Das Ende der Regierung Merkel

 

Daran, dass Artikel 5 des Grundgesetzes tief ins Alltagsverhalten der in Deutschland Ansässigen eingewachsen ist, kann nicht mehr gezweifelt werden. Forderte Walter Ulbricht für seine Diktatur noch “Jeder Mann an jedem Ort einmal in der Woche Sport!”, was bekanntlich einen nie mehr erreichten Regen von Medaillen und Rekorden erbrachte, so darf hier und heute gelten “Jeder Mensch in jeder Lage stündlich seine Meinung sage!”, was infolge der “Social Media” zu einer uneindämmbaren Rekordflut qualifizierter Äußerungen wie “Weg mit der Kernenergie” oder “Castor schottern!” führte. Es ist weiter nicht schlimm, dass ersteres auf eine ABSCHALTUNG DER SONNE hinausliefe – es weiß ja sowieso jeder was gemeint ist: Wer für Kernkraftwerke ist, ist für den ATOMTOD und verdient es, verachtet und niedergebrüllt zu werden, also muss man es mit dem physikalischen Grundwissen nicht so genau nehmen.

Ich in nicht ganz sicher, ob Frau Dr. Angela Merkel der Wind – dank des Grundrechtes auf freie Meinungsäußerung von allen und jedem jederzeit loszulassen – dermaßen heftig ins Gesicht weht, weil oder obwohl sie Physikerin ist. Mir kam dieser Tage die Philippika eines Chemikers ins Haus, der todesmutig für die Nutzung der Kernspaltung als Energiequelle eintritt, deshalb mit Frau Dr. Merkel hadert und ihr in einem – ausdrücklich zur weiteren Verbreitung freigegebenen Brief folgendes schreibt:

“Sehr geehrte Frau Dr. Merkel,

mit Ihrer Fukushima-Entscheidung haben Sie das Vertrauen der verantwortungsbewußten Bürger verloren. Fukushima hat keine für die deutsche Kerntechnik relevanten neuen Erkenntnisse gebracht. Laut einem Bericht der IAEA wurden in Japan keine gesundheitlichen Strahlenschäden bekannt. Die Fehler von Fukushima, welche die Knallgasexplosionen ausgelöst hatten, waren bekannt, nämlich die mangelhafte Notstromversorgung und das Fehlen von Rekombinatoren, die in Deutschland vorgeschrieben sind.
Das Tempo und die Oberflächlichkeit, mit der Sie das Gesetz zur Vernichtung der deutschen Kerntechnik vorbei an den Interessen Deutschlands, vorbei am Parlament, vorbei an Europa, vorbei an den Aussagen von Fachleuten, vorbei am Schicksal der Betroffenen durchgedrückt haben, zeigen, daß Sie nicht an Fakten, sondern am persönlichen Machterhalt interessiert sind. Über Kosten und Folgekosten Ihrer Fehlentscheidung haben Sie sich keine Gedanken gemacht. Wodurch der Kernstrom ersetzt werden soll, wissen Sie nicht.
Kernenergie, die sicherste und preisgünstigste Energiequelle für die Stromerzeugung, ist für sämtliche Industrienationen unverzichtbar, weil ohne Kernenergie die Weltenergieprobleme nicht lösbar sind. Nach Fukushima hat China den Bau von 40 neuen Kernkraftwerken (KKW) bekanntgegeben. Frankreich baut in Indien das größte KKW, die Vereinigten Emirate planen 4, Saudiarabien 16 neue KKW. Auch die Ukraine kann nicht auf KKW verzichten, um nur einige wenige Beispiele für den weltweiten Ausbau der Kernenergie zu nennen.
Die Folgen Ihrer Politik sind für die Erhaltung des Industriestandortes Deutschland destruktiv. Deutschland gehört nicht mehr dem Club der führenden Forschungsnationen an. Über Produktionsmethoden entscheidet nicht mehr der Markt, sondern die Ideologie des Staates. Strompreise, Stromausfälle, Steuerbelastung und Staatsverschuldung steigen. Industriezweige wandern aus, Arbeitsplätze verschwinden, die Armut nimmt zu.
Ihre Politik fördert nicht die Soziale Marktwirtschaft, ohne die Wohlstand für alle nicht möglich ist, sondern die Zwangswirtschaft im Sinne des Sozialismus. Sie vergeuden Steuergelder für die unsinnigsten Projekte. Von den Verantwortungsträgern in Wirtschaft und Politik hat niemand den Mut, Sie in die Schranken zu verweisen.
In Sorge um die Zukunft der jungen Generation halte ich Ihren Rücktritt für alternativlos, wenn unsere Demokratie erhalten bleiben soll
Hans Penner”

