Gute Ausrede

Nebelleuchten

Nebelleuchten

An einem Tag wie heute stürze ich mich in Schneeweiß und Himmelblau. Ich steige auf den Merkur, hinaus aus dem frostigen Inversionsdunst, atme Frische und Ideen für viele trübe Wintertage. Unerfüllte und unerfüllbare Wünsche bleiben drunten im verhangenen Tal. Am Wegrand finden sich hundert Blicke ins Leben, beleuchtet und genährt von der Wintersonne auf moosigen Felsen. Stille ist, bis auf die Laute der Vögel, das Fallen der Tropfen von Brillantspitzen an Zweigen und Gestein.
Vielleicht sollte ich solche Sachen nicht schreiben – die Idylle streift gar zu leicht den Kitsch. Nehmen wir’s pragmatisch : Es ist Therapie nicht nur für meinen Tinnitus

Wo Funken sind, ist Hoffnung

Abendstimmung am Kurhaus

Kultur schafft Vertrauen

Das war eine seltsame Erfahrung am Sonntagabend: Zur zweiten Veranstaltung „Leben Lesen“ kamen viel weniger „Miterzähler“ als zum Sommerevent im August; vermutlich wird es diesmal auch kein Presseecho geben. Dennoch war die kleine Versammlung außergewöhnlich, anregend, reich an verschiedensten An- und Einsichten – niemand hätte es erwartet. Das lag zum einen an der Art, wie sich die erzählerische Improvisation entwickelte, zum anderen an den „Mitspielern“ selbst, deren Lebensgeschichten wahrhaftig um den Erdball reichen: eine Sängerin von den Philippinen, eine Germanistin französischer Herkunft, eine Wirtschaftsfachfrau aus China, eine Eventmanagerin aus Russland, eine deutsche Künstlerin, ein Ingenieurwissenschaftler, dazu ein Politiker mit rumäniendeutscher Jugend, ein Schriftsteller aus Zürich, ebenfalls in Rumänien geboren, ein deutscher Unternehmensberater, der gerade sein erstes Buch mit Lyrik und Aphorismen veröffentlicht hat …
„Herbstzeit – Lose: Schicksale, Wendungen, Ausblicke“ – dieser Titel stand über dem Abend. Wir haben eine Ahnung davon bekommen, wie eng Schicksale in unserer Welt zusammenhängen, wie erstaunlich, wie bereichernd, beglückend, wie unentbehrlich der Austausch der Kulturen in Zukunft sein wird – und dass Baden-Baden dafür ein privilegierter Ort ist. Und deshalb lohnt es sich, weiterzumachen, auch wenn aus „Leben – Lesen“ vorerst kein „Megaevent“ mit medialer Schallverstärkung wird.

Leben Lesen

Interview in "Freies Wort" - zum Lesen anklicken

Interview in "Freies Wort"

Am 4. November veröffentlichte die Suhler Regionalzeitung „Freies Wort“ ein Interview zur Arbeit an der Romantrilogie, deren zweiter Teil, „Babels Berg“ Ende Oktober in Suhl und Berlin Premiere hatte. Zwei Verkaufstage genügten, um auf der Bestsellerliste für Oktober prominente Autoren zu überflügeln: Tilo Sarrazin landete auf Platz drei, Joachim Gauck auf dem zweiten Rang.

Natürlich war’s für ein „Heimspiel“, natürlich ist Suhl eine kleine Stadt – dennoch freue ich mich, dass die Lesung viele Zuhörer überzeugte, dass auch an den Tagen darauf Leser den freundlichen Buchhändlern, der Familie Waniek, einen Besuch abstatteten. Buchhändler und kleine Verleger haben’s bekanntlich nicht leicht – herzliches Dankeschön um so mehr an sie und natürlich an meine Verleger Hans Jürgen und Bastian Salier.

Hoffen und Harren …

Pinup-Bild

Mit mir geht's Dir schön


Es gibt Internetportale im Weiterbildungsgeschäft und bei der Arbeitsvermittlung, die seit Jahren so häufig wie folgenlos beteuern, auf dem Arbeitsmarkt wachse die Begehrtheit älterer, berufserfahrener Arbeitnehmer. Nur der „Tatort“ wird im öffentlich-rechtlichen Programm öfter wiederholt als diese Beschwörungsformel fern jeder Realität.
Ich gestehe, dass ich mich vor längerem erboten habe, mein Expertenwissen – z.B. als Moderator und Kommunikationstrainer – bei einem mit derart farbigen Träumen hausierenden Unternehmen einzubringen.
Heute fand ich in meiner – ansonsten äußerst übersichtlichen – Mailbox daselbst das Angebot einer Dame mit dem klangvollen Namen Mrs. 101. Sie versprach mir, falls ich ihr hülfe, ein kleines Vermögen aus ihrer Witwenschaft sicherzustellen, mich an den irgendwo im Ausland deponierten 2,2 Millionen Dollar zu beteiligen, die ihr verstorbener Ehemann ihr hinterließ.
Wenigstens einmal also bringt mir das Expertenportal Aussicht auf einen Nutzen. Was aber sagen die Experten? Soll ich Mrs. 101 beispringen oder soll ich nicht? Meinem Herzen folgen oder dem Verstand?

