Souverän oder Plebs? Wer wählt?

Auch der große Bruder in Moskau wollte ab 1972 nur noch harte Währung für den Handel mit dem kleinen

Als die Wirtschaft des ›real existierenden Sozialismus‹ in den 70er Jahren für jeden erkennbar asthmatisch wurde, entschieden die Herren im Politbüro, den Klassenkampf ganz und gar auf die ideologische Ebene zu verschieben. Das ›Überholen ohne einzuholen‹ von Walter Ulbricht war ökonomisch und wissenschaftlich-technisch zur Lachnummer geworden, aber die Deutungshoheit über den ›Antifaschismus‹ und den dafür notwendigen Schutzwall war zu verteidigen, und alle Fragen, auf die der Kapitalismus keine Antwort hatte, ließen sich trefflich instrumentalisieren: „Ausbeutung des Menschen durch den Menschen“, „Entfremdung“, „Warenfetischismus“, „Kolonialismus“, „Rassismus“…

Da Moskau, Peking und Ostberlin praktisch keine Antworten, sondern nur staatlich gelenkte Mangelwirtschaft anzubieten hatten, verfielen sie auf die Idee, ein Stück Welt-Markt und ein bisschen Binnenmarkt unterm Patronat Kommunistischer Parteien zu organisieren. Eigentlich kein Wunder, denn der Kommunismus ist schließlich ein Gewächs auf dem Holz des Kapitalismus: Irgendwer muss die Arbeit machen, Mehrwert schaffen, der von Politbürokraten in Pläne gefasst und verwaltet wird.

Ob Mosambik, Angola, Äthiopien,… DDR-Waffen in Kriegen begehrt

Sie agieren dabei lautstark als die guten Antiimperialisten. Alle Menschen wollen Geld und Wohlstand, die Politbürokraten versprechen ihnen die Unbedenklichkeit ihrer Version von Wirtschaft im Sinne sozialer Gerechtigkeit und höherer Moral. Es gibt klare Feindbilder. So etwas mögen die meisten. Im Ansehen mancher Staaten Afrikas hatten sie damit zeitweilig einen Kredit, statt knappen Devisen wurde mit Waren bezahlt – vor allem LKW, Waffen und Munition. Die meisten DDR-Bürger buchten das unter Solidarität und freuten sich, wenn’s für die blauen Bohnen der „Kommerziellen Koordinierung“ – so hieß die Fachmannschaft des Stasi Obersten Schalck-Golodkowski – rote Bohnen, also Kaffee, aus Äthiopien gab.

Die SED und ihre Helfer in gleichgeschalteten Parteien – es gab »liberale«, »nationale«, »christliche« und eine der Bauern – konnten sich einfach auf tief ausgetretenen Trampelpfaden anthropologischer, gern religiöser Rituale bewegen, nach denen Menschen in gute und böse einzuteilen waren. Und so läuft es immer noch – so lange nicht dem Wahlvolk die Lücken zwischen Heilsbotschaften und real existierendem Mangel an gelösten Problemen unerträglich werden. Es ist interessant zu beobachten, wie Populisten aller sozialistischen Richtungen sich dann zugleich der folgsamen Masse anbiedern und die enttäuschte Masse als Pack, Pöbel, Plebs etc. beschimpfen.

Machen wir’s kurz, denn 40 Jahre DDR waren lang genug: Politisch vertrauenswürdig ist, wer sein Mandat einer hinreichend großen Zahl von Individuen mit dem Wunsch nach Freiheit und Selbständigkeit verdankt, weil sie ihm zutrauen, sich für ihren Erfolg im (globalen) Markt ebenso wie fürs soziale Umfeld und die natürlichen Ressourcen einzusetzen. Er muss keine Feindbilder ausmalen, keine archaischen Herdenimpulse in Dienst nehmen, er hält stattdessen die Dominanzwünsche von Politbürokraten im Zaum. Staat und Politik sind – wie’s das Grundgesetz vorschreibt – dem Dienst am Wohl des Volkes, lateinisch populus, verpflichtet, nicht der Pfründe von Parteien, ihnen gefälligen Medien und ihren als NGO getarnten Hilfsorganisationen.

Das Grundgesetz – mehr als nur aufgeklebtes Symbol?

Medien hätten eigentlich dem Beweihräuchern von Gewählten und Beamteten sowenig zu dienen wie eigener Machtgier, wenn sie Vertrauen verdienen wollten. Will sagen: Wenn Politbürokraten und ihnen aus offensichtlichem Eigennutz gefällige Journalisten statt über unvermeidliche Interessengegensätze und Konflikte zu informieren, dem Plebs, von dessen Steuern und Zwangsbeiträgen sie leben, über den Mund fahren, verlieren sie ihre Existenzberechtigung. Wenn sie sich dem Alltag, den Mühen der Demokratie – also dem Umgang mit Demos, dem Volk, entziehen, indem sie sich als Vormund aufspielen, dann wollen sie Sozialismus, gegründet auf einer Ersatz-Religion namens Marxismus-Leninismus oder sonstiger Heilslehren von Weltgeltung. Sie dürfen dann wieder gegen Leugner, Ketzer, Renegaten kämpfen – das freie Wort unterdrücken, Bücher, Bilder, Filme und Denkmäler eliminieren. Die Macht gibt ihnen das erhabene Gefühl, zu den Guten zu gehören: Es hat nicht nur hierzulande blutige Millionenopfer gefordert.

Déjà vu (II)

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Enzyklopädische Erklärungen tun das Phänomen „Déjà vu“ als Täuschung des Gedächtnisses ab. Was dabei genau geschieht, ist einschlägiger Wissenschaft nicht klar; sie sieht eine Korrelation zu Erkrankungen. Mystiker verweisen auf Begebenheiten „in einem früheren Leben“. Ich bliebe lieber bei real auffindbaren Zusammenhängen. Cees Nooteboom, niederländischer Autor, sagt, Erinnerung sei „wie ein Hund, der sich hinlegt, wo er will“. Unzählige Beispiele für optische, akustische und kognitive Täuschungen belegen, wie uns das Gehirn irreleitet. Nootebooms Landsmann Douwe Draaisma hat einige lesenswerte Bücher zum Thema verfasst, die ich gern empfehle.1

Hieronymus Bosch - Die Hölle
Träume – Bilder aus einem früheren Leben? Hieronymus Boschs Bild der Hölle

Déjà vu erscheint weniger rätselhaft, wenn man dem Gedanken folgt, dass „Gedächtnis“ keine Ablage von Erinnerungen ist wie ein Archiv, eine Bibliothek oder irgendein Datenspeicher, sondern die ununterbrochene Bewegung eines ganzen Universums von Möglichkeiten, das sich dem realen Geschehen überlagert. Ich stelle mir eine riesigen Menschenmenge vor, darin jeder einzelne mit Reden und Handeln beschäftigt, die ich durchquere. Die ganze Zeit über empfängt mein „leibliches Gedächtnis“ – Körper und Geist untrennbar miteinander verbunden – chaotisch Eindrücke aus dem Geschehen um mich herum, aber nur bei bestimmten, musterhaften, verdichten sich die Signale zum Impuls des Erkennens. Und dieses „Erkennen“ ist nicht zwangsläufig an vorausgegangenes eigenes Erleben gebunden, sondern an die genetisch bedingte Kompositionsweise der Musterkennung, an eine unüberschaubare Menge von Antizipation strategischer Wendungen, deren sich niemand bewusst sein könnte, die sich nie kausal ordnen, geschweige beherrschen ließen.

So gesehen wäre erklärbar, weshalb und wie wir träumen. Manche reden davon, etwas sei ihnen „in einem früheren Leben“ widerfahren. Tatsächlich unterscheidet das Gedächtnis nicht immer scharf zwischen real oder nur im Film, im Traum, beim Lesen oder aus dem Hörensagen empfangenen Inhalten – allerdings trennt es wichtig und unwichtig in existenziellen Situationen viel schneller als es das Bewusstsein könnte. Das kann auch schief gehen, denn die antizipierte Gefahr ist womöglich gar keine – aber Schnelligkeit geht vor, antizipiert wird „quick’n dirty“.