Das ist ein langer und zorniger Brief.
Aber selbst die sofortige Enthauptung von Frau Merkel, die Erhebung der gesamten Regierungsmannschaft an Berliner Laternenpfähle – die Frauen würden selbstredend nach Kreuzberg verbracht um dort in Gesellschaft von Herrn Sarrazin und unterm Applaus multikulturell-grünalternativ-linksethischer Gutmenschen der Steinigung durch die Rechtgläubigen anheim zu fallen – würde, so fürchte ich, kein einziges Problem lösen.
Freilich: Herr Trittin, die Damen Künast, Roth und Schwarzer hätten einen großen Tag, die Genossen aus Lichtenberg und Hohenschönhausen würden „Völker hört die Signale!“ singen und vielleicht die Stunde des letzten Gefechts für angebrochen halten.
Ich glaube aber nicht, dass davon in China mehr bemerkt würde, als vom gleichzeitigen Umfallen eines Sacks Reis bei einem chinesischen Händler auf Bali.

Das war jetzt zum langen Brief keine lange Stellungnahme. Gott sei Dank sind sowohl Länge wie Inhalt vom Artikel 5 des Grundgesetztes gedeckt. Es darf sogar darüber gelacht werden, auch wenn’s eigentlich zum Heulen ist.

Advertisements

Es ist erreicht

Spaßeshalber habe ich heute per google mal nach „Ich brauche mich um nichts mehr zu kümmern“ gesucht. Dann habe ich gestaunt.
Es fanden sich unter der Adresse eines österreichischen Esotherikforums die Verse
hallo
ich bin Hansi und mir gehts saugut
denn ich bin an das Ende meiner Suche angelangt:

hier unter diesem Baum
ich bin voll erfüllt
Sehnsucht?
was ist das?
ich habe alles was ich brauche
ich habe auch keine Fragen mehr
ich bin mir selbst genug

manchmal schneide ich mir die Fuss und die Fingernägel
und morgens ein bisschen Hatha Yoga
dann grinse ich besonders
bei der Postur der Anbetung der Sonne
ein glückliches Grinsen

kein verbissenes
ich bin euer Hansi
und habe es geschafft!

Hansi braucht keine Industriegesellschaft. Die Gegenposition dazu erscheint in einem – inzwischen aus dem Web verschwundenen deutschen Politikforum:
Ich werde Schmarotzer!
In Bezug auf unsere beiden Dauerbrenner-Threads habe ich mir überlegt, jetzt Schmarotzer zu werden:

Meine Vorteile:

Ich arbeite nicht mehr. Ok, das ist dann eh klar. Habe keine 24-Stunden-Schicht, keine Steuerlast, Miete wird bezahlt, Kleidung wird bezahlt, Reparaturen werden bezahlt, mir steht sogar ein Schuhschrank auf Staatskosten zu (hatte ich bisher nicht/freue mich), keine Zuzahlung im Krankenhaus, keine Steuererklärung, jederzeit rundum versichert, versorgt, verwaltet. Brauche mich über Parasiten endlich nicht mehr aufzuregen, bin jetzt selber einer. Geil!

Ich brauche mich um nichts mehr zu kümmern. Ich liege im Sonnenstudio.

Nur die Hand aufhalten in einem bequemen Sessel im Flur auf dem Amt, aber da kann ich mir ja mit einer guten Flasche Wein und ein wenig Lachs die Wartezeit versüßen.

Was für ein wunderbarer Staat.

Schmarotzerförderer, Schmarotzerunterstützer, Schmarotzerschützer.“

Wer will, darf gespannt sein, wie der Konflikt ausgeht. Ich bin jedenfalls fest entschlossen, mich nicht darum zu kümmern.
..

