Masken der Macht – Gesichter der Ohnmacht (VI)

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Das Lateinische quantitas lässt sich mit „Größe“ oder „Menge“ übersetzen. Für sich genommen hat sie soviel Sinn wie die Antwort „42“ in Douglas Adams‘ „Per Anhalter durch die Galaxis“. „42“ ist dort letzte Antwort auf alle Fragen, sie bedarf nur einer Rechenzeit von 7,5 Millionen Jahren auf den besten Rechnern einer hoffentlich noch fernen Zukunft.

Spaß beiseite: Ihren Sinn bekommt die Quantität erst durch eine Bezugsgröße wie etwa „Anzahl“, sie erfasst dann einzelne, wohlunterschiedene Objekte. Sie kann ebensogut Massen, Volumina, Temperaturen, elektrische Ladungen, magnetische Feldstärken, Impulse oder Energien veranschaulichen. Zu diesem Zweck wurden Maßeinheiten erfunden; nach jahrhundertelangem „Wildwuchs“ einigte man sich bei vielen – etwa aufs metrische System. Im Gegensatz zur Quantität, die selbst keine Qualität hat, entwickelten sich die Maßeinheiten mit den Anforderungen, die Märkte, Technik, Wissenschaft an deren Qualität stellen: Sie mussten vergleichbares, verlässliches Berechnen erlauben1. Vielleicht hilft es, die Quantität von der Mathematik her anzuschauen, um sich ihr zu nähern.

Bild des zweiten „Standard-Kilogramms“, das seit 1884 am National Institute of Standards and Technology in den USA vorgehalten wird

Spätestens wenn Mengen von Wasser, Sand oder Flächen erfasst werden sollen, also Volumina, Gewichte oder Anteile wird klar, dass die „Natürlichen Zahlen“ nur Quantitäten diskreter Objekte erfassen, für alle teilbaren Größen bedarf es der Bruchrechnung – „gebrochener“ Zahlen. Seit der Antike erweiterten sich die mathematischen Methoden fortwährend, ihre Qualität nahm zu, ohne dass der Grundbaustein, das Zählen, eigentlich der Unterschied von nichts und etwas, sich jemals erübrigte. Die gesamte digitale Technik mit ihren aus Nullen und Einsen bestehenden Algorithmen lebt bis heute davon. Vielleicht bedeuten Quantencomputer einen Sprung in der Qualität – aber ich kenne mich damit nicht genügend aus, um eine Vorhersage zu wagen. In jedem Fall muss, wer Mathematik betreibt, Zeit und Energie aufwenden. Zugleich steckt Mathematik in allem, was uns im Universum begegnet; es zu entdecken und zu beschreiben, also die innewohnenden Informationen zu enträtseln, ist eine aufregende Beschäftigung. Gern verweise ich hier noch einmal auf die Arbeit von Bernd-Olaf Küppers.

Der Mensch erfindet Mathematik nicht – so meine ich – er lauscht sie dem Universum nur ab und fasst sie in Zeichensysteme unterschiedlicher Gestalt. Diese theoretischen Modelle beweisen dann, werden sie in Anwendungen auf Realitätstauglichkeit geprüft, ihre Qualitäten.

Eine „reine“ Quantität gibt es nicht, ebensowenig ist Qualität durch Quantität ersetzbar.

Qualitäten zu erfassen erfordert andererseits, die Wechselbeziehung sämtlicher Eigenheiten eines Systems – ob Elementarteilchen oder Zelle eines Organismus – mit inneren und äußeren Gegebenheiten („Randbedingungen“ nennt sie die Mathematik) im Auge zu haben.

Die Anatomie des Dr. Tulp – gemalt von Rembrandt

Jahrhundertelang war das Studium der menschlichen Anatomie auf Leichen angewiesen; der Vergleich zu heutigen Untersuchungsmethoden zeigt enorme Fortschritte in der Medizin. Doch schafft jede Untersuchung besondere „Randbedingungen“. Sie sind beim Auswerten der Daten zu berücksichtigen. Zellen unterm Mikroskop verhalten sich immer noch anders als im lebenden Organismus. Forscher haben aus Laborstudien, aus der Beobachtung der Himmelskörper oder des Wetters gleichwohl immer bessere Modelle realer Vorgänge in der Natur, sogar für menschliche Verhaltensweisen entwickelt. Denken wir etwa an das Milgram-Experiment. Mindestens ebenso interessant sind auch dabei die „Randbedingungen“: Es wird immer noch diskutiert und um neue, genauere Beobachtungen bereichert.

Die „reine“ Qualität wäre also Eigenschaft des Universums, die sich unserer Beobachtung jedenfalls entzieht, weil wir außerstande sind, das Universum in Gänze zu quantifizieren, zu „berechnen“ und daraus ein – identisches – Modell zu entwickeln. Dagegen sprechen sowohl die Konstanz der Lichtgeschwindigkeit wie die „Unbestimmtheitsrelation“ der Quantenphysik: Es ist unmöglich, alle Informationen gleichzeitig zu gewinnen und zu verarbeiten. Dasselbe gilt für die Gesamtheit der Informationen über einen einzelnen Menschen. Selbst wenn höchst entwickelte Sensoren nebst Datenspeicher 1:1 aufzeichnen können, was in jeder Körperzelle geschieht: Sie müssten auch die Milliarden Interaktionen mit Mikroorganismen innerhalb unserer Organe, auf der Oberfläche und in der Umgebung – die Randbedingungen – erfassen. Aber die wahrhaft astronomische Datenmenge wäre schon im Moment des Erfassens obsolet: Versunken hinterm von der Lichtgeschwindigkeit bedingten Ereignishorizont.

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1  Die lateinischen Zahlen erwiesen sich als untauglich fürs Rechnen

Masken der Macht – Gesichter der Ohnmacht (V)

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Über den unsterblichen Einzelnen muss ich mich nicht weiter auslassen; er wird dazu manchmal in der informellen Dimension der Nachwelt. Zu Lebzeiten mag er obendrein reich werden, noch so viel Macht auf sich vereinen: der Gevatter unterscheidet nicht zwischen Habenichtsen und Nabobs. Doch es gibt dynastische Erbfolgen, die Ruhm und Ansehen über Generationen fortschreiben. Politische Parteien wünschen nichts sehnlicher, aber die Halbwertszeiten all dieser Korporationen bleiben so überschaubar wie die untergegangener Reiche.

