„Wir sind Gedächtnis“ – und Konflikt

Korte_MWir_sind_Gedaechtnis_177610Wollte ich alle Informationen aufzählen, die mir bemerkenswert erschienen beim Lesen dieses Buches – womit sollte ich beginnen? Und wieviel wird meine Erinnerung bewahren können von der Fülle angebotenen Materials aus der Hirnforschung, aus der Theorie des Lernens, der Psychologie und last but not least Verbindungen zur Literatur, Kunst, Musik? Es wird jedenfalls – und der Experte Martin Korte erklärt auch, wieso – ein Bruchteil dessen sein, was ein Experte zu verdauen in der Lage wäre. Immerhin habe ich Fachleuten das Vergnügen voraus, viel mehr Neues und Unbekanntes zu erfahren, oder Bekanntes in überraschenden Zusammenhängen zu entdecken.  Mit etwas Kreativität sollte es möglich sein, vielen am Thema Interessierten die Lektüre von “Wir sind Gedächtnis” nahezubringen.

Kortes Reise durch den „Kosmos im Kopf“ beginnt beim „autobiographischen“ Gedächtnis, und wie in den folgenden Kapiteln erstaunen sogleich die Leistungen unseres Gehirns, verblüfft aber auch, wie wenig von seinen Prozessen uns bewusst wird. Stillstand kennt es nicht, darin gleicht es dem Universum und dem Mikrokosmos der Elementarteilchen. Astronomische Zahlen beschreiben die Dimensionalität der Vernetzung, der Signalwege, der chemischen und energetischen Abläufe. In Raum und Zeit konfiguriert sich das Gedächtnis fortwährend neu – der größte Teil dieses Eigenlebens bleibt uns verborgen. Immerhin hat die Wissenschaft in den vergangenen Jahrzehnten viel Neues über Strukturen und Funktionen herausgefunden. Korte erläutert das anhand zahlreicher Abbildungen, er kommt auf den Erkenntnisfortschritt seit der Antike und dem Hl. Augustinus zurück, benennt wichtige Stationen bis in die Gegenwart und Beiträge bedeutender Forscher. Seine Fähigkeit, souverän das große Forschungsfeld zu überblicken, verbindet sich mit Freude am Erzählen. Wenn er etwa über neue Erkenntnisse zur Rolle des Schlafs beim Lernen spricht, ist die Begeisterung des Lernforschers zu spüren. Zitate aus der Fachliteratur sind ebenso wie solche von Ovid über Shakespeare bis zu Nietzsche, Freud, Marcel Proust und Homer Simpson als „Gedankenflüge“ passend zum Titelbild typographisch eingebunden: So macht Lesen Spaß.

Das Kapitel über die „Auslagerung“ individuellen Wissens in die weltumspannenden digitalen Netzwerke weckte meine Aufmerksamkeit. Korte referiert das Für und Wider, die Grenzen und Defizite des „Multitaskings“, die Vorteile des „Learning bei doing“. Er stellt die Bedeutsamkeit kultureller Kontexte gegenüber schierem Vermitteln von Fakten heraus und befürchtet, dass Internetgewohnheiten das Denken selbst verändern. Dazu führt er „eine nicht zu vernachlässigende Deprivation unseres Stirnlappens“ an, „der eben vor allem damit beschäftigt ist, die Gefühle, Einstellungen und Empfindungen unserer Mitmenschen im sozialen Kontext zu erahnen…“. Leider beleuchtet er die Bedeutung der nonverbalen Signale – der Mienen, Gesten, Laute – für die Kommunikation nur allzu kurz, obwohl er ihnen 70 bis 80% des Geschehens zuordnet. Sie bilden sich schon im Mutterleib, werden zwar abhängig von der Lernumgebung nach der Geburt individualtypisch ausgeprägt, bleiben aber lebenslang tief im Unbewussten des Gedächtnisses verankert. Sie sind menschenallgemein, wenn auch kulturell überformt. Fast jeder versteht sie – unabhängig von der Sprache – richtig: Wer kein Deutsch kann, wird kaum freundlich auf ein aggressives „Du Depp!“ reagieren. Er würde sich aber kaum beleidigt fühlen, wenn ich ihm mit von Herzen kommender Bewunderung und einem Lächeln sagte: „Du bist ein Depp ohnegleichen!“. 

