Gut geregelt ist halb tot (Schluss)

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Das SED-Emblem und die zur KPD-SPD-Fusion inszenierte Demonstration vom April 1946 auf einer Briefmarke 1966

Unterm Banner des „Antifaschismus“ dirigierte die „Sozialistische Einheitspartei Deutschlands“ – nach weitestgehend erzwungenem Zusammenschluss von Kommunisten und Sozialdemokraten in der Sowjetischen Besatzungszone – die 1949 gegründete DDR, die sich als „das bessere Deutschland“ sah, Richtung Sozialismus. SED-Chef Walter Ulbricht gab die Devise aus „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.“ Durchgeregelt. Alternativlos.

Mittels Planwirtschaft war der kapitalistische Klassenfeind im Westen zu überholen, und zwar ohne ihn einzuholen. Auf der Überholspur kam oft etwas dazwischen – vor allem Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Die Fahrtrichtung West wurde rigide eingeschränkt; nur wer den Propheten MarxEngelsLenin, zeitweise auch Stalin oder Mao, treu ergeben war, oder als Rentenempfänger entbehrlich, durfte das Herrschaftsgebiet der Arbeiter und Bauern verlassen. An den für Flüchtlinge tödlichen „Antifaschistischen Schutzwall“ erinnern sich manche noch, auch an die Cherubim mit Betonmaske, die ihn überwachten.

Das Überholen klappte nicht, es herrschte Mangelwirtschaft, dafür gab es einen Überfluss politischer Witze. Der Regelbruch wurde überhaupt zur Regel, anders kam man zu nichts. Nicht mal zu Klopapier. Es gab meistens keins, wenn doch, dann in der Qualität „Mittelfeines Schleifpapier“. Zeitungen mussten die Not auf dem stillen Örtchen lindern, etwa das „Neue Deutschland“, Zentralorgan der Sozialistischen Einheitspartei, kurz „ND“. Sowas wäre heute undenkbar: Zeitungen sind a) teuer und werden b) von keiner Wasserspülung akzeptiert. Von Lesern auch immer weniger.

Trotzdem gilt immer noch die Regel „raue Zeiten – raues Klopapier“. Nicht nur, dass Zellstoff weltweit immer knapper geworden ist: Seit März haben die Russen Lieferungen von Birkenholz eingestellt, das für besonders weiches, flauschiges Tissue benötigt wird. Aber das ist nicht das eigentliche Problem, sondern wir alle sind es. Ist der Verbrauch von Holz im allgemeinen schon zu groß, der Bedarf kaum mehr zu decken, was sich überall auf Baustellen und wo es sonst gebraucht wird, in Engpässen und hohen Preisen niederschlägt, so ist die unmäßige Hygiene der Menschen ein mächtiger Waldfrevel. Sie können das beim WWF und zahllosen Publikationen nachlesen, die Menschen dazu erziehen wollen, weniger Zellulose für die Körperhygiene zu missbrauchen.

Der in jüngeren Jahren als Anhänger Mao Zedongs hervorgetretene Ministerpräsident Kretschmann empfiehlt den Einsatz von Waschlappen. Mein Vorschlag: Stellen Sie sich künftig bei jedem Wisch und Weg das ruckhaft anschwellende Geräusch einer Kettensäge vor! Dann folgen Sie vielleicht dem Rat einer Fränkischen Zeitung, stattdessen lieber kurz die Dusche zu benutzen. Es gab ja auch in einem öffentlich-rechtlichen Medium („Funk“) kürzlich den Hinweis, beim Duschen zu pinkeln – das spare Wasser und Energie.

Hier ein kurzer Blick auf die Praxis der 50er und 60er Jahre im Arbeiter- und Bauernstaat DDR und das Leben in einem Fachwerkbau, der wegen mangelnder Materialien und Handwerker nicht instand zu halten war. Gustav Horbel ist Hauptperson im Roman „Blick vom Turm“ und 1968 gerade 18 Jahre alt.

Fachwerk kurz vorm Abriss. Im Hintergrund die beiden Plumpsklos

„In dem Haus, wo Gustav wohnte, herrschte schon klassenübergreifende soziale Gleichheit. Es war vermutlich zur Zeit der französischen Revolution gebaut worden. Die Wohnungen hatten weder Zentralheizungen noch Bäder, nicht einmal eine Wasserspülung für die Toiletten. Mieter wie Hausbesitzer steckten ihre Hinterteile in eine runde Öffnung über den Miasmen der Jauchegruben — im Sommer bei Hitze im Winter bei Frost — und vernahmen jenes Geräusch, das dem Klo seinen Namen gab. Dass was plumpsen sollte, stecken blieb, gefror und den Bedürftigen Ungemach bereitete, kam nur bei außergewöhnlich strengem Frost vor. Gustavs Mutter griff dann unter groben Flüchen zu einem Eimer heißen Wassers und einem stabilen, mannshohen Knittel aus Buchenholz und setzte die Fallgesetze wieder in Kraft.

Vielleicht war ja die Knappheit an Toilettenpapier sogar von Partei- und Staatsführung gewünscht, weil viele Leute die Zeitungen noch einmal in die Hand nahmen und lasen, ehe die Organe des Zentralkomitees oder der Bezirksleitungen den Weg nach ganz unten antraten. Schließlich wusste jeder bis hinauf ins Politbüro mit dem Ersten Sekretär und Staatsratsvorsitzenden an der Spitze von diesem Alltagsritual. Nur öffentlich darüber zu reden, war tabu. ‚Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.‘ Aber so leuchtete immerhin ein, warum die Herren der Planwirtschaft nicht alles daran setzten, dem Frevel durch vermehrte Produktion von Toilettenpapier zu begegnen.“

Das Leben war nicht sehr komfortabel damals, aber es wurde jedenfalls sehr viel weniger an Wasser, Strom, Holz, Kohle, Eisen und andere Metallen, Gas und sonstigen Grund- und Rohstoffen verbraucht als heute. Soweit ich verstehe, gilt das einer großen Zahl Menschen in bestimmten Parteien oder sonstwie mit Steuergeld und Spenden finanzierten Organisationen als erstrebenswertes Ziel einer künftigen Welt ohne Kapitalismus. Es sind Leute, die in Jahrzehnten wachsenden Wohlstandes und Komforts heranwuchsen, fortwährend in allen möglichen Medien Laut geben und genau wissen, wie andere gefälligst ihren Konsum und ihre Körperhygiene zu reduzieren haben.

Dass ich mir die Verhältnisse von 1968 nicht zurückwünsche – obwohl der Mangel an Wohlstand in wildbewegter, abenteuerlicher Jugend nur eine lästige Begleiterscheinung war – begreifen solche Leute natürlich nicht. Ihre Lebenspraxis beschränkt sich auf den „Diskurs“, den wollen sie dominieren. Die Arbeit dürfen – und das war in der DDR mit ihren Ideologen und Politbürokraten genauso – andere machen. Arbeiter und Bauern zum Beispiel, gern auch unbotmäßiges Gesindel in Gefängnissen und Lagern.

„Herrschende Klasse“ – wie von den kommunistischen Säulenheiligen als Ziel vorgegeben – waren jedenfalls nie die Arbeiter, sondern immer Apparatschiks der Partei, nebst zahllos, ziemlich regellos, dafür sehr korrupt wachsenden „Staatsorganen“, „Massenorganisationen“ – kurz: ein System, das von der unüberbrückbaren Kluft aus – hoch moralischem – Anspruch einer-, wirtschaftlicher und geistiger Insuffizienz andererseits zugrunde ging. Der Mythos von der „Gleichheit aller Menschen“, der praktisch Gleichmacherei, Gleichgültigkeit, Gleichförmigkeit, Gleichschaltung in aller Öde, Hässlichkeit und Armut totaler Regulierung hervorbrachte: er überdauert – wie viele Verblendungen. Das geschieht gerade mit den entsprechend verheerenden Folgen.

Aber da auf allen Wegen dieser Welt die allerwidersprüchlichsten und keiner Gleichverteilung unterliegenden Gefühle immer mitfahren – und sie sich sich auf keine Weise regulieren lassen – bleibt der Teufel im Spiel und der Ausgang offen.

ENDE

Gut geregelt ist halb tot (III)

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Kurt Tucholsky in Paris 1928. Er blieb dem Deutschland der Extreme bis zum Tode fern

Die Kaiserreiche in Österreich, Deutschland, Russland und China gingen fast zur gleichen Zeit unter, als Telefone, Kinematographen, Autos, Flugzeuge, Rundfunk die Industrienationen durchdrangen. „Es ist alles schlechter geworden“, seufzten die Alten. „Aber mindestens eines ist besser geworden: die Moral ist schlechter geworden“, antwortete die Jugend und amüsierte sich in den Goldenen Zwanziger Jahren. Moral und Sexualmoral in der Weimarer Republik waren locker, Cabaret und Shows, Boulevard und Asphaltliteratur – Kurt Tucholsky, selbst ein Schwerenöter, kommentierte bissig seine Zeitgenossen, indem er 1931 die Persiflage einer Schulstunde zum Thema „Der Mensch“ veröffentlichte:

[…] Der Mensch gönnt seiner Gattung nichts, daher hat er die Gesetze erfunden. Er darf nicht, also sollen die anderen auch nicht.

Der Mensch zerfällt in zwei Teile: In einen männlichen, der nicht denken will, und in einen weiblichen, der nicht denken kann. Beide haben sogenannte Gefühle: man ruft diese am sichersten dadurch hervor, daß man gewisse Nervenpunkte des Organismus in Funktion setzt. In diesen Fällen sondern manche Menschen Lyrik ab. […]

Menschen miteinander gibt es nicht. Es gibt nur Menschen, die herrschen, und solche, die beherrscht werden. Doch hat noch niemand sich selber beherrscht; weil der opponierende Sklave immer mächtiger ist als der regierungssüchtige Herr. Jeder Mensch ist sich selber unterlegen.

Wenn der Mensch fühlt, daß er nicht mehr hinten hoch kann, wird er fromm und weise; er verzichtet dann auf die sauren Trauben der Welt. Dieses nennt man innere Einkehr.

Die verschiedenen Altersstufen des Menschen halten einander für verschiedene Rassen: Alte haben gewöhnlich vergessen, daß sie jung gewesen sind, oder sie vergessen, daß sie alt sind, und Junge begreifen nie, daß sie alt werden können.

1931 war „Der kleine dicke Berliner, der mit seiner Schreibmaschine die Welt vor der Katastrophe retten wollte“ (so nannte ihn Erich Kästner) schon im schwedischen Exil. Die 14jährige Weimarer Episode war „eine Demokratie ohne Demokraten“, die politischen Sitten wurden immer rauer. Aufschwung und Krisen folgten wie im Wechselfieber aufeinander, Arm und Reich standen in krassem Gegensatz, Kommunisten und Nazis eroberten die Straßen, die Parlamente, Zeitungen. Mit dem Fortschritt von Film und Rundfunk erreichte der Kampf um die informelle Macht, um die Deutungshoheit, eine neue Dimension. Desillusioniert, fast schon resigniert wandte sich Tucholsky noch einmal

An das Publikum

Oh hochverehrtes Publikum
sag mal: bist du wirklich so dumm,
wie uns das an allen Tagen
alle Unternehmer sagen?
Jeder Direktor mit dickem Popo
spricht: „Das Publikum will es so!“
Jeder Filmfritze sagt: „Was soll ich machen?
Das Publikum wünscht diese zuckrigen Sachen!“
Jeder Verleger zuckt die Achseln und spricht:
„Gute Bücher gehn eben nicht!“
Sag mal, verehrtes Publikum:
bist du wirklich so dumm?

So dumm, daß in Zeitungen, früh und spät,
immer weniger zu lesen steht?
Aus lauter Furcht, du könntest verletzt sein;
aus lauter Angst, es soll niemand verhetzt sein;
aus lauter Besorgnis, Müller und Cohn
könnten mit Abbestellung drohn?
Aus Bangigkeit, es käm am Ende
einer der zahllosen Reichsverbände
und protestierte und denunzierte
und demonstrierte und prozessierte…
Sag mal, verehrtes Publikum:
bist du wirklich so dumm?

Ja, dann…
Es lastet auf dieser Zeit
der Fluch der Mittelmäßigkeit.
Hast du so einen schwachen Magen?
Kannst du keine Wahrheit vertragen?
Bist also nur ein Grießbrei-Fresser -?
Ja, dann…
Ja, dann verdienst dus nicht besser.

Ohsers Vater-Sohn-Geschichten waren berühmt

Und dann wurde auf einmal alles ganz einfach mit den Regeln. „Führer befiehl – wir folgen“. Das gefiel… den meisten. „Da weiß man doch, wo’s langgeht!“

Die Teufelchen verschwanden im Exil, im Knast, im KZ. Oder im Untergrund. Obwohl es lebensgefährlich war, fanden subversive Informationen Schleichwege, blühte der politische Witz. Erich Ohser, Karikaturist und Illustrator von Büchern Erich Kästners wurde deshalb 1944 von einem gesetzestreuen Ehepaar namens Schultz angezeigt. Noch in der Haftanstalt Moabit verweigerte der Feind von Staat und Volksgemeinschaft uneinsichtig dem Freislerschen Volksgerichtshof das Geständnis und die Reue. Er nahm sich einfach das Leben.

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Gut geregelt ist halb tot (II)

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Zum grundsätzlichen Problem von Regeln: der Frage, ob sie vernünftig sind. Sie hat offensichtlich viel mit Informationen zu tun. Hatten oder haben Obrigkeiten, von denen Regeln bestimmt werden, sichere Informationen über die Zukunft? Informationen mit denen sie „den Nutzen der Regierten mehren, Schaden von ihnen wenden […] und gegen jedermann Gerechtigkeit walten lassen“ könnten?

Pyramide der Macht
Die Machtpyramide des Kapitalismus

Haben sie natürlich nicht. Sonst wären sie nämlich Gott. Das konnte Priestern und Majestäten die’s „von Gottes Gnaden“ waren, egal sein. Sie beanspruchten die Deutungshoheit, sie sahen sich im Besitz göttlicher Weis- und Wahrheit. Sie standen auf dem Gipfel der Pyramide nicht nur der materiellen, sondern auch der informellen Macht. Kaum anzugreifen, gar zu erschüttern, bis heute für die allermeisten „Führungskräfte“ das Ziel, aufs Innigste zu wünschen. Aber der Teufel steckte seit je im Detail. Es gibt einfach keine sichere Information über die Zukunft. Wenn ein Irrtum, um des Machterhalts willen nie eingestanden, offensichtlich wird, womöglich verbunden mit katastrophalem Schaden, kann das Herrscher stürzen. (Barbara Tuchmann „Die Torheit der Regierenden“)

Des Teufels Handlanger waren vor allem informelle Gegenspieler der Majestäten: Das konnten einfach – wie zuzeiten von Marie Antoinette – die Gerüchteküche und im Untergrund schwärende rebellische Umtriebe sein oder hundert Jahre später ein heller Kopf wie Frank Wedekind. Er wurde, durch den Tod seines Vaters und eine große Erbschaft unabhängig, ausgerechnet im Dreikaiserjahr 1888 (Wilhelm I. „greiser Kaiser“, Friedrich III. „weiser Kaiser“, Wilhelm II. „Reisekaiser“). Seine Dramen „Frühlings erwachen“, und „Der Erdgeist“ waren Theaterskandale in den 90ern. Unterm Pseudonym Hieronymos schrieb Wedkind für den „Simplicissimus“. Ein stark gefragtes Blatt mit Karikaturen, in dem untergründige Kritik und Witze an die literarische Oberfläche sprudelten.

Es war die Boomzeit des Deutschen Kaiserreiches, als Elektro- und Chemieindustrie aufkamen – BASF und Siemens erste Niederlassungen in China gründeten – das Bahnnetz in Deutschland Rekordausmaße annahm, die ersten Autos und Telefonanlagen gebaut wurden und – obwohl die Verhältnisse relativ liberal waren, als die Sozialistengesetze 1890 aufgehoben wurden – soziale und politische Spannungen wuchsen. Die Polizisten mit preußischer Pickelhaube – zum großen Teil ehemalige Unteroffiziere – waren weniger gut geschützt als heutige, teilten aber kräftig aus. Volkswitz und Gassenhauer halten die Erinnerung frisch.

