Brehms Tierleben

Titelbild von Brehms TierlebenEin Lieblingsbuch meiner Kindheit darf ich wieder in der Hand halten: Meine Großmutter las uns daraus vor, es begleitete uns auf Wanderungen durch Wald und Flur, wo wir manchen seiner Protagonisten begegneten, einige schlüpften als Findelkinder zeitweise bei uns unter – Eichhörnchen und Igel zum Beispiel – den Kindern zur Freude, den Familienhunden zum Ärger. Meine Mutter zeichnete und malte, was wir dabei und im heimatlichen Thüringer Wald erlebten.
Unsere Originalbände von „Brehms Tierleben“ haben die Wechselfälle des Lebens nicht überstanden, unser Vergnügen an der Naturbeobachtung und am Umgang mit Tieren, das sie vor über 60 Jahren prägten, blieb. Texte und Illustrationen lesen und betrachten – das ist wie ein Wiedersehen mit sehr vertrauten Freunden nach langer Zeit. Zugleich erfreut es, weil Bildungsgänge ihren Wert beweisen, die seit 200 Jahren enzyklopädisches Wissen allen Schichten der Bevölkerung zugänglich machten.

Ein Blick auf die Editionsgeschichte zeigt, welchen Rang Brehms Arbeit beanspruchen darf, inzwischen gibt es sie auch in digitalisierter Form. Dem Dudenverlag ist die vorliegende Neuausgabe von Teilen des Gesamtwerkes zu verdanken; sie enthält Tiere, die wir heute noch in freier Wildbahn oder Naturparks antreffen. Einband und Druck insbesondere der Graphiken machen das Buch zum willkommenen Geschenk.

Das 19. Jahrhundert war eines der Forschungsreisenden, der Lexika und Enzyklopädien. Mit Alfred Brehm und Hermann Julius Meyer, dem Sohn des berühmten „Lexicon-Meyer“, fanden sich zwei Große dieser Blütezeit. 1863 erschienen in dessen „Bibliographischem Institut“ die ersten sechs Bände des „Illustrierten Thierlebens“ mit Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Robert Kretschmer, in der zweiten Auflage ab 1876 unter dem heute geläufigen Namen „Brems Tierleben“ kamen farbige Illustrationen von Gustav Mützel und Eduard Oscar Schmidt hinzu, deren Qualität Charles Darwin mit dem Lob bedachte, sie seien die besten, die er je in einem Werk gesehen habe.

Karsten Brensing hat eine kluge, gut lesbare Einführung geschrieben, die Brehms Leben und Walten – etwa als Zoodirektor in Hamburg und Berlin – mit der Entwicklung seiner Wissenschaft bis in die moderne Verhaltenspsychologie verknüpft. „…tatsächlich sind wir kaum weitergekommen“, schreibt er, „Brehm hat durch seine Herangehensweise, sich in Tiere hineinzuversetzen und sie zu vermenschlichen, viele Dinge bereits erkannt und aufgeschrieben, die die moderne Naturwissenschaft erst nach viel Zögern als bewiesen akzeptiert hat.“

Sowohl die Entwicklung der Arten wie die des Individuums lassen erkennen, dass tierisches und menschliches Verhalten eng verbunden sind. Wir leben und lernen voneinander und miteinander. Kaum ein anderes Forschungsfeld ist reicher, als die Untersuchung der dabei wirkenden genetischen, sozialen und psychischen Faktoren. Zum Vergnügen an Brehms Sprache und Erzählkunst gesellt sich also die Neugier, der Wissenschaft von heute bei der Arbeit zuzusehen. Wer ein Übriges tun will, besuche die Gedenkstätte in Renthendorf. Sie wurde 2012 bis 2018 generalsaniert. Jochen Süß beschreibt in einem kurzen Nachwort, wie dort auch das kostbare Erbe von Brehms Vater Christian Ludwig, eines emsigen Vogelkundlers, bewahrt wird.

Alfred Brehm, Karsten Brensing „Brehms Tierleben“, Dudenverlag, 240 Seiten

ISBN: 978-3-411-71782-8, 20 €

Chinas „Masterplan“ – und Europas Eliten

Titel zu "Der Masterplan" von Stefan Scheuer

Wieviel Freiheit bleibt Europa?

„China first!“ Das müsste Xi Jinping, Parteiführer der Chinesischen Kommunisten und Staatsoberhaupt des Reiches der Mitte nicht proklamieren, um die Linie seiner Politik klarzustellen. Wie Mao Zedong ist er Führer auf Lebenszeit, jede Art polititscher Opposition lässt er brutal unterdrücken. Als Liu Xiaobo, Friedensnobelpreisträger 2010, vor den Folgen des chinesischen Nationalismus warnte, verschwand er im Kerker, bis ihn seine Krankheit zum Tode begnadigte.

Xi Jinping gewährte der deutschen Kanzlerin den Wunsch, Liu Xia, die Witwe Liu Xiaobos, in die Freiheit des deutschen Asyls aufnehmen zu dürfen, Angela Merkel „gab er damit Gesicht“, die chinesische Gepflogenheit, Verhandlungspartner in aller Augen aufzuwerten. Sie durfte sich bedanken. Mir fielen sofort die „Freikäufe“ ein, mit denen die Bundesrepublik politischen Gefangenen aus der DDR heraushalf. Heute sind nicht Kommunisten dringend auf Geld und wirtschaftliche Zusammenarbeit angewiesen, sondern deutsche Politiker und Konzernchefs haben ohne die KPCh keine Zukunft. Und weshalb das so ist, darüber hat Stephan Scheuer ein hoch informatives Buch geschrieben, es stimmt für die Zukunft Europas und Deutschlands nicht optimistisch.