Neonazis und andere Freunde der Meinungsfreiheit

Mileke 

Foto von Erich Mielke aus dem Bundesarchiv,

Bild 183-R0522-177 / CC-BY-SA

bei wikipedia "Ich liebe doch alle Menschen"

 

Was befreundete Autoren, die sich mit den Kollateralschäden des SED-Stasi-Sozialismus auseinandersetzen, schon seit Jahren erzählen, wovor ich mich hier in meinem schönen Baden-Baden weitgehend sicher fühlte, das erreicht mich nun über die "Social Networks" – nicht unerwartet und unvorbereitet: die Attacken von mobbenden, spätberufenen Verteidigern der DäDäÄrr. Sie leben nicht in Schwedt an der Oder, Berlin-Lichtenberg oder Suhl in Thüringen, sondern seit ihrer Geburt im Westen, haben das bis heute merkliche Defizit an Konfliktkultur in der Bundesrepublik als persönliche Verfolgung, als Ungerechtigkeit, sich selbst als gedemütigte “Linke” in einer Welt des US-dominierten Kapitalismus, der integrierten Nazimitläufer empfunden: Helden höherer Moral in einer feindlichen Welt.
Nur wenige schafften es, durch einen Aufenthalt in Stuttgart-Stammheim die Brutalität zu beglaubigen, mit der “das System BRD” gegen seine Kritiker vorging. Die meisten wurden einfach Lehrer, Kleinkünstler oder Empfänger staatlicher Fürsorge. Es war nicht einfach, es nach Stammheim zu schaffen. Bautzen ging viel, viel leichter. Aber – mal ganz ehrlich: das hätten sie auch nicht ausgehalten, ohne hartgesottene Antikommunisten zu werden.

Noch nehme ich die mir von der guten alten Stasi vertraute Zuwendung  mit Humor. Die Posts solcher Leute sind von einer Schlichtheit, die sie mit Angestellten der SED-Kreisleitung Posemuckel auf gleiche Höhe bringt, was jeden 14jährigen Facebooknutzer zu Lachnummern inspiriert – aber der aggressive Furor ist unüberseh-, unüberhörbar. Wenn einer sich selbst nur einfach mal das Geschriebene vorliest, schwinden letzte Zweifel:

Kämen sie wieder zur Macht – sie liebten uns auf ihre Weise. Ohne Gnade.

Kamikaze

Mir gehen die Männer nicht aus dem Kopf, deren Leben wahrscheinlich kurz sein wird, weil sie zu lange um einen versagenden Atomreaktor in Japan kämpfen. Einige besonders originelle Kommentarschreiber in deutschen Blogs und bei facebook gefallen sich darin, sie als „Kernkraft-Kamikaze“ zu verspotten, begleitet von Seitenhieben auf Japaner (oder auch Chinesen, große Unterschiede sehen sie da nicht), die ja schon immer autoritäts- und technikgläubig gewesen seien.

Solche Kommentare werden geschrieben an Computern mit reichlich fernöstlicher Technik in einem reichen Land. Es wurde reich durch seine Industrie samt Energiewirtschaft – also auch seine Kernkraftwerke. Die Helden von Fukushima haben keine Reichtümer erlangt durch diese in Deutschland derzeit als Grundübel aller Dinge angesehenen Form der Energieproduktion, sie sind vermutlich keine blinden Kernkraftfanatiker, sie versuchen einfach, Unheil von ihren Mitmenschen abzuwenden. Dafür bin ich ihnen unendlich dankbar; ich fühle mich zugleich beschämt, weil ich einer Nation angehöre, der offensichtlich in diesen Tagen nichts wichtiger ist, als die Abschaltung eigener Kernkraftwerke. Von diesen „Schrottmeilern“ geht auf absehbare Zeit und nach allem vernünftigen Abwägen keine andere Gefahr aus, als die in Szenarien von Terrorismus, seit Jahrtausenden nicht eingetretenen Naturkatastrophen und haarsträubenden Verschwörungstheorien herbeiphantasierte.

