Ade effbee!

Wohnort, Heimat, Zuflucht

Wohnort, Heimat, Zuflucht

Fraglos war’s eine wichtige Erfahrung, fraglos waren unter den fb-Kontakten, etwas hochtrabend Freunde geheißen, wirklich interessante, kluge, poetische, witzige Menschen mit lesenswerten Texten und ansehnlichen Fotos, aber nach sieben Jahren (wie die Zeit vergeht!) kann ich dem „Sozialen Netzwerk“ nur noch wenig abgewinnen, es frisst andererseits unverhältnismäßig viel Zeit, betrachte ich auch nur das rasche „Drüberscrollen“ bei Banalitäten, Pöbeleien, Panikmache, -zigfach Geteiltem, Werbung, … .
Drum habe ich meinen fb-Account heute stillgelegt. Wer wirklich an meinen Gedanken, Reflexionen, Pointen, Fotos interessiert ist, findet meinen Weblog – und kann den direkten Meinungsaustausch suchen, dafür gibt’s obendrein die „Literatur“-Community bei google+, twittern werde ich auch bisweilen.

Viel besser gefällt mir der persönliche Umgang mit Freunden: Er ist unersetzlich, es kann einer gar nicht genug Zeit darauf verwenden, Freundschaften zu pflegen, die den Namen verdienen, noch dazu, da seine Lebensspanne erkennbar gegen Null geht. In diesem Sinn: Willkommen hier oder bei meinen Veranstaltungen etwa im „Atlantic Parkhotel“ in Baden-Baden. Die nächste wird am 14. Oktober sein und hat den Titel „Keine Angst vor netten Leuten“. Satirische Texte von Tucholsky bis heute stehen auf dem Programm. 

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Enthemmt – und leider nackt

BoschausschnittTummelplätze zivilisierten Umgangs sind die “social media” – Facebook zumal – gewiss nicht. “Ließe sich aus Pöbeleien Elektrizität gewinnen, könnte fb allein die Welt mit Energie versorgen”, habe ich kürzlich gelesen, fand das überzeugend und habe es geteilt. Es wird nichts nützen. Es mag statistisch belegt sein, dass die Menschheit heute weniger Mord, Totschlag, Kriegs- und andere Greuel erfährt als zuvor in ihrer Geschichte: Die gedankliche Bereitschaft, andere zu verletzen, um sich eigener überlegener Kraft und Wertigkeit zu vergewissern, sei beides auch nur eingebildet – diese Bereitschaft dürfte sich statistischen Erhebungen entziehen. Ob “hate speech” beim Imponiergehabe bleibt oder physischer Gewalt den Weg ebnet, ist die eine Frage.

Wenn demokratische Staaten mit halbwegs florierender Wirtschaft und funktionstüchtigem Rechtssystem sich darum bemühen, aggressive und auf Dominanz zielende Impulse von Einzelnen und Gruppen aufzufangen, gar fürs Gemeinwesen produktiv werden zu lassen, indem sie selbst divergenten Kulturen und bizarren Persönlichkeiten Freiräume öffnen und sie erhalten, werden sie zugleich gewärtigen müssen, dass auch die unerfreulichsten Geisteshaltungen sich ihre Nischen suchen. Dann wäre die nächste Frage, ob eine Gesellschaft sogleich mit dem Eisernen Besen “Wehret den Anfängen” üben oder es auf den praktischen Beweis ihrer Reife und überlegener Strategien ankommen lassen will.

Vermutlich bin ich nicht ganz allein, wenn ich unserem Gemeinwesen zutraue, ohne Zensur, ohne staatliche Überwachung à la Stasi, ohne Prüfungen von Religion oder anderen persönlich ausgeprägten Gesinnungen auszukommen. Dass sich gewaltbereite Minderheiten über die Strukturen von Staat und Gesellschaft erheben, Angst und Schrecken verbreiten, Mehrheiten für die Selbstermächtigung gewinnen können wie in Zeiten der Weimarer Republik – fürchten das nicht nur Hasenfüße mit wenig eigenem Engagement für unser dem Totalitarismus und der Spaltung entwachsenes Gemeinwesen? Die Menschen in meiner Umgebung halte ich allesamt für souverän und standfest genug, Dichotomiefallen zu vermeiden, die gern von Medien und Parteigängern des Musters “Wo wir sind, sind die Guten, alles andere gehört zu den Bösen” aufgestellt werden.

