Die Lust am Stempeln

Meine Mutter als Kind 1930 vorm Elternhaus
Meine Mutter als Kind 1930 vorm Elternhaus

Mein Elternhaus, Nummer 26 in der Herrenstraße in Suhl, einer durch ihre Waffenproduktion in Europa bekannten Thüringischen Kleinstadt, trug bis zu seinem  Abriss bei den Nachbarn den Namen “Bornmüllers Hof”. Das im Geviert um einen romantischen Innenhof gebaute Fachwerk aus dem 18. Jahrhundert beherbergte bis zur Inflation 1923 die Gewehrfabrik Richard Bornmüller und Co..

Im Maschinenraum des Handelsschiffes „Freienfels“ im Indischen Ozean

Meinem Großvater Karl fiel als einem 1919 aus Kriegsgefangenschaft im fernen Australien entlassenen Schiffsingenieur nur mehr das Los zu, die Reste der untergegangenen Firma seines Onkels Richard und seines Vaters Hilmar aufzulösen. Die Geschäfte waren schon während des Weltkriegs schlecht, denn Richard war zwar ein begnadeter Erfinder, erlangte Beachtung aber nur durch Jagd- und Sportwaffen. Den großen Konkurrenten – Haenel, Krieghoff, Gebrüder Merkel, Sauer, Simson – mit ihren Aufträgen vom Militär war er nicht gewachsen. So verschwand das Unternehmen; mein Großvater wurde arbeitslos, verdingte sich zeitweise bei Simson als Pförtner, später bei Krieghoff in der Produktion für den nächsten Weltkrieg.

Hinterhaus von Herrenstraße 26, vormals Gewehrfabrik

Als ich geboren wurde, existierten noch Überreste der einstigen Firma: Im Hinterhaus, direkt am Ufer des Flüsschens Lauter befand sich das ehemalige Kontor, an dessen Fenster mein Großvater noch zu erkennen ist. Es wurde in den 60er Jahren zu meinem Abenteuerspielplatz. Ich fand dort neben zahllosen Unterlagen einstiger Buchführung – sogar Scheckheften der „Schwarzburgischen Landesbank zu Sondershausen“ – unbenutzte Dokumente, Kassenbücher, Formulare, vor allem aber etliche Stempel. Alsbald wurde Beschreiben und Bestempeln zu einer wahren Leidenschaft. In der fiktiven Welt von „Richard Bornmüller & Co.“ war ich der Chef. Mit gehörten die Gespenster alter Gewehre und Apparaturen, Konten, Kredite und Debite. Stempel machten mich zum Eigentümer. Ich erteilte schriftliche Weisungen an Lieferanten und Angestellte, korrespondierte mit Kunden, rechnete aus und ab: Stempel und Unterschrift besiegelten mein Walten.

Weder Bank noch Fürstentum überlebten: Schwarzburg-Sondershausen

Stempel, Marken, Siegel, Wappen: Sie waren über Jahrtausende die materiellen Belege für die gesellschaftliche Stellung ihrer Inhaber, Symbole informeller Macht. Sie zu fälschen wurde bestraft, Strafen variierten von Prügeln und Pranger bei einfacher Urkundenfälschung bis zur Kerkerhaft und Todesstrafe etwa für Falschmünzerei oder den Missbrauch herrschaftlicher Insignien. Im Porträt des Königs oder der Kaiserin prägte sich deren Rang ebenso aus wie die unangreifbare Macht des Staates auf dem Geldschein.

1910 eine Menge Geld – nach der Inflation nur noch Altpapier. Wert heute: Null Komma Nix!