Schon im Vorwort reißt er auf, wie Maos „Volksrepublik“ in nur 40 Jahren vom Drittweltland zur zweitstärksten Wirtschaftsmacht heranwuchs und inzwischen mit seiner Innovationskraft sämtliche Industriestaaten vor sich her treibt. In folgenden neun Kapiteln legt er dar, wie sich Xi Jinpings unbegrenzte Machtfülle parallel zum Wohlstand von fast 1,4 Milliarden Menschen steigerte, chinesische Internet-Konzerne wie Baidu, Tencent, Alibaba, Huawei zu den amerikanischen Konkurrenten – Google, Facebook, Amazon, Apple – aufschlossen und die Digitalisierung des Alltags nirgenwo weiter fortgeschritten ist als in China. Andrerseits expandieren chinesische Firmen auf alle Kontinente. Sie schaffen Infrastrukturen in Afrika und Südamerika, dringen mit Finanzdienstleistungen und Firmenkäufen sowohl zu den Verbrauchern wie in Unternehmen vor, diktieren das Tempo bei der Entwicklung von autonomer Mobilität, sind Marktführer bei Drohnen. „Sieben von zehn weltweit verkauften Drohnen stammen von DJI“, schreibt Stephan Scheuer. Er liefert zu den Zahlen spannende Geschichten über Erfolge und Misserfolge großer Konzerne. Fast alle beeindrucken durch ihre Lernfähigkeit zwischen der Dynamik globaler Märkte und den Einschränkungen staatlicher Bürokratie, der Abschottung durch die „Great Chinese Firewall“. Manche Biographien ihrer Chefs taugen zur Legende. Frank Wang (DJI), Jack Ma (Alibaba), Pony Ma (Tencent), Robin Li (Baidu) mögen durchaus westlichen Vorbildern ähneln, sie unterscheiden sich jedenfalls durch ihre vollkommene Loyalität gegenüber der Partei.

Auch die Lebensgeschichte von Justin Lin (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Filmregisseur) liest sich abenteuerlich: Von Taiwan schwimmt er 1979 kilometerweit ins verfeindete Rotchina, darf nach Jahren der Bewährung in Peking Wirtschaft studieren und auf Vermittlung des Nobelpreisträgers Theodore W. Schultz in Chicago promovieren. Er brachte es zum Chef-Ökonomen der Weltbank. Dass die Finanzkrise von 2008 von China gut verkraftet wurde, weil die Führung nicht sparte, sondern beherzt in Infrastruktur investierte, dürfte ihm zu verdanken sein. Stefan Scheuer nennt ihn den Chefstrategen – nicht nur für Chinas globale Expansionspläne. Der Ausstieg des Staates aus der Wirtschaft ist für ihn kein Ziel, und die Einparteienherrschaft infrage zu stellen, käme ihm nicht in den Sinn, im Gegenteil: Megafusionen von Staatsfirmen wie bei der Bahn, der Telekommunikation, bei Energiekonzernen, Banken und Autoherstellern dienen der globalen Expansion chinesischer Vormacht.

Alle technologischen Neuerungen nutzen die regierenden Kommunisten zugleich für ihr wichtigstes Ziel, eine „harmonische Gesellschaft“ aus konform handelnden „neuen Menschen“ zu schaffen – davon handelt Kapitel acht „Der Staat: Big Brother trifft Big Data“. Weitgehende Überwachung und soziale Kontrolle, ein darauf basierendes System von Belohnung und Bestrafung für jeden Einzelnen sind in manchen Städten und Regionen bereits realisiert, bis 2020 soll das flächendeckend funktionieren. Nicht nur Behörden, Verkehrsüberwachung, Fahrkarten und Flugtickets liefern Daten fürs Profil eines Bürgers, jede seiner Aktivitäten im Netz – Einkäufe, Online-Spiele, Finanztransaktionen, Chats… – fließen ein. Dank der uneingeschränkten Kooperation von Alibaba und Tencent, dank der hochentwickelten Auswertungs-Algorithmen von Baidu werden Bürger gläsern. Die wenigsten werden sich dagegen wehren, denn schon eine abweichende Meinung kann drakonisch geahndet werden.

Viele dieser Entwicklungen finden sich in journalistischen Berichten, Stephan Scheuer fasst sie klug zusammen, stellt sie in historischen Kontext etwa des Maoismus, bereichert sie um eigene Erfahrungen. Er zeigt, wie die Großmacht beginnt, Europa zu dominieren: Deutsche Autoproduzenten geraten unter Druck, wenn einer ihrer wichtigsten Märkte aufgrund staatlicher Planung auf E-Mobilität umgestellt wird, Fernziel: autonomes Fahren. Hier beginnen die Fragen. Datentechnisch ist ein autonomes Fahrzeug völlig transparent. Wird ein bürokratisches Monster wie die DSGVO chinesische Hersteller hindern, ihre Bauteile für Transfers zu nutzen? Standen bisher schon Smartphones aus China im Verdacht, ungeschützt gegenüber geheimdienstlichen Hackern zu sein, so wird etwa mit der Ausbreitung chinesischer Bezahldienste auch in deutschen Geschäften und Online-Märkten ein Zugriff des chinesischen Staates auf solche digitalen Quellen wahrscheinlicher. Wird aus dieser IT-Vormacht Chinas mit dem Blick etwa auf von künstlicher Intelligenz gesteuerte Kampfdrohnen bald eine miltitärische? Google hat sich in den USA aus einem entsprechenden Projekt zurückgezogen, Baidu wird das gewiss nicht tun.

Eine „Kombination aus Ignoranz und Selbstzweifel“ bescheinigt der Autor im letzten Kapitel dem „einst so stolzen“ Europa. Was die „Eliten“ von Politik und Wirtschaft anlangt, ist vor allem Ersteres auffällig.  Abgesehen von politischen und Finanzkrisen: Schon ein Blick auf die Bahn, die Verkehrsinfrastruktur, den Netzausbau und die Mängel im Bildungssystem löst begründete Zweifel daran aus, mit China auch nur gleichziehen zu können. Deutschland hat mindestens ein Jahrzehnt verloren. Sollte sich Europas Bevölkerung mit der EU so verbunden fühlen wie die Chinesen mit ihrem Land? Mancher Politbürokrat agiert, als würde er gern mittels IT und Medien nach chinesischem Muster die Bevölkerung umerziehen, jeden Widerspruch eliminieren. Affinitäten zu Marx, Lenin und Mao sind wieder en vogue. Der goldene Marx aus China in Trier ist eine Ironie der Geschichte.

Stephan Scheuer „Der Masterplan – Chinas Weg zur Hightech-Weltherrschaft“ 1. Auflage 2018, 208 Seiten ISBN: 978-3-451-39900-8, 22 €

Die Macht der Rituale und die Rituale der Macht

Der Text steht am Beginn des 6. Kapitels von “Der menschliche Kosmos” Es handelt unter anderem von der Verführungskraft der Macht und den Schrecken der Freiheit

Sklavenhändler treiben und misshandeln ihr Beutegut

Ostafrikanischer Sklavenhandel

Soziale Rollenmuster im Alltag: Wie sie entstehen, sich erhalten und funktionieren. Aggression und Dominanz. Die Despotie des Spontanen. Dominanz und die Herrschaft der Dominierten, individuelle und soziale Regelsysteme. Fürsorge reproduziert Bedürftigkeit. Rituale des Gestells und unbeherrschbare informelle Netze im Informationszeitalter: die Macht von Klatsch und Tratsch.

