Hoffnung unter Panzerketten

Titel zu Erich Loests "Sommergewitter"

Loest erlebte das DDR-Zuchthaus als Gefangener. Er kannte auch die Perspektive der Mächtigen

Jahrestage, Jubiläen, Gedenkfeiern bringen selten frische Gedanken, originelle Erkenntnisse hervor, schon gar nicht, wenn sie gemütlich im Mainstream dümpelnden Journalisten anbefohlen werden. Ein kurzer Blick auf Texte zum 17. Juni 1953, zum 13. August 1961, zu den sowjetischen Militäraktionen in Ungarn 1956, in der ČSSR 1968, zur Geschichte der polnischen Werftarbeiter und der Gewerkschaft „Solidarność“ in den 70er und 80er Jahren, zum Massaker der Chinesischen Politbürokratie auf dem Tian’anmen am 4. Juni 1989 und nicht zuletzt zum Mauerfall 1989 genügt meist, mich zu überzeugen, dass ihre Lektüre so aufklärerisch und demokratiefördernd ist wie ein Pfund Toastbrot vom Discounter.

Man könnte einwenden, dass mit ärmlichen, ausgeleierten Fakten und zu nichts verpflichtenden, moralischen Worthülsen die „Chronistenpflicht“ zu erfüllen, immer noch besser sei, als solche historischen Landmarken dem Vergessen zu überlassen. Ich bezweifle das. Banalitäten und ritualisierter Wortgebrauch erzeugen Überdruss und ebensowenig Verständnis fürs historische Geschehen wie das Auswendiglernen dynastischer Erbfolgen.

Titelbild zu György Dalos "1956"

Mit 13 erlebte der Autor russische Panzer in Budapest

Das Erinnern von Zeitzeugen, ihre Ängste, ihre Verzweiflung, ihr Mut und ihre Entscheidung zum Widerstand verschwinden hinter Phrasen und medienpolitsch gleichrichtendem Geräusch. Freilich: Wenn Mitläufer erzählen, ist wenig mehr zu lernen als das Mitlaufen, das langweilt. Jugendliche werden so kaum mehr erreicht. Sie erkennen nicht, welche Verhaltensmuster damals wie heute die Herrschaft des Unrechts begünstigen, und wie sich Einzelne dagegen wehren können. Ihr eigenes Verhalten ist davon entkoppelt. In der auf Sicherheit programmierten Welt der An-Gestell-ten erlabt man sich, wohlig erschaudernd, an den Konflikten, Gewalttaten, Abenteuern, Leiden fiktiver Gestalten in komfortabler, berührungslos Distanz via Leinwand oder Bildschirm, manchmal noch auf Buchseiten.

„Es muss etwas geschehen, aber es darf nichts passieren“, ist das Losungswort der Zeit. Die Realität minimiert Risiken, lässt Abenteuer nur im umzäunten Bereich zu, verdrängt Konflikte. Viele suchen sie dort, wohin das Angebot sie lockt, also gern in bipolaren Gamer-Welten, Serien und Filmen über heilige Kriege vom Mittelalter quer durch die Neuzeit bis in eine Zukunft aus digital aufgedonnerten Mythologemen. Allgegenwärtige Bewegtbilder verhelfen schmerz- und risikolos zum erhabenen Selbstgefühl eines Helden auf der Seite des Guten. Wundert es jemanden, dass der Büchermarkt sich diesen Schemata weitgehend anpasst hat? Verkauft wird, was TV-Quote und Blockbuster nahelegen. Es sind vor allem erfahrungslose Erzählungen. Sie ersticken die Fähigkeit, sich für anderes als das Vertraute und Erwünschte zu öffnen, sie verstellen den Blick in die Geschichte.

In den totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts wurde Geschichte innerhalb der kulturellen Gleichschaltung auf bizarre Weise geklittert. Die dagegen aufbegehrten, waren fast immer Einzelgänger, Verfemte, Verlachte. Nur selten gelang es ihnen, sich in Gruppen von Außenseitern zu organisieren, noch seltener konnten sie sich an die Spitze größerer Bewegungen von Unzufriedenen setzen. Den Zusammenbruch eines Systems überlebten sie meist nur, um sich ohnmächtig – bestenfalls oder auch schlimmstenfalls abgefunden – der neuen Politbürokratie und ihrer historischen Selbstbeweihräucherung in den Medien gegenüberzusehen.