Es ist kein Zufall, dass wir im Zeitalter von Massengesellschaft und Massenkommunikation den Siegeszug der „digitalen Signatur“ erleben – einschließlich des Aufkommens digitaler Währungen. Daneben aber konkurrieren „analoge“ Geschäftszeichen und Gesichter immer noch als Ausdruck informeller Macht: Marken und Prominenz anstelle von Zunftzeichen, Petschaft, Prägestempel. Und es offenbart sich auch hier das spannungsvolle Verhältnis von Qualität und Quantität. Numismatiker und Philatelisten wissen, wovon ich rede, ebenso Kunstsammler und Museen. Nicht die Menge an historischen Objekten entscheidet über deren Wert, sondern ihre Qualität. Originalität und Erhaltungszustand, Alter, Seltenheit, das Signet des Künstlers zählen. Massenhafte Verfügbarkeit entwertet jede Kopie: In ihr verschwinden fast alle unnachahmlichen Eigenschaften der Vorlage.

Vom „Klassenfeind“ zur D-Mark umgerubelt: Geld der sozialistischen Pleite

Mir erscheinen die Bitcoins und ihre Verwandten – die geplante digitale Währung der EZB zumal – ebenso gespenstisch wie die Versprechungen eines Tausenders aus dem Kaiserreich oder die einer 500-Mark-Banknote der DDR. Wenn der nächste große Kladderadatsch kommt, wird einfach niemand mehr da sein, jene Versprechen auf ihren Wert einzulösen, für die arbeitende Menschen das Kostbarste hergeben, was ihnen das Universum schenkt: Lebenszeit. Die einzigartige, unverwechselbare, unersetzliche Qualität des Individuums. Ihr gegenüber sind eigentlich alle Stempel und Währungen wertlos: keine Sekunde ist zurückzukaufen. Das Signum über ihren Wert oder Unwert drückt ihr jeder selbst auf: indem er sie als Erfahrung nutzt. Niemand außer ihm selber kann das.

Aber virtuelle Währungen sind mir nur ein Hinweis darauf, wie spannungsvoll sich informelle und materielle Dimension von Macht zueinander verhalten. Selbst die imposantesten Unternehmen müssen fürchten, dass eine ihrer – aufwendig beworbenen und geschützten – Marken entwertet wird. Umgekehrt können Marken und Signets gescheiterter Firmen zu neuem Glanz kommen. Und in Zeiten globaler Netzwerke kann eine einzige Information – unabhängig vom Wahrheitsgehalt – katastrophale Wertverluste bewirken.

Die informelle Dimension der Macht hat an Bedeutung gewonnen: Die „Aufmerksamkeitsökonomie“ treibt sowohl die Konzerne wie die Mächtigen dieser Erde vor sich her. Und dieses Phänomen greift tatsächlich tief ins Leben des Einzelnen: Seine berufliche Existenz, seine Chancen bei der Partnerwahl, sein Ansehen, das seiner Familie und Freunde wird durch fortwährende Kämpfe um die Deutungshoheit von „Gut“ und „Böse“ erschüttert. Er beteiligt sich auch gern virtuell daran: beim Computerspiel, in den „sozialen Netzwerken“, als Zuschauer und Kommentator. Anders als in religiös orientierten Gesellschaften, wo überschaubare Normen und Alltagsrituale das Zusammenleben „prägen“, sieht sich das Individuum rasch wechselnden Werturteilen, Ansprüchen immer neuer Korporationen auf Deutungshoheit, immer rascherem Verfall vermeintlicher Gewissheiten gegenüber. Worauf und auf wen ist Verlass? Wem kann, wem darf einer vertrauen?

Texte von Bert Brecht und der „Staatsfeind“ als Clown 1981

In den Tagen vor meinem 70sten Geburtstag kamen mir meine Stasi-Akten wieder in die Hände. Sie reichen über 50 Jahre zurück, bis in meine Schulzeit. Höhepunkt der Mühewaltungen von offiziellen, inoffiziellen – informellen – und „gesellschaftlichen“ Mitarbeitern waren die 80er Jahre. Dutzende von ihnen bespitzelten und lähmten meine Arbeit als Regisseur und Schauspieler bis zum Berufsverbot. Unter ihnen waren Kolleginnen und Kollegen, Freunde – allerdings kaum enge – etliche Personen in Behörden, im Theaterverband und Kulturministerium, sogar der Hauptdarsteller einer meiner letzten Inszenierungen. Ich war als „feindlich negatives Subjekt“ abgestempelt.