Weshalb schreibe ich diese längliche Vorrede zu einem kurzen Text – recht eigentlich einer Farce oder einem Guignol? Weil die enormen Informationsmengen, mit denen Menschen hier und heute überflutet werden, fast ausschließlich auf ihre Inhalte hin und auf ihren vermeintlichen Gehalt an Realität betrachtet werden. Das Wort „Fakten“ wurde zu einer Monstranz, die all diejenigen vor sich hertragen, die ihre Form der Informationsvermittlung gern unangreifbar machen möchten. In den herkömmlichen ebenso wie in den neuen, „sozialen“ Medien toben unerbittliche Kriege um Wahrheit oder Lüge, redliche Information oder „manipulierte“, um die Deutungshoheit zwischen Gut und Böse, falsch und wahr.

So weit, so anthropologisch konstant. Begleiten Sie mich nun einmal – spaßeshalber – in die Welt der Träume. Dort sind Regeln der Logik und Kognition weitgehend außer Kraft. Nicht so die Antizipation, nicht die Antriebe zum Erlangen und Vermeiden, weder Ängste noch Lüste: Dort finden sich Konflikte ebenso wie Erlösendes, Beglückendes. Ich erlebe immer wieder einmal Schwerelosigkeit, kann schweben, stürze auch ab ins Leere, ohne Furcht vorm Aufschlag übrigens.

Ballonfahrt ins Blau - Wer träumt sich da nicht hinauf?

Ballonfahrt ins Blau – Wer träumt sich da nicht hinauf?

Wie kostbar diese jenseitigen Welten sind! Das Gehirn befasst sich dort nur noch eingeschränkt mit unmittelbaren Reizen; es wird vom Unbewussten, vom Erinnern, von Wünschen und Ängsten bewegt. Es muss ihnen folgen in gegenstandslose, phantastische, manchmal furchterregende Geschehnisse. Was im Alltag nicht zu merken ist – dass hinter Entscheidungen nur selten vernünftiges Abwägen steht – wird hier und jetzt universelles Programm. Alles ist möglich. Es muss nur einen Kondensationskeim geben, an den sich chaotisch schweifende Erinnerungen anheften können, egal ob sie frühkindlichem Erleben oder einer Fernsehserie entspringen. Von diesem Keim aus vernetzen und verweben sich Landschaften, Figuren, Situationen innerhalb von Hundertstelsekunden. Sie sind flüchtig, aber sie können stärker wirken als real Erlebtes.

Jeder, der Katzen oder Hunde hält, kann sie ab und zu beim Träumen beobachten, und jeder Neurophysiologe kann Ihnen heutzutage erklären, um was für eine wichtige Lebensfunktion es sich handelt. Gleichwohl rätseln Wissenschaftler immer noch daran herum, was Menschen in Morpheus‘ Umarmung geschieht. Interessant wird es, wenn das Bewusstsein für einen kurzen Moment in den Traum „hineinspringt“ – etwa um zu sagen „Du träumst ja nur!“ Man weiß heute, das manche Menschen in sogenannten Klarträumen Inhalte sogar beeinflussen können. Zweifellos existieren Übergänge zwischen Traum und Kognition, sonst kämen keine Gesprächsfetzen, gar Dialoge (allerdings von der schrägen Sorte) vor. Sich daran erinnern zu wollen, produziert wieder nur Bruchstücke, und bisher war nie jemand in der Lage zu überprüfen, inwieweit sie mit dem Geträumten tatsächlich übereinstimmen.

Hirnforscher wollen aufklären, was da “wirklich” geschieht. Sie wollen mittels hochpräziser Messung elektromagnetischer, hormoneller, zellbiologischer Abläufe die Traum- und Gedankenwelten vermessen. Aber dieses “wirklich” bedeutet doch immer nur, dass mit apparativ begrenzten Methoden Daten erfasst und Modelle konstruiert werden. Diese Modelle müssten in irgendeiner Form verifizierbar sein – etwa indem man aus mit ihrer Hilfe entworfenem elektromagnetischen Geschehen einen vorhersagbaren Traum entstehen ließe, also – wie im Film „Inception“ – bewegte Bilder ins Traumgeschehen einspielte, dem der Träumer nicht entfliehen kann.

So etwas ist Wunschvorstellung aller Despoten, Geheimdienste, vieler Produzenten mehr oder weniger schlechter Sci-Fi-Texte, Filme, Spiele. Vermutlich steckt schon viel Geld in einschlägigen Forschungen. Ihre Konsequenzen gehen – was ökonomische und politische Macht anlangt – über Kernkraft, Gentechnik, IT und Internet hinaus. Sie verschärfen alle Fragen nach menschlicher Verantwortung bis tief ins Persönliche. Aber stirbt infolge solcher “digitaler Transparenz” des Individuums nicht jedes Vertrauen, sogar das zu sich selbst?

Damit bin ich beim déjà vu meines Guignols von 1988 und einer sehr erfolgreichen Methode der Stasi: Dem „Zersetzen“ von Persönlichkeiten – im Sprachgebrauch des Mielkeschen Liebesministeriums „Personen mit feindlich-negativer Einstellung“. Fürsorge und Abhängigkeit, das Spiel mit Misstrauen, ritualisierte Bekenntnisse, der Wechsel von Drohungen und Heilsversprechen, Einschwören auf gemeinsame Feinde, Gesinnungskitsch: Das alles findet sich im Alltag heutiger Kämpfe um die Deutungshoheit, also die informelle Macht.

Mir half damals „Das Bündnis“, mich nicht „zersetzen“ zu lassen. Das déjà vu erheitert und erschreckt zugleich, denn die Methoden sind im Schwange; noch ist es allerdings möglich, sich zu wehren.

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1  Douwe Draaisma: Das Buch des Vergessens. Warum unsere Träume so schnell verloren gehen und sich unsere Erinnerungen ständig verändern. Aus dem Niederländischen von Verena Kiefer. Galiani, Berlin 2012

  Warum das Leben schneller vergeht, wenn man älter wird. Von den Rätseln unserer Erinnerung. Aus dem Niederländischen von Verena Kiefer. Eichborn, Frankfurt am Main 2004.

Der Artikel ergänzt die Veröffentlichung auf „Acta Litterarum“

Déjà vu

“Wir entscheiden”, sagte der Stasi-Mitarbeiter in der Abteilung “Inneres” beim Stadtbezirk Prenzlauer Berg, “ob und wann wir ihre Übersiedlung in die BRD gestatten!”

Das war 1988, “wohn-haft” in Berlin, Hauptstadt der DDR, durfte ich seit Jahren nicht mehr als Regisseur und Hochschullehrer arbeiten, denn ich hatte gewagt, die Deutungshoheit der SED zu leugnen. Politisch und ökonomisch war ihre Macht längst brüchig. Die mächtigsten Männer der Sowjetunion mussten in internationalen Konferenzen – vor allem der KSZE – bei den Menschenrechten Kompromisse gegenüber dem Westen eingehen, wollten sie den Zusammenbruch ihres Landes und des Warschauer Verteidigungspakts unter Planwirtschaft und Rüstungswahn zumindest hinauszögern. Die – immer noch brutal verfolgte – Opposition vor allem in Ungarn und Polen erstarkte, sogar in der DDR wuchs der Widerstand. Hunderttausende forderten Freiheit der Meinung und der Reise. Das heißt: Sie griffen die am härtesten armierten Bastionen der Politbürokraten an: Die Ideologie und den “antifaschistischen Schutzwall”. In Parteizentralen und ihren “Sicherheitsorganen” war Daueralarm, ebenso beim Propaganda-Apparat: den staatlichen Sendern und Zeitungen, in Schulen und Hochschulen. Die bis zur Absurdität ermächtigten Kontrolleure verloren die Kontrolle – und bekamen sie nie mehr zurück.

