Unterwerfung

Wer seine Aufmerksamkeit von den Szenarien der „Klimarettung“ löst und sich mit realen Gefahren dieser Welt befasst, stößt auf beunruhigende ungelöste – womöglich unlösbare? – Konflikte. Ein zusätzlicher Blick in die Geschichte verdeutlicht, dass sie fast jederzeit in Kriege übergehen können, deren Verlauf und Ende Klimaszenarien erledigt. Was sagt die Erfahrung?

Die Eiapopeia- und Grusel-„Narrative“ allgegenwärtiger Quotenmaschinen lügen darüber hinweg. Sie vertrauen auf das Gewohnheitstier im Menschen, sie beschäftigen es mit Krimi, Sport und Talkshows rund um die Uhr, sie „framen“ Informationen passend zu ihrer selbstgewissen „Haltung“ und rechnen sich diese Form verblödenden sozialen „Hausfriedens“ als moralisches Verdienst an, für den jeder zahlungspflichtig ist.

Das funktioniert, weil kaum irgendwer sich nach Konflikten sehnt, fast alle sich aber gern im Fernsehen, Kino, im Buch oder Videospiel mitleidend den Verfolgten als Hüter der Gerechtigkeit gesellen, schadenfroh das Böse unterliegen sehen. Für die meisten sind Krieg, Spucken und Schläge ins Gesicht, Vergewaltigung, Raub, Einbruch in die eigene Wohnung fern ihres realen Erlebens. Sie arbeiten sich daran emotional in virtuellen Räumen lesend, zuschauend oder -hörend, Killer-spielend oder in den Scharmützeln der Social Media ab: Sie haben das alles jederzeit unter Kontrolle, so genießen sie den Kitzel der Angstlust. Falls sie bei facebook oder twitter unter verbalen Beschuss geraten, gar in einen „Shitstorm“, erwacht jäh der Wunsch, diesen Gegner auch unter Kontrolle zu bekommen. Es gibt Organisationen, die ihnen beizustehen versprechen, natürlich bieten sich – fürsorglich – der Staat und die Quotenmaschinen an.

Inzwischen dringen allerdings die weltweit brennenden Konflikte ins reale Leben ein. Das Vertrauen der Vielen in eine staatliche Ordnung, die sich das Gewaltmonopol vorbehält, wird erschüttert, wenn sie außerstande ist, es durchzusetzen. Polizisten sind längst permanent ebenso überfordert wie Staatsanwälte und Gerichte. Derweil blüht das Geschäft von Anwälten, die soziale Benachteiligung, kulturellen (religiösen) Hintergrund, persönliche Traumatisierung ihrer kriminellen Klientel wortreich zu deren Verteidigung ins Feld führen. Der Rechtsstaat kapituliert in immer mehr Fällen vor der schieren Masse notwendiger gerichtsfester Ermittlungen.

Es gibt ihn ohnehin nur noch auf dem Papier, weil mindestens ein großer Teil der Justiz nicht mehr unabhängig, sondern in ideologischen Zwangsjacken herrschender Parteien operiert. Diese Parteien aber sind nicht auf das Gemeinwohl fixiert (sofern sie es je waren), sondern auf ihre Machtimpulse. Nur die Konkurrenz mit anderen Parteien zwänge sie, über Grundwerte wie das Recht auf freie Meinungsäußerung, die Versammlungsfreiheit oder die der Berufsausübung und die Freiheit von Wissenschaft und Kunst nachzudenken. Nur Konkurrenz zwänge sie, Freiräume und Widerstände zuzulassen. Ist eine solche Konkurrenz erkennbar? In meinen Augen nicht.

Im Einparteiensystem der DDR waren Alternativen eliminiert, die „GroKo“ lässt, anhand der Aktivitäten zur Zensur im Internet und zur Ermächtigung nichtstaatlicher Korporationen erkennen, wohin sie steuert. Der BND, der Verfassungsschutz mögen demokratischer Kontrolle unterliegen – eine wachsende Zahl von mit Steuern finanzierten und von Parteien oder NGO gesteuerten politischen Korporationen sind längst unkontrollierbar. Und sie zeigen erstaunlichen Ehrgeiz, unliebsame Meinungen im bislang unkontrollierten Internet zu unterdrücken. Sie wollen eine außerstaatliche Zensur, sie wollen unangreifbar werden wie Öffentlich-Rechtliche Anstalten, deren Quotenfixierung, Versorgungsmonopol und Finanzgebaren seit langem ihren grundgesetzlichen Auftrag zur Farce werden lässt.

Sie alle haben ihre Wirklichkeiten: Die Parteiführer, die Medienchefs, die Mitläufer, die wütenden Gegenspieler von der linken, rechten, feministischen, Gender-, Islam-, Irgendwiefundi-, Veganerfront. In diesen Wirklichkeiten werden genau jene realen Konfliktfelder ausgeblendet, für die sie keine Konzepte und Strategien haben. Die Realität aber hat eine unendlich scharfe, harte und unausweichliche Kante. Sie scheidet Wollen von Erfahrung, Wahnideen von Wissen.

Wozu Freiheit – warum nicht?

Bundesarchiv Bild 183-1986-0813-460, Berlin, Parade von Kampfgruppen zum Mauerbau

Die Freiheit, sich mitmarschierend in Gefangenschaft wohlzufühlen

Egal ob sich Einer (oder Eine) Hilfe von Angela Merkel, Donald Trump, Erdogan, Xi Jinping, der UNO oder dem lieben Gott erhofft: Diese Hoffnung gründet sich auf einem den Menschen ebenso gemeinsamen wie unausrottbaren Missverständnis. Die Gattung war ungemein erfolgreich, weil sie sich mit Hilfe der Frage „Warum?“ ertüchtigte, Geschehenes aus dem Gedächtnis abzurufen, daraus musterhafte Abläufe zu konstruieren und sich für vergleichbares künftiges Geschehen zu wappnen. Die Methode funktionierte prima, so lange sie sich immer wieder an der Realität messen musste, im Fall des Versagens zum Lernen und verbesserten Konstruktionen führte.

Spätestens seit dem Siegeszug von Relativitätstheorie und Quantenphysik ist der systematische Fehler der Frage „Warum“ offensichtlich. Wer sich des Geschehens vergewissern, wer halbwegs brauchbare Szenarien für die Zukunft haben will, muss fragen „Wozu?“ – und er muss die treibenden Impulse aller am Geschehen Beteiligten erkunden, nicht nachdem etwas geschehen ist, sondern bevor oder während es geschieht. Ein erster, wichtiger Schritt: Er muss alle nach dem „Warum“ Fragenden daraufhin betrachten, mit welchem Ziel sie fragen und welche dem Einzelnen oder einem Kollektiv (Sippe, Stamm, Religion, Nation, Korporation) nützlichen Zwecken das Konstrukt aus vermeintlichen Ur-Sachen dient. Dann wird es spannend, und dann beginnen Konflikte.

