Unterwerfung

Wer seine Aufmerksamkeit von den Szenarien der „Klimarettung“ löst und sich mit realen Gefahren dieser Welt befasst, stößt auf beunruhigende ungelöste – womöglich unlösbare? – Konflikte. Ein zusätzlicher Blick in die Geschichte verdeutlicht, dass sie fast jederzeit in Kriege übergehen können, deren Verlauf und Ende Klimaszenarien erledigt. Was sagt die Erfahrung?

Die Eiapopeia- und Grusel-„Narrative“ allgegenwärtiger Quotenmaschinen lügen darüber hinweg. Sie vertrauen auf das Gewohnheitstier im Menschen, sie beschäftigen es mit Krimi, Sport und Talkshows rund um die Uhr, sie „framen“ Informationen passend zu ihrer selbstgewissen „Haltung“ und rechnen sich diese Form verblödenden sozialen „Hausfriedens“ als moralisches Verdienst an, für den jeder zahlungspflichtig ist.

Das funktioniert, weil kaum irgendwer sich nach Konflikten sehnt, fast alle sich aber gern im Fernsehen, Kino, im Buch oder Videospiel mitleidend den Verfolgten als Hüter der Gerechtigkeit gesellen, schadenfroh das Böse unterliegen sehen. Für die meisten sind Krieg, Spucken und Schläge ins Gesicht, Vergewaltigung, Raub, Einbruch in die eigene Wohnung fern ihres realen Erlebens. Sie arbeiten sich daran emotional in virtuellen Räumen lesend, zuschauend oder -hörend, Killer-spielend oder in den Scharmützeln der Social Media ab: Sie haben das alles jederzeit unter Kontrolle, so genießen sie den Kitzel der Angstlust. Falls sie bei facebook oder twitter unter verbalen Beschuss geraten, gar in einen „Shitstorm“, erwacht jäh der Wunsch, diesen Gegner auch unter Kontrolle zu bekommen. Es gibt Organisationen, die ihnen beizustehen versprechen, natürlich bieten sich – fürsorglich – der Staat und die Quotenmaschinen an.

Inzwischen dringen allerdings die weltweit brennenden Konflikte ins reale Leben ein. Das Vertrauen der Vielen in eine staatliche Ordnung, die sich das Gewaltmonopol vorbehält, wird erschüttert, wenn sie außerstande ist, es durchzusetzen. Polizisten sind längst permanent ebenso überfordert wie Staatsanwälte und Gerichte. Derweil blüht das Geschäft von Anwälten, die soziale Benachteiligung, kulturellen (religiösen) Hintergrund, persönliche Traumatisierung ihrer kriminellen Klientel wortreich zu deren Verteidigung ins Feld führen. Der Rechtsstaat kapituliert in immer mehr Fällen vor der schieren Masse notwendiger gerichtsfester Ermittlungen.

Es gibt ihn ohnehin nur noch auf dem Papier, weil mindestens ein großer Teil der Justiz nicht mehr unabhängig, sondern in ideologischen Zwangsjacken herrschender Parteien operiert. Diese Parteien aber sind nicht auf das Gemeinwohl fixiert (sofern sie es je waren), sondern auf ihre Machtimpulse. Nur die Konkurrenz mit anderen Parteien zwänge sie, über Grundwerte wie das Recht auf freie Meinungsäußerung, die Versammlungsfreiheit oder die der Berufsausübung und die Freiheit von Wissenschaft und Kunst nachzudenken. Nur Konkurrenz zwänge sie, Freiräume und Widerstände zuzulassen. Ist eine solche Konkurrenz erkennbar? In meinen Augen nicht.

Im Einparteiensystem der DDR waren Alternativen eliminiert, die „GroKo“ lässt, anhand der Aktivitäten zur Zensur im Internet und zur Ermächtigung nichtstaatlicher Korporationen erkennen, wohin sie steuert. Der BND, der Verfassungsschutz mögen demokratischer Kontrolle unterliegen – eine wachsende Zahl von mit Steuern finanzierten und von Parteien oder NGO gesteuerten politischen Korporationen sind längst unkontrollierbar. Und sie zeigen erstaunlichen Ehrgeiz, unliebsame Meinungen im bislang unkontrollierten Internet zu unterdrücken. Sie wollen eine außerstaatliche Zensur, sie wollen unangreifbar werden wie Öffentlich-Rechtliche Anstalten, deren Quotenfixierung, Versorgungsmonopol und Finanzgebaren seit langem ihren grundgesetzlichen Auftrag zur Farce werden lässt.

Sie alle haben ihre Wirklichkeiten: Die Parteiführer, die Medienchefs, die Mitläufer, die wütenden Gegenspieler von der linken, rechten, feministischen, Gender-, Islam-, Irgendwiefundi-, Veganerfront. In diesen Wirklichkeiten werden genau jene realen Konfliktfelder ausgeblendet, für die sie keine Konzepte und Strategien haben. Die Realität aber hat eine unendlich scharfe, harte und unausweichliche Kante. Sie scheidet Wollen von Erfahrung, Wahnideen von Wissen.

