Masken der Macht – Gesichter der Ohnmacht (II)

Zurück zu Teil I

„Jenaer Thüringer Alte Herren 1850“: Was verraten Kopfform, Nase, Stirn einer Silhouette?

Kehren wir zu Lichtenberg zurück, einem kleinen Mann, der von Kindheit an unter einer verkrümmten Wirbelsäule litt, bucklig war, und doch schon zu Lebzeiten als Gelehrter mit außerordentlichem Scharfblick sowohl wie seiner Fähigkeit zu präzisem Beschreiben und wissenschaftlicher Argumentation wegen gerühmt wurde. Als es ab 1775 Mode wurde, die „Physiognomischen Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe“ des Schweizer Pfarrers Johann Caspar Lavater als Übungsbuch dafür zu nutzen, jederzeit und überall aus Köperformen und Gesichtszügen auf Charaktere zu schließen, reagierte er mit bissiger Polemik. Dem gesellschaftlichen Mainstream, der sich mit Spekulationen über Nasen, Kinn, Stirn und anderen Eigenheiten unterhielt, entgegnete er souverän. Sein Essay „ Über Physiognomik wider die Physiognomen“ besticht auch heute noch. Dass anhand modischer Schattenrisse auf seelische Aktivität im Hintergrund geschlossen wurde, entlarvte er als der Astrologie vergleichbaren Trug. Aber er erkannte – und das war eine herausragende Leistung – wie bedeutsam der nonverbale Anteil der sprachlichen Kommunikation ist.

„Ohnstreitig gibt es eine unwillkürliche Gebärden-Sprache, die von den Leidenschaften in allen ihren Gradationen über die ganze Erde geredet wird. Verstehen lernt sie der Mensch gemeiniglich vor seinem 25. Jahr in großer Vollkommenheit. Sprechen lehrt sie ihn die Natur, und zwar mit solchem Nachdruck, daß Fehler darin zu machen zur Kunst ist erhoben worden. Sie ist so reich, daß bloß die süßen und sauren Gesichter ein Buch füllen würden, und so deutlich, daß die Elefanten und die Hunde den Menschen verstehen lernen. Dieses hat noch niemand geleugnet, und ihre Kenntnis ist was wir oben Pathognomik genannt haben. Was wäre Pantomime und alle Schauspielkunst ohne sie?“

„Expressiv“: Mimik im Stummfilm ist der des Theaters ähnlicher als die Mimik heutiger Medien

Der Begriff „Pathognomik“ setzte sich nicht durch, aber kein geringerer als Charles Darwin trug dazu bei, dass die „wortlose Weltsprache“ als starker Signalweg der menschlichen Kommunikation erkannt wurde. Dass sich zugleich mit den Bildermedien, mit ihrer Verbreitung für Zwecke der Werbung und Propaganda ebenso wie mit dem Siegeszug des Spielfilms auch die Ausdruckspsychologie als wissenschaftliche Disziplin etablierte – Karl Jaspers veröffentlichte dazu Anfang des 20. Jahrhunderts erste Texte – ist nicht verwunderlich: Die ins Überlebensgroße gesteigerte, expressive Mimik des Stummfilms ergab ganz neue Studienmöglichkeiten. Davon profitierten zahllose Forscher, auch solche die während des Dritten Reiches rassische und eugenische Theorien damit begründen wollten. Aber das war es nicht allein, was 1973 der Ausdruckspsychologie an deutschen Universitäten den Garaus machte.

Der Versuch, aus Mienen, Gesten, Lauten Rückschlüsse auf den emotionalen Hintergrund des „Senders“ zu ziehen, erwies sich als äußerst fehlbar. Trotzdem ist es ein allgemein beliebtes wie von Medien gern genutztes Verfahren, über Gefühle, Lebenslagen und Charaktere von Menschen zu mutmaßen. Im Werkzeugkasten des inzwischen als „Framing“ gehandelten Manipulierens von Informationen zu Propagandazwecken ist es immer griffbereit. Sie haben zweifellos selbst schon erlebt, wie unvorteilhaft Sie auf einem Foto wirken können, wenn die Kamera Sie von unten erfasst. Ihr Blick auf dem Bild „von oben herab“ hinterlässt beim Betrachter einen überheblichen Eindruck, ebenso wie der „aus den Augenwinkeln“ einen des Misstrauens. Sie können leicht damit experimentieren, welchen „Gefühlshintergrund“ andere nur infolge einer veränderten Kopfhaltung bei Ihnen vermuten, wenn Sie eine Serie davon aufnehmen: Blick in die Kamera von oben, von unten, mit geneigtem, vorgeschobenem, zurückgezogenem, leicht gedrehtem Kopf; dabei sollten Hals und Schulteransatz im Bild sein um die Relation zum Körper mit zu erfassen. Tun sie das alles möglichst entspannt und emotionslos. Sie werden staunen, wie viel Emotion andere aus den Fotos herauslesen.

Dieser Artikel ergänzt die zuerst veröffentlichte Fassung im Globkult-Magazin

Weiter zu Abschnitt III

Masken der Macht – Gesichter der Ohnmacht (I)

Manche Menschen – so heißt es – trügen im täglichen Umgang mit anderen eine Maske. Der Eindruck, den sie von sich vermitteln wollten, sei trügerisch. Nur wenigen – im Privatesten – zeigten sie ihr „wahres Gesicht“. Das könnte dann ein liebenswertes sein – oder ein um vieles scheußlicheres. Sicherlich kennen Sie etliche Beispiele dafür – womöglich aus ihrer Umgebung. Das Phänomen beschäftigt Menschen seit jeher, es hat fast alle Kunstformen, vor allem natürlich das Theater, stark beeinflusst. Seit einem Jahr erleben wir, dass fast alle einander mehr oder weniger freiwillig mit einem halb verdeckten Gesicht begegnen. Kreative Köpfe im Dienst der zuständigen Behörden erfanden die „Alltagsmaske“, angeblich eine Schutzmaßnahme gegen die Corona-Pandemie. Sie schützt den Träger nicht gegen das Virus – das weiß jeder seriöse Fachmann. Vielleicht macht sie ihn weniger ansteckend für andere. Jedenfalls hat sie unerwünschte Nebenwirkungen, über die es sich lohnt nachzudenken.

Bei dem universellen und streitbaren Autor finden sich höchst aktuelle Gedanken – frei verfügbar im Web

Die unterhaltendste Fläche auf der Erde für uns ist die vom menschlichen Gesicht“, sagte der Physiker, Philosoph und Schriftsteller Georg Christoph Lichtenberg fast 250 Jahre bevor Selfies und Videos, erzeugt mit hunderten Millionen Kameras in Smartphones, verbreitet über Kanäle der „social media“ die Welt fluteten. Ein gewaltiger Schub in der Geschichte der Bildermedien, die seit dem 19. Jahrhundert nur eine Richtung kannten: Mehr, besser, billiger. Mit dieser Flut und der allgegenwärtigen digitalen Technik der Bildverarbeitung ergaben sich ganz neue Chancen – etwa für Geheimdiente, Kriminalisten, Marktforscher, Soziologen, Anthropologen, Psychologen… Die automatisierte Erkennung von Gesichtern ist für die einen ein vielversprechender Fortschritt in eine beherrschbare, planbare, friedliche und mit Wohlstand gesegnete Gesellschaft, für andere bedroht sie die Freiheit der Menschen in nie gekanntem Maß – George Orwells „1984“ ist bekannteste Dystopie dafür. Gesichter ziehen seit jeher das Augenmerk nicht nur von Künstlern, sondern auch von Philosophen und Naturwissenschaftlern auf sich, und das eigentlich „Unterhaltende“ daran ist bis heute zweierlei:

  • Dass und wie stark Mienen die Emotionen von anderen mitschwingen lassen können – egal ob sie real erlebt oder in einem Bild, noch wirksamer im Film, dargestellt werden
  • Was lässt sich aus einem Antlitz herauslesen, was als Information über die hinter der Stirn verborgenen Absichten nutzen – sei ’s eine vom Alter gefurchte oder mit jugendlicher Glätte bezaubernde?