Die Macht der französischen Königin Marie-Antoinette fußte auf der des Hauses Habsburg zur Glanzzeit der Kaiserin Maria Theresia. Wie fast jede Hochzeit europäischer Fürstenhäuser diente die zwischen der Prinzessin aus Wien und dem französischen Thronfolger dynastischen Interessen, persönliche Neigungen waren unwichtig. Was damals in den Augen vieler keineswegs unwichtig war: Marie-Antoinette war einen Tag nach dem furchtbaren Erdbeben von Lissabon zur Welt gekommen, ein böses Omen. Zum Ende ihrer Hochzeitsfeier in Versailles starben in Paris 139 Menschen infolge einer Panik beim Feuerwerk, sie zeigte sich eigensinnig in der Wahl ihrer Freunde, vergnügungssüchtig und wenig geneigt, den Ritualen am französichen Hof zu folgen – kurz: Die Vorurteile gegen sie als „l’autrichienne“ (die Österreicherin) wurden quer durch alle Schichten der Bevölkerung genährt; kurzzeitig gewann sie Ansehen, als sie einen Thronfolger gebar, aber die „Halsbandaffäre“, eine Betrügerei, in die sie unschuldig verwickelt wurde, ruinierte jeden Kredit bei der Bevölkerung. Es kursierten die boshaftesten Karikaturen von ihr, Verbündete ließen sie fallen. Auf die Revolution reagierte sie hilflos und unbesonnen; sie wurde guillotiniert und in ein Massengrab geworfen. Ihre informelle Macht war lange vorher erloschen, aber Zeugen berichten, dass die würdevolle Haltung, mit der sie die letzten Schritte vom Henkerskarren zum Schafott hinter sich brachte, die wütenden Pöbeleien und Flüche der Menschenmenge verstummen ließ.

Die Königin von Frankreich wird guillotiniert
17. Oktober 1793. Die Menge ist verstummt, als das Beil fällt. Erst als der Kopf der Königin gezeigt wird, erschallt „Vive la Revolution!“

Unvermeidlich gerate ich an eine schwer fassbare, notwendige Qualität informeller Macht: Das Vertrauen. Es gründet nur zum Teil auf sachlichen Erwägungen: Intuition und Antizipation bestimmen die Entscheidung des Einzelnen, wem er es schenken, wem verweigern will. Dabei ist er sehr stark von „Herdenimpulsen“, von seiner Zugehörigkeit und Stellung in der Gruppe beeinflusst – und doch ist es eine zutiefst subjektive Entscheidung, wem einer vertraut und wem nicht.

Die Funktionsmechanismen der modernen Medien orientieren sich fast ausschließlich an Quantitäten: Quoten, Reichweiten, Klickzahlen. Sie sind darin genuin kollektivistisch. Die scheinbare Freiheit des Internets, der sozialen Medien insbesondere, jedem eine eigene Stimme zu geben, geht einerseits in der vom Einzelnen erheischten Bestätigung durch Gruppen („Blasen“, „Echokammern“), andererseits in der harten Konkurrenz um Aufmerksamkeit unter, deren Dynamik den politischen und wirtschaftlichen Zielen verschiedenster Korporationen – Konzerne, Parteien, NGO – unterworfen ist. Den Wunsch nach möglichst großem Echo mag der Benutzer durch Verwenden von Bildern, Videos etc. ebenso kräftig unterstützen wie durch das Zeigen von „Emojis“ – also Surrogaten der Mimik -: Die Praxis der „Cancel Culture“, der modernen Form von Ächtung, Pranger, Zensur und sozialer Isolation von Personen mit missliebiger Meinung, kann ihn fast jederzeit und überall zum Schweigen bringen.

In heutigen Oligarchien mit ihren elaborierten, weltumspannenden Netzwerken erreicht die Dynamik sozialer Systeme zugleich höchste Komplexität. Ihr Streben geht immer noch dahin, stabil zu werden bis zur Unangreifbarkeit. Die Zeit und das Universum lassen sich jedoch nicht kontrollieren, der Kosmos im Kopf jedes Menschen nur sehr begrenzt und vorübergehend. Denn um auf zahllose, sich unablässig ändernde und im Fluss befindliche Aufgaben seiner Umwelt vorbereitet zu sein, sie antizipieren zu können, bedarf es einer Informationsverarbeitung von wahrhaft astronomischen Ausmaßen. Hirnforscher wissen das.

Das tägliche Geschehen in den „Sozialen Netzwerken“ bezeugt, wie stark die Gier nach Aufmerksamkeit ist – also nach einem Platz an der Sonne informeller Macht. Mag sein, dass der Ruhm von „YouTubern“ und viralen Kurznachrichten nur kurze Zeit währt: Wie sehr und intensiv sie von Politik und herkömmlichen Medien in Dienst genommen werden, beweist ihre Eignung als Instrumente im Kampf um die Köpfe der Massen. Geld und Ansehen erwirbt damit nur ein winziger Bruchteil der im Netz verbundenen Nutzer. Die Megakonzerne der „Aufmerksamkeitsökonomie“ indessen bewegen die Welt und häufen Milliarden auf Milliarden. Sind sie andererseits, was ihre informelle Macht anlangt, nicht verwundbarer als Stahl- und Automobilfabriken? Ihre Stärke ist die Masse, die Quantität. Wie steht es um die Qualität?

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Masken der Macht – Gesichter der Ohnmacht (IV)

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Die alte Machtpyramide – überwunden oder nur mit immer neuem Personal?

Zeit und Gelegenheit, sich den beiden Dimensionen von Macht zuzuwenden: der materiellen und der informellen, oder anschaulicher: der von Besitz und sozialem Rang. In beiden prägt sie sich aus: Alle dynamischen Systeme von Wirtschaft, Politik, Kultur – sie mögen noch so unterschiedliche Formen haben – folgen dem Prinzip:

Leben = Materie + Information.

Auf diese karge Formel bringt es der Naturphilosoph Bernd-Olaf Küppers in seinem Buch „Die Berechenbarkeit der Welt – Grenzfragen der exakten Wissenschaften“. „Materie“ umfasst – gemäß der Einsteinschen Äquivalenz E = m . c2 (Energie = Masse, multipliziert mit dem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit) – auch die Energie. „Information“ ist zwar ein im Alltagsgebrauch definierter Begriff, er birgt jedoch mindestens ebenso viele unerklärte Phänomene wie die berühmte „dunkle Materie“ und „dunkle Energie“ der Kosmologie. Dass Physiker, Mathematiker, Biologen, Informatiker sich gleichwohl der Berechenbarkeit der Welt immer weiter zu nähern suchen, ist unbestreitbar.