Dimensionen und Dynamik der Macht (II)

(Zurück zu Teil I)

Die Gleichung Leben = Materie + Information bedarf genauerer Betrachtung. Zunächst beinhaltet die “Materie” darin nach der Einstein’schen Äquivalenz E = mc² auch die Energie. Die “Information” umgreift die Gesamtheit der Strategien, die im Genom evolutionsgeschichtlich eingeschrieben sind und sämtliche Lebensprozesse steuern – nach außen und innen. Der Anschaulichkeit halber könnte man sie denen im “Betriebssystem” eines Computers vergleichen, nur sind sie um astronomische Größenordnungen komplexer und vielgestaltiger. Nicht von ungefähr ist das Genom ein ebenso unerschöpfliches Forschungsfeld wie die Elementarteilchen und die Kosmologie.

Sich mit der informellen Seite der Macht als sozialem Phänomen zu befassen heißt also: auch unbewusste Prozesse im Verhalten von Individuen und Gruppen einbeziehen. Hier können organische Grundimpulse (Atmung, Ernährung, Schlaf) außer Acht gelassen werden, die so unvermeidlich wie automatisch das Handeln von Individuen bestimmen. Delegieren lassen sie sich – besten- oder schlimmstenfalls – an medizinische Apparate. Schon anders verhält es sich mit der Reproduktion (wie mit der Sexualität allgemein): Es gehören mindestens zwei dazu. Hier erscheinen Dominanz und Unterwerfung als Impulse informeller Macht. Sie setzen keineswegs verständige Überlegung voraus. Gefühle wie Angst, Neid, Missgunst, Hass, Rachedurst, aber auch Schutzbedürfnis, der Wunsch nach sozialer Zugehörigkeit, Mitleid triggern oder verstärken sie. Und sie lassen sich tatsächlich an andere – Einzelne oder Gruppen – delegieren.

Titel von "Macht und Stellvertretung"

Weshalb Demokratien zur Herrschaft von Wenigen werden

Wolfgang Sofsky hat 2019 dazu einen Essay veröffentlicht. “Macht und Stellvertretung” ist – wie Elias Canettis “Masse und Macht” – eine Phänomenologie politischer Verhaltensweisen und Organisationsformen, obendrein ein wahres Pandämonium sozialer Rollen und zugehöriger Interaktionen. Canettis wie Sofskys Texte vereinen Tiefe, Klarheit und sprachliche Originalität.

Nicht von ungefähr wählt Sofsky in einigen Passagen das Theater als Vergleich: Dort wurden von Anbeginn Fragen der Macht und der Moral öffentlich verhandelt. Fast alle Charaktermasken – der Tribun, der Demagoge, der Statthalter, der Tyrann, der Anhänger, der Parteisoldat, der Schildknappe und viele andere – begegnen uns seit der Antike. Unveränderte Mythen und Handlungsmuster machen die Dramen von Aischylos über Shakespeare, Molière, Tschechow… bis in die Gegenwart aktuell. Zugleich ist Theater – wie alle Medien – Instrument informeller Macht: Das Geschehen hinter der Bühne bleibt fürs Publikum im Dunkeln. „Vertretungsmacht ist nicht zuletzt Theatrokratie“ schreibt Sofsky im Kapitel „Publikum“. Alle seine Gedanken – etwa zu Organisationsformen der Hierarchie oder zur Partizipation – führen immer auf beobachtbare, ganz gegenwärtige und konkrete Erscheinungen und Personen, ich bin ihnen mit größtem Vergnügen gefolgt.

Unvermeidlich geriet ich an eine schwer fassbare, notwendige Qualität informeller Macht, eine notwendige Voraussetzung für Stellvertretung (egal ob durch Delegierte, Anwälte, Vorstände): Das Vertrauen. Es gründet nur zum Teil auf sachlichen Erwägungen. Intuition und Antizipation bestimmen die Entscheidung des Einzelnen, wem er es schenken, wem verweigern will. Dabei ist er sehr stark von „Herdenimpulsen„, von seiner Gruppenzugehörigkeit und  Stellung beeinflusst.

Die Funktionsmechanismen der modernen Medien orientieren sich fast ausschließlich an Quantitäten: Quoten, Reichweiten, Klickzahlen. Sie sind darin genuin kollektivistisch. Die scheinbare Freiheit des Internets, der sozialen Medien insbesondere, jedem eine eigene Stimme zu geben, geht in der Aufmerksamkeitsökonomie unter, deren Dynamik wirtschaftlichen und politischen Zielen verschiedenster Korporationen – Konzerne, Parteien, NGO – unterworfen ist.

Molière als Cäsar, gemalt von Nicolas_Mignard_(1658)

Molière in der Rolle als Cäsar 1658. Als er den religiösen Heuchler Tartuffe spielte, konnte ihn nicht einmal der König vor der Wut des Klerus schützen

Shakespeares Globe Theatre war von buntem Getümmel erfüllt, ein Marktplatz der Meinungen und Gefühle. Wandertruppen bis weit ins 18. Jahrhundert spielten ohnehin auf den Märkten, Aufführungen lebten von Zurufen und passenden Extemporés der Akteure, die Dramen entstanden und veränderten sich im Wechselspiel mit der Menge. Wenige stiegen – wie Molière – auf stehende Bühnen mit barocker, kirchenähnlicher Architektur samt Königsloge empor. Es folgte das bürgerliche Theater mit „vierter Wand“, Spartenteilung und Regie als Beruf, abhängig von behördlicher Förderung. Die Akteure sind allen möglichen informellen Zwängen unterworfen.