Ich weiß nicht, wer im unwahrscheinlichen Fall eines AKW-Unfalls bei uns so handelte wie die japanischen Ingenieure, Techniker, Soldaten, Feuerwehrleute, ich darf hoffen, dass sich einige fänden, darunter manche mit Namen, die auf einen „Migrationshintergrund“ deuten. Sie wären halt die Dummen, die Selbstmörder. Kamikaze. Ganz sicher bin ich indessen, dass eine unübersehbare Menge von Fachjournalisten, Experten, Politikern, Sprechern aller möglichen und unmöglichen Organisationen sogleich mit dem Finger auf die Schuldigen zeigten. Deutschland ist Weltspitze bei der medialen Jagd auf Sündenböcke. Deutsche Medien haben es überhaupt zu einer großen Virtuosität darin gebracht, Wellen der Aufregung völlig synchron zwischen BILD, „Qualitätspresse“, privaten und öffentlich-rechtlichen Kanälen aufzuschaukeln. „Erregungs-Tsunamis“.

Seinen wirtschaftlichen Aufstieg seit sechs Jahrzehnten, die großzügigen sozialen und kulturellen Standards (fast kostenfreie staatliche Bildung und öffentliche Bibliotheken; Fernsehen, PC, Internetanschluss gehören zur „Grundversorgung“) verdankt das Land allerdings nicht seinen großen Gefühlswallungen. Versuche, den nationalen Aufschwung an kollektive Gefühle zu koppeln (Stolz ein Deutscher zu sein, Hass auf Erbfeinde, auf die jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung, den Klassenfeind …) wurden vom Rest der Welt durchaus als Tsunami wahrgenommen, hinterließen allerdings Schäden, gegen die sich Tschernobyl und Fukushima wie kleinere Betriebsunfälle der Weltgeschichte ausnehmen, zählt man nur die Opfer.

Die Welt muss sicher keinen deutschen „Gefühls -Tsunami“ mehr fürchten, sie lacht über deutsche Weltenretter. Medial Erregte, mit medialer Aufmerksamkeit belohnte, brüllen „Castor schottern“, „AKW abschalten!“, „Wir wollen saubere Energie!“, sie schauen aber gern darüber hinweg, dass chinesischen Chemiebuden ihre Solarpanels fertigen – sind ja keine deutschen Flüsse, in die das Gift strömt. Die Chinesen lachen nicht. Nicht alle. Es gibt immer noch welche, die auf deutsche Kernforschung schwören. Sie fragen, wer eigentlich da drüben so verrückt ist, die Lebensleistung von Erfindern weniger wichtig zu nehmen als die heiße Luft aus Politbüros und Redaktionsstuben.

Ja, es ist gut, die Verantwortung für Energie, Rohstoffe und deren Verbrauch möglichst in die Hand der Nutzer allein zu legen – also dezentral zu wirtschaften. Jeder Einzelne, jedes Haus, jede Kommune sollte „cradle-to-cradle“ zum Prinzip machen, sich um möglichst müllfreie Kreisläufe von Stoffen und Energieumwandlung kümmern, selbständig, mit möglichst wenig „Druck von oben“. Es gibt inzwischen weltweit Unternehmen, sogar ziemlich große, die auf dieses Prinzip hinarbeiten. Aber auch sie können nicht „per Volksentscheid“ und anschließenden Knopfdruck auf „alternative Energien“ umschalten.

Die meisten Mitschwimmer der „Anti-Atom“- und anderer angesagter Heißluftströmungen wollen und können nicht erklären, woher die Energie für große Fabriken kommen soll. Der Wohlstand der Industrienationen, die Entwicklung der Schwellenländer gründet aber – noch – auf großen Anlagen zur Energieerzeugung. Stahl-, Zement-, Chemiewerke, Autofabriken und Verkehrssysteme sind nicht mal eben so mit Windmühlen zu betreiben. (Nach wie vor ist übrigens völlig ungeklärt, wie sich gigantische Windparks quer über den Kontinent auf die komplexen Strömungsverhältnisse der Atmosphäre auswirken, welche Klimafolgen ihre ungebremste Vermehrung haben wird.) Also: der Strom fürs Häusle, die kommunale Energieversorgung ist das eine, die großen Netzwerke das andere. Mit Hauruck geht das zwar in der Phantasie, aber machen müssen es Leute, die von Naturwissenschaft und Technik etwas verstehen: Ingenieure. Auf die sollten wir ruhig ab und zu mal hören, wir verdanken ihnen nämlich unser prima Leben, von dem wir nur sehr ungern lassen wollen.