Möglicherweise alleine stehe ich da, wenn ich “Filterblasen” in den fb, g+, twitter, xing, linkedin etc. nicht schlimm finde. Für mich bedeutet Freiheit vor allem die Freiheit Nein sagen zu dürfen – und wenn ich keine Lust auf Pöbeleien habe, dann meide ich die Gesellschaft von Leuten, die das Pöbeln als Ausdrucksform ihres Selbstgefühls brauchen und praktizieren. Klar: In jungen Jahren bin ich keinem Scharmützel aus dem Weg gegangen, das ich für unvermeidlich hielt, und ich denke nicht daran, der heutigen Jugend ihre Erfahrungen mit Konflikten zu ersparen – die Jüngeren können angesichts gut entwickelter einschlägiger Methoden sowieso schon vieles besser machen als wir. Wenn sie wollen. Wer allerdings heute nicht die Minimalkriterien gesitteten Umgangs erfüllt, die mir seinerzeit von meiner Großmutter auf den Weg gegeben wurden, dem weise ich die Tür aus meiner Wohnung so gut wie aus meiner “Filterblase”.

Mögen die Parteigänger – egal welcher Glaubensrichtung – in der Demokratie nicht mehr als ihre Chance sehen, aggressiv ihre Vorurteile in die Welt zu setzen und Anspruch auf die eigene Vorherrschaft zu erheben, mögen sie vollkommen enthemmt pöbeln, verunglimpfen, hetzen: Sie zeigen sich nackt. Ich bezweifle, dass dieser Anblick auf viel mehr als Ihresgleichen anziehend wirkt.

Blogparade: Facebook ist nicht das Internet

David Stingl und Oliver Gassner hatten die Idee, unter diesem Titel mittels einer Blog-Parade nach fb-Erfahrungen zu suchen; Oliver hat selbst dazu ein interessantes Statement veröffentlicht. Stichworte wie „Filterblase“ und „Darkroom“ für fb inspirierten mich dann, über meine eigenen Erfahrungen nachzudenken.

Schluss mit lustig?

Fenster zur Welt oder vertane Lebenszeit?

Vermutlich war es wie bei vielen anderen die Neugier, die mich zu den verschiedenen Portalen im „Social Web“ trieb; das Angebot, über unterschiedliche Kanäle (Seiten, Veranstaltungen, Posts, Nachrichten …) mein Publikum zu erreichen, schnelle Rückmeldungen zu bekommen, animierte.

Nach nicht allzu langer Zeit und mit wachsender Zahl von „Freunden“, „Freunden von Freunden“, … bemerkte ich, dass sich in diesem virtuellen Raum, anders als bei der Gestaltung meiner Homepage oder diverser Weblogs, so etwas wie eine Atmosphäre, also eine spezielle, emotionale Wahrnehmung einstellte – z.B. Überdruss an Banalitäten, mit denen fb-„Freunde“ mich nach dem Login empfingen. Mit Vergnügen registrierte ich intelligente Posts, Hinweise auf Interessantes jenseits der medialen Mainstreams – Kunst, Musik, Bücher – und witzige Kommentare. Etwas unbehaglich empfand ich (aber das ist wohl nur meiner Wahrnehmung geschuldet) den subtilen Druck, alles von „Freunden“ Veröffentlichte mit dem aufgereckten Daumen zu quittieren, vor allem, wenn sie ihrerseits meine Bilder & Geschichten aufmerksam verfolgt hatten. Ich schätze es eigentlich als wesentlichen Teil meiner Freiheit, nicht zu allem eine Meinung haben zu müssen.

Dann kamen die Trolle. Sie nahmen die Form von Gespenstern an, von widerwärtigen und furchterregenden Figuren aus der Vergangenheit. Ihre Auftritte waren mir zuwider, aber ich wusste, dass es mir nicht helfen würde, ihnen auszuweichen. Ich verstand – wenn mir auch solche Attacken eher lästig als bedrohlich erschienen, welche Folgen das vielbeschworene Cybermobbing haben kann; wie es totalitären Strebungen im Netz zuarbeitet. Solche Strebungen gehören zum Alltag des Internets wie Phishing und Kinderpornographie.

Die Erfahrung, bei fb kräftig angepöbelt zu werden, wurde Teil der Konflikte im Roman „Raketenschirm“; sie half mir bei den Recherchen und der Realisierung eines Radiofeatures für SWR 2 „Tandem“. Inzwischen nehme ich die Pöbeleien sportlich, die Gespenster der Vergangenheit haben ja nicht mehr die Übermacht. Sie streben nach politischer und kultureller Deutungshoheit, sie möchten mit eingängigen Feindbildern den Mob auf ihre Seite bringen, aber meist stolpern sie über die eigene Grobschlächtigkeit. Bei fb sind sie auffälliger als anderswo, aber das ist für mich ein Grund, genau dort einen „Sandkasten der Konfliktkultur“ zu sehen. Dass einer meistens mit verständigen Menschen kommunizieren und eine Menge Spaß haben kann, versteht sich – Trolle muss eine Demokratie aushalten.

„Darkroom“ oder „Filterblase“ – bei fb (und anderen Communities) findet sich, gewissermaßen „in der Nußschale“ was sich, vielsprachiger, extensiver, alle Bereiche umfassend, auch im „richtigen Internet“ abspielt: Leben.

Mehr zum Thema in der Blogparade: Facebook ist nicht das Internet