Dahinter steckt freilich auch der Wunsch, sie zu beherrschen. Das Wechselspiel unvermeidlicher Kommunikation ist immer eines von Führen und Führen lassen. Es beginnt bei der Geburt, bewegt Familien, Peergroups, konstituiert Schulen, Arbeitsverhältnisse… Und es geht unvermeidlich mit Konkurrenz, mit Konflikten einher, weil Macht auf besondere Weise antizipiert wird. Nichts maskiert sich dabei in menschlichen Umgangsformen besser, als das Streben nach Dominanz, nichts ist älter. Habgier und Herrschsucht haben mit jedem Zugewinn an Wissen Schritt gehalten, und dass Unterwürfigkeit eine ebenso alte Strategie zur Teilhabe an der Macht ist, leuchtet ebenso ein, wie die besondere Eignung eines mit Empathie Begabten für die Rolle des Sadisten.

Die Macht, Regeln setzen und soziale Rollen verteilen zu können, dürfte das höchste Ziel in ihrer informellen Dimension sein. Mittel der Rollenverteilung sind Rituale: Kleider- und Sitzordnungen, Zeremonien, Wettbewerbe um Ehrenpreise, Wahlen und – im Zeitalter der allumfassenden Quantifizierung – „Rankings“.

Wie und wann beginnt Selbständigkeit? Kreativität? Auf welche Rollen trainieren Familie, Schule, Arbeitswelt?

Der Umgang mit Kindern belehrt schnell über den unerschöpflichen Einfallsreichtum, mit dem kleine Menschen ihre Interessen durchsetzen. Geschickte Eltern antworten ihrerseits mit immer neuen und flexiblen Manövern. In glücklichen Verhältnissen laufen sie darauf hinaus, den Absichten des Kindes nicht einfach zu folgen oder sie brachial zu vereiteln, sondern seine Aufmerksamkeit auf neue Ziele zu lenken. Das ist zunächst auch eine Form der Dominanz, aber dabei lernen beide Seiten. Sie lernen, ohne je dauerhaft funktionierenden Patent(d)lösungen zu finden, sie handeln und feilschen mit immer anderen Methoden um den aktuellen Kompromiss, die Führung wechselt. Gewisse Regeln und Rituale werden, so lange sie für beide Seiten zweckmäßig sind, respektiert und eingehalten – bis zumeist das Kind sie bricht. Eltern erleben das schwache, unterlegene Kind als Despoten. Paradox?

Hier zeigt sich der blinde Fleck des Dominanzprinzips: Schon bevor sie ein Verhältnis gesetzt hat, ist Dominanz von diesem Verhältnis abhängig. Sie kann nur bestehen, wenn sie sich zugleich auf den Erhalt des Verhältnisses verpflichtet – sich also zum Diener macht. Um es auf ein anderes beliebtes Paradox zu bringen: „Beherrsche mich!!!“ sagt der Masochist zur Domina. Letzte Konsequenz der Dominanz wäre die Unsterblichkeit des Einzelnen oder die unzerstörbare Weltherrschaft eines sozialen Systems.

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Masken der Macht – Gesichter der Ohnmacht (III)

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Die Möglichkeiten, Bilder digital zu manipulieren, erweitern nicht nur das Arsenal von Meinungs- und Stimmungsmachern. Animierte Figuren tummeln sich in dreidimensionalen Welten der Spiele und auf der Leinwand. Mittels „Motion Capture“ lassen sich sämtliche Bewegungen echter Schauspieler, Artisten und Stunts digital auf künstlich erschaffene – Avatare – übertragen – einschließlich der Gesten, Mienen und Laute, die von lebenden Akteuren abgenommen wurden, das heißt: deren gesamtes Spektrum nonverbaler Signale in der Kommunikation. Sie wirken ebenso mächtig und überzeugend auf das Publikum (oder die Spieler im Cyberspace) wie Menschen aus Fleisch und Blut. Gefühle haben sie nicht.

Hier nun ist über die Forschungsarbeit von Siegfried Frey zu reden und über sein Buch „Die Macht des Bildes“1. Als es 1999 bei Huber in Bern erschien, wurde es überall in den Medien, auch von Psychologen, Trickfilmern und in der einschlägigen Forschung stark beachtet. Frey wies im Experiment überzeugend nach, dass es der vom „Sender“ erwünschte Eindruck beim Betrachter ist, der sowohl die klar definierten Formen als auch die Dynamik der Mienen, Gesten und Laute hervorbringt, dass also nicht zugrunde liegende Gefühle, sondern die beim Gegenüber erheischte Wirkung die Impulse des „Senders“ steuert – wie das Radschlagen von Pfauen oder Balztänze von Paradiesvögeln bei den Weibchen. Antizipation treibt den Impuls – das gilt für jede Form des Balzverhaltens. Nicht warum einer den anderen „aus den Augenwinkeln“ oder „von oben herab“ anschaut“, sondern welcher Eindruck beabsichtigt ist, erklärt das Signal einer – oft nur winzigen – Drehung des Kopfes. Mancher kleine Mann muss sich auf die Zehenspitzen stellen und das Kinn heben, um von oben herab schauen zu können. Vorm Erhabenen zum Lächerlichen ist’s manchmal nur eine Zehenlänge.

Siegfried Frey nutzte in seinem Labor in der Duisburger Uni dazu nicht nur einschlägige Video- und Messtechnik für die physiologischen Abläufe bei Probanden, um deren Reaktionen auf Mienen und Gesten zu testen, er konnte auch auf ein System zurückgreifen, in dem jede Regung der Gesichtsmuskeln bei nonverbalen Signalen kodiert war: Dieses 1978 erstmals publizierte Facial Action Coding System (FACS)1 verbreitete sich weltweit und belebte die Anstrengungen neu, von Gesichtsausdrücken auf dahinterliegende Gefühle, womöglich gar Absichten zu schließen. Frey ergänzte diesen Code um die Bewegungen des Körpers; sie sind nicht willkürlich, sondern haben eine genaue Zahl von wesentlichen Freiheitsgraden. Beim Gesicht sind es 49, insgesamt 104. Damit ließen sich Mienen und Gesten von 180 Politikern in Videofilmen gut erfassen und kodieren. Nahm man nun die physiologischen Reaktionen von Probanden während des Betrachtens solcher Videos auf, konnten sie zeitlich genau den Bewegungsmustern am Bildschirm zugeordnet werden. Natürlich protokollierten Frey und seine Mitarbeiter auch, wie Versuchspersonen die im Film Gezeigten subjektiv bewerteten – sympathisch oder unsympathisch, kompetent oder inkompetent etc.