Schon der erste Blick – einige Hundertstel Sekunden genügen – löst einen von Gefühlen begleiteten Eindruck aus. Kein Zufall: Mehr Zeit bleibt dem Affen nicht, wenn er beim Anblick eines Löwen mit Warnruf, Fluchtimpuls, Einsatz aller Energie fürs Überleben reagieren muss. Nichts anderes galt in der Entwicklungsgeschichte, wenn einander unbekannte Menschen aufeinander trafen. Einen potentiellen Angreifer blitzschnell zu identifizieren, ihn und andere mit deutlichen Rufen als entdeckt zu markieren und Flucht oder Gegenwehr zu mobilisieren, kann über die weitere Existenz entscheiden.

Jeder Sportler, der im falschen Moment nachdachte, was er tun soll, während er den Ball verschoss, den Sprung verpatzte oder beim Rennen aus der Kurve flog, weiß das. „Wer denkt, hat verloren!“: Diesen Spruch gebrauchen wir beim Volleyball, Squash oder Badminton immer wieder, wenn die Zehntelsekunde gedanklicher Entscheidung zwischen Vor- oder Rückhand, Lop oder Schmetterschlag, lang oder kurz gespieltem Ball den Reflex – damit den Fluss andauernden Antizipierens von Bewegungen des Balls und des Gegners – unterbricht und wir den Turn verlieren.

Gehirn und Körper antizipieren einfach ununterbrochen; fast für jede Situation halten sie automatisierte Abläufe bereit: vom simplen Reflex bis zum gedankenschnellen Ergänzen verstümmelter Texte und Bilder. Nur ausnahmsweise erleben wir so etwas wie Schockstarre, bleibt uns „die Spucke weg“ oder „das Herz stehen“. Antizipation ist messbar schneller als jede gedankliche Entscheidung, aber auch mit Fehlerrisiko behaftet, salopp gesprochen „quick and dirty”.

Kann es verwundern, dass unsere Vorfahren schon in der griechischen Antike tierische mit menschlichen Physiognomien verglichen und daraus auf Charaktere zu schließen versuchten? Zeichnungen aus der Zeit des Aristoteles – also ca. 350 v. Chr. – offenbaren von der „Löwenmähne“ bis zum „Schafskopf“ erheiternde Assoziationen. Meine Mutter war in meinen Kindertagen überzeugt, dass ein Schreiner in der Nachbarschaft „in einem früheren Leben ein Storch gewesen“ sei. Tatsächlich stand der hagere Mann mit zum Buckel gerundeten Schultern und langer Nase auf einem Bein an der Bandsäge, das andere schlang er unterm Knie um die Wade, gelegentlich wechselte er vom linken aufs rechte. Wenn Sie ein wenig nachdenken, fallen Ihnen vielleicht auch noch Füchse, Eulen, Mäuse, Frösche, Karpfen und andere Assoziationen ein.

Dieser Artikel ergänzt die zuerst veröffentlichte Fassung im Globkult-Magazin

Weiter zu Abschnitt II

Weihnachtsgurken (III)

(Zurück zu Teil II)

 Als Mutter und Großmutter mir die Begebenheit erzählten, war der Heringssalat am Heiligen Abend längst wieder unverzichtbares Ritual, es kamen sogar Orangen auf den Gabentisch, denn im Rheinland war das Wirtschaftswunder im Gang, die Geschwister der Omma halfen – und zwar uneigennützig – mit Westpaketen. Aber immerhin erfuhr ich noch, dass die „Weihnachtsgurken“ wirklich für alle Beteiligten ein Glücksfall waren: Bauer Kurt hatte in jenem Jahr einen ziemlich üppigen Teil der Gurkenernte dem Zugriff der Behörden entzogen, er brachte ihn kurz vor Weihnachten mit Gewinn unter seine Kundschaft. Emmy erfreute sich jedes Jahr aufs Neue an dem mundgeblasenen Engel. Das weiß ich, weil ich in den 60er Jahren einen heftigen Flirt mit ihrer Enkelin hatte, ausgerechnet an Weihnachten und leider nur kurz, vermutlich weil ich zu viel Heringssalat gegessen hatte.

 Die Omma hatte nicht nur Weihnachten gerettet, sie hatte einen monatelang haltbaren Gurkenvorrat. Meine Mutter triumphierte, denn sie hatte bei dem Deal eine reife schauspielerische Leistung abgeliefert: Sie verabscheute den strahlenden Engel eigentlich als Kitsch und war froh, dass die Familie stattdessen etwas Anständiges zwischen die Zähne bekam. Sie hatte Geschmack, verfehlte nur knapp eine künstlerische Laufbahn, weil ich zur Unzeit auf die Welt kam, aber das ist schon wieder ein andere Geschichte. Jedenfalls verdanke ich meiner Mutter wohl die Neigung zum Theater. Die eigentliche Ironie des Ganzen stellte sich erst kürzlich heraus: Bei der beliebten Fernsehshow „Bares für Rares“ wurde ein alter Glasengel aus Lauscha auf 1500 Euro taxiert. Dafür könnten Sie etliche Gurken vergolden lassen.

Gurke aus Glas als Christbaumschmuck
Vielleicht zum Ausprobieren einer etwas anderen Bescherung?

Auch die eigentliche Geschichte von den “Weihnachtsgurken” beginnt im 19. Jahrhundert: Eine kleine Gurke aus grünem Glas hing versteckt in den Zweigen. Wer sie zuerst fand, durfte mit dem Auspacken der Geschenke beginnen. Der seltsame Baumbehang wanderte damals aus dem Thüringischen Glasbläserdorf Lauscha in die USA, wurde dort als „Christmas Pickle“ zum Renner – und kehrte, fast vergessen, vor einigen Jahren als spaßiger Brauch zur Bescherung nach Deutschland heim. Das skurrile Gemüse gibt es mittlerweile in vielen Größen und Formen. Ob und wie oft darum bei der Bescherung gestritten wird, ist erstaunlicherweise von der Wissenschaft noch nicht untersucht.

ENDE

Die Lust am Stempeln

Meine Mutter als Kind 1930 vorm Elternhaus
Meine Mutter als Kind 1930 vorm Elternhaus

Mein Elternhaus, Nummer 26 in der Herrenstraße in Suhl, einer durch ihre Waffenproduktion in Europa bekannten Thüringischen Kleinstadt, trug bis zu seinem  Abriss bei den Nachbarn den Namen “Bornmüllers Hof”. Das im Geviert um einen romantischen Innenhof gebaute Fachwerk aus dem 18. Jahrhundert beherbergte bis zur Inflation 1923 die Gewehrfabrik Richard Bornmüller und Co..

Im Maschinenraum des Handelsschiffes „Freienfels“ im Indischen Ozean

Meinem Großvater Karl fiel als einem 1919 aus Kriegsgefangenschaft im fernen Australien entlassenen Schiffsingenieur nur mehr das Los zu, die Reste der untergegangenen Firma seines Onkels Richard und seines Vaters Hilmar aufzulösen. Die Geschäfte waren schon während des Weltkriegs schlecht, denn Richard war zwar ein begnadeter Erfinder, erlangte Beachtung aber nur durch Jagd- und Sportwaffen. Den großen Konkurrenten – Haenel, Krieghoff, Gebrüder Merkel, Sauer, Simson – mit ihren Aufträgen vom Militär war er nicht gewachsen. So verschwand das Unternehmen; mein Großvater wurde arbeitslos, verdingte sich zeitweise bei Simson als Pförtner, später bei Krieghoff in der Produktion für den nächsten Weltkrieg.