Dieses Kapitel gehört Ihnen. Es lebt davon, dass Sie eigene Erfahrungen auswerten mögen und bereit sind, etwas Neues auszuprobieren:

  • Suchen Sie sich einen ruhigen Ort, wo Sie mit sich alleine sind und wirklich ungestört, mindestens für eine Viertelstunde. Legen Sie sich auf eine nicht zu weiche Unterlage und entspannen Sie sich, um Ihren Körper zu spüren. Schließen Sie die Augen und erinnern Sie sich des Tagesablaufs – so als liefe ein Film ab, der Sie alles der Reihe nach noch einmal erleben lässt, was vorgefallen ist. Nehmen Sie sich nicht zu viel vor: zwischen Nachtlager und Morgentoilette passiert schon eine ganze Menge. Setzen Sie sich lieber einen Endpunkt – etwa die morgendliche Begrüßung in Ihrer Arbeitsumgebung oder die Verabschiedung der Kinder auf den Schulweg.
    Wenn Sie eine erste grobe Ablaufskizze haben, dann gehen Sie in die Details. Was war ihr erster Gedanke beim Wachwerden? Erinnern Sie sich wirklich noch, mit welchem Bein Sie aufgestanden sind? Was war Ihr erster Kontakt zu einem anderen Menschen? Was genau haben Sie beide getan? Und in welcher Reihenfolge?

Sie werden feststellen, dass es einige Mühe macht, wirklich jeden Augenblick in der Erinnerung zu verfolgen und dass viele Handlungen unbewusst und routiniert ablaufen. Besondere Aufmerksamkeit und eine klarere Erinnerung verbinden sich mit jenen, die neu sind oder mit Störungen und Abweichungen einhergehen. Eine ganze Reihe von Handlungszielen erreichen Sie ohne lange nachzudenken, meist sind sie mit Ihren Gedanken woanders, während Sie Filtertüten mit Kaffee füllen oder Orangensaft aus dem Kühlschrank nehmen. Auch, wenn Sie Ihrem Lebenspartner einen Kuss geben und sagen: „Das Frühstück ist fertig“.
Der Kuss ist dennoch wichtig, denn das Ritual konsolidiert die häusliche Rollenverteilung. Jede noch so gewohnheitsmäßige Handlung ist wichtig für Ihr Gleichgewicht, das bemerken Sie spätestens, wenn Sie auf Reisen sind. Wenn nicht, sind Sie immer auf Reisen, nur mit Mama gereist oder liegen ständig unbeweglich auf einem Nagelbrett und schauen in den Himmel. Aber dann sind Mama oder das Nagelbrett unentbehrlich für das Gleichgewicht. Sei’s drum: normalerweise beherrschen Sie Ihre Lebensumgebung routiniert, mit unzähligen unbewussten Handlungen, einige davon haben den Charakter von Ritualen. Das sind diejenigen, die soziale Rollen definieren.
Es muss nicht ein fehlender Kuss sein, an dem Ihnen das bewusst wird: Immer wenn ein solches Ritual merklich verändert wird oder wegfällt, bedeutet das eine erhebliche Veränderung der Interaktionsmuster und stört das Gleichgewicht. Wir haben ein tief wurzelndes Bedürfnis, unser Umfeld mit Ritualen und routinierten Handlungen zu beherrschen und zugleich sind wir von diesem Umfeld abhängig – es handelt sich eben um Wechselbeziehungen.
Für Menschen, deren Interaktionsmöglichkeiten eingeschränkt sind, können Handlungsroutinen besonders wichtig werden: für Autisten oder alte Menschen zum Beispiel.

Meine Zuhörerin

Meine Großmutter überlebte zwei Weltkriege und zwei Diktaturen

  • Ich erinnere mich noch sehr gut, wie meine Großmutter im hohen Alter immer mehr die Fähigkeit verlor, spontan auf Veränderungen zu reagieren. Sie nahm nicht auf, was um sie herum vorging. Aber bestimmte Dinge liefen routiniert ab: das Wegräumen des Bettzeugs und das Kaffeekochen ebenso wie das Saubermachen und Einkaufen. Wie sehr sich Routinen und Rituale vom Wahrnehmungsvermögen abkoppelten, merkten wir daran, dass die eingekauften Waren immer dieselben waren, aber gar nicht gebraucht wurden, zum Beispiel -zig Butterpackungen. Wenn meine Großmutter ihr Appartement verließ, schloss sie ihre Tür ab und steckte den Schlüssel in die Einkaufstasche. Am Ende ihres Lebens – sie war schon neunzig Jahre alt – funktionierte auch dabei die Rückkopplung nicht mehr. Mehrmals wandte sie sich auf dem Flur des Appartementhauses um und fragte: „Habe ich denn auch abgeschlossen?“ und dann suchte sie in ihrer Tasche nach dem Schlüssel, fand ihn und hatte ihn augenblicklich wieder vergessen, genau wie die vielen Butterstücke in ihrem Kühlschrank.
    Meine Besuche bei ihr waren natürlich rituell: im Winter stellte ich meine Langlaufski im Flur ab, sie deckte den Tisch mit Kaffee und Kuchen, wenn ich durchgefroren von den Bergen herunterkam; im Frühling sprachen wir von den blühenden Gärten und dann folgten unabhängig von der Jahreszeit Beschwerden darüber, dass meine Mutter sie zu selten besuchte.