Wilhelm II in Paradeuniform

Wilhelm II., der Reisekaiser, war auf Städtereisen, noch lieber zur See unterwegs – bis zu 200 Tage im Jahr. Vier Jahre seines Lebens soll er auf seiner Dampfjacht „Hohenzollern“ verbracht haben. Kreuzfahrten durch das Mittelmeer, Korfu, Italien, Türkei, Kanaan, jedes Jahr für mehrere Wochen auf „Nordlandreise“ in die norwegischen Fjorde – und immer unternimmt der erlauchte Seefahrer ausgiebige Landausflüge.

Der „Reisekaiser“ ist auch ein Medienkaiser: In der Glanzzeit Illustrierter Zeitschriften und der ersten Bewegtbilder kostümiert er sich prächtig und liebt es, photographiert zu werden. Und er hat imperiale Pläne: Mit Sultan Abdulhamid II. will er den Bau einer Bahnlinie von Konstantinopel bis Bagdad und an den Persischen Golf realisieren. Ein Wirtschaftskorridor von beiderseits 20 Kilometern soll deutschen Unternehmen zugute kommen. Es ist ein Projekt von vergleichbarem Ehrgeiz wie heute Xi Jinpings neue Seidenstraße; immerhin ist Deutschland die drittstärkste Wirtschaftsmacht der Welt.

Pomp und Eitelkeit des kaiserlichen Auftritts in Palästina reizten Frank Wedekind zu einer Spottrede anlässlich dieses Staatsbesuchs. Ebenso wie die Karikatur von Thomas Theodor Heine auf dem Titelblatt des „Simplicissimus“ wurde sie als Majestätsbeleidigung bestraft, die Ausgabe mit der Schmähung beschlagnahmt. Wedekind und Heine mussten in monatelange Haft auf der Festung Königstein. Man fragt sich unwillkürlich, mit welchen Strafen heute ein Kritiker der „Neuen Seidenstraße“ unter Xi Jinping zu rechnen hat.

Für den „Simplicissimus“ war es die beste Werbung, er erlangte in der insgesamt ziemlich vielschichtigen und politisch liberalen Presselandschaft des Kaiserreichs höchste Bekanntheit. So findet der Teufel bis heute immer neue Verbündete: Mit jeder Regel, jedem Gesetz kommt zugleich die Energie in die Welt, sie zu ignorieren, zu umgehen oder außer Kraft zu setzen. Sie lässt sich durch Kontrolle, Zensur, Moralnormen nicht schwächen noch gar ausrotten. Frank Wedekind in seinem Gedicht „Erdgeist“:

Werbeplakat des "Simplicissimus" von Thomas Theodor Heine 1896

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Gut geregelt ist halb tot (I)

Das Zeitalter der Mobilität hat uns vom Laufen zum Fahren, zum Rasen, gar zum Fliegen gebracht. Damit diese Fortbewegung von inzwischen Milliarden Menschen nicht fortwährend mit Unglück, Stau, gar Kollaps, Tod und Chaos einhergeht, braucht es Regeln. Es gibt sie, sie wurden und werden fortwährend geändert, angepasst, umgangen und gebrochen.

Verkehrszeichen für Kreisverkehr in Deutschland
Im Kreise geht die Reise…

Dabei gab es ein Wechselspiel: Der Mensch passte die Technik seinen Bedürfnissen an – schneller, höher, weiter, sicherer, komfortabler – neue Regeln mussten her: Gurtpflicht, Tempolimits, Überholverbote, Rettungsgassen. Das Verhalten der sich fortbewegenden Menschen änderte sich nur insofern, als die Regeln Routinen hervorbrachten – etwa das Anlegen des Gurtes oder routinierte Blicke auf Instrumente, Ampeln, Verkehrszeichen, Kreuzungen (rechts vor links), mögliche Blitzer am Fahrbahnrand.

Die Grundimpulse des Menschen blieben indessen fast unverändert: Erlangen und Vermeiden. Ebenso Gefühle wie Liebe, Hass, Neid, Zuneigung, Angst, Furcht, Bewunderung, Erstaunen, Empörung… Sie alle fahren mit. Und wenn ich vom Verkehr spreche, ist er natürlich nur ein Beispiel dafür, wie Menschen im Alltag miteinander „verkehren“.

In den vergangenen Jahren haben wir einen Wust wechselnder Regeln, sich verändernder Begründungen dafür, eine Flut widersprüchlicher Informationen erlebt wie kaum je zuvor. Woran muss, woran kann ich mich halten? – Welche Information trifft zu? Welche Regel hat Sinn? Welche Maßnahme? Wem kann ich vertrauen und – was ist die Wahrheit?

Damit wäre ich beim lieben Gott und beim Teufel, bei der Bibel und einem Verhalten, das sich schon bei den Kleinsten findet: Die Lust, Regeln zu brechen – oder eigene aufzustellen und durchzusetzen. Adam und Eva machten’s vor: Erbsünde, sie wurden aus dem Garten Eden verbannt.

Klar: Bei Gott im Himmel ist die Allmacht er bestimmt die Regeln. Auf den Einspruch von Atheisten hin gebe ich natürlich zu, dass die Regeln des Universums gelten, aber von da an kämen Sie vielleicht zu einem ausschweifenden Text über Relativitätstheorie und Quantenphysik, aber nicht zu einem unterhaltsamen Atikel. Mit Gott, Satan und Regelbrüchen, auch Sünde genannt geht das. Man versteht trotzdem gut, dass Regelbrüche im Umgang mit Naturgesetzen üble Folgen haben können. Wer versucht, die Physik zu bescheißen, riskiert halt Bruchlandungen und Blackouts.

Zurück ins Paradies – zu Gottes Werk und Teufels Beitrag.

Im Bürgerkrieg verwundet, in Revolutionskämpfen 1914 in Mexiko verschollen: Ambrose Bierce

Ambrose Bierce war ein amerikanischer Autor von Kurzgeschichten, sein Humor war tiefschwarz. Manche hielten ihn für einen Menschenfeind; liest einer seine Texte, begreift er, wie ein lebens- und kriegserfahrener, zutiefst Mitfühlender sich in den Sarkasmus rettet. 1911 verfasste er „The Devils Dictionary“. Unterm Stichwort „Satan“ ist zu lesen, dass dieser

„Einer der beklagenswerten Irrtümer des Schöpfers“ gewesen sei, „von diesem in Sack und Asche bereut. Als Erzengel eingesetzt, machte Satan sich vielfältig unbeliebt und wurde schließlich des Himmels verwiesen. Bei seinem Abstieg hielt er auf halbem Weg inne, neigte denkend einen Moment lang das Haupt und ging schließlich zurück. »Eine Gunst möchte ich erbitten«, sagte er.
»Nenne sie.«
»Wie ich höre, ist der Mensch in der Mache. Wenn er fertig ist, wird er Gesetze brauchen.«
»Was, du Wicht! Du, sein berufener Widersacher, seit dem Morgengrauen der Ewigkeit von Haß auf die Seele des Menschen erfüllt — du bittest um das Recht, seine Gesetze zu machen?«
»Pardon; worum ich bitten möchte, ist, daß ihm gestattet werde, sie selbst zu machen.«
So ward es beschlossen.“

Von den Göttern zu Propheten, Majestäten und anderen Obrigkeiten – sie alle hielten sich selbst ungern an Regeln und wussten das auch stets fintenreich zu begründen. Die Menschen konnten sich ihre Herrscher nur selten aussuchen, und selbst dann machte sich Satans List, die Gesetze den Menschen selbst zu überlassen, bemerkbar: Egal ob die Macht dynastisch – also in Familien – vererbt, ob sie durch wie auch immer geartete Wahlen an unterschiedlichste Regierungen gelangte oder einfach mit Gewalt oder durch Korruption angeeignet wurde: sie fiel immer wieder einmal in die Hände von Idioten. In Ambrose Bierce‘ „Des Teufels Wörterbuch“ steht dazu

Idiot, der — Angehöriger eines großen und mächtigen Stammes, der menschliche Belange stets beherrschend beeinflusst und kontrolliert hat. Die Aktivitäten des Idioten beschränken sich nicht auf ein bestimmtes Gebiet des Denkens oder Handelns, sondern durchdringen und regeln alles. Er hat in allem das letzte Wort; seine Beschlüsse sind unanfechtbar; er bestimmt die Mode in Meinungs- und Geschmacksfragen, diktiert Sprachfehler und schreibt ultimativ Verhaltensweisen fest.“

Die Folgen werden in der Litertur oft behandelt, auch bei Goethe, im „Faust, Prolog im Himmel“ während einer Zwiesprache des Herrgotts mit Mephisto:

„Von Sonn’ und Welten weiß ich nichts zu sagen“, erklärt der Teufel, „Ich sehe nur wie sich die Menschen plagen. Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag, Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag. Ein wenig besser würd’ er leben, Hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben; Er nennts Vernunft und braucht’s allein Nur thierischer als jedes Thier zu seyn.“

Damit wären wir bei einem grundsätzlichen Problem von Regeln angekommen: Der Frage, ob sie vernünftig sind.

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Denkmäler stürzen – eine Lust?

Manche Denkmäler fielen im Sozialismus, andere in Kriegen und Revolutionen – fast immer, weil sie Ideologen störten

Der Tod gehört zum Leben: Was für manche eine Binsenweisheit ist, können andere schwer hinnehmen, vor allem wenn es nächste Angehörige, womöglich gar sie selbst anlangt. Die Todesfurcht ist eine anthropologische Konstante. Während weltweit die Angst vor der Ansteckung mit dem Corona-Virus grassiert, Regierungen und internationale Organisationen, bestärkt durch eine Sintflut medialer Alarmrufe mit Maßnahmen hantieren, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat, bedarf das keines Beweises.

Eine mindestens ebenso starke Konstante ist der Wunsch des Menschen nach Unsterblichkeit, oder wenigstens nach einem möglichst langen Leben bei guter Gesundheit. Beides wird gewöhnlich den Göttern zugeschrieben – sie sind ewig, manche durch den Verzehr ihnen vorbehaltener Obstsorten auch ewig jung und gesund. Der Mensch vermiede gern Krankheit und Altern; den Tod überlistet er nur im Reich des Mythischen oder im Märchen. Was ihn von allen anderen ihm bekannten Lebewesen unterscheidet ist, dass er über solche Dinge nachdenkt. Mehr noch: Göttern gleich möchte er in Worten und Werken über sein zeitlich begrenztes Dasein hinaus fortleben, ersatzweise „sich verewigen“.

Falls er das mit größeren Bau- oder Kunstwerken, nicht nur mit grob in Bäume gekerbten Initialen, irgendwo als Tags aufgesprühten Insignien oder anderen eher banalen Memorabilia tun will, muss er dazu die Macht haben – oder die besondere Gunst der Mächtigen. Monumente kosten. Notwendig ist, dass er über hinreichend großes Ansehen verfügt. Nur in beiden Dimensionen der Macht – in der materiellen wie der informellen – außergewöhnliche Ereignisse und Personen werden bedenkmalt, Schlachten und ihre Lenker, Eroberer, Diplomaten, bedeutende Reformer, außerordentliche Wissenschaftler und Künstler.

Reichtum allein schützt nicht vorm Vergessen werden, ein tadelloser Ruf allein ebensowenig. Fügt sich beides in den Augen der Entscheider, so finden sich Mittel in der Kultur: an Bauten, in Malerei, Skulpturen, Sprache und Schrift. Möglichst resistente Materialien verschaffen dem Geschehen und seinen Protagonisten Überlebensgröße und -dauer, ein Denk-Mal im weitesten Sinn.

Herausragende Leistungen zum Wohle des Stammes, einer Dynastie, Religion, Ethnie, Nation, des Berufsstands, der „Bewegung“ verhelfen zur Nachhaltigkeit in deren Gedächtnis. Auch exorbitante Schandtaten. Wer ein Denkmal für etwas oder irgendwen er-richtet, wird das Gedenken in seinem Sinn aus-richten, Erinnerung reinigen von unpassenden Eigenarten, menschlichen Schwächen, etwaigen Verbrechen des Bedenkmalten.

Das Gedenken beruft sich allerdings meist auf Erinnerungen vieler, so werden überaus zähe und zugleich plastische, schillernde Mythen überliefert, wie im Falle Alexander des Großen oder des römischen Kaisers Nero. Bildwerke oder – mit Aufkommen von Schriftsprachen – in dauerhafte Materialien geprägte Zeugnisse bewahrten Ruhm und Ansehen, zugleich bildeten sich Mythen und wucherten unkontrolliert in alle Richtungen. Mythos und Monument sind so komplementär wie informelle und materielle Macht.

Das Flüchtige und das Träge – ein Exkurs

Lassen sie mich hier auf biologische, womöglich gar physikalische Hintergründe – vielleicht besser „Untergründe“ – schauen. Schließlich basiert das Leben auf einer universellen Geschichte, und bis heute gehört der Streit über Gestalt und Geschehen des Urknalls zu den heftigsten, denen selbst das gemeinhin eher ausgeglichene Gemüt eines Physikers sich auszusetzen bereit ist. Ob mit dem Entstehen unseres Universums – also dem, was wir mittels menschengemachter Instrumente über dessen Fortgang herausgefunden zu haben meinen – zugleich ein anderes unterging, ist gänzlich ungeklärt. Auch darüber gibt es wirklich hochinteressante, allerdings meist nur für einschlägig Vorgebildete verständliche Theorien.1

Ein ebenso unerklärtes und umstrittenes Phänomen ist die „Dunkle Materie“. Dass es sie geben muss, leiten Kosmologen aus nicht zu bestreitenden Messungen der Gravitation ab. Obwohl dieser rätselhafte „Stoff“ unsichtbar ist, sich jeder direkten Beobachtung entzieht, folglich nur mittelbar, etwa aus Beobachtungen von Galaxienhaufen, als existent erweist, hat er die sechsfache Gravitation der sichtbaren Materie. Es kommt noch schlimmer: Die „Dunkle Energie“ nimmt in kosmologischen Modellen sogar 72% des Materie- und Energiegehaltes, die Dunkle Materie 23%, die Atome des heutigen Universums nur 4,6% ein. Das Ausmaß an Ungewissheit ist schlechterdings überwältigend.

Mehr zu solchen „Welträtseln“ findet sich in Enzyklopädien wie der Wikipedia; ich will hier nur mit der Frage schließen, ob es sich dabei um ungelöste oder womöglich unlösbare Probleme bei der Frage nach dem wichtigsten Stoff handelt, aus dem wir Menschen gemacht sind: aus Zeit.

Augustinus im Lateran – Phantasieporträt aus dem 6.Jahrhundert

Spätestens hier endet – nicht von ungefähr – der neuerdings viel beschworene „Konsens in der Wissenschaft“, und die Religion betritt die Bühne. Von dem Kirchenvater und Bischof Augustinus (*13. November 354 in Tagaste, einer Stadt im heutigen Algerien, + 28.August 430 in Hippo Regius) stammt der weithin bekannte Ausspruch

„Was also ist ‚Zeit‘? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; will ich es einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht.“ (Confessiones XI, 14)

Er weist auf die Kluft zwischen subjektivem Zeitempfinden und dem unerbittlichen, unbeeinflussbaren Gang der universalen Zeit hin, die jeden von uns werden und vergehen lässt. Woher kommen wir? Wohin (ver-)gehen wir?

Auch Religion ist eine anthropologische Konstante, vielen missfällt das, insbesondere Leuten, die „Wissenschaft“ gern in den Rang der Unfehlbarkeit erhöben und sie damit der Religion gleichstellten – im Zeitalter der Gleichstellung mögen manche das als Fortschritt sehen, aber hinter diesem Calauer steckt natürlich der Wunsch, Wissenschaft wie Religon politisch zu instrumentalisieren. Da hört der Spaß auf.

Spaß beiseite also, dafür noch einmal: Was den Menschen von allen anderen ihm bekannten Lebewesen unterscheidet ist, dass er über solche Fragen nachdenkt. Genauer gesagt: Er investiert immer mehr Zeit und Energie, sie zu beantworten. Ein Megaprojekt wie der Teilchenbeschleuniger Large Hadron Collider in Genf verschlingt Unsummen – Jahresbudget 1 Milliarde € – und die Zahl der am Projekt und der Auswertung von Experimenten direkt oder indirekt beteiligten Forscher und Mitarbeiter in aller Welt geht in die Hunderttausende. Hier geht es um den Mikrokosmos, die kleinsten Elementarteilchen, aber letzten Endes soll ihr Verhalten auch erklären, was das Universum ausmacht. Inmitten des unvorstellbar Winzigen und Flüchtigen und des unvorstellbar Großen und Trägen bewegt sich die seltsame Spezies Mensch. Seltsam, weil jeder Einzelne wieder – das erstaunt und beschäftigt die Hirnforscher – eine Qualität dynamischer Wechselwirkungen zwischen seinem Körper, Gehirn und der Lebensumgebung ins Universum einbringt, die astronomische Dimensionen hat und nicht weniger ungelöste Fragen aufwirft, als das Weltgeschehen insgesamt. Vielleicht auch unlösbare?