Hinterhaus von Herrenstraße 26, vormals Gewehrfabrik

Als ich geboren wurde, existierten noch Überreste der einstigen Firma: Im Hinterhaus, direkt am Ufer des Flüsschens Lauter befand sich das ehemalige Kontor, an dessen Fenster mein Großvater noch zu erkennen ist. Es wurde in den 60er Jahren zu meinem Abenteuerspielplatz. Ich fand dort neben zahllosen Unterlagen einstiger Buchführung – sogar Scheckheften der „Schwarzburgischen Landesbank zu Sondershausen“ – unbenutzte Dokumente, Kassenbücher, Formulare, vor allem aber etliche Stempel. Alsbald wurde Beschreiben und Bestempeln zu einer wahren Leidenschaft. In der fiktiven Welt von „Richard Bornmüller & Co.“ war ich der Chef. Mit gehörten die Gespenster alter Gewehre und Apparaturen, Konten, Kredite und Debite. Stempel machten mich zum Eigentümer. Ich erteilte schriftliche Weisungen an Lieferanten und Angestellte, korrespondierte mit Kunden, rechnete aus und ab: Stempel und Unterschrift besiegelten mein Walten.

Weder Bank noch Fürstentum überlebten: Schwarzburg-Sondershausen

Stempel, Marken, Siegel, Wappen: Sie waren über Jahrtausende die materiellen Belege für die gesellschaftliche Stellung ihrer Inhaber, Symbole informeller Macht. Sie zu fälschen wurde bestraft, Strafen variierten von Prügeln und Pranger bei einfacher Urkundenfälschung bis zur Kerkerhaft und Todesstrafe etwa für Falschmünzerei oder den Missbrauch herrschaftlicher Insignien. Im Porträt des Königs oder der Kaiserin prägte sich deren Rang ebenso aus wie die unangreifbare Macht des Staates auf dem Geldschein.

1910 eine Menge Geld – nach der Inflation nur noch Altpapier. Wert heute: Null Komma Nix!

Es ist kein Zufall, dass wir im Zeitalter von Massengesellschaft und Massenkommunikation den Siegeszug der „digitalen Signatur“ erleben – einschließlich des Aufkommens digitaler Währungen. Daneben aber konkurrieren „analoge“ Geschäftszeichen und Gesichter immer noch als Ausdruck informeller Macht: Marken und Prominenz anstelle von Zunftzeichen, Petschaft, Prägestempel. Und es offenbart sich auch hier das spannungsvolle Verhältnis von Qualität und Quantität. Numismatiker und Philatelisten wissen, wovon ich rede, ebenso Kunstsammler und Museen. Nicht die Menge an historischen Objekten entscheidet über deren Wert, sondern ihre Qualität. Originalität und Erhaltungszustand, Alter, Seltenheit, das Signet des Künstlers zählen. Massenhafte Verfügbarkeit entwertet jede Kopie: In ihr verschwinden fast alle unnachahmlichen Eigenschaften der Vorlage.

Vom „Klassenfeind“ zur D-Mark umgerubelt: Geld der sozialistischen Pleite

Mir erscheinen die Bitcoins und ihre Verwandten – die geplante digitale Währung der EZB zumal – ebenso gespenstisch wie die Versprechungen eines Tausenders aus dem Kaiserreich oder die einer 500-Mark-Banknote der DDR. Wenn der nächste große Kladderadatsch kommt, wird einfach niemand mehr da sein, jene Versprechen auf ihren Wert einzulösen, für die arbeitende Menschen das Kostbarste hergeben, was ihnen das Universum schenkt: Lebenszeit. Die einzigartige, unverwechselbare, unersetzliche Qualität des Individuums. Ihr gegenüber sind eigentlich alle Stempel und Währungen wertlos: keine Sekunde ist zurückzukaufen. Das Signum über ihren Wert oder Unwert drückt ihr jeder selbst auf: indem er sie als Erfahrung nutzt. Niemand außer ihm selber kann das.

Aber virtuelle Währungen sind mir nur ein Hinweis darauf, wie spannungsvoll sich informelle und materielle Dimension von Macht zueinander verhalten. Selbst die imposantesten Unternehmen müssen fürchten, dass eine ihrer – aufwendig beworbenen und geschützten – Marken entwertet wird. Umgekehrt können Marken und Signets gescheiterter Firmen zu neuem Glanz kommen. Und in Zeiten globaler Netzwerke kann eine einzige Information – unabhängig vom Wahrheitsgehalt – katastrophale Wertverluste bewirken.

Die informelle Dimension der Macht hat an Bedeutung gewonnen: Die „Aufmerksamkeitsökonomie“ treibt sowohl die Konzerne wie die Mächtigen dieser Erde vor sich her. Und dieses Phänomen greift tatsächlich tief ins Leben des Einzelnen: Seine berufliche Existenz, seine Chancen bei der Partnerwahl, sein Ansehen, das seiner Familie und Freunde wird durch fortwährende Kämpfe um die Deutungshoheit von „Gut“ und „Böse“ erschüttert. Er beteiligt sich auch gern virtuell daran: beim Computerspiel, in den „sozialen Netzwerken“, als Zuschauer und Kommentator. Anders als in religiös orientierten Gesellschaften, wo überschaubare Normen und Alltagsrituale das Zusammenleben „prägen“, sieht sich das Individuum rasch wechselnden Werturteilen, Ansprüchen immer neuer Korporationen auf Deutungshoheit, immer rascherem Verfall vermeintlicher Gewissheiten gegenüber. Worauf und auf wen ist Verlass? Wem kann, wem darf einer vertrauen?

Texte von Bert Brecht und der „Staatsfeind“ als Clown 1981

In den Tagen vor meinem 70sten Geburtstag kamen mir meine Stasi-Akten wieder in die Hände. Sie reichen über 50 Jahre zurück, bis in meine Schulzeit. Höhepunkt der Mühewaltungen von offiziellen, inoffiziellen – informellen – und „gesellschaftlichen“ Mitarbeitern waren die 80er Jahre. Dutzende von ihnen bespitzelten und lähmten meine Arbeit als Regisseur und Schauspieler bis zum Berufsverbot. Unter ihnen waren Kolleginnen und Kollegen, Freunde – allerdings kaum enge – etliche Personen in Behörden, im Theaterverband und Kulturministerium, sogar der Hauptdarsteller einer meiner letzten Inszenierungen. Ich war als „feindlich negatives Subjekt“ abgestempelt.

Die Machtverhältnisse in der Demokratie, in der ich seit über 30 Jahren lebe, erscheinen unübersichtlicher als damals, die Kämpfe um Deutungshoheiten nicht weniger verbissen. Zahllose Organisationen bewaffnen sich mit Stempeln. Sie verteilen sie samt dem Versprechen an ihre Gefolgschaft, sich als die „Guten“ einen Anteil der Privilegien und des Eigentums zu sichern, die den als böse gebrandmarkten weggenommen werden. Sie bevollmächtigen, Letztere zu bepöbeln, zu denunzieren, an den Pranger zu stellen, auszuplündern, gar auszulöschen. Egal ob im Cyberspace oder in der Realität: Diese Jahrtausende alten Muster menschlichen Handelns ändern sich nicht. Ich durfte im längst vergessenen Kontor meines Großvaters lernen – und das war der Wert der wertlosen Stempel – wie vergänglich Insignien der Macht sind, und wie kostbar dagegen die Erfahrung eines Vertrauens in liebevolle Zuwendung von Menschen, die immer beides sein können: gut und böse.

