Gefolgschaft, Heilsverkünder und die Kollektive von Hanni und Nanni, Krethi und Plethi, Hinz und Kunz in der Maskerade von Bessermenschen werden ihre liebe Not haben, Nietzsches Werke noch einmal in politische Stempelkästen zu quetschen. Dazu sind sie einfach zu explosiv.

Andreas Urs Sommer “Nietzsche und die Folgen”, J.B. Metzler Verlag Stuttgart 2017, 208 Seiten, 16,95 €

 

 

Frühling im Januar

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Ich kann mich nicht erinnern, je zuvor an einem 12. Januar Hunderte blühender Krokusse in Baden-Badens Lichtentaler Allee, dieser kilometerlangen Parklandschaft ohnegleichen, gesehen zu haben. Mitte Februar, ja, da reichten bisweilen die Krokusprozessionen von Einheimischen und Gästen von der Innenstadt bis hinaus zum Kloster, dann erfreuten Hunderttausende bunter Kelche die Herzen, die Stimmung von Menschen vieler Nationalitäten erhob sich über Alltagsgrau und politische Zwistigkeiten hinweg hinauf ins Blau, Sonne und Frühling lächelten, noch der letzte Miesepeter lächelte zurück.

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In der Gönneranlage, wo in wärmeren Jahreszeiten zahllose Rosensorten,  Lavendel, Blauraute, Zitronenbäume, blühende Rabatten bezeugen, was die hiesige Stadtgärtnerei an Können, Geschmack und Fleiß alljährlich zu investieren bereit und im Stande ist, sammelt der Graureiher Regenwürmer. Er ist immer gern bereit, sich fotografieren zu lassen, vermutlich hat er mitbekommen, dass Menschen in Baden-Baden gern vor Kameras posieren, er testet seit Jahren, wie nahe sie sich an ihn heran trauen.

IMG_20180112_143436Der letzte Sturm hat ein paar große alte Bäume umgeweht. Unterm Wurzelwerk der 130jährigen Ulme hat Herr Amsel ein Versteck mit Nahrungsreserven gefunden, aus dem er mich skeptisch beäugt. Den Winterlingen ist egal, dass ihnen der Boden unter den Füßen weggekippt ist: So kriegen sie noch mehr Sonne und blühen einfach: Nächste Woche, sagen die Meteorologen, gibt’s Frost und Schnee, aber vermutlich wissen Frühjahrsblüher dank ihres eigenartigen vegetativen Gedächtnisses, dass solche Intermezzi in Baden-Baden kurz sind. Sie haben sie noch immer überstanden.

Und für diese Art Botschaften bin ich überaus dankbar.

Träume altern nicht (Schluss)

Zurück zu Teil (7)

2015-06-08 14.21.15Sie ist schon da. Sie winkt mir mit der Kuchengabel von einem Fensterplatz aus zu, Heidelbeertorte und Latte macchiato sind zur Hälfte verspeist, sie strahlt:

„Schwarzwald und Ostsee – mehr brauche ich nicht. Schön, dass du da bist, und das mit dem Wetter hast du auch wieder hingekriegt.“

„Möchtest du nachher wandern oder nur spazierengehen?“

„Mach dich nur lustig.“ Sie streckt ein paar äußerst elegante Schuhchen unterm Tisch vor. „Das ist schon ein Zugeständnis an Freudenstadt. Für alle Fälle habe ich noch ein paar Wanderschuhe im Kofferraum, aber die passen nicht so gut zum Rest.“ Ihr Lächeln erübrigt weitere Anspielungen. Sie ist schon aufgestanden, umarmt mich, ihr Mund ist an meinem Ohr. „Ich möchte gern wissen, wie du hier lebst.“ Jetzt schaut sie mir direkt in die Augen. „Darf ich?“

„Es ist nicht mehr so gemütlich wie in meiner Berliner Bude, falls du das meinst, und zu einem Haus hat ‘s nie gereicht, aber der Balkon ist nett. Hast du keine Angst vor Paparazzi?“

„Die hängen wir ab. Sekt?“ Sie winkt der Serviererin, etwas Leckeres von Badischen Winzern löst die Zungen, ehe ich zum Nachdenken komme, hat sie die Rechnung bezahlt, drängt zum Aufbruch.