Die Machtverhältnisse in der Demokratie, in der ich seit über 30 Jahren lebe, erscheinen unübersichtlicher als damals, die Kämpfe um Deutungshoheiten nicht weniger verbissen. Zahllose Organisationen bewaffnen sich mit Stempeln. Sie verteilen sie samt dem Versprechen an ihre Gefolgschaft, sich als die „Guten“ einen Anteil der Privilegien und des Eigentums zu sichern, die den als böse gebrandmarkten weggenommen werden. Sie bevollmächtigen, Letztere zu bepöbeln, zu denunzieren, an den Pranger zu stellen, auszuplündern, gar auszulöschen. Egal ob im Cyberspace oder in der Realität: Diese Jahrtausende alten Muster menschlichen Handelns ändern sich nicht. Ich durfte im längst vergessenen Kontor meines Großvaters lernen – und das war der Wert der wertlosen Stempel – wie vergänglich Insignien der Macht sind, und wie kostbar dagegen die Erfahrung eines Vertrauens in liebevolle Zuwendung von Menschen, die immer beides sein können: gut und böse.

Geschichte trifft Gegenwart: Ein Buch für Demokraten

Schroeder, Der Kampf ist noch nicht zu Ende.inddMassenmörder, Auftragskiller, Folterer, Schreibtischtäter: Sie sind Lieblingsfiguren der Geschichtsschreibung, in Filmen und Literatur – sei es als Monster, unheimliche Doppelexistenz oder gottgleich verehrtes Leitidol. Und wenn eine Lichtgestalt auftritt, bedarf sie solcher Gegenspieler zum Sieg, zur Machtübernahme – das heißt dann „Happy End“.

Die Realität kennt weder makellose Lichtgestalten noch Happy End. Das Ende der Gewalt ist der Beginn einer nächsten – Gewalt ist eine Konstituante menschlichen Handelns. Der Unterschied zwischen Leitidol und Schreibtischtäter, Lichtgestalt und Massenmörder liegt nur in der Wahrnehmung des Geschehens durch verschiedene Betrachter und in der Deutung, die aus ihr folgt. Gleichwohl ist es möglich, aus Deutungsmustern einer politischen Richtung auf deren Rechtsverständnis und Demokratietauglichkeit zu schließen: Wie beschreibt sie Konflikte, Motive und Ziele der Beteiligten? Gesteht sie eigenes Fehlverhalten ein? Korrigiert sie sich? Übt sie gar tätige Reue? Hält sie Spielräume fürs Verhandeln mit Gegnern offen? Oder versucht sie jedenfalls die Deutungshoheit zu gewinnen, indem sie Feindbilder schafft und verschärft; spricht sie Konkurrenten – egal ob Individuen oder Gruppen – die Menschlichkeit ab und sich selbst das Recht zu, Gewalt anzuwenden, womöglich schrankenlos?

Die langjährigen Forschungen von Monika Deutz-Schröder und Klaus Schröder fußen auf solchen Fragestellungen, und ihr Blick auf die Geschichte linker Gewalt ist nüchtern und sachkundig. Das Buch, in dem sie wissenschaftliche Ergebnisse zusammenfassen, geht tiefer und ist trotzdem spannender als jede filmische Doku. Es enthält sich weitgehend der Deutung, es beschreibt seinen Gegenstand akribisch und lässt dem Leser Raum zur Prüfung zahlloser Quellen und eigener Erfahrungen. Deshalb eignete es sich trefflich als Lehrbuch für den Geschichtsunterricht – und ist zugleich spannende Lektüre für einschlägig Interessierte. Ob es sich in der zunehmend polarisierten und pausenlos mit Strömen „geframter“ – also auf eine erwünschte Wahrnehmung hin gefärbter, häufig manipulativer – Informationen zu politischen, wirtschaftlichen, kulturellen Themen wird behaupten können?