Ermutigung mit Zeitzünder

Es hat zwar ein bisschen gedauert, aber wenn nach vier Jahren ein Buch so gelobt wird, wie „Der menschliche Kosmos“ jetzt vom wirklich sachkundigen Andreas Zeuch auf „psychophysik.com“, dann ist es ein deutliches Zeichen für die Frische der Texte und ein Grund zur Freude:
„Wer sich von – wie es auf dem Buchrücken selbst lautet – „Fundsachen“ inspirieren lassen kann, wird reich belohnt. Und wer dann noch bereit ist, die „praktischen Übungsstückchen“ zu erkunden, wird aus eigener Erfahrung Neues lernen können.“

Ostberlin 1985 – schon vergessen?

Leider ist das Foto mit dem Blick von der Hochbahnlinie Pankow – Alexanderplatz aufs “Wiener Café” im Web nicht mehr auffindbar – auch nicht das Projekt zur Geschichte der Lesben, dem es entstammte.
Wo sich – von Stasispitzeln umsorgt – die “Literaturszene” des Prenzlauer Bergs sammelte, auch die Szene der Homosexuellen und Lesben, war es schräg, aber nicht lustig, heiter nur ausnahmsweise, Sarkasmus half. So entstand – ohne Aussicht, je veröffentlicht zu werden – folgendes Feuilleton:

WC

Das Café liegt an der Schönhauser, ungefähr auf halber Strecke zwischen Buchholzer und Stargarder Straße. Bei Stammkunden heißt es „WC“ und das kommt der Wirklichkeit näher als „Wiener Café“ , denn es riecht hier nach Trieb und Hoffnungslosigkeit, es ist ein Ab- Ort, ein Ort von Abseitigen und Abseitigem, eine ungeliebte aber unvermeidliche Stelle: man hat längst keine Lust, dort hinzugehen, aber es bleibt einem gelegentlich nichts anderes übrig. Fast jeder, der hierher kommt, muss etwas loswerden, mancher gar in exhibitionistischer Pose; Abprodukte geistigen und psychischen Stoffwechsels werden entladen, „Frust“ heißt das und wird weg- und hinuntergespült und gärt und reagiert weiter im Zusammenströmen, bildet kurzlebige Verbindungen, schillernd, quellend, Blasen platzen. Je nach Tageszeit fließen Rinnsale oder Ströme von Kunden zu, verlaufen sich im Unterirdischen der Großstadt, wenn um Mitternacht Schluss geboten wird.
Eine Fotoreproduktion eines Merian- Stiches vom alten Wien bedeckt eine Wand; den Schmutzablagerungen nach ist sie zur Entstehungszeit des Originals angeklebt worden.
Das Mobiliar ist von vollendeter DDR-Tristesse, der Kaffee verdient seinen Namen so wenig wie das ganze Lokal, das Bedienungspersonal hat Wienerisches nur, wenn es raunzt oder grantelt: preußischer Charme und Wiener Ordnungsliebe.
Kein Pianist bedient den alten Flügel unterm geräucherten Fotopanorama, kein Stehgeiger fiedelt sich durch. Wenn jemand – geübt oder ungeübt – in die Tasten greift, wird ihm das vom Personal ebenso harsch verwiesen, wie das Umstellen von Stühlen. Mineralwasser wird aus Geschäftsinteresse nicht serviert, ebenso wenig Schoppen preiswerter Weine. Der Laden ist immer aufs Ekelhafteste verqualmt, im Sommer stickig, im Winter zugig, weil doch ab und zu einer ein Fenster öffnen muss , damit er es bis zum Feierabend aushält, kurz: der Ort ist elend, trist und ungemütlich, das Angebot erbärmlich, der Name ein schlechter Witz – aber es ist fast immer brechend voll.
Weshalb kommen die Leute hierher?
Wegen der Leute. Die bunten Frauen wegen der verkannten Genies, die verkannten Genies wegen der bunten Frauen oder die bunten Frauen wegen der bunten Frauen – aber niemals die Genies wegen der Genies.Es gibt da einen vom Alkohol furchtbar zugerichteten Architekten, er war ganz oben, als die Stalinallee die neue Ära sozialistischer Baukunst markieren sollte; jetzt unterhält er, sich von Tisch zu Tisch hangelnd, mit alkoholischen Wirrsalen Punks und schwarzes Leder, Mädchen in uralten Fräcken oder Bratenröcken, Tätowierte oder haarkünstlerischen Exzessen verfallene Paradiesvögel, trübe Weltverbesserer, smarte Schwule, Dichter so dünnhäutig wie unbekannt, und wenn der Eichstrich erreicht ist, finden sich aus ihren Reihen, die den in Hockstellung verklumpten Schnapsleichnam nach Hause tragen.
Vor dem Tiefstgesunkenen schweigt der Konkurrenzneid: dieser ist konkurrenzlos erledigt, ein aggressiv aber wirkungslos schwafelndes Plüschtier, von niemandem mehr verachtet. Denn trotz des scheinbar duldsamen Nebeneinanders so vieler unterschiedlicher Typen, Charaktere und nur ihrem Äußeren nach zusammengehöriger Gruppen gibt es hier viel gegenseitige Geringschätzung. Führt auch der warme „WC“-Mief die Außenseiter und im Realsoz zu kurz gekommenen zusammen: schnell, wie ein Lidreflex von außen schützend, fällt Eisig-Feindliches innen vors Auge, wenn ein herzlich unwillkommener Bekannter erkannt und abgetan wird.
0 deutsche Sehnsucht nach Erlösung in Konformität, konform noch in den Formen des Nonkonformismus.
Dazwischen ein verirrter Bürger mit Bügelfalten.