    Solche Rituale in der Familie können Sie bestimmt auch beschreiben. Vielleicht können Sie sogar herausfinden, welche Rollenzuweisungen sich mit den Ritualen verbinden.
    Wie sehr wir von funktionierenden Handlungsroutinen und Ritualen abhängen merken Sie, wenn ihnen morgens der Filter platzt und Sie den Satz im Kaffee haben. Manchmal reicht weniger, um heftige Reaktionen zu provozieren. Noch stärker wirken jene Rituale, die unsere sozialen Interaktionsmuster ausmachen. Wenn jemand seinen Lebenspartner verlässt, ist er vielleicht von der neuen Liebe aufgewühlt oder den neuen Möglichkeiten gefangen genommen, für die er ein fade gewordenes Zusammensein aufgibt. Der Alleingebliebene stürzt – selbst wenn die Trennung für ihn nicht überraschend kommt – in ein Chaos. Es ist übrigens egal, ob die verlorene Liebe oder der Tod zur Trennung führt: Die unterbrochenen Lebensmuster bringen aus der Balance. Handlungsroutinen laufen in die Leere. Die Antizipation der durch Rituale gesteuerten Wechselbeziehungen funktioniert weiter, aber das Ziel der Erwartung ist nicht mehr da. Und das Ergebnis ist Phantomschmerz, der unser Dasein verstört, egal ob es sich um den Verlust eines Körperteils, eines geliebten Menschen, eine Vertreibung aus der Heimat oder auch nur den Tod eines Haustieres handelt, das lange Zeit mit uns zusammenlebte.
Ansicht eines verwahrlosten Fachwerkhauses in der Herrenstraße in Suhl, ca. 1960er Jahre

Im Sozialismus verkommenes Fachwerk – Heimat kindlicher Rituale. Mehr im „Blick vom Turm“

Der Rauhaardackel meiner Mutter lag gewöhnlich auf dem Sofa und sprang herunter, wenn jemand die Wohnung betrat. Dann flitzte er in den Flur, um den Ankömmling zu begrüßen. Er bellte nur, wenn es geklingelt hatte.
Als der Bursche in die ewigen Jagdgründe einging, war diese stereotype Bewegung samt dem Geräusch der Pfoten immer noch da, als hätte er eine Spur in der Raumatmosphäre hinterlassen. Natürlich war das nur in unsere Wahrnehmung eingewachsen. Jedes Mal, wenn wir im Wohnzimmer saßen und sich ein Schlüssel im Türschloss drehte, antizipierten wir den alten Gefährten – wie
Hamlet den Geist seines Vaters.

So wenig es ein Leben ohne Interaktion geben kann, so wenig kommt Interaktion ohne Rituale und Routinen aus. (Routinen, das haben sie sicher schon bemerkt, definiere ich der Unterscheidung halber als zweckbestimmte Handlungen, die im Gegensatz zu den Ritualen keine sozialen Rollen definieren). Die Komplexität unserer Bewegungen und Handlungen ließe sich ohne sie nicht bewältigen. Das Anschnallen im Auto ist eine solche Routine, das Frisieren vor dem Spiegel nur, wenn es nicht der Selbstinteraktion dient – es ist praktisch immer ein Ritual. Es ist normalerweise ein Ritual der Selbstdefinition.
Heben wir nun einmal die Augen auf zu den Mächtigen dieser Erde. Sie halten es sicher auch nicht für einen Zufall, dass Macht mit Begriffen wie „hochgestellt“, „erhaben“ oder einfach „groß“ verbunden ist. Klar: die früheste, tiefste und nachdrücklichste Erfahrung mit Unterordnung und Macht ist die rein körperliche Unterlegenheit des Kindes.
Die Gegner Helmut Kohls hatten es insofern um einiges schwerer als die Oskar Lafontaines, zeitweise um fast anderthalb Zentner. Während Kohl mit seiner auf 194 Zentimeter verteilten Masse jede Menge Luft von der politischen Bühne schob, schien der Zwerg aus dem Saarland ständig auf den Zehenspitzen stehen und das Kinn nach oben recken zu müssen, um auf andere herabsehen zu können. Die katastrophalen Wirkungen auf seine Sympathiewerte beim Publikum hat Siegfried Frey 1999 in seinem Buch „Die Macht des Bildes“ erörtert. Freys wissenschaftliche Arbeit zur nonverbalen Kommunikation ist unübertroffen. Er wies u.a. nach, dass und auf welche Weise Avatare durch Nachahmen menschlicher Mienen und Gesten dieselben Sympathien – oder denselben Abscheu – erregen können, wie ihre menschlichen Vorbilder.
Im Zusammenhang mit Kohl habe ich nicht einmal von wirklich bösen Giftspritzen unter den weiblichen TV- Konsumenten so etwas wie „fieser alter Stinker“ gehört. Witze ja, Abfälliges über seine Intelligenz und seine Bildung die Menge, aber keine wirklich kränkende Bezeichnung. Noch der Wirbel rund um die Spendenaffäre und den nachfolgenden Untersuchungsausschuss zeigt, welche Wellen ein Koloss Kohlschen Formats schlagen kann, und wie er damit seine politischen Gegner ins Strampeln bringt.

Zarin Katharina II. und ihr Hofstaat

Wer wagte es, der Zarin das höfische Zeremoniell zu verweigern? Ihr gar den Rücken zuzuwenden?

Die körperliche Vorgabe begünstigte bei Kohl eine Rollenverteilung nach dem Schema „Vater und Kind“. Sie wäre aber wirkungslos, wenn nicht entsprechende Rituale zwischen dem „Riesen“ und seiner Umgebung dieses Schema fortwährend reproduzieret hätten. „Die anderen spielen den König“, das gilt für die kleine Prinzessin und ihre Spielkameraden wie in der großen Politik: wenn nicht Hofschranzen und politische Gehilfen die Korona des Patriarchen erzeugen, wenn es seine Feinde nicht sehr viel Mut kostet, sich ihm und seinem Klüngel entgegenzustellen, fehlt ihm das Wichtigste zu seiner Rolle. Und damit sind wir an einem wichtigen Punkt gelandet: beim Dominanzprinzip.
Leiden oder triumphieren, Amboss oder Hammer sein“ – das ist die klassische Entscheidung, bisweilen auf die platte, mechanische Frage nach der Macht, die Frage „Wer – wen“ verkürzt. Damit ist der systematische Fehler unserer Wahrnehmung, die Reduktion komplexer Prozesse auf simple Kausalitäten, total und brutal zum politischen Prinzip erhoben. Leider haben die katastrophalen Folgen solcher Machtpolitik wenig Einsicht bewirkt. Dem systematischen Fehler folgt der Auswertungsfehler. Aber es ist mit dem engen Blick auf ewige Abfolgen von Ursache und Wirkung eben noch viel schwieriger, als mit dem auf Sonnenauf- und untergang: Wir sehen ja die Wechselwirkungen von Umgebung, Auge und Gehirn nicht, wir sehen, was uns unser Gehirn sehen lässt. Und an unserem Verhalten erscheint uns nichts so selbstverständlich wie Dominanz.