Die Ergebnisse verblüfften, und bis heute hat Freys Buch nichts von seiner Aktualität eingebüßt: Die Bewertungen für die stummen Mimen der Videos stimmten auffällig überein, darüber hinaus zeigte sich, dass am Rechner mittels der so gewonnenen Daten sehr grob animierte Puppen fast identische Sympathiewerte erreichten wie ihre menschlichen „Vorlagen“. Das trug dem Forscher viel Interesse von allen Seiten, vor allem von Trickfilmproduzenten ein. Trotzdem sind seine Erkenntnisse aus dem öffentlichen Bewusstsein längst wieder zugunsten der alten Frage nach dem „Warum?“, nach emotionalen Gründen hinter mimischen, gestischen und akustischen Formen nonverbaler Kommunikation verschwunden. Wie war das möglich?

Dass sich nonverbale Signale quantifizieren ließen, weckte unvermeidlich den Wunsch, mit ihrer Hilfe einen neuen Kanal von Informationen über menschliches Verhalten zu öffnen, womöglich zu dessen Kontrolle. Paul Ekman gründete in den USA eine Firma, die ihrer Kundschaft – namentlich Sicherheitsbehörden – versprach, anhand dekodierter „Mikromimik“ des Gesichts etwa Terroristen schon am Eingang eines Flughafens identifizieren zu können. Gelänge dies, wären deren Absichten dank winziger physiognomischer Regungen erkennbar, Lügner mit größerer Sicherheit zu überführen als durch heutige Detektoren, wäre es ein großer Schritt zum „Gläsernen Menschen“, zur perfekten Kontrolle von Individuen und zur absoluten Macht.


1  Paul Ekman / Wallace V. Friesen: Facial Action Coding System. Investigator’s Guide, California 1978


1  Siegfried Frey „Die Macht des Bildes“ Verlag Huber, Bern 1999

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Masken der Macht – Gesichter der Ohnmacht (II)

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„Jenaer Thüringer Alte Herren 1850“: Was verraten Kopfform, Nase, Stirn einer Silhouette?

Kehren wir zu Lichtenberg zurück, einem kleinen Mann, der von Kindheit an unter einer verkrümmten Wirbelsäule litt, bucklig war, und doch schon zu Lebzeiten als Gelehrter mit außerordentlichem Scharfblick sowohl wie seiner Fähigkeit zu präzisem Beschreiben und wissenschaftlicher Argumentation wegen gerühmt wurde. Als es ab 1775 Mode wurde, die „Physiognomischen Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe“ des Schweizer Pfarrers Johann Caspar Lavater als Übungsbuch dafür zu nutzen, jederzeit und überall aus Köperformen und Gesichtszügen auf Charaktere zu schließen, reagierte er mit bissiger Polemik. Dem gesellschaftlichen Mainstream, der sich mit Spekulationen über Nasen, Kinn, Stirn und anderen Eigenheiten unterhielt, entgegnete er souverän. Sein Essay „ Über Physiognomik wider die Physiognomen“ besticht auch heute noch. Dass anhand modischer Schattenrisse auf seelische Aktivität im Hintergrund geschlossen wurde, entlarvte er als der Astrologie vergleichbaren Trug. Aber er erkannte – und das war eine herausragende Leistung – wie bedeutsam der nonverbale Anteil der sprachlichen Kommunikation ist.

„Ohnstreitig gibt es eine unwillkürliche Gebärden-Sprache, die von den Leidenschaften in allen ihren Gradationen über die ganze Erde geredet wird. Verstehen lernt sie der Mensch gemeiniglich vor seinem 25. Jahr in großer Vollkommenheit. Sprechen lehrt sie ihn die Natur, und zwar mit solchem Nachdruck, daß Fehler darin zu machen zur Kunst ist erhoben worden. Sie ist so reich, daß bloß die süßen und sauren Gesichter ein Buch füllen würden, und so deutlich, daß die Elefanten und die Hunde den Menschen verstehen lernen. Dieses hat noch niemand geleugnet, und ihre Kenntnis ist was wir oben Pathognomik genannt haben. Was wäre Pantomime und alle Schauspielkunst ohne sie?“

„Expressiv“: Mimik im Stummfilm ist der des Theaters ähnlicher als die Mimik heutiger Medien

Der Begriff „Pathognomik“ setzte sich nicht durch, aber kein geringerer als Charles Darwin trug dazu bei, dass die „wortlose Weltsprache“ als starker Signalweg der menschlichen Kommunikation erkannt wurde. Dass sich zugleich mit den Bildermedien, mit ihrer Verbreitung für Zwecke der Werbung und Propaganda ebenso wie mit dem Siegeszug des Spielfilms auch die Ausdruckspsychologie als wissenschaftliche Disziplin etablierte – Karl Jaspers veröffentlichte dazu Anfang des 20. Jahrhunderts erste Texte – ist nicht verwunderlich: Die ins Überlebensgroße gesteigerte, expressive Mimik des Stummfilms ergab ganz neue Studienmöglichkeiten. Davon profitierten zahllose Forscher, auch solche die während des Dritten Reiches rassische und eugenische Theorien damit begründen wollten. Aber das war es nicht allein, was 1973 der Ausdruckspsychologie an deutschen Universitäten den Garaus machte.

Der Versuch, aus Mienen, Gesten, Lauten Rückschlüsse auf den emotionalen Hintergrund des „Senders“ zu ziehen, erwies sich als äußerst fehlbar. Trotzdem ist es ein allgemein beliebtes wie von Medien gern genutztes Verfahren, über Gefühle, Lebenslagen und Charaktere von Menschen zu mutmaßen. Im Werkzeugkasten des inzwischen als „Framing“ gehandelten Manipulierens von Informationen zu Propagandazwecken ist es immer griffbereit. Sie haben zweifellos selbst schon erlebt, wie unvorteilhaft Sie auf einem Foto wirken können, wenn die Kamera Sie von unten erfasst. Ihr Blick auf dem Bild „von oben herab“ hinterlässt beim Betrachter einen überheblichen Eindruck, ebenso wie der „aus den Augenwinkeln“ einen des Misstrauens. Sie können leicht damit experimentieren, welchen „Gefühlshintergrund“ andere nur infolge einer veränderten Kopfhaltung bei Ihnen vermuten, wenn Sie eine Serie davon aufnehmen: Blick in die Kamera von oben, von unten, mit geneigtem, vorgeschobenem, zurückgezogenem, leicht gedrehtem Kopf; dabei sollten Hals und Schulteransatz im Bild sein um die Relation zum Körper mit zu erfassen. Tun sie das alles möglichst entspannt und emotionslos. Sie werden staunen, wie viel Emotion andere aus den Fotos herauslesen.