Die Weisheit des Heimatkundigen

Vor Hans-Jürgen Salier empfinde ich tiefen Respekt. Nicht nur weil er 1990 – noch vor der Währungsunion und dem Ende der DDR – in Hildburghausen seinen Verlag “Frankenschwelle” gründete. Seit wir uns – einige Jahre später – erstmals begegneten, erschien mir seine Arbeit als Historiker wie Unternehmer in Südthüringen unschätzbar. Dort hatte der SED-Staat wirtschaftliche und kulturelle Stärken der ganzen Region durch Enteignen, rigides politisches Bevormunden und ein brutales Grenzregime bis auf wenige kleine Widerstandsnester abgewürgt. Zu denjenigen, die eigensinnig Auswege suchten – unter gelegentlich unvermeidlichen Rumpfbeugen, unter dauernder Beobachtung der Stasi, von der SED mit viereckigen Rädern fürs Wagenrennen um berufliche Ziele ausgestattet – gehörte der Deutschlehrer Hans-Jürgen Salier. Das achte ich umso höher, als ich, von meinem Deutschlehrer Siegfried Landgraf zu widerständigem Denken ermutigt, meiner nahe gelegenen Heimatstadt Suhl gleich nach dem Abi 1969 entfloh, der DDR kurz vorm Mauerfall entkam; Hans-Jürgen Salier blieb.

Den Bezirk Suhl im Südwesten kujonierten besonders engstirnige SED-Funktionäre. Auch in der „autonomen Gebirgsrepublik“ wurden Straßen und Schulen nach sozialistischen Säulenheiligen umbenannt, Denkmäler gestürzt, Geschichte geklittert, gewachsene Traditionen unterdrückt oder bis zum Vergessen ignoriert. Dadurch entlarven sich heute wieder die Nachfahren der SED alias „Die Linke“ ebenso wie in ihrem Bemühen, die Sprache mit doktrinären Phrasen zu verunstalten und den DDR-Sozialismus weichzuzeichnen. Ende der 80er Jahre gehörte Hans-Jürgen Salier zu den Mutigen, die dem wirtschaftlich, ökologisch, moralisch hinfälligen „Arbeiter-und-Bauern-Staat“ in einer friedlichen Revolution die Macht entwanden. Seine Notizen aus jener Zeit beweisen, wie waghalsig und doch besonnen sich Bürger ihre Freiheit und Selbstbestimmung zurückholten, ohne Rache zu üben. Sie ersparen dem Leser auch nicht die bittere Einsicht, dass die Apparatschiks der DDR samt Hilfstruppen in den Medien im vereinigten Deutschland seit 30 Jahren Karriere machen und reichlich ideologisch verblendeten Nachwuchs heranziehen konnten.

So überrascht wie ermutigt wird jeder Leser aus Saliers „biographischen Notizen“ erfahren, wie der Historiker sich in einer von den Überwachern unterschätzten und mangels Sachkenntnis nie durchschauten Nische schon in den DDR-Jahren internationales Renommee verschaffte: Als Philatelist. Beim Lesen wird auch klar, dass es dazu enormer Geduld und Hartnäckigkeit bedurfte. Unter den Augen hauptamtlicher und inoffizieller oder „gesellschaftlicher“ (IM, GSM) Stasimitarbeiter pflegte der Sammler Netzwerke überallhin. Philatelistenverband und Kulturbund spielten mit, denn Saliers Arbeiten ernteten Medaillen auch im „Nichtsozialistischen Währungsgebiet“. Das brachte Devisen. Nur der lukrative Handel mit Marken und Münzen aus der Nazizeit blieb der zuständigen staatlichen Stelle vorbehalten: der „Kommerziellen Koordinierung“ des Stasi-Majors und letzten Hoffnungsträgers von Erich & Erich: Alexander Schalck-Golodkowski. Salier erlebte das DDR-Schlusskapitel als Lektor im Berliner „transpress“-Verlag, auch dessen Niedergang im „Rette sich wer kann!“-Taumel der „Wendezeit„. Sowenig er den von der SED selbst erfundenen „Wende“-Begriff akzeptierte, so konsequent suchte er den eigenen Weg Richtung Marktwirtschaft und Demokratie.

Carl Joseph Meyer (1796-1856), berühmt als „Lexikon-Meyer“, verlegte sein „Biblio-graphisches Institut“ nach Hildburghausen.

Es ist nicht übertrieben, Hans-Jürgen Salier in den Fußstapfen eines anderen berühmten Unternehmers in Hildburghausen wandeln zu sehen. Nicht nur, weil beide daselbst als Verleger arbeiteten, sondern weil sie sich mit Leidenschaft unter hohem finanziellen und politischen Risiko für die Volksaufklärung engagierten. „Im Land der Anderen“ versteht darunter – ebenso wie Saliers frühere Bücher – keineswegs jene sich ans Publikum anbiedernde „trinkbare Information“, die ein SWR-Fernsehdirektor im Quoten-Zeitalter seinen Autoren fürs „Storytelling“ verordnete. Im Gegenteil: Genaue Datierung, Fußnoten, Bezüge zu Personen sind mit der Sorgfalt des Sammlers und Historikers vermerkt – anspruchsvolle Texte; und sie werden ebenso wie die dreibändigen „Grenzerfahrungen“ aus dem Bezirk Suhl an der Grenze zu Bayern und Hessen, die bis 2005 bei der „Frankenschwelle“ erschienen, als wichtige Dokumente der Zeitgeschichte dienen können. Für DDR-Unkundige erläutert ein Glossar am Ende des Buches Begriffe und deren Missbrauch im „Kaderwelsch“* der SED. Wer darüber Ausführlicheres erfahren möchte, findet es im gerade erschienenen E-Book des Leipziger Verlags.

2009 waren Hans-Jürgen Salier und ich gemeinsam in Hildburghausen unterwegs, für den SWR-Hörfunk entstand das Feature „Wikipedias Urgroßvater: Der Lexikon-Meyer“. Mich erstaunten Saliers Sachkenntnis wie seine Heimatverbundenheit. Sie spricht aus dem Programm seines Sohnes Bastian, der 2006 in Leipzig den Salier Verlag als Nachfolger der „Frankenschwelle“ gegründet hat. Auch Joseph Meyers Sohn Herrmann Julius führte in Leipzig das Werk seines Vaters fort. Den Saliers und ihren Büchern wünschte ich einen mindestens ebenso großen Erfolg: Damit nicht wieder selbst verschuldete Unmündigkeit National- oder „Real“-Sozialisten zur Macht verhilft und Thüringen, Deutschland und Europa verdunkelt.

*) Zum Begriff gibt es ein Gedicht von Bertolt Brecht in den „Buckower Elegien“ [Nr. 11] DIE NEUE MUNDART. Es lohnt immer, sie zu lesen.

Hans-Jürgen Salier

Im Land der Anderen – Begegnungen mit dem Sozialismus in der DDR.

