Impulse und Macht

Teil 4 des Vorworts zu „Der menschliche Kosmos. Zurück zu Teil 3

Komplexe Impulssteuerung beim Schwimmen: nicht untergehen, Atem holen, vorankommen

Die Irritation beim Wechsel von der Frage „WARUM?“ zur Frage „WOZU?“ ist von derselben Art, wie sie ein Rechtshänder empfindet, der wegen einer Verletzung lernen muss, mit der linken Hand zu schreiben. Ebenso gut kann einer trainieren, bei der Einschätzung seines Umgangs mit Menschen und Umwelt eben nicht nur die – bewährte, aber begrenzte – Methode der Konstruktion von Ursachen und Vergangenheiten zu nutzen. Er wird Muster anders erkennen, wenn er fragt: „Was wollen die am Geschehen Beteiligten erlangen, was vermeiden?“, wenn er auf den Verlauf innerer und äußerer Energieflüsse, die Bewegungen dynamischer Systeme und Metasysteme blickt, und den Einfluss eigener Impulse zum Erlangen und Vermeiden mit erfasst.
Dieser Wechsel der Perspektive ist nicht neu. Wieso ihn nicht nur für den Bau von Lasern, Quantencomputern oder einzelne klinische Anwendungen der Psychologie vollziehen, sondern allgemein nutzbar machen? Nicht nur das naturwissenschaftliche Denken, sondern auch Psychologie und Philosophie profitieren davon. Seit einiger Zeit ist der Begriff der „Propriozeption“ im Gebrauch. Er bezeichnet die Eigenwahrnehmung des sich bewegenden Körpers, also die Wahrnehmung fortwährend und meist unbewusst ablaufender Impulse. Sie umfasst nicht nur motorische Bewegungen wie Laufen, Schwimmen, Springen, sondern auch die Lage unserer Organe im Raum, aber auch die Motorik der nonverbalen Kommunikation – also etwa das Lächeln, Hochziehen der Brauen, Redegesten, den Tränenfluss, Schreien und Lachen. Darauf werde ich später ausgiebig zurückkommen. Impulse haben stets ein Ziel. Folgerichtig wäre, dieses Geschehen für den ausschlaggebenden Komplex menschlicher Existenz anzuwenden: Impulsverläufe in Konflikten.

Gemetzel auf einer Grafik von Francesco Goya
Goyas „Desastros de la Guera“ illustrieren die Sprache der Gewalt

Damit sind wir wieder beim Phänomen der Gewalt. Das Ziel von Gewalt ist Destruktion. Sie erstrebt einen chaotischen – regellosen – Zustand, von dem aus eigene Interessen durchgesetzt, fremde Interessen ausgeschaltet oder stark abgeschwächt werden können. Sie nimmt schwere Störungen, ja sogar die Vernichtung des eigenen Systems in Kauf. Gewalt ist nur eine von vielen elementaren Strategien gegen innere oder äußere Störungen des dynamischen inneren bzw. äußeren Gleichgewichts. Auf menschliche Konflikte bezogen: ein Ziel wird erreicht oder ein Schaden vermieden durch destruktives Verhalten; das Risiko, dabei schwerere Verluste zu erleiden, gar zu sterben, wird ignoriert. Das kann spontan geschehen oder bewusst, und es wird umso wahrscheinlicher geschehen, je öfter sich die gewaltsame Strategie mit der Erfahrung eines Erfolges verbindet – egal ob es sich um einen vermeintlichen oder wirklichen Erfolg handelt. Was Sieg, was Niederlage ist – darüber entscheidet die subjektive Wahrnehmung. Strategiewechsel infolge von Niederlagen sind selten. Ich wage zu behaupten: sie sind niemals durchgreifend. Nachzuweisen, dass jemals irgendeine Strategie zwischen den Anfängen der Evolution und dem Anthropozän, zwischen Steinzeit und „Postmoderne“ ausgestorben wäre, bedürfte einer aufwendigen, höchst wahrscheinlich erfolglosen Suche. Sicher ist nur eines: Im „Ernst-“Fall, wenn der „Tunnelblick“ die Selbstwahrnehmung einschränkt, werden alle anderen möglichen Strategien ausgeblendet bis zum Amoklauf: der „Totale Krieg“ zerstört andere und sich selbst.

Brennender Reichstag 27./28. Februar 1933
Setzte am 27./28. Februar 1933 ein Einzelner den Reichstag in Brand? Warum? – oder besser: Wozu?

“Aufarbeitung” ist ein ebenso häufig wie fahrlässig gebrauchtes, bis zum Überdruss verschlissenes Wort. Sie folgt Katastrophen so sicher wie das Amen in der Kirche: sie ist auch meist nichts als Ritual. Jeder, der seine Haltung, Ziele, Handlungsmotive vorteilhaft darstellen will, distanziert sich rituell von den an Katastrophen “Schuldigen”. Die Deutungshoheit über die Frage “Warum” wird zur Monstranz, wird unangreifbar, die eigene Position geheiligt. So geschah es mit der “antifaschistischen Aufarbeitung” des Nationalsozialismus durch marxistisch-leninistische Staatsideologie.