Irreversibilität hat mich seit je beschäftigt. Für den Physiker war es ein universelles und irritierendes Phänomen, im Alltag kann es jeden zur Verzweiflung treiben, weil sich nichts ungeschehen machen lässt. Eine Millisekunde unaufmerksamer Bewegung, die Teetasse kippt ihren Inhalt ins Notebook, es verröchelt. Die Millisekunde lässt sich nicht zurückdrehen, mit keinem noch so gewaltigen Energieaufwand. Das gilt auch im Universum der Gedanken. Eine Folge davon ist, dass uns die Zeit immer schneller zu vergehen scheint, wenn wir altern: Zu viele Gedanken – erwünschte und unerwünschte – vertreiben sie uns unablässig.

„Die versiegelte Welt“ von Ulrich Schödlbauer liegt in einem seltsamen Zwischenreich: Immer wenn ich mich dort lesend hineinbegebe, verwandelt sich zuvor Gelesenes: Situationen und Gestalten changieren. Nichts anderes ist zu erwarten, da ja der Leser jedes Mal ein anderer ist: Begriffe sind anders aufgeladen, neue Zusammenhänge erkannt, auch hat sich seine Erfahrung in einer Realität verändert, deren Wandel durch keine Form von Wahrnehmung, Auswertung, Simulation geistig zu fassen, geschweige zu beherrschen ist. All diese Vorgänge, das gesamte Geschehen ist im Mikrokosmos der Neuronen ebenso irreversibel – also unumkehrbar – wie das Geschehen im Universum.

Vielleicht ist das unter den „Kränkungen“, die der Mensch während seiner Interaktion in der physischen, sozialen, psychischen Sphäre erlebt, die ärgste: dem Lauf der Zeit gegenüber ist er ohnmächtig. Er kommt von der verschütteten Tasse nicht los, einmal abgesehen davon, dass er sich mit dem Schaden befassen muss, wird er noch eine Weile – je nach Temperament – über die fatale Millisekunde stolpern, ihre Ursachen, Vermeidbarkeit, mögliche Mitschuldige…

Unser Leben besteht aus einer astronomischen Anzahl solcher Momente der Entscheidung. Die wenigsten davon fällen wir bewusst. Und selbst die vermeintlich bewusst gefällten beinhalten unbewusste Impulse. An ihrem tiefsten Grund treffen sie sich mit den Überlebens-Algorithmen von Viren, mit der Dynamik von Elementarteilchen und Galaxien. Jeder Versuch, aus naturwissenschaftlicher Sicht daraus auf menschliches Verhalten zu schließen, geht fehl, weil in Jahrmilliarden irreversibler Prozesse eine Komplexität gewachsen ist, die sich nicht „nachrechnen“ lässt.

Mit nichts anderem beschäftigt sich aber der Mensch, wenn er Mathematik, Physik, Chemie, Biologie erforscht, um Muster zu entdecken, nach denen sich Komplexität entwickelt. Er konstruiert Modelle, Apparaturen und Gebrauchsgegenstände, mit denen er sie zu beherrschen sucht. Dabei hat er es erstaunlich weit gebracht, womit ich mich aber nicht weiter aufhalten will, denn ein Ziel – das wichtigste, in der Mythologie, Kunst, Literatur, im Film, in den Labors immer wieder anvisierte – hat er bis heute nicht erreicht: sich selbst zu erschaffen, oder einen Zwilling, ein Gegenüber, welches ihm vollständig durchschaubar, also steuerbar wäre, zugleich die Schwelle der Unsterblichkeit überschritte, wäre nur der genetische Code samt Umgebungsbedingungen zu reproduzieren

Das freilich gelänge nur, wenn er nicht weniger als das ganze Universum neu erschüfe. Alle anderen Versuche brachten bisher nichts als Chimären, mechanische Ungetüme, kurzlebige Missgeburten und Alpträume hervor. Und doch…

Bisweilen begegnet einer Figuren und Verhaltensweisen, Ritualen, Redensarten, Konflikten, Gewalttaten einer längst vergangenen Zeit ganz direkt. Sie laufen ihm über den Weg, sie rücken ihm buchstäblich auf den Leib, sie schüchtern ihn ein oder bringen ihn zum Lachen, und das mit einer körperlich verstörenden Vertrautheit, wie sie aus Büchern, historischen Abhandlungen, niemals zu gewinnen wäre, nicht einmal aus Filmen. Nur ausnahmsweise treten ihm Personen noch einmal gegenüber, bei denen der Ausspruch „hat sich überhaupt nicht verändert“ passen würde. Vielmehr sind es Charaktermasken und Handlungen, bei denen nur die Kostüme gewechselt haben. So als ereignete sich Erlebtes – zumindest Erinnertes oder auch Geträumtes – ein zweites Mal.

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Damals in den 80er Jahren wohnte ich nur eine halbe Stunde Fußweg entfernt vom „SEZ“ im Prenzlauer Berg. Natürlich probierte ich alles aus: Wellenbad, Sauna, Sporthalle und Fitness-Räume, ließ mir in den Restaurants schmecken, was in für DDR-Bürger ungewöhnlicher Qualität angeboten wurde. Durchaus möglich, dass mir seinerzeit Gregor Gysi über den Weg lief – ich hätte ihn nicht erkannt, denn er gehörte zum Nachwuchs der Nomenklatura. Wahrscheinlich verbrachte er seine Freizeit in erlauchteren Kreisen, als FKK-Fan etwa an jenen Seeufern, die von Uniformierten mit Kalaschnikows bewacht wurden.

So eines gab es am Liepnitzsee, unweit von Erich Honeckers Wohnort Wandlitz. In einem wunderschönen Wald aus alten Buchen liegt dieses klare, tiefe Gewässer mit einer Insel in der Mitte und den schönsten Stellen zum Nacktbaden, die sich einer wünschen kann. Wochentags und außerhalb der Ferien war es sehr ruhig; manchmal war ich dort ganz allein. 1986 endeten die Ausflüge. Ich hatte mein Motorrad verkauft und wartete auf „Entlassung aus der Staatsbürgerschaft“, nachdem im Jahr zuvor SED und Stasi alle meine Arbeiten unterdrückt hatten. Ich jobbte als Kellner, hielt mich zweimal die Woche im SEZ fit, als ich an eben jenen „Hotspot“ geriet. Es war wohl so, dass mich eine Kollegin mitschleppte, in die ich – leider ergebnislos – verliebt war, sie war verheiratet, wartete gemeinsam mit ihrem Mann auf die erlösende Meldung von „Inneres“.

Stellen Sie sich vor, auf einer Wiese an einer der meistbefahrenen Straßen mitten in der Millionenstadt etwa zwei Dutzend Nackedeis jeglichen Alters und Geschlechts herumliegen oder -sitzen zu sehen, mit Picknick, Lesen, Kartenspiel oder dem Verteilen von Sonnencreme auf nahtlose Bräune beschäftigt, gern auch in inniger Umarmung. Meine Begleiterin wurde sogleich begrüßt, stellte mich vor – so etwa „auch einer von uns“ – und umstandslos begann ein Erfahrungsaustausch über Lebensläufe, Wartefristen, allfällige Schikanen, Verhaftungen, Ziele. Einmal flossen Tränen: Ein Gesuch war abgelehnt, der schwule Freund aus Westberlin an der Einreise gehindert, fortgesetztes Bestehen auf Ausreise mit Strafe bedroht worden. Zwischendurch, etwa im Abstand von ein bis zwei Stunden, erschien ein Volkspolizist. Die grüne Uniform war von Weitem zu sehen, einige zogen Badehosen oder Bikini über, manche aber verharrten, bis der „Genosse Wachtmeister“ sie ansprach.