Lesen, Schreiben: Elixiere der Freiheit

Atemlos habe ich über 500 Seiten aufgesogen, wie im Rausch. Darf ein Rezensent das? Vielleicht bin ich gar keiner. Nicht, wenn für das Besprechen eines Buches eine „Objektivität“ verlangt wird, die akademische Gelehrsamkeit zur Voraussetzung hat. Noch weniger, wenn politische, moralische, religiöse Neutralität – wie auch immer sie definiert sei – beim Lesen gefordert wäre. Dem Autor und seinen Texten gegenüber bin ich voreingenommen. Ich habe „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“ ebenso verschlungen wie „Für ein Lied und hundert Lieder“ , und „Die Wiedergeburt der Ameisen“; 2011 entstand mein Radiofeature „Für China aus dem Exil“, als Liao Yiwu seiner feindseligen Heimat China entkam. Aus der öffentlich-rechtlichen Mediathek ist es verschwunden, die Redakteurin fand seinerzeit schon Liaos Texte narzisstisch und unappetitlich, war dann vom Live-Gesang, von der Intensität des Gedichts „Massaker“ über den 4. Juni 1989 auf dem Tian’anmen, vom Alltag der Folter im chinesischen Gefängnis so perhorresziert, dass sie  mich gewähren ließ.

Was mir im Interview mit Liao Yiwu auffiel: Der Kontrast zwischen seinem zurückhaltenden und bescheidenen Auftreten und der ungeheuren Anmaßung seines Schreibens:  Er fordert die Politbürokratie Chinas heraus, die nicht nur über ein Milliardenvolk gebietet, sondern auch das Netzwerk globaler Diplomatie fast nach Belieben steuern kann. Die Ameise auf dem Rücken des Elefanten fällt mir ein, und das Heer der Ameisen, die „Würg ihn! Würg ihn!“ rufen. Das Heer sind wir: Autoren aus aller Herren Länder, ältesten und modernsten, technisch hochgerüsteten Despoten ausgeliefert, ein Heer, das Namen aus Jahrtausenden versammelt. Sie haben fast alle Schlachten verloren, noch die bedeutendsten, mutigsten mussten bisweilen zu Kreuze kriechen. Das Bild der zähen Insekten – in der Masse kaum unterscheidbar, reproduzieren sie sich in verborgenen Labyrinthen, kommen aber überall hin – dieses Bild erscheint bei Liao Yiwu öfter. Seine Ameisen haben Gesichter.

Sein neuestes Buch nimmt den Leser mit in die Labyrinthe, auf eine atemlos mäandernde Reise zwischen Peking und Chinas südwestlichen Provinzen Sichuan und Yunnan unter beständigem Verfolgungsdruck der Sicherheitsbehörden. Liao Yiwu schweift dabei immer wieder in die Tiefen der chinesischen klassischen Literatur- und Religionsgeschichte ab, sucht nach Vergleichen zu Fluchtschicksalen von Philosophen – etwa des großen Kong Fuzi – trifft auf Gefährten des Widerstandes. Mit manchen hat er den Folterknast geteilt. Manche haben sich den Zwängen und Verlockungen der Politbürokraten und ihrer „sozialistischen Marktwirtschaft“ ergeben, in der alles, auch Religionen und kulturelle Traditionen von Minderheiten, käuflich und verkäuflich ist. Die meisten überleben in Not und unter abenteuerlichen Umständen, sie saufen, fressen, spielen Versteck mit Spitzeln und Polizei – um den Preis des Lebens. Es ist eine lange Reihe von Namen, prägnanten Charakteren, erschütternden Schicksalen. Auch das von Lao Yiwus Familie gehört dazu. Seine Mutter hilft, obwohl sie die Repressionen mit erdulden muss, dem Sorgenkind immer wieder ins Gewissen redet. Es helfen schließlich viele aus dem Ausland, die seine Bücher schätzen und sie weltweit verbreiten wollen. Zwischen Hoffen und Verzweifeln erleben wir den Weg des Autors in die Freiheit, er balanciert zwischen Abgründen, und obwohl der gute Ausgang bekannt ist, bleibt das spannend bis zum letzten, erlösenden Augenblick im Sommer 2011.

Ja: Auch in dieser Fluchtgeschichte wird es oft unappetitlich, und der Vorwurf narzisstischer Selbstüberhöhung dürfte von jenen ertönen, die harmonisches Dazugehören vorziehen, radikal agierende Schmutzaufwirbler gern am Rand des Pathologischen verorten. Davon wird sich Liao Yiwu kaum beeindrucken lassen, und das ist eine Hoffnung für die Ameisen im Untergrund der „harmonischen Gesellschaft“, wie sie die KP Chinas verkündet. Der Schriftsteller ruht sich in Deutschland ebensowenig aus wie andere Exilanten. 2014 kam seine jüngste Tochter hier zur Welt, und es sieht danach aus, dass sie sein Lesen und Schreiben für die Freiheit weiter anspornt.

Brigitte Höhenrieder und Hans Peter Hoffmann haben bewundernswert übersetzt, sie erarbeiteten schon die deutsche Fassung von „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“. Ihnen sei ebenso Respekt gezollt, wie dem langjährigen Lektor Peter Sillem – seit 2017 ist er Galerist – und dem S. Fischer Verlag, der Liao Yiwu jederzeit den Rücken frei hielt.

Liao Yiwu „Drei wertlose Visa und ein toter Reisepass – Meine lange Flucht aus China“

S. Fischer Verlag 2018, 528 Seiten, 26,80€

 

 

Politbürokraten, Meutenmut und Populismus

Porträtfoto von Immo Sennewald 1983

1983 in Ostberlin: Der Autor kurz vorm Berufsverbot

Was Vera Lengsfeld, Monika Maron, Henryk M. Broder, Uwe Tellkamp und anderen Unterzeichnern der „Erklärung 2018“ widerfährt, erinnert deutlich an die Spaltung der Kulturlandschaft in der DDR nach der Ausweisung Wolf Biermanns durch das SED-Regime. Die parteitreuen Medien entfesselten eine Hetzkampagne gegen alle, die sich dem Protest zugunsten Biermanns anschlossen. Zu besichtigen war der Meutenmut besinnungsloser Mitläufer ebenso wie die Infamie von „Kunst- und Kulturschaffenden“ die aus der Hetzkampagne Vorteile für ihre Karriere gewannen. Die Ausreisewelle prominenter Autoren wie Günter Kunert, Jurek Becker, Hans-Joachim Schädlich, von Stars wie Manfred Krug und Armin Müller-Stahl, von Musikern, Malern, Regisseuren ebbte bis zum Zusammenbruch des „Arbeiter-und-Bauern-Staates“ nicht ab. Sie war Signal und Triebkraft für das Scheitern des „real existierenden Sozialismus. Die Politbürokratie West scheint inzwischen denselben Weg gehen zu wollen.

Brecht hat einmal das Problem von Leuten beschrieben, die auf absterbenden Ästen sitzen: Sie können nichts anderes als Sägen erfinden. Abgesehen davon, dass die DDR schon 1977 wirtschaftlich und moralisch dem Bankrott entgegentrudelte: Ihre politische Führung – das „Politbüro des ZK der SED mit dem Generalsekretär Genossen Erich Honecker an der Spitze“ blendete die Realität mit Hilfe der linientreuen Presse und des Staatsrundfunks sowie zahlloser „Massenorganisationen“ fast vollständig aus. Ob „Freie Deutsche Jugend“ (FDJ), „Freier Deutscher Gewerkschaftsbund“ (FDGB), „Demokratischer Frauenbund Deutschlands“ (DFD), „Kulturbund“, „Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft“ (DSF), in deren mindestens einer fast jeder Erwachsene Zwangsmitglied wurde: Sie alle bekräftigten in normiertem SED-Jargon ergebenst, dass Biermann verdientermaßen ausgewiesen worden sei. Wochenlang füllten parteifromme Journalisten die Zeitungsspalten, die Kanäle des DDR-Fernsehens und Rundfunks mit solchen Bekenntnissen. Wer sich dem zu verschließen suchte, gar eine abweichende Meinung äußerte, kam am Arbeitsplatz, in Schulen oder Hochschulen unter Druck. Nur mit Glück entzogen sich manche – im „Raketenschirm“ habe ich eine solche Szene festgehalten.

In Kneipen, Cafés, Zugabteilen, Kleingärten, Familien und unter Freunden konnte jeder, dem die Informationen über den äußerst zahmen, fast unterwürfigen Protest der „Dissidenten“ einigermaßen vollständig vorlagen, sich ein eigenes Bild vom Geschehen machen. Es war keineswegs „die Stimme des Volkes“, die täglich landauf, landab über die Zeitungen der SED, der Blockparteien, der Massenorganisationen guthieß, was Honeckers Politbürokraten anrichteten. Der Riss zwischen der Wahrnehmung von Herrschenden und Beherrschten wurde immer tiefer. Natürlich schrieben das SED und Stasi sogleich der „ideologischen Diversion“ zu, die von den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten jenseits des „Antifaschistischen Schutzwalls“ betrieben werde. Es sollte sich bald zeigen, dass im Gegenteil die Kluft umso tiefer wurde, je mehr die Apparatschiks wirtschaftliche, politische und moralische Konflikte tabuisierten. Wer sie beschrieb, zur Diskussion und zu Reformen aufforderte, wurde schnell zum „feindlich-negativen Subjekt“, verdächtig der „politischen Untergrundtätigkeit“ (Stasi-Kürzel PUT), und riskierte die berufliche Existenz, gar die Inhaftierung.

Es ist bizarr, wenn heute ausgerechnet ARD und ZDF – seinerzeit einigermaßen glaubwürdige Quelle fürs zunehmend des Sozialismus überdrüssige Staatsvolk der DDR – einer selbsternannten „Antifa“ helfen, Schutzwälle gegen den „Populismus“ zu errichten – also gegen kritische Stimmen, die im Staatsvolk verbreitete, höchst brisante Fragen stellen. Die Kontrollstellen, die Autoren und Interviewpartner dort passieren müssen, sondern erbarmungslos alles aus, was „rechts“ ist. Wer Glück hat, geht als „umstritten“ durch, wer Pech hat, wird mit dem Stempel „Nazi“ versehen und ausgegrenzt. Der antipopulistische Schutzwall verweigert ohne Ansehen des Ranges auch ausländischen Wissenschaftlern, Künstlern – Politikern sowieso – den Zugang zum Reich der einzig reputierlichen Meinung, wenn sie einmal den Stempel „Rechtspopulist“ im Pass haben. Als hätten nicht dieselben Anstalten über Jahrzehnte – verstärkt durch das Aufkommen privater Sender und des Internets – mittels einer alle Programme dominierenden Quotenmechanik einem Populismus gehuldigt, der von „Medienforschern“ unter dem Schlagwort „Publikumsnähe“ durchgesetzt wurde. Gesendet wird, was gefällt, nicht was Fachjournalisten für mitteilungswürdig im Sinne des Grundgesetzes halten. So sehen die Programme aus. „Boulevardisierung“ und „Infantilisierung“ prägen die Vorabend- und Abendprogramme. Für Anspruchsvolleres bleiben Nachtstunden und Spartenkanäle. Zugleich wuchs bei der Anstaltsbürokratie die einigermaßen verwegene Überzeugung, im alleinigen Besitz des Wissens darüber zu sein, was „die Menschen da draußen“ verstehen, und wie man ihr Verständnis von der Welt – bei gleichzeitiger Versorgung mit Bundesliga, jeder Art sportlicher Mega-Events, Kriminalserien und -filmen, volkstümelnden und Talkshows – in Bahnen lenkt, die der politischen Stabilität dienen. Es ist ziemlich genau das Konzept, dem auch der DDR-Staatsfunk folgte. Allfälligen Ärger über das Agieren der Mächtigen durfte auch dort das Kabarett auffangen – redaktionell sorgsam betreut, versteht sich. Rechte Kabarettisten wollen „unsere Menschen“ nicht.

Gleichwohl schafften die Politbürokraten Ost es nie, den Zufluss unerwünschter Informationen über den erbärmlichen Zustand des Staatswesens gänzlich zu unterbinden. Das werden nicht einmal Putin und die Chinesischen Kommunisten schaffen. Jede Zensur, jedes NetzDG erschafft beim Volk, dem großen Lümmel, eine unstillbare Gier nach neuen, unkontrollierbaren Kanälen. Ja, es scheut sich nicht, „Fake News“ und „Hate Speech“ zu verbreiten, schon um die Mächtigen zu ärgern. Man könnte das als Folge gelungener Infantilisierung sehen. Um das Spiel offen zu halten, brechen Unterlegene (Kinder zumal) erfahrungsgemäß umso häufiger und drastischer die Regeln, je weniger sie noch zu verlieren haben. Daran lassen sie sich durch Zurufe wie „Loser“, „Pack“, „Abgehängte“ ebenso erfahrungsgemäß nicht hindern.