Existiert nur, was messbar ist? Was genau ist eigentlich Information? Erlangen und gebrauchen wir sie ausschließlich in Gestalt der uns bekannten Medien – also an irgendein Material oder eine Energieform gebunden? Ist ihre Qualität nur anhand ihres praktischen Nutzens zu bewerten? Was entscheidet über das Erscheinen von Persönlichkeiten, die alle vergleichbaren ihrer Zeit in den Schatten stellen und Schicksale von Völkern, Kulturen, Zivilisationen prägen, und zwar sowohl als Zerstörer wie als Erfinder, Erbauer, Schöpfer beispielloser neuer Werke? Und andererseits: Welche Impulse des Einzelnen oder von Kollektiven höchst unterschiedlicher Größe bis hin zu ganzen Nationen, Weltanschauungen, Kulturen treiben Menschen dazu, immer wieder tödliche Risiken einzugehen? Handelt es sich auch dabei um eine anthropologische Konstante? Verbindet nicht gerade dieses Risikoverhalten den Menschen mit allem Existierenden, weil es ohne fortwährende Bewegung auf dem unendlich schmalen Grat des Ereignishorizonts eben nicht existierte?

Diese Frage möchte ich mit Ja beantworten. Dass die Grundimpulse Erlangen und Vermeiden die Welt jederzeit bewegen, dass so beständig Zukunft entsteht und Vergangenheit hinterm Ereignishorizont verschwindet, unerreichbar wird, dass dabei aber genügend träge Masse – mit uns – im Ereignishorizont „gefangen“ bleibt, um daraus Hypothesen über das Vergangene aufstellen zu können, ist ein interessanter Gedanke. Den Grundimpulsen fiele dabei die Rolle des Flüchtigen zu. Wo sie sich im Geschehen materialisieren, verschwinden sie2 zugleich, ohne je aufzuhören. Kosmologen sehen in der Dunklen Energie das „Auseinanderfliegen“ des Universums begründet; eines der vielen unbegriffenen – unbegreiflichen? – Phänomene. Im Gedankenexperiment will ich dort einmal das Flüchtige vermuten. Das Träge ist sein Komplement. Und damit schließe ich den Exkurs.

Die Ewigkeit des Flüchtigen

Falls Sie den Eindruck haben, dass es sich bei mir um einen Feld-, Wald- und Wiesenphilosophen handelt: Das stimmt. Nicht unbescheiden genug, fügte ich gern noch den Luft-, Feuer- und Wasserphilosophen hinzu. Und Ja! ich überschätze mich. Das sehe ich allerdings als normales Risikoverhalten. Menschen auf der Jagd, Menschen, die Kinder zeugen, brauchen es ebenso wie Mauersegler, die 10 von 12 Monaten fliegend in der Luft verbringen, zehntausende Kilometer zwischen Europa und Afrika zurücklegen, dabei eine besondere Art zu schlafen entwickelt haben und – wenn ich’s richtig verstanden habe – sogar kopulieren. Menschen können das inzwischen auch, mehr noch: sie können sogar als einzige Lebewesen im Flug eine warme Mahlzeit zu sich nehmen. Konstatierte der unvergessene Philosoph Loriot.

Otto von Lilienthal 1894 – kein weiter Weg mehr bis zum Fliegen.

Um so weit zu kommen, mussten sie allerdings enormen Aufwand an Technik treiben. Viele starben beim Versuch, es den Vögeln gleich zu tun; die meisten hatten sich überschätzt, viele sterben immer noch, weil sie Risiken unterschätzen. Dasselbe galt und gilt für Bergsteiger, Tiefseetaucher, Langstrecken- und Skiläufer, Autofahrer… Vor allem für Krieger. Spätestens hier stößt einer auf einen wichtigen Unterschied: Wird der Impuls, ins Risiko zu springen, freiwillig ausgelöst, die (Todes-)Gefahr bewusst ignorierend – oder wird er erzwungen? Handelt einer selbständig oder getrieben? Sucht er gar den Tod? Welche Informationen sind ihm zugänglich, welche ausschlaggebend?

Keine Entscheidung – ich rede hier nicht von „rein rationalen“, die es nur als Sonderfälle in der Spieltheorie gibt – erfolgt aufgrund absolut verlässlicher und vollständiger Informationen. Jede Situation überforderte mit der Menge und Komplexität ihrer Einflussfaktoren die Fähigkeiten des Menschen und seiner Instrumente, sie wahrzunehmen und in angemessener Weise zu reagieren. Stattdessen verfügt er über ein im Hinter- (oder Unter-)grund wirkendes System der Intuition und Antizipation. Man kennt es als „Sechster Sinn“, aber das greift zu kurz. Die beteiligten Faktoren sind nur teilweise bekannt, und alle Versuche, einer „Künstlichen Intelligenz“ etwas auch nur Vergleichbares zu verpassen, scheitern – für den Physiker vorhersehbar.

Die Grundimpulse – Erlangen und Vermeiden – sind doch offenbar stark an gedankliche und sprachliche Partikel wie „Gut und Böse“ gekoppelt; auch sie sind komplementär. Könnte es sein, dass jeder Entscheidung, logisch in ein Ja oder Nein gefasst, Impulse des Flüchtigen vorauslaufen – Interaktionen zwischen Bewusstem und Unbewusstem?

Unter zahllosen Beispielen seien zwei bekannte herausgegriffen, bei denen historisches Geschehen statt eines katastrophalen einen glimpflichen Verlauf nahmen:

Als am 26. September 1983 ein Softwarefehler in der Satellitenüberwachung der Roten Armee einen Angriff der USA auf die Sowjetunion mit Atomraketen signalisierte, hätte dies den Beginn des 3. – nuklearen – Weltkrieges bedeuten können. Verhindert wurde er nur durch den diensthabende Oberstleutnant Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow. Er stand vor der Wahl, strikt nach den ihm verfügbaren Informationen und entsprechenden Anweisungen zu handeln, oder – in der Sprache subalterner Ordnung „eigenmächtig“ – die verfügbaren Informationen als Fehlalarm zu interpretieren. Das bedeutete für ihn und sein Land ein unvorstellbares Risiko. Er nahm es auf sich – und lag richtig. Es trug ihm zunächst keinen Dank bei den Apparatschiks ein; erst Jahrzehnte danach wurde er dafür geehrt, vor allem in den USA.

Am 9. November 1989 löste die – vom Informationsstand der Führung seiner Partei sowenig wie von dem der bewaffneten Grenzorgane und der Stasi gedeckte – Aussage des SED-Politbüro-Mitglieds Günter Schabowski während einer internationalen Pressekonferenz über das „unverzügliche“ Inkrafttreten eines neuen „Ausreisegesetzes“ der DDR am selben Abend einen Massenansturm von Ostberlinern auf den Grenzübergang an der Bornholmer Straße aus. Der dort verantwortliche Oberstleutnant Harald Jäger musste sich entscheiden, dem Druck der Masse nachzugeben, oder als Subalterner das „Grenzregime“ nötigenfalls mit Waffengewalt durchzusetzen. Er handelte – nach eigenem Bekunden – ohne Zustimmung seiner Vorgesetzten „auf eigene Faust“, was eine Befehlsverweigerung bedeutete. Die Folgen sind Geschichte.

Es gäbe zahllose Beispiele dafür, welche massenhaften Opfer befehlsgemäßes, subalternes Verhalten in der Vergangenheit forderte und bis heute fordert. Sie weisen auf ein für autokratische, gar totalitäre Gesellschaften typisches Muster hin: Die organisierte Verantwortungslosigkeit. Keinem der – später nur ausnahmsweise als Massenmörder und Kriegsverbrecher verurteilten – Subalternen war mit Vernunftgründen hinsichtlich ihrer Schuld beizukommen. Sie beriefen sich allesamt auf das Informationssystem von Befehl und Gehorsam. Strikt rational begründet. Niemand weiß, wieviele von ihnen doch unter „Gewissensbissen“ handelten, wieviele Reue empfanden. Es gibt davon aber Zeugnisse. Natürlich auch Beweise für erheuchelte Reue mit dem Ziel, eine härtere Strafe zu vermeiden.

Noch unübersichtlicher, noch unschärfer wird das Bild, will man herausfinden, ob, wann und unter welchen Umständen ein Kollektiv aus Vernunftgründen innegehalten hätte, wären nur die Argumente gegen ein im Nachhinein als mörderisch oder selbstmörderisch erkanntes Verhalten rechtzeitig zur Stelle gewesen. Nein, ich will hier nicht nur von jenen Fällen reden, in denen sich Sekten bis heute immer wieder einmal selbst auslöschten, sondern auch von absehbar nicht zu gewinnenden Kriegen – vor allem über den letzten, ganz großen Krieg, bei dem über die Weltherrschaft entschieden wird. Mit dem Überfall der russischen Armee auf die Ukraine, befohlen von Wladimir Putin und seiner Gefolgschaft in Politik und Militär – gerechtfertigt und propagandistisch bestärkt nicht nur von russischen Medien – ist die Bedrohung für Europa wieder gegenwärtig. Dass genügend Kernwaffen existieren, die Erde in eine kaum mehr bewohnbare Trümmerwüste zu verwandeln, weiß der eine; ob, wann und von wem dieser Schritt getan wird, ist ungewiss. Wer immer ihn unternimmt, überzeugt, dass er über genügend Räumkommandos gebietet, die auf Schutt und Bergen von Leichen eine seinen Dominanzwünschen gemäße Gesellschaft begründen: Er kann nie ganz sicher sein, dass nicht auch in den eigenen Reihen ein paar seiner Gegner überleben – womöglich statt seiner. Den totalen (End-)Sieg gibt es gegen Viren und Bakterien so wenig wie gegen anderes (in der Propaganda gern auf Menschen gemünztes) „Ungeziefer„.

Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin
Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin. Im vergrößerten Bild sind Besucher zu sehen: winzigklein

Ein Monument der gegen tödlichen Größenwahn versagenden Vernunft steht in Berlin. Es soll an den Holocaust, den organisierten Massenmord an den europäischen Juden erinnern, sein Bau war nicht nur wegen der Kosten umstritten. Wer genauer hinschaut und das Treiben von Touristen zwischen den 2710 Betonstelen beobachtet, wird sich vielleicht wundern, wie gedankenlos manche die Sehenswürdigkeit durchstreifen, um sich schließlich mit einem „Selfie“ zu verewigen.

Peter Eisenmann, der Architekt, sah dies bei der Eröffnung durchaus vorher:

„Wenn man dem Auftraggeber das Projekt übergibt, dann macht er damit, was er will – es gehört ihm, er verfügt über die Arbeit. Wenn man morgen die Steine umwerfen möchte, mal ehrlich, dann ist es in Ordnung. Menschen werden im dem Feld picknicken. Kinder werden in dem Feld Fangen spielen. Es wird Mannequins geben, die hier posieren, und es werden hier Filme gedreht werden. Ich kann mir gut vorstellen, wie eine Schießerei zwischen Spionen in dem Feld endet. Es ist kein heiliger Ort.“ äußerte er 2005 in einem Interview mit dem „Spiegel“.

Die zuständigen Verwalter sehen das anders. Gegen Schmierereien ließen sie die Stelen mit einer abweisenden Schicht überziehen. Auch dem Zahn der Zeit – da er sich nicht ziehen lässt – trotzen sie etwa mit Metallbandagen gegen Risse, die sich seit 2008 infolge von Hitze, Kälte, Wind und Regen im Beton ausbreiteten. Ist es der Rang des Kunstwerkes, der – wie etwa bei Kathedralen – die fortwährende Instandhaltung erheischt? Worin stünde andererseits der mythische Rang von Tempelruinen dem intakter Bauwerke nach?

Vielleicht ist die Frage erlaubt, ob die Erbauer – neben dem rühmlichen Gedenken für die unvorstellbar vielen vernichteten Menschenleben – nicht auch der eigenen gesellschaftlichen Stellung, dem moralischen Ansehen einiges Gewicht geben wollten. So weit, so legitim. Jeder, der Wert auf eine ehrenvolle Bestattung seiner Angehörigen legt, tut das. Sepulkralkultur dient den Lebenden, nicht den Toten.

Gräberfelder und Stolpersteine, mit denen der Opfer massenhafter Morde und Selbstmorde gedacht wird, haben allerdings kaum je Nachgeborene gerettet. Sie haben auch den nächsten Krieg, den nächsten Führer und die nächsten seriellen Zerstörungen menschlicher Errungenschaften nicht verhindert. Ich wage zu behaupten, sie haben sie nicht einmal gebremst.

Gibt es irgendeinen wissenschaftlichen Beleg dagegen? Natürlich gibt es sie ohne Zahl. Jedenfalls in der Wahrnehmung jener Politiker, Journalisten und „Wissenschaftler“, die von „No Covid“, „Klimarettung“ oder der „großen Transformation“ schwadronieren. Obwohl es an begreiflichen wie berechtigten Einwänden gegen die Ermächtigung von Kommunisten und Nationalsozialisten nie gefehlt hat, war und ist der Größenwahn weltweit gültiger moralischer Überlegenheit, von der Herrschaft der Guten, vom ewigen Frieden und Glück im Glanz letzter Erkenntnis nicht ausgeträumt, egal welche Opfer er kostet. Die Farben, Symbole, Uniformen aus Stoff oder im Geiste wechselten, das Ziel – Weltregierung, absolute Hoheit über Deutung, Recht und Verteilung der Güter – blieb. Wer Bedenken vorbringt, kann heute bereits wieder vom Glück reden, wenn er nur ausgelacht, für verrückt erklärt, sozial isoliert oder ins Exil getrieben wird.

So elementar wie allgegenwärtig ist der Impuls zur Dominanz. Sein Ziel ist, Macht zu erlangen und deren Verlust zu vermeiden. Dominanz bedarf der Unterwerfung, der Subalternität – ohne Subalterne ist niemand mächtig. Das begründet eine wechselseitige Abhängigkeit beider Seiten: Sie sind komplementär, sie brauchen einander bis zur paradoxen Rollenumkehr. Wer Kinder aufzieht, erlebt das vom ersten Schrei des Säuglings an. Der vermeintlich Unterlegene kann – der elterliche Instinkt gebeut’s – andauernd, ausdauernd Fürsorge erzwingen. Eine Frau, die ihren Säugling aussetzt, ist nicht mehr Mutter, ihr drohte früher soziale Ächtung. Mit Glück fanden und finden sich passende Pflegeeltern – so weit, so auch im Tierreich geläufig und für das Fürsorgeverhältnis unerheblich. Was ich sagen will: Der Subalterne kann Fürsorge erpressen solange der „Herr“ seiner bedarf, und zwar nicht nur als Arbeitskraft, sondern auch als Zeuge seiner sozialen Stellung. Je mehr Sklaven, Soldaten, Angestellte er hat, desto größer sein Ansehen: seine informelle Macht.

Verhungernde Sklaven, zu Tode erschöpfte Zwangsarbeiter, sieglos sterbende Soldaten beenden fast jede Herrschaft nicht nur materiell sondern auch informell: König Ohneland wird zum Gespött ohne Denkmal, der größte Führer aller Zeiten wird zum Scheusal, der Firmenchef meldet Privatinsolvenz an… Soweit beliebte Dramenkonstellationen, in deren Folge manchmal ein „Negativ-Denkmal“ übrig bleibt wie der Teufel in den Mythen. Auch das kann unsterblich machen. Was da in legalen oder illegalen Überlieferungen weiter west, ohne es zu mehr als verschwörerischen Signets und Schriften zu bringen, tut’s vor allem in der Dimension des Flüchtigen.

Was im Alltag meist funktioniert: beide Seiten wissen, dass Fürsorge sie erhält, sie werden immer wieder in Konflikte geraten und Kompromisse aushandeln – mit unsicherem Ausgang. Hier ist das Flüchtige, das Volatile in seinem Element, keineswegs nur deshalb, weil die Ratio alles regelt. Im Gegenteil: Eine Einbuße an Spontaneität, Inspiration, Freiheit beim Spiel der Kräfte schwächt erfahrungsgemäß jede Beziehung. Zukunft braucht Spielräume für alle Beteiligten, das bedeutet nicht Regellosigkeit. Nur die „sichere Zukunft“ ist ein Oxymoron.