Merkel, Trump, Putin, Erdogan, Xi Jinping… beanspruchen nämlich wie alle massenhaftes Heil Versprechenden, allein im Besitz sicherer Gewissheiten von Ur-Sachen zu sein. Wissenschaft, die den Namen verdient, würde das nicht tun. Für sie gibt es keine Gewissheiten – außer bei Gott, dessen Existenz sie für unbeweisbar hält. Damit lag sie in der Konkurrenz zu allen Religionen, was den praktischen Nutzen für das Gedeihen der Gattung anlangt, meist vorn. Freilich, wie gesagt nur dann, wenn sie den Namen verdiente, und die Kriterien dafür haben sich in der Geschichte der Menschheit ziemlich überzeugend herausgebildet: anhand ihrer Verifizierbarkeit. Davon handeln und das belegen die Annalen der Gattung. Man kann sie in Frage stellen, allerdings nicht, ohne die Ziele des In-Frage-Stellens ihrerseits kritisch zu prüfen. An dieser Stelle fallen Religionen ebenso durch, wie der Marxismus-Leninismus, Rassentheorien, Metaphysik und neuere Spielarten wie der Genderismus. Ihre Ziele sind erwiesenermaßen erkenntnisfeindlich, weil sie ihre Falsifizierbarkeit a priori nicht zulassen. Zu erkennen ist das an der mehr oder weniger ausgeprägten Brutalität, mit der sie Widerspruch und abweichende Meinungen verfolgen, bis hin zur Denunziation, zur Hexenjagd auf „Abweichler“ und Ungläubige. Allzu oft haben sie Herdenimpulse, tribalistische Reflexe des seit je kollektiv gebundenen Menschen-Wesens auf ihrer Seite. Die modernen Medien beweisen es ebenso wie die Kulturgeschichte.

Die Wissenschaft selbst gerät immer wieder unvermeidlich in diesen Konflikt: Welchen Zielen folgt sie? Wem dient sie? Vergewissert sie sich ihrer Fehler und Grenzen? Ist sie bereit zu lernen? Lässt sie dem Individuum die Wahl, Für und Wider abzuwägen? Nimmt sie qualifizierten Widerspruch auf? Ist sie geduldig genug, Unwägbares in Rechnung zu stellen? Oder strebt sie den „Godmode“ einer Objektivität an, die wähnt, sich aus eigener Machtvollkommenheit jeder Subjektivität entschlagen zu können? Dann wäre die Deutungshoheit einer Quasi-Religion ihr eigentliches Ziel – der unmündige Mensch. Also eine Religion der Un-Menschlichkeit.

Die demokratischen, rechtsstaatlich verfassten Gesellschaften des Westens müssen sich daran messen lassen, ob sie dem Einzelnen eine Wahl lassen, dazu Nein zu sagen. Sollen Menschen frei und auf eigene Verantwortung – Risiko und Haftung inklusive – handeln, oder als verantwortungslose, quotengesteuerte Herdentiere in der Vormundschaft von Politbürokraten, die sie der Verantwortung entheben? Dann sieht ihre Zukunft chinesisch aus.

Jenseits-Kollektive

revolution_noir.jpg“Revolution Noir” ist der Titel einer Anthologie mit Texten von 16 russischen Autorinnen und Autoren, darunter Julia Kissina, die das Buch beim Suhrkamp-Verlag herausgegeben hat. Sie hat jeden Beitragenden – außer sich selbst – mit einer skurrilen Zeichnung porträtiert, im Anhang finden sich Kurzbiographien. Alle Porträtierten erscheinen als weltläufige, mit Preisen und internationaler Beachtung ausgezeichnete Schriftsteller, einige mit Doppelbegabung als Maler wie Kissina, als Filmemacher oder Musiker.

Alexander Pjatigorski (1929 – 2009) Philosoph, Orientalist, emigrierte 1974 nach London, im selben Jahr wie Juri Mamlejew, (1931 – 2015), der in die USA ging, an der Cornell-Univerität unterrichtete, in den 90er Jahren nach Russland zurückkehrte, dort die literarische Bewegung des metaphysischen Realismus begründete. „Sprung in den Sarg“ heißt seine groteske Parabel auf die Rituale der Stalinistischen Schauprozesse. Sie zeigt, wie sich eine so unheilbar wie unspezifisch kranke Tante dem (Familien-)Kollektiv eines russischen Dorfes bis zur Selbstaufgabe unterwirft. Die Angehörigen wollen sie nicht mehr durchfüttern, also wird sie zu einem inszenierten Tod gedrängt. Figuren und absurde Dialoge erinnerten mich sogleich an Bulgakow, aber solche Assoziationen nehmen dieser wie  anderen Geschichten nichts von ihrer Originalität.

Pjatigorskis Spiel mit der unzuverlässigen Wahrnehmung und der noch unzuverlässigeren Erinnerung an einen Mord dagegen findet im globalen Dorf statt; die Kindheit der Handelnden in sowjetischen Zeiten wird austauschbar. Bei den Jüngeren Autoren ist das noch  deutlicher: Die meisten, in den 60er Jahren geboren, wuchsen heran, als der Stalin-Terror vorbei war, die Politbürokratie Breshnews ins Koma fiel und die Perestroika die Verhältnisse aufwirbelte. Allein diese Biographien lassen erwarten, dass ihr Blick auf Geschichte und Realität des eigenen Landes wie auf die Welt ein  besonderer ist.

Julia Kissina erläutert selbst in dem kurzen Essay „Abschied von Dostojewski“, was die „Russische Neue Welle“ oder „Dritte Avantgarde“ ausmacht. Sie entstand zu Beginn der achtziger Jahre, vom „Samisdat“ beflügelt, eine ihrer Hauptrichtungen nannte sich „Noir“. Natürlich fiel mir die zur selben Zeit florierende „Bohème des Ostens“ am Prenzlauer Berg ein. Literarische Unterströmungen finden sich überall in Diktaturen, längst formen sie eine eigene Tradition jenseits der offiziellen Kultur, und in diesem Jenseits finden sich länderübergreifend kollektive Geisteshaltungen der Subversion. Die von Kissina ausgewählten Texte offenbaren eine Fülle an einschlägigen Begabungen, einige gefielen mir besonders:

Polina Barskowa nähert sich in „Laubriss“ wunderbar poetisch Jewgeni Schwarz und Witali Bianki an, indem sie ihnen im apokalyptischen Leningrader Blockadegeschehen fiktiv begegnet. Mich hat gefesselt, wie sie sich dabei Literatur und Geschichte einverleibt. Andrej Monastyrski entführt als Ich-Erzähler, als “Der atheistische Spion” den Leser in einen von religiösen Wahnvorstellungen getränkten Alltag, auf eine philosophisch-literarische Gespensterbahn mit witzigen blasphemischen Wendungen. Waleri Nugatow zeigt Franz Kafka beim Abstieg ins literarische Establishment von Prag 1938. Der Außenseiter als Bestsellerautor und Familienvater – die schräge Idee leuchtet zumindest insofern ein, als jede Gesellschaft von ihren Außenseitern lebt – sie verdaut sie nur auf unterschiedliche Art.  Alexej Parschtschikow überrascht mit Beobachtungen eines Studenten der Veterinärmedizin, die ebenso scharf wie humorvoll und poetisch sind, und Pavel Pepperstein fliegt mit seinem „Menschenfresser-Flugzeug“ quer durchs Genre moderner Schauergeschichten. Die spröden Liebesgeschichten von Julia Belomlinskaja führten mich wieder zurück in die 80er Jahre und mein eigenes Erleben: Wer damals wirklich befreit schreiben wollte, durfte nach einer Öffentlichkeit nicht fragen, er oder sie tauchte bestenfalls in eines der jenseitigen Kollektive ein, wo man meist befristet liebte und überlebte. Der von mir hochgeschätzte Vladimir Sorokin schließlich ist mit einem wunderbar durchgeknallten, rabenschwarzen Capriccio zum Thema Globalisierung vertreten.

Natürlich gefällt so etwas – wie das ganze Buch – Leuten mit einem Nagel im Kopf, die schreiben um zu überleben. Gleichwohl wird seine Qualität auch diejenigen überzeugen, die noch nicht ganz vom wohlgefälligen Geräusch der Quotenmaschinen betäubt sind. Das ist nicht zuletzt den Übersetzern zu danken. Ohne mir ein fachlich begründetes Urteil anzumaßen: Olga Kouvchinnikova, Ingolf Hoppmann, Annelore Nitschke und Olga Radetzkaja finden einen jeweils besonderen Ton für ihre Autoren. Derlei läse ich gern öfter, auch wenn sich mir nicht alle Texte erschließen wollten. Die Übersetzer sollen gelobt sein, vor allem die mit engen Kontakten ins Jenseits.

 

 

Weil der Etatismus marschiert…

Aktualisiert am 12. Juli 2020

Weil über dem Geräusch der rinkslechten oder lechtsrinken Empörungsmaschinerie das Verständnis von Gemeinsinn und Demokratie langsam unhörbar wird, stelle ich einen weiteren Abschnitt aus dem neugefassten Kapitel 5 in “Der menschliche Kosmos” online. Das Buch erschien 2006; manche Gedanken werden inzwischen von Jüngeren aufgegriffen und weitergeführt. Kritik bleibt allseits erwünscht – Meinungsfreiheit wird derweil zu einem umso kostbareren Gut, je lauter das Pöbeln der Fanatiker auf Straßen und in digitalen Räumen dröhnt.

Die Schuhe der Anti-Atomkraft-Bewegung sind abgelatscht: Energiehunger und CO2-Bilanz fordern intelligente Lösungen

„Linke“ oder sonstwie „kapitalismuskritisch“ Bewegte bis hin zu den Schule schwänzenden Helden von „Fridays for Future“ mit ihrem unerschütterlichen Sinn für „Klimarettung“ und soziale Gerechtigkeit wandeln gern auf bequemem Sport- oder Outdoor-Schuhwerk (egal ob Marke oder nicht: fast alles kommt aus Billiglohnländern) zu von Politik und Medien wohlwollend registrierten, völlig gefahrlosen Demonstrationen gegen „die Globalisierung“. Von dort führt sie der Weg an die Imbissbude; sie verzehren billige Lebensmittel und trinken Coca-Cola. Wenn sie Pech haben, stecken in Würsten und Frikadellen große Anteile verdorbenen Fleisches. Die Lebensmittelbehörde kann nicht überall sein; auch für den fleischverarbeitenden Betrieb ist Geiz geil und wer sich an Regeln hält, blöd.

Abends sehen sich die Kämpfer für soziale Gerechtigkeit selbst mit ihren Fahnen und Spruchbändern im Fernsehen und sind sehr zufrieden. Anschließend dürfen sie sich über die billigen rumänischen Arbeitskräfte in Wurstfabriken und den neuesten Lebensmittelskandal ereifern und schreien nach härteren Regeln und Strafen. Sie fordern noch mehr behördliche Aufsicht und Schutz der einheimischen An-Gestell-ten vor ausländischem Lohndumping. Das hindert sie natürlich keineswegs, das Panier gegen zuviel staatliche Überwachung zu schwenken. Rühren lassen sie sich gern von „investigativen“ Geschichten über deutsche Kinder, die in Ostberliner Plattenbauten „unter der Armutsgrenze“ leben. Erschüttert blicken sie in eine 80-Quadratmeter-Wohnung, wo nichts als Couchgarnituren, Betten, Fernseher, Waschmaschine, Kühlschrank, etliche Spielsachen und sonstige Segnungen der Konsumgesellschaft von schreiendem Elend künden und eine sichtlich hingebungsvoll dem Bacchus huldigende Mutter mit der Zigarette in der Hand erklärt, sie müsse halt ihre fünf Kinder zur kirchlichen Suppenküche schicken, weil am Monatsende einfach kein Geld fürs Essen da sei. Bücher sind in dem „Elendsquartier“ nicht zu sehen.

Es ist in all den von Gesinnungskitsch strotzenden Mitleidsfilmchen und -artikelchen auch nie von der eigentlichen Armut die Rede, unter der die Kinder leiden: von der geistigen und emotionalen Armut einer Gesellschaft, die Vermögen nur in Geld, Glück nur in den Lebensumstand fasst „Arbeit zu haben“, was eigentlich meint: an-gestellt zu sein. Die Wortwahl aber ver-stellt die Verhältnisse: Im Englischen ist die saufende Mutter, die offensichtlich wenig davon hält, ihre Zeit mit Arbeit am sozialen Vermögen ihrer Kinder zu füllen, „un-employed“, also „nicht angestellt“. Im Deutschen ist sie arbeitslos. Was für ein Unglück, und was für ein schlagendes Argument zugunsten der Fürsorgeindustrie!

Wir kommen hier dem ganzen Wahn der „sozialen Sicherungssysteme“ auf die Schliche. Wer oder was soll wogegen gesichert werden? Menschen gegen Hunger und Durst, Kälte, Krankheit, soziale Isolation. Sehr einsichtig. Aber Angst vor derart elementaren Bedrohungen muss hierzulande kaum noch jemand haben. Sollen Menschen auch dagegen versichert werden, für sich und andere Menschen Verantwortung übernehmen zu müssen? Darauf läuft es hinaus. Die Stärke der Gemeinschaft zugunsten der Schwachen einzusetzen – das war das Ziel der sozialen Korporationen; sie nahmen dabei nur die natürliche Strategie von Schwärmen und Herden auf. Aber deren Ein-stellung auf mechanische Denk- und Organisationsstrukturen, wo jeder „Störung“ mit dem Hebelzug an korporativen Machtinstrumenten oder nötigenfalls dem Einbau weiterer Hebel und Zahnräder begegnet wird, hat monströse Gestelle heranwachsen lassen: Kranken-, Renten-, Arbeitslosen-, Lebens-, Unfall-, Rechtsschutz-, Haftpflicht-, Hausrat-, Glasschutz-, Feuer- und zahllose weitere Versicherungen, die ihrerseits gegen Risiken rückversichert sind.