Salier Verlag
Mai 2020 – 283 Seiten, 14,90 €

Impulse und Macht

Teil 4 des Vorworts zu „Der menschliche Kosmos. Zurück zu Teil 3

Komplexe Impulssteuerung beim Schwimmen: nicht untergehen, Atem holen, vorankommen

Die Irritation beim Wechsel von der Frage „WARUM?“ zur Frage „WOZU?“ ist von derselben Art, wie sie ein Rechtshänder empfindet, der wegen einer Verletzung lernen muss, mit der linken Hand zu schreiben. Ebenso gut kann einer trainieren, bei der Einschätzung seines Umgangs mit Menschen und Umwelt eben nicht nur die – bewährte, aber begrenzte – Methode der Konstruktion von Ursachen und Vergangenheiten zu nutzen. Er wird Muster anders erkennen, wenn er fragt: „Was wollen die am Geschehen Beteiligten erlangen, was vermeiden?“, wenn er auf den Verlauf innerer und äußerer Energieflüsse, die Bewegungen dynamischer Systeme und Metasysteme blickt, und den Einfluss eigener Impulse zum Erlangen und Vermeiden mit erfasst.
Dieser Wechsel der Perspektive ist nicht neu. Wieso ihn nicht nur für den Bau von Lasern, Quantencomputern oder einzelne klinische Anwendungen der Psychologie vollziehen, sondern allgemein nutzbar machen? Nicht nur das naturwissenschaftliche Denken, sondern auch Psychologie und Philosophie profitieren davon. Seit einiger Zeit ist der Begriff der „Propriozeption“ im Gebrauch. Er bezeichnet die Eigenwahrnehmung des sich bewegenden Körpers, also die Wahrnehmung fortwährend und meist unbewusst ablaufender Impulse. Sie umfasst nicht nur motorische Bewegungen wie Laufen, Schwimmen, Springen, sondern auch die Lage unserer Organe im Raum, aber auch die Motorik der nonverbalen Kommunikation – also etwa das Lächeln, Hochziehen der Brauen, Redegesten, den Tränenfluss, Schreien und Lachen. Darauf werde ich später ausgiebig zurückkommen. Impulse haben stets ein Ziel. Folgerichtig wäre, dieses Geschehen für den ausschlaggebenden Komplex menschlicher Existenz anzuwenden: Impulsverläufe in Konflikten.

Gemetzel auf einer Grafik von Francesco Goya
Goyas „Desastros de la Guera“ illustrieren die Sprache der Gewalt

Damit sind wir wieder beim Phänomen der Gewalt. Das Ziel von Gewalt ist Destruktion. Sie erstrebt einen chaotischen – regellosen – Zustand, von dem aus eigene Interessen durchgesetzt, fremde Interessen ausgeschaltet oder stark abgeschwächt werden können. Sie nimmt schwere Störungen, ja sogar die Vernichtung des eigenen Systems in Kauf. Gewalt ist nur eine von vielen elementaren Strategien gegen innere oder äußere Störungen des dynamischen inneren bzw. äußeren Gleichgewichts. Auf menschliche Konflikte bezogen: ein Ziel wird erreicht oder ein Schaden vermieden durch destruktives Verhalten; das Risiko, dabei schwerere Verluste zu erleiden, gar zu sterben, wird ignoriert. Das kann spontan geschehen oder bewusst, und es wird umso wahrscheinlicher geschehen, je öfter sich die gewaltsame Strategie mit der Erfahrung eines Erfolges verbindet – egal ob es sich um einen vermeintlichen oder wirklichen Erfolg handelt. Was Sieg, was Niederlage ist – darüber entscheidet die subjektive Wahrnehmung. Strategiewechsel infolge von Niederlagen sind selten. Ich wage zu behaupten: sie sind niemals durchgreifend. Nachzuweisen, dass jemals irgendeine Strategie zwischen den Anfängen der Evolution und dem Anthropozän, zwischen Steinzeit und „Postmoderne“ ausgestorben wäre, bedürfte einer aufwendigen, höchst wahrscheinlich erfolglosen Suche. Sicher ist nur eines: Im „Ernst-“Fall, wenn der „Tunnelblick“ die Selbstwahrnehmung einschränkt, werden alle anderen möglichen Strategien ausgeblendet bis zum Amoklauf: der „Totale Krieg“ zerstört andere und sich selbst.

Brennender Reichstag 27./28. Februar 1933
Setzte am 27./28. Februar 1933 ein Einzelner den Reichstag in Brand? Warum? – oder besser: Wozu?

“Aufarbeitung” ist ein ebenso häufig wie fahrlässig gebrauchtes, bis zum Überdruss verschlissenes Wort. Sie folgt Katastrophen so sicher wie das Amen in der Kirche: sie ist auch meist nichts als Ritual. Jeder, der seine Haltung, Ziele, Handlungsmotive vorteilhaft darstellen will, distanziert sich rituell von den an Katastrophen “Schuldigen”. Die Deutungshoheit über die Frage “Warum” wird zur Monstranz, wird unangreifbar, die eigene Position geheiligt. So geschah es mit der “antifaschistischen Aufarbeitung” des Nationalsozialismus durch marxistisch-leninistische Staatsideologie.

Tatsächlich verirrt sich die Frage nach dem „Warum“ zwischen Ratlosigkeit, unbrauchbaren Spekulationen, Schuldzuweisungen im Nebel der Unverantwortlichkeit, wenn es um Gewaltherrschaft zum Beispiel von Nationalsozialisten oder Kommunisten, um Amokläufe in Schulen oder Familien, um Terrorakte und katastrophale Schlampereien in Kernkraftwerken oder Chemiefabriken geht. Das ist kein Zufall. „Ursachen“ sind Konstrukte menschlicher Denk- und Kommunikationsprozesse. Die Frage nach den Zielen derjenigen, die da „aufarbeiten”, muss vorab gestellt werden. Dann kann über die Ziele derjenigen nachgedacht werden, die „in der Vergangenheit” handelten, darüber wie sie ihre Ziele, wie sie Umstände ihres Handelns wahrnahmen, wie sie zu Entscheidungen kamen. Dieses Nachdenken offenbart eine Dynamik sich häufig wiederholender Muster. Wer rechtzeitig und vorbehaltlos nach den eigenen, dann nach den Zielen anderer fragt und beides in ein Verhältnis bringt, wer das fragt, solange Schlamperei, Feindseligkeit, Gewalt noch „latent“ sind, kann dank erkannter Muster künftige Konfliktverläufe abschätzen, sogar manche Katastrophe abwenden. Auf unabwendbare wird er sich einrichten müssen. Konflikte sind letztlich so wenig vorhersehbar wie Menschen einheitlichen Handlungsmustern folgen, so wenig sich „Tugenden” und „Laster” säuberlich scheiden lassen.

Titel zu "Masse und Macht" von Elias Canetti
Längst nicht ausgeschöpft: Der Gedankenreichtum von Elias Canetti

Hierzu sei beispielsweise auf Nietzsches interessante aphoristische Gedanken in „Menschliches Allzumenschliches“ und auf Elias Canettis „Masse und Macht“ verwiesen. Beide bereichern die Diskussion um den „Freien Willen“ in hohem Maß.
Sind die Ketten der Kausalität, des Denkens in Abfolgen von Ursachen und Wirkungen, gesprengt, können die Konflikte des Individuums und der Metasysteme von Familien, Nationen, Völkern und ihren Kulturen besser verstanden werden. Quantenphysik, Relativitätstheorie und Informatik haben längst offenbart, wie brüchig diese Ketten sind. Wer sich nicht befreit, wird die Krisen und Katastrophen der sich global organisierenden Menschheit nicht verstehen, geschweige abwenden. „Wer die Ursachen beherrscht, gebietet über die Folgen” – auf dieser Einstellung fußen Strategien der mechanischen Dominanz. Wir erleben aber am Beispiel des weltweiten Terrorismus gerade, dass auch das gewaltigste Übergewicht mechanischer (militärischer) Instrumentarien systemische Prozesse nicht nachhaltig steuern kann. Der Perspektivenwechsel wird sich durchsetzen, weil er keiner ideologischen Rechtfertigung bedarf. Das Zeitalter universeller Gesellschaftsentwürfe ist allerdings genau deshalb vorbei. Sie waren immer die gedanklichen Rechtfertigungen für mechanische Dominanz, ihr systematischer Fehler ist, dass sie eine „Objektivität“ oder göttliche Herkunft von Modellvorstellungen, von „Vergangenheit“ und „Gegenwart“ erforderten, mit der „Zukunft“ zu prognostizieren ist – bis hin zur sogenannten „Weltformel“ oder zum „Weltgericht“. Aber eine solche Formel kann und wird es niemals geben. Die Revolution unserer Zeit ist der revolutionierte Zeitbegriff: Der Mensch erschafft Raum und Zeit unseres Universums mit, während er denkt, Denken ist schon Handeln, und die Dynamik dieser unauflösbaren Wechselwirkung kann nicht formelhaft „fixiert“ werden, weil eine Fixierung das Ende der Dynamik selbst bedeuten würde. Die neue Perspektive widerlegt indessen keineswegs den Sinn der Forschung, sie zeigt nur deutlicher die eigenen Grenzen; mechanische Vorstellungen versagen darin.