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Masken der Macht – Gesichter der Ohnmacht (I)

Manche Menschen – so heißt es – trügen im täglichen Umgang mit anderen eine Maske. Der Eindruck, den sie von sich vermitteln wollten, sei trügerisch. Nur wenigen – im Privatesten – zeigten sie ihr „wahres Gesicht“. Das könnte dann ein liebenswertes sein – oder ein um vieles scheußlicheres. Sicherlich kennen Sie etliche Beispiele dafür – womöglich aus ihrer Umgebung. Das Phänomen beschäftigt Menschen seit jeher, es hat fast alle Kunstformen, vor allem natürlich das Theater, stark beeinflusst. Seit einem Jahr erleben wir, dass fast alle einander mehr oder weniger freiwillig mit einem halb verdeckten Gesicht begegnen. Kreative Köpfe im Dienst der zuständigen Behörden erfanden die „Alltagsmaske“, angeblich eine Schutzmaßnahme gegen die Corona-Pandemie. Sie schützt den Träger nicht gegen das Virus – das weiß jeder seriöse Fachmann. Vielleicht macht sie ihn weniger ansteckend für andere. Jedenfalls hat sie unerwünschte Nebenwirkungen, über die es sich lohnt nachzudenken.

Bei dem universellen und streitbaren Autor finden sich höchst aktuelle Gedanken – frei verfügbar im Web

Die unterhaltendste Fläche auf der Erde für uns ist die vom menschlichen Gesicht“, sagte der Physiker, Philosoph und Schriftsteller Georg Christoph Lichtenberg fast 250 Jahre bevor Selfies und Videos, erzeugt mit hunderten Millionen Kameras in Smartphones, verbreitet über Kanäle der „social media“ die Welt fluteten. Ein gewaltiger Schub in der Geschichte der Bildermedien, die seit dem 19. Jahrhundert nur eine Richtung kannten: Mehr, besser, billiger. Mit dieser Flut und der allgegenwärtigen digitalen Technik der Bildverarbeitung ergaben sich ganz neue Chancen – etwa für Geheimdiente, Kriminalisten, Marktforscher, Soziologen, Anthropologen, Psychologen… Die automatisierte Erkennung von Gesichtern ist für die einen ein vielversprechender Fortschritt in eine beherrschbare, planbare, friedliche und mit Wohlstand gesegnete Gesellschaft, für andere bedroht sie die Freiheit der Menschen in nie gekanntem Maß – George Orwells „1984“ ist bekannteste Dystopie dafür. Gesichter ziehen seit jeher das Augenmerk nicht nur von Künstlern, sondern auch von Philosophen und Naturwissenschaftlern auf sich, und das eigentlich „Unterhaltende“ daran ist bis heute zweierlei:

  • Dass und wie stark Mienen die Emotionen von anderen mitschwingen lassen können – egal ob sie real erlebt oder in einem Bild, noch wirksamer im Film, dargestellt werden
  • Was lässt sich aus einem Antlitz herauslesen, was als Information über die hinter der Stirn verborgenen Absichten nutzen – sei ’s eine vom Alter gefurchte oder mit jugendlicher Glätte bezaubernde?

Schon der erste Blick – einige Hundertstel Sekunden genügen – löst einen von Gefühlen begleiteten Eindruck aus. Kein Zufall: Mehr Zeit bleibt dem Affen nicht, wenn er beim Anblick eines Löwen mit Warnruf, Fluchtimpuls, Einsatz aller Energie fürs Überleben reagieren muss. Nichts anderes galt in der Entwicklungsgeschichte, wenn einander unbekannte Menschen aufeinander trafen. Einen potentiellen Angreifer blitzschnell zu identifizieren, ihn und andere mit deutlichen Rufen als entdeckt zu markieren und Flucht oder Gegenwehr zu mobilisieren, kann über die weitere Existenz entscheiden.

Jeder Sportler, der im falschen Moment nachdachte, was er tun soll, während er den Ball verschoss, den Sprung verpatzte oder beim Rennen aus der Kurve flog, weiß das. „Wer denkt, hat verloren!“: Diesen Spruch gebrauchen wir beim Volleyball, Squash oder Badminton immer wieder, wenn die Zehntelsekunde gedanklicher Entscheidung zwischen Vor- oder Rückhand, Lop oder Schmetterschlag, lang oder kurz gespieltem Ball den Reflex – damit den Fluss andauernden Antizipierens von Bewegungen des Balls und des Gegners – unterbricht und wir den Turn verlieren.

Gehirn und Körper antizipieren einfach ununterbrochen; fast für jede Situation halten sie automatisierte Abläufe bereit: vom simplen Reflex bis zum gedankenschnellen Ergänzen verstümmelter Texte und Bilder. Nur ausnahmsweise erleben wir so etwas wie Schockstarre, bleibt uns „die Spucke weg“ oder „das Herz stehen“. Antizipation ist messbar schneller als jede gedankliche Entscheidung, aber auch mit Fehlerrisiko behaftet, salopp gesprochen „quick and dirty”.

Kann es verwundern, dass unsere Vorfahren schon in der griechischen Antike tierische mit menschlichen Physiognomien verglichen und daraus auf Charaktere zu schließen versuchten? Zeichnungen aus der Zeit des Aristoteles – also ca. 350 v. Chr. – offenbaren von der „Löwenmähne“ bis zum „Schafskopf“ erheiternde Assoziationen. Meine Mutter war in meinen Kindertagen überzeugt, dass ein Schreiner in der Nachbarschaft „in einem früheren Leben ein Storch gewesen“ sei. Tatsächlich stand der hagere Mann mit zum Buckel gerundeten Schultern und langer Nase auf einem Bein an der Bandsäge, das andere schlang er unterm Knie um die Wade, gelegentlich wechselte er vom linken aufs rechte. Wenn Sie ein wenig nachdenken, fallen Ihnen vielleicht auch noch Füchse, Eulen, Mäuse, Frösche, Karpfen und andere Assoziationen ein.

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Weihnachtsgurken (III)

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 Als Mutter und Großmutter mir die Begebenheit erzählten, war der Heringssalat am Heiligen Abend längst wieder unverzichtbares Ritual, es kamen sogar Orangen auf den Gabentisch, denn im Rheinland war das Wirtschaftswunder im Gang, die Geschwister der Omma halfen – und zwar uneigennützig – mit Westpaketen. Aber immerhin erfuhr ich noch, dass die „Weihnachtsgurken“ wirklich für alle Beteiligten ein Glücksfall waren: Bauer Kurt hatte in jenem Jahr einen ziemlich üppigen Teil der Gurkenernte dem Zugriff der Behörden entzogen, er brachte ihn kurz vor Weihnachten mit Gewinn unter seine Kundschaft. Emmy erfreute sich jedes Jahr aufs Neue an dem mundgeblasenen Engel. Das weiß ich, weil ich in den 60er Jahren einen heftigen Flirt mit ihrer Enkelin hatte, ausgerechnet an Weihnachten und leider nur kurz, vermutlich weil ich zu viel Heringssalat gegessen hatte.