Nur der Tod ist sicher. „Mors certa, hora incerta“: In diesem lateinischen Sprichwort löst sich Augustinus‘ nachdenkliche Formulierung auf: Nur der Lebende hat Zeit, sie stirbt mit ihm. Das letzte, was er sieht, ist seine von fremden Zielen und Impulsen verstopfte Zukunft: Sei’s vom Killerinstinkt eines Feindes, dem Auto eines Geisterfahrers oder von Krankheiten, die sein Immunsystem überwältigen.

Andere können beim Sterben zuschauen, es wird Teil ihrer Erinnerung, ohne dass es als Erfahrung vermittelbar wäre. Menschen töten Menschen seit je, weil sie etwas erlangen oder vermeiden wollen, z. B. getötet zu werden. Letzteres gilt in der Gesetzgebung der meisten zivilisierten Gesellschaften als nicht zu bestrafende Notwehr. Richter müssen entscheiden, ob die subjektiv erlebte Todesfurcht begründet war. Eine unlösbare Aufgabe. Die komplexen, zeitlich und gesellschaftlich determinierten Umstände sind nie „objektiv“ zu bestimmen. Rebellen, Mörder, Totschläger, psychisch Gestörte, Polizisten, Soldaten – wer darf fremdes Leben ungestraft auslöschen? Die Chancen auf Freispruch stehen für Täter umso besser, je höher ihr Rang in den Kategorien von Kollektiven ist, die – womöglich von Staats wegen ermächtigt – die Deutungshoheit haben, und je größer dank moderner Waffentechnik ihre Entfernung zum realen Geschehen des Tötens ist.

Die organisierte Verantwortunglosigkeit moderner ökonomischer und politischer Systeme, vollendet ausgeprägt im Totalitarismus, stellt die Verursacher von nach Millionen zählenden Massakern fast immer frei, meist auch die gewalttätigsten Schergen und Handlanger. Die Urteile der Nürnberger wie der Auschwitz-Prozesse und des einen oder anderen vor internationalen Gerichtshöfen haben daran wenig oder nichts geändert. Mao Zedong, seine Gehilfen und Nachfahren in der KPChinas gelten in der Ära Xi Jinpings wieder als Vorbilder, ein rigider Nationalismus lässt jeden Dissidenten als Feind des chinesischen Volkes erscheinen, Denkmäler, Porträts, die „Mao-Bibel“ haben Konjunktur.

In etlichen Gegenden dieser Welt droht Zweiflern am Kurs der Mächtigen der Tod. Manche nehmen ihn in Kauf. Sie wollen sich „ums Verrecken nicht“ den vielen gesellen, die sich mit den je herrschenden Verhältnissen arrangieren. Kollektiver Druck mit Argumenten wie „Wer gibt dir eigentlich das Recht, dich querzulegen?“, „Willst du was Besseres sein als alle anderen?“, „Du arbeitest den Feinden der Gesellschaft in die Hände!“ schrecken sie nicht ab; dafür werden sie von Mitläufern denunziert, verleumdet, bekämpft, exekutiert – noch im vermeintlich sicheren Exil.

Was tut einer, dessen Aussicht nichts anderes als „eine See von Plagen“, ein unausweichliches, grausames Leiden mit sicherem, qualvollem Ertrinken ist – oder ein paar Schritte bis zur Gaskammer, zum Galgen, zur Guillotine? „Lever dood as Slav“, war das überlieferte Motto friesischer Freiheitskämpfer, schwimmen bis zum letzten Atemzug, strampeln, bis die Kräfte verbraucht sind, „kämpfend untergehen“, sei’s nur mit letzten Worten dem Henker die Stirn zu bieten. Der wenigsten wurde – wird – bis heute mit Ehrfurcht gedacht. Sie waren und bleiben Einzelgänger.

Unübersehbar ist das Heer jener, die sich ohne Gegenwehr ergeben, angsterstarrt, hoffend, dass „hora incerta“ vielleicht das Wunder bedeuten kann: Rettung in letzter Sekunde durch himmlische oder irdische Mächte. Schlimmer noch: manche helfen den Henkern, letzte Schreie der Verzweiflung abzuwürgen, wie es vor den Gaskammern der Shoah geschah.

Das Holocaust-Monument auf dem ehemaligen Gelände der mörderischen Mauer in Berlin ist wie für diese Masse Namenloser gemacht. Wenn es einen komplementären Mythos gibt, ist es der des anonym Untergetauchten, Geflohenen, hilfsbereiten Außenseiters in der KZ-Gesellschaft. Das Mahnmal sagt eigentlich: „Wehr‘ dich, bevor es zu spät ist!“

Damit komme ich endlich wieder auf die Überschrift zu sprechen, denn immer standen am Anfang kollektiver Selbstmorde – und jeder Griff nach der Weltherrschaft riskiert ihn – überlebensgroße Führungsfiguren und eine Ideologie. Nicht selten wurden ihnen schon frühzeitig mit ersten Erfolgen, jedenfalls wenn sie anhielten, Monumente errichtet. Die der Architektur – Tempel, Kathedralen, Moscheen, Paläste, Wallfahrtsorte – überlebten Jahrtausende ebenso wie die „Heiligen Bücher“ der Juden, Christen, Muslime. Der Begriff „Buchreligion“ sagt es. Die Schriften eines Marx, Engels, Lenin, Stalin, Mao Zedong begründeten eine Ersatzreligion von nicht weniger suizidaler Potenz. Nach vorübergehendem Sturz infolge massenhafter Gräuel unter ihrer Führerschaft kommen sie wieder zu Ehren, und architektonische Monstrositäten des Sozialismus sind Sehenswürdigkeiten wie die Marx-Statue in Trier, ein Geschenk von Xi Jinping.

All das sind Versuche, flüchtiges, vergängliches Leben und Denken – gekoppelt an besondere materielle und informelle Macht – unvergänglich zu machen. Flüchtige Zeit wird mit einem auf Ewigkeit zielenden Gewicht beladen, die Erinnerung mit einem Höchstmaß an Trägheit beschwert, auf dass die Ideen und Handlungen der Großen fortwirken, wenn die Nachwelt sich darüber verständigt, was zu erlangen, was zu vermeiden ist. Dabei gerinnt die Sprache, erstarrt in Phrasenritualen, wird in Stereotypen gestanzt, zu Worthülsen gedrechselt, wird ihres Sinnes und ihrer Sinnlichkeit beraubte verbale Uniform versteinernder Verhältnisse. „Kaderwelsch“ nannte Bertolt Brecht das. Auf die Politbürokraten der DDR gemünzt passt dieses Wort heute auf all jene doktrinären Bewegungen, die – mehr oder weniger staatlich geduldet oder gar gefördert – Kriege um die Deutungshoheit führen. Ihnen allen ist gemeinsam der kollektivistische, korporatistische, etatistische Impetus. Das freie Individuum, dessen Recht, seine Meinung zu äußern und den Verfall unter Fundamenten und hinter Fassaden der je herrschenden Ordnung bloßzulegen, eigene, selbständige Wege zu gehen, ist ihr größter Feind.

Führungsfiguren werden – fast wie Gottheiten – Stoff künstlerischen Schaffens. Bisweilen nehmen sie gottähnliche Züge an. Wer Bauten, Porträts, Standbilder, Lobpreisungen jeder medialen Form in die Welt setzt, darf darauf vertrauen, selbst ein wenig in der Aura zu glänzen, die er in Denkmälern materialisiert. Das kann schiefgehen wie bei Leni Riefenstahl, Arno Breker und literarischen Apotheosen der Tyrannei, aber selten sind die Folgen für Schöpfer und Produkt so irreparabel wie der Tod jener, die in den kollektiven Selbstmord mitmarschierten.

Manche Mythen verorten seltsame Schatten in einem besonderen Reich: Dort sind Schuld, Unrecht aller Art, aber auch Versagen, Furcht und Schrecken, Lug und Trug, Neid, Missgunst, Untreue – kurz: all jene dunklen Kräfte – beheimatet, von denen Heldendenkmäler gereinigt erscheinen. Als wolle man die Kräfte des Todes, des ewigen Wandels, das Ungreifbare und Flüchtige dort bannen. Wer errichtet ein Denkmal, das den Verfall feiert: von der Witterung zermürbt, verrostend, dahinbröckelnd, bald verschwunden? Es mag einzelne geben – vielleicht angeregt von Joseph Beuys –, durchgesetzt haben sie sich nicht.

Keines der Reiche in der menschlichen Geschichte konnte überdauern. Manche blieben an Denkmälern ihrer Tätigkeiten, Führer, Kriege erkennbar, auch sie vom unvermeidlichen Verfall gezeichnet, manche kaum mehr zu identifizieren. Die Grundimpulse der Herrschaft aber blieben mitten im materiellen und ideellen Wandel erhalten, sogar Herrschaftsformen und -methoden finden sich fast überall – zeitlos – wieder, nur neue Technik kam hinzu.

All das folgt dem Drang des Menschen zum Erobern ebenso wie Seefahrten, das Bauen von Fluggeräten und die zahllosen Konflikte, Kämpfe, Kriege, geführt um die Macht und ihren Erhalt. Das Denken muss sich dabei den beiden Grundimpulsen – Erlangen und Vermeiden – fügen: Es will in der Dimension flüchtiger Ideen dominieren, lässt Risiken geringer oder größer erscheinen, bevor über Handeln oder Zögern, Einlenken oder Durchsetzen rational entschieden wird. Man sollte meinen, dass je bedeutsamer ein Unternehmen, desto robuster das Theoriegebäude sein sollte, auf dem ein Entschluss beruht.

Das Dilemma besteht aber darin, dass über die Zukunft – also den Erfolg oder Misserfolg – niemals volles Wissen zu erlangen ist. Egal ob jemand allein oder in einem Kollektiv agiert: die Kraft elementarer Impulse triumphiert immer wieder über komplexe Erwägungen des Für und Wider. Und ein besonders schwer zu kontrollierender Impuls ist „Gewalt – Macht – Lust“.

Die "Alexanderschlacht" - 333 v.Chr. - 1528 von Albrecht Altdorfer imaginiert, weist auf die Allgegenwart von Konflikten in der Geschichte
Die „Alexanderschlacht“ – 333 v.Chr. – 1528 von Albrecht Altdorfer imaginiert, weist auf die Allgegenwart von Konflikten in der Geschichte

Natürlich lässt sich eine Elementarstrategie, wie die Gewalt es ist, nicht einfach abschaffen. Sie hat zum Überleben der Gattung beigetragen wie die Paarung zur Fortpflanzung. Menschen erleben andauernd, welches Glücksgefühl entsteht, wenn ein „Befreiungsschlag“ gelingt, wenn Fesseln gesprengt werden, wenn das Übermächtige und Bedrohliche zu Boden stürzt und zerschmettert werden kann – wie Hitlers Führerbunker und der Stacheldraht um die Arbeitslager Stalins, wie die Berliner Mauer, wie der israelische Panzer oder die Taliban–Basis, die in die Luft fliegt, wie der Kinderschänder, der einer rächenden Meute in die Hände fällt. Gewalt macht Lust, wenn sie „das Böse“ austilgt, und dieser Lust überlassen sich tagtäglich, zu jeder Stunde und Minute, in jedem Augenblick Millionen Menschen im Fernsehen, im Kino, im Theater, im Stadion oder im Panzer, mit der Steinschleuder in der Hand, im Düsenjäger, mit dem Messer oder der Maschinenpistole – oder im Bordell bei einer Minderjährigen. Oder auch mit dem Federhalter überm Papier, dem Mikrofon vor der Nase, der Kamera auf der Schulter, dem Text- und Bildverarbeitungsprogramm oder dem 3-dimensional animierten Killerspiel auf dem Monitor. GEWALT MACHT LUST.

Das steht im Vorwort zu „Der menschliche Kosmos“. Ich will hier nur auf den speziellen Aspekt des Niederwerfens und Zerstörens verhasster Feinde „in effigie“ zu sprechen kommen, also auf das Vernichten von Bildwerken, Symbolen, Büchern und anderen Medien, die anstelle der (unerreichbaren) Originale zum Ziel eines Mobs, einer Bewegung, eines Heeres werden. Linke Ideologen erfanden dafür den beschönigenden Begriff „Gewalt gegen Sachen“. Sie täuschen damit eine humane, moralisch kaum anfechtbare Zielsetzung vor, da sich ihre Brutalitäten angeblich nicht gegen menschliches Leben richten.

Tatsächlich richten sie sich nur scheinbar ausschließlich gegen materielle Zeugnisse des Daseins feindlicher Götter, Herrscher, Denker, Künstler. Die Medienwelt, auf spektakuläre Aktionen fixiert, greift dankbar nach Bildern des Vandalismus, des Schändens und Zerschmetterns, macht aber die Ziele dahinter nur dann sichtbar, wenn sie sich politisch passend einordnen lassen. Je nach Gesinnung empören sich Journalisten über den Frevel oder beschönigen, verteidigen die „Aktivisten“ und forschen nach – möglichst akzeptablen – Gründen der Täter. Sie billigen insofern deren ideelle Attacken auf das Ansehen von Personen und Werk, die nicht dem eigenen Lager zuzurechnen sind. Manchmal sondern sie ein paar Phrasen der „Betroffenheit“ über den Sachschaden ab.

Dabei toben sich „in effigie“ Mord- und Rachegelüste gegen Menschen so ungehemmt aus wie sadistische Neigungen. Schänden und Verwüsten zielt immer auf diejenigen, in deren zivilisatorischem Wertesystem Denkmäler und gesellschaftlicher Rang verankert sind. Die Täter testen spielerische Vorformen, Simulationen des Terrors. „Wie weit kann ich gehen?“ ist das Muster. Bleibt es folgenlos, wenn ich die Wände eines restaurierten Gebäudes, wenn ich ein Standbild mit meinen „Tags“ beschmiere? Wieviele Autos kann ich anzünden ohne erwischt zu werden?

Der Vandalismus korrespondiert mit Pöbeln, Diffamieren, Verleumden, Hetzen in der informellen Sphäre – also mit Angriffen aufs Ansehen, auf den Ruf des Attackierten. Die liberale, freiheitlich und rechtsstaatlich verfasste Öffentlichkeit lässt hier große Spielräume im Sinne des Wortes. Doch zielen diese ideologischen Kriege allzu oft auf Vernichtung. Genaues Hinsehen lohnt: Soll niemand mehr den Gegenspielern vertrauen, ihre Gedanken aufgreifen und verbreiten? Werden obendrein alle, deren Denken, gar geäußerte Meinung sich mit ihnen in Verbindung bringen lässt, verdächtig und ebenso attackiert – ohne Rücksicht auf Qualitäten und Leistungen? Diese Form der „Kontaktschuld“ hat in den „Social Media“ Konjunktur. Werden die je aktuell erwünschten Vorstellungen von Gut und Böse radikal in die Vergangenheit ausgedehnt, egal wie unsinnig sie aus historischer Perspektive erscheinen? Das führte dann genau zu den Alpträumen von Geschchtsklitterung in George Orwells „1984“.

Die Welt der Menschen, mit denen jeder von uns zusammenleben muss, ist von einer nie dagewesenen Komplexität. Sie wandelt sich zugleich in nie zuvor erlebter Rasanz. Die Massen an Materialien und Informationen, die in jedem Augenblick umgeschlagen werden, sind unvorstellbar, auch wenn allgegenwärtige Statistiken ihre Beherrschbarkeit suggerieren. Wer sind die wahren Herrscher? Welches sind ihre Paläste, Tempel, Kathedralen, Moscheen, Denkmäler, Bibliotheken für die Ewigkeit? Besonders Wagemutige stellen anheim, dass künftige Besucher – „Aliens“ – anhand dessen, was sie vorfinden werden, unsere Zivilisation sollten rekonstruieren können.

Ohne mich weiter auf derlei Science Fiction – nicht mehr als einen Aufguss religiöser Wunschvorstellungen – einzulassen: Die Herrscher sind nur in der von Routinen, Ritualen und Gesinnungskitsch einer quotenfixierten Aufmerksamkeits-Ökonomie befangenen Wahrnehmung der Medien überlebensgroße Persönlichkeiten. Politiker wie Milliardäre sind in der zeitlichen Relation zu Pharaonen, Propheten, Päpsten, Feldherren, Kaisern und Königen eher Zwerge.