Titel von Pavel Kohouts "Mein tolles Leben mit Hitler, Stalin und Havel"

„Die unendliche Leichtigkeit des Seins“ machte ihn berühmt

Im Westen Sozialisierte können das kaum jenen nachempfinden, die totalitäre Gesellschaften an Leib und Seele erdulden mussten. Das wird am Umgang mit den „68ern“ überdeutlich. Die literarischen Zeugenaussagen, oft auch Meinungsäußerungen der Oppositionellen im „real exisitierenden Sozialismus“ sind mit dem Mainstream des Marktes kaum vereinbar. Er entstand mit dem Vordringen sozialistisch gestimmter Kräfte in Führungspositionen von Staat und Gesellschaft infolge der 68er Bewegung. Schlimmer noch: Politbürokaten des Westens und ihre mediale Clacque verweigern Polen, Ungarn, Tschechen, Slowaken, Balten, Ostdeutschen das Verständnis für die nachwirkende Furcht, ihre Selbstbestimmung an eine „EUdSSR“ zu verlieren. Das offenbart sich am 21. August 2018, da sich der Einmarsch sowjetischer Panzer in der Tschechoslowakei, die Zerstörung der letzten Hoffnung auf Reform des Sozialismus im Herrschaftsgebiet Moskaus, zum 50sten Male jährt, wieder schmerzhaft.

Darum empfehle ich ein paar Bücher, die erzählen, ohne bequeme Distanz zuzulassen. Über Liao Yiwus Gefangenschaft nach dem Protest gegen das Massaker 1989 habe ich berichtet: „Für ein Lied und hundert Lieder“ erschien nach seiner Flucht 2011 ins Exil. Es ist so aktuell wie damals. Der Tod seines Freundes Liu Xiaobo, Friedensnobelpreisträger von 2010, infolge brutaler Gefangenschaft und die endlich mit internationaler Unterstützung gelungene Befreiung seiner Witwe Liu Xia sind beständige Mahnung, den Heils- und Harmonieversprechen kommunistischer Parteien misstrauisch zu begegnen.

Titelbild zu Immo Sennewald "Blick vom Turm"

Zwischen zwei Jahrhunderten – mit dem Blick aus einem dritten

Für mein eigenes Leben war der 21. August 1968 ein wegweisender Tag. Was dem kaum 18jähringen damals widerfuhr, floss in den ersten meiner drei Romane über deutsch-deutsche Geschichte, über die Musik der Jugend, ihre Abenteuer, Lust und Leid, Glück und Abstürze in der DDR zwischen Thüringer Wald und Berlin – und im vereinigten Deutschland ein. Der August 1968 ist 50 Jahre her – und nichts ist vergessen. Aufgeschrieben wurde vieles schon in den 80er Jahren, erscheinen konnte es erst mit dem Abstand weiterer 20 Jahre, 2008. Und das geschah auch aus der Erfahrung, dass im Westen nicht begriffen wird, wie kollektivistische Ideologien den Untergang der DDR überdauerten, und welche Gefahren mit dem bequemen Leben einhergehen, das Politbürokraten und ihre mediale Gefolgschaft versprechen.

Die Abenteuer des kleinen Gustav Horbel in der großen Stadt Berlin im August 1968, als in Prag die Panzer rollten, sind im Salier Verlag Leipzig erschienen.

Links zu den Büchern:

Zukunft, Panzer und Moral

Bald 500 Jahre alt ist Thomas Morus’ Roman von der Insel Utopia.

Ob sie als Satire, Albtraum oder Zukunftsvision einer moralisch geläuterten Nation gelten darf, ist die Frage

Insel_Utopia

Zu bestimmten Terminen wird der sowieso weitgehend homophone Journalismus in seinem Gleichklang besonders penetrant. Einer ist – falls sich seiner überhaupt jemand erinnert – der 17. Juni. Über die plattgewalzten Gefechtsfelder der Quotenmedien “walzen die Panzer des SED-Regimes” oder “der Sowjets”,  “den Aufstand der ostdeutschen Arbeiter nieder”, oder so ähnlich. In der Abgasfahne verwehen noch ein paar pflichtgemäße Hinweise auf Stasi, den Bau der Mauer, das politische Personal und das Ende der DäDäÄrr – auf zur nächsten Agenturmeldung.