Tatsächlich verirrt sich die Frage nach dem „Warum“ zwischen Ratlosigkeit, unbrauchbaren Spekulationen, Schuldzuweisungen im Nebel der Unverantwortlichkeit, wenn es um Gewaltherrschaft zum Beispiel von Nationalsozialisten oder Kommunisten, um Amokläufe in Schulen oder Familien, um Terrorakte und katastrophale Schlampereien in Kernkraftwerken oder Chemiefabriken geht. Das ist kein Zufall. „Ursachen“ sind Konstrukte menschlicher Denk- und Kommunikationsprozesse. Die Frage nach den Zielen derjenigen, die da „aufarbeiten”, muss vorab gestellt werden. Dann kann über die Ziele derjenigen nachgedacht werden, die „in der Vergangenheit” handelten, darüber wie sie ihre Ziele, wie sie Umstände ihres Handelns wahrnahmen, wie sie zu Entscheidungen kamen. Dieses Nachdenken offenbart eine Dynamik sich häufig wiederholender Muster. Wer rechtzeitig und vorbehaltlos nach den eigenen, dann nach den Zielen anderer fragt und beides in ein Verhältnis bringt, wer das fragt, solange Schlamperei, Feindseligkeit, Gewalt noch „latent“ sind, kann dank erkannter Muster künftige Konfliktverläufe abschätzen, sogar manche Katastrophe abwenden. Auf unabwendbare wird er sich einrichten müssen. Konflikte sind letztlich so wenig vorhersehbar wie Menschen einheitlichen Handlungsmustern folgen, so wenig sich „Tugenden” und „Laster” säuberlich scheiden lassen.

Titel zu "Masse und Macht" von Elias Canetti
Längst nicht ausgeschöpft: Der Gedankenreichtum von Elias Canetti

Hierzu sei beispielsweise auf Nietzsches interessante aphoristische Gedanken in „Menschliches Allzumenschliches“ und auf Elias Canettis „Masse und Macht“ verwiesen. Beide bereichern die Diskussion um den „Freien Willen“ in hohem Maß.
Sind die Ketten der Kausalität, des Denkens in Abfolgen von Ursachen und Wirkungen, gesprengt, können die Konflikte des Individuums und der Metasysteme von Familien, Nationen, Völkern und ihren Kulturen besser verstanden werden. Quantenphysik, Relativitätstheorie und Informatik haben längst offenbart, wie brüchig diese Ketten sind. Wer sich nicht befreit, wird die Krisen und Katastrophen der sich global organisierenden Menschheit nicht verstehen, geschweige abwenden. „Wer die Ursachen beherrscht, gebietet über die Folgen” – auf dieser Einstellung fußen Strategien der mechanischen Dominanz. Wir erleben aber am Beispiel des weltweiten Terrorismus gerade, dass auch das gewaltigste Übergewicht mechanischer (militärischer) Instrumentarien systemische Prozesse nicht nachhaltig steuern kann. Der Perspektivenwechsel wird sich durchsetzen, weil er keiner ideologischen Rechtfertigung bedarf. Das Zeitalter universeller Gesellschaftsentwürfe ist allerdings genau deshalb vorbei. Sie waren immer die gedanklichen Rechtfertigungen für mechanische Dominanz, ihr systematischer Fehler ist, dass sie eine „Objektivität“ oder göttliche Herkunft von Modellvorstellungen, von „Vergangenheit“ und „Gegenwart“ erforderten, mit der „Zukunft“ zu prognostizieren ist – bis hin zur sogenannten „Weltformel“ oder zum „Weltgericht“. Aber eine solche Formel kann und wird es niemals geben. Die Revolution unserer Zeit ist der revolutionierte Zeitbegriff: Der Mensch erschafft Raum und Zeit unseres Universums mit, während er denkt, Denken ist schon Handeln, und die Dynamik dieser unauflösbaren Wechselwirkung kann nicht formelhaft „fixiert“ werden, weil eine Fixierung das Ende der Dynamik selbst bedeuten würde. Die neue Perspektive widerlegt indessen keineswegs den Sinn der Forschung, sie zeigt nur deutlicher die eigenen Grenzen; mechanische Vorstellungen versagen darin.