Stalin, Hitler, einige Größen der Film-, Literatur- und Musikwelt sind immerhin im Gedächtnis mehrerer Generationen präsent – also in der Sphäre flüchtiger Gedanken von bislang 100 Jahren, weil sich an ihnen bis heute verdienen lässt. Das Negativ-Denkmal Hitler dürfte als Goldesel unübertroffen sein. Ob es Bill Gates oder Jeff Bezos so weit bringen werden? An welchen von den Nachfolgern des kommunistischen Kaisers Mao erinnern Sie sich? Gut, Sie sind kein Chinese. Aber wie ist’s mit englischen, französischen, spanischen Staatsoberhäuptern? Vergleichen Sie einfach spaßeshalber die Beatles mit japanischen Popstars, die 2000 Jahre seit dem Beginn des Jesus-Mythos mit den 200 der Marx-Engels-Lenin-Stalin-Mao-Religion und fragen Sie ruhig, wer auf wessen geistigen Schultern steht.

Die Herrscher von heute sind riesige Korporationen, viele global aufgestellt. Sie nahmen berühmte Architekten in Dienst für ihre Paläste, der Aufwand, sie medial aufs Spektakulärste, schier unwiderstehlich zu inszenieren, sprengt das Budget etlicher Nationen. Gerne profitierten die ärmeren Staaten von ihrer Macht, aber egal wo und von welchen Staaten oder Konzernen sie dominiert werden: Die Herren der Welt marginalisieren auf jeden Fall ihre Kultur.

Dominanz im Reich des Flüchtigen, die informelle Macht, war noch nie so entscheidend wie heute, und das lässt sich nicht nur anhand des Aufwandes, also der Quantität der dafür eingesetzten Mittel, sondern vielmehr auch am Verschleiß menschlicher Qualitäten erahnen. Die schaurigen Entwürfe von Aldous Huxleys „Schöner Neuer Welt“, Kafkas „Prozess“, Orwells „Farm der Tiere“ oder „1984“ sind – was Subalternität, Überwachung, devotes Verhalten, massenhaften Konsum verblödender Unterhaltung und die weltweit an ihrer Unangreifbarkeit arbeitenden Organisationen von Politik, Wirtschaft, Medien anlangt, längst überflügelt.

Und doch… Wer die Lebensdauer moderner Monumente – Banken, Hotels, Konzernzentralen, Sportstadien, Spielkasinos, Brücken, Bürokomplexe anschaut, wird sie vergleichsweise kurz finden. In den USA darf sich eine Firma rühmen, Weltmeister in einigen Disziplinen des Sprengens solcher Bauwerke zu sein, darunter größte, besonders komplizierte, höchste. Es gibt einen Film darüber; er ist sehenswert, nicht nur wegen der erstaunlich sorgfältig geplanten und vollzogenen Zusammenbrüche und der gescheiten Fachleute im Familienunternehmen, sondern auch wegen der Zuschauer. Es waren alles in allem Hunderttausende, oft die ehemalige Kundschaft, die mit Applaus und Feuerwerk das Ende einstiger Vergnügungsstätten und Denkmäler der Ingenieurskunst feierten.

Immer wieder komme ich ins Staunen, wie schnell berühmte Namen verblassen, politische Strömungen, Markennamen, Bücher und Filme vergessen werden. Die Impulse bleiben erhalten, und sie lassen sich nicht ersticken: Das Flüchtige treibt alle – auch die von den Mächtigen am wenigsten erwünschten Gedanken, Wünsche, Absichten, weiter. Womöglich in immer größerem Tempo? Das subjektive Zeitempfinden lässt mich ahnen, wie eine dunkle Energie das Zeitmaß des Universums bestimmen könnte. Gott sei Dank ahne ich aber nicht einmal, wieviel Zeit mir noch bleibt, geschweige, wie lange es bis zum nächsten Urknall ist.


2  Für Interessierte: In der Quantenphysik entspräche das dem „Zusammenbruch der Wellenfunktion“


1  Brian Greene: „Die verborgene Wirklichkeit, Paralleluniversen und die Gesetze des Kosmos“, Pantheon 2013

Der Beitrag erweitert den Artikel im „Globkult“-Magazin vom 16. August 2021

Fliehkräfte aus dem Reich der Mitte

Zwischen Big Money und Big Brother

Ein Bestseller ist dieses Buch schon, nichts fehlt: Politthriller, Liebesgeschichte, Sittengemälde, Familiendrama – alles so ungekünstelt wie glaubwürdig erzählt von einem 1968 geborenen Chinesen. Wie viele andere Autoren wird er seine Heimat schwerlich wiedersehen. Desmond Shum ist aber weder ein Dissident vom Range eines Liu Shaobo, Friedensnobelpreisträger, nur zum Sterben von Xi Jinping aus dem Kerker entlassen, noch ein Liao Yiwu, der mit aufsässiger, rebellischer Poesie, mit Romanen aus den Abgründen Chinas gegen die Kommunistische Partei zu Felde zog – er ist eigentlich ein Muster an Heimatliebe und Engagement, Liebling aller Schwiegermütter, gebildet, groß, sportlich, charmant. Doch er lebt heute mit seinem Sohn in England, seine geschiedene Ehefrau verschwand im September 2017 in Peking spurlos. Ihr einziges Lebenszeichen war seither ein Telefonat mit der flehentlichen Bitte, dieses Buch nicht zu veröffentlichen. Niemand weiß, was Whitney Duang widerfährt im Reich der totalen Kontrolle, im Reich des kollektiven Gehorsams, wo der einzelne Mensch keine Rechte, keinen Schutz vor den Mächtigen hat. Er hat nicht einmal mehr eine Stimme am Telefon, wenn der allmächtige Staat ihn isoliert.

Und damit wären wir bei wichtigen Motiven des autobiographischen Berichts „Chinesisches Roulette“: Bei den globalen Machtkämpfen von Staaten, multinationalen Konzernen und Organisationen, bei den beteiligten Truppen und deren Führern – und beim komplexen Zusammenspiel von materieller und informeller Dimension der Macht. Der Autor zieht seine Leser hinein in die spezifisch chinesische Dynamik dieses Zusammenspiels, zu einigen ihrer Quellen, Wirbel, Turbulenzen, Strömungsverläufe.

Shen Dong – so sein chinesischer Name – wurde in eine Familie mit „schlechtem Hintergrund“ hineingeboren – also verbannt ins Schattendasein unter der Roten Sonne Mao Zedongs. Sie litt Not, die Eltern kämpften als schlecht bezahlte Lehrer in Shanghai ums Überleben, förderten den Sohn mit Lektüre, reichlich Tadel und Prügeln: nicht ungewöhnlich für eine chinesische Kindheit. So wurde der kleine Dong – deutsch „Säule“ – auf vom Vater ererbte Eigenschaften trainiert: Zähigkeit, Hartnäckigkeit, Lebenswillen. Den bewies er, sechs Jahre alt, im eisigen Wasser eines Schwimmbeckens, und das Schwimmen wurde eine seiner Stärken. Die Mutter gab ihm wohl Umgänglichkeit und das Gespür für Menschen mit auf den Weg, Dong ging ihn außerhalb häuslicher Geborgenheit, aber voller Neugier.

Das änderte sich auch nicht, als 1978 zuerst Mutter und Sohn, später der Vater zu Verwandten nach Hongkong ausreisen durften. Der chinesische Staat hoffte auf zurückfließende Devisen aus der Kronkolonie. Tatsächlich schuftet sich Shen sen. im Laufe von sieben Jahren als Transportarbeiter in einem Tiefkühllager empor. Nachdem er nebenher den MBA-Abschluss in Betriebswirtschaft erworben hat, wird er zum Geschäftsführer, verdient in den 90er Jahren für seine – amerikanische – Firma Millionen im China-Geschäft mit Hühnchenteilen und wird als zu Reichtum gekommener Repräsentant Anfang des neuen Jahrtausends nach Shanghai zurückkehren.

Sein Sohn passte sich nicht ohne Probleme an die Schule in Hongkong an, auch dabei half der Sport seinem Selbstbewusstsein auf, schließlich schickten ihn die Eltern zum Studium nach Wisconsin in die USA – zwei Monate nach dem Massaker auf dem Tian `anmen

Mit scheelen Augen sehen sie, wie sich der junge Mann verändert hat, als er 1993 zurückkehrt. Zu eigensinnig und individualistisch erscheint ihnen dieser Desmond Shum mit seiner verwestlichen Kleidung und seinen Plänen. Aber er hat sich für China entschieden, obwohl er mit einer Greencard in den Staaten hätte bleiben können, und der einsetzende Wirtschaftsboom auf dem Festland treibt seinen Ehrgeiz. Er lernt schnell beim Handel mit Zigaretten und Bier für das sino-amerikanische Unternehmen TaitAsia – der Großinvestor ChinaVest hält Anteile – wie Zollschranken und rechtliche Hürden zu umgehen sind. Dass auch ein Marineoffizier der Volksbefreiungsarmee bereit ist, ein Kriegsschiff zum Schmuggel von Bier zu nutzen, überzeugt ihn vom möglichen Umgehen fast aller Regeln in dieser Geschäftswelt – und von der alles entscheidenden Wirkung der guangxi, der Netzwerke aus Beziehungen zu den politisch Mächtigen in China.

Er erlebt hautnah mit, wie der „Rote Adel“ – höchste KP-Führer vor allem aus der alten Garde und deren Söhne und Töchter – sich für den wirtschaftlichen Fortschritt unentbehrlich machen, indem sie Investitionen zulassen oder behindern. Sie werden reich. Die informelle Macht der Nomenklatura bleibt unbegrenzt, eine kritische Öffentlichkeit gibt es kaum, aber gerade das Geschäft mit der boomenden IT- und Elektronikbranche verspricht größte Gewinne, ebenso das mit Immobilien, dem Baugewerbe, … eigentlich mit fast allem, was anderthalb Milliarden Chinesen bis zu Maos Tod vorenthalten blieb. Desmond Shum will dabeisein, wenn der große Aufbruch in ein noch größeres Wachstum übergeht. 1997 wird er Repräsentant von ChinaVest in Peking.

Zu dieser Zeit wachsen die Widersprüche zwischen allgemeiner staatlicher Planung und Leitung, der Praxis einer plötzlich entfesselten Marktwirtschaft und der unangreifbaren informellen Herrschaft der KP so rapide wie die chinesische Wirtschaft. Nicht nur westliche Firmen scheitern an den chaotischen, für Ausländer kaum durchschaubaren Verhältnissen. 

„Die alten Gesetze waren nicht mehr anwendbar. Aber wenn die Partei neue Gesetze entwarf, schufen die Ministerien absichtlich große Grauzonen, damit die Behörden stets die Möglichkeit hatten, missliebige Marktteilnehmer zu verfolgen.“

Willkür, Rechtsunsicherheit, Korruption, geistiger Diebstahl: Nur wer sich hinter den Kulissen auskennt, wer guangxi hat in höchste Ebenen der informellen Macht, kann Geschäfte machen.

Desmond Shum hat Glück. Er lernt 2002 eine Unternehmerin kennen, deren Ehrgeiz seinem gleicht, deren Bildung, Begabung und Charme ihn bestricken: Whitney Duang erfreut sich enger freundschaftlicher Bande zu der ebenso unternehmungslustigen Ehefrau des Premierministers Wen Jiabao. Whitney und Desmond werden ein Paar, ihre Energien vervielfachen sich, aus Projekten werden mächtige Vermögenswerte und – wichtiger noch: sie bewegen sich zwischen stratosphärischem Überblick und detailreicher Kenntnis auf und ab im Gefüge informeller Macht. Das heißt auch: Sie balancieren elegant das für Geschäfte notwendige Ansehen, das Herzeigen prestigeträchtiger Statussymbole und die fürs Überleben wichtige Verschwiegenheit aus; sie verpflichten andere, indem sie mit noblen Geschenken und Einladungen signalisieren „Das seid Ihr uns wert!“, vermeiden gleichzeitig, Konkurrenten, störrische subalterne Beamte und schwierige Klienten zu provozieren.

Der Autor erzählt all das nicht streng chronologisch. Im Strom der Zeit zwischen 1970er und 2010er Jahren steuert er Inseln an: Die Biographien seiner und der Eltern von Whitney, die der Familie Wen und anderer Führungsfiguren, die von Freunden und Kollegen, Geschäftsleuten, Gaunern, stürzenden Funktionären, deren Kindern… Das Elend der Gefängnisse und des Wanderdaseins der unablässig durchs Land migrierenden Arbeiter kommen nicht in Sicht, aber wer hat sie nicht seit den 2000er Jahren in Dokumentationen sehen oder davon lesen können?

In dieser Zeit kulminiert das unternehmerische Leben von Desmond und Whitney. Sie investieren in ein gewaltiges Projekt: Ein Logistikzentrum neben Pekings Großflughafen, den Norman Foster zu den Olympischen Spielen 2008 baut. Der Grundstein wird nach Hürdenläufen durch Behörden, Widerständen untergeordneter Verwaltungen, tage- und nächtelange Marathonberatungen im Netz der guangxi endlich im Juni 2006 gelegt. Wenige Monate später ist es beinahe vorbei: Der staatliche Partner des Joint Venture, der Flughafenchef verschwindet infolge parteiamtlicher Untersuchungen. Da seine Unterschrift für Kredite unerlässlich ist, fehlt plötzlich das Geld.

Aber das Paar scheint vom Schicksal begünstigt. Es macht 2007 mehrere hundert Millionen Dollar Gewinn an der Börse, investiert privates Kapital, und im April 2008 rettet Desmond Shum einem wichtigen Planungsfunktionär während einer Reise in den USA das Leben, was dem Bau am Logistikzentrum enormen Schub bringt: Er wird in die „Familie“ im Stadtteil aufgenommen, verbringt viel Zeit mit Chefs der unteren Etagen, passt sich – wieder einmal – chinesischen Umständen an.

Andererseits führen Whitney und Desmond ein Leben in Saus und Braus auf ausgedehnten Reisen und mit Kaufräuschen im Luxus. 2009 bringt Whitney nach vielen Mühen um eine künstliche Befruchtung in New York den gemeinsamen Sohn zur Welt. Der Vater gibt ihm den griechischen Namen Ariston, und mit dem Kind verändert sich sein Blick auf die Zukunft, nicht nur was eigene Wünsche und Pläne, vielmehr was die Entwicklung Chinas betrifft. Er möchte darin Bedeutsames hinterlassen; das Paar stiftet für die neue Bibliothek der Tsinghua-Universität 10 Millionen Dollar, dazu Stipendien, fördert Kontakte zu Hochschulen in den USA.

Das zwölfte Kapitel leuchtet einiges aus, was Anfang der 2000er Jahre im Staats- und Parteiapparat ablief. Die schroffen Wechsel von scheinbarer Öffnung Richtung Westen, liberalisiertem Kurs in der Wirtschaft, freierem Meinungsaustausch und rigiden, restriktiven Maßnahmen gegen jeden kritischen Gedanken erlebten wir bei unseren Arbeiten fürs deutsche Fernsehen und Radio mit. Wir staunten 2005 in Kunming über mutige, realistische Beiträge beim Internationalen Festival des anthropologischen Films und die folgenden Diskussionen – im Jahr darauf war es verboten und hatte für einige Initiatoren üble Konsequenzen.

Die Doppelherrschaft der bürokratischen Systeme von Partei und Staat im Sozialismus mit ihren Machtkämpfen zwischen ideologischen Strömungen, personellen Verwerfungen, rechtlichen Grauzonen verunsichern alle Triebkräfte der Gesellschaft. Dass Gesetze rückwirkend in Kraft treten scheint hierzulande – noch? – ausgeschlossen, in China war und ist dies üblich. Von heute auf morgen kann als Korruption verfolgt werden, was zum Zeitpunkt des Geschehens noch als legal galt. Unter diesem Damoklesschwert leidet privates Unternehmertum ebenso wie Joint Ventures mit ausländischen Firmen: Die KP und ihr Sicherheitsapparat sind allmächtig und allgegenwärtig. Wann jemand “sein Gesicht” und damit seine soziale Existenz verliert, hängt von der Willkür ihrer Führer ab.