In Grenzen sind – etwa bei Schauspielern – solche emotionalen Signale trainierbar,  sie formen gleichwohl zwar stabile, vor allem aber kaum zu beeinflussende Persönlichkeitsmuster. Und sie können enorme gruppendynamische Kraft entfalten – im Jubel der Stadien, in Rührung und Gelächter des Theaterpublikums, im Johlen des Mobs, im Kriegsgeschrei. Die vielbegackerten Echokammern und Filterblasen des World Wide Web erscheinen als Surrogat solcher Interaktionen und aller möglichen sozialen Rituale und Rollen. Aber auch in virtuellen Beziehungen zwischen Menschen steuern Emotionen und Impulse tief im Gedächtnis das Verhalten. Korte streift den Zusammenhang noch einmal im Kapitel über das Vergessen, wenn er auf „Narben der Erinnerung“ – meist in der Kindheit erlittenener Verletzungen – zu sprechen kommt, und im vorletzten Kapitel die Zerstörung des „kollektiven Gedächtnisses“ durch Kriege und totalitäre Systeme anspricht, aber er lässt Fragen nach Wut, Hass, Ekel, Aggressivität, Machtgier, Habsucht, Rachedurst… außen vor – auch die nach Liebe, Altruismus, Empathie – und beschränkt sich alles in allem auf kognitive Aspekte. Ein umfänglicher Abschnitt über die Alzheimer-Krankheit und das Schlusskapitel mit Tipps, wie einer sein Gedächtnis fit hält, ließen mich an jene konfliktscheue Wissenschaft denken, die von wohlmeinenden Medien gern „eingekauft“ und als „trinkbare Information“ (die Formulierung stammt von einem ehemaligen Fernsehdirektor) dem vermeintlich minder verständigen Publikum verabreicht wird.

Wen schließlich meint das „Wir“ im Titel? Alle Menschen? Eine wohlversorgte, aufgeschlossene Leserschaft? Letztere wünsche ich dem Buch, falls sie weitergehende Fragen stellt, ist das ganz im Sinne des sympathischen Autors und seiner Lernforschung. Die von ihm kurz angedeutete Idee, man könne Vorurteile – also womöglich Feindbilder – aus dem Gedächtnis mittels Workshops ausräumen, erscheint mir gleichwohl so lächerlich wie gespenstisch. Kürzlich schlugen – so war in Medien zu lesen und zu hören – Bonner Wissenschaftler vor, das Hormon Oxytocin gegen Fremdenfeindlichkeit zu verabreichen. Solange derart mechanistisch mit dem – auch für das Lernen – unvermeidlichen Konfliktgeschehen der realen Welt kalkuliert wird, bleibt das kollektive Gedächtnis der Menschheit – also unseres – bedroht.

Martin Korte “Wir sind Gedächtnis”, DVA Sachbuch 2017, 384 Seiten, 20 €

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Gut aufgeräumte Landschaften

Wir sind immer gern am Bodensee – wir mögen Landschaft und Leute. Bei unseren Besuchen hat uns der Konstanzer Südverlag mehrfach mit interessanten Büchern zum Entdecken angeregt.

AlpsteinKürzlich erschien dort als Katalog zu einer Ausstellung mit Bauernmalerei aus der Ostschweiz ein Bildband, der das Lesen und Anschauen besonders lohnt. Ausgerechnet ein Sachse und ein Preuße kommen darin mehrfach zu Wort, um Besonderheiten der Schweizer in Appenzell zu beschreiben. Sie lebten beide Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts, als sich die Region um den Alpstein, in den Appenzeller Halbkantonen Innerroden und Außerroden und im Toggenburg wirtschaftlich und politisch wandelte. Die Textilproduktion wuchs auf, Bauern kamen durch Viehhandel und Milchprodukte zu Wohlstand, über ihren Stalltüren brachten sie „Sennenstreifen“ an. Es sind Tafelbilder, die stolz und zahlengenau den Viehbestand darstellten.

„Die Kuh im Appenzellerland“, vermerkt dazu der preußische Arzt und Reiseschriftsteller Johann Gottfried Ebel, „genießt mehr der Achtung und befindet sich glücklicher als Millionen Menschen Europas.“ Und in tiefem Respekt für den Freiheitssinn der Appenzeller, den er in der bis heute gepflegten demokratischen Landsgemeinde verkörpert sah, fügte er hinzu, das ganze Benehmen der Appenzeller drücke Selbstgefühl und innere Kraft aus. Den zugewanderten Sachsen Heinrich Tschokke wunderte, wie vertraut Amtspersonen und Volk miteinander umgingen: Der Landamman, höchste Magistratsperson, müsse sich gefallen lassen, wenn er vom geringsten Bauern dieselbe Behandlung empfängt, die er diesem widerfahren lässt.

Appenzeller Markenzeichen sind zweifellos bis heute das demokratische Grundverhältnis zur Politik, die Naturverbundenheit und der Geschäftssinn. Wie sie sich in der „Heimat Alpstein“ über Jahrhunderte herausbildeten, ist in dem von Tobias Engelsing liebevoll und mit sachkundiger Hilfe vieler Unterstützer gestalteten Buch nachzulesen. Historische Urkunden, Karten, Gemälde, Stiche, Fotos illustrieren geschichtliche Wendungen mit allen Härten von Krieg, Pest, Brand und gemeinschaftlicher Kraftanstrengung, sie zu überwinden. Naturschönheit kontrastiert mit mühsamer Arbeit, originäres Brauchtum mit aufkommendem Tourismuskitsch.

Dem stehen naive, bisweilen fast ikonenhaft abstrakte Bilder gegenüber, gemalt nur selten von Bauern, oft von Handwerkern, Textilarbeitern, Knechten, Hausierern oder Taglöhnern. Aus der Hand begabter Dilettanten entstanden Auftragsarbeiten für Wohlhabende, sie idealisieren Besitz und Feste. Alltagsnöte, Schicksalsschläge finden sich in diesen aufgeräumt wirkenden Bildern nicht – aber vielleicht ziehen sie Betrachter genau deshalb an.