 Die Omma hatte nicht nur Weihnachten gerettet, sie hatte einen monatelang haltbaren Gurkenvorrat. Meine Mutter triumphierte, denn sie hatte bei dem Deal eine reife schauspielerische Leistung abgeliefert: Sie verabscheute den strahlenden Engel eigentlich als Kitsch und war froh, dass die Familie stattdessen etwas Anständiges zwischen die Zähne bekam. Sie hatte Geschmack, verfehlte nur knapp eine künstlerische Laufbahn, weil ich zur Unzeit auf die Welt kam, aber das ist schon wieder ein andere Geschichte. Jedenfalls verdanke ich meiner Mutter wohl die Neigung zum Theater. Die eigentliche Ironie des Ganzen stellte sich erst kürzlich heraus: Bei der beliebten Fernsehshow „Bares für Rares“ wurde ein alter Glasengel aus Lauscha auf 1500 Euro taxiert. Dafür könnten Sie etliche Gurken vergolden lassen.

Gurke aus Glas als Christbaumschmuck
Vielleicht zum Ausprobieren einer etwas anderen Bescherung?

Auch die eigentliche Geschichte von den “Weihnachtsgurken” beginnt im 19. Jahrhundert: Eine kleine Gurke aus grünem Glas hing versteckt in den Zweigen. Wer sie zuerst fand, durfte mit dem Auspacken der Geschenke beginnen. Der seltsame Baumbehang wanderte damals aus dem Thüringischen Glasbläserdorf Lauscha in die USA, wurde dort als „Christmas Pickle“ zum Renner – und kehrte, fast vergessen, vor einigen Jahren als spaßiger Brauch zur Bescherung nach Deutschland heim. Das skurrile Gemüse gibt es mittlerweile in vielen Größen und Formen. Ob und wie oft darum bei der Bescherung gestritten wird, ist erstaunlicherweise von der Wissenschaft noch nicht untersucht.

ENDE

Weihnachtsgurken (II)

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 Okay, die Weihnachtskartoffeln, die uns Emmy ins Haus brachte, waren bezahlt, ihr Besuch bei uns entsprang also durchaus weitergehendem Interesse. Natürlich wussten das auch die darbenden Großeltern, sie akzeptierten es, anders hätten sie die gute Frau ja an der Wohnungstür abfertigen können. Beide Seiten wollten die Geschäftsbeziehung fortführen, der Blick in die gute Stube mit dem Christbaum war sozusagen einer auf unser Angebot. Einen Teppich gab es schon nicht mehr, die ausgetretenen Dielen waren nackt, die Schränke fast leer. Die Ölporträts längst verblichener Vorfahren waren uninteressant, Jagdtrophäen wie Zwölfender, Gehörne, ausgestopfte tropische Fische, Haifischgebisse etc. ließen Lebensmittelproduzenten erfahrungsgemäß kalt, wurmstichiges Biedermeier ebenso. Blieb der Christbaumschmuck. Sie merken, worauf es hinauslief? Meine Omma hub also an:

„Jefällt ihr dat Zeusch?“ fragte sie in ihrem rheinischen Singsang, und sie benutzte die Anrede in der dritten Person Singular, um ihr miserables Blatt mit dem einzigen Argument aufzuwerten, das sie hatte: Wäre der Preis miserabel, würde es kein Spiel geben. Die Omma hatte ihren Stolz. Sie fügte hinzu: „Et is ja in diesen Zeiten nit mehr viel wärt, aber wer weiß, wat kütt. Un et hängen eben Erinnerungen dran – sowat jibt keiner janz leischt ausse Hände. Un Billischkram am Christbaum – daran hätten Kinder und vielleischt mal Enkel janz sischer kin Fröid. Stimmt‘s Töschterschen?“

Meine Mutter nickte stumm und hielt mit dem Schmücken inne. Die besten Stücke lagen noch in den Pappkartons. Sie hatte mit der Tochter der Bauern die Schulbank in der Grundschule gedrückt, sie bereitwillig von Schulaufgaben abschreiben lassen. Das war eine der Grundlagen jener Geschäftsbeziehungen, an der Kartoffelsäcke und Krautköpfe hingen. Eine andere war, dass der Großvater mit Ärzten und Beamten am Stammtisch gesessen hatte. Auch das wusste die Bauersfrau, jeder wusste es, und es hielt die Habgier im Zaum. Sich beim Arzt einen Ruf als Halsabschneider zu erwerben, konnte sich in den Kleinstädten und Dörfern nur leisten, wer soviel Geld oder soviel Macht besaß, dass ihm ein übler Leumund egal sein konnte. Aber in den Jahren wertlosen Geldes, einer untergegangenen und einer von Besatzern verfügten Macht sortierten sich die Beziehungen neu. Sich Vertrauen zu erwerben bei den Richtigen war heikel – wer waren die Richtigen? Unsere „Dorfmadam“ hielt sich einfach an die Regel, dass man eine Gans, die goldene Eier – oder silberne Christbaumkugeln – legt, nicht schlachten soll.

 „Normole Silbädängä honn mä scho. Owä…ä boar Glöckle…onn: Dor in dä Mett doos Engele! Is scho ebbes…“1

 „Mutti, bitte! Nicht den Engel! Er ist das Schönste am ganzen Baum, gib ihn bitte, bitte nicht weg!“ Mit erhobener Hand brachte die Omma ihre Tochter zum Schweigen:

 „Also die Glöckschen könnten wir jerade so verschmerzen. Wat hätt se denn anzubieten?“

 „Doss mi kä Gäns mäa honn, dos wässt ü jo. Mittm Flaaisch is niss. Mi honn selwä net viel mäa wie Aardäffel, owä: Ä Lawwerwuäscht hätt ich noch. Ä Lawwewuäscht, ä Blutwuäscht on ä aigläts Sauschwänzle, für … sas Glöckle on dan Ängel.“2

 „Bitte Mutti! Mir reichen Kartoffeln, und wenn wir vielleicht den Hering…“

 „Gettz wachte domal!“, die Omma wurde ärgerlich. „Ob Elfriede den Hering bekommt, und uns davon abjibt, weißt du doch jar nit! Also. Vier Glocken für die Leberwurst, ouf dat andere müssen wir leider verzischten. Hoffen wir, dass wenigstens der Hering… Gundula, getz geh doch mal eben in die Küsche un frach den Papa, wat er davon hält.“ Gundula, aus der drei Jahre später meine Mutter werden sollte, verschwand. Die Bauersfrau seufzte, ihre Augen hingen an der Figur aus innen mit Silbernitrat verspiegeltem Glas, die auf einer Kugel dahinzuschweben schien. Große Flügel waren ausgebreitet, überm goldenen Blondhaar glänzte ein Heiligenschein. Zweifellos hatte der Glasbläser damit ein Meisterstück gefertigt.