Manche Säuberung, mancher Absturz beginnt, wenn Informationen über die Geschäfte eines Funktionärs in westlichen Medien erscheinen, mancher Zweikampf wird zum Königsdrama von Shakespeare-Format – wie der zwischen Bo Xilai und Xi Jinping. Der Sieger ist bekannt, seine Politik der zentralistischen Befugnis und Kontrolle ebenso: Unter dem Vorwand, Chinas Weg zur Weltmacht von Korruption und westlicher Dekadenz freizuräumen, wurde er zum neuen Mao Zedong.

Whitney Duangs Netzwerk der guangxi zerreißt während der Machtkämpfe. Als Wen Jiabao wegen eines Artikels in der „New York Times“ über Geschäfte seiner Frau und Kinder unter Druck kommt, ergreift er für Xi Jinping Ping Partei, um sich zu retten. Sein gesamtes Vermögen schenkt er der KPCh. Viele “rote Adlige”, etliche Milliardäre, wie Jack Ma, einst bewunderter Herr von “Alibaba”, werden folgen. Der Staat dominiert heute wieder vollständig die Wirtschaft.

Desmond Shum erzählt im letzten Drittel seines Buches, wie er um “Genesis” kämpft, sein letztes großes Bauprojekt mitten in Peking, wie er Kontakte nach Amerika und Europa hält, andererseits fehlgeleitet von seiner Heimatliebe in Hongkong noch 2014 prochinesische Propaganda macht. Weil er an seinen Einfluss in der „Politischen Konsultativkonferenz des Chinesischen Volkes“ glaubt, einer von vielen scheindemokratischen Institutionen, schreibt er Xi Jinping einen Brief mit Reformvorschlägen, während landesweit jede Opposition erstickt wird. Er bekommt keine Antwort.

Wer weiß, wie eine Partei des Lenin- oder Mao-Typs auch kleinste organisatorische Einheiten beherrscht, indoktriniert, zur Kontrolle nutzt – egal ob Sportvereine oder Berufsverbände etwa von Künstlern, Wissenschaftlern, Journalisten, wer erlebt hat, wie in Schulen, Hochschulen, in jedem privaten Unternehmen Parteikomitees die Linie aufzwingen, der wird über Shums langen Weg zum bitteren Erwachen nur deshalb staunen, weil er das Reich von guangxi, dem informellen Verbindungsnetz nicht von innen kennt. Whitney verweigert sich dem Erwachen. Aber Konflikte zerreißen selbst die “im Himmel geschlossene”, von big money gesegnete Ehe, als das Vertrauen brüchig wird. 2013 trennt sich Desmond von ihr, 2015 geht er mit dem Sohn nach England.

“Chinesisches Roulette” macht – gerade weil das Buch nicht moralisiert, sondern das dramatische Geschehen einigermaßen nüchtern betrachtet – sehr anschaulich, dass nicht nur Asien durch das totalitäre System der KPCh bedroht ist, dass andererseits informelle Macht künftig über das Schicksal jedes noch so massiven Imperiums mehr entscheiden wird als materielle. Ist China “to big to fail”? Kollektivistische Heilsversprechen werden ebenso wie Hoffnungen auf Bürgerrechte derzeit durch die unmenschliche No-Covid-Strategie der KPCh in Shanghai beispielhaft exekutiert.

Ein kleiner, nicht lektorierter Fehler im letzten Absatz des 17. Kapitels ergibt eine hübsche Pointe: Xi Jinping, 2018 durch eine geänderte Verfassung ermächtigt, seine Amtszeit beliebig zu verlängern

“…tauchte auf Postern, Teetassen und Tellern auf. Sein Name erschien jeden Tag auf dem Titelblatt des Parteiorgans Renminbi Ribao.

Das „bi“ zuviel macht aus dem VolkRenmin – in der Volkszeitung das Geld – Renminbi. Ja, die Medien gehören Big Money und Big Brother. Das Volk zahlt für alles.

Desmond Shum „Chinesisches Roulette“, Droemer Knaur, München 2022, Übersetzt aus dem Englischen von Stephan Gebauer

Der Artikel erschien erstmals am 19.April 2022 im Globkult-Magazin.

Corona: Krankheit und Größenwahn

Spanische Grippe 1918 in der Satire: „Krankheit harmlos“, sagt die Zeitung, „aber Gräber werden knapp!“

Ging es während der Ausbreitung von Covid-19 um den Kampf gegen Krankheit und Tod? Gewiss. Alle Erkrankten, ihre Angehörigen, das Personal in Krankenhäusern und Arztpraxen kämpften nach besten Kräften, oft bis sie damit am Ende waren – der Tod siegte weltweit millionenfach. Aber das vollbrachten nicht die Viren allein, nicht einmal dort, wo die natürlichen Abwehrkräfte infizierter Menschen schon durch Alter, Vorerkrankungen, prekäre Lebensverhältnisse geschwächt waren. Covid-19 bedrohte die Bevölkerung und forderte unermesslich viel Lebenszeit, Lebenskraft, Lebensfreude, weil schon vor Ausbruch der „Pandemie“ im Hintergrund ein anderer Kampf begonnen hatte, der sich mit dem Geschehen zunehmend als der eigentliche erwies: Der Kampf um die – informelle – Macht der Politiker und um die Profite von Pharma- und „Gesundheits“-Industrie. Letzterer tobt in der materiellen, quantifizierbaren Dimension der Macht. Aber beide Dimensionen der Macht – informelle und materielle – wie sie sich in der globalisierten Welt unserer Zeit offenbaren und dynamisch wechselwirken, vereinigten sich im Corona-Regime zu einem in solcher Radikalität sonst nur aus Revolutionen, Weltkriegen und Genoziden bekannten Impuls politischen Handelns.

Wenn jemand erkrankt, ist das ein Prozess von enormer Komplexität mit vielen Beteiligten, inneren und äußeren Begleitumständen und erstaunlichen Informationsflüssen im zellulären Bereich, also bei Eiweißsynthesen. Angestoßen wird er meist durch Erreger, deren Ziel ist, sich im Wirtsorganismus kräftig zu vermehren. Ein einzelner – etwa ein Virus – kann das nicht, und auch eine größere Zahl von ihnen scheitert meist schon, ehe sie sich so weit reproduzieren können, dass die körpereigene Abwehr alarmiert ist. Da Milliarden aller möglichen Mikroorganismen fortwährend in unserem Körper leben, sind unvorstellbare Mengen von Informationen andauernd unterwegs, um eine Latenz fürs Reagieren auf unerwünschte Eindringlinge aufrecht zu erhalten. Ich weiß nicht, ob das Immunsystem so etwas wie „Schlaf“ kennt – die Immunologen haben längst noch nicht alle wunderbaren Fähigkeiten enträtselt. Dass es antizipiert – also viele Möglichkeiten des Reagierens vorhält – scheint mir gewiss. Ich vergleiche es mit dem Tennisspieler, der hoch präzise auf die Bewegungsmuster seiner Gegenspieler eingestellt ist: Er retourniert ohne nachzudenken, weil er die Bewegungsmuster des anderen „vorausahnt“. Je besser er trainiert ist, je mehr Gegner er vom Platz gefegt hat, desto sicherer wird seine Antizipation.

Dass die Qualität einer Immunabwehr von vielen Faktoren abhängt, ist offensichtlich; die genetische Ausstattung aber ist wesentlich – und sie ist bei jedem Individuum unverwechselbar, einzigartig, ein wirkliches Naturwunder. Junge Menschen sind allgemein widerstandsfähiger: Während überstandene Infektionen ihr Arsenal gegen Erreger ertüchtigen, schwächen es Alter und Krankheiten wie Diabetes oder Asthma. Dass Impfungen als ihr „Trainingsprogramm“ zu einem Segen und einer großen Hoffnung für die Medizin wurde, ist ebenso bekannt, trotzdem interessieren die höchst unterschiedlichen Wirkungsweisen von Vakzinen die Mehrheit bis heute kaum. Sonst wäre nicht zu begreifen, dass in der Diskussion ums Impfen, gar um eine Impfpflicht für alle, die Unterschiede zwischen Pocken-, Masern-, Polio- und anderen seit langem bewährten Immunisierungen, insbesondere gegen Kinderkrankheiten, mit den „Impfstoffen“ im Falle COVID-19 durcheinander geworfen werden. Diese schaffen keine vergleichbare Immunität, sondern – wenn überhaupt – einen gewissen Schutz vor schweren Verläufen, vergleichbar mit Grippe-Impfstoffen.

Skandal in den 1960er Jahren mit zahllosen Opfern

Krankheiten verlaufen niemals bei zwei Patienten gleich. Wie sich ihre Körper unterscheiden, so auch die Immunsysteme. Ihre Qualität ist durch die Gene und die Lebensgeschichte bestimmt. Sie sind unvorstellbar komplex, lassen sich so wenig parametrisieren, vermessen, geschweige quantifizieren wie das Wettergeschehen des Planeten. Jede Diagnose ist in der Genauigkeit begrenzt, kalkuliert mit Unwägbarkeiten, und jeder, der einmal den Beipackzettel auch nur eines leichten Schmerzmittels aufmerksam gelesen hat, weiß das: Ellenlang werden Wahrscheinlichkeiten für Nebenwirkungen referiert, er wird aufgefordert, vermeintliche, bislang unbekannte, zu melden. Das tun die Hersteller, um nicht in Haftung genommen zu werden, weil sie nicht hinreichend aufgeklärt haben. Die Contergan-Katastrophe hat beispielhaft den kritischen Blick auf Pharmaprodukte geschärft. Insbesondere dann, wenn Risiken wegen anderer Krankheiten – etwa Allergien – oder wegen gleichzeitig eingenommener anderer Medikamente bestehen, ist eine Arznei „kontraindiziert“: Sie darf nicht angewandt werden.

Für „Comirnaty“ und seinesgleichen fehlten solche Angaben lange Zeit weitgehend; erst mit immer mehr Meldungen über Nebenwirkungen rücken die Hersteller damit heraus. Sie können beruhigt sein: Ihre Verträge, geschlossen mit Regierungen und „Gesundheits“- Bürokraten der ganzen Welt, stellen sie von der Verantwortung für allfällige Schäden ihrer begrenzt zugelassenen Produkte frei. Der deutsche Gesundheitsminister behauptet steif und fest, die verabreichten Seren seien “mehr oder weniger” ohne Nebenwirkungen – weil nicht sein kann, was nicht sein darf, und ihm seine Stellung in der Politbürokratie verheißt, er könne – jenseits des Grundgesetzes – jedem einzelnen mal mehr, mal weniger Freiheit zugestehen, über seine körperliche Unversehrtheit selbst zu entscheiden.

Derweil ließen die Panikwellen, ausgelöst von Medien, getrieben von staatlichen und supranationalen Protagonisten wie der WHO, das Verlangen nach der rettenden Nadel anschwellen bis zur Besinnungslosigkeit. Wer sich als Wissenschaftler oder Journalist dem entgegen stellte, wurde einfach weggespült oder wie kontaminiertes Treibgut behandelt. Dabei taten sich nicht wenige Politiker – namentlich der Grünen – hervor, die jahrzehntelang Ergebnisse der Gentechnologie rigoros abgelehnt hatten. Wieso? Sie sind inzwischen an der Macht.

Die Genforschung ist heute so etwas wie die Königsdisziplin der Molekularbiologie. Wer in ihr erfolgreich ist, kann Ruhm bis hin zum Nobelpreis und Gewinne in Milliardenhöhe erwerben – falls er die gewonnenen Informationen zur rechten Zeit veröffentlicht, Patente erwirbt und sie vermarktet. Dazu müssen sie allerdings tragfähig sein und sich in der Praxis beweisen. Wer etwa wirksame Vakzine gegen besonders bedrohliche Infektionen oder Medikamente gegen Krebs entwickeln könnte, verdiente damit nicht nur Milliarden, ihm lägen auch Milliarden Menschen samt Regierungen und Medien zu Füßen: Ein Weltenretter von der Dimension eines Messias. Welchen Mächtigen lockte nicht die Aussicht, das zu werden?

Das Erscheinen des Virus SARS-CoV-2 Ende 2020 und die folgenden, von den Medien dankbar in apokalyptische Höhen aufgetürmten Wellen der Ansteckung weckten entsprechende Hoffnungen. Ein Impfstoff befreit von einer lebensgefährlichen Krankheit – Covid-19! Was folgte, ist bekannt. Was nicht folgte, war Befreiung, auch wenn einige naturwissenschaftliche Analphabeten, medial hochgerüstet, eifernd wie alle Propagandisten von Patentlösungen und Endsiegen, sie unter Schlagworten wie „No-Covid“ oder „Zero-Covid“ ankündigten. Ihnen zufolge hätte sich die Bevölkerung nur den strengsten Maßnahmen widerstandslos unterwerfen und die befreiende Spritze erdulden müssen – den „Piks“ oder “Pieks” –, um die Gefahr auszuschalten.

Dieses Geschehen erreichte ein weltweite Dynamik ohnegleichen. Wer nach ihren Auslösern, Treibern, Profiteuren fragte, machte sich unbeliebt, ja er stellte sich einem kollektiven Bedürfnis nach Glauben entgegen. Nicht wenigen Mächtige geißelten die aller Wissenschaft zugrunde liegende Skepsis mit Begriffen wie „unsolidarisch“, „gemeinschaftsschädlich“, „staatsfeindlich“. Viele Medienkonsumenten – namentlich der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten – waren bereit, die Geschichte von der „Pandemie der Ungeimpften“ zu glauben, die an der „Seuche“, an überlasteten Kliniken und Gesundheitsämtern schuld seien. Die Statistiken – sofern sie nicht falsch oder voller Entstellungen waren – bewiesen nichts davon. Menschen ohne Impfung werden trotzdem von allen Seiten gelockt, öfter genötigt, das Vorgehen lässt sich recht eigentlich auf den Begriff „Kollektivzwang“ bringen. Erzwungen werden soll nicht mehr und nicht weniger als die Teilnahme an einem Menschenexperiment, wie es die Welt noch nicht gesehen hat – mit bis heute ungewissem Ausgang. „Wer sich nicht impfen lässt, gehört nicht zu uns!“ wird signalisiert, etwa vom italienischen Premierminister Draghi. Immer neue Invektive gegen „Verweigerer“ werden erfunden, ich erspare mir die Aufzählung.

Olaf Scholz, Nachfolger der großen Corona-Managerin Merkel, bekannte öffentlich, er habe sich wie viele andere Bürger als „Versuchskaninchen“ piksen lassen; zum Vorbild wurde er dadurch nicht. Stattdessen gehen immer mehr Bürger friedlich protestierend gegen eine Impfpflicht auf die Straßen, die Scholz und andere Piksempfänger als Kandidaten vor der Bundestagswahl 2021 ausgeschlossen hatten.

Egal welcher Partei die Freunde der Zwangsimpfung angehören – ihr Ziel ist deutlich dasselbe: Eine nur bedingt zugelassene Vakzine fragwürdiger Wirkung, die vor allem bei jüngeren Menschen gesundheitliche Schäden verursacht, soll um jeden Preis zu 100% durchgesetzt werden. Das ist der letzte Schritt in der ganzen Serie von Maßnahmen, mit denen – dazu bekannten sich ranghohe Politiker immer unverfrorener – die Kontrollgruppe des Menschenexperiments aus den Statistiken verschwinden sollte. Die Lüge von der „Pandemie der Ungeimpften“ ist längst aufgeflogen. Doppelt, selbst dreifach „Gepikste“ infizieren sich und andere mit Varianten von SARS-CoV-2, ihr Anteil in Hospitälern und auf Intensivstationen ist beachtlich, ebenso die Zahl an “Long Covid” Leidender. Im Wechsel von Aufreger und Tranquilizer verabreichen regierungstreue Medien den Bürgern rund um die Uhr in Nachrichten, Kommentaren, Talkshows statistische Verwirrspiele, dazu einen Cocktail aus repressiven Maßnahmen, die sich weltweit als fürs Infektionsgeschehen wirkungslos erwiesen haben, Lockerungen, falschen Versprechen – die Verwertung in dramatischen Filmen und Serien ist abzusehen.

Es hat trotzdem nicht geklappt, mit dem „Freipiksen“. Aber die Deutungshoheit über Einschränkungen der Grundrechte – sowohl was die Selbstbestimmung über den eigenen Körper wie die Meinungs- und Versammlungsfreiheit betrifft – sollen der Exekutive, parteipolitisch konditionierten Parlamentariern und den ihnen hörigen Medien vorbehalten bleiben – möglichst für immer. Dank des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes (NetzDG) ließen sich in Deutschland dafür auch milliardenschwere globale Konzerne wie Facebook, Google, Twitter… in Dienst nehmen. Andere Regierungen griffen das Gesetz dankbar auf – der lupenreine Demokrat Erdogan etwa. Seltsame Allianzen finden sich zusammen, ihre Macht gegen oppositionelle Kräfte zu schützen: Autokraten, Pharma- und Internetkonzerne, globale Organisationen wie die WHO.