„Ich fordere Sie hiermit auf, bedecken Sie sich!“ Das klang nicht einmal unfreundlich.

Grinsend taten die Nackten wie ihnen geheißen. Sobald „das Schnittlauch – außen grün innen hohl“ weg war, waren es auch die Textilien.

Das Spiel wiederholte sich – in leicht wechselnder Besetzung – an jedem sonnigen Tag. Einige gingen zwischendurch zum Sport, Schwimmen und Saunieren, die meiste Zeit verbrachten sie unter Ihresgleichen, eine schräge Gemeinde, keine Sekte, zusammengehalten nur von einem Ziel: Sie kamen dorthin, weil sie weg wollten, sie machten sich zum Ärgernis, auf dass der Staat das Naheliegende tue – Sie ziehen lassen. Es hieß, die Badegäste des SEZ haben sich immer wieder einmal beschwert, aber das halte ich für ein Gerücht. Das Personal dieses Honecker’schen „Sondervorhabens“ bestand zu einem großen – wenn nicht zum überwiegenden – Teil aus Leuten, die für Erich Mielkes Liebesministerium arbeiteten. Das Vorzeigeobjekt für die Wonnen sozialistischen Lebens wäre übel befleckt worden, hätte es in seiner Umgebung gewaltsame Übergriffe gegeben. Die Gäste hinter den riesigen Glasfenstern kamen schließlich nicht nur aus dem Osten – sie brachten Devisen mit und konnten „drüben“ erzählen, wie entspannt es in der Hauptstadt der DDR zuging.

Ich war nicht oft dort. Einmal traf ich eine meiner Studentinnen, sie freute sich und erzählte, dass sie einen Dozenten aus Spanien kennengelernt habe, der sie demnächst ehelichen wolle.

„Herzlichen Glückwunsch“, sagte ich, „aber was willst du hier? Rausheiraten lassen ist die eleganteste Lösung. Kein Risiko. In dieser bunten Gesellschaft nimmt dich womöglich die Stasi auf den Kieker.“ Sie schüttelte den Kopf.

„Ist dir noch nicht aufgefallen, dass hier niemand verhaftet, nicht mal ein Strafzettel verteilt wird? Das Völkchen hier an der langen Leine zu lassen, ist viel klüger, als sie zu kujonieren. Das Wichtigste ist, dass keiner ein Muster erkennen kann, nach dem jemand früher oder später freikommt. Sie und nur sie entscheiden, und über die Gründe für eine Entscheidung muss Ungewissheit herrschen. Ich komme her, um Spanisch zu lernen – und da habe ich Gesellschaft.“

Sprach’s, zog ein Wörterbuch und einen Kassettenrekorder westlichen Fabrikats aus der Tasche und fläzte sich in den mitgebrachten Campingstuhl.

Die Ungewissheit hätte mich vielleicht schlimmer zermürbt, wären da nicht Fitnessräume, Sauna, Wellenbad, Solarinseln (keine UV-Särge! Scheinwerfer über Liegeflächen!) gewesen, schlingerndes Seelenleben zu stabilisieren und Lüste sprungbereit zu halten – meine und die meiner damaligen Freundin. Nein, sie ist mir nicht in den Westen gefolgt, sie hat in der Hauptstadt geheiratet und ihre Tochter aufgezogen. Mit dem SEZ, das wir gemeinsam besucht hatten, war’s schon 1991 vorbei. Eigentümer wurde der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, von Grünen, Linken, Sozialdemokraten verwaltet und außerstande, Sanierung, Instandhaltung, laufenden Betrieb wirtschaftlich zu gestalten. Mit dem Investor, dem man das zunehmend herunterkommende Objekt 2003 für einen Euro verkaufte, ist man seither im juristischen Clinch. Nicht etwa wegen inzwischen aberwitziger Energiepreise für Bäder und Eishalle. Es geht nur noch darum, wer die millionenschwere Immobilie nach dem Abriss des SEZ als Baugrund verwerten darf. Ist schon eine Ironie, dass Sozialisten 40 Jahre nach der Eröffnung wegbaggern lassen, wofür sie sich damals feiern ließen.

Friedrichsbad und Stiftskirche Baden-Baden 2021
Das geschlossene Friedrichsbad und die Stiftskirche Baden-Baden im März 2021

„Unten ohne“ ist für mich bis heute ein Vergnügen – sei’s mit Freunden am Kiessee neben dem Rhein, sei’s in dem wunderbaren Friedrichsbad, 1877 über den Ruinen eines mehr als 2000 Jahre alten Römischen Bades erbaut. In dem Neorenaissance-Bau sprudelt 60° heißes Thermalwasser in historische Räume mit Majolika-Fliesen, fast alles ist im Originalzustand und denkmalgeschützt. Zwar ziehen auch hier gelegentlich lärmende Banausen durch, ignorieren Schilder mit Hinweisen auf den Zusammenhang von Ruhe und Entspannung, aber es ist eine Augenweide. Ob ich noch erleben werde, dass es hier auf Ruhebetten zu „einvernehmlichem Geschlechtsverkehr“ kommt wie die „Wikipedia“ von den Solarinseln des SEZ zu berichten weiß?

Und wird das Friedrichsbad seinen 150sten Geburtstag als Oase des genussvollen Lebens oder nur noch als Denkmal feiern können? Es herrscht wieder – wie damals, als ich „unten ohne auf dem Sprung“ in die Freiheit das beste aus den lähmenden Zeiten der Politbürokratie Ost zu machen suchte: Ungewissheit. Unsere Thermalquellen sind versperrt. Solange „oben ohne“ verboten ist, bleiben sie es. Nein, nackte Demonstranten gegen das Manövrieren mit Angst und Ungewissheit wird es wohl nicht geben im schönen Baden-Baden, wo Tourismus, Gastronomie, Einzelhandel und die Zulieferer von „Lockdowns“ gerade durch „gesellschaftliche Zwänge“ zerrieben werden. Ob allerdings demnächst die Verantwortlichen nicht „unten ohne“ – dastehen, ob die Basis, von der sie leben, ihnen nicht das Vertrauen aufkündigt, darauf würde ich nicht wetten. Es heißt auf dem Sprung bleiben.

(Der Artikel ergänzt den auf „Globkult“ erschienenen)

Unten ohne auf dem Sprung

Gregor Gysi Präsident der Europäischen Linken

Ja, die „gesellschaftlichen Zwänge“, möchte einer ausrufen und dem Genossen Gysi in diesem Falle verständnisvoll zunicken. Wer sich Tag für Tag als Kader im Anzug mit Schlips bewegen, die Rituale des Apparates befolgen, Konferenzstühle drücken oder gar in Uniform und militärisch strammer Haltung Wutausbrüche seines Vorgesetzten ertragen muss, kann sich innerlich aufrichten, sobald er sich den Hauptabteilungsleiter, Oberst, gar Genossen Minister nackt vorstellt.

Einem von ihnen unbekleidet gegenüberzustehen war in der DDR durchaus möglich, denn nirgendwo sonst auf der Welt war „Freikörperkultur“ – FKK – landesweit so verbreitet, massenhaft beliebt und selbst außerhalb von Saunen, Kleingärten, Stränden anzutreffen, wie im „sozialistischen Staat deutscher Nation“. So beschrieb Artikel 1 der Verfassung 1968 – noch zu Zeiten von Walter Ulbricht – das Herrschaftsgebiet der SED. Nach seinem Sturz durch Honecker verschwand die deutsche Nation endgültig aus dem Sprachgebrauch: 1974 aus der Verfassung, danach so weitgehend, dass der Volksmund spekulierte, ab wann auch der deutsche Schäferhund zum „Schäferhund der DDR“ erhoben würde. Artikel 1 enthielt stattdessen den „Staat der Arbeiter und Bauern“, aber natürlich blieb „die politische Organisation der Werktätigen in Stadt und Land unter Führung der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei“ so unangetastet wie Berlin als Hauptstadt und die gesellschaftlichen Zwänge. Sie hießen nicht so, aber etliche Kilometer Stasiakten bezeugen sie. Ich auch.