Hans Büchler hat zur Entwicklung der Bauernmalerei einen klugen Essay verfasst, eine Auswahl von Bildern nebst Kurzbiographien der Künstler folgt, ein amüsantes „Appenzeller ABC“, Anmerkungen und reichlich Literaturhinweise. Die vergnügliche und anregende Lektüre weckt sofort die Lust auf eine Reise zum Säntis, in die Städte und Dörfer ringsum – vielleicht zum nächsten „Öberefahre“, – also zum Almauf- oder Abtrieb. Abhalten könnte einen einzig der Hinweis des Sachsen Zschokke, der schon 1836 feststellte, Appenzell sei ein wahrer Liebling aller in- und ausländischen Reisenden geworden.

Wer Touristenandrang meiden will, kann das vielleicht in der Sonderausstellung „Heimat Alpstein“ im Konstanzer Rosgartenmuseum, zu der das Buch als Katalog dient. Sie ist noch bis 30. Dezember 2017 zu sehen.

„Heimat Alpstein – Appenzeller und Toggenburger Bauernmalerei“ Südverlag Konstanz 2017, 208 Seiten, ISBN 978-3-87800-106-5, 19,90 €

Studieren hinter Mauern

* Vorlage_Broschur.inddDer studierwilligen Jugend sei dieses Buch ans Herz gelegt – und allen die hierzulande Hochschulpolitik machen. Rainer Jork und Günter Knoblauch haben einen enormen Schatz an Erfahrung von Zeitzeugen aus dem Alltag der sozialistischen Diktatur zusammengetragen, der zweierlei offenlegt: Neugier und Freude an selbständiger Arbeit sind mit bevormundenden und doktrinären Bildungssystemen kaum vereinbar – und andererseits lassen sich solche Systeme nur mit lebensfeindlichen, die Freiheit von Wissenschaft und Kunst erstickenden Maßnahmen aufrechterhalten, daran scheitern sie schließlich.

Um das zu zeigen, bedarf es keiner Polemik. Die Selbstauskünfte von Forschern, Ingenieuren, Lehrern, Künstlern aus vier Jahrzehnten des “Arbeiter- und Bauern-Staates“ beweisen es; sie lesen sich obendrein spannender als jeder Krimi. Fast alle Erzähler wehrten sich einfallsreich – mit Intelligenz, Improvisation, Hilfsbereitschaft, mit bisweilen an den “braven Soldaten Schwejk” erinnerndem Witz – dagegen, sich von der SED, ihrer Stasi und ihren “Massenorganisationen” vereinnahmen zu lassen, immer von Exmatrikulation, gar Haft bedroht. Andere lernten nur, unauffällig durchzurutschen: Das Bild der Verhaltensmuster enthält zahllose Schattierungen von Grau – und einige Glanzlichter.

Vor allem die Älteren mit Studienbeginn in den 50er und 60er Jahren an der Dresdner TH/TU blicken auf Biographien zurück, die kurz angerissen, doch eindrucksvoll sind. Nach politischer Verfolgung verließen manche die DDR, einige erduldeten zuvor Stasi-Knast, alle haben den Wert von Meinungsfreiheit, freier Lehre, Forschung und Kunst durch spätere berufliche Leistungen bestätigt. Wer blieb, lebte mit Konflikten, wurde benachteiligt, tat sein Bestes in Familie und Beruf, engagierte sich in der Zeit des Umbruchs und der deutschen Vereinigung. Die Rückschau ist ohne Wehleidigkeit und Zorn. Ich habe das mit Respekt gelesen, erinnerte mich vergnügt meines eigenen Physikstudiums, der (gern geschwänzten) Vorlesungen und Seminare in „Gesellschaftswissenschaften“, kurz „GeWi“, also marxistisch-leninistischer Selbstbeweihräucherung. Sich zur Wehr zu setzen war abenteuerlich, voller tragischer und komischer Wendungen – so entstand mein Roman „Babels Berg“. „Zwischen Humor und Repression“ taugte als Stoffsammlung für etliche weitere.

Künstlerische, pädagogische Fächer und andere Hochschulorte (Leipzig, Weimar, Halle, Erfurt, Berlin, Karl-Marx-Stadt) kommen mit den Matrikeln der 70er und 80er Jahre zusätzlich in den Blick, nach den Einschnitten des Mauerbaus und des niedergeschlagenen Prager Frühlings verschärfte sich die wirtschaftliche Lage der DDR, die Stasi dehnte Überwachung und Repression aus. Das Studentenleben erzeugte trotzdem widerständige Unterströmungen. Es entstanden “Soziotope des Ungehorsams”. Die Ausweisung Wolf Biermanns 1976 polarisierte zusätzlich, der Staat reagierte paranoid mit noch mehr ideologischem Druck, noch mehr Verpflichtungen auf Wehrdienst und möglichst 100% Zustimmung bei Wahlen; die Stasi setzte noch mehr „Inoffizielle Mitarbeiter“ (IM), subtilere Methoden bei Verhören und zersetzende Maßnahmen gegen „feindlich-negative Subjekte“ ein, infiltrierte das Leben bis in letzte, private Winkel. Wer „Leitungsfunktionen“ hatte, konnte nur mit persönlichem Risiko manchen Schüler oder Studenten vor Relegation bewahren. Dass es Lehrer und Vorgesetzte gab, die es wagten, gehört zu den positiven Erinnerungen damaliger Studenten ebenso, wie deren fachliche Qualifikation. Die Berichte sind akribisch mit Anmerkungen, Kommentaren zur Zeitgeschichte, Originaldokumenten, didaktischen Hinweisen und Angaben zur Entstehungsgeschichte ergänzt: Der Anhang bietet noch einmal interessanten, bis in die Aktualität führenden Lesestoff.