Eine Verschwörungstheorie? Eher Hinweise auf eine Mischung aus Anmaßung und Unvermögen bei den Verantwortlichen. Sowohl die undurchschaubaren Manöver mit Daten von Tests, Impferfolgen und -schäden wie der Eifer, mit denen die wahrscheinliche Herkunft des Virus aus „Gain-of-Function“-Experimenten amerikanischer und chinesischer Wissenschaftler in Wuhan vernebelt wurde, bezeugen mit klarer werdender Sicht auf Vorgeschichte und Hintergründe, was vorging. Lange vorm Covid-19-Ausbruch spielten höchstrangige Politiker, Forscher, Medienproduzenten Szenarien eines solchen Ausbruchs durch. Sie verhandelten über später bei den Corona-Maßnahmen angewandte Strategien, einschließlich deren medialer Begleitung: Die Panik war Programm, die Angstmache bis ins Detail simulierter TV-, Radio-, Pressemeldungen ausgeschmückt, die Vorgehensweise professionell geplant.

Ausgerechnet Deutschland und Österreich exekutierten die “Plandemie” in der Praxis besonders gründlich. Ist es ein Zufall, dass neben Angela Merkel, die bekanntermaßen immer mehr supranationale – also “europäische”, gar globale – Lösungen als “alternativlos” anstrebte, nun der kanadische Premier Justin Trudeau zu härtesten Mitteln greift, jene in die Knie zu zwingen, die sich gegen digital bewehrte Attacken auf Persönlichkeitsrechte wehren? In Kanada formierten sich Trucker zum „Convoy of Freedom“, weil sie sich nicht Kontrollmechanismen unterwerfen wollen, die in China üblichen “Social-Credit”- Systemen verdächtig ähneln. Trudeau gehört ebenso zu den von Klaus Schwab geadelten “Young Global Leaders” wie Emmanuel Macron, Jacinda Ardern (MP von Neuseeland), Jens Spahn, Annalena Baerbock, dazu Führungsfiguren von global agierenden „NGO“, der Informationsmächte Google, Facebook, Wikipedia und andere mehr.

Unterm Banner weltumspannender Menschenfreundlichkeit arbeiten sie an der “Großen Transformation”, die Bürgerrechte zu ihren Gunsten einebnen möchte. Sie würde etwa die WHO ermächtigen, das Vorgehen à la “Plandemie” über nationale Gesetze zu stellen. Auch der UN-Migrationspakt lässt erkennen, wie Schutzrechte nationaler Verfassungen für das Individuum gegenüber staatlichen Maßnahmen verschwänden. So wären kritische Stimmen von Wissenschaftlern, Medizinern, Journalisten, zu ersticken: Die informelle Macht läge fast ausschließlich in den Händen einer “Elite”, die heute schon über eine unvorstellbare materielle Macht ihnen gegenüber gebietet. Sie wäre unanfechtbar, käme es zur Zusammenarbeit mit China: In dem dort vorexerzierten System gesellschaftlicher Kontrolle ist die Bevökerung zur Manövriermasse deklassiert.

In der Literatur und im Film sind das Aufkommen, die gewaltsame Behauptung, gelegentlich der Untergang solcher Herrschaftsformen eindrucksvoll beschrieben. Sie scheitern allerdings daran, dass sich in die Zukunft nur sehr begrenzt hineinregieren lässt – ebenso wie sich eine Welt ohne Naturkatastrophen, tödliche Krankheiten, Altern, Ungleichheit und – ihr zugrunde liegende – qualitativ, nicht quantitativ bedingte Konflikte herbei-impfen lässt: egal ob mittels Indoktrination oder “One-Size-Fits-All”-Medikamenten. Wer es versucht, muss separieren, isolieren, entrechten, gleichschalten, unterdrücken, wo immer sich Widerstand regt. Das wurde in der Geschichte immer wieder versucht, es endete im habituellen Größenwahn, der den Handelnden – egal ob Führungsfigur, Handlanger, Mitläufer unerschütterliche Macht vorgaukelte. Hinweise darauf, dass dieser Größenwahn sich mit irgend einem wunderbaren Arkanum aus Menschenhand heilen ließe, gibt es nicht. Und der liebe Gott ist auf pharmazeutische Dienste so wenig zu verpflichten, wie auf Pläne geistlicher und weltlicher Eroberer. Er hilft erfahrungsgemäß nur bei deren Bestattung und beim Auferstehen aus Ruinen.

Der Artikel ergänzt den zuerst am 25. Februar 2022 im Globkult-Magazin erschienenen.

Pandemischer Besuch

Der Tod mäht in der Cholera Menschen nieder. Illustration aus Le Petit Journal Ende des 19. Jahrhunderts
Seuchenangst und Politik

Mit dem Virus kommt der Gevatter
Lupft den Zylinder und sagt: „Grüß Gott!
Habe die Ehre, Herr Wichtigmann,
wir treten jetzt eine Reise an“.
Geimpft und geboostert fühlst du dich sicher
Der meint nicht mich, erst ist ein anderer dran.
Du greifst zum Imfpass, doch die Seiten sind leer
Und auch beim I-Phone rührt sich nichts mehr.

„Moment mal“, fragst du den knochigen Gast,
„kann es sein, dass du’s etwas zu eilig hast?
Da sind ein paar Leute, die sind nicht geimpft
Die hole!“. „Ja“, sagt der Tod, „sonst werd ich beschimpft.
Doch der Impfpass bewahrte noch keinen vorm Sterben
Mag die Pharmalobby noch so sehr werben.
Ob an oder mit – ist dem Virus egal
Mir auch, mein Freund. Du hast keine Wahl.“

Sollst du nun lachen oder angstvoll erschauern?
Du bist dir gar keiner Krankheit bewusst.
Der Pieks ging ganz glatt – und Du hast ja gemusst.
Also sagst du: „Sehr geehrter Herr Tod
Ich war solidarisch. Ich hielt das Gebot
schützte mich und die andern vor schwersten Leiden!“
„Mensch“, nölt das Gerippe, „bloß nicht zu bescheiden.
Was du getan hast, verdient jedes Lob
Das weiß, wer je eine Statistik erhob.
Du bist dem Staat eine wertvolle Nummer
Machst auch den Medien keinerlei Kummer.
Du sorgst dafür, dass die Mühlen mahlen
Klar: soll’n doch die Ungeimpften bezahlen“.

„Das geht mir nun wirklich zu weit mein Herr
Ich folg‘ der Regierung ich denke nicht quer
Und doch hab ich nie irgendwen denunziert.
Von Wissenschaftlern ward ich geführt.“
„Drum eben“, lächelt das Knochengesicht,
„bist du mir so besonders wichtig.
Leute wie du machen alles richtig.
Ich nehm‘ dich mit, weil du dazugehörst
Und auf das solidarisch Sein schwörst.
Als Sterbefall bist du ein wichtiger Teil
der nächsten Kampagne für bessere Vakzine
auf dass Elite weiter verdiene:
Minister, Konzernchefs, die ‚Wissenschaft‘
Ohne Angst vor mir – wo wäre ihre Kraft?
Sie schützen vor jeglichem Ungemach
Versprechen’s davor, vergessen’s danach.

Nun Kopf hoch, mein Freund, die Sense ist scharf
Kein Trotz und Geschrei, wenn ich bitten darf.
Als Vorbild beim Impfen warst du im Glied
Jetzt hoffe nicht auf den Unterschied.“
Es saust die Sense, die knochigen Arme
Schwingen nach vorn: „Dass Gott sich erbarme!“
Kannst du noch schreien, dann bist du wach.
Dein Hauptabteilungsleiter sagt: „Guten Tach
Wünsche wohl zu ruhen, Herr Wichtigmann
Gelobt sei, wer den Büroschlaf ersann.
Nun sei’n Sie hübsch fleißig, ich wüsste zu gern —
Wenn sie so wollen ‚im Namen des Herrn’—
Was über Ihre Verlässlichkeit.
Für etliche Leute ist es soweit:
Wer, statt sich impfen zu lassen, herumspaziert
Corona leugnet und andre verführt
Dasselbe zu tun, der gehört in die Akten.
Es muss endlich Schluss sein mit diesen Beknackten.“
Spricht es, winkt dir „Habe die Ehre!“
Und hinterlässt eine ziemliche Leere.

Du sitzt vorm Computer und fragst dich entsetzt
Wird nicht dein Recht aufs Gröbste verletzt
Wenn der Tod gänzlich ungeimpfte Personen
Weil sie nicht erfasst sind, einfach vergisst
Während du – trotz Boostern nach -zig Mutationen –
Ohne vollständigen Impfschutz bist?
Die Impfpflicht muss her, Codes und Listen, nur munter
Der Staat soll gelobt sein, er setzt sie um.
Wer nicht funktioniert, der geht eben unter
Wichtigmann nicht. Der ist schließlich nicht dumm.

DAS BÜNDNIS – eine Farce

ER Da bin ich. Es war wieder ein harter Kampf.

SIE Gleich sagt er wieder, dass ich ihn lieben muss…

ER HÄNGT EIN PLAKAT AUF Das habe ich für dich entworfen.

AUF DEM PLAKAT STEHT: „ALL MEINE LIEBE, ALL MEINE TREUE
GILT UNS!“

SIE …dass er alles für mich tut…

ER Die Frau steht wahrhaft im Mittelpunkt: Du! All meine Fürsorge gilt dir. Das ist der reale
Feminismus.

SIE … wie schlimm die anderen Männer sind…

ER Wenn du wüsstest, wie die Machos die Frauen unterdrücken. Überall entrechtete, betrogene, unterdrückte Frauen.

SIE … dass ich bei ihm in Sicherheit bin…

ER Bei mir genießt du Geborgenheit, eine gesicherte Existenz.

SIE … wie kalt es draußen ist…

ER Ich habe sie gesehen: die Frauen ohne Obdach, ohne Schutz, ohne Arbeit…

SIE … wie ich mich frei entfalten kann…

ER Hast du eingekauft? Ich habe Hunger.

SIE … wie anderswo – was?

ER Ich habe Hunger.

SIE Ich auch.

ER Ich habe dich etwas gefragt.

SIE Ich‘ liebe dich. All meine Liebe, all meine Treue…

ER Nein! Ja. Gut. Aber hast du eingekauft?

SIE Ich habe es versucht. Aber seit du mir das andere Bein auch abgeschnitten hast…

ER Du genießt die vollen Vorzüge unseres Gesundheitswesens, umfassende medizinische
Betreuung und die Einrichtungen zur Rehabilitation. Die Holzbeine aus der von mir
in erfolgreicher Gemeinschaftsarbeit zum Welthöchststand entwickelten Holzbeinproduktion…

SIE Es funktioniert nicht.

ER Lass mich bitte ausreden. (ÄNGSTLICH) Liebst du mich etwa nicht mehr?

SIE All meine Liebe, all meine Treue gehören nur dir.

ER Und nichts verbindet dich mit den bösen, herrschsüchtigen Machos?

SIE Alles verbindet mich mit dir und nichts verbindet mich mit den bösen, herrschsüchtigen Machos.

ER Alles für dich, alles durch dich, alles mit dir. Hast du eingekauft?

SIE Ich bin zu spät gekommen.

ER Das ist unmöglich. In meinem umfassenden Programm der entwickelten Strategie des Warenerwerbs unter den Bedingungen der verschärften Auseinandersetzung mit den Machos habe ich in schöpferischer Anwendung der Lehren der Klassiker des Feminismus nachgewiesen, dass wir dem Machismo um eine ganze historische Epoche voraus sind.

SIE Mit einem Holzbein ging es ja auch noch ganz gut, wenn ich mich sehr angestrengt habe, aber…

ER Wie redest du denn?

SIE Es gab objektive Schwierigkeiten.

ER So?

SIE Die Einsparung des Kniegelenks an dem zweiten Holzbein…

ER Vertraust du mir etwa nicht?

SIE Doch aber es funktioniert nicht.

ER Die Neuentwicklung erfolgte auf streng wissenschaftlicher Grundlage. Planmäßig hättest du die anderen überholen müssen.

SIE …ohne sie einzuholen. Ich weiß. Aber ich bin gar nicht erst auf die Beine gekommen

ER Du hast uns schweren Schaden zugefügt. Bist du dir dessen bewusst?

SIE Ich kann nicht mehr. Ich kann nicht schneller, Die anderen haben Rollstühle. Außerdem habe ich Hunger.

ER Eben. Du isst zuviel. Deine Ansprüche übersteigen unsere Möglichkeiten. Jetzt willst du auch noch einen Rollstuhl. Dabei habe ich schier unermessliche Mittel in die Einsparung des Kniegelenkes investiert. Das hat man von seiner Großzügigkeit. Manchmal wünschte ich, ich könnte die Methoden der Machos …

SIE Ja?

ER Fressen, fressen; das ist alles, woran du denkst. Fressen und Rollstuhlfahren. Denkst du auch daran, dass man für Rollstühle dort nicht nur die Beine, sondern die eignen Kinder verkauft? Denkst du auch an die armen Frauen mit den
abgeschnittenen Ohren?

SIE Abgeschnittene Ohren! Das ist schrecklich.

ER Damit nicht genug. Es gibt welche, denen man den Mund zuklebt, die sich den Gehörgang selbst zustopfen, damit sie nichts mehr hören von all dem Elend. Keiner hört überhaupt auf irgendwen. Es gibt keine Werte. Keine Moral.

SIE Schrecklich.

ER Da fahren sie herum, in ihren Rollstühlen: ohne Beine, ohne Ohren, immer auf der Jagd nach Fressen und hören nicht, wenn jemand leidet und um Hilfe schreit.

SIE Das stimmt. Sie hören nichts. Sie sind so schnell an mir vorbeigefahren, dass ich nichts erkennen konnte, und ich bin zu spät gekommen. Niemand hat mich um Hilfe rufen hören.

ER Ich höre dich immer. Ich höre dich, ich sehe dich, bei mir bist du geborgen. In Sicherheit.

SIE Ja.

BEISCHLAF

ER Du musst jetzt einkaufen gehen. Es ist für uns, für unsere Zukunft, für die gemeinsame Sache, für unser Kind. Es ist eine Frage des Bewusstseins.

SIE Für unser Kind … Für den Feminismus.

ER Für uns.

SIE Für uns.

SIE RAPPELT SICH AUF, FÄLLT WIEDER HIN

SIE Mit zwei Beinen war ich schneller.

ER Willst du damit sagen, dass das System falsch ist? Unser System? Willst du unsere Errungenschaften in Frage stellen? Das Gesundheitswesen, das dich keinen Pfennig kostet? Unsere Macht, die uns zur Beherrschung der Natur verholfen hat? Die Rolle der Arbeit bei der Menschwerdung des Affen? Beine! Wir beherrschen die Technik, wir sind der Natur überlegen. Beine! Wo wir fliegen können!

SIE Zum Einkaufen?

ER Zum Einkaufen! Jawohl! Sollen sie doch mit ihren Rollstühlen herumfahren, ohne Planung und Leitung. Wenn du nur willst, beweisen wir unsere Überlegenheit. Wir fliegen.

SIE Fliegen. Bas wäre schön.

ER Wir brauchten überhaupt keine Kniegelenke mehr. Wir könnten sie völlig einsparen.

SIE Darf ich nicht wenigstens eines behalten?

ER Wo denkst du hin. Auf diesen Sieg über die Natur werden wir nicht verzichten. Allerdings…

SIE Ja?

ER Es gibt da ein Problem…

SIE Welches?

ER Die Machos versuchen offensichtlich, sich einen Vorsprung zu verschaffen. Sie arbeiten an der Reduzierung des Luftwiderstandes.

SIE Des Luftwider …??

ER Des Luftwiderstandes. Jedes fliegende Objekt hat ihn. Auch du. Wir müssten ihn drastisch herabsetzen. Die abgeschnittenen Beine sind eine großartige Errungenschaft! Sie reduzieren den Energieaufwand für den Flug fast um
die Hälfte, aber der Luftwiderstand…

SIE Was ist damit?

ER Du hast so schrecklich abstehende Ohren.

SIE Was?