In der DDR liefen Deutsche Schäferhunde als Grenzwächter im Todesstreifen am Seil. Im Grenzmuseum Mödlareuth ist das zu besichtigen. Natürlich ohne Hunde – wegen des Tierschutzes

Aus ihnen auszubrechen verhinderte ein weltweit bekanntes Bauwerk in Berlin, dazu mit Minen, Stacheldraht, Wachttürmen, Hunden (meist Schäferhunden) und Patrouillen gesicherte 1400 km lange Grenzanlagen und eine wohlorganisierte Gesinnungskontrolle in fast allen Lebensbereichen, einschließlich Urlaub im gewerkschaftseigenen Ferienheim, auf dem Zeltplatz oder im sozialistischen Ausland. Betriebe und andere Einrichtungen schmückten sich mit einem Schild „Bereich der vorbildlichen Ordnung, Sicherheit, Sauberkeit und Disziplin“. Ich erinnere mich, so ein Schild an einem Kinderferienlager gesehen zu haben, aber ich bin nicht sicher, vielleicht war’s auch eine Herberge.

„Sicherheit“ galt alles in der DDR. Seltsamerweise gehören zu den Stützpfeilern einer jeglichen Konstruktion des Musters „Es war nicht alles schlecht!“ neben Medaillenrängen im Sport, sicheren Arbeits- und Kitaplätzen, kostenlosen Brillen und Zahnersatz auch die Nacktbadestrände. Nicht nur Arbeiter und Bauern, alle Schichten der Werktätigen in Stadt und Land gaben sich genussvoll Sonne, Wind und Wasser hin: splitterfasernackt, befreit von Bekleidungsvorschriften, Rangordnung, ökonomischen und informellen Insignien der Macht. Zugleich fielen „Spanner“ – vor allem die mit Badehose – nicht selten lautstarker Verachtung anheim. Sie sollten sich schämen, Hose runter, Ordnung muss sein!

Neben den ordentlich ausgeschilderten Oasen zwischen Ostseedünen, gab es auch die wilden an Kiesseen, wo das Baden verboten war, in entlegenen Ecken von Freibädern, Parks und Sportplätzen. Viele von ihnen wurden in den 80er Jahren – auf dem Höhepunkt der Bewegung – legalisiert. Dieser Höhepunkt korrelierte zeitlich mit dem Höhepunkt der Ausreisebewegung: Hunderttausende DDR-Bürger wollten heraus aus Mangelwirtschaft und Bevormundung. Der KSZE-Prozess und internationale Verträge hatten zwar der DDR die staatliche Anerkennung gebracht, ihr aber auch politische Kompromisse abgezwungen, obendrein die ökonomische Krise, vor allem Devisenknappheit und hohe Schulden verschärft.

Mitte der 70er Jahre waren mutige Ausreiseantragsteller von der Stasi noch mit schweren Schikanen drangsaliert worden, Entlassung, Verhaftung, Misshandlungen inklusive. Wer es wagte, sich als solcher etwa mit einem weißen Bändchen an der Autoantenne zu bekennen oder zu solidarisieren, kassierte ebenso schwere Strafen. Aus Gruppen – etwa einer Stammtischrunde – wurde ein „operativer Vorgang“, sobald Mielkes Truppe Oppositionelle witterte. Dann saß alsbald mindestens ein Spitzel in der Runde. Trotzdem ermutigte jede erfolgreiche Übersiedlung in den Westen immer mehr neue Gesuche.

Wen die Stasi einem "operativen Vorgang" zuordnete, den durften ihre Leute "zersetzen"
Wen die Stasi einem „operativen Vorgang“ zuordnete, den durften ihre Leute „zersetzen“

Ab 1985 nahm kaum noch jemand ein Blatt vor den Mund, wenn er über Bittgänge zu „Inneres“ – also zu der bei kommunalen Behörden für seinen Antrag zuständigen Abteilung – redete. Dort saßen ihm Stasis gegenüber, ebenso am Stammtisch, womöglich mittags in der Kantine. Wenn er sehr unbesorgt lebte, landete schon mal eine Freundin bei ihm im Bett, deren Unterschrift unter die Verpflichtungserklärung als IM noch nicht ganz trocken war. Aber damit musste einer immer rechnen; war er am Ende mit allen Träumen, mochte er auch in der zartesten Umarmung nicht säumen.

Besonders bizarr fand ich einen „Hotspot“, Treffpunkt Ausreisewilliger auf einer Rasenfläche an der Dimitroffstraße (heute Danziger Straße), direkt an der Rückseite des berühmten „SEZ“, eines der absoluten Glanzstücke von Erich Honeckers „Sondervorhaben der Hauptstadt Berlin“. Das „Sport und Erholungszentrum“ war von einem schwedischen Architektenteam entworfen, mit enormem Aufwand an der Kreuzung mit der Leninallee (heute Landsberger Allee) gebaut, 1981 eröffnet worden und seinerzeit das weltweit größte seiner Art. Es lohnt sich, einen Bericht des DDR-Fernsehens anzusehen, der vom Deutschen Rundfunkarchiv bei YouTube eingestellt wurde.

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Notstand in Thüringen – bald wieder?

YouTube zeigt mir eine lustige Reportage aus dem Jahr 1984. Ein Journalist des BR bereiste damals den Thüringer Wald, redete mit Glasbläsern, Bauern, Waffenherstellern. Natürlich war die Reise DDR-behördlich genehmigt und stasiüberwacht. Der gute Mann hatte aber gar nicht die Absicht, über die Stränge zu schlagen, wie’s manch anderer Reporter gewagt und seine Akkreditierung alsbald verloren hatte.

Suhl – Hauptstadt der „autonomen Gebirgsrepublik“ – ein halbes Jahr vorm Mauerfall

Im Film bauen die Leute vom Wald Häusle, Touristen sollen kommen, Thüringer Klöße werden gekocht, alles viel besser als früher: Da litten Glasbläser Not und wanderten aus in den Schwarzwald. Jetzt bezahlt sie der Volkseigene Betrieb sogar als Heimarbeiter. Die großen LPG-Felder anstelle schmaler, schwer zu bearbeitender „Handtücher“ findet der Mann aus Bayern auch gut, die Enteignungen und Fluchten der 50er Jahre kommen nicht vor. Stattdessen hätte er gern den Sozialismus in der DDR noch sozialistischer und feministischer gehabt. „Weit ist der Weg zum Gleichheits-Ideal“ (12:28). Das hat den Apparatschiks bestimmt gefallen.

Schön war’s in dem einstmaligen Notstandsgebiet, drum singt der Männerchor unter den Porträts von Honecker und Stoph „Ach, wie ist’s möglich dann, dass ich dich lassen kann…“ während eben zu jener Zeit die Zahl der Ausreiseanträge von der Stasi mit allen Mitteln gedrückt werden musste. Schwerer Sarkasmus beim Reporter? Keine Spur. Er schwafelt vom „dialektischen Fortschritt auf dem Verordnungswege“ und dass (in die alte Zeit?) niemand mehr „zurückwolle“. Aber wohin wollen die Leute? 5 Jahre später weiß es jeder: Richtung Schwarzwald.

„Die Burg“ – ehemalige Stasi-Bezirkszentrale, 1990 von Bürgerrechtlern besetzt

Wenn der offiziell akkreditierte und bestens versorgte Herr vom BR es hätte wissen wollen, hätte er es erfahren können. Aber er war brav. Und die brave Melodei vom sozialistisch aus dem Elendsgebiet erwachten Thüringen machte er fast nur an Fragen nach dem Geld fest. Fast könnte man meinen, in Bayern lebte sich’s schlechter. Vermutlich ist er inzwischen nach Empfang einer stattlichen Pension in die ewigen Investigativgründe ausgereist. Seine Nachfolger – jede Menge journalistisches Prekariat – hoffen derweil wieder auf die sicheren Einkommen im Sozialismus mit seinem Gleichheits-Ideal.

