Rezensent sein? – Lieber was empfehlen

Titel des Buches "Chef sein? - Lieber was bewegen!"Ja, ich bin voreingenommen, denn ich kenne und schätze Gebhard Borck seit Jahren, wir haben uns über seine Ideen lebhaft ausgetauscht. Ich bin also kein „neutraler“ Kritiker, das Erscheinen dieses Buches hat mich sehr gefreut, ich wünsche ihm viele, viele Leser. Dem Vorhaben von Stefan Heiler, sich mit seinem Unternehmen im Wettbewerb am Markt ganz ohne “Führungskräfte” zu behaupten, dabei unkonventionell mit einem „Katalysator“ namens Borck vorzugehen, gehört meine ganze Sympathie. Es ist ein mutiger Schritt, er hat sich gelohnt, und die ihn wagten, waren so oft am Rande des Scheiterns, dass einen auf über 300 Seiten niemals die Fragen loslassen “Schaffen sie ’s? Und wenn ja – wie?”.

Das liegt auch an der Erzählform. Die Sprache bleibt locker und gut verständlich, selbst wenn durchaus Fachwissen vermittelt wird – etwa an einen Nicht-Betriebswirt wie mich. Graphiken veranschaulichen gedankliche Abläufe und Prozesse im Unternehmen. Einen chronologischen Ablauf in einer Geschichte von Helden, die “per aspera ad astra” dem Sieg entgegen streben, gibt es nicht, stattdessen einen skizzenhaften Aufriss von Begebenheiten, vor allem Konfliktlagen. Sie erscheinen mal anekdotisch, mal als Dialog oder Gesprächsprotokoll, manchmal als lapidarer Bericht. Manche zeitliche Zuordnung mag sich der Leser selbst erschließen, er muss es nicht, um das Wesentliche am Geschehen zu begreifen: Wie bei der Alois Heiler GmbH in Waghäusel eine ganz neue Unternehmensform gelebt – bisweilen erlitten – wurde. Dabei haben alle Beteiligten, nicht nur die Autoren, „Denkwerkzeuge“ entwickelt und erprobt, sie haben eine „Firmen-DNA“ modelliert, von der andere vergleichbare Vorhaben einiges lernen können.

Zwischen dem Unternehmer Stephan Heiler und seinem Berater Gebhard Borck wuchs während dieses Prozesses eine schöpferische Freundschaft, wie sie sich einer wünscht: Beim Lesen wird deutlich, wie stark das Vertrauen in die Kompetenz und Verlässlichkeit des anderen ist. So etwas steckt durchaus an. Zugleich legten beide größten Wert auf die Transparenz aller Entscheidungen der jeweils Verantwortlichen – und das waren eben keine Chefs, Abteilungs-, Gruppen- oder sonstigen Leiter, sondern immer öfter die Mitarbeiter selbst, Männer und Frauen, die sich in neuen Rollen beweisen mussten – und durften. Keineswegs alle waren mit einer “Sinnkopplung” dauerhaft an derart eigenverantwortliches Handeln in vernetzten, nicht hierarchischen Teams zu binden. Viele verließen Heiler, darunter sehr kompetente. “Der Mensch ist ein Gewohnheitstier”, heißt es nicht von Ungefähr; lieb gewordene Muster und Rituale locken mit einem Gefühl von Sicherheit bei weniger Energieaufwand, womöglich besserer Bezahlung: Angepasst an den Mainstream lebt sich’s für viele komfortabler.

Das Buch ist eine durchaus vergnügliche Lektion übers Fragen, über Reibungen, Missverständnisse und Turbulenzen. Dass Klatsch und Tratsch auch bei diesem Beispiel von “New Work” unausrottbar bleiben, überrascht nicht, aber es macht Spaß, den Autoren bei diesem wie anderen „Fällen“ aus ihrem Alltag über die Schulter zu schauen. Wer das – über das Buch hinaus —  tun möchte: Weblogs sowohl des Unternehmens Heiler als auch von Gebhard Borck bieten reichlich Informationen. Patentrezepte werden sich dort kaum finden lassen, dafür eine ermutigende Menge von Erfahrungen im Umgang mit Konflikten auf dem Weg in alternative Arbeitswelten.

Gebhard Borck, Stephan Heiler „Chef sein? Lieber was bewegen! – Warum wir keine Führungskräfte mehr brauchen“, 304 Seiten, Heiler&Borck 2018

Wollen wir etwas ändern? Etwa uns?

festung (6)Siehe da – auch die Piraten, angetreten und zeitweise von 12% der Wähler begeistert begrüßt wegen ihres Ziels, etablierte Politikrituale zu befragen, gegebenenfalls abzuschaffen, stattdessen neue Wege zu gehen, sind an- und heruntergekommen: Sie bewegen sich in den Niederungen der Machtkämpfe; Hierarchien bilden sich heraus, am Ende geht es nur noch darum, die 5%-Hürde des etablierten Politikbetriebes nicht zu reißen.

So jedenfalls sehen es die Medien, deren Wahrnehmung vollständig auf Schemata eben dieses Politikbetriebes fixiert ist. Die Schemata des Medienbetriebes sind nicht einmal mehr komplementär, sie sind auf die phantasieloseste Weise angepasst. Leider haben die Piraten genau dem wenig entgegenzusetzen – das wird an den Wichtigtuereien ihrer “Führungskräfte” ebenso offenbar wie an der Politbürosprache neuerer Bemühungen um politisches Renommee.

Über die Zukunft wird aber nicht in Politbüros entschieden. Das Schicksal der Gattung Mensch hängt an ihrer Arbeitsorganisation, also an ihrem Konfliktmanagement. Unternehmen, die nicht als Dinosaurier enden wollen, fangen an, sich entsprechend zu organisieren: lernfähig. Ja, ganz recht: es geht um Kulturleistungen, weil Nachhaltigkeit keine Frage von Technik oder Technologie ist, nicht einmal eine Frage von mehr oder weniger realen Milliarden, sondern eine des Verhaltens von Menschen. Es ist die Frage, ob wir Steinzeitimpulsen, Habgier und Herrschsucht folgen wollen oder neuen Strategien, die fortwährend auf den Prüfstand kommen. Nachhaltig ist nämlich genau das, was nicht in den Stein linker, grüner oder sonst irgendwie bessermenschlicher Ideologien gemeißelt wird, sondern sich intelligent an wandelnde Verhältnisse anpasst. Es folgt nur einem Grundgesetz: der Ehrfurcht vor dem Leben.

Das Problem der Piraten sind – wie in anderen Parteien und den meisten Unternehmen – Karriereopportunisten und Mitläufer. Sie wollen mittels korporativer Macht ihr je wichtigstes persönliches Ziel in den Rang sozialer Unbedingtheit erheben: “Ich will so bleiben, wie ich bin!” Dieses Ziel steht zum Universum freilich ebenso wie zur Lernfähigkeit senkrecht. Vielleicht verliert ja das Universum.