ER Damit geht es natürlich nicht.

SIE Was?

ER Fliegen. Zum Einkaufen fliegen. Fliegen für unser Kind, für unsere Zukunft.

SIE Ich verstehe nicht.

ER Es ist eine Frage des Bewusstseins, der Werte, der Moral. Wir brauchen eine große freiwillige Initiative von dir. Wenn du fliegen willst, müssen wir die Ohren abschneiden. Du willst doch fliegen für uns, zum Einkaufen? So wie du bist, kannst du es nicht schaffen. Mit diesem schrecklichen Luftwiderstand.

SIE Nein.

ER Du weigerst dich?

SIE Ja.

ER Du stellst dich gegen den Fortschritt?

SIE Ich habe immer alles getan, was du von mir verlangt hast.

ER Wir. Was wir von uns verlangt haben. Soll das alles umsonst gewesen sein?

SIE Ich möchte nur meine Ohren behalten.

ER Das ist egoistisch, kleinlich, reaktionär.

ER ZIEHT EINE BANANE HERAUS,ISST.

SIE Woher hast du die Banane?

ER Hart erarbeitet. Auch du könntest Bananen essen, wenn du mehr Initiative zeigen und es dir nicht auf meine Kosten bequem machten würdest.

SIE Woher hast du die Banane?

ER Darüber bin ich dir keine Auskunft und schon gar keine Rechenschaft schuldig. Gerade jetzt, wo du dir jedes Vertrauen verscherzt hast, kann ich dir unmöglich derart wichtige, geheime Informationen geben. Bewähre dich.
Lerne fliegen. Dann könntest du die erste beim Einkaufen sein und wir hätten immer Bananen.

SIE Ich habe Hunger.

ER ZIEHT EINE ZWEITE BANANE HERAUS

ER Ich könnte dir etwas abgeben. Als Vertrauensvorschuss sozusagen.

ER HÄLT IHR DIE BANANE VOR DIE NASE. SIE SCHNAPPT DANACH, ER ZIEHT DIE BANANE WEG.

ER Natürlich müsstest du etwas guten Willen zeigen.

SIE Was soll ich tun?

ER Die erste Etappe der freiwilligen Initiative „Flug zu den Bananen“ beginnen. Wenigstens ein Ohr muss fallen.

SIE Nein. Nein. Nein.

ER Gut. Damit ist alles klar. Du hemmst unseren Aufbau. Du stellst alles in Frage. Du machst dich zum Bundesgenossen unseres Gegners. Du weißt, wozu du mich zwingst.

SIE Ich will doch nur meine Ohren behalten.

ER Meine. Meine. Das ist die Sprache des Feindes.

SIE Du hast doch selbst gesagt, dass die Machos Ohren abschneiden.

ER Du vergleichst MICH mit den Machos? Mich, den Befreier vom Machismo?

ER STÜRZT SICH AUF SIE, SCHNEIDET EIN OHR AB, ISST ES AUF, HAT EINEN ORGASMUS.

ER Es tut mir leid, aber ich musste diese Maßnahme ergreifen. Das wirst du einsehen. Der Feind ist überall. Mitten in unseren Reihen. In dir. Ich bin über dein Versagen tief betroffen, es schmerzt mich. Nur die tiefe Sorge um dich hat mich bewogen, einzugreifen, denn unsere Errungenschaften müssen geschützt werden. Es lebe das Bündnis von Mann und Frau. Nieder mit dem Machismo!

SIE Wohin gehst du?

ER Ich muss mich erholen. Der Feind könnte die kleinste Schwäche auf unserer Seite nutzen. Ich muss stark sein für uns, für unser Kind, für unsere Zukunft.

ER LEGT IHR MESSER UND VERBANDPÄCKCHEN HIN.

ER Wir brauchen dich. Auf dich kommt es an. Mach mit! Flug zu den Bananen!

ER VERSCHWINDET.

SIE Manchmal möchte ich weglaufen. SIEHT SICH ÄNGSTLICH UM

SIE Einfach weg. Weit, weit weg, egal wohin. Wenn er das wüsste. Ich glaube, er schlüge mich tot.

Wenn ich Beine hätte. Ja. Oder wenigstens einen Rollstuhl. Aber so; ohne Beine bei den Machos. Ganz allein. Eine unter vielen, ohne Arbeit, ohne Obdach. Ohne Chance gegen die Machofrauen. Ohne Rollstuhl und mit dem hohen Luftwiderstand.

Jetzt ist er nur noch halb so hoch.

Ich bin schlecht. Ich bin egoistisch. Wir haben so lange zusammen gelebt und ich will alles im Stich lassen: die Sicherheit und Geborgenheit, die er für mich geschaffen hat, meine Arbeit, unsere gemeinsame Zukunft, den
Feminismus. Unser Kind.

Ich bin schlecht. Er ist so stark und ich bin so feige. SIE NIMMT DAS MESSER.

Trotz allem vertraut er mir.

Für unser Kind, unsere gemeinsame Zukunft. Flug zu den Bananen! SIE SCHNEIDET DAS ANDERE OHR AB.

ER WIRD VON EINER JUNGEN SCHÖNEN FRAU HEREINGEROLLT, IN EINEM WUNDERBAREN ROLLSTUHL

ER Es ist erreicht! Sie haben mich anerkannt! WIRFT IHR EINE BANANE ZU.

ER Wir rüsten ab. Wirf das Messer weg, oder besser: gib es her.

SIE Wer ist das?

ER Das ist das Neue Wesen. Das Neue Wesen in unserem gemeinsamen Haus.

SIE Sie hat Beine, sie hat Ohren, wer ist sie, wo kommt sie her?

ER Meine Initiative war erfolgreich, alle haben es erkannt: wir brauchen das Neue Wesen. Schluss mit den Kämpfen, Schluss mit der Unterwerfung der Natur. Gib das Messer her.

SIE Wo kommt ihr her, woher hast du den Rollstuhl?

ER Gib sofort das Messer her.

SIE VERSUCHT SICH AUF DAS NEUE WESEN ZU STÜRZEN. KURZER, HOFFNUNGSL0SER KAMPF; ER NIMMT IHR DAS MESSER WEG, DROHT IHR.

ER Es wird nicht mehr gekämpft. Spürst du nicht, wie die Luft frischer und leichter wird, wenn das Neue Wesen auftritt?

ER KÜSST DAS NEUE WESEN

ER Natur! Natur!

SIE Du warst bei den Machos!

ER Und sie mussten mich endlich anerkennen. Es waren zähe Verhandlungen. Gefällt dir der Rollstuhl? Es ist das neueste Modell.

SIE Du hast gesagt, es gibt dort nur Frauen ohne Beine und ohne Ohren.

ER Die meisten. Ja. Aber jetzt lebt man dort wieder natürlicher. Wir haben uns geeinigt. Keinem wird mehr weh getan. Ohne Grund.

ER STREICHELT SIE, SIE STÖSST IHN WEG.

SIE Was wird aus mir, was wird aus unserer
gemeinsamen Zukunft, unserem Kind.

ER Seine Beine sind in guten Händen.

SIE Du hast es verkauft, für das neueste Modell. An die Machos.

ER Wir haben jetzt ein GEMEINSAMES HAUS. Bananen für alle, Rollstühle für alle. Irgendwann.

SIE Es ist noch nicht einmal geboren, und du hast es verkauft.

ER Es wäre sowieso kein besonders schönes Kind geworden. Von einer Frau ohne Beine, ohne Ohren. Was wäre das schon für eine Zukunft. Die Zukunft gehört dem Neuen Wesen. Wir haben uns geeinigt, alles wird gut.

SIE SCHREIT. DAS NEUE WESEN KLEBT IHR DEN MUND ZU.

ER Alles wird gut.

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Déjà vu (II)

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Enzyklopädische Erklärungen tun das Phänomen „Déjà vu“ als Täuschung des Gedächtnisses ab. Was dabei genau geschieht, ist einschlägiger Wissenschaft nicht klar; sie sieht eine Korrelation zu Erkrankungen. Mystiker verweisen auf Begebenheiten „in einem früheren Leben“. Ich bliebe lieber bei real auffindbaren Zusammenhängen. Cees Nooteboom, niederländischer Autor, sagt, Erinnerung sei „wie ein Hund, der sich hinlegt, wo er will“. Unzählige Beispiele für optische, akustische und kognitive Täuschungen belegen, wie uns das Gehirn irreleitet. Nootebooms Landsmann Douwe Draaisma hat einige lesenswerte Bücher zum Thema verfasst, die ich gern empfehle.1

Hieronymus Bosch - Die Hölle
Träume – Bilder aus einem früheren Leben? Hieronymus Boschs Bild der Hölle

Déjà vu erscheint weniger rätselhaft, wenn man dem Gedanken folgt, dass „Gedächtnis“ keine Ablage von Erinnerungen ist wie ein Archiv, eine Bibliothek oder irgendein Datenspeicher, sondern die ununterbrochene Bewegung eines ganzen Universums von Möglichkeiten, das sich dem realen Geschehen überlagert. Ich stelle mir eine riesigen Menschenmenge vor, darin jeder einzelne mit Reden und Handeln beschäftigt, die ich durchquere. Die ganze Zeit über empfängt mein „leibliches Gedächtnis“ – Körper und Geist untrennbar miteinander verbunden – chaotisch Eindrücke aus dem Geschehen um mich herum, aber nur bei bestimmten, musterhaften, verdichten sich die Signale zum Impuls des Erkennens. Und dieses „Erkennen“ ist nicht zwangsläufig an vorausgegangenes eigenes Erleben gebunden, sondern an die genetisch bedingte Kompositionsweise der Musterkennung, an eine unüberschaubare Menge von Antizipation strategischer Wendungen, deren sich niemand bewusst sein könnte, die sich nie kausal ordnen, geschweige beherrschen ließen.

So gesehen wäre erklärbar, weshalb und wie wir träumen. Manche reden davon, etwas sei ihnen „in einem früheren Leben“ widerfahren. Tatsächlich unterscheidet das Gedächtnis nicht immer scharf zwischen real oder nur im Film, im Traum, beim Lesen oder aus dem Hörensagen empfangenen Inhalten – allerdings trennt es wichtig und unwichtig in existenziellen Situationen viel schneller als es das Bewusstsein könnte. Das kann auch schief gehen, denn die antizipierte Gefahr ist womöglich gar keine – aber Schnelligkeit geht vor, antizipiert wird „quick’n dirty“.

Weshalb schreibe ich diese längliche Vorrede zu einem kurzen Text – recht eigentlich einer Farce oder einem Guignol? Weil die enormen Informationsmengen, mit denen Menschen hier und heute überflutet werden, fast ausschließlich auf ihre Inhalte hin und auf ihren vermeintlichen Gehalt an Realität betrachtet werden. Das Wort „Fakten“ wurde zu einer Monstranz, die all diejenigen vor sich hertragen, die ihre Form der Informationsvermittlung gern unangreifbar machen möchten. In den herkömmlichen ebenso wie in den neuen, „sozialen“ Medien toben unerbittliche Kriege um Wahrheit oder Lüge, redliche Information oder „manipulierte“, um die Deutungshoheit zwischen Gut und Böse, falsch und wahr.

So weit, so anthropologisch konstant. Begleiten Sie mich nun einmal – spaßeshalber – in die Welt der Träume. Dort sind Regeln der Logik und Kognition weitgehend außer Kraft. Nicht so die Antizipation, nicht die Antriebe zum Erlangen und Vermeiden, weder Ängste noch Lüste: Dort finden sich Konflikte ebenso wie Erlösendes, Beglückendes. Ich erlebe immer wieder einmal Schwerelosigkeit, kann schweben, stürze auch ab ins Leere, ohne Furcht vorm Aufschlag übrigens.

Ballonfahrt ins Blau - Wer träumt sich da nicht hinauf?

Ballonfahrt ins Blau – Wer träumt sich da nicht hinauf?

Wie kostbar diese jenseitigen Welten sind! Das Gehirn befasst sich dort nur noch eingeschränkt mit unmittelbaren Reizen; es wird vom Unbewussten, vom Erinnern, von Wünschen und Ängsten bewegt. Es muss ihnen folgen in gegenstandslose, phantastische, manchmal furchterregende Geschehnisse. Was im Alltag nicht zu merken ist – dass hinter Entscheidungen nur selten vernünftiges Abwägen steht – wird hier und jetzt universelles Programm. Alles ist möglich. Es muss nur einen Kondensationskeim geben, an den sich chaotisch schweifende Erinnerungen anheften können, egal ob sie frühkindlichem Erleben oder einer Fernsehserie entspringen. Von diesem Keim aus vernetzen und verweben sich Landschaften, Figuren, Situationen innerhalb von Hundertstelsekunden. Sie sind flüchtig, aber sie können stärker wirken als real Erlebtes.

Jeder, der Katzen oder Hunde hält, kann sie ab und zu beim Träumen beobachten, und jeder Neurophysiologe kann Ihnen heutzutage erklären, um was für eine wichtige Lebensfunktion es sich handelt. Gleichwohl rätseln Wissenschaftler immer noch daran herum, was Menschen in Morpheus‘ Umarmung geschieht. Interessant wird es, wenn das Bewusstsein für einen kurzen Moment in den Traum „hineinspringt“ – etwa um zu sagen „Du träumst ja nur!“ Man weiß heute, das manche Menschen in sogenannten Klarträumen Inhalte sogar beeinflussen können. Zweifellos existieren Übergänge zwischen Traum und Kognition, sonst kämen keine Gesprächsfetzen, gar Dialoge (allerdings von der schrägen Sorte) vor. Sich daran erinnern zu wollen, produziert wieder nur Bruchstücke, und bisher war nie jemand in der Lage zu überprüfen, inwieweit sie mit dem Geträumten tatsächlich übereinstimmen.

Hirnforscher wollen aufklären, was da “wirklich” geschieht. Sie wollen mittels hochpräziser Messung elektromagnetischer, hormoneller, zellbiologischer Abläufe die Traum- und Gedankenwelten vermessen. Aber dieses “wirklich” bedeutet doch immer nur, dass mit apparativ begrenzten Methoden Daten erfasst und Modelle konstruiert werden. Diese Modelle müssten in irgendeiner Form verifizierbar sein – etwa indem man aus mit ihrer Hilfe entworfenem elektromagnetischen Geschehen einen vorhersagbaren Traum entstehen ließe, also – wie im Film „Inception“ – bewegte Bilder ins Traumgeschehen einspielte, dem der Träumer nicht entfliehen kann.

So etwas ist Wunschvorstellung aller Despoten, Geheimdienste, vieler Produzenten mehr oder weniger schlechter Sci-Fi-Texte, Filme, Spiele. Vermutlich steckt schon viel Geld in einschlägigen Forschungen. Ihre Konsequenzen gehen – was ökonomische und politische Macht anlangt – über Kernkraft, Gentechnik, IT und Internet hinaus. Sie verschärfen alle Fragen nach menschlicher Verantwortung bis tief ins Persönliche. Aber stirbt infolge solcher “digitaler Transparenz” des Individuums nicht jedes Vertrauen, sogar das zu sich selbst?

Damit bin ich beim déjà vu meines Guignols von 1988 und einer sehr erfolgreichen Methode der Stasi: Dem „Zersetzen“ von Persönlichkeiten – im Sprachgebrauch des Mielkeschen Liebesministeriums „Personen mit feindlich-negativer Einstellung“. Fürsorge und Abhängigkeit, das Spiel mit Misstrauen, ritualisierte Bekenntnisse, der Wechsel von Drohungen und Heilsversprechen, Einschwören auf gemeinsame Feinde, Gesinnungskitsch: Das alles findet sich im Alltag heutiger Kämpfe um die Deutungshoheit, also die informelle Macht.

Mir half damals „Das Bündnis“, mich nicht „zersetzen“ zu lassen. Das déjà vu erheitert und erschreckt zugleich, denn die Methoden sind im Schwange; noch ist es allerdings möglich, sich zu wehren.

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1  Douwe Draaisma: Das Buch des Vergessens. Warum unsere Träume so schnell verloren gehen und sich unsere Erinnerungen ständig verändern. Aus dem Niederländischen von Verena Kiefer. Galiani, Berlin 2012

  Warum das Leben schneller vergeht, wenn man älter wird. Von den Rätseln unserer Erinnerung. Aus dem Niederländischen von Verena Kiefer. Eichborn, Frankfurt am Main 2004.

Der Artikel ergänzt die Veröffentlichung auf „Acta Litterarum“