Keine Demokratie ist gegen totalitäre Strebungen immun – das liegt in ihrem Wesen. Zum Kern gehören Meinungs- und Informationsfreiheit. Die Herausgeber ermutigen zu fragen: Dürfen Schüler und Studenten sich kritisch äußern, ohne mit Gruppendruck, moralischer Erpressung, Verleumdung und Denunziation rechnen zu müssen? Werden konflikthaltige Fragen übergangen, gar erstickt? Konfliktkultur ist, darüber belehrt der Blick in die klassischen wie die “sozialen” Medien täglich, hierzulande weithin terra incognita. Noch jede Partei, Regierung,  Korporation ist in Versuchung, ihr genehme Ansichten mit allem verfügbaren Druck in der Gesellschaft zu verbreiten – sei es fürsorglich bis zur Bevormundung der Wähler oder womöglich unter Bruch des Grundgesetzes gegen oppositionell Eingestellte. Wissenschaft, Kunst, Forschung und Lehre sind dem Grundgesetz desto enger verpflichtet: Es schützt die Rechte des Einzelnen, nicht die von Körperschaften und Ideologien. Menschen mit letzten Wahrheiten zu indoktrinieren – gleich ob Religion oder sonstige Heilslehre – widerspricht diesem Auftrag. Umso erfreulicher und wichtiger ist das Erscheinen dieses Buches.

„Zwischen Humor und Repression – Studieren in der DDR“, Mitteldeutscher Verlag Halle 2017, 548 Seiten, 19,95 €

Wie ein Krieg Menschen und sich selber frisst

Wilson, Der Dreißigjährige Krieg[3893]Am meisten verblüfft hat mich an diesem Buch seine Aktualität. Sie entspringt nicht einer Absicht des Autors, historisches mit gegenwärtigem Geschehen zu vergleichen, sondern seiner Fähigkeit, in der gewaltigen Menge überlieferten Materials die Handlungsmuster der Beteiligten – also der damals Mächtigen und ihrer Gefolgschaft – zu erkennen und herauszuarbeiten. Peter H. Wilson behält dabei das gesamte europäische Panorama im Blick, führt konfessionelle Konflikte mit als das, was sie sind: Nicht Ursachen, sondern ideologische Stimuli und Rechtfertigungen, wenn Herrscher oder auch nur militärische und zivile Profiteure um die Macht kämpfen – zu Lande und zur See.

Seine Sachkenntnis ist umfassend. Ökonomische, politische, militärtechnische, strategische und geografische Gegebenheiten und Verläufe stellt Wilson plastisch und mit bisweilen erstaunlichen Zahlen dar. Er illustriert mit Hilfe zeitgenössischer Malerei, Grafik und Karten; zu handelnden Personen skizziert er Biographien, sie werden in ihren familiären, konfessionellen und individuellen Koordinaten für den Leser anschaulich. Protagonisten wie Wallenstein und der Schwedenkönig Gustav Adolf sind kontrastreich gezeichnet – viele andere schildert der Autor so pointiert, dass sie als starke Figuren im Gedächtnis bleiben. Mich fesselte die Dynamik der „europäischen Tragödie“ zwischen diplomatischen Bemühungen um den Frieden und immer wieder mit wachsender Grausamkeit ausgetragenen Schlachten, bisweilen mochte ich an der „Torheit der Regierenden“ verzweifeln (wie beim Lesen des gleichnamigen Buches von Barbara Tuchman), fühlte mich an gegenwärtige Konfliktverläufe und die damit einhergehende Ohnmacht erinnert.

Insbesondere das Geschehen nach dem Tod des Schwedenkönigs Gustav Adolf in der Schlacht von Lützen ähnelt heutigen Leiden ganzer Völker in Afrika, im Nahen und Fernen Osten: Der Krieg ist in zahllose Parteien und Schauplätze fragmentiert, Bündnisse wechseln ständig, Flucht und Vertreibung werden alltäglich. Für eine wachsende Zahl junger Männer und für den Tross tauglicher Frauen und Kinder wird Krieg zur Lebensform, es sind genug Waffen da, immer neue Heere unterschiedlicher Größe werden – meist auf Pump – in Dienst gestellt. Sie plündern Landwirtschaft und Handwerk doppelt aus: Anführer holen sich von ihnen das Geld für den Schuldendienst, marodierende Soldaten versorgen sich auf ihren Zügen quer durchs Land. Ihrer Existenz beraubte Bauern werden zu Gesetzlosen, die ihrerseits Söldner überfallen.