Einer, der das DDR-Regime von Geburt an erlebt hat, der in Schulen, Hochschulen und Alltag indoktriniert und desinformiert wurde, der zugleich lernte, sich dagegen zu wehren, gleichwohl sozialistische Gedanken nicht ablehnte, sondern lange für reformierte staatliche Verhältnisse eintrat, einer, den seit dem 14. Lebensjahr eine im Hintergrund mitwandernde Stasi-Akte verfolgte – so einer nimmt fast jede politische Publikation von im Westen sozialisierten Wissenschaftlern nicht ohne Skepsis zur Hand. In diesem Fall wusste ich seit langem um die fachlichen Qualitäten der Autoren, umso mehr schätze ich dieses historisch grundierte, kluge und verständige Buch über die unterschätzte Gefahr des Linksextremismus für die Gegenwart.

Für die Verbindungen zwischen linken Gruppen verschiedenster Ausprägung, RAF und Stasi etwa gibt es verlässliche Beweise, und dass sich seit den 60er Jahren internationale Netzwerke von Extremisten bildeten, war erst kürzlich wieder in einem Fernsehbericht zu verfolgen. Gern unterstützen Despoten jeglicher Sorte linksextreme (auch als NGO getarnte) Organisationen, um demokratische Staaten zu destabilisieren – das wäre beunruhigend genug. Schlimmer, wenn sich hierzulande herrschende oder als Opposition etablierte Parteien samt medialer Anhängerschaft solcher Gruppierungen bedienen, um unerwünschte Konkurrenz oder auch nur einzelne kritische Stimmen einzuschüchtern, womöglich zu ersticken.

Bürgerliche Parteien der Weimarer Republik ließen Hitlers NSDAP gewähren, gaben sogar medialen Begleitschutz für den Kampf gegen die Linke. Das war politischer Selbstmord. Die Ermächtigung der Nazis bedeutete auch ihr Ende. Ähnlich erging es nach 1945 jenen Teilen der SPD, der Liberalen und Nationaldemokraten, die sich unter dem Schlagwort “Antifaschismus” aufs Bündnis mit Ulbrichts Kommunisten einließen. Sie waren fortan wenig mehr als Handlanger.

Dieses Buch beweist, dass heutige Schläger, Brandstifter und Maulhelden von “Antifa” & Co. eben keine Helden sind. Wer Linksextreme ideologisch pampert, wer ihre Straftaten verklärt oder verharmlost, zeigt mindestens historische Unkenntnis, jedenfalls aber sein unreflektiertes Verhältnis zu totalitärer Macht. Wähler sollten das wissen. “Der Kampf ist nicht zu Ende” macht sie mit guten Argumenten vertraut: Damit sie künftig ihre Stimme nicht ein für alle Male abgeben.

Klaus Schroeder/Monika Deutz-Schroeder

Der Kampf ist nicht zu Ende

Geschichte und Aktualität linker Gewalt
1. Auflage, 2019
320 Seiten, Verlag Herder
ISBN 978-3-451-38298-7
€ 26,00

Deuter und Diktatoren

Vierbeiner gut – Zweibeiner schlecht!