Das Publikum darf, ob zur Unterhaltung oder moralischen Reinigung, mitfühlen. Nur ausnahmsweise handelt es: Dann löst ein einzelner, vernehmlicher Zwischenrufer womöglich den Abbruch einer Aufführung aus. Das aber gelingt nur, wenn er „Sprachrohr“ vieler ist, die ihren Unmut delegieren.

Natürlich kann auch er beauftragt sein – von Partei und Stasi wie in der DDR, von einer NGO (etwa der Feministen oder Tierschützer), einer religiösen Gruppierung, einem konkurrierenden Unternehmen. Der Nachweis solcher Interessenvertretung wird immer schwieriger, je komplexer, je weiter ein Medium sich in globale Dimensionen ausdehnt. Um informelle Macht zu erlangen, ist der materielle Besitz des Störers übrigens nebensächlich, sogar die Qualität seiner Einwürfe. Mancher „YouTuber“ profitiert nur sehr kurz von der großen Aufmerksamkeit für seine Aktion. Gewinner sind die, denen er zugearbeitet hat. Sie profitieren, wenn sie dauerhaft Aufmerksamkeit neuer Gruppen gewinnen – am Ende womöglich massenhaftes Vertrauen. Sie machen sich zu Stellvertretern und setzen damit den Prozess der Entfremdung in Gang, den Sofsky eindrücklich beschreibt. Dabei wird informelle Qualität durch Quantität ersetzt. Deutungshoheit über die Wirklichkeit ist nicht mehr im verständigen Diskurs über den Sinn zu erlangen, sondern wird im Machtkampf der Ideologien ausgefochten.

Wenn Stellvertretung hinfällig wird, weil sie an Konflikten der Realität scheitert, und das Vertrauen der Vertretenen verliert, kommt die Zeit der Revolutionen, der Ablösung einer Elite von der informellen Macht. Das Spiel beginnt von Neuem. „Das Drehbuch der Oligarchie und politischen Entfremdung beginnt keineswegs erst, nachdem Ruhe eingekehrt ist. Es war niemals aufgehoben, auch nicht während des Sturzes des alten Regimes. Und es bleibt solange in Kraft, wie die letzte Revolution noch aussteht, die Aufhebung jeder Stellvertretung.“

Wolfgang Sofskys Schlußsatz im Essay lässt keine Zweifel: Der Autor macht sich nicht zum Stellvertreter seines Lesers, sondern verweist ihn auf sich selbst zurück. Das hat mir besonders gefallen. Auch „Der menschliche Kosmos“ gründet auf diesem Verständnis von Freiheit.

Wolfgang Sofsky: Macht und Stellvertretung, Taschenbuch 132 Seiten, Verlag: Independently published 2019, ISBN-10: 1093388749 ISBN-13: 978-1093388749, 9,80 €

Bernd-Olaf Küppers: Die Berechenbarkeit der Welt – Grenzfragen der exakten Wissenschaften Gebunden 194 Seiten, S. Hirzel Verlag 2012, ISBN 978-3-7776-2151-7, 32 €

Dimensionen und Dynamik der Macht (I)

Pyramid_of_Capitalist_System

Die Machtpyramide des Kapitalismus im 19.Jahrhundert

Macht lässt sich in zwei Dimensionen verorten: In der materiellen und der informellen – in Besitz und sozialem Rang. In beiden formt sie sich zu verschiedensten dynamischen Systemen von Wirtschaft und Politik aus. In den zeitgenössischen Oligarchien mit ihren elaborierten, weltumspannenden Netzwerken erreichen diese Systeme höchste Komplexität. Ihr Streben geht dahin, stabil zu werden bis zur Unangreifbarkeit (so wie Individuen wünschen, unsterblich zu sein – aber diesen Gedanken führe ich hier nicht weiter fort). Sind nicht Herrschsucht und Habgier, Missgunst und Neid elementare Treiber der Dynamik aus Erlangen und Vermeiden? Und hängt nicht der informelle Machtanteil womöglich mit der Fragilität von Oligarchien zusammen?

Geschichte und Gegenwart belehren einen fortwährend, wie regelhaft manche Muster im Wechsel von Krise, Absturz, Chaos, Neuordnung immer wiederkehren, sei’s in Familien oder Sozialgebilden unterschiedlicher Größenordnung. Besitz ist offensichtlich bedeutsam für Macht; das Kapital erlangt universellen Zugriff auf Güter und Dienstleistungen aller Art – aber es würde scheitern, wäre es uninformiert. Lassen sich die Wechselwirkungen von „Materie + Information“ in den Lebenszyklen der Macht erkennen, beschreiben, gar modellieren?

Titel von "Die Berechenbarkeit der Welt"

Revolutionen, Krisen, Kriege im Computermodell?

Bernd-Olaf Küppers war Naturphilosoph an traditionsreichem Ort: nach den ideologisch verfinsterten Jahren von Nationalsozialismus und SED-Herrschaft forschte und diskutierte er an Jenas Universität als freier Geist. Küppers hat außer naturwissenschaftlicher Expertise auch gründliche Kenntnis von der Wissenschaftsgeschichte. „Was ist Leben?“, fragt er zu Anfang des dritten Kapitels in seinem Buch „Die Berechenbarkeit der Welt“ und antwortet mit der Gleichung Leben = Materie + Information. Die spröde Formel erläutert er überraschend kurzweilig: auch ein unerfahrener Leser wird verstehen können, was Physiker, Mathematiker, Biologen und Informatiker zu einem solchen Grundgedanken hinführte.  Küppers sagt den Strukturwissenschaften – etwa der Systemtheorie – als Querschnitt und zugleich als Fundament sowohl der Geistes- wie der Naturwissenschaften voraus, dass sie sich der Berechenbarkeit der Welt immer weiter nähern.