 Dann gab sich Emmy einen Ruck: „Vier Glöckle für die Lawwerwuäscht. Un nu sö ich äuch ebbes: Wann ü ons dan Engel losst, no griecht‘e net bloß die Blutwuäscht on‘s Schwänzle, no griecht‘e ä gaanz Fässle mit Gorge derzu! Dor hott‘ü wochelang dervo, aa fürn Harengsselodt.“3

 Weitere Details des Handels erspare ich Ihnen – etwa wie lange Gundula und der Opa ihn durch Widerreden und Fragen nach der Größe des Fasses hinauszögerten – die Entscheidung fiel, als Tante Elfriede auftrat und, ohne auf die Bäuerin zu achten, ausrief: „Kinners die Heringe sinn da, und drei davon für euch, is dat nich doll?“.

 „Also jut, Emmy.“ Die Omma nahm die straffe Haltung einer Großgrundbesitzerin an, „sie kriegt wat sie will, vier Glocken und den Engel. Aber dat Fass muss heute noch in unserem Keller stehen, damit isch bis nach dem Gottesdienst den Heringssalat fertischkrieje.“

 Emmy klatschte in die Hände und grinste: „Ha frailich! Doos stätt jo scho onne be main Kurt afn Schliite! Zonte schafft hes glaich inn Keller noa!“4

 Keine Ahnung, ob Sie sich vorstellen können, welche Gefühle die Beteiligten von damals bewegten. Der einzige, der ein Haar im Heringssalat hätte finden können, war mein Opa. Er wusste, dass Tante Elfriedes Heringe ihn einen Teil seines Tabakvorrates kosten würden. Sein Neffe Hans, Elfriedes Ehemann, war Raucher. Tabak war eines der wichtigsten Zahlungsmittel, natürlich auch innerfamiliär, aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.


1               „Normale Silberdinger haben wir schon. Aber ein paar Glöckchen.. Und da, in der Mitte, das Engelchen wäre schon was…“

2               „Dass wir keine Gänse mehr haben, wisst Ihr ja. Mit Fleisch ist es nichts. Wir haben selber nicht viel mehr als Kartoffeln, aber: Eine Leberwurst hätte ich noch. Eine Leberwurst, eine Blutwurst und ein eingelegtes Sauschwänzchen für… sechs Glöckchen und den Engel.“

3               „Vier Glöckchen für die Leberwurst. Und jetzt sage ich Euch etwas: Wenn Ihr uns den Engel überlasst, kriegt Ihr nicht nur die Blutwurst und das Schwänzchen, dann kriegt Ihr ein ganzes Fässchen mit Gurken dazu! Da habt Ihr wochenlang davon, auch für den Heringssalat.“

4„Ja freilich, das steht ja schon unten bei meinem Kurt auf dem Schlitten! Jetzt schafft er‘s gleich hinunter in den Keller!“

Zur Fortsetzung (Teil III und Schluss)

Weihnachtsgurken (I)

1971 fielen die letzten Fachwerkhäuser der Herrenstraße in Suhl

Es sind jetzt ziemlich genau 50 Jahre, seit das Weihnachtshaus abgerissen wurde. Ich nenne es so, weil kein Weihnachten wie in dem alten Fachwerk mit den krumm getretenen Treppen war. Zwischen Toreinfahrt und erstem Stock hatten sich unter den Füßen von acht Generationen Holz und Nägel so aneinander abgearbeitet, dass beim Auf und Ab eine ganz eigene, knarrende Tonleiter hörbar wurde. Der Familienhund erkannte daran genau, wer kam, er sprang entweder zur Tür oder schlief einfach weiter. Selten knurrte er leise. Dann waren der Nachbar und seine Frau unterwegs, Familie Hüller, oder „die Hüllers“. Er mochte sie nicht, wir auch nicht. Sie schlugen ihre Kinder – aber das ist eine andere Geschichte.

 Wir wohnten also im ersten Stock dieses Hauses, von dort führte eine weitere knarrende Tonleiter auf den Dachboden, und dort war das Reich der Abenteuer, dunkel vom Staub der Jahrhunderte, von Sonnenstrahlen durchflirrt. In einer der Bodenkammern roch es ganzjährig nach Weihnachten, nach altem Stearin, Zimt, Mandeln und Räucherwerk. Na gut: Das mit den Gewürzen bilde ich mir womöglich nur ein – der Duft nach Kerzenwachs jedenfalls entströmte einer runden Schachtel aus Bast, die Frühling, Sommer, Herbst verdämmerte, bis ich sie aus dem Schrank holte für wenige Stunden, darin bewahrten wir Dutzende von Kerzenhaltern samt Wachsresten auf. Zur Bastschachtel gehörten Pappkartons, ebenso alt und staubig, voll wundersamer Dinge aus Glimmer, Glas und Stanniol. Wenn der Winter kalt und trocken war, flimmerten Pulverschneeflocken im Halbdunkel des Fachwerks. Der Wind trieb Kristalle durch Ritzen zwischen Ziegeln, Balken, Sparren; Lichtstreifen wanderten über grauweiße Wellen von Staubschnee, über schiefgetretene Dielen. Ich kann sie noch knarren hören.