Titel der Ausgabe 2006 von "Der menschliche Kosmos"
„Der menschliche Kosmos“ erschien 2006 – als Vorlage zum Mit- und Weiterdenken

Reden wir vom Ziel dieses Buches: Es will keine neuen Weisheiten verkünden, sondern ein Training anbieten: Leser können versuchen, öfter statt nach dem „Warum“ nach Zielen und Strategien zu fragen, sie können versuchen, ihren eigenen Alltag anders zu erleben und zu gestalten – egal ob sie es in der internationalen Politik, im Management oder in den eigenen vier Wänden tun. In diesem Sinne ist es ganz und gar unvollkommen, weil es darauf vertraut, dass es nur Anregungen für alle diejenigen gibt, die – mit neuer Sicht auf die Welt und sich selbst – handelnd Erfahrungen machen und neue, wichtigere Kapitel schreiben werden. Es lebt von der Subjektivität der Wahrnehmung, und gibt die Subjektivität des Autors immer wieder preis. Es soll Lust darauf machen, einige der vielen alltäglichen „Algorithmen“, Rituale und Strategien kennenzulernen, mit denen unser Gehirn, unser Körper und die umgebende Welt – der „menschliche Kosmos“ – aufeinander wirken. Das wenigste davon ist uns bewusst, eben weil unser Bewusstsein um Größenordnungen von der Dimension des Kosmos entfernt ist. Aber Entdeckungsreisen sind möglich. Im Himmel und auf Erden.

Ende des Vorworts

Wovon Medien – themenunabhängig – leben

Unser Gehirn hat ein Problem: “WARUM” ist seine Lieblingsfrage. Und die Antwort erfolgt reflexhaft – seit Millionen Jahren. Was das für unsere Wahrnehmung und unser Zusammenleben bedeutet, damit befasst sich Kapitel 4 in “Der menschliche Kosmos”.

4. Kapitel

Mir nützt, was anderen schadet – das egozentrische Weltsystem
Wahrnehmung und Wahrnehmungsfehler des egozentrischen Weltsystems. Rollenspiele vor der Gaskammer. Mitleid und Schadenfreude als soziale Schmiermittel.
sündenbockDas älteste und unentbehrlichste Haustier des Menschen ist der Sündenbock.
Dieses Tier besitzt einige erstaunliche Eigenschaften: Es ist praktisch fast überall und jederzeit verfügbar, ohne dass es anwesend sein müsste. Seine Gestalt ist von unbegrenzter Mannigfaltigkeit: gerade war es noch der Nachbar mit seinem knatternden Rasenmäher, da nimmt es schon verallgemeinert die Form einer stinkenden, umweltzerstörenden Autolawine an, beschleunigt jäh bis zum Überschallknall eines Militärjets. Die Fratze der Kommunisten erscheint kurz im Abgasstrahl. Die Menschen schütteln noch die Fäuste gegen den Himmel, da plumpst der Sündenbock ihnen als Kohlendioxyd speiender amerikanischer Politiker vor die Füße. Der aber löst sich sofort in Nebel auf: „Die CIA!“ raunt es dunkel. „Die Illuminati“, grunzt der populärwissenschaftlich gerüstete Papa und greift zum Bier. Auf dem Bildschirm erscheint ein mit professoralen Weihen geadelter Sachverständiger und schickt sich an, den Schuldigen des jeweiligen Elends dingfest zu machen, aber plötzlich verlischt das Bild.
„Vanessa, du kleines Mistvieh, leg sofort die Fernbedienung auf den Tisch“, kreischt die Mama, es folgt das Geräusch eines schweren pädagogischen Missgriffs und das Geplärr jener kleinen, schwachen Figur, in die der Sündenbock gerade inkarniert ist.
Vom Sündenbock lässt sich nur eines mit Sicherheit sagen: er ist schuld. Niemand hat meines Wissens – und das grenzt in der Ära des quantifizierenden Denkens an ein Wunder – genau quantifiziert, wie viel Zeit Menschen im Laufe ihres Lebens mit der Jagd nach dem Sündenbock verbringen. Es ist sehr viel. Denn nicht nur die wirkliche Jagd – etwa auf den Pfuscher am Arbeitsplatz oder in der Verkehrsbehörde – frisst ja Zeit, auch die Beschreibungen, Analysen, Klassifizierungen seiner politischen, wirtschaftlichen, moralischen Erscheinungsformen müssen dazu gerechnet werden, seine Auftritte auf Bühnen, in Film, Funk, Fernsehen und Computerspielen, in Büchern und Zeitschriften. Genaugenommen sind wir mit wenig anderem so ausdauernd beschäftigt wie mit ihm, dem Sündenbock, oder anders gesagt, damit, Feindbilder zu zeichnen und Schuld zuzuweisen.
Weiterlesen in Abschnitt 2

Diktatur und Schwarmdummheit

AlbertEinstein_BriefmarkeTeil 3 des Vorworts von „Der menschliche Kosmos“. Zurück zu Teil 2

Die Physik erweiterte ihr Weltbild seit Beginn des 20. Jahrhunderts um Relativitäts– und Quantentheorie. Sie revolutionierte das wissenschaftliche Denken, Forschung und Technik, auch die Philosophie, vor allem aber die Informationstechnologie. Mit dem Boom der digitalen Kommunikation, der globalen Netzwerke und deren Allgegenwart verschoben sich Konkurrenzen um die Macht zwischen deren materieller und informeller Dimension. Wirtschaft und Politik, natürlich auch die ihnen hörigen Medien, folgen gewohnheitsmäßig aber den Mustern mechanischer Dominanz. Sie zeigen das Universum als ununterbrochene zeitliche Abfolge von Vorgängen, durch Ursache und Wirkung verknüpft. Der Mensch ist herausgehobenen Beobachter, der seine Sicht mittels immer besserer Instrumente zu einem „objektiven“ Bild, zur „objektiven Wahrheit“ vervollkommnet. In deren Besitz wähnte sich der Marxismus-Leninismus und beanspruchte die Weltherrschaft mit dem Versprechen, das Wohl der Menschheit mittels Planwirtschaft durchzusetzen. Leicht abgewandelt ersetzen heutige kollektivistische Bewegungen den „Godmode“ objektiver Erkenntnis durch die „Weisheit der Vielen“, „Schwarmintelligenz“ oder – so kurz wie kindisch – durch das simple „Wir sind mehr“.