Das entspricht wohl dem optimistischen Blick eines Emeritus aus dem Jenaer Universitätsturm. Hinter dem Wunsch nach Berechenbarkeit der Welt verbirgt sich nämlich ganz realer Sprengstoff: der Wunsch, sie zu beherrschen. Das Wissen unserer Zeit wächst gewaltig, die Verhaltensmuster von Steinzeit und Mittelalter wachsen jederzeit mit: gewaltbereit. Umso dringlicher wird die Frage nach den sozialen Strukturen der Zukunft – Küppers‘ Buch wirft sie nicht auf.

Titel von "Der menschliche Kosmos"

Gefühle – Konflikte – Strategien

Einige Züge von individuellem und Gruppenverhalten habe ich in „Der menschliche Kosmos“ näher betrachtet, und der wichtigste Ansatz dabei war, nicht mehr nur nach Gründen (warum?) sondern nach Zielen (wozu?) im ununterbrochen laufenden Strom von Entscheidungen des Menschen und seiner sozialen Gebilde zu fragen. Das Geheimnis hinter – meist unbewussten, intuitiven – Entscheidungen lässt sich mit dem Begriff der Antizipation fassen. Es ist ein schillernder Begriff, ich verstehe darunter die – meist unbewusste – Vorwegnahme eines Handlungsziels, die Impulse zum Erlangen bzw. Vermeiden steuert. Wie sehr unser Alltag davon abhängt, dass wir unablässig „automatisch“ agieren, können Sie im 6. Kapitel des „Kosmos“ etwas genauer nachlesen.

Dass Macht auf besondere Weise antizipiert wird, dürfte niemanden überraschen. Das tägliche Geschehen in den „Sozialen Netzwerken“ bezeugt eindrucksvoll, wie stark die Gier nach Aufmerksamkeit ist – also nach einem Platz an der Sonne informeller Macht. Es mag sein, dass der Ruhm von „YouTubern“ und viralen Kurznachrichten nur kurze Zeit währt: Wie sehr und intensiv sie von Politik und herkömmlichen Medien in Dienst genommen werden, beweist ihre Eignung als Instrumente im Kampf um die Köpfe der Massen. Geld und Besitz erwirbt damit nur ein winziger Bruchteil der im Netz verbundenen Nutzer. Die Megakonzerne der „Aufmerksamkeitsökonomie“ aber bewegen die Welt und häufen Milliarden auf Milliarden. Sind sie andererseits nicht auch anfälliger als Stahl- und Automobilfabriken? Wie sieht es aus, wen ein solcher Koloss ins Schlingern kommt, gar zusammenbricht?

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Heilsgeschichte

Ketzerverbrennung im Mittelalter

Ketzerverbrennung im Mittelalter

Nein – ich bilde es mir nicht ein! Die Verblödung ist unaufhaltsam. Sie muss es sein, weil sonst die Heilsgeschichte nicht vorankäme.

Mich erfasst in letzter Zeit besonders dann eine gewisse Ungeduld über den Fortgang der Heilsgeschichte, wenn ich höre, wie sich Menschen über ihre traurigen Lebensumstände empören, denen es keinen Funken der Irritation wert ist, wenn sie ihre Toiletten mit Trinkwasser spülen.

Aha, werden sie jetzt sagen, wieder einer von diesen links gestrickten grün-ökologischen Weltverbesserern, die uns den hart erarbeiteten Wohlstand nicht gönnen. Sie irren sich. Grüne Weltverbesserer sind mir gerade so lieb wie rotbraune. Der Ausruf „An die Laterne!“ ginge mir leicht von den Lippen, wenn ich den Mullahs dieser wie jeder anderen die Herrschaft über die Welt beanspruchenden Religion damit nur beikäme. Das aber ist so unmöglich, wie Kinder zu erziehen. Sie werden jedenfalls wie ihre Eltern. Meinte jedenfalls der weise Narr Karl Valentin.

Es gibt schlechterdings keinen „evolutionären Fortschritt“ im menschlichen Verhalten. Es gibt nur immer mehr Menschen. Meines Wissens hat noch niemand eine seriöse wissenschaftliche Studie darüber abgeliefert, ob im Zuge der explodierenden Bevölkerungszunahme seit 200 Jahren mehr Steinzeitverhalten oder mehr Aufklärung in die Welt gekommen ist. Meine Erfahrung sagt mir, dass die Anteile steinzeitlicher, feudaler, frühkapitalistischer, totalitärer Verhältnisse zum historischen Menschheitsganzen genau dem gegenwärtigen Anteil entsprechen. Um es einfacher zu formulieren: Es gärt nach wie vor überall, nur auf engerem (globalem) Raum und mit weniger Fluchtmöglichkeiten, und das bedeutet: das Ende – also die Apokalypse – ist genau so nahe wie die Erlösung.

Gott sei Dank.

Wilhelm Buschs Zeichnung vom asketischen Eremiten Antonius

Wilhelm Busch: Der Hl. Antonius, moosbewachsen, in Askese versunken und der Welt entronnen

Falls Sie mit dieser Erkenntnis nichts anfangen können: Arbeiten Sie weiter an der Verbesserung der Welt, rauchen Sie nicht, trinken Sie nicht, essen sie kein Fleisch, sparen Sie keine Steuern, quälen Sie keine Tiere – vom Umbringen zu schweigen – und besuchen Sie keine Freudenhäuser. Für die Feministen: Reisen sie nicht in mit einer Mischung aus Steinzeit, Gottesstaat, Kommunismus und Frühkapitalismus gesegnete Regionen, um ihr Urlaubsgeld für einen Fick mit einem attraktiven Nichtfeministen auszugeben. Bleiben Sie politisch korrekt!

Und jetzt kommt’s: Ich habe mich lebenslang Frauen gegenüber so gut wie nie politisch korrekt verhalten. Ob sie mich mochten oder nicht, war auch so gut wie nie eine Frage der politischen Korrektheit. Wir hatten eine Menge Spaß miteinander, und ich habe – mutwillig, unbedacht oder sogar in vollem Bewusstsein Regeln aller Art missachtet. Wer auch immer diese Regeln aufstellte, tat es – in seiner Lesart – zum Zwecke der Weltverbesserung; der Fortschritt der Menschheit verdankt sich indessen den Regelverstößen mindestens ebenso sehr wie ihrer Einhaltung. Auf einen wissenschaftlichen Beweis der Anteile dürfen wir getrost bis zum Jüngsten Tag warten.

Das Altern geht mit der vergnüglichen Gewissheit einher, dass einer nie mehr politische Korrektheit zum Teil eines Balzspiels machen muss. Wozu also sollte er überhaupt noch politisch korrekt sein?

Vielleicht, damit ein Staatswesen ihm nicht die Rente streicht – sofern es ihn nicht gleich ins Lager oder in die Psychiatrie verfrachtet.

Bei beidem handelt es sich um „Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen“.

Menschenwerk

Liebespaar im Kornfeld

Illustration meiner Mutter zu Erich Kästner „Der Juli“

Die Instrumente menschlichen Handelns ändern sich, nicht aber die Handlungsimpulse. Egal, wie sich Liebespaare finden – über Dienste im Internet, auf Parties, in der Disco oder im Flüchtlingslager: Ihr Ziel ist dasselbe. Und wann, wo, wie, für welchen Zeitraum sie es erreichen: Das ist der Stoff für Träume, Dramen, Opern, Lieder, Gemälde, Romane, Gedichte – so wie in Erich Kästners Versen über den Sommermonat und das „zerzauste Pärchen“, verborgen im Korn auf zerdrücktem Mohn:

„Das Mädchen schläft entzückten Gesichts.
Die Bienen summen zufrieden.
Der Jüngling heißt, immer noch, Taugenichts.
Er tritt durch das Gitter des Schattens und Lichts
in den Wald und zieht, durch den Schluss des Gedichts,
wie in alten Zeiten gen Süden.“

Die stärksten Impulse lassen sich kaum steuern. Das ist der Stoff für Konflikte. Eltern, Lehrer, Tugendwächter, Politiker stehen ihnen immer wieder hilflos gegenüber. Auch wenn sie sich fortwährend neuer, besserer Werkzeuge der Manipulation versichern – Menschen verhalten sich nur zeitweise nach ihren Wünschen. Dann zwingt der blinde Fleck aller Dominanten, ihre  Selbstwahrnehmung, sie zum rücksichtslosen Einsatz ihrer Machtinstrumente. Angela Merkel ist zum schlagenden Beispiel geworden. Sie stellte sich gewiss nicht selbst in jene Phalanx der von Troja bis Vietnam katastrophal Scheiternden, die Barbara Tuchman in „Die Torheit der Regierenden“ beschrieben hat. Ihr Platz darin ist ihr gleichwohl so sicher wie ihr Beharren auf „Alternativlosigkeit“. Sie ist Täterin und Opfer machtbesessener, größenwahnsinniger Politbürokratie. Sie wuchs hinein, sie verlor die Fähigkeit, Folgen ihres Handelns selbstkritisch zu befragen.

Ihr Denkmal steht freilich wie die von Marx, Lenin, Stalin, Mao Zedong auf einem ziemlich gehärteten historischen Sockel. Massen von Mitläufern mauern ihn allzeit auf, solange ihr Eigennutz solche Bauwerke befestigt. Die Instrumente ändern sich, die Handlungsimpulse nicht. Männer und Frauen sind verschieden? Ja – aber genau darin sind sie gleich: In dem Erhalt der Impulse. So passen sie perfekt nicht zueinander.

Wenden wir den Blick ab, geneigter Leser. Wem das Glück widerfährt, das zu verstehen, der kann in all dem unvermeidlichen Geschehen seinen Sinn für Schönheit entwickeln, und wenn er noch mehr Glück hat, erlebt er im Treiben lassen und gegen-den-Strom-Schwimmen ein erfülltes Da-Sein: Zwischen Mut, Angst, Hass und Liebe, Versagen und Gelingen. Das Tier im Menschen wird ihm vertraut. Die Furcht schwindet. Wenn am Ende die Kräfte nachlassen, wird er einsam, und das letzte Glück ist, dennoch geliebt zu werden. Dann nimmt der Schmerz ihn hin.