Wenn Politiker im Kampf um die Deutungshoheit auf dem Weg zur Macht Herdenimpulse nutzen – tut das die Gegenseite, wird sie gern als „populistisch“ geschmäht – leisten immer noch die Methoden der Schweine in Orwells „Farm der Tiere“ gute Dienste. Allerdings zeigt sich, wie bei Orwell nachzulesen, dass die Realität ziemlich hartnäckig widersteht, wenn Ideologen sie schweinemäßig umzulügen versuchen.
Das Wort „Freunde“ erlebte in der DäDäÄrr auf diese Weise einen Bedeutungswandel. Stalinismusverträglich wurde es von der Politbürokratie auf jeden beliebigen Einwohner der Sowjetunion gemünzt. Es gab eine „Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft“, wer nicht berufliche Nachteile in Kauf nehmen wollte, wurde Zwangsmitglied – „freiwillig gezwungen“ nannte das der Volksmund. Da insbesondere die Chefs der KPdSU wenig freundschaftliche Gefühle weckten, drückte „die Freunde“ umgangssprachlich das Gegenteil aus: Misstrauen, Hohn, Spott.
Die meisten Russen haben nicht verdient, in diesem Sinn als „Freunde“ bezeichnet zu werden. Das legt die Frage nahe, ob es nicht als zu verfolgende „hate speech“ einzuordnen ist, überhaupt irgendeine Menschengruppe so zu bezeichnen.
Oder anders gewendet: Darf jemand wie Heiko Maas es als „hate speech“ einordnen, wenn ich ihn als Freund, als hm, äußerst honorigen Volksvertreter oder leuchtenden Verfechter des Grundgesetztes bezeichne? In Kenntnis meiner Denkweise könnte er sich womöglich beleidigt fühlen. Das Problem hat E.T.A. Hoffmann im „Meister Floh“ schon einmal illustriert: der Geheime Rat Knarrpanti sah sich jederzeit imstande, Personen zu kriminalisieren. Habe man einen Delinquenten erst einmal inhaftiert, meinte er, fände sich schon das passende Delikt, ihn auch gerichtsfest beliebig lange hinter Gitter zu bringen. Die böse Satire Hoffmanns auf den seinerzeitigen Berliner Polizeidirektor fiel folgerichtig unter Zensur, der Autor entging selbst strafrechtlicher Verfolgung nur, weil ihn der Alkoholtod dahinraffte.
Ich überlege, ein „Dschungelbuch der Deutungen“ zu schreiben, das die ganze Komplexität solcher tierisch-menschlichen Phänomene zumindest aufscheinen lässt. Aber womöglich wäre das nur ein ebenso hoffnungsloser Versuch wie die Texte von Peter Panther, Theobald Tiger,… alias Kurt Tucholsky, den Erich Kästner einmal als kleinen dicken Berliner beschrieb, der versucht habe, mit seiner Schreibmaschine eine Katastrophe aufzuhalten. Die Umdeutungen haben wieder Konjunktur in der Politbürokratie und ihrer ideologischen und journalistischen Gefolgschaft.
Die Einwohner der DäDäÄrr durften zwar Tucho lesen, der war ja Antifa, aber nicht Orwell. Manchmal frage ich mich, ob der Applaus für die Weisen von damals nicht den heutigen Herden als Ersatz fürs Nachdenken über die Verhältnisse im eigenen Gatter dient. In der Regel befreit sie von ihrem Schicksal nur der Schlachter oder ein Wirbelsturm. Aber in stürmischen Zeiten der Freiheit sind Herdentiere meist ratlos, sie wecken nostalgische Wünsche nach verlorener Stallwärme. Zu besichtigen etwa bei den ihrer Sowjetunion beraubten Freunden.
Was bleibt? Tiefes Misstrauen gegenüber Deutern. Tieferes Misstrauen gegenüber Deutern von Gut und Böse. Tiefstes Misstrauen gegenüber Deutern, die Herdenimpulse in Dienst nehmen wollen, indem sie Propaganda als Heilsversprechen ausgeben.

Die Freiheit zu altern

2014-04-26 12.30.06Wenn einer in halbwegs erträglicher Verfassung über die Sechzig gekommen – also kurz vorm “Renteneintrittsalter” – ist, dann muss er vor allem eins nicht mehr: Vom Unsterblichkeitswahn geblendeten Weltenrettern erlauben, ihm Vorschriften über seine Lebensführung zu machen. Diese großartigen Leute verdanken ihm schließlich ihre Existenz und befinden sich in der komfortablen Situation, verbessern zu dürfen, was er ihnen hinterlässt. Sie wollen ihm trotzdem nicht gestatten, sich zu Tode zu rauchen, zu kiffen oder zu saufen, weil das auf Kosten der Volksgemeinschaft – äääääh Solidargemeinschaft – geht. Hier nun wird es amüsant, weil die Kosten der Suchtkranken gegen die der Gesundheitsbürokratie aufzurechnen wären. Meines Wissens hat das noch keiner versucht, es wäre ein ziemliches Wagnis.