Knäblein vom Christbaum mit antikem Schmuck
Der Autor als Knäblein vor antikem Schmuck

 Immer wenn mich meine Großmutter auf den Dachboden schickte, den Weihnachtsschmuck zu holen, war ich ganz von Vorfreude erfüllt. Ebenso aufregend war, den Christbaum aus dem Hof heraufzuschleppen – er reichte vom Boden bis zur Decke – das untere Ende mit Axt und Messer fürs breite Holzkreuz zuzuspitzen, in mit ein paar Schlägen zu verkeilen, aufzurichten bis er genau senkrecht stand, und all die alten Herrlichkeiten aufzuhängen, die mindestens von Urgroßeltern überliefert waren. Einige besonders kunstvolle Kugeln von den Lauschaer Glasbläsern und Schnitzereien aus Fernost, die der Großvater von Seereisen nach Südostasien mitgebracht hatte, waren leider in den Hungerjahren nach dem Zweiten Weltkrieg verloren gegangen. Der Tauschhandel mit Bauern, Hamstertouren nannte man das wohl damals, dieser Tauschhandel hatte nicht nur Teppiche, Bettwäsche, Porzellan und Gläser der Familie aufs Allernotwendigste reduziert – der Besuch einer Bauersfrau mit dringend benötigten Kartoffeln kostete Teile des traditionellen Baumbehangs: Emmy, so hieß sie, kam just am Heiligen Abend, alle waren froh, dass sie überhaupt kam, warf einen Blick auf meine Mutter, damals noch eine junge Frau von 21, die beim Schmücken war, und rief:

 „Hauwawau! So ebbes Deures hon mi net derhemm!“1

 Ich weiß nicht, ob Großvater und Großmutter damals einen kurzen Blick blitzschnellen Einvernehmens wechselten, die Omma erzählte mir jedenfalls 10 Jahre danach, dass sich der alte Herr, er stammte noch aus dem 19. Jahrhundert, mit seiner Tabakspfeife in die Küche verzog. Woher er im schlimmsten Mangel den Tabak hatte, ist wieder eine andere Geschichte. Großmutter begann, mit der „Dorfmadam“ zu feilschen. Ob sie denn gern etwas von dem Schmuck haben wolle, und was sie dafür herzugeben bereit sei.

 Nein. Wenn Sie, liebes Publikum, verstehen wollen, wie seltsam damals die Diktion, wie ausgeprägt Rollenmuster waren, die sich heute kaum mehr jemand vorstellen kann, muss ich anders erzählen. Bedenken Sie bitte, dass Landwirte in den ersten Jahren nach dem Krieg, in der sowjetischen Besatzungszone zumal, für Lebensmittel fast jede Gegenleistung verlangen konnten. Es gab sie, wenn überhaupt, nur auf Marken. Weihnachtsgänse gehörten ins Reich der Märchen aus guter alter Zeit. Mein Großvater war von einem stattlichen Sechziger zu einem klapprigen Greis heruntergehungert, dem jeder Filmregisseur unserer Tage eine stattliche Gage für einen Auftritt als Lagerhäftling in gestreiftem Anzug… Entschuldigung, ich schweife schon wieder ab.

 Die „Dorfmadam“ – Ausdruck meiner Omma – hatte damals Trumpfkarten in der Hand, mit denen heute, im Zeitalter globalen Handels, nicht einmal die allermächtigsten Landwirte der EU Subventionen abtrotzen könnten, vier Asse sozusagen, sie hießen Hunger, Hunger, Hunger und Hunger. Sie wusste das. Haben Sie eine Idee davon, was damals ein Zentner Kartoffeln wert war?


1               Übersetzt ins Hochdeutsch „Donnerwetter, so was Teures haben wir nicht zu Hause!“

Zur Fortsetzung (Teil II)

Notstand in Thüringen – bald wieder?

YouTube zeigt mir eine lustige Reportage aus dem Jahr 1984. Ein Journalist des BR bereiste damals den Thüringer Wald, redete mit Glasbläsern, Bauern, Waffenherstellern. Natürlich war die Reise DDR-behördlich genehmigt und stasiüberwacht. Der gute Mann hatte aber gar nicht die Absicht, über die Stränge zu schlagen, wie’s manch anderer Reporter gewagt und seine Akkreditierung alsbald verloren hatte.

Suhl – Hauptstadt der „autonomen Gebirgsrepublik“ – ein halbes Jahr vorm Mauerfall

Im Film bauen die Leute vom Wald Häusle, Touristen sollen kommen, Thüringer Klöße werden gekocht, alles viel besser als früher: Da litten Glasbläser Not und wanderten aus in den Schwarzwald. Jetzt bezahlt sie der Volkseigene Betrieb sogar als Heimarbeiter. Die großen LPG-Felder anstelle schmaler, schwer zu bearbeitender „Handtücher“ findet der Mann aus Bayern auch gut, die Enteignungen und Fluchten der 50er Jahre kommen nicht vor. Stattdessen hätte er gern den Sozialismus in der DDR noch sozialistischer und feministischer gehabt. „Weit ist der Weg zum Gleichheits-Ideal“ (12:28). Das hat den Apparatschiks bestimmt gefallen.

Schön war’s in dem einstmaligen Notstandsgebiet, drum singt der Männerchor unter den Porträts von Honecker und Stoph „Ach, wie ist’s möglich dann, dass ich dich lassen kann…“ während eben zu jener Zeit die Zahl der Ausreiseanträge von der Stasi mit allen Mitteln gedrückt werden musste. Schwerer Sarkasmus beim Reporter? Keine Spur. Er schwafelt vom „dialektischen Fortschritt auf dem Verordnungswege“ und dass (in die alte Zeit?) niemand mehr „zurückwolle“. Aber wohin wollen die Leute? 5 Jahre später weiß es jeder: Richtung Schwarzwald.

„Die Burg“ – ehemalige Stasi-Bezirkszentrale, 1990 von Bürgerrechtlern besetzt

Wenn der offiziell akkreditierte und bestens versorgte Herr vom BR es hätte wissen wollen, hätte er es erfahren können. Aber er war brav. Und die brave Melodei vom sozialistisch aus dem Elendsgebiet erwachten Thüringen machte er fast nur an Fragen nach dem Geld fest. Fast könnte man meinen, in Bayern lebte sich’s schlechter. Vermutlich ist er inzwischen nach Empfang einer stattlichen Pension in die ewigen Investigativgründe ausgereist. Seine Nachfolger – jede Menge journalistisches Prekariat – hoffen derweil wieder auf die sicheren Einkommen im Sozialismus mit seinem Gleichheits-Ideal.

„Es wird in die Hände gespuckt“, heißt es am Ende des Films. Dass das nur mit Schattenwirtschaft, Schwarzarbeit und jeder Menge Zweitwährung – aka D-Mark – lief, mit Milliardenkrediten seines Landesvaters Franz Joseph, weiß der gute Mann von der öffentlich-rechtlichen Anstalt also auch nicht. Jeder wusste es. Aber womöglich erfüllt sich sein Traum vom „dialektischen Fortschritt auf dem Verordnungswege“ ja bald auch in Bayern. Der BR wird bestimmt nix dagegen haben. Solange der Zwangsbeitrag ihn finanziert.