Der Hauptzweck, Menschen gegen unkalkulierbare Lebensrisiken zu schützen, ist gegenüber der Selbsterhaltung oder gar dem Gewinnstreben dieser Unternehmen längst zur Nebensache geworden. Die Versicherungsnehmer üben ihre Art „sozialer Gerechtigkeit“: Ein kleiner privater Zugewinn nebenbei durch einen Versicherungsbetrug zu Lasten der anderen Prämienzahler wird von vielen ohne Gewissensbisse „organisiert“. Und wer sich versichert, tut’s nicht gegen Naturkatastrophen, sondern hauptsächlich gegen andere Menschen. Die Rechtsschutzversicherungen boomen. Was die Kassen der Assekuranzen zum Klingen bringt, ist vor allem die Angst, auf Hilfen anderer Menschen angewiesen zu sein. Das mächtige Gestell soll stattdessen alle Probleme lösen.

Dank dieser universellen Versicherungsstrategie ist die Gesellschaft inzwischen vor allem durch Angst gesteuert: Rund um die Uhr leiern die Medien ihre Gefährdungslitanei, „The German Angst“ hat lächerliche Berühmtheit. Unsere Nachbarn wissen immer noch nicht genau, ob sie über uns lachen oder uns fürchten sollen.

Zögert überhaupt noch jemand, seinen Besitzstand, egal welcher Form, zu sichern, indem er jedes nur irgend verfügbare korporative Instrument nutzt? Ob es um die Karriere in Politik, Behörde oder Großunternehmen geht oder um nachbarschaftliche Beziehungen – wer kann, setzt seine Ziele mittels korporativer Macht durch. Wer sich von Partymusik gestört fühlt, klingelt nicht beim Nachbarn, er ruft die Polizei. Die vom Ehemann betrogene Schauspielerin mobilisiert die Presse, um ihr höchst privates Leiden in den Rang einer gesellschaftlichen Katastrophe zu erheben.

Gut in Erinnerung ist der öffentlich-rechtliche Talkmaster mit der Lizenz zum Denunzieren. Er bezahlte Drogen und Prostituierte mit Geldern aus Rundfunkgebühren, den Zuschauern abgefordert für die von der Verfassung vorgesehene „kulturelle Grundversorgung“. Die Gebühreneintreiber und -verwalter schreiben weiterhin vor, womit versorgt wird und lassen es sich von einer an-Gestellten Medienforschung bestätigen, die natürlich ebenfalls von Gebührengeldern lebt. Mit diesem Segen durfte sich der amoralische Großdenunziator im Fernsehen unverfroren als Megamoralist präsentieren – er brachte Quote. Seine Lebensgefährtin, gut bekannt für Quoten im „Schmuddel-TV“, ließ er auch gleich mit einem gut dotierten Sendeplatz versorgen. Und der Oberhäuptling der Anstalt finanzierte sich aus Gebühren eine ganz sicher kulturvolle Geburtstagsfeier im Luxushotel. Fast zur selben Zeit deckte ein „investigatives“ Magazin des Senders „schonungslos“ auf, wie Personalräte die Macht ihres Autokonzerns zu Lustreisen nutzten/em>

Unfälle? Zufälle?

Weihnachtsschmuck: Friede – Freude – Eierkuchen? (Schluss)

Foto0790Geschenke seien verkappte Tauschgeschäfte, meint sie, oder sie dienten dazu Abhängigkeiten zu schaffen, zu befestigen oder auszuweiten. Sie korrumpieren, meint sie. Dankbarkeit macht erpressbar.

Aber das hängt von den Zielen der Schenkenden ebenso ab wie von den Erwartungen der Beschenkten – oder?

Ich weiß es nicht. Ein noch so gut gemeintes Geschenk kann sich als Fluch für den Beschenkten erweisen – ein übler Bestechungsversuch als Glücksfall. Liebe, Vertrauen, Güte und Gnade lassen sich nicht berechnen wie Gewicht, Länge, elektrische Spannung oder Benzinverbrauch. Ihre Dimension ist die Zeit, nicht die Ticktack-Zeit der Uhren und Terminplaner. Die Lebenszeit, die Erinnerung, die unsere Seele zeichnet und befestigt wie die Jahresringe das Holz. Die Erinnerung an Weihnachten ist so ein Jahresring: „Fürchtet euch nicht“ heißt die Botschaft eines jeden Jahres. Sie ist keine Versicherung, nur Ausdruck einer Hoffnung, dass ein weiteres, gesegnetes Stück Leben beginnen kann. Sie mag unerfüllt bleiben, aber sie hat große Kunst hervorgebracht, sie hat getröstet und ermutigt. Mich jedenfalls. Ich weiß nicht, wie es Dir geht.

Ich weiß es auch nicht. Aber ich möchte auf das Weihnachtsoratorium so wenig verzichten wie auf all die anderen wundersamen Dinge, die mit Geld nicht zu bezahlen sind.

 

Licht braucht Dunkelheit

 

Die Sonne geht wieder schlafen

Fürs dunkle halbe Jahr

Der Nebel lümmelt am Fluss

Die Sonne sagt ich muss

Einmal krankfeiern dürfen

Vergessen, vergessen

Dass ich so lange und immer zu Fuß

Für euch am Himmel war.

Ich gab noch den Blättern die Farben

Aus Wolken wird mein Bett

Schreit nicht, es werde zu kalt

Bedenkt, ich bin schon alt

Sah Welten entstehen

Vergessen, vergessen

Wie Völker und Heere – es gab keinen Halt

Am eigenen Dasein starben.

Genießt eure künstlichen Monde

Es lohnt ein jedes Fest

Verbaumelt ruhig etwas Zeit

Die Zeit ist unser Kleid

Dessen Farben verblassen

Vergessen, vergessen

Viel zu geschwind – dann ist es soweit

Es hilft uns kein Attest.

Dann liegt auf gestorbenen Träumen

Ein Leichentuch aus Schnee.

Schon ist das Jahr vorbei

Und mit Lichtern und Lärmen

vergessen, vergessen

wir Winter und Trauer – wie tief sie auch sei

nichts dürfen wir versäumen.