„Es wird in die Hände gespuckt“, heißt es am Ende des Films. Dass das nur mit Schattenwirtschaft, Schwarzarbeit und jeder Menge Zweitwährung – aka D-Mark – lief, mit Milliardenkrediten seines Landesvaters Franz Joseph, weiß der gute Mann von der öffentlich-rechtlichen Anstalt also auch nicht. Jeder wusste es. Aber womöglich erfüllt sich sein Traum vom „dialektischen Fortschritt auf dem Verordnungswege“ ja bald auch in Bayern. Der BR wird bestimmt nix dagegen haben. Solange der Zwangsbeitrag ihn finanziert.

Die Weisheit des Heimatkundigen

Vor Hans-Jürgen Salier empfinde ich tiefen Respekt. Nicht nur weil er 1990 – noch vor der Währungsunion und dem Ende der DDR – in Hildburghausen seinen Verlag “Frankenschwelle” gründete. Seit wir uns – einige Jahre später – erstmals begegneten, erschien mir seine Arbeit als Historiker wie Unternehmer in Südthüringen unschätzbar. Dort hatte der SED-Staat wirtschaftliche und kulturelle Stärken der ganzen Region durch Enteignen, rigides politisches Bevormunden und ein brutales Grenzregime bis auf wenige kleine Widerstandsnester abgewürgt. Zu denjenigen, die eigensinnig Auswege suchten – unter gelegentlich unvermeidlichen Rumpfbeugen, unter dauernder Beobachtung der Stasi, von der SED mit viereckigen Rädern fürs Wagenrennen um berufliche Ziele ausgestattet – gehörte der Deutschlehrer Hans-Jürgen Salier. Das achte ich umso höher, als ich, von meinem Deutschlehrer Siegfried Landgraf zu widerständigem Denken ermutigt, meiner nahe gelegenen Heimatstadt Suhl gleich nach dem Abi 1969 entfloh, der DDR kurz vorm Mauerfall entkam; Hans-Jürgen Salier blieb.

Den Bezirk Suhl im Südwesten kujonierten besonders engstirnige SED-Funktionäre. Auch in der „autonomen Gebirgsrepublik“ wurden Straßen und Schulen nach sozialistischen Säulenheiligen umbenannt, Denkmäler gestürzt, Geschichte geklittert, gewachsene Traditionen unterdrückt oder bis zum Vergessen ignoriert. Dadurch entlarven sich heute wieder die Nachfahren der SED alias „Die Linke“ ebenso wie in ihrem Bemühen, die Sprache mit doktrinären Phrasen zu verunstalten und den DDR-Sozialismus weichzuzeichnen. Ende der 80er Jahre gehörte Hans-Jürgen Salier zu den Mutigen, die dem wirtschaftlich, ökologisch, moralisch hinfälligen „Arbeiter-und-Bauern-Staat“ in einer friedlichen Revolution die Macht entwanden. Seine Notizen aus jener Zeit beweisen, wie waghalsig und doch besonnen sich Bürger ihre Freiheit und Selbstbestimmung zurückholten, ohne Rache zu üben. Sie ersparen dem Leser auch nicht die bittere Einsicht, dass die Apparatschiks der DDR samt Hilfstruppen in den Medien im vereinigten Deutschland seit 30 Jahren Karriere machen und reichlich ideologisch verblendeten Nachwuchs heranziehen konnten.

So überrascht wie ermutigt wird jeder Leser aus Saliers „biographischen Notizen“ erfahren, wie der Historiker sich in einer von den Überwachern unterschätzten und mangels Sachkenntnis nie durchschauten Nische schon in den DDR-Jahren internationales Renommee verschaffte: Als Philatelist. Beim Lesen wird auch klar, dass es dazu enormer Geduld und Hartnäckigkeit bedurfte. Unter den Augen hauptamtlicher und inoffizieller oder „gesellschaftlicher“ (IM, GSM) Stasimitarbeiter pflegte der Sammler Netzwerke überallhin. Philatelistenverband und Kulturbund spielten mit, denn Saliers Arbeiten ernteten Medaillen auch im „Nichtsozialistischen Währungsgebiet“. Das brachte Devisen. Nur der lukrative Handel mit Marken und Münzen aus der Nazizeit blieb der zuständigen staatlichen Stelle vorbehalten: der „Kommerziellen Koordinierung“ des Stasi-Majors und letzten Hoffnungsträgers von Erich & Erich: Alexander Schalck-Golodkowski. Salier erlebte das DDR-Schlusskapitel als Lektor im Berliner „transpress“-Verlag, auch dessen Niedergang im „Rette sich wer kann!“-Taumel der „Wendezeit„. Sowenig er den von der SED selbst erfundenen „Wende“-Begriff akzeptierte, so konsequent suchte er den eigenen Weg Richtung Marktwirtschaft und Demokratie.

Carl Joseph Meyer (1796-1856), berühmt als „Lexikon-Meyer“, verlegte sein „Biblio-graphisches Institut“ nach Hildburghausen.

Es ist nicht übertrieben, Hans-Jürgen Salier in den Fußstapfen eines anderen berühmten Unternehmers in Hildburghausen wandeln zu sehen. Nicht nur, weil beide daselbst als Verleger arbeiteten, sondern weil sie sich mit Leidenschaft unter hohem finanziellen und politischen Risiko für die Volksaufklärung engagierten. „Im Land der Anderen“ versteht darunter – ebenso wie Saliers frühere Bücher – keineswegs jene sich ans Publikum anbiedernde „trinkbare Information“, die ein SWR-Fernsehdirektor im Quoten-Zeitalter seinen Autoren fürs „Storytelling“ verordnete. Im Gegenteil: Genaue Datierung, Fußnoten, Bezüge zu Personen sind mit der Sorgfalt des Sammlers und Historikers vermerkt – anspruchsvolle Texte; und sie werden ebenso wie die dreibändigen „Grenzerfahrungen“ aus dem Bezirk Suhl an der Grenze zu Bayern und Hessen, die bis 2005 bei der „Frankenschwelle“ erschienen, als wichtige Dokumente der Zeitgeschichte dienen können. Für DDR-Unkundige erläutert ein Glossar am Ende des Buches Begriffe und deren Missbrauch im „Kaderwelsch“* der SED. Wer darüber Ausführlicheres erfahren möchte, findet es im gerade erschienenen E-Book des Leipziger Verlags.

2009 waren Hans-Jürgen Salier und ich gemeinsam in Hildburghausen unterwegs, für den SWR-Hörfunk entstand das Feature „Wikipedias Urgroßvater: Der Lexikon-Meyer“. Mich erstaunten Saliers Sachkenntnis wie seine Heimatverbundenheit. Sie spricht aus dem Programm seines Sohnes Bastian, der 2006 in Leipzig den Salier Verlag als Nachfolger der „Frankenschwelle“ gegründet hat. Auch Joseph Meyers Sohn Herrmann Julius führte in Leipzig das Werk seines Vaters fort. Den Saliers und ihren Büchern wünschte ich einen mindestens ebenso großen Erfolg: Damit nicht wieder selbst verschuldete Unmündigkeit National- oder „Real“-Sozialisten zur Macht verhilft und Thüringen, Deutschland und Europa verdunkelt.

*) Zum Begriff gibt es ein Gedicht von Bertolt Brecht in den „Buckower Elegien“ [Nr. 11] DIE NEUE MUNDART. Es lohnt immer, sie zu lesen.

Hans-Jürgen Salier

Im Land der Anderen – Begegnungen mit dem Sozialismus in der DDR.