Wenn Deutschland sich nicht endgültig zur Lachnummer machen will, werden wir zeigen müssen, wie es in der Praxis geht – das betrifft jeden Einzelnen und seinen Umgang mit Ressourcen. Wer heute den Mund voll nimmt beim Reden über Risiken der Technik, übers Krisenmanagement von Atomkraftwerken, sollte sein ganz persönliches Krisenmanagement nicht aus den Augen verlieren: Wie hältst du es denn mit deiner persönlichen Verantwortung für Risiken? Wie viele Reste von Antibiotika, Hormonpräparaten etc. entsorgst du in die Kanalisation? Was wird aus den giftigen Schwermetallen in deinen weggeworfenen Akkus, Altgeräten, Energiesparlampen? Peanuts?

In Deutschland sterben jedes Jahr 12000 Menschen an Infektionen mit Krankenhauskeimen. Schließen wir die Krankenhäuser? Fragen wir, wer schuld ist? Klar: multiresistente Bakterien, die nicht mehr mit Antibiotika „auszuschalten“ sind. Woher kommen sie? Vom sorglosen Umgang unzähliger Menschen mit Antibiotika. Resistenzen bilden sich, weil „irgendwie“ so massenhaft wie unkontrollierbar Medikamente in die Umwelt entsorgt werden. Angst vor „Strahlung“ haben die Leute, Angst vor der eigenen Schlamperei nicht. Es gibt Witzbolde in der Pharmaforschung, die vom „Antibiotika-GAU“ sprechen. Schalten wir die Pharmaindustrie ab?

Nicht die Technik ist das Problem, der Mensch ist es: er handelt, und er setzt in unserer Gesellschaft alles daran, es nicht auf eigenes Risiko zu tun. Der Ingenieur, dem auffiel, dass die Stromversorgung des Kernkraftwerks wegen inkompatibler Leitungen (Stecker, Kabel, …) im Notfall nicht von externen Aggregaten würde übernommen werden können, schwieg vielleicht, weil er keinen Konflikt mit Vorgesetzten riskieren wollte. Dann fiel der Strom aus. Ich kenne sehr, sehr wenige Leute, die anders handeln, ich rede nicht von Japan. Wenn von Krisen, wenn von Risiken der Technik die Rede ist, dann muss vom Menschen als Risiko gesprochen werden. Eine Lösung: man macht Technik „idiotensicher“ – so erschafft man eine Welt für Idioten.

Die andere Möglichkeit: alle lernen, mit den Risiken und Krisen umzugehen, die durch ihr Handeln in die Welt kommen. Dann dürften sie sich nicht mehr allein auf Gefühle verlassen, auf das wohlige Dazugehören zur Herde und das Gedudel der Medien. Sie dürften sich nicht mehr gegenseitig augenzwinkernd versichern, dass sie ja schon in der Schule keinen Spaß an Mathematik und Physik hatten, dürften sich nicht auf Experten, Journalisten, Politiker verlassen, sondern müssten Interesse entwickeln, auch wenn gerade kein Reaktor in Japan vorm GAU steht. Medien könnten Kompetenzen vermitteln, (daher stammt eigentlich ihre Bezeichnung), statt bloße Gefühlsverstärker beim Fußball, Volksmusikstadel, Seifenopern, Klatsch und Tratsch zu sein, oder wenn’s irgendwo kracht und der Hühnerhof durcheinander flattert. Nachhaltigkeit beginnt, wenn wir unsere eigenen Gewohnheiten befragen, ihre Risiken, ihren Sinn für uns und andere.