Dieses Vorgehen hat sich in der Wechselwirkung zwischen Sinnen, Umgebung und Gehirn durchaus bewährt. Es hat der Menschheit und ihrem Instrumentarium enorme Erfolge ermöglicht – es hat sie allerdings auch an den Rand der Selbstvernichtung geführt. Die Frage „Warum“ ermöglichte, Krankheitserreger und „Schädlinge“ auszurotten, Schuldige zu identifizieren, zu bestrafen in der Hoffnung, andere Missetäter abzuschrecken. Die Masse folgte dem Rezept fast jederzeit, ohne sich über die Theorie dahinter und mögliche systemische Nebenwirkungen Gedanken zu machen. So ließen Ausrottungsfeldzüge – etwa mit Antibiotika – immer gefährlichere Krankheitskeime heranwachsen, manche „Schädlingsbekämpfung“ vergiftete die Umwelt bis zur Unbewohnbarkeit. Kriminalität ließ sich durch grausamste Verfolgung nie beherrschen, stattdessen zerstörten Denunziation, Folter, Lagerhaft Vertrauensgrundlagen der Gesellschaft. Der Zugriff auf die „Ursachen“ löste immer nur Teile eines Problems, indem mechanisch an „Stellschrauben“ gedreht wurde, was neue Probleme erschuf, gern als „Herausforderung“ beschönigt. Die Frage „Warum“ führt zu Antworten von sehr begrenztem Wert.

Wie wäre es, stattdessen öfter zu fragen „WOZU“? Genau das versucht dieses Buch.

In den vergangenen Jahrzehnten hat das Denken neue Bereiche eröffnet, es sind Begriffe wie „systemisch“, „vernetzt“, „ganzheitlich“ oder „komplex“ aufgekommen, ohne dass sie das Alltagsverhalten wirklich verändert hätten; oft sind sie nur Worthülsen, hinter denen sich tief eingewöhnte Denk- und Umgangsformen verbergen. Denn nach wie vor wird für fast jedes Problem nach einer „Ursache“ gesucht und für jeden Schaden nach einem Schuldigen – und ebenso oft geht es um die Macht: die informelle und materielle.

Wie ließe sich das Herangehen an komplexe Systeme verbessern? Ein paar Einsichten können helfen:

  • Auf die „wirkliche Vergangenheit“ haben wir keinen Zugriff, denn es gibt keine ZeitmaschineDelorean5Zeitmaschine, die ihn uns verschaffen könnte. „Vergangenheit“ – also jedes Ereignis in zurückliegender Zeit – lässt sich nur in Hervorbringungen unseres Gehirns „behandeln“, als Konstrukt, als Modell. Das Modell kann umfänglich sein und viele Details enthalten, wenn viele Gehirne an seinem Zustandekommen beteiligt sind – es bleibt ein Modell. Die vermeintlichen „Ursachen“ sind also ebenfalls Konstrukte. Das aber bedeutet, dass jede „Vergangenheit“ – jede Modellbildung überhaupt – unlösbar mit den Zielen desjenigen verbunden ist, der sie modelliert, ob er sich dessen bewusst ist oder nicht. Es gab und gibt keine von Zielen menschlichen Lebens abgekoppelte „Objektivität“ – weder im Denken noch im Handeln.
  • Nirgendwo in unserer Umgebung gibt es irgendein System – und das gilt vor allem für lebende Organismen –, das existieren könnte, ohne in Bewegung zu sein. Das gilt für die „innere“ Bewegung, mit der das System seine charakteristische Form aufrechterhält und für die „äußere“ Bewegung, in der das System mit seiner Umgebung wechselwirkt. Es ist diese Bewegung, die wir als „Zeit“ wahrnehmen.
  • „Innere“ und „äußere“ Bewegungen sind verkoppelt und konkurrieren miteinander. Jedes einzelne System hat das Ziel, sich in Form und Funktion zu erhalten, das heißt, die für seine innere Bewegung nötige Energie zu erlangen und äußere Störungen zu vermeiden. Eine der wesentlichen Strategien ist, dass sich viele Individuen – oder einzelne Zellen – zusammenschließen zu Schwärmen – bzw. neuen Organismen. Deren Form und Funktion ist nicht mehr durch einfache Ursache-Wirkungs-Schemata von der einzelnen Zelle – vom Individuum – abzuleiten.

Anschauliche Beispiele sind Schwärme von Fischen und Vögeln oder Pseudoplasmodien, Vielzeller, die sich schneckenhaft fortbewegen. Darin haben einzelne, zuvor amöbenhaft lebende Zellen einer bestimmten Art von Schleimpilzen die selbständige Existenz aufgegeben, wurden ununterscheidbare Teile eines „Metasystems“ mit qualitativ völlig anderen Erhaltungsstrategien und Bewegungsmustern als die Teilorganismen. Menschenmassen können „Schwarmqualität“ erreichen. Physisch ist das bisweilen in Zeitrafferaufnahmen sicht-, im Stadiongeräusch hörbar. Die Kommunikationskanäle, deren es dazu bedarf, sind ein Hauptthema, dieses Buches.

  • Es gibt kein System, das von Wechselwirkungen unabhäng existiert, und diese Wechselwirkungen lassen sich von den Erlangungs- und Vermeidungsstrategien aus – also den Zielen der wechselwirkenden Systeme – statt von deren „Vergangenheit“ („Ursachen“) aus betrachten.

Diese veränderte Art, Menschen und ihre Umwelt anzuschauen, erscheint zunächst mindestens irritierend, wenn nicht unlogisch. Das liegt aber einfach daran, dass fast jeder mit Begriffen wie „Vergangenheit“ und „Ursache“ verwachsen ist – genauso selbstverständlich, wie sein Gehirn „kopfstehende“ Bilder von der Netzhaut umdreht. Es ist ein winziger Teil einer ungeheuren, andauernden, unzertrennlichen und komplexen Zusammenarbeit zwischen Körper, Gehirn und Welt.

Fortsetzung (Teil 4 und Schluss des Vorworts)

Wir sind die Guten und bringen euch um

Exécution de Marie-Antoinette, Musée de la Révolution française - Vizille
Jubelnde Menschenmenge bei der Enthauptung von Marie Antoinette (Musée de la Révolution française [CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D)

„Der menschliche Kosmos“ – das verlangt der tolldreiste Titel – ist „Work in Progress“. Das Weblog gibt Leseproben dazu. Hier Teil 2 des Vorworts. Teil 1 unterm Link

Die Frage nach dem Überleben der Menschheit ist – spätestens seit dem nuklearen Gleichgewicht des Schreckens – die Frage nach einem Umgang mit Konflikten, der Gewalt begrenzt.
Wie soll das gehen?
Natürlich lässt sich eine Elementarstrategie, wie die Gewalt es ist, nicht einfach abschaffen. Sie hat zum Überleben der Gattung beigetragen wie die Paarung zur Fortpflanzung. Menschen erleben andauernd, welches Glücksgefühl entsteht, wenn ein „Befreiungsschlag“ gelingt, wenn Fesseln gesprengt werden, wenn das Übermächtige und Bedrohliche zu Boden stürzt und zerschmettert werden kann – wie Hitlers Führerbunker und der Stacheldraht um die Arbeitslager Stalins, wie die Berliner Mauer, wie der israelische Panzer oder der Taliban- Bunker, der in die Luft fliegt, wie der Kinderschänder, der einer rächenden Meute in die Hände fällt. Gewalt macht Lust, wenn sie „das Böse“ austilgt, und dieser Lust überlassen sich tagtäglich, zu jeder Stunde und Minute, in jedem Augenblick Millionen Menschen im Fernsehen, im Kino, im Theater, im Stadion oder im Panzer, mit der Steinschleuder in der Hand, im Düsenjäger, mit dem Messer oder der Maschinenpistole – oder im Bordell bei einer Minderjährigen. Oder auch mit dem Federhalter überm Papier, dem Mikrofon vor der Nase, der Kamera auf der Schulter, dem Text- und Bildverarbeitungsprogramm oder dem 3-dimensional animierten Killerspiel auf dem Monitor. GEWALT MACHT LUST.
„Das Böse“ sind immer die anderen.
„Gewalt Macht Lust“ – das ist ein Dreigestirn von fast ebenso metaphysischer Dimension wie „Glaube Liebe Hoffnung“. Aber mit der Moral und Metaphysik von Gut und Böse kommt man ihm ebenso wenig bei, wie mit dem Schraubenzieher des mechanischen Zeitalters, das den Menschen als vernunftbegabtes Tier und den Kosmos als Räderwerk von unablässig aufeinander folgenden Ursachen und Wirkungen ansieht.
Gewalt ist weder gut noch böse, dazu macht sie nur und ausschließlich unsere Wahrnehmung. Ebenso wenig ist sie „gerecht“ oder „ungerecht“ – dazu macht sie ausschließlich die Wahrnehmung und Interpretation ihrer Opfer oder Nutznießer.
Eines aber ist Gewalt ganz sicher: sie ist immer an ein Ziel gebunden, sie ist eine Elementarstrategie zur Erlangung eines Ziels. Das Ziel kann sein, zu vermeiden, dass ein anderer sein Ziel erreicht.