„Zu Fuß oder im Auto?“

„Wie weit ist es denn?“

„Ich habe zwanzig Minuten gebraucht, und bei dem Wetter…“

Sie zieht eine Schnute: „Dann fahren wir. Mir ist nach Balkon.“ Die Eile wird mir unheimlich, nur ist meine Gier, sie allein in meine Wohnung abzuschleppen, übermächtig. Was wird geschehen? Ich bin nicht Kachelmann, sie ist „in festen Händen“, worauf soll das hinaus? Zum ersten Mal in meinem Leben besteige ich einen Porsche, das Ding ist so unwirklich wie alles an dieser Begegnung, die kein Wiedersehen ist, sondern gespenstisch überzeichnete Episode aus einer kitschigen Fernsehserie. In den wenigen Minuten Fahrt fragt sie mich nach Beruflichem, in knappen Worten erfährt sie vom Ende meiner Arbeit in einem Forschungsinstitut, das Fragen nach meteorologischen Langzeitfolgen von -zig Tausenden Windkraftanlagen für das Klimageschehen nicht mochte und mir zum Vorruhestand verhalf. Ob sie versteht, was ich ihr von der Dynamik nichtlinearer komplexer Systeme zu erklären versuche, weiß ich nicht. Sie fährt sehr konzentriert, parkt routiniert vor dem Reihenhaus, geht zur Tür, dreht sich zu mir um, lächelt.

„Ich bin gespannt wie ‘n Flitzebogen.“

„Auf eine richtig spießige Behausung?“ frage ich. Sie lacht. Sie schlüpft durch geöffnete Türen ins Haus, in die Wohnung, wie ein Kind, das geheimgehaltene Räume erkunden will. Sie weht durch meine drei kleinen Zimmer, die Küche, das Bad, wendet sich zu mir um, breitet die Arme aus.

„Worauf wartest du, Kachelmann? Du hast mich neugierig gemacht, jetzt will ich das volle Programm.“

Ich stürze in einen Rausch, der nie enden soll, höre ihre Laute, die mich in Ekstase versetzen, zwischen Himmelblau und kosmischer Schwärze brennt die Zeit, fluten Gefühle alles Denken fort, bin ich der Welt enthoben…, bis plötzlich der schlanke Frauenkörper sich entwindet, „Scheiße!“ sagt, und „Ich muss telefonieren.“

Dann verschwindet die Sylphe im federleichten Sommergewand, säuselt zuckersüße Sätze ins Smartphone, eine vollendet routinierte, bestrickende Suada für einen Joshua, fernab jeder Ahnung vom gerade passgerecht empfangenen Gehörn. Ich fühle mich wie im eigenen Bett auf die Straße gestellt.

Ein hingehauchtes „Bis glaaahaich!“ beendet das Gespräch. „Tut mir leid“, sagt die Diva zwinkernd, „das musste jetzt sein, du Schlingel, du hast mir ziemlich zugesetzt, Respekt, aber es ist höchste Zeit für mich. Darf ich mir noch etwas wünschen?“ Ihr Gesicht hat jenen Ausdruck, mit dem Tausende Generationen schöner Frauen gewohnt sind, jeden Gedanken an Ablehnung in weggehauchten Blütenstaub zu verwandeln: „Das Petschaft. Schenkst du es mir? Vielleicht hast du auch noch ein bisschen Siegellack dazu. Es wäre so ein schönes Andenken. Darf ich es mitnehmen?“

„Du darfst“, höre ich mich sagen, „natürlich. Alles was du willst. Beim nächsten Mal, ja?“

Ich komme nicht dazu, mich aus der Trance des Liebesaktes ohnegleichen aufzurappeln, da ist sie schon aus der Tür, draußen röhrt der Porsche.

Merkurabend (10)

Abschiedswunsch zum Ewigkeits-Sonntag

IMG_20151101_140019_1Am letzten Sonntag des November – Erich Kästner lässt ihn im zugehörigen Monatsgedicht den Trauerflor tragen – gedenken wir der Verstorbenen und des Todes. Je älter ich werde, desto dankbarer bin ich für das Glück meiner Lebensjahre, für die liebsten Menschen, die Freunde, die Lehrer, die Hilfsbereiten. Hilfe kam nicht selten in Form von Konflikten. Ich musste mich entscheiden, Bauchlandungen waren unvermeidlich, ich durfte mich, um einiges klüger, aufrappeln. Die Häme derjenigen, die ihr Motto „Mir nützt, was anderen schadet“ nicht verhehlten, motivierte eher als sie mich demütigen konnte – Schadenfreude ist ein ebenso einseitiges wie kurzes Vergnügen. Trotzdem finden ganze Berufszweige gutes Auskommen, wenn sie die Leute damit beliefern: Sie ist ein Sozialritual wie die Jagd nach Sündenböcken, so etwas verkauft sich auf dem Medienmarkt immer.