Titel der Ausgabe 2006 von "Der menschliche Kosmos"
„Der menschliche Kosmos“ erschien 2006 – als Vorlage zum Mit- und Weiterdenken

Reden wir vom Ziel dieses Buches: Es will keine neuen Weisheiten verkünden, sondern ein Training anbieten: Leser können versuchen, öfter statt nach dem „Warum“ nach Zielen und Strategien zu fragen, sie können versuchen, ihren eigenen Alltag anders zu erleben und zu gestalten – egal ob sie es in der internationalen Politik, im Management oder in den eigenen vier Wänden tun. In diesem Sinne ist es ganz und gar unvollkommen, weil es darauf vertraut, dass es nur Anregungen für alle diejenigen gibt, die – mit neuer Sicht auf die Welt und sich selbst – handelnd Erfahrungen machen und neue, wichtigere Kapitel schreiben werden. Es lebt von der Subjektivität der Wahrnehmung, und gibt die Subjektivität des Autors immer wieder preis. Es soll Lust darauf machen, einige der vielen alltäglichen „Algorithmen“, Rituale und Strategien kennenzulernen, mit denen unser Gehirn, unser Körper und die umgebende Welt – der „menschliche Kosmos“ – aufeinander wirken. Das wenigste davon ist uns bewusst, eben weil unser Bewusstsein um Größenordnungen von der Dimension des Kosmos entfernt ist. Aber Entdeckungsreisen sind möglich. Im Himmel und auf Erden.

Ende des Vorworts

Der Riss durch die Welt

Parkanlage in Baden-Baden

Die Gönneranlage in Baden-Baden: Fleißige Gärtner lassen sie leuchten

Darf, soll sich einer nicht zerrissen fühlen, wenn er die Schönheit der Welt erschaut, hört, mit allen Sinnen sich ihr zeitlebens geöffnet hat, andererseits immer wieder der Massaker gewahr wird, der unbelehrbaren Hassgesänge in den Medien, des Gekreischs der nach Aufmerksamkeit gierenden Sozialmechaniker, die mit ihren kausalen Kurzschlüssen alles erklären zu können meinen, kurz: Aller erdenklichen Hässlichkeit jenseits allen Maßes und ohne Aussicht auf Besinnung, ohne Einlenken mit dem Blick darauf, wie viel Schönheit ihre fanatisch auf eigene Dominanz fixierte Wahrnehmung fortwährend, in jedem Augenblick, unwiederbringlich zerstört? Es wird ihn zerreißen. Und er wird resignierend feststellen, dass hier Naturgesetze geradesogut für das Geschehen verantwortlich zu machen sind wie eine undurchschaubare göttliche Weisheit.

Aber ich werde nie akzeptieren, dass irgendwer für sich beanspruchen darf, göttlicher oder “wissenschaftlicher” Sendung zu folgen (im Falle der “wissenschaftlichen Weltanschauung” des Marxismus-Leninismus-Maoismus handelt es sich zwar um Ersatzreligion, aber solche Unterschiede werden von ihren Anhängern beharrlich ignoriert), die just seine Weltsicht als Ausweis religiöser, politischer oder wirtschaftlicher Vormacht unangreifbar macht und ihm erlaubt, andere zu dominieren.

Die vermeintliche zeitliche Abfolge von Gesellschaftsformen erweist sich als fortdauerndes Nebeneinander. Sie sind alle da: Die Rudelführer, Kriegsherren, Sklavenhalter und –händler, Cäsaren und ihre Statthalter, Propheten aller Art nebst Mitläufern, Zaren, Kaiser, Revoluzzer und Umstürzler, Dorftyrannen, Stammesfürsten samt Harem, Menschenfresser, Bombenwerfer, Blockwarte und Lagerverwalter – und Heerscharen von Nutznießern, Weißwäschern, Denunzianten – Männlein und Weiblein – haschen nach ihrem Anteil am beseligenden Gefühl der Zugehörigkeit, nach dem Schutz der Herde und ihrem Moment der Teilhabe an Gewalt Macht Lust.

Sie sammeln sich auch um passende Gegenspieler. Gern maskiert sich der Wunsch nach Umsturz als Opferpose; passiv-aggressiv verharrt, wer zur Ohnmacht verurteilt ist, im Destruktiven, wird heimlich zum Gegenspieler – zur Gegenspielerin – der Mächtigen, bis sie in unvermeidliche Krisen geraten, dann läuft er den neuen Herren zu. Dabei sortieren sich die Herrinnen gern im Hintergrund: In Jahrhunderttausenden haben sie gelernt, mit Verhältnissen umzugehen, die Männern Heldenposen gestatten, ihnen und der Nachkommenschaft ein gedeihliches Auskommen im Windschatten. Natürlich kennt die Neuzeit den Prinzgemahl. Aber egal wie “queer” sich Geschlechter-Verhältnisse gestalten mögen: Die überkommenen menschlichen Handlungsimpulse aller Epochen prägen sie. Neid, Hab- und Machtgier, Eifersucht, Missgunst, Argwohn, Feigheit, Rachsucht. Die entgegengesetzten freilich auch: Liebe, Hilfsbereitschaft, Aufgeschlossenheit…

Das Schöne bleibt – so gern jeder Politkitsch es in plastinierter Form dienstbar machen möchte – ein Gemeingut, das sich nur die Ärmsten der Armen für Geld abkaufen lassen.