Es ist der Fluch des modernen Feminismus, dass er sich der Verschiedenheit von Männern und Frauen nicht vergewissern, sondern sie einebnen will. Aber Leben ist Konflikt. Wer den Endsieg zur moralischen Ultima Ratio erklärt, läuft in die Falle des tödlichen Totalitarismus – erkennbar am Elend der Grünen, des Genderismus und aller anderen -ismen. Sie müssen auf Konflikte mit Feindbildern und Krieg antworten. Die Herden der Mitläufer(-innen) sind schnell mobilisiert, denn auch deren Impuls zur Teilhabe an der Macht ändert sich nicht. Diese Herden wachsen – von Krieg zu Krieg – jedenfalls schneller nach, als alle Versuche, mit Konflikten anders umzugehen, als die Katastrophen seit je nahelegten. Deshalb ist die meistgebrauchte Strategie: Mehr desselben.

Immerhin: Die sich daran abarbeiten, sind noch nicht ausgestorben. Insofern darf einer den Glauben an eine Heilsgeschichte nicht aufgeben, auch wenn der Blick aufs politische Personal und seine Gefolgschaft noch so trostlos ist.

Europa der Völker oder der Bürokraten?

KershawAchterbahn2dDieses Buch ist ein Solitär in der Vermittlung jüngerer europäischer Geschichte. Am Ehesten würde man ihm gerecht, wenn man es zum Ausgangspunkt möglichst vieler Debatten zwischen Generationen, Nationalitäten, politischen Einstellungen machte – eine Hoffnung, die in scharfem Kontrast zum herrschenden Geist in der Politik, in den Medien und leider auch zur mangelnden Sorgfalt in der Gestaltung von Schulbüchern und Lehrplänen steht.

Den Titel hat Ian Kershaw trefflich gewählt. Sowohl was das schwindelerregende Auf und Ab, das Tempo und die Rasanz anlangt, mit der seit 1950 Geschichte „erfahren“ wird, als auch die rasch wechselnden Perspektiven und atemberaubenden Momente nahe am Absturz: Der Zeitgenosse bestätigt ihm, dass er ihn zu einer großartigen Reise einlud. Sie führte durch erschreckende und bezaubernde Landschaften, lenkte den Blick auf unbekannte Details, schärfte das Gefühl für abrupte Wendungen. Sie ist noch nicht zu Ende.

Die Bibliographie belegt ein veritables Gebirge an Informationen, das Ian Kershaw durchforscht hat, er hat dort hinein klug die Trasse seiner Achterbahn konstruiert, er baut Ausblicke auf Krisen und Umbrüche, Personen und Parteien, Ökonomie, Politik und Kultur, auf Nationen, Europa und die Welt ein und setzt sie zueinander in Beziehung. So wird etwa das Panorama des Kalten Krieges zugleich breit und tiefenscharf. Beim Betrachten desselben ebenso wie beim Passieren von Abgründen möglicher nuklearer Konflikte oder des hochbrandenden Jubels nach dem Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs erlebte ich meine eigene Vergangenheit als sehr präsent – wie viel Glück ich hatte, dem DDR-Sozialismus zu entkommen! – und doch sehr, sehr fern. Das liegt wohl an der klaren, unverschnörkelten Sprache des Erzählers, sie ist frei von Effekten, aber keineswegs ermüdend. Dafür ist gewiss auch dem Übersetzer Klaus-Dieter Schmidt zu danken.

Freilich: Wer Höhen und Tiefen der Historie selbst “durchwandert” hat, schaut mit anderen Augen auf die Bilder dieser Berg- und Talfahrt als Jüngere. Ihnen mögen sie wie Kulissen erscheinen, die sich mit anderen Geschichtsbildern vergleichen lassen. Ian Kershaw verhehlt nicht, dass er seine Route durchs zurückliegende Jahrzehnt an offiziösen Sichtachsen ausrichtet. So erscheinen etwa Klimawandel und Energiepolitik in allzu bekanntem Ausschnitt. Der Sachverstand von Naturwissenschaftlern und Technikern (nicht einmal der des IPCC) blendet die Chancen der Nukleartechnik für eine gewünschte Begrenzung des Kohlendioxyds in der Atmosphäre längst nicht mehr aus. Kershaw verweilt dagegen beim populistischen Ruf nach “Atomausstieg” – wegen der in Tschernobyl und Fukushima offenbarten Gefahren dieser Technik. Aber wenn dieser Ruf auch ein langes Echo hat: Der vermeintliche Echofelsen ist aus Medienmaché.

Ian Kershaw ist klug genug, kritische Fragen an die Zukunft seiner britischen Heimat und der EU zu stellen, er ermahnt dringlich zu Reformen. Was er sich dabei vom Walten der Bundeskanzlerin Merkel und des Präsidenten Macron verspricht, blieb mir rätselhaft. Bisweilen verengt er die Perspektive, etwa wenn er zunehmenden Islamistischen Terror auf Kolonialismus und fraglos verderbliche Interventionen des Westens im Nahen Osten bzw. in Afrika sowie Benachteiligungen von Moslems in Europa zurückführt. Innersystemische Impulse religiös grundierten Machtwillens kommen kaum ins Blickfeld.