Politbürokraten in ihrer auf maximale Sicherheit programmierten, statistisch untermauerten Fixierung aufs Ziel des Machterhalts um jeden Preis (sie müssen ja nicht zahlen) verstehen das nicht. Gewohnt, Fehler möglichst niemals zuzugeben, bemerken sie am Ende nicht einmal den Übergang in den Verfolgungswahn. Sie können nur neue Stempel, Redeverbote und Schutzwälle erfinden, und sie rekrutieren und armieren fortwährend neue Hilfstruppen, gern aus dem Medien- und Hochschulprekariat, für den ideologischen Endsieg. Dank enger personeller Netzwerke insbesondere zu den Anstalten wachsen die Schutzwälle. Die ideologischen sind oft haltbarer als die aus Beton: Was der SED die Stasi und an der Innerdeutschen Grenze die SM-70 war, ist heutigen Propagandakräften das Netzwerkdurchsetzungsgesetz. Facebook, Twitter und andere „Soziale Netzwerke“ sollen dafür sorgen, dass sich digitale Grenzverletzer selbst liquidieren. Kein Bürokrat hat hier den Finger am Abzug, große Konzerne organisieren die Verantwortungslosigkeit für Sperren, gelöschte Profile und erstickte Meinungsäußerungen. Wenn diese Waffen gelegentlich nach hinten los gehen, trifft das nur als Kollateralschäden abrechenbare Hilfskräfte: Übereifrige Aktivisten der eigentlich guten Sache.

Es geht voran. Wer riskiert schon seine berufliche Existenz, seine Reputation als Autorin oder Kameramann, seine Reichweite als „Freier“, wenn er auf die ideologischen Grenzbefestigungen trifft, die das Scheitern von Politbürokraten und ihrer medialen Gefolgschaft etwa in der Flüchtlings-, Energie- oder Europapolitik ummauern?

Aber „Vorwärts immer, rückwärts nimmer!“ erwies sich schon für die Politbürokratie Ost als Strategie zum Absturz. Gerade im Reich der Ideen sind Vorstellungskraft und Vermehrung der „Grenzverletzer“ enorm. Das beginnt schon da, wo die Bezeichnung „Experte“ volkstümlich Schwätzer bedeutet, und „umstritten“ mutig. Ja, die politischen Witze aus dem Volksmund sind auch in „Sozialen Medien“ nicht selten unflätig. Gerade deshalb lohnt es sich, Peter Rühmkorfs Buch „Über das Volksvermögen“ nach fast 50 Jahren wieder zu lesen – eine brillante Verteidigungsschrift für das Recht auf freie Meinungsäußerung, wie es das Grundgesetz bestimmt.

 

 

 

Sprache – Geschichte – Zukunft

GRIMM_NEU_U1_NEUKaum dass ich lesen konnte, geriet ich vor über sechs Jahrzehnten an ein dickes Buch in grauem Leineneinband, das mich weit übers Schulische hinaus immer wieder fesselte: “Knaurs Lexikon” war in fetten Blockbuchstaben eingeprägt. Vom A beginnend grub ich mich hindurch – und reiste aus der engen Thüringischen Kleinstadt hinaus in alle Welt. Wie viel Futter für die Phantasie hinter diesen Buchstaben, Worten und Artikeln steckte! Damals gab es nur wenige Bilder, Landkarten erschlossen sich dank der Erzählungen meiner Großmutter von den Seereisen des Großvaters nach Afrika, China, Indien, bis in die Kriegsgefangenschaft nach Australien. Dann kam ich an den Buchstaben N, dort fehlten viele Seiten, fast alle mit Wörtern, die mit “Nat” begannen. Die Oma erklärte alsbald, weshalb sie fehlten, das Knäblein stürzte sich mit umso heftigerer Neugier auf ein unversehrtes Exemplar des “Knaur”, das sich im Bücherschrank des Onkels fand. Der Nationalsozialismus erschien ihm dort groß, voller lockender Ziele, Orden, Auszeichnungen, Uniformen – und flößte zugleich Furcht ein.

Diese Geschichte erzähle ich, weil mein Leben voller kostbarer Bücher war, weil dieses von Peter Graf herausgegebene eine wahre Schatztruhe der deutschen Sprache und ein unerschöpflicher Quell der Neugier und Phantasie ist, und weil es – wie alle Enzyklopädien, Lexika, Wörterbücher – zum Verständnis von Geschichte und Literatur viel Wundersames und etliche tiefere Einsichten bereithält als einschlägige Fernsehserien, Radiodokus, Zeitschriften, Vorträge. Freilich bekommt der Leser hier keine fixfertigen und wohlverdaulichen “Narrative” verabreicht, nur zahllose Anregungen. Er darf selbst der Vielfalt, den Wandlungen, dem Gebrauch – insbesondere dem literarischen – von Wörtern nachspüren. Deshalb erwarten Sie bitte von mir auch keine “Buchkritik”. Mein Artikel hinkt sowieso vielfachem Lob hinterher; der “VERLAG DAS KULTURELLE GEDÄCHTNIS” ist in kurzer Zeit durch sein ambitioniertes Programm und die originelle Buchgestaltung zu einem Liebling der Fachleute geworden, und Grafs Arbeit insbesondere verdient die mediale Aufmerksamkeit. Schon wegen der Leistung, aus fast 35 Tausend Seiten des „Deutschen Wörterbuchs“ mit seiner langen Entstehungsgeschichte 352 auszuwählen. Im Vorwort erzählt er, wie er „nach Lust und Laune“ zu seiner Blütenlese kam, und was wir dem riesenhaften Unterfangen der Brüder Grimm verdanken.