Über eigentlich Wichtiges wird kein Wort mehr verloren, denn aus Geschichte, lernt sowieso niemand etwas, schließlich gibt es Statistiken, mit deren Hilfe sich Zukunft präzise vorhersagen lässt, je genauer und umfänglicher Daten erhoben worden sind, desto besser. Nun ja.

Ein Blick auf die Zukunftsprognosen des Jahres 1953 – die in den am meisten konsumierten Kanälen, die am weitesten verbreiteten, am innigsten geglaubten und brachial gegen abweichende Meinungen durchgesetzten, lassen ahnen, dass es um die gesicherten Weisheiten von heute nicht besser steht als um die “wissenschaftliche Weltanschauung”, kremlastrologische Vorhersagen oder vermutete Trends in Technik und Wirtschaft von damals. Das einzige, was sich damals wie heute dauerhaft bewährt, ist die Fähigkeit menschlicher Wahrnehmung, unangenehme Tatbestände auszublenden.

Zu diesen unangenehmen Tatbeständen gehört, dass eine überwältigende Masse der Bevölkerung in Deutschland der Machtübernahme der Nazis 1933 zujubelte, bei der Ausrufung der DäDäÄrr 1949 die Köpfe einzog und nickte, am 17. Juni 1953 mit eingezogenem Kopf und eingeschaltetem RIAS zu Hause blieb. Sie hätte die Köpfe auch 1989 und darüber hinaus eingezogen, hätte nicht die politische Großwetterlage – vor allem die Situation in der Sowjetunion, in Polen, in Ungarn – hätten nicht Massenflucht, der Präzedenzfall von Leipzig und der Aufwind der Opposition den Impuls “Ich auch” zum Mitmarschieren in die neue Richtung ermutigt. Der Marsch schwenkte rasch und deutlich in Richtung “erst kommt das Fressen, dann die Moral”. Fast alle, auch die strammsten SED-Mitmarschierer waren dabei.

Es wäre nicht Deutschland, verliefe der Marsch unter dem Banner “Ich will das jetzt auch” anders als in Richtung der just am mächtigsten Erscheinenden, jener, deren Heilsversprechen mit dem größten Verdrängungsvermögen gegen die Konkurrenz einhergehen. Manche nennen das hinterher Revolution.

Wenn alle – auch Katzen, Hunde, Meerschweinchen etc. satt genug sind, die Frage nach dem Fressen also nur noch hinsichtlich der Details “Bio oder nicht?”, “Fleisch oder nicht?” unbeantwortet, dann ist’s in Deutschland Zeit, die Moralfrage zu stellen.

Führerinnen und Führer finden sich alsbald, die Freispruch von allen Sünden, die Zugehörigkeit zum Strom des Guten verheißen. Linksrotgrünen, tier- und naturschützerischen, esoterischen Populationen, Glaubensrichtungen aller Art verkündigen sie eine bessere, saubere, moralischere Welt vollständiger Gleichberechtigung für alles und jeden, sie werden zur Avantgarde für all jene, sich zu kurz gekommen, von der Demokratie enttäuscht fühlen. Eine neue Zukunft muss her: Utopia.

Tatsächlich bedienen sich die Künder der neuen Zukunft einer wohlbekannten politischen Kraft: des “kleinen Mannes”, manchmal im Journalistenrotwelsch auch “der kleine Mann auf der Straße” genannt, inzwischen viel deutlicher als “der kleine Mann auf der Datenautobahn” auszumachen. Er will sich dort nicht allein fühlen, er will mitlaufen. Schon strömt in Communities zusammen, was nichts so sehr fürchtet, wie nicht dabei zu sein, wenn es Machtgefühl wie Freibier zu saufen gibt. Das könnte man aus der Geschichte lernen.

Die nicht mitmarschieren wollen in den moralischen Feldzügen deutscher Duckmäuse gegen den Rest der Welt, werden allerdings nicht die Köpfe einziehen: Damit der 17. Juni 1953 ebenso Geschichte bleibt wie der 13. August 1961, der 30. Januar 1933 und der 9. November 1938.