Wer dem Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt entkommen will, muss vor allem aufhören, zwischen „böser“ und „guter“, „gerechter“ und „ungerechter“ Gewalt zu unterscheiden. Er muss aufhören, nach vermeintlich rechtfertigenden Ursachen zu fragen und stattdessen die ZIELE der Handelnden erkunden.

Der Einzelne – wie das als Subjekt handelnde Kollektiv – muss imstande sein, die Perspektive zu wechseln.

Das Bild des Menschen von sich und seiner Umwelt wandelt sich fortwährend, selten freiwillig. Sigmund Freud und manche gegenwärtigen Autoren sehen etwa in der „Kopernikanischen Wende“, in Darwins Evolutionslehre, in Freuds Psychoanalyse „Kränkungen der Menschheit“. Neue Kränkung sei von der Künstlichen Intelligenz zu erwarten. Kränkung oder nicht: Seit je offenbaren Vorstellungen vom Menschen vor allem erstaunliche, bisweilen erschreckende Redundanz, selten dagegen neue Farben und Konturen. Beachtliche Beiträge lieferten etwa der amerikanische Philosoph Alva Noë mit seinem Buch „Du bist nicht Dein Gehirn“1 – zu einer „radikalen Philosophie des Bewusstseins“ und Rüdiger Safranski mit „Das Böse oder Das Drama der Freiheit“2.

Fortsetzung


1  Alva Noë „Du bist nicht Dein Gehirn“ Piper Verlag, 2010

2 Rüdiger Safranski S. Fischer Verlage 2003 „Das Böse oder Das Drama der Freiheit“

Preußens Gloria: Schlachten für die deutsche Einheit

Titel zu 70/71Der Krieg, dessen Höhepunkt die Gefangennahme und Kapitulation des französischen Kaisers Napoleon III. war, und als dessen wichtigstes Resultat in Schulbüchern gemeinhin die Proklamation des Deutschen Kaiserreiches im Spiegelsaal des Versailler Schlosses erscheint, ist in Archiven und Sammlungen  sehr gut dokumentiert, darüber hinaus auch in den damaligen Zeitungen. Die Ära der Massenmedien hat begonnen: Illustrationen – meist Stiche nach Photographien – steigern Reichweiten, Attraktivität und Wirkung der Presse enorm,  sie werden das Entstehen und den Verlauf kommender Kriege mitbestimmen. Wie groß die Bedeutung der Propaganda seinerzeit schon war, lässt ein  Bericht der “Gartenlaube” aus den Anfangswochen des Krieges erkennen.

Der Militärhistoriker Klaus-Jürgen Bremm hat eine Gesamtschau politischer, militärischer, technischer Entwicklungen und des Geschehens verfasst; er konnte auf eine kaum fassbare Fülle an Material bis hin zu Berichten von Augenzeugen zugreifen. Er hat klug ausgewählt, lässt beide Seiten und internationale Beobachter sprechen und erzählt so spannend, dass mir von der Einleitung an die Lust am Lesen niemals ausging. Schon die politische Vorgeschichte animierte mich darüber hinaus, im Internet nach weiteren Details zu suchen, etwa zum Chassepot-Gewehr, das dem deutschen Zündnadelgewehr überlegen war, wenn es auch die Niederlagen französischer Armeen letztlich nicht verhindern konnte. Der Autor regt immer wieder an, zukünftige Entwicklungen mitzudenken: dass Logistik und Mobilität der Truppen, auf Eisenbahnen gegründet, den Ausgang von Schlachten entschieden, wie Informationsflüsse von funktionierenden Telegraphen abhingen, wie die Wehrpflicht die deutsche Heerführung begünstigte und auf beiden Seiten der Rückhalt in der Bevölkerung den Kriegsverlauf mitbestimmte.

Wer selbst einmal stundenlang ungeschützt im Schlamm bei Wind und Regen unter freiem Himmel ausharren oder im Schützengraben eine Frostnacht durchstehen musste, hat zumindest eine Ahnung von den Leiden der Soldaten – Verwundung, Gefangennahme, Hunger und Tod kann er sich kaum vorstellen. Offiziere fielen häufig als erste, weil sie den Truppen Vorbild sein wollten; „skin in the game“ würde das heute heißen. Noch gab es Kämpfe Mann gegen Mann, aber deutsche Artillerie, französische Mitrailleusen als Vorläufer der Maschinengewehre wiesen auf die Vernichtungskraft künftiger Militärtechnik, Bombardements von Städten auf entgrenzte Gewalt in länger anhaltenden Konflikten hin.

Selbst in den wenigen Monaten dieses Krieges nahmen die Opferzahlen unter der Zivilbevölkerung zu. Hunger und Seuchen, Plündern und Vergewaltigen, das Eingreifen von Guerilla, den sogenannten Franctireurs, gefolgt vom Niederbrennen ganzer Ortschaften zur Vergeltung erscheinen in Bremms Buch wie Wetterleuchten späterer Vernichtungsfeldzüge, Genozide, lassen den „Totalen Krieg“ vorausahnen.

Der Autor betrachtet gleichwohl den Triumph der Sieger, die Annexion von Elsass-Lothringen, den Friedensschluss Bismarcks nicht als simple Ursache kommender Weltkriege. Das deutsche Kaiserreich stabilisierte zunächst die europäische Ordnung. Die Schlächtereien des 20. Jahrhunderts bedurften vieler Faktoren – etwa des Emporkommens imperialer Impulse über den bloß nationalen Rahmen hinaus – um unvorstellbare Leichenberge und Zerstörungen zu hinterlassen. Mag auch manchen Sozialisten die Pariser Kommune von 1871 heute noch Probestück einer besseren Gesellschaft sein: Sie trägt den Keim jener Massaker in sich, die totalitäre Systeme im Gefolge kommender Revolutionen prägten.

Mehr als Fakten, Ereignisse und Personen eröffnen sich dem Leser, und über heutige ungelöste – womöglich unlösbare – Konflikte einer auf Frieden zielenden Politik nachzudenken, legt der Autor ihm nahe. Reichlich Stoff für qualifizierten Geschichtsunterricht.

Klaus-Jürgen Bremm „70/71 – Preußens Triumph über Frankreich und die Folgen“ 336 S. mit 27 s/w Abb. und Karten, 2019 wbg Theiss, Darmstadt.