Weihnachtsschmuck: Friede – Freude – Eierkuchen? (V)

Die Bücher machten den Unterschied. Und dass die Omma uns vorlas – bis wir selber lesen konnten. Wir wollten es. Weihnachten war die große Zeit der Neugier. Das kann bei den Kindern nebenan nicht anders gewesen sein. Was mag ihre Phantasie bewegt haben?

Ja. Diese geprügelten Kinder. Die Mädchen kriegten weniger ab als die Buben –das war vielleicht Erwins Form der Ritterlichkeit. Wir sind mit keinem von ihnen zur Schule gegangen, sie landeten alle in der „Hilfsschule“ – so hieß das damals – vermutlich konnten sie kaum richtig lesen und schreiben. Bücher lagen wohl kaum für sie unterm Christbaum.

Bildung ist keine Frage des Geldes. Schulen und Bibliotheken waren frei. Heute würde es heißen, die Hüllerkinder entstammten „bildungsfernen Schichten“. Damals, im „Arbeiter und Bauernstaat“ durfte sich Erwin der „führenden Klasse des Proletariats“ zurechnen. Entsprechend ungehemmt behandelte er seinen Nachwuchs.

Wäre es Sigi und den anderen besser ergangen, wenn sie in einem „Erziehungsheim“ gelandet wären?

Wer weiß? Vielleicht hätten sie dort gelernt, sich als Schläger Respekt zu verschaffen? Oder als Duckmäuser und Denunzianten? Den anderen bei Erwin und Lilo hinzuhängen, um selber den Prügeln zu entkommen – darauf waren sie trainiert.

Wir haben nie mit diesen Kindern gespielt, immer mit den Kusinen und anderen aus der Nachbarschaft.

Worüber hätten wir mit ihnen reden sollen? Außerdem rochen sie schlecht. Kinder kennen da keine Gnade. Trotzdem war diese unüberwindliche Trennung zwischen Nachbarn, die eigentlich Tür an Tür lebten, keine Frage des Geldes. Mag sein, dass sie noch weniger Auswahl an Speisen hatten als wir, aber der Mangel im Osten traf uns genauso wie sie. Ich glaube, dass es einfach für sie sehr viel weniger Freude im Leben gab – ich kann mir nicht einmal vorstellen, woran sie sich hätten freuen können, außer vielleicht an reichlichem Essen und ein paar Süßigkeiten zu Weihnachten, neuer Kleidung oder Schuhen, die Mädchen hatten einfache Puppen. Und Frieden? Das dritte Wort war übrigens Gnade. Weihnachtsfriede, Weihnachtsfreude, Weihnachtsgnade.

Das ist komisch. Jetzt – da du es sagst – fällt mir ein, wie der Pastor das von der Kanzel in den hohen, von Kerzen erleuchteten Kirchenraum rief. Er hatte eine mächtige Stimme, er brauchte kein Mikrophon. Noch in der letzten Reihe war er zu hören. „Weihnachtsgnade“! Auf einmal verstehe ich, wieso die Hüllerkinder an ihren Eltern hingen.

Du meinst, sie liebten sie trotz der Prügel?

Sie hatten einfach niemand anderen. Niemanden, der sich ihnen zuwandte, der ihnen Aufmerksamkeit schenkte, sie wichtig nahm, indem er sie lobte und strafte. Diese Bindung war – so primitiv und erschreckend sie uns erschien – besser als gar keine. Ob man das Liebe nennen kann weiß ich nicht. Die älteren Söhne machten sich aus dem Staub, sobald sie alt genug waren, und tauchten nie mehr auf. Aber ich habe erlebt, wie die Kleineren Lilo buchstäblich am Schürzenzipfel hingen und wie ihre Blicke an Erwins Lippen klebten, wenn er mal nicht brüllte, sondern ihnen etwas erklärte oder mit einem der Nachbarn redete. Ich kann mir vorstellen, wie dankbar, vielleicht demütig, sie Heiligabend ihre Bonbons, ihre Puppe oder sonst ein Spielzeug empfingen.

Von Erwins und Lilos Gnaden.

Der Vater war in ihren Augen ja auch ein mächtiger Beschützer – gegen die bösen Hausbesitzer zum Beispiel. Die hatten sogar einen Hund!

Schecki, diesen Kläffer. Wenn er Erwin nur von weitem sah, kniff er den Schwanz ein. Eigentlich hatte er gar keinen Schwanz, nur einen Stummel.

Ja, aber ziemlich laut bellen konnte er: Wenn sich die Omma, Mutter und die Hüllers anbrüllten, machte er im Hintergrund Rabatz – und die Kinder hatten Respekt vor ihm – jedenfalls, so lange sie klein waren. Schecki knurrte sie gewohnheitsmäßig an, wenn sie an ihm vorübergingen. Ihr Vater hatte keine Angst, er war ihr Held. Er konnte Schecki zerschmettern. Schecki wusste das.

Aber das meinte der Pastor wohl nicht, wenn er von Weihnachtsgnade sprach: Dass einer demütig und dankbar sein soll, weil er nicht vom HERRN wegen seiner Sünden zerschmettert wurde. Mit Dankbarkeit hatte es aber wohl schon zu tun. Und bei mir sind diese drei Worte hängengeblieben. Wenn die Lichter brennen, wenn für eine Zeit – sie mag noch so kurz sein – die Ängste, Sorgen und Konflikte schweigen, dann empfinde ich diese Zeit als Gnade, ich bin dankbar dafür.

Ich auch. Ich rieche den Duft von altem und neuem Wachs, die Flämmchen wecken alle Erinnerungen, die Freuden unserer Kindertage…

Deshalb der Fimmel mit den echten Kerzen. Großartig! In Zeiten, da jeder gefahrlos mit farbigen LED dekoriert…

Ja! Oder warmweiß, mit Funkfernbedinung, dimmbar und mit Flackereffekt…

…in Zeiten, da der Gesetzgeber Rauchmelder in jeder Wohnung vorschreibt, kokelst du mit tropfenden Wachslichtern herum. Das kann sich nur einer leisten, der keine Kinder hat.