Nach derlei wurde er in Interviews gefragt, nach „Lieblingswörtern“, auch nach Beiträgen im DWB aus der neueren Zeit, denn zu einem vorläufigen Ende kamen die Nachfolger der Brüder Grimm erst 1961. Peter Graf schlug vor, während des Nationalsozialismus Hinzugefügtes nicht zu tilgen, obwohl es ihm verständlicherweise missfiel, sondern es zu kommentieren. Und damit schließt sich der Kreis: Durch Weglassen oder „Ausmerzen“ kann niemand etwas lernen. Um so mehr ist zu bedauern, dass eine Neubearbeitung, in den 1950er Jahren begonnen, seit 2016 nicht mehr weiterverfolgt wird. Gar zu gern hätte ich eine Wortschöpfung von Bertolt Brecht dort wiedergefunden: Das „Kaderwelsch“. Sie steht in den Buckower Elegien [11]. Kaderwelsch nennt Brecht „Die neue Mundart“ der Politbürokraten:

…Dem, der Kaderwelsch hört
Vergeht das Essen.
Dem, der es spricht
Vergeht das Hören.
Und wer sich davon erholen will, erlabe sich an den Wortschönheiten in der „ungemein eigensinnigen Auswahl“ aus dem DWB – oder hebe daselbst weitere Schätze.
Peter Graf „Eine Ungemein eigensinnige Auswahl unbekannter Wortschönheiten aus dem Grimmischen Wörterbuch“, Verlag Das Kulturelle Gedächtnis 2017, 352 Seiten, 25 €

Geld und Marx: Das Paradies

Breshnew_Honecker1972,_MiNr_1760Kapital sei Mehrwert heckender Wert, sagte Marx, und prognostizierte dem Kapitalismus eine große Zukunft, die alle Nationalstaaten auflösen, an deren Ende freilich der auf dem Holze der bürgerlichen Gesellschaft gewachsene Kommunismus die Alleinherrschaft antreten werde. Was daran funktioniert hat: Das parasitäre Wuchern politbürokratischer Organisationen, die mehr oder weniger den Dogmen von Marx und Lenin folgten. Dort, wo sie den Kapitalismus seine Arbeit tun lassen, sind ganze Funktionärsgenerationen in Gewerkschaften, Parteien, NGO bestens versorgt. Ihre Anhänger glauben Verheißungen wie der vom Ende der Ausbeutung, von der „Expropriation der Expropriateure“ von allgemeiner Gleichheit, vom Verschwinden jeglicher „Diskriminierung“, womöglich auch dem der Geschlechter; sie wählen Leute, die sie vor allem von der Verantwortung für ihr eigenes Leben befreien, gern auch von der für die Aufzucht von Kindern. Dann ist der Weg frei, sich ins Gestell zu begeben, demnächst volldigitalisiert, damit die Geldmaschinen laufen. China ist vermutlich Pionier der Entwicklung – und am nächsten an Orwells präzisen Szenarien.

Die Symptome des Totalitarismus sind von bequemen Verhaltensritualen maskiert: „Wieso soll gerade ich mich widersetzen? Wenn ich mich weigere, macht ein anderer den Job.“ „Wenn alle anderen das können – wieso du nicht?“ „Was bringt es mir, wenn ich durch Widerstand Schaden nehme?“ „Wer unbedingt auffallen will, muss auch die Folgen tragen.“

Niemand bietet komfortablere Möglichkeiten, sich befürsorgen zu lassen, sich an möglichst keinem Stein zu stoßen, als die Politbürokratie. Wer immer beim Ausgeben von Steuergeldern noch so krasse Fehlentscheidungen trifft, noch so gewaltige Schäden verursacht: Er ist abgesichert. „Organisierte Verantwortungslosigkeit“ heißt das – und ist eine Strategie so tödlich wie ein Krebs: Eigene Zellen paralysieren den Organismus durch Wucherungen und Metastasen, die sich nicht stoppen lassen. Rudolf Bahro hat in seinem Buch „Die Alternative“ 1977 vorhersagen können, wie das Sterben des „real existierenden Sozialismus“ nicht nur in der DDR ablaufen würde.

Wer heute sieht, wie vom Staat finanzierte Zusammenschlüsse – in diversen Rechtsformen aber mit sehr einseitig ausgerichteter Botschaft – ebenso eilfertig Ziele der Politbürokratie propagieren, wie es seinerzeit von Kommunisten initiierte „Massenorganisationen“ für Jugend, Frauen, Sport, Bildung und Kultur taten, wer die Penetranz wahrnimmt, mit der sie Hochschulen, Behörden und Justiz unterwandern, Menschen mit abweichenden Meinungen diffamieren, wie sie das vom Grundgesetz verbriefte Recht auf freie Meinungsäußerung diskreditieren, unterlaufen oder mittels des „NetzDG“ durch private Firmen auszuhebeln versuchen, der wird sich um die Zukunft unserer Gesellschaft sorgen müssen. Es ist angewandter Leninismus: Das Grundgesetz ist solchen Korporationen nur Instrument, eigene Dominanz zu erreichen – und die Deutungshoheit über den Sprachgebrauch ist der erste Schritt.

Politische Parteien und die Regierungen, an denen sie beteiligt sind, haben – so will es das Grundgesetz – Aufgaben im Interesse der Bürger zu erfüllen. Es kann nicht im Interesse der Bürger sein, dass Parteien und ihnen zuarbeitende Organisationen nur zum Zwecke des Machterhalts und der von ihnen bevorzugten Ziele Steuermittel einsetzen, dass sie die Unabhängigkeit der Medien eliminieren, dadurch Kritik an Fehlentscheidungen, Rechtsbrüchen und unerwünschten Entwicklungen erschweren oder gar ersticken.

Das Handeln der Regierung Merkel offenbarte in den vergangenen Jahren vermehrt und immer deutlicher politbürokratische Züge. Der Begriff einer „DDR 4.0“ drängt sich auf, und die „Große Koalition“ will offensichtlich daran nichts ändern. Wem daran liegt, dass Demokratie, soziale Marktwirtschaft, Rechtsstaat in Deutschland und Europa in Zukunft erhalten und weitergeführt werden, der kann diese Regierung nicht unterstützen. Er sollte allerdings nicht darauf hoffen, dass eine Partei – gleich welchen Namens – ihm die Arbeit der Opposition abnimmt. Besser wäre allemal, mit den hoch bezahlten Abgeordneten seines Wahlkreises Klartext zu reden, auch mit Journalisten, Gewerkschafts- und sonstigen Funktionären. Und – ja! – noch ist das Internet ein offener, unkontrollierter Raum für den Meinungsstreit, anders als in China. Nutzen wir ihn – so lange es ihn gibt.