Salier Verlag
Mai 2020 – 283 Seiten, 14,90 €

Wirtschaft im Sozialismus – Reformen, Kollaps, Machtanspruch

cover-jhk-2020Aus dem Abstand von mehr als 30 Jahren erscheint unbegreiflich, dass viele Wirtschaftsexperten, Politiker, Journalisten und Historiker sich nach dem Zusammenbruch des osteuropäischen Sozialismus der Illusion hingaben, damit seien Marktwirtschaft, Kapitalismus, Freiheit und Demokratie auf dem Weg zum globalen Erfolg nicht mehr aufzuhalten. Wurde der Aufstieg Chinas, seine Stellung in Südostasien, Ambitionen im pazifischen Raum und in Afrika unterschätzt, weil oder obwohl die Einparteien-Diktatur der KPCh während und nach dem Massaker des 4. Juni 1989 auf dem Tian’anmen ihren Machtanspruch demonstrierte?

Vielleicht konnten sich die meisten nicht vorstellen, dass „sozialistische Marktwirtschaft“ in globalen Beziehungen mit fast allen Staaten funktioniert, wenn eine Ein-Parteien-Diktatur auf starre Pläne für Unternehmen, Binnen- und Finanzwirtschaft verzichtet, die Privatwirtschaft fördert, das Land weitgehend dezentral verwaltet und dem Gros des Volkes ein Leben im Wohlstand erlaubt. Die chinesische Führung zeigt sich zugleich sehr genau über weltweit agierende Kräfte und ihre Strategien informiert, bietet sich als innovationsstarker und verlässlicher Partner an, unterdrückt aber jegliche politische Einflussnahme ebenso rigide wie Opposition im eigenen Lande. Das „Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung“ macht einiges verständlich: Im „real exisiterenden Sozialismus“ des von der UdSSR dominierten RGW waren alle Versuche wirtschaftlicher Reformen an der Angst der ideologietreuen Nomenklatura vorm politischen Kontrollverlust gescheitert – und Gorbatschows „Perestroika“ führte ihn schließlich herbei.

Die Autoren des Jahrbuchs beleuchten nun interessante Querverbindungen und Unterschiede zwischen frühen – fast vergessenen – Reformversuchen in Osteuropa und dem chinesischen Pfad zur ökonomischen Weltmacht. Der Leser erfährt, wie sorgfältig chinesische Experten die Entwicklungen in Titos Jugoslawien, in Polen, Ungarn und der ČSSR analysierten und mit Experten von dort kooperierten, ohne zu kopieren. Denn was dort in den 60er Jahren einige Geburtsfehler sozialistischen Wirtschaftens ausgleichen sollte, erwies sich als wenig erfolgreich – oder wurde aus politischen Gründen abgewürgt wie der Prager Frühling 1968. So war es auch Bemühungen von Deng Xiaoping und Liu Shaoqi Anfang der 60er Jahre ergangen, als sie nach Maos größenwahnsinnigem „Großen Sprung“, der -zig Millionen Hungertote forderte, insbesondere die Landwirtschaft reformieren wollten. Der „Große Vorsitzende“, um seine Macht besorgt, entfesselte die Kulturrevolution, das Land versank im Chaos.

Gleichwohl gab es schon in den 70er Jahren Wirtschaftsbeziehungen in den Westen – noch bevor Henry Kissinger mit seiner „Pendeldiplomatie“ und Zhou Enlai die Beziehungen der USA zu China neu ausrichteten. Die KPCh bestand immer auf Selbständigkeit vor allem gegenüber der Führung in Moskau. Die Beiträge des „Jahrbuches“ über die „Scharnierjahre 1974/1975“, und Chinas Engagement in Tansania zeigen beispielhaft, dass sowohl Mao als auch Deng in ihre Wirtschaftspolitik westliche Firmen einbezogen. Das Bemühen, weltweit als Führungs-macht der „unabhängigen Staaten“ wahrgenommen zu werden, hinderte die Chinesen auch nicht, in Afrika auf Jahre der Solidarität knallhartes Geschäft folgen zu lassen.

Alle wissenschaftlichen Beiträge habe ich mit großem Interesse gelesen; sie sind nicht nur für Fachleute aufschlussreich. Dass die politischen Unterschiede zu Osteuropa nur am Rande erörtert werden, ist kein Mangel. Wer das Geschehen in unseren östlichen Nachbarländern oder auch auf Kuba verfolgt, versteht, weshalb in Polen, Ungarn oder den Baltischen Staaten Globalistische oder sozialistische Parteien weniger erfolgreich sind als hierzulande: Freiheit und Nationalstolz gingen für viele dort mit dem Ende des Ostblock-Internationalismus einher. Für viele Chinesen dagegen gehören die KPCh und der Aufstieg ihres Landes zur Weltmacht zusammen. Liu Xiaobo, der von Xi Jinping zum Sterben aus dem Kerker entlassene Friedensnobelpreisträger, hat den chinesischen Nationalismus und dessen Gefahren in seinem Buch „Ich habe keine Feinde, ich kenne keinen Hass“ charakterisiert. Xi Jinping muss heute nicht einmal „China first!“ verkünden, um auf einen großen Konsens der Bevölkerung rechnen zu können. Nur wenige wagen, um einige Fußbreit politischer Freiheit zu kämpfen. Umso notwendiger bleibt Kommunismusforschung.

Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2020 – Machterhalt durch Wirtschaftsreformen. Chinas Einfluss auf die sozialistische Welt. Metropol Verlag Berlin, 256 Seiten, 29,00 €

50 Jahre (und drei Romane) danach

Die Hügel gegenüber im Abendlicht

Mein Himmel: Blick – nicht vom Turm, nur vom Balkon

Gestern Abend wurde es laut in den Hügeln gegenüber. Obwohl ein Kilometer Luftlinie mich von der Gartenparty trennte, konnte ich Gesang und Gelächter hören, Ausrufe jugendlicher Stimmen, männlicher und weiblicher, die große Lust an unflätigen Worten bezeugten und an der Freiheit, nach Herzenslust zu pöbeln. Aus Spaß natürlich. Sehr wahrscheinlich war es eine Abifeier, eine private, sie dauerte bis nach Mitternacht, vielleicht wurde es dann den Nachbarn zu viel.

Genau so war es bei uns vor 50 Jahren. Wir feierten orgiastisch den Abschied von der Schule. Nur raus – egal wohin, da vorne wartete etwas Neues, Unbekanntes, jedenfalls kein von Lehrern dominiertes Klassenzimmer. Nach zwölf Jahren Notendruck, Berieselung mit öden Pflichtfächern, eingeschränkten Wünschen, quälenden Praktika ließen wir es krachen – und wussten kaum, wie viel von unserem gewachsenen Selbstbewusstsein wir unseren Lehrern zu verdanken hatten. Einige jüngere boten uns das Du an – uns zur Freude.

Dieser Gedenkstein  wurde Stasi-aktenkundig

Vier – keineswegs verlorene – Jahre

Auf dem Schulhof setzten wir uns einen Gedenkstein mit der Inschrift “B I B II BR” für die drei Züge des Jahrgangs mit naturwissenschaftlicher Ausrichtung, die “R” bekam seit der dritten Klasse erweiterten Russischunterricht. Damit uns die Lehrer nicht vergäßen, verfassten wir eine Abizeitung voller deftiger Satiren und Anekdoten aus dem Schulalltag. Ein Mitschüler schaffte es, das Blättchen mit dem Titel „Der Mülldeckel“ sogar – halb illegal – zu vervielfältigen. “Ormig” (DDR-Begriff für Matrizendrucker) hieß die längst vergessene Technik: Papier wurde dabei mit blassblauen Texten und Karikaturen bedruckt, es duftete nach dem Lösungsmittel Spiritus. Die Sensation: Drei Schnappschüsse aus dem “Staatsbügerkunde”-Unterricht des Direktors persönlich prangten als Serie auf zwei Seiten. Untertitel: “Er kam – sah – und schlief”.