Sogar Hüllers mit ihren sechs Kindern haben sich das geleistet. Es hat nie einen Brand gegeben. Bei ihnen nicht, bei uns nicht. Alle, auch die Kinder, passten auf. Alles hängt davon ab, wieviel Aufmerksamkeit dem Weihnachtsbaum gehören soll. Ist er wirklich der Mittelpunkt? Wenn er nur ein Stück Dekoration ist, das halt ein- und ausgeschaltet, sonst aber nicht weiter beachtet wird, weil der Tablet-Computer, die Spielekonsole oder das Fernsehprogramm wichtig sind, sollte er absolut alle Normen der Brandsicherheit erfüllen. „Achten Sie bitte auf die Prüfzeichen des TÜV!“

Steckst du dir Kerzen an die Fichte

Zeigt dich das Fernsehen bald im Brandberichte.“

Ha ha. Hast du noch nie jemanden wegen der Weihnachtsstimmung jammern hören, die sich so gar nicht einstellen will? Da ist doch nun wirklich alles nach Plan gelaufen: Einige Besuche auf dem Weihnachtsmarkt hätten helfen sollen, die Geschenke waren rechtzeitig gekauft und verpackt, der Baum geschmückt, das Essen vorbereitet, wer sicher gehen wollte, in Stimmung zu kommen, hat die Christvesper über sich ergehen lassen, samt quengelnden Babys, langweiliger Predigt und von der Orgel mühsam niedergehaltener falscher Gesänge – und hastdunichtgesehen isses schon wieder vorbei, irgendwie kam man nicht in Stimmung. Glaub mir: Die Wachslichter machen einen Unterschied. Du musst dich um sie kümmern, sie beobachten, erneuern, aufrichten, damit sie nicht tropfen. Und wenn du das nicht als zusätzliche Last und Verpflichtung siehst, sondern als Chance, dir Zeit zu nehmen fürs Erinnern, Nachdenken, Reflektieren – dann geben die Flammen dir viel Zeit zurück.

Das will ich gelten lassen. Eigentlich versteht sich von selbst, dass Weihnachten als Position im Terminplaner wenig Freude verheißt – mögen die Geschenke noch so kostbar sein. Für uns Kinder war es viel mehr: Ein im Sinne des Wortes leuchtendes Versprechen, beglückt zu werden. Alles war gespannte Erwartung.

Was erwarte ich – wie erwarte ich es? Eine entferntere Verwandte hat sich mir gegenüber mal als „Weihnachtshasserin“ geoutet.

Vielleicht weil sie die Religion nicht mag?

Sie mag auch weder Heringssalat noch Gänsebraten, weder Lebkuchen noch Schokolade, weder Glühwein noch Eierpunsch. Sie mag nichts verschenken, auch keine Geschenke empfangen. Sie betont, sie habe alles, was sie braucht.

Gibt es etwas, worüber sie sich freut?

Dass sie gesund ist. Dass ihr nichts fehlt. Nichts.

Kein Geschenk.

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Weihnachtsschmuck: Friede – Freude – Eierkuchen? (IV)

kERZENGARTENJa. Das ist die Frage. Wieso hat die Omma nicht einfach Erwins Geschenk akzeptiert als – noch so vorübergehenden – Ausdruck seiner Güte? Als Beweis dafür, dass doch in jedem Menschen ein guter Kern steckt?

Sie wollte in puncto Güte das letzte Wort haben. Sie war ziemlich aristokratisch. Die Omma. Sie war ein leuchtendes Beispiel, wie sich aristokratische Haltung auch noch unter erbärmlichsten Umständen zu behaupten versucht. Wir waren fast mittellos, selbst auf die Gnade der Verwandtschaft im Westen angewiesen. Aber ein Geschenk von einem Proleten – ausgeschlossen!

Da ist natürlich was dran. Und natürlich hat Erwins Instinkt ihm genau diese Deutung eingegeben. Es war also nix mit Weihnachtsfriede, Weihnachtsfreude, Weihnachtswunder. Erwin grüßte bis Neujahr nicht einmal mehr. Die Art, wie die Omma auf den geschenkten Baum reagierte, empfand er als gnädige Herablassung, als arrogant. Er hatte eben auch seinen Stolz. Die Hüllers blieben uns, die wir der verabscheuungswürdigen Klasse der Hausbesitzer angehörten, also weiterhin, bis zu ihrem Auszug kurz vor dem Abriss des alten Hauses, spinnefeind, trotz der Westschokolade und der für damalige Verhältnisse exorbitanten Zahlung von zehn Mark für eine – höchst wahrscheinlich geklaute – Fichte.

Das leuchtet doch auch ein – oder?

Die Omma hatte ihre eigene Logik: „Wenn ich einen geklauten Baum bezahle, ohne zu fragen, bin ich vielleicht dämlich. Nehme ich ihn als Geschenk, mache ich mich dem Dieb zum Kumpan. Das möchte Erwin vielleicht, aber ich möchte das nicht. Basta.“ So durfte jeder seine Vorurteile behalten. Auf unsere Omma könnte man den alten Spruch münzen: „Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz“: Zehn Mark und zwei Tafeln echte Schokolade für eine Krücke von einem Christbaum.

Hm. Mir wäre auch die Schokolade lieber gewesen. Ein Weihnachtsfriede mit Erwin Hüller hätte sowieso kaum bis Neujahr gedauert.

Das wusste die Omma natürlich auch. Nicht, dass sie keinen Frieden gewollt hätte.

Im Gegenteil. Sie hasste Zank und Streit. Sie litt körperlich, wenn sie mit ihrer Tochter oder einem von uns aneinandergeriet. Ich frage mich, was passiert wäre, wenn nicht Lilo die Tür geöffnet hätte sondern Erwin. Er hätte das Geld womöglich zurückgewiesen. Was dann?

Vielleicht hätte die Omma Hüllers die nächste Miete erlassen. Zwölf Mark. Die Schokolade hätte sie heimlich den Kindern zugesteckt.

Wenn wir was übrig gelassen hätten.

Es war nicht allein der reichere Gabentisch, der uns von den Hüllers trennte.

Wären da nicht die Pakete aus dem Westen gewesen… Ohne sie hätte das Christkind uns freilich nicht viel mehr und anderes bescheren können als Sigi und seinen Geschwistern.

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Weihnachtsschmuck: Friede – Freude – Eierkuchen? (III)

Grinsekatze.jpg

Grinsekatze war in diesem Fall ein Grinsekater, schwarz

Komisch – diese Geschichte habe ich anscheinend vergessen.

Du warst erst acht, glaube ich – vielleicht auch an diesem Tag noch bei den Kusinen zum Spielen. Der Elfjährige bekam den Auftrag, den Duftbaum am besten gleich zu zerhacken, während sich die Mutter, den Rodelschlitten an der Hand, eine Handsäge im Rucksack, auf den Weg nach Ersatz machte. Notfalls hätte sie im Wald eine Fichte geklaut. Aber im Hof hielt uns Nachbar Hüller auf: „Stinkt ze sea, Lärje, oda?“. Er grinste uns an. „Isch hob jo dän Kota gäsähn. Wollta’n ondan?“

Hüller hat Hilfe angeboten? Vor diesem Schläger hatte ich immer nur Angst.

Ich auch. Mutter und ich – wir trauten ihm beide nicht über den Weg, Mutter wollte schon ablehnen, aber mit einem Blick auf die Uhr besann sie sich. „Was soll er denn kosten?“

Nüscht, ze Weenocht is geschenkt. Un weilse da Lilo geholfen ham mit dän Sigi.“

Stimmt. Unsere Mutter als Hebamme beim fünften – oder war ’s das sechste? – Kind der dicken Lilo. Ich hab ’s kaum glauben wollen. Ausgerechnet unsere Mutter schneidet in diesem stinkenden Loch einem Neugeborenen die Nabelschnur durch, badet es, wickelt es in Windeln. Das muss in jenem Jahr gewesen sein. War ’s nicht das Mauerjahr?

Niemand kam mehr weg. Aus uns konnten keine Flüchtlinge mehr werden. Mutter und Großmutter hatten jahrelang darüber gestritten: Gehen oder bleiben? Sie waren geblieben, sie wollten unser marodes altes Fachwerkhaus und den Garten unbedingt erhalten, trotz Mangels an Handwerkern und Material, trotz des Ärgers mit Behörden und Nachbarn wie Erwin und Lilo. Dabei bestimmten sie längst nicht mehr darüber, wer bei uns wohnte. Erwin war eingezogen, weil er nach dem Krieg – je nach politischer Sicht – „Umsiedler“ aus Breslau, so hieß es in der DDR, Flüchtling oder „Heimatvertriebener“ war, so hieß es im Westen. Erwin hatte zwei Söhne mitgebracht, fand in einem der umliegenden Dörfer seine Lilo und zeugte mit ihr weitere Kinder. Dem Jüngsten half unsere Mutter in die Welt, weil die Hebamme nicht schnell genug für Lilos routinierte Niederkunft war.

Beide deutsche Staaten wiesen nach dem Krieg Flüchtlingen Quartiere zu, Eigentümer mussten Platz machen und Zimmer räumen.

Wir hatten immer noch genug. Aber viel komfortabler als die Hüllers lebten wir nicht. Zwar hatten wir ’ne Wasserleitung wir mussten keine Eimer die Treppen hoch schleppen, aber hinunter aufs Plumpsklo mussten wir genauso, kein Spaß im Winter bei zehn Grad Minus.

Dass du mit deinen dicken Büchern dir dort nicht als Kind den Hintern erfroren hast… Aber egal: Wie ging’s mit Erwin weiter? Habt ihr den Baum genommen?

Er hatte zwei. Der erste habe Lilo nicht gefallen, da habe er einen anderen organisiert.

Klar: organisiert. Gekauft hatte er ihn nicht.

Er hätte auch lügen können – es war egal. Mutter hatte schließlich den Fuchsschwanz im Rucksack, und er war nicht so dumm, dass er das nicht mitbekommen hätte. Der erste Baum war wirklich nicht sehr ansehnlich, er bot uns aber sogar den besseren an: „Isch bin bloß ee eenfocha Oabeta, oba isch weeß, wos sisch zu Weenochtn geheat…“

Holla. Ob das der dicken Lilo gefallen hätte?

Wir werden es nie erfahren, Mutter nahm natürlich den schlechteren. Sie bedankte sich überschwänglich, Erwin murmelte noch etwas davon, dass die Hausbesitzer ja auch mehr und schöneren Schmuck haben als „ee eenfocha Oabeta“, dann trampelten wir erleichtert nach oben, auf die warme Insel, um die Krüppelfichte zum Christbaum herauszuputzen.

Christliche Nächstenliebe bei Erwin Hüller? Ich sehe diesen pöbelnden, prügelnden Ausbund an Hässlichkeit mit den eng neben der Hakennase stehenden gelben Augen, den an der Glatze klebenden Haarsträhnen, der Warze auf der Oberlippe genau vor mir. Sein schmaler Mund verzieht sich überm Porzellangebiss zu einem schiefen Grinsen, niemals hätte er ein Lächeln zustande gebracht. Ein Weihnachtsgeschenk von ihm wäre ein Weihnachtswunder… Das war das dritte Wort des Pastors, nicht wahr? Weihnachtsfriede, Weihnachtsfreude, Weihnachtswunder.

Es würde passen und es wäre ein prima Motiv für eine herzerwärmende Predigt zur Christvesper. Das Wunder von Bethlehem. Gott, der Allmächtige, begibt sich seiner Allmacht und kommt als bettelarmes, schutzbedürftiges Kind im Stall von Bethlehem zur Welt – wie der kleine Sigi im Hüllerstall.

Auf den kleinen Sigi warteten allerdings von seinem ersten Schrei an so viel Schläge, dass er an Leib und Seele Schaden nahm. Wäre er im Namen des Herrn geboren worden, hätten Erwin und Lilo ihm die Heilsgeschichte aus den Kaldaunen geprügelt. Sein Kreuz waren schon die Eltern. Seltsame Geschichte. Weil unsere Mutter ihren Abscheu überwand und Geburtshilfe leistete, zeigt sogar ein Erwin Hüller zu Weihnachten Gefühl. Soweit ich mich erinnern kann, hat dieses Wunder – in Gestalt eines krüppligen Christbaums – allerdings weder Sigis Kindheit noch das Verhältnis zwischen den Hüllers und uns mit Nächstenliebe erfüllt.

Das Wunder fand ja auch nicht statt. Und das dritte Wort war auch nicht Wunder. Das war dem Pastor womöglich zu abgedroschen. Manchmal glaube ich, dieser alte Mann mit patriarchaler Erscheinung wollte alles außer Eierkuchen-Eiapopeia zu Weihnachten. Mich beunruhigt er heute noch. Seine Botschaft von der Kanzel war: Prüft euch selbst. Was ist euch euer Glaube wert, was eure Nächstenliebe?

Er war beeindruckend. Aber wieso wurde nichts aus dem Wunder? Hatte Erwin damals irgendeine Heimtücke in petto, die ich nicht mitbekommen habe? Die etwas krumme, kleine Fichte als Ausnahme in der Reihe unserer stattlichen Christbäume kann ich mir inzwischen vorstellen. Entspannte sich nicht sogar das Verhältnis zu den Hüllers ein wenig – nach diesem Zeugnis guten Willens?

Die Omma hat es verhindert. Das Wunder fiel einfach aus. Es gab kein Geschenk, es gab demzufolge auch keinen Dank und keine gemilderten Antipathien. Kaum dass Mutter Erwins Baum ins Kreuz gekeilt, die Geschichte erzählt und mit dem Dekorieren begonnen hatte, griff die Omma zu ihrem Portemonnaie und verließ die Wohnung. Da ich neugierig war, folgte ich auf dem Fuß. Die Omma klopfte bei Hüllers, drückte der verdatterten Lilo zehn Mark in die Hand und sprach: „Dankeschön für den Weihnachtsbaum, Sie haben uns sehr geholfen. Ich weiß das zu schätzen. Ich weiß auch, dass Sie viel nötiger als wir das Geld für so ein Bäumchen brauchen, darum nehmen Sie das, auch für Ihre Kinder.“ Damit ließ sie dem Geldschein noch zwei Tafeln Schokolade aus ihrer Schürzentasche folgen, drehte sich um, schob mich in die Wohnung, ehe Lilo „Muff!“ hätte sagen können, von mir zu schweigen. Ich war stinksauer. Die Schokolade…

…kam aus einem Westpaket und war eigentlich für uns, nicht für die blöden Hüllerskinder. Wieso hat sie das getan? Etwa aus Nächstenliebe und Dankbarkeit für Erwins weihnachtliche Wandlung vom Saulus zum Paulus? Mit dem Mann hatte sie nichts als Ärger erlebt – von Mietschulden bis zu den zahllosen Interventionen gegen Prügelattacken auf die Kinder und vergeblichen Versuchen, Lilo daran zu hindern, die Wäsche statt in der Waschküche auf dem Vorplatz zu waschen.

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Weihnachtsschmuck: Friede – Freude – Eierkuchen? (II)

Herrenstraße26Weihnachtsfriede, Weihnachtsfreude, Weihnachts…”, nein, das dritte Wort war nicht “Eierkuchen”. Es war ein Wort, das der alte Pfarrer, ein Orator vor dem Herrn, in der Heiligabend wie sonst nie gefüllten Kirche dem Publikum abverlangte. Dem Publikum, denn “Gemeinde”, Gläubige, die zum Gottesdienst kamen, waren ja nur wenige. Die meisten dieser Kirchenbesucher wollten sich in die rechte Stimmung bringen und den mitgebrachten Kindern die Zeit bis zur Bescherung verkürzen. Ganz wenige kamen, weil sie sich dem antireligiösen Staatswesen widersetzen wollten. Der Pastor wartete einen winzigen Moment, als wollte er das Wort aus dem Publikum hören.

Was war eigentlich dieses „dritte Wort“?

Denk nach. Was passt zu Weihnachten, zu Friede und Freude – außer Eierkuchen?

Heringssalat?

Stimmt. Auch Tauwetter. Vor allem natürlich „Geschenke“. Und der Baum.

Wenn wir ihn aus dem frischen Pulverschnee im Hof holten, war er noch steif vom Frost. Wir schüttelten ihn ab, trugen ihn die Tonleiter hoch, spitzten mit einem großen Küchenmesser das untere Ende zu. Der Fuß wurde in einem Holzkreuz verkeilt, die Wohnzimmertür verriegelt, denn er stand genau davor, in einer Ecke, und er reichte bis zur Decke.

Bis an eine besonders auffällige Schmutzbatik. Ja, an einen Winter erinnere ich mich besonders. Es fror Stein und Bein, und unser Christbaum war ein Prachtexemplar, gerade gewachsen, so hoch, dass wir unten etwas absägen mussten. Wir packten den Schmuck aus den Schachteln: die Kerzenhalter voll altem Wachs wurden angeklemmt, die silbernen Kugeln, Vögel, Glocken so verteilt, dass sie nicht über den Kerzen hingen, möglichst auch nicht darunter, damit wenigstens ein paar über die Feiertage kamen, ohne von Stearin bekleckert zu werden. Es war sehr alter Christbaumschmuck, damals schon mindestens 20, 30 Jahre alt, und es war ziemlich viel. Der Baum hing voll und bekam zum Schluss noch ordentlich Lametta.

„Früher war mehr Lametta“!

Ja. Der Baum sah prächtig aus. Heiligabend mittags taute er auf und begann zu duften.

Fichte oder Tanne?

Keines von beiden. Er hatte ein Geheimnis, das vom Frost konserviert worden war, und nun, da in der Stube das Eis schmolz, gab er es preis: Im verschneiten Hof hatte ihn der schwarze Kater angepinkelt.

Woher weißt du, dass es der schwarze war? Im Hof trieben sich Dutzende Kater herum.

Der schwarze war der hässlichste und bösartigste, unbestritten. Einmal hätte ich ihn fast erwischt, wie er auf die Schwelle meines Kinderzimmers pisste, der Gestank war unverwechselbar. Wir mussten also an jenem Heiligabend mittags den wunderschönen Baum abdekorieren, wegschaffen und irgendwie einen neuen besorgen.

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Weihnachtsschmuck: Friede – Freude – Eierkuchen? (I)

Ein Dialog zwischen Geschwistern

weihnacht53Erinnerst du dich? Dieser Duft nach altem Stearin. Er entströmt einer runden Schachtel aus Bast, dunkel vom Staub der Jahrzehnte in der Bodenkammer. Alles was zu diesem Duft gehört, ist längst verschwunden: der Dachboden, wo die Schachtel den Frühling, Sommer, Herbst verdämmert, bis sie aus dem Schrank geholt wird für wenige Stunden, mit ihr die Pappkartons, nicht weniger alt und staubig, voll wundersamer Dinge aus Glimmer, Glas und Stanniol. Manchmal flimmern Pulverschneeflocken im Halbdunkel des Fachwerks, wenn der Winter kalt ist und trocken, der Wind treibt Kristalle zwischen Ziegeln, Balken, Sparren hindurch. Da sind Ritzen, durch die weißes Licht flirrt, über grauweiße Wellen von Staubschnee, über schiefgetretene Dielen. Hörst du sie knarren?

Ja ja. Damals. Es war eine Hatz, den Schnee wegzuschaffen, bevor er schmelzen und braune Wasserränder an die Decke darunter batiken konnte. Schmutzbatik. Schmutzbatiken gab’s einige an den Zimmerdecken des alten Hauses. Aber der Boden war eine riesige Wunderkammer. Von dort holten wir auch Schlitten, Bretter und Skischuhe.

Verschwunden, vergangen. Aber der Duft alter Kerzenreste – weißt du noch? Es riecht nach Weihnacht. Bis Heiligabend hat der Christbaum im Hof gestanden, im Schnee. Dann tragen wir ihn hinauf, den Schmuck vom Boden herunter über die knarrenden Holztreppen. Tonleitern aus Holz. Gestimmt in zwei Jahrhunderten von Tausenden Füßen: langsamen und schweren, kleinen, flinken, leichten, und von Hundepfoten.

Auch von Stürzen. Vom Poltern der Zinkeimer, die Nachbar Hüller seinen Buben nachschleuderte: „Holamal’n Eema Wossa, Lärje!“ Tag für Tag. Wasser von der Leitung im Hof für den wachsenden Haushalt, Kind für Kind, fast Jahr für Jahr. Wie viele Eimer Wasser haben sie hinauf geschleppt in knapp zwei Jahrzehnten? Was für Weihnachten mögen sie gehabt haben, diese Hüllers, in ihrer Wohnküche? Ich weiß nicht einmal mehr, ob die Kinder zu Weihnachten weniger Prügel bekamen. Die Tür zu diesem stinkenden Stall blieb immer zu. Meistens knallte sie zu, dann hörten wir das Gebrüll der Eltern, das Jammern und Schreien der Kinder. Gab es dort ein Weihnachten?

Immerhin wünschte man auch diesen Nachbarn „Frohe Weihnachten“. Und einen Baum hatten sie wohl, sie gingen nur nicht zur Kirche.

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