Derlei Gedanken kommen beim Gang über den Friedhof, wo zwar Laubbläser und andere technische Hilfsmittel die Totenruhe wieder an den Achtstundentag anpassen, seitab der gärtnerischen Mühewaltungen aber das Leben in schönster Vielfalt triumphiert: Amsel, Drossel, Fink und Star, Rotkehlchen, Grasmücken, Meisen aller Art, Specht und Zaunkönig lassen von sich hören, Bäume und Blüten feiern ihre Jahreszeiten, mitten in lärmverschmutzten Großstädten darf sich das Herz der Stille öffnen. Dann wird daraus vielleicht ein

Abschiedswunsch

Das Jahr meines Todes sei sonnensatt.
Mögen Menschen trinken in vollen Zügen
Vom Licht, von der Lust, vom schieren Vergnügen
Vom duftenden Wald und der Kühle im Watt.
Wenn abends die Fische nach Süden fliegen
Wenn Frösche und Eulen die Sterne anbeten
Eltern beim Tanz ihre Kinder vertreten
Wenn Wein die Regie nimmt und Fleisch den Verstand
Wenn du mich liebst mit dem Rücken zur Wand
Wenn alle Monde sich uns vermählen
Wenn wir endlich am Ende sind mit dem Erzählen
Erlöst uns, versprich ’s mir, der letzte Kuss
Sei mein Universum, eine Welt ohne Muss
Du, meine Liebe, bist ohnegleichen
Das Jahr die Sekunde: ich muss dich erreichen.

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Träume altern nicht (3)

Zurück zu Teil (2)

huckebein37In jenem Film hatte mich der Übermut gepackt. Der Meteorologie-Student Leo investierte seine letzten Ostmark in Sekt und ein Taxi, als die Schneekönigin sich just an seinen Tisch setzte: “Darf ick?”

„Na klar. Ich heiße Leo.“

„So jenau wollt‘ ick‘s jar nich wissen, aber okay: Heike.“ Stille. Zigarette zwischen schlanken Fingern, Leo hat ein Gasfeuerzeug aus dem Westen, gibt den Kavalier, dann passiert das Ungeheure: Sie greift nach seiner Hand zieht die Flamme vors Gesicht, ihr Blick ist in seinem, ein Blitz durchrast ihn, donnernd und stöhnend bricht das Packeis, brechen Wände von Gletschern und heben den Ozean, und Sonnenwind jagt ihn Kometen gleich durchs brennende Universum.

„Danke. Du bist kein Stammgast, oder?“

„Nein, mein Freund ist oft hier. Er ist Schauspieler, wir waren verabredet, er hat mich anscheinend versetzt.“

„Biste schwul?“

„Nicht dass ich wüsste“, sagt Leo unbedarft. Er versteht nicht, wieso die Schneekönigin daraufhin von einem Lachkrampf erschüttert wird, ordinär und herzhaft genug, jedes Marktweib zu beschämen.

„Hey Lisa, bring mal zwei Sekt. Wir ham was zu feiern. Der junge Mann ist weder schwul noch vom Theater. Wat machste eigentlich? Vielleicht solltest du den Sekt bestellen. Sammelst du Bekanntschaften? Du siehst gar nicht mal schlecht aus.“

„Welche Antwort zuerst?“ Leo ist hoch konzentriert. Er muss unbedingt schlagfertig sein.

„Meine Oma meint, zuerst muss klar sein, wer zahlt.“

„Meine auch. Sie steckt mir immer noch was zu, wenn ich sie besuche.“

„Oje, ein Schnorrer. Wie‘n Student siehste nicht mehr aus. Lassen wir die Omas leben und du bezahlst.“

„Gut. Nächste Frage?“

„Biste ein notgeiler Hungerkünstler?“ Die Kellnerin half ihm aus der Verlegenheit, zwei Kelche mit „Rotkäppchen“ landeten auf dem Tisch.

„Auf die Omas. Prost!“

„Auf die Hungerkünstler, denen das Geld egal ist.“ Die Schneekönigin leerte ihr Glas auf einen Zug. „Gibt‘s mehr davon?“

„Bestellen wir doch gleich eine Flasche.“ Der Übermut hatte Leo gepackt. Die Zeche würde ihn ruinieren. Beunruhigt stellte er fest, dass die Kellnerin seine Bestellung mit routiniertem Augenzwinkern quittierte. Tatsächlich war er völlig blank, als er nach einer zweiten Flasche und dem obligatorischen „Pfund“ für ein Schwarztaxi zu Hause landete, die Schneekönigin an seiner Seite. Sie hatten sich prächtig unterhalten, er hatte neidische Blicke im Rücken gespürt, als sie das „WC“ verließen. Nichts hätte ihn im Glauben erschüttern können, den schönsten Tag seines Lebens zu feiern – und die schönste Nacht.

Fortsetzung Teil (4)