Das war vermutlich, was man heute ein Fake nennen würde: auf dem dritten Foto, das erst beim Umblättern sichtbar wurde, hätte der Mann auch ins Zuhören versunken sein können. Sicher bin ich bis heute nicht; sowohl der Knipser als auch der Direktor haben das irdische Dasein hinter sich gelassen, ohne uns aufzuklären. Der Porträtierte drohte mir bei einer späteren Begegnung mit Rechtsfolgen. Dass er es beim Drohen beließ, lag aber nicht an seiner Furcht, sich vor Gericht womöglich zu blamieren.* Stattdessen brachten Zeitung und Gedenkstein die Schulleitung in eine üble Lage.

Der Stein stammte von jenem Turm, den mein Ur-Urgroßvater 1850 auf dem Hofleite-Hügel 50 m vorm Gipfel hatte erbauen lassen. Das ist zwar eine andere Geschichte, aber wer mag, kann einiges dazu im „Blick vom Turm“ erfahren. Wichtiger ist ein anderes Gebäude ganz oben: 1969 wehrte dort die Bezirksbehörde der Staatssicherheit Bedrohungen des Sozialismus durch jede Art feindlicher Subversion ab. Ihre wachsamen Helfer saßen in Klassen- und Lehrerzimmern ebenso wie an Fließbändern und in den Werkstätten der Betriebe, in denen wir Abiturienten zusätzlich einen Facharbeiterbrief erwerben – und den Kontakt zur Arbeiterklasse schätzen lernen sollten. Deren „führende Rolle, mit der SED und deren Erstem Sekretär, dem Genossen Walter Ulbricht an der Spitze“ war ein Mantra der Staatsbürgerkunde, es gab große Pläne für den Sieg des Sozialismus, und es brauchte immer mehr Bewacher, sie gegen defätistische Witze und Hetze aus westlich-reaktionären Quellen zu schützen.

*) Heute hätte er dank DSGVO beste Aussichten, den Schulbuben noch im Nachhinein juristisch eins überzubraten. Wegen der DSGVO erscheinen im Artikel übrigens auch keine Fotos meiner Mitschüler etc.

(Wird fortgesetzt) 

Geschichte trifft Gegenwart: Ein Buch für Demokraten

Schroeder, Der Kampf ist noch nicht zu Ende.inddMassenmörder, Auftragskiller, Folterer, Schreibtischtäter: Sie sind Lieblingsfiguren der Geschichtsschreibung, in Filmen und Literatur – sei es als Monster, unheimliche Doppelexistenz oder gottgleich verehrtes Leitidol. Und wenn eine Lichtgestalt auftritt, bedarf sie solcher Gegenspieler zum Sieg, zur Machtübernahme – das heißt dann „Happy End“.

Die Realität kennt weder makellose Lichtgestalten noch Happy End. Das Ende der Gewalt ist der Beginn einer nächsten – Gewalt ist eine Konstituante menschlichen Handelns. Der Unterschied zwischen Leitidol und Schreibtischtäter, Lichtgestalt und Massenmörder liegt nur in der Wahrnehmung des Geschehens durch verschiedene Betrachter und in der Deutung, die aus ihr folgt. Gleichwohl ist es möglich, aus Deutungsmustern einer politischen Richtung auf deren Rechtsverständnis und Demokratietauglichkeit zu schließen: Wie beschreibt sie Konflikte, Motive und Ziele der Beteiligten? Gesteht sie eigenes Fehlverhalten ein? Korrigiert sie sich? Übt sie gar tätige Reue? Hält sie Spielräume fürs Verhandeln mit Gegnern offen? Oder versucht sie jedenfalls die Deutungshoheit zu gewinnen, indem sie Feindbilder schafft und verschärft; spricht sie Konkurrenten – egal ob Individuen oder Gruppen – die Menschlichkeit ab und sich selbst das Recht zu, Gewalt anzuwenden, womöglich schrankenlos?

Die langjährigen Forschungen von Monika Deutz-Schröder und Klaus Schröder fußen auf solchen Fragestellungen, und ihr Blick auf die Geschichte linker Gewalt ist nüchtern und sachkundig. Das Buch, in dem sie wissenschaftliche Ergebnisse zusammenfassen, geht tiefer und ist trotzdem spannender als jede filmische Doku. Es enthält sich weitgehend der Deutung, es beschreibt seinen Gegenstand akribisch und lässt dem Leser Raum zur Prüfung zahlloser Quellen und eigener Erfahrungen. Deshalb eignete es sich trefflich als Lehrbuch für den Geschichtsunterricht – und ist zugleich spannende Lektüre für einschlägig Interessierte. Ob es sich in der zunehmend polarisierten und pausenlos mit Strömen „geframter“ – also auf eine erwünschte Wahrnehmung hin gefärbter, häufig manipulativer – Informationen zu politischen, wirtschaftlichen, kulturellen Themen wird behaupten können?

Einer, der das DDR-Regime von Geburt an erlebt hat, der in Schulen, Hochschulen und Alltag indoktriniert und desinformiert wurde, der zugleich lernte, sich dagegen zu wehren, gleichwohl sozialistische Gedanken nicht ablehnte, sondern lange für reformierte staatliche Verhältnisse eintrat, einer, den seit dem 14. Lebensjahr eine im Hintergrund mitwandernde Stasi-Akte verfolgte – so einer nimmt fast jede politische Publikation von im Westen sozialisierten Wissenschaftlern nicht ohne Skepsis zur Hand. In diesem Fall wusste ich seit langem um die fachlichen Qualitäten der Autoren, umso mehr schätze ich dieses historisch grundierte, kluge und verständige Buch über die unterschätzte Gefahr des Linksextremismus für die Gegenwart.

Für die Verbindungen zwischen linken Gruppen verschiedenster Ausprägung, RAF und Stasi etwa gibt es verlässliche Beweise, und dass sich seit den 60er Jahren internationale Netzwerke von Extremisten bildeten, war erst kürzlich wieder in einem Fernsehbericht zu verfolgen. Gern unterstützen Despoten jeglicher Sorte linksextreme (auch als NGO getarnte) Organisationen, um demokratische Staaten zu destabilisieren – das wäre beunruhigend genug. Schlimmer, wenn sich hierzulande herrschende oder als Opposition etablierte Parteien samt medialer Anhängerschaft solcher Gruppierungen bedienen, um unerwünschte Konkurrenz oder auch nur einzelne kritische Stimmen einzuschüchtern, womöglich zu ersticken.

Bürgerliche Parteien der Weimarer Republik ließen Hitlers NSDAP gewähren, gaben sogar medialen Begleitschutz für den Kampf gegen die Linke. Das war politischer Selbstmord. Die Ermächtigung der Nazis bedeutete auch ihr Ende. Ähnlich erging es nach 1945 jenen Teilen der SPD, der Liberalen und Nationaldemokraten, die sich unter dem Schlagwort “Antifaschismus” aufs Bündnis mit Ulbrichts Kommunisten einließen. Sie waren fortan wenig mehr als Handlanger.

Dieses Buch beweist, dass heutige Schläger, Brandstifter und Maulhelden von “Antifa” & Co. eben keine Helden sind. Wer Linksextreme ideologisch pampert, wer ihre Straftaten verklärt oder verharmlost, zeigt mindestens historische Unkenntnis, jedenfalls aber sein unreflektiertes Verhältnis zu totalitärer Macht. Wähler sollten das wissen. “Der Kampf ist nicht zu Ende” macht sie mit guten Argumenten vertraut: Damit sie künftig ihre Stimme nicht ein für alle Male abgeben.

Klaus Schroeder/Monika Deutz-Schroeder

Der Kampf ist nicht zu Ende

Geschichte und Aktualität linker Gewalt
1. Auflage, 2019
320 Seiten, Verlag Herder
ISBN 978-3-451-38298-7
€ 26,00