„Was will’n der hier ???“
„Stasi“.
„Quatsch, schwul.“
„Stasi und schwul!“
Irgendwann kommt der Tag, wo die Tür krachend aufschlägt. Dann schwebt die Schneekönigin in weißem Tüll herein, einen Zylinder aus frostsprühenden Kristallen im himmelblauen Haar. Eisiger Nebel ist um sie herum, ihre Schritte knirschen Rauhreif ins abgelatschte Linoleum, winzige Füßchen in gläsernen Sandaletten, ihre Augen: schmelzendes Eis in einem See 7000 m überm Meer, Brillantsplitter auf den Wimpern, ihre Brauen die Grate des Eisgebirges, auf der Stirn schlummert ein Wintergewitter. Ihr Mund schwillt hellrot vom Herzblut der Opfer mitten in der arktischen Landschaft. Der Bürger sitzt unterm Tisch und spürt das Stahlrohr des Möbels magnetisch werden vor Kälte: wir nähern uns unaufhaltsam Minus 275,15°C, sein Herz ein Klumpen Trockeneis. Räuspert sich wer? Redet der vom hellen Gesicht Geblendete Verlegenes, während die spöttischen Blicke der Insider auf ihn niederklirren? Schmutzige Schneebälle fliegen ihm ins Gesicht, aber da sitzt er schon wieder, Rücken gerade und der Supermann (Apoll?), Meister aller Klassen der Männerwelt brennt der kühlen Märchenfee an seiner Statt, stellvertretend, repräsentativ, Löcher ins Glatte: zwei in die Basis, sieben in den Überbau, das historisch-materialistisch geschulte Denken bringt ihn ins Gleichgewicht, er ist gerächt. Die anderen haben den Actus – so oder so ähnlich – längst voll-
bracht, aber nun ist er unter ihnen nicht länger verloren: Männersolidarität.
Und doch – Eisprinz sein, sei es für kurz, hieße alle unter den Füßen lassen, die Sonne sehen von der Höhe ewigen Eises, baden im mörderischen Licht, die Schwärze des Kosmos ganz nahe, überm hauchdünnen Blau…
Die Königin ist längst vorüber, und hämischer Atem flickt flirrenden Flocken am Zeug, bis sie zu lauen grauen Tränen zerrinnen.
Das. „WC“ ist geschlossen. Es wird rekonstruiert, die schmuddelige Gemütlichkeit von nobler, neureicher Langeweile vertrieben. Die Legende sagt, dass das Verhältnis zwischen Gästen und Personal in den letzten Tagen voll wehmütiger Freundlichkeit gewesen sei, und am letzten Abend haben alle auf Treppen und Fußboden gesessen und zur Musik vom alten Flügel gesungen und getanzt. Vielleicht öffnet dieses Jahr das „Wiener Cafe“, aber wir werden uns dort nicht wiedersehen.

Jutta Voigt hat die Geschichte in ihr Buch „Stierblutjahre – Die Boheme des Ostens“ aufgenommen. Es ist 2016 im Aufbau-Verlag erschienen.

You tube für die Eine Welt

Javanischer Bauer pflügt mit Ochsen

Bauer im Dürregebiet auf Java

Seit gestern online: das Film- und Bürgerportal ”Human Pictures”. Wer engagierte Filme, Videos , Fotos – sei’s auch nur vom Handy – hochladen möchte, die ein besseres Zusammenleben von Menschen und Völkern zum Ziel haben: Hier ist der richtige Platz. Zitat aus der Plattform:
”In welcher Welt möchten Sie leben? In einer, wo niemandem etwas passieren kann, weil es eine perfekte Kontrolle gibt, oder in einer, wo jeder seinem Mitmenschen vertrauen kann, weil fast alle sich an Werten wie Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft, Selbständigkeit und Verantwortungsbewusstsein orientieren?
Gefiele Ihnen ein perfekt funktionierendes System besser – mit vollkommener Gerechtigkeit – oder ein Gemeinwesen, in dem jeder aus Fehlern lernen darf, sich aber auch nicht vor schwierigen Aufgaben drücken muss?”

Wohin geht’s?

Das Universum der Gefühle, Konflikte, Strategien

… in die Blogosphäre und auf den Spielplatz der „Sozialen Medien“. Ziemlich verstreut finden sich dort schon einige Veröffentlichungen. Da ich mich noch nicht für den richtigen Platz entscheiden konnte, hier für’s Erste nur ein paar Hinweise: