Glücklich die Stadt, die keine Helden braucht

Leipzig, Nikolaistraße, Blick zur Kirche

Was im Herbst 1989 zu machtverändernden Demonstrationen wuchs, hatte Anfang der 80er Jahre als „unabhängige Friedensbewegung“ in der DDR begonnen. Während die SED ihr Propagandafeuer gehorsam auf die Ziele von Breshnews „militärisch-industriellem Komplex“ (Michail Gorbatschow) im Westen eingeschossen hatte, während etliche „Friedensbewegte“ im Westen, unterstützt von DKP und Stasi gegen Pershings demonstrierten und die SS 20 ausblendeten, wagten es einige Mutige im Osten zu fragen, worin denn der Unterschied zwischen einer nuklear bestückten Pershing und einer SS 20 liege.
Sie waren kriminelle Staatsfeinde. Petra Kelly, die Kontakt zu ihnen hielt, wurde von Erich Mielke persönlich zur CIA-Agentin erklärt. Wer dagegen antiamerikanischen Reflexen folgte, bereit war, den Herren der Politbüros ihre Friedensliebe abzukaufen, von dem bedrohlichen Rüstungsvorlauf des Warschauer Pakts abzusehen, durfte sich am Applaus meinungsstabiler Massenblätter wie „Neues Deutschland“ und „Junge Welt“ erfreuen – als Friedensengel. Es gab einen guten Frieden und einen schlechten, und beim guten Frieden machten alle, was das Politbüro sagte.

Ausgelatscht: die Anti-Atomschuhe

Ausgelatscht: die Anti-Atomschuhe

Mit dem Wegfall der Politbüros kam eine gewisse Verwirrung auf: Mancher schämte sich zeitweilig, einst dem ND und der „Jungen Welt“ den Gehherda gemacht zu haben. Aber peu à peu verfestigen sich die Feindbilder wieder. „Atomkraft“ ist die Schreckensvision, hinter der sich das Böse schlechthin verbirgt. Nicht einmal der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher macht noch einen Unterschied zwischen Atombomben und Kernkraftwerken. Niemand darf fragen, ob womöglich die Menschen das Problem sind, nicht die Technik, ob also Strukturen wie die der Firma TEPCO die Gefahr ausmachen, vor der sich alle fürchten sollten.
Es sind Strukturen von Befehl und Gehorsam, von Plan- und Kommandowirtschaft. Sie sind intransparent, sie organisieren die Verantwortungslosigkeit, sie verlagern die Schäden infolge korporativer Hab- und Machtgier aufs Gemeinwesen.
Die Schuhe der „Anti-Atomkraft-Bewegung“ sind ausgelatscht, ihre Argumente zielen allesamt nur gegen eine Technik, statt auf einen Wandel, der Verantwortung für die Energieversorgung dahin verlagert, wo sie hingehört: an das Zusammenspiel von Menschen, die Energie nutzen und Menschen, die sie herstellen. Frieden ist nicht durch Dominanz überlegener Raketen zu erzwingen, Demokratie ebensowenig. Die Qualität menschlichen Zusammenlebens ist überhaupt keine Frage der Technik, sondern eine der Konfliktkultur.

Kamikaze

Mir gehen die Männer nicht aus dem Kopf, deren Leben wahrscheinlich kurz sein wird, weil sie zu lange um einen versagenden Atomreaktor in Japan kämpfen. Einige besonders originelle Kommentarschreiber in deutschen Blogs und bei facebook gefallen sich darin, sie als „Kernkraft-Kamikaze“ zu verspotten, begleitet von Seitenhieben auf Japaner (oder auch Chinesen, große Unterschiede sehen sie da nicht), die ja schon immer autoritäts- und technikgläubig gewesen seien.

Solche Kommentare werden geschrieben an Computern mit reichlich fernöstlicher Technik in einem reichen Land. Es wurde reich durch seine Industrie samt Energiewirtschaft – also auch seine Kernkraftwerke. Die Helden von Fukushima haben keine Reichtümer erlangt durch diese in Deutschland derzeit als Grundübel aller Dinge angesehenen Form der Energieproduktion, sie sind vermutlich keine blinden Kernkraftfanatiker, sie versuchen einfach, Unheil von ihren Mitmenschen abzuwenden. Dafür bin ich ihnen unendlich dankbar; ich fühle mich zugleich beschämt, weil ich einer Nation angehöre, der offensichtlich in diesen Tagen nichts wichtiger ist, als die Abschaltung eigener Kernkraftwerke. Von diesen „Schrottmeilern“ geht auf absehbare Zeit und nach allem vernünftigen Abwägen keine andere Gefahr aus, als die in Szenarien von Terrorismus, seit Jahrtausenden nicht eingetretenen Naturkatastrophen und haarsträubenden Verschwörungstheorien herbeiphantasierte.

Ich weiß nicht, wer im unwahrscheinlichen Fall eines AKW-Unfalls bei uns so handelte wie die japanischen Ingenieure, Techniker, Soldaten, Feuerwehrleute, ich darf hoffen, dass sich einige fänden, darunter manche mit Namen, die auf einen „Migrationshintergrund“ deuten. Sie wären halt die Dummen, die Selbstmörder. Kamikaze. Ganz sicher bin ich indessen, dass eine unübersehbare Menge von Fachjournalisten, Experten, Politikern, Sprechern aller möglichen und unmöglichen Organisationen sogleich mit dem Finger auf die Schuldigen zeigten. Deutschland ist Weltspitze bei der medialen Jagd auf Sündenböcke. Deutsche Medien haben es überhaupt zu einer großen Virtuosität darin gebracht, Wellen der Aufregung völlig synchron zwischen BILD, „Qualitätspresse“, privaten und öffentlich-rechtlichen Kanälen aufzuschaukeln. „Erregungs-Tsunamis“.

Seinen wirtschaftlichen Aufstieg seit sechs Jahrzehnten, die großzügigen sozialen und kulturellen Standards (fast kostenfreie staatliche Bildung und öffentliche Bibliotheken; Fernsehen, PC, Internetanschluss gehören zur „Grundversorgung“) verdankt das Land allerdings nicht seinen großen Gefühlswallungen. Versuche, den nationalen Aufschwung an kollektive Gefühle zu koppeln (Stolz ein Deutscher zu sein, Hass auf Erbfeinde, auf die jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung, den Klassenfeind …) wurden vom Rest der Welt durchaus als Tsunami wahrgenommen, hinterließen allerdings Schäden, gegen die sich Tschernobyl und Fukushima wie kleinere Betriebsunfälle der Weltgeschichte ausnehmen, zählt man nur die Opfer.

Die Welt muss sicher keinen deutschen „Gefühls -Tsunami“ mehr fürchten, sie lacht über deutsche Weltenretter. Medial Erregte, mit medialer Aufmerksamkeit belohnte, brüllen „Castor schottern“, „AKW abschalten!“, „Wir wollen saubere Energie!“, sie schauen aber gern darüber hinweg, dass chinesischen Chemiebuden ihre Solarpanels fertigen – sind ja keine deutschen Flüsse, in die das Gift strömt. Die Chinesen lachen nicht. Nicht alle. Es gibt immer noch welche, die auf deutsche Kernforschung schwören. Sie fragen, wer eigentlich da drüben so verrückt ist, die Lebensleistung von Erfindern weniger wichtig zu nehmen als die heiße Luft aus Politbüros und Redaktionsstuben.

Ja, es ist gut, die Verantwortung für Energie, Rohstoffe und deren Verbrauch möglichst in die Hand der Nutzer allein zu legen – also dezentral zu wirtschaften. Jeder Einzelne, jedes Haus, jede Kommune sollte „cradle-to-cradle“ zum Prinzip machen, sich um möglichst müllfreie Kreisläufe von Stoffen und Energieumwandlung kümmern, selbständig, mit möglichst wenig „Druck von oben“. Es gibt inzwischen weltweit Unternehmen, sogar ziemlich große, die auf dieses Prinzip hinarbeiten. Aber auch sie können nicht „per Volksentscheid“ und anschließenden Knopfdruck auf „alternative Energien“ umschalten.

Die meisten Mitschwimmer der „Anti-Atom“- und anderer angesagter Heißluftströmungen wollen und können nicht erklären, woher die Energie für große Fabriken kommen soll. Der Wohlstand der Industrienationen, die Entwicklung der Schwellenländer gründet aber – noch – auf großen Anlagen zur Energieerzeugung. Stahl-, Zement-, Chemiewerke, Autofabriken und Verkehrssysteme sind nicht mal eben so mit Windmühlen zu betreiben. (Nach wie vor ist übrigens völlig ungeklärt, wie sich gigantische Windparks quer über den Kontinent auf die komplexen Strömungsverhältnisse der Atmosphäre auswirken, welche Klimafolgen ihre ungebremste Vermehrung haben wird.) Also: der Strom fürs Häusle, die kommunale Energieversorgung ist das eine, die großen Netzwerke das andere. Mit Hauruck geht das zwar in der Phantasie, aber machen müssen es Leute, die von Naturwissenschaft und Technik etwas verstehen: Ingenieure. Auf die sollten wir ruhig ab und zu mal hören, wir verdanken ihnen nämlich unser prima Leben, von dem wir nur sehr ungern lassen wollen.

Wenn Deutschland sich nicht endgültig zur Lachnummer machen will, werden wir zeigen müssen, wie es in der Praxis geht – das betrifft jeden Einzelnen und seinen Umgang mit Ressourcen. Wer heute den Mund voll nimmt beim Reden über Risiken der Technik, übers Krisenmanagement von Atomkraftwerken, sollte sein ganz persönliches Krisenmanagement nicht aus den Augen verlieren: Wie hältst du es denn mit deiner persönlichen Verantwortung für Risiken? Wie viele Reste von Antibiotika, Hormonpräparaten etc. entsorgst du in die Kanalisation? Was wird aus den giftigen Schwermetallen in deinen weggeworfenen Akkus, Altgeräten, Energiesparlampen? Peanuts?

In Deutschland sterben jedes Jahr 12000 Menschen an Infektionen mit Krankenhauskeimen. Schließen wir die Krankenhäuser? Fragen wir, wer schuld ist? Klar: multiresistente Bakterien, die nicht mehr mit Antibiotika „auszuschalten“ sind. Woher kommen sie? Vom sorglosen Umgang unzähliger Menschen mit Antibiotika. Resistenzen bilden sich, weil „irgendwie“ so massenhaft wie unkontrollierbar Medikamente in die Umwelt entsorgt werden. Angst vor „Strahlung“ haben die Leute, Angst vor der eigenen Schlamperei nicht. Es gibt Witzbolde in der Pharmaforschung, die vom „Antibiotika-GAU“ sprechen. Schalten wir die Pharmaindustrie ab?

Nicht die Technik ist das Problem, der Mensch ist es: er handelt, und er setzt in unserer Gesellschaft alles daran, es nicht auf eigenes Risiko zu tun. Der Ingenieur, dem auffiel, dass die Stromversorgung des Kernkraftwerks wegen inkompatibler Leitungen (Stecker, Kabel, …) im Notfall nicht von externen Aggregaten würde übernommen werden können, schwieg vielleicht, weil er keinen Konflikt mit Vorgesetzten riskieren wollte. Dann fiel der Strom aus. Ich kenne sehr, sehr wenige Leute, die anders handeln, ich rede nicht von Japan. Wenn von Krisen, wenn von Risiken der Technik die Rede ist, dann muss vom Menschen als Risiko gesprochen werden. Eine Lösung: man macht Technik „idiotensicher“ – so erschafft man eine Welt für Idioten.

Die andere Möglichkeit: alle lernen, mit den Risiken und Krisen umzugehen, die durch ihr Handeln in die Welt kommen. Dann dürften sie sich nicht mehr allein auf Gefühle verlassen, auf das wohlige Dazugehören zur Herde und das Gedudel der Medien. Sie dürften sich nicht mehr gegenseitig augenzwinkernd versichern, dass sie ja schon in der Schule keinen Spaß an Mathematik und Physik hatten, dürften sich nicht auf Experten, Journalisten, Politiker verlassen, sondern müssten Interesse entwickeln, auch wenn gerade kein Reaktor in Japan vorm GAU steht. Medien könnten Kompetenzen vermitteln, (daher stammt eigentlich ihre Bezeichnung), statt bloße Gefühlsverstärker beim Fußball, Volksmusikstadel, Seifenopern, Klatsch und Tratsch zu sein, oder wenn’s irgendwo kracht und der Hühnerhof durcheinander flattert. Nachhaltigkeit beginnt, wenn wir unsere eigenen Gewohnheiten befragen, ihre Risiken, ihren Sinn für uns und andere.

Aber das will der Kampagnenjournalismus nicht. Er lässt sich von der Quotenmaschine treiben, die an Aufmerksamkeitswellen starker Gefühle gekoppelt ist. Mathematik? Physik? Ingenieurskunst? Wie langweilig im Vergleich zu „Knochendoktoren“! In Deutschland werden alternative Energiequellen erschlossen, die weder subventioniert noch radioaktiv sind. Aber die Erfinder haben keine Lobby bei Medien, Konzernen und Politikern. Bezeichnendes Beispiel: das Aufwindkraftwerk. Sein Erfinder Jörg Schlaich hatte schon vor fast vierzig Jahren die Idee, in Wüstengebieten ausgedehnte Glasflächen zu bauen, in deren Mitte ein 1000 Meter hoher Turm steht. Die Sonne heizt die Luft in den großflächigen Treibhäusern auf, durch den Turm, eine Art Riesenschlot in deren Mitte, strömen die heißen Luftmassen hinauf in die kalte obere Atmosphäre. Eine Turbine im Schlot nutzt den Aufwind für die Stromerzeugung: Ein einfaches Prinzip, an Ort und Stelle verfügbares Material, von Einheimischen erbaute und betriebene Technik, leicht zu warten und zu ersetzen. Überschüssige Energie wäre mit Gewinn zu verkaufen von den ärmeren Nationen an die reichen: Energiepolitik als Entwicklungspolitik.

Es ist eine Vision von großer Überzeugungskraft, längst mehr als Vision eigentlich, denn ein Versuch mit einem 200 Meter hohen Turm hat in Spanien Mitte der 80er Jahre bewiesen, dass die Stromerzeugung mit dem Aufwindkraftwerk funktioniert. Seither sind Milliarden in viel weniger effiziente Technologien investiert, ist der Armut in den Wüstenregionen nicht abgeholfen worden, wachsen stattdessen Konflikte, die mit Not und Hunger einhergehen, die Kriege begünstigen. Es wäre nicht die erste deutsche Erfindung, die anderswo – vielleicht in China – Erfolgsgeschichte schreibt.

Kamikaze auf Deutsch: Selbstmord im Sicherheitwahn.

Leben ist gratis – im Wesentlichen

Krohusblüte

Die verlässlichen Wunder eines jeden Jahres – gratis

„Gratiskultur“ ist beinahe ein Schimpfwort. Es zielt wohl auf eine Haltung, die sich mit dem Slogan „Ich – alles – sofort – gratis!“ verkürzen ließe und ungehemmtem, egoistischem Anspruch eignet. Freilich soll dieses Schimpfwort inzwischen die freie Verfügbarkeit von Inhalten im Internet allgemein disqualifizieren.
Das macht mich hellhörig. In diesem pejorativen Gebrauch äußert sich die Wut von Geldmaschinenbetreibern, denen es partout nicht gelingen will, auch noch die Atemluft – wie schließlich jegliches Lebensbedürfnis und jede Lebensäußerung – zu verwerten.
Ich gestehe ganz offen: ich bin ein Kind der Gratiskultur und werde alles tun, zu ihrer Ausbreitung beizutragen. Den absolut größten, den wesentlichen Teil meines Lebens verdanke ich nämlich nicht der Warenwirtschaft, sondern dem unmittelbaren Umgang mit Menschen, den Gaben Gottes in Form der uns umgebenden Natur und meiner Bereitschaft, nach bestem Vermögen – und dabei handelte es sich eben nicht um Geld – mit beiden in Austausch zu treten. Was ich an Liebe empfing, war ebenso gratis wie die Einführungen in Literatur, Musik, Umgangsformen, die ich durch meine Großmutter erfuhr. Die Gegenleistungen, die mir abverlangt wurden, waren Neugier, Lernbereitschaft, eine Lebendigkeit und ein Wachstum, an denen sich andere freuten. Es war und ist bis heute wechelseitiges Nutznießen der Ganzheit von Menschen und Welt, in die alle Arbeit vorangegangener Generationen eingeflossen ist: so kostenlos wie unbezahlbar. Nur ein kleiner Teil der Güter ist handelbar; einige davon sind unentbehrlich: Essen, Trinken, Kleidung, ein Dach überm Kopf, Energie zum Heizen. Je älter ich werde, desto geringer wird mein Bedarf an Habseligkeiten, aber auch meine Bereitschaft, im Markt der Medien mitzuwirtschaften, dessen Waren mich nicht interessieren.
Markt und Geld sind sehr spezielle Werkzeuge, mit denen der Mensch seine Reichweite bis tief in die Prozesse von Natur und Kultur erweitern konnte. Wir stehen heute vor der Frage, ob wir zu den Werkzeugen der Werkzeuge werden. Werde ich wirklich nur von einer Arbeit leben können, die vermarktbar ist?
Einen großen Teil meiner Texte stelle ich gratis in Netz – „Der menschliche Kosmos“ ist bei googles Buchsuche in wesentlichen Teilen lesbar. Und darin fühle ich mich mit vielen anderen Urhebern verbunden, die Dasselbe tun: gratis, zum Nutzen der Allgemeinheit, laden Fotografen Bilder hoch, werden Konzerte auf YouTube hörbar. Das macht Hoffnung und schafft Vertrauen.
Einen Beitrag zur Kultur jenseits des Kommerzes leistet auch das Webportal „Human Pictures“. Wer Filme, Videos, Clips mit sozial engagierten Inhalten dort hochlädt, tut es gratis und erhält ebenso gratis eine redaktionelle Bewertung. Es soll mehr daraus werden: ein Netzwerk engagierter Filmemacher und eine weltweite Unterstützung für Bildungsprojekte. Gratis, aber nicht umsonst.

Vom Vergnügen, „Babels Berg“ zu besteigen

Die Germanistin Dominique Wendland-Stindel kennt sich, da sie aus Frankreich kommt, in der deutschen wie französischen Literatur aus; unser Gedankenaustausch bei „Leben Lesen“ und im freundschaftlichen Kreis ist äußerst anregend. Aus ihrer Feder hätte ich auch scharfe Kritik zu meinen Romanen dankbar entgegen genommen. Umso mehr hat mich gefreut, dass sie „Babels Berg“ mit Vergnügen gelesen hat.
Soviel sei nur verraten : Sennewalds „Babels Berg“ ist viel, viel mehr als die (erwartete) Schilderung einer Jugend in der DDR der 60er und 70er Jahre. Es sind die beispielhaften, mal umwerfend komischen, mal bedrückenden, aber immer mitreißenden Lehrjahre eines neuartigen Candide namens Gustav Horbel. Er, der Physikstudent in Ostberlin, ist Zeuge und Akteur einer Fülle von Ereignissen und Entwicklungen, die ihn – und uns Leser – manchmal bis zu der Frage bringen könnten, ob die Welt ( nun ja, die damalige … ) doch nicht etwa eine Scheibe sein könnte. Eine sich ewig drehende oder ins Unendliche fliegende, versteht sich.

Mit welcher Chuzpe der Physiker Sennewald für den Augenblick eines folgenschweren Diskuswurfs die Naturgesetze ausser Kraft setzt, ist eines Mikhail Bulgakow oder eines Georges Méliès würdig. Und auch der „Überhorbel“ als freudscher Schutzengel sei hier erwähnt als ein Beispiel für die vielen augenzwinkernden Jubelmomente, die den Leser reichlich belohnen.

Sollte ein Kinoliebhaber – etwa aufgrund des Titels – einen Rückblick auf die berühmte Potsdamer Filmfabrik erwarten, so wird er hier Anderes, aber auch viel Besseres finden – nämlich ein filmreifes Drehbuch in der Gestalt eines sprachlich eleganten Romans : verblüffende Bildmetaphern, spritzige Dialoge, skurrile bis hinreißende Akteure, einen temporeichen Szenenwechsel, einen hintergründigen, niemals menschenverachtenden Humor. Dem Autor ist ein erstaunlicher Grenzgang , nicht nur zwischen Ost und West, sondern zwischen Fiktion und Realität, Dichtung und Naturwissenschaft, Satire und Information glänzend gelungen. Diese fulminante “ Raumzeitreise“ durch Ost- und Westberlin um 1970 – und weit darüber hinaus – ist eine große Lesefreude, die ich jedem empfehlen kann.

Dottore Silviagro und die Moral der Pappnasen

doktorhut

Doktorhut und Pappnase als moderne Attibute politscher Entertainer

Gewaltiges Geräusch in den Medien wegen des Plagiatsvorwurfs gegen den Minister zu Guttenberg – seine Anhänger nennen’s eine Kampagne. Aber es gibt hierzulande klare Regeln für wissenschaftliche Arbeit, und Gleichheit vor dem Gesetz ist ein Verfassungsgrundsatz. Wenn die Anschuldigungen gegen den Minister Guttenberg zutreffen, wird das die nämlichen Konsequenzen haben müssen, wie in jedem anderen Fall wissenschaftlicher Unehrlichkeit: die Aberkennung seiner Promotion.

Interessant bleibt die Frage, wie dehnbar inzwischen die Anforderungen an die moralische Lauterkeit von politischen Führungskräften geworden sind. Wenn Politiker in schlechtester Tradition meinen, Moral weiterhin im Stile von Sonnenkönigen oder Dorftyrannen privat bewirtschaften zu können, irren sie, weil Intransparenz und Unredlichkeit keinesfalls geeignet sind, das Gemeinwesen auf globale Zivilisationsprozesse hin zu entwickeln. Demokratie hat Zukunft – ohne Silviagro, Plagiarius boulevardensis und Prof. Dr. mult. Kim irgendwas. Solche Kasperlfiguren dürfen gern die Gaudimedien bevölkern und einer Renaissance der commedia dell arte dienen, politische Verantwortung steht ihnen nicht zu.

Avatare oder handelnde Personen?

Unappetitlich erfolgreich: die friedliche Küchenschabe.

Unappetitlich erfolgreich: die friedliche Küchenschabe.

 

Photo by Joăo Estęvăo A. de Freitas.

Die Kampagne gegen das Rauchen ist fast vorbei, die gegen Kinderpornographie war auf technische Details des WWW versessen und folgenlos, die Kampagne gegen das Zu-dick-Sein ist in vollem Gang, die gegen Alkohol so notorisch blödsinnig wie die gegen Gewaltdarstellungen.
Tritt jemand einmal einen Schritt zurück und fragt, was es eigentlich ist, das Menschen treibt zu derlei Übergriffen und Ersatzhandlungen? Worauf gründet der Geschäftserfolg von „Dschungelcamp“, die Anziehungskraft des subtilen Sadismus von Herrn Bohlen und Frau Klum und die Quotensicherheit jeder Sorte Antastung dessen, was laut Grundgesetz unantastbar sein soll? Hilft das Starren aufs simuliert Scheußliche dabei, das ganz reale Elend nicht wahrnehmen zu müssen?

Sie werden nicht gestellt. Nicht von Anstalten mit grundgesetzlichem Auftrag, geschweige von den als Quoten- und Geldmaschinen funktionierenden Medien der Privatwirtschaft. Nehmen wir also den armen Angestellten dieser Institutionen solche den eigenen Broterwerb gefährdenden Fragen ab. Die Antworten allerdings wird der mündige Bürger und Medienkonsument selber finden müssen. Sie werden ihm möglicherweise etwas mehr Intelligenz und Handlungsfähigkeit  abverlangen, als der Verzicht auf den Verzehr toter Tiere. Er wird sich entscheiden müssen, die Beziehungen zu den Menschen seiner Umgebung wichtiger zu nehmen als Geldanlagen und Risikovorsorge.

Erfreulicherweise gibt es schon Menschen, die heikle Fragestellungen zum Ausgangspunkt einer neuen Form des Wirtschaftens machen wollen: einer . Sie haben für den 11.02.2011 ein ihres Projekts in Pforzheim anberaumt. Das RealExperiment für eine Wirtschaft weg von den Sachen, hin zum Menschen. Interessiert?

Bücher- und Autorenschicksal: keiner liest’s

Die barocke Nationalbibliothek: Bestaunen - aber lesen?


Bildquelle: http://www.wissenswerkstatt.net unter cc

Als ich 1974 die Nationalbibliothek in Prag besuchte – untergebracht in einem barocken Kloster – die durch ihre Größe wie durch den enormen Bestand unvergesslich blieb, ebenso durch ihre Prachtentfaltung und ihre Kunstwerke – erschrak ich bei dem Gedanken, wie viele der in Leder gebundenen kostbaren Bände vollständig aus dem Bewusstsein der Menschen verschwunden sind.
Ebenso erschreckend ist dem Autor heute, da Veröffentlichungen jedem möglich sind, die Vorstellung, seine eigenen Bücher könnten im alljährlich die Märkte flutenden Meer der Publikationen völlig verschwinden.
SWR 2 – einer der letzten Leuchttürme am Rande dieses Meeres – hat sich des Themas „Ungelesene Bücher“ angenommen. Bis 21.12.2010 ist die interessante Funkstunde online abrufbar.

Wo Funken sind, ist Hoffnung

Abendstimmung am Kurhaus

Kultur schafft Vertrauen

Das war eine seltsame Erfahrung am Sonntagabend: Zur zweiten Veranstaltung „Leben Lesen“ kamen viel weniger „Miterzähler“ als zum Sommerevent im August; vermutlich wird es diesmal auch kein Presseecho geben. Dennoch war die kleine Versammlung außergewöhnlich, anregend, reich an verschiedensten An- und Einsichten – niemand hätte es erwartet. Das lag zum einen an der Art, wie sich die erzählerische Improvisation entwickelte, zum anderen an den „Mitspielern“ selbst, deren Lebensgeschichten wahrhaftig um den Erdball reichen: eine Sängerin von den Philippinen, eine Germanistin französischer Herkunft, eine Wirtschaftsfachfrau aus China, eine Eventmanagerin aus Russland, eine deutsche Künstlerin, ein Ingenieurwissenschaftler, dazu ein Politiker mit rumäniendeutscher Jugend, ein Schriftsteller aus Zürich, ebenfalls in Rumänien geboren, ein deutscher Unternehmensberater, der gerade sein erstes Buch mit Lyrik und Aphorismen veröffentlicht hat …
„Herbstzeit – Lose: Schicksale, Wendungen, Ausblicke“ – dieser Titel stand über dem Abend. Wir haben eine Ahnung davon bekommen, wie eng Schicksale in unserer Welt zusammenhängen, wie erstaunlich, wie bereichernd, beglückend, wie unentbehrlich der Austausch der Kulturen in Zukunft sein wird – und dass Baden-Baden dafür ein privilegierter Ort ist. Und deshalb lohnt es sich, weiterzumachen, auch wenn aus „Leben – Lesen“ vorerst kein „Megaevent“ mit medialer Schallverstärkung wird.

Ostetiketten und DDR-Popanze

Einen DDR-Roman habe sie sich ganz anders vorgestellt, ließ mich eine Münchener Zuhörerin nach der Lesung aus wissen, sie habe allerlei unersprießliche Erfahrungen gemacht, fände aber in meinen Texten nichts davon.

Wir konnten dem Thema nicht auf den Grund gehen, dazu fehlte die Zeit; mir ging der Gedanke nicht aus dem Kopf, was wohl zu dieser Kopplung von Etikett “DDR-Roman” und negativer Erwartung geführt haben mochte – immerhin sind ja in den vergangenen Jahren etliche Buchpreise und ein “Oscar” in eben jene Richtung vergeben worden. Zu viele? Wird der Aufarbeitungs- oder (auf der Gegenseite) Beschönigungsliteratur aus dem Osten zu viel Aufmerksamkeit zuteil? Ist das Sujet schon klebrig, eine Leimrute politischer Korrektheit wie der Nationalsozialismus?

An dieser Stelle wurde mir bewusst, was meine Romane von der Mehrzahl der vom untergegangenen Arbeiter- und Bauern-Staat handelnden Texte, Filme, Dokus, Shows unterscheidet: weder noch oder gar der trennen Orte und Personen vom Rest der Welt, sie behandeln DäDäDäÄrr nicht als Popanz mit Stasimuseum und Horrorkabinett der Mangelwirtschaft. Sie wollen nicht – so wie ich das niemals wollte – die Erfahrungen Ost ohne den Kontext West, sie wollen weder gruselige Vergangenheit ausstellen noch schiefe Vergleiche mit heutigen Verhältnissen beschwören. Sie handeln von Leben in Deutschland, in der Welt, mit denen wir alle durchs Universum, durch FrühlingSommerHerbstWinter, Dürre, Regen, Wolkenzüge, Blütensterben, Hunger, Kriege, Vergangenheiten in Gegenwart und Zukunft untrennbar verbunden sind, sie handeln von dem also, was uns ausmacht: erheiternd, beglückend, lächerlich, furchterregend – in Freud und Leid. Die Romane gehören zum “Menschlichen Kosmos”, sie sind keine “DDR-Literatur”, sondern in sehr persönlichem Sinn politisch: unabhängig von Parteien und politischen Systemen.

Leben Lesen

Interview in "Freies Wort" - zum Lesen anklicken

Interview in "Freies Wort"

Am 4. November veröffentlichte die Suhler Regionalzeitung „Freies Wort“ ein Interview zur Arbeit an der Romantrilogie, deren zweiter Teil, „Babels Berg“ Ende Oktober in Suhl und Berlin Premiere hatte. Zwei Verkaufstage genügten, um auf der Bestsellerliste für Oktober prominente Autoren zu überflügeln: Tilo Sarrazin landete auf Platz drei, Joachim Gauck auf dem zweiten Rang.

Natürlich war’s für ein „Heimspiel“, natürlich ist Suhl eine kleine Stadt – dennoch freue ich mich, dass die Lesung viele Zuhörer überzeugte, dass auch an den Tagen darauf Leser den freundlichen Buchhändlern, der Familie Waniek, einen Besuch abstatteten. Buchhändler und kleine Verleger haben’s bekanntlich nicht leicht – herzliches Dankeschön um so mehr an sie und natürlich an meine Verleger Hans Jürgen und Bastian Salier.