Zeit, einen Blick auf eine zweite Metapher des Autors zu werfen, den “Schraubstock”. Er verwendet sie für die totalitären Regimes des Ostblocks, sie ist einprägsam aber etwas simpel. Es drehten ja nicht nur ein Stalin, Breshnew, Honecker und ihre Gefolgschaft an der Schraube gesellschaftlicher Kontrolle. Da sind Hunderttausende von Rädchen und Hebeln im Gestell des Staates und der Medien, “An-Gestellte”, und was sie treibt, ist nicht nur Einkommen, sondern auch informelle Teilhabe an der Macht. Sie gehören dazu, und Konformität ist der Eintrittspreis.

Solche Organisationen, gern auch als Bürokratie bezeichnet, waren in der Geschichte erstaunlich resilient gegenüber Machtwechseln: Deutsche Beamte blieben nach Hitlers Ermächtigung ebenso in Lohn und Brot wie nach dessen Untergang. Jüngstes Beispiel sind fast problemlos vom IS übernommene Behörden in Teilen des Irak; Houellebecqs Roman “Soumission” (“Die Unterwerfung”) beschreibt den Übergang zur Herrschaft des Islam in Frankreich aus der Sicht eines Hochschul-Angestellten. Ian Kershaw beweist auf der Fahrt mit der Achterbahn auch seine Sachkenntnis in Kunst, Literatur, Musik. Erstaunlicherweise deutet er nur an, welche Fragen sich insbesondere für die Kultur stellen, wenn in der EU, aber auch den UN und zahllosen immer mächtigeren NGO eine supranationale Bürokratie heranwächst, deren Anspruch auf Konformität schon sichtbar, deren Kompetenz zur Lösung der entscheidenden Konflikte in der Welt aber genau deshalb durchaus zweifelhaft ist.

Am Anfang ihrer Amtszeit verkündete Angela Merkel, sie wolle der Bürokratie Schranken setzen. Inzwischen treffen planwirtschaftliche Ausflüge der Bundeskanzlerin – etwa in der Klima-, Energie- und Migrationspolitik – auf ein erstaunliches Einvernehmen bei fast allen Parteien. Auch die Medien gehen gern konform. Widerspruch gegen die uneinlösbaren Wechsel auf europäische, gar globale Lösungen wird gern mit politischem Extremismus in Verbindung gebracht: “Rechts” und “populistisch” sei das. Auch Kershaw zeigt mit dem Finger in diese Richtung. Dass aber in Polen, Ungarn, Österreich konservative Regierungen großen Rückhalt finden, eben weil Frau Merkel und die EU-Bürokratie versagen, klärt er gar nicht als systemischen Mangel auf. Kurz und Orban haben nicht seine Sympathien – anders als der “grüne” Österreichische Präsident Van der Bellen. Das ist schön subjektiv, schmälert nicht das Vergnügen und ist mir viel lieber als vorgebliche „Objektivität“.

Am Schluss der “Achterbahnfahrt” spricht Kershaw vor allem von der Unsicherheit, Unvorhersagbarkeit und Unwägbarkeit aktueller Entwicklungen. Nein, eine EUdSSR wird es nicht geben, schon gar kein neues Nazireich. Aber bewegen wir uns nicht derzeit auf den Gleitkissen politischer Korruption weiter Richtung Konformismus? Viktor Frankl hat ihn als ebenso gefährlich für die Demokratie bezeichnet, wie den Totalitarismus, und mit dem Blick auf China, wo der Staat mit totaler Überwachung Konsens und Konformität der Meinungen durchsetzt, ist das beklemmend aktuell.

Unvermeidlich sind und bleiben Konflikte mit solchen Staaten, wenn individuelle Freiheit und Menschenrechte verteidigt werden sollen. Werden die westlichen Demokratien standhalten oder sich – wie auch immer ideologisch fundierten – kollektivistischen Diktaten unterwerfen? Sie haben – z.B. in den KSZE-Verhandlungen – Stärke bewiesen, als sie Menschen- und Bürgerrechte gegen den totalitären Konsens von der Überlegenheit sozialistischer Gesellschaften vertraglich durchsetzten. Vielen Europäern brachte das die Freiheit. Dass ein solcher Prozess in globalen Konflikten möglich wird, ist nicht mehr als eine Hoffnung. Sie zerbräche, wenn in den europäischen Staaten selbst Überwachung und Kontrolle durch bürokratische Apparate – seien es Behörden oder “outgesourcte” Zensur-, Spitzel- und Denunziations-Kollektive – die Freiheit der Bürger auf konforme Schienen zwänge.

 

Ian Kershaw Achterbahn

Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt

Originaltitel: Roller-Coaster. Europe 1950-2017

Originalverlag: Allen Lane

Hardcover mit Schutzumschlag, 832 Seiten, 15,0 x 22,7 cm

mit Abbildungen

ISBN: 978-3-421-04734-2

Geschichte trifft Gegenwart: Ein Buch für Demokraten

Schroeder, Der Kampf ist noch nicht zu Ende.inddMassenmörder, Auftragskiller, Folterer, Schreibtischtäter: Sie sind Lieblingsfiguren der Geschichtsschreibung, in Filmen und Literatur – sei es als Monster, unheimliche Doppelexistenz oder gottgleich verehrtes Leitidol. Und wenn eine Lichtgestalt auftritt, bedarf sie solcher Gegenspieler zum Sieg, zur Machtübernahme – das heißt dann „Happy End“.