Der Erblasser wähnt immer den Erben im Soll, der Erbe ist nur dann zufrieden, wenn das Ererbte seinen Wünschen entspricht. Das kommt selten vor. Gegenseitiges Misstrauen hat die Generationen durch die Weltgeschichte gepeitscht – ohne je die untrennbare Abhängigkeit der Nachfahren von den Vorläufern abschaffen zu können. Es ist eine alte Geschichte. Doch wird sie täglich neu. Und wer da unzufrieden, schlägt gerne was entzwei.

Die Strategien haben sich – betrachtet man das Ganze einigermaßen unvoreingenommen – nicht verändert. Es geschieht viel Gewalt, es geht um Dominanz, natürlich auch um die Deutungshoheit. Ich freue mich jedenfalls, all diesen großartigen Nachfahren da draußen jede Menge schlimme, behebenswerte Defekte zu hinterlassen. Sie haben reichlich Stoff, sich dem Erblasser gegenüber erhaben zu fühlen. Ich vermute, dass sie trotzdem ziemlich viele Fehler wiederholen, die schon meine Urgroßeltern begingen.

Ist es nicht traurig, dass die Welt trotz so vieler berühmter Narren wie Shakespeare, Chaplin oder Dario Fo partout nicht lustiger wird? Friedlicher wird sie sowieso nicht. Wenn ich mir anschaue, was da Anspruch aufs ganz große Regiment erhebt, sieht das der Fratze des Krieges deutlich ähnlicher als der Spielfreude sportlicher Wettkämpfe, von vergnügter Selbstverjuxung zu schweigen. Das uralte Prinzip Gewalt Macht Lust treibt den Mob, es finden sich jederzeit passende Anführer im Namen Gottes, der Nation, der Überzeugung von rassischer, ethnischer oder sonst irgendwie zu begründender Höherwertigkeit. Samt ihren – gern weiblichen – Einpeitschern bestätigen An-Führer die marodierenden Massen unwiderlegbar darin , dass just ihre Keulen, Brandsätze, Kalaschnikows, Panzer, Granaten, Raketen im Recht sind – und ihr mörderischer Auftritt ein Akt historischer Gerechtigkeit. Manche schaffen sogar die perfekte Volte, sich als pazifistische Friedensengel auszugeben: Weg mit den Waffen! – der anderen.

Weg mit den Suchtmitteln – der anderen. Das eigene Suchtmittel bleibt unsichtbar: Dominanz. Gibt es ein Land, wo der Einfallsreichtum an Verbotsschildern, wo das Denunzieren als – oft genug krimineller – Weg zur Deutungshoheit so elaboriert wäre wie in Deutschland? In Russland, in China vielleicht – ich lasse mich da gern aufklären. Ich will auch der europäischen und deutschen Bürokratie gern Abbitte leisten, wenn sie die Putins, Islamisten, Schlepperbanden und andere Großkriminelle dieser Welt lahmlegen. Ich glaube nur nicht dran. Mir scheint eher, dass wir den folgenden Generationen mindestens ebenso viele Ruinen, ebenso viele ungelöste Konflikte hinterlassen, wie wir sie von unseren Eltern und Großeltern geerbt haben. Das Beste daran war vielleicht die Einsicht, dass es keine Pat(End)lösungen geben kann.

Und deshalb rauche und trinke ich, gehe auf keine Demos und bin sicher, dass – falls die Menschheit im Allgemeinen und der Einzelne im Besonderen von Süchten zu heilen sein sollte – auch die Kernenergie locker zu beherrschen sein wird.