Die Serien der Feldzüge und Schlachten ermüdeten mich –  es fiel bisweilen schwer, den Überblick über Personal, Herrschaftswechsel, Finanztransaktionen zu behalten, aber ich habe bei der Lektüre viel über die Verfasstheit des Deutschen Kaiserreiches und seiner Nachbarn erfahren, über dynastische Beziehungen, auch über kulturgeschichtliche Leistungen jener Zeit, etwa die von Hugo Grotius für ein späteres Völkerrecht. Waffensysteme, militärische Ordnung, juristische Reformversuche wurden mir ebenso verständlich wie die konfessionellen Friktionen innerhalb der Reihen vermeintlich unversöhnlicher Katholiken, Lutheraner und Calvinisten. Koalitionen wechselten, häufig liefen Offiziere und Söldner über, einfach um zu überleben. Die  politischen Ziele einzelner Protagonisten in Frankreich, Spanien, den Niederlanden, Polen, Dänemark, Schweden wirkten auf die der Reichsfürsten, der Reichs- und Hansestädte ein. Wir sehen gekrönte Häupter, Karrieristen, ideologische Einpeitscher die Zukunft ganzer Regionen einem kurzfristigen Gewinn opfern – bisweilen nur, weil sie sich für die Kriegsführung bis zum Bankrott verschuldet haben. Die Habsburger Rudolf II., Ferdinand II. und sein Sohn Ferdinand III. trugen die Krone, lavierten indessen öfter getrieben als entschlossen zwischen dynastischen, konfessionellen und Reichsinteressen.

Wilson folgt auch den Informationskanälen jeder Zeit: den Gerüchten, Botschaften und Briefen. Falschnachricht und Greuelpropaganda sind politische Mittel. Seine kluge Dramaturgie hält  den Wechsel zwischen Detailschärfe und Gesamtschau über lange Strecken durch. Er kommentiert andere Sichtweisen aus der älteren und neueren Geschichtsschreibung – und es wird besonders interessant, wenn der Krieg am Verschleiß seiner eigenen Ressourcen dahinsiecht, wenn Gemetzel, Hunger und Seuchen die Bevölkerung dezimiert haben, die Energie der Militärs aufgebraucht ist. Selbst dann, schreibt er “richtete Krieg Chaos und Verwüstung an, aber er blieb zugleich streng kontrolliert und zielgerichtet. Militärische Operationen waren weiterhin darauf ausgerichtet, politische Ziele zu unterstützen, da die Herrscher ihre Verhandlungs-positionen zu verbessern suchten. Womöglich wurde die Wechselbeziehung zwischen Kriegführung und Diplomatie sogar enger, da offensichtlich wurde, dass niemand seine Ziele ausschließlich mit militärischen Mitteln erreichen konnte.”

Der sterbende Krieg schleppte sich halbwegs geordnet in den Westfälischen Frieden. Wie Wilson ihn im Dritten Teil des Buches analysiert, gehört zu dessen Stärken. „Die Bedeutung des Westfälischen Friedens liegt nicht in der Anzahl der Konflikte, die er zu lösen beabsichtigte, sondern in den Methoden und Idealen, die er dabei anwendete.“ schreibt er. So schuf der Vertrag von Münster und Osnabrück auch Anfangs- und Randbedingungen für die nächsten Kriege – und beeinflusste viele Friedensschlüsse kommender Jahrhunderte.

In den beiden Schlusskapiteln blickt Wilson auf die Entwicklung von Wirtschaft, Politik, Demographie, Kultur während und nach dem Krieg zurück, beleuchtet zugleich bisherige Darstellungen. Sein Wissen ist enzyklopädisch, die Zahlen und Daten sind eindrucksvoll – das belegen auch die ausführlichen Anmerkungen. Mir gefiel indessen besonders, wie er mit seinen Quellen, wie er mit dem Begriff der Erfahrung umgeht. „Der Krieg als Medienereignis“ kam damals in die Welt. Der Zeitungsmarkt boomte. Heute wie damals verkaufen sich Nachrichten über Blutbäder und das Scheitern der Politiker am besten, und das heutige Publikum sieht gebannt und ohnmächtig zu, wie Menschen zu Schlächtern werden, verblendet von Feindbildern, Habgier und Herrschsucht: Gewalt – Macht – Lust.

Wilson hat das Geschehen in seiner Komplexität erfasst, in einer sachlichen, Vorurteile, vorschnelle Verallgemeinerungen und jedes Moralisieren vermeidenden Sprache. Sein historisches Panorama ist ein großes Werk. Es veranschaulicht anthropologische Konstanten: Der Mensch ist hin- und hergeworfen zwischen individueller Freiheit und Verantwortung und den Zwängen sozialer Bindung, die in der Subalternität bis zur Selbstzerstörung verstärkt werden. Ich wünschte dem Buch weiteste Verbreitung über das wissenschaftliche Interesse hinaus – vor allem unter Regierenden. Und ohne mir ein fachliches Urteil anmaßen zu wollen: Tomas Bertram, Tobias Gabel und Michael Haupt haben es vortrefflich aus dem Englischen übersetzt.

Geben wir dem Autor das letzte Wort: „Obwohl sie mittlerweile verstummt sind, sprechen die Stimmen aus dem 17. Jahrhundert immer noch zu uns aus unzähligen Texten und Bildern, die wir glücklicherweise besitzen. Sie warnen uns auch weiterhin vor der Gefahr, jenen Macht zu verleihen, die sich durch Gott zum Krieg berufen fühlen oder glauben, dass ihre Vorstellungen von Recht und Ordnung die einzig gültigen sind.“

„Der Dreißigjährige Krieg – eine europäische Tragödie“ Theiss Verlag, 1160 Seiten, 49,90 €

Jenseits-Kollektive

revolution_noir.jpg“Revolution Noir” ist der Titel einer Anthologie mit Texten von 16 russischen Autorinnen und Autoren, darunter Julia Kissina, die das Buch beim Suhrkamp-Verlag herausgegeben hat. Sie hat jeden Beitragenden – außer sich selbst – mit einer skurrilen Zeichnung porträtiert, im Anhang finden sich Kurzbiographien. Alle Porträtierten erscheinen als weltläufige, mit Preisen und internationaler Beachtung ausgezeichnete Schriftsteller, einige mit Doppelbegabung als Maler wie Kissina, als Filmemacher oder Musiker.

Alexander Pjatigorski (1929 – 2009) Philosoph, Orientalist, emigrierte 1974 nach London, im selben Jahr wie Juri Mamlejew, (1931 – 2015), der in die USA ging, an der Cornell-Univerität unterrichtete, in den 90er Jahren nach Russland zurückkehrte, dort die literarische Bewegung des metaphysischen Realismus begründete. „Sprung in den Sarg“ heißt seine groteske Parabel auf die Rituale der Stalinistischen Schauprozesse. Sie zeigt, wie sich eine so unheilbar wie unspezifisch kranke Tante dem (Familien-)Kollektiv eines russischen Dorfes bis zur Selbstaufgabe unterwirft. Die Angehörigen wollen sie nicht mehr durchfüttern, also wird sie zu einem inszenierten Tod gedrängt. Figuren und absurde Dialoge erinnerten mich sogleich an Bulgakow, aber solche Assoziationen nehmen dieser wie  anderen Geschichten nichts von ihrer Originalität.

Pjatigorskis Spiel mit der unzuverlässigen Wahrnehmung und der noch unzuverlässigeren Erinnerung an einen Mord dagegen findet im globalen Dorf statt; die Kindheit der Handelnden in sowjetischen Zeiten wird austauschbar. Bei den Jüngeren Autoren ist das noch  deutlicher: Die meisten, in den 60er Jahren geboren, wuchsen heran, als der Stalin-Terror vorbei war, die Politbürokratie Breshnews ins Koma fiel und die Perestroika die Verhältnisse aufwirbelte. Allein diese Biographien lassen erwarten, dass ihr Blick auf Geschichte und Realität des eigenen Landes wie auf die Welt ein  besonderer ist.

Julia Kissina erläutert selbst in dem kurzen Essay „Abschied von Dostojewski“, was die „Russische Neue Welle“ oder „Dritte Avantgarde“ ausmacht. Sie entstand zu Beginn der achtziger Jahre, vom „Samisdat“ beflügelt, eine ihrer Hauptrichtungen nannte sich „Noir“. Natürlich fiel mir die zur selben Zeit florierende „Bohème des Ostens“ am Prenzlauer Berg ein. Literarische Unterströmungen finden sich überall in Diktaturen, längst formen sie eine eigene Tradition jenseits der offiziellen Kultur, und in diesem Jenseits finden sich länderübergreifend kollektive Geisteshaltungen der Subversion. Die von Kissina ausgewählten Texte offenbaren eine Fülle an einschlägigen Begabungen, einige gefielen mir besonders:

Polina Barskowa nähert sich in „Laubriss“ wunderbar poetisch Jewgeni Schwarz und Witali Bianki an, indem sie ihnen im apokalyptischen Leningrader Blockadegeschehen fiktiv begegnet. Mich hat gefesselt, wie sie sich dabei Literatur und Geschichte einverleibt. Andrej Monastyrski entführt als Ich-Erzähler, als “Der atheistische Spion” den Leser in einen von religiösen Wahnvorstellungen getränkten Alltag, auf eine philosophisch-literarische Gespensterbahn mit witzigen blasphemischen Wendungen. Waleri Nugatow zeigt Franz Kafka beim Abstieg ins literarische Establishment von Prag 1938. Der Außenseiter als Bestsellerautor und Familienvater – die schräge Idee leuchtet zumindest insofern ein, als jede Gesellschaft von ihren Außenseitern lebt – sie verdaut sie nur auf unterschiedliche Art.  Alexej Parschtschikow überrascht mit Beobachtungen eines Studenten der Veterinärmedizin, die ebenso scharf wie humorvoll und poetisch sind, und Pavel Pepperstein fliegt mit seinem „Menschenfresser-Flugzeug“ quer durchs Genre moderner Schauergeschichten. Die spröden Liebesgeschichten von Julia Belomlinskaja führten mich wieder zurück in die 80er Jahre und mein eigenes Erleben: Wer damals wirklich befreit schreiben wollte, durfte nach einer Öffentlichkeit nicht fragen, er oder sie tauchte bestenfalls in eines der jenseitigen Kollektive ein, wo man meist befristet liebte und überlebte. Der von mir hochgeschätzte Vladimir Sorokin schließlich ist mit einem wunderbar durchgeknallten, rabenschwarzen Capriccio zum Thema Globalisierung vertreten.

Natürlich gefällt so etwas – wie das ganze Buch – Leuten mit einem Nagel im Kopf, die schreiben um zu überleben. Gleichwohl wird seine Qualität auch diejenigen überzeugen, die noch nicht ganz vom wohlgefälligen Geräusch der Quotenmaschinen betäubt sind. Das ist nicht zuletzt den Übersetzern zu danken. Ohne mir ein fachlich begründetes Urteil anzumaßen: Olga Kouvchinnikova, Ingolf Hoppmann, Annelore Nitschke und Olga Radetzkaja finden einen jeweils besonderen Ton für ihre Autoren. Derlei läse ich gern öfter, auch wenn sich mir nicht alle Texte erschließen wollten. Die Übersetzer sollen gelobt sein, vor allem die mit engen Kontakten ins Jenseits.

 

 

Einsame Größe, Netzwerk fürs Leben: Die Pilze

Buchcover

Kein Lexikon oder Bestimmungsbuch: Eine Expedition

Wer das Staunen nicht verlernt hat, für den ist dieses Buch ein Fest. Robert Hofrichter hat das Verwundern seiner Kinderzeit über Artenreichtum, Formenvielfalt und delikaten Geschmack der Pilze zum Beruf gemacht: Er ist ein leidenschaftlicher Pilzforscher geworden. Er hat dabei, obwohl er über wahrhaft erschöpfende Kenntnisse verfügt, die Neugier ebenso bewahrt wie seine Entdeckerfreude – über die eigenen Arbeiten hinaus. Damit hat er mich derart angesteckt, dass ich unmöglich sagen könnte, welches der 16 Kapitel mich am meisten gefesselt hat.

Hofrichter führt seine Leser durchs unterirdische Reich der Mykorrhiza, wo die Wurzeln der Pflanzen von Pilzen umwoben werden, manche sogar Pilzfäden in ihr Inneres aufnehmen: Beider Stoffwechsel ergänzen einander – „bis dass der Tod sie scheidet“. Tatsächlich ist dieses Sachbuch voller Poesie, und zwar völlig kitschfrei und ohne anthropomorphe Sperenzchen. Sein sympathischer Grundton ist die Liebe des Autors zu seinem Gegenstand: Pilze sind ihm exemplarisch für das große, kostbare Geschenk des Lebens. Er erzählt, wie er seine Frau auf einer Pilzwanderung kennenlernte, wie beide alljährlich das Wachsen und den Wandel dieser eigenartigen Wesen verfolgen, er reist mit uns über Kontinente, durch Wüsten und Meere, er reist Jahrmillionen zurück in die Entwicklungsgeschichte oder in die Steinzeit, als „Ötzi“ den Zunderschwamm, einen Baumpilz, zum Feuer machen und als Heilmittel nutzte. Die alltägliche Begegnung mit dem Speisepilz verbindet er mit kulturhistorischen Anekdoten über Giftmörder, er kennt sich mit Pilzen im Schamanismus, in Traditioneller Chinesischer Medizin (TCM) so gut aus wie in der Mikrobiologie, er zeigt, wie Blattschneiderameisen und Termiten lange vorm Menschen Pilze züchteten. Wir erfahren beim Lesen etwas über die Systematik der Biologie, und wie sie durch immer neue Erkenntnisse von Pilzen – etwa über Flechten – umgewälzt wird. Hofrichter erzählt das alles unangestrengt und unterhaltsam. Das kann nur einer, der gleichermaßen für seine Wissenschaft, fürs Schreiben und die Pädagogik begabt ist. Er verbindet Detailschärfe mit souveränem Überblick.

Zu dieser Befähigung gehört auch, wie er seine Quellen nutzt: Hofrichter bindet Zitate geschickt ein, merkt sorgsam an, bekundet historischen und zeitgenössischen Forschern seinen Respekt. Register und Fotos werden viele Pilzsucher anregen. Zum Schluss, nachdem er Arten- und Formenreichtum der Pilze,  ihr Miteinander mit anderen Lebensformen und den unschätzbaren Wert für die Natur und uns Menschen noch einmal gewürdigt hat, schaut Hofrichter in die Zukunft: Da bleibt unendlich viel zu erforschen, nicht nur was die Eigenarten der Pilze, sondern auch was ihre Rolle in der Biotechnologie und Ökologie anlangt.

Ich gestehe, kein unvoreingenommener Leser zu sein, denn ich bin von Kindesbeinen an „Pilzfan“. Das heißt: Publikationen zum Thema lese ich womöglich besonders kritisch. Wer Kindern Natur und Naturforscher nahebringen möchte – egal ob als Eltern, Lehrer oder in einer Organisation – darf sich getrost diesem Buch anvertrauen, denn es beweist, dass Unverstandenes, Unbeachtetes, Seltsames, auch Irrtümer die Arbeit des Forschers leiten – nicht das quotenverstärkt Banale und das vermeintlich am besten Verkäufliche. In diesem Sinn wäre ihm ein weniger werbeschwülstiger und einfallsloser Titel zu wünschen gewesen.

Robert Hofrichter „Das geheimnisvolle Leben der Pilze – Die faszinierenden Wunder einer verborgenen Welt“, Gütersloher Verlagshaus, 240 Seiten, 19,99 €

Jugend ohne rote Sonne

Chinakinder_medDieses Buch verdient jede Empfehlung. Schon deshalb, weil es die großartigen Romane von Liao Yiwu dokumentarisch ergänzt, weil es obendrein Leser erreicht, die mit chinesischen Traditionen, mit Geschichte und Kultur des Landes noch wenig vertraut sind. Sonja Maaß und Jörg Endriss haben 30 junge Chinesen auf ihren Reisen porträtiert, befragt, und ihre höchst unterschiedlichen Selbstauskünfte zu Alltagserfahrungen, Wünschen, Hoffnungen und zur großen Politik aufgeschrieben. Sie haben nicht nur die unter Mao Zedong und Deng Xiao Ping geprägte „Volksrepublik“ der Kommunistischen Partei, sondern auch die 1999 von der britischen Krone aus kolonialer Bindung entlassene „Sonderverwaltungszone“ Hongkong und die „abtrünnige Provinz“ Taiwan erkundet. Das ist schon deshalb spannend, weil die historisch höchst unterschiedlich gewachsenen politischen Verhältnisse heute denselben Prozessen globaler Wirtschaft unterworfen sind, Peking eine gewaltige Übermacht hat, Hongkong und Taiwan gleichwohl selbstbewusst auf kommunistischen Dominanzanspruch reagieren.

Jedes einzelne der Kurzporträts ist lesenswert, weil es die besondere Lage der jungen Menschen in ihrer speziellen politischen, ethnischen, wirtschaftlichen und familiären Umgebung ausleuchtet. Der Leser erfährt so zugleich etwas über die Mannigfaltigkeit von Problemen, die etwa infolge der Ein-Kind-Politik entstanden – und China eine überalterte Bevölkerung sowie Mangel an Frauen im Heiratsalter bescherten. Zu beinahe jedem dieser zahllosen Probleme finden die Chinesen originelle Lösungen, oft als Schlupflöcher in den starren staatlichen Regelsystemen. Beispiel „Hukou“, die „Haushaltsregistrierung“: Kein Chinese darf seinen Wohnort frei wählen. Dadurch können Wanderarbeiter – es sind Hunderte Millionen – Sozialleistungen nur am ursprünglichen Wohnort beziehen, nur dort dürfen ihre Kinder zur Schule gehen.  Millionenfach müssen sich Familien trennen. Das System ist ebenso dysfunktional wie „Gaokao“, die Zugangsbestimmungen für Hochschulen. Korruption und Bürokratie sind auch infolgedessen monströs. Umso mehr verblüffen der Mut und Einfallsreichtum vieler Heranwachsender.

Egal ob Punk, an der Leistungsgrenze schuftender Wander- oder treuer Parteiarbeiter, egal ob „Tochter aus reichem Haus“ mit unternehmerischem Ehrgeiz, Feministin oder Homosexueller: Bei den meisten findet sich neben der Neugier auf die Welt und dem Wunsch, aus dem eigenen Leben etwas zu machen, eine grundlegende Loyalität zum eigenen Land. Wenn der Wunsch nach Freiheit sich mit dem nach sozialer Verantwortung verbindet, hängt das gleichwohl eher mit traditionellen Verpflichtungen auf die Familie als mit politischen Motiven zusammen.

Im kommunistischen China hilft unpolitischer Pragmatismus zu überleben. Totalitäre Herrschaft unterdrückt Konflikte und erlegt Medien Zensur und Selbstzensur auf. Die Bruchlinien zeigen sich am Verhältnis zu Hongkong und Taiwan; dort treten viele junge Menschen entschieden für demokratische Entwicklung ein, den Nationalismus aus Peking lehnen sie ab. Der weltweite Austausch vor allem von Studenten arbeitet ihnen zu.

Jörg Endriss und Sonja Maaß beschreiben neben Metrolpolen auch dörfliches Leben. Sie sind weit gereist – etwa in die Provinz Yunnan im Südwesten. Die Artikel von dort zeigen den Farbenreichtum des Riesenreiches, auch ins Buch eingebundene Fotos wecken die Lust, es kennenzulernen. Anmerkungen im Glossar helfen zum Verständnis, auch das gescheite Nachwort, das wichtige wirtschaftliche, politische, kulturelle Gegebenheiten zusammenfasst. Die Autoren trafen auf neugierige, aufgeschlossene junge Menschen, die ihre Wünsche und Ziele an einem weiten Horizont suchen. Die rote Sonne Mao Zedong hat außerhalb der politischen Doktrin keinen Widerschein mehr.

Jörg Endriss, Sonja Maaß „Chinakinder – Moderne Rebellen in einer alten Welt“

Conbook-Verlag, 410 Seiten, 12,95 €