Die Realität kennt weder makellose Lichtgestalten noch Happy End. Das Ende der Gewalt ist der Beginn einer nächsten – Gewalt ist eine Konstituante menschlichen Handelns. Der Unterschied zwischen Leitidol und Schreibtischtäter, Lichtgestalt und Massenmörder liegt nur in der Wahrnehmung des Geschehens durch verschiedene Betrachter und in der Deutung, die aus ihr folgt. Gleichwohl ist es möglich, aus Deutungsmustern einer politischen Richtung auf deren Rechtsverständnis und Demokratietauglichkeit zu schließen: Wie beschreibt sie Konflikte, Motive und Ziele der Beteiligten? Gesteht sie eigenes Fehlverhalten ein? Korrigiert sie sich? Übt sie gar tätige Reue? Hält sie Spielräume fürs Verhandeln mit Gegnern offen? Oder versucht sie jedenfalls die Deutungshoheit zu gewinnen, indem sie Feindbilder schafft und verschärft; spricht sie Konkurrenten – egal ob Individuen oder Gruppen – die Menschlichkeit ab und sich selbst das Recht zu, Gewalt anzuwenden, womöglich schrankenlos?

Die langjährigen Forschungen von Monika Deutz-Schröder und Klaus Schröder fußen auf solchen Fragestellungen, und ihr Blick auf die Geschichte linker Gewalt ist nüchtern und sachkundig. Das Buch, in dem sie wissenschaftliche Ergebnisse zusammenfassen, geht tiefer und ist trotzdem spannender als jede filmische Doku. Es enthält sich weitgehend der Deutung, es beschreibt seinen Gegenstand akribisch und lässt dem Leser Raum zur Prüfung zahlloser Quellen und eigener Erfahrungen. Deshalb eignete es sich trefflich als Lehrbuch für den Geschichtsunterricht – und ist zugleich spannende Lektüre für einschlägig Interessierte. Ob es sich in der zunehmend polarisierten und pausenlos mit Strömen „geframter“ – also auf eine erwünschte Wahrnehmung hin gefärbter, häufig manipulativer – Informationen zu politischen, wirtschaftlichen, kulturellen Themen wird behaupten können?

Einer, der das DDR-Regime von Geburt an erlebt hat, der in Schulen, Hochschulen und Alltag indoktriniert und desinformiert wurde, der zugleich lernte, sich dagegen zu wehren, gleichwohl sozialistische Gedanken nicht ablehnte, sondern lange für reformierte staatliche Verhältnisse eintrat, einer, den seit dem 14. Lebensjahr eine im Hintergrund mitwandernde Stasi-Akte verfolgte – so einer nimmt fast jede politische Publikation von im Westen sozialisierten Wissenschaftlern nicht ohne Skepsis zur Hand. In diesem Fall wusste ich seit langem um die fachlichen Qualitäten der Autoren, umso mehr schätze ich dieses historisch grundierte, kluge und verständige Buch über die unterschätzte Gefahr des Linksextremismus für die Gegenwart.

Für die Verbindungen zwischen linken Gruppen verschiedenster Ausprägung, RAF und Stasi etwa gibt es verlässliche Beweise, und dass sich seit den 60er Jahren internationale Netzwerke von Extremisten bildeten, war erst kürzlich wieder in einem Fernsehbericht zu verfolgen. Gern unterstützen Despoten jeglicher Sorte linksextreme (auch als NGO getarnte) Organisationen, um demokratische Staaten zu destabilisieren – das wäre beunruhigend genug. Schlimmer, wenn sich hierzulande herrschende oder als Opposition etablierte Parteien samt medialer Anhängerschaft solcher Gruppierungen bedienen, um unerwünschte Konkurrenz oder auch nur einzelne kritische Stimmen einzuschüchtern, womöglich zu ersticken.

Bürgerliche Parteien der Weimarer Republik ließen Hitlers NSDAP gewähren, gaben sogar medialen Begleitschutz für den Kampf gegen die Linke. Das war politischer Selbstmord. Die Ermächtigung der Nazis bedeutete auch ihr Ende. Ähnlich erging es nach 1945 jenen Teilen der SPD, der Liberalen und Nationaldemokraten, die sich unter dem Schlagwort “Antifaschismus” aufs Bündnis mit Ulbrichts Kommunisten einließen. Sie waren fortan wenig mehr als Handlanger.

Dieses Buch beweist, dass heutige Schläger, Brandstifter und Maulhelden von “Antifa” & Co. eben keine Helden sind. Wer Linksextreme ideologisch pampert, wer ihre Straftaten verklärt oder verharmlost, zeigt mindestens historische Unkenntnis, jedenfalls aber sein unreflektiertes Verhältnis zu totalitärer Macht. Wähler sollten das wissen. “Der Kampf ist nicht zu Ende” macht sie mit guten Argumenten vertraut: Damit sie künftig ihre Stimme nicht ein für alle Male abgeben.

Klaus Schroeder/Monika Deutz-Schroeder

Der Kampf ist nicht zu Ende

Geschichte und Aktualität linker Gewalt
1. Auflage, 2019
320 Seiten, Verlag Herder
ISBN 978-3-451-38298-7
€ 26,00