Aber das will der Kampagnenjournalismus nicht. Er lässt sich von der Quotenmaschine treiben, die an Aufmerksamkeitswellen starker Gefühle gekoppelt ist. Mathematik? Physik? Ingenieurskunst? Wie langweilig im Vergleich zu „Knochendoktoren“! In Deutschland werden alternative Energiequellen erschlossen, die weder subventioniert noch radioaktiv sind. Aber die Erfinder haben keine Lobby bei Medien, Konzernen und Politikern. Bezeichnendes Beispiel: das Aufwindkraftwerk. Sein Erfinder Jörg Schlaich hatte schon vor fast vierzig Jahren die Idee, in Wüstengebieten ausgedehnte Glasflächen zu bauen, in deren Mitte ein 1000 Meter hoher Turm steht. Die Sonne heizt die Luft in den großflächigen Treibhäusern auf, durch den Turm, eine Art Riesenschlot in deren Mitte, strömen die heißen Luftmassen hinauf in die kalte obere Atmosphäre. Eine Turbine im Schlot nutzt den Aufwind für die Stromerzeugung: Ein einfaches Prinzip, an Ort und Stelle verfügbares Material, von Einheimischen erbaute und betriebene Technik, leicht zu warten und zu ersetzen. Überschüssige Energie wäre mit Gewinn zu verkaufen von den ärmeren Nationen an die reichen: Energiepolitik als Entwicklungspolitik.

Es ist eine Vision von großer Überzeugungskraft, längst mehr als Vision eigentlich, denn ein Versuch mit einem 200 Meter hohen Turm hat in Spanien Mitte der 80er Jahre bewiesen, dass die Stromerzeugung mit dem Aufwindkraftwerk funktioniert. Seither sind Milliarden in viel weniger effiziente Technologien investiert, ist der Armut in den Wüstenregionen nicht abgeholfen worden, wachsen stattdessen Konflikte, die mit Not und Hunger einhergehen, die Kriege begünstigen. Es wäre nicht die erste deutsche Erfindung, die anderswo – vielleicht in China – Erfolgsgeschichte schreibt.

Kamikaze auf Deutsch: Selbstmord im Sicherheitwahn.

Wenn Politiker weinen

Der libysche UNO-Botschafter hat mit Zeichen emotionaler Bewegung vor seinen Kollegen öffentlich bekundet, dass Ghaddafi, gerade noch sein großer Führer und Geschäftspartner beim Ausplündern der Libyer, nicht länger sein Chef ist. Mir fiel angesichts der Krokodilgesichter, die bei dieser Gelegenheit in die Fernsehkameras glibberten, ein alter Text ein. Darin geht es um die unauflösliche Wertegemeinschaft zwischen Journalisten und Mächtigen. Sie wird immer mehr zur Herzensangelegenheit. “Marienhof” war gestern. Die ganze Welt ist eine einzige Dokusoap.

Nichts beweist die Nähe zwischen den Politikern unseres Landes und dem gemeinen Volke eindringlicher, als die herzlichen Gefühle, die wir alle dank der Massenmedien miteinander teilen dürfen. In einer Sternstunde des Journalismus – leider weiß niemand mehr genau, wer erleuchtet wurde und wann – ward die Leitidee geboren „Gehet hin mit euren Notizblöcken, Mikrofonen und Kameras und erfragt vor allem eines von euren Interviewpartnern: was empfanden sie, als… (die Punkte sind durch erlittene Geiselnahmen, Lottogewinne, Scheidungsurteile oder Wahlniederlagen zu ersetzen) “.

Von da an durften Politiker hoffen, nicht länger entweder als dröge Faktenhuber oder Opfer böswilliger Karikaturen („Birne“, „Ziege“, „rote Heidi“, „Genschman“ etc.) herhalten zu müssen, sondern in ihrer ganzen liebenswerten Menschlichkeit zu wirken, namentlich auf Bildschirmen. Recht eigentlich können wir nun von Mediendemokratie sprechen, denn Maßstab öffentlicher Auftritte sind allein menschliche Gefühle. Nicht länger verschließt sich kühl formuliertes Herrschaftswissen dem Verständnis des Publikums: endlich kann sich jeder Mann, jede Frau, ja jedes Kind kompetent fühlen, über Ziele und Motive der Regierenden sachkundig zu urteilen, denn es geht um Psychologie. Genauer: um jene Äußerungen von Schmerz, Trauer, Zorn und – sagen wir es ruhig: Betroffenheit!, deren Dynamik unser aller Leben bewegt.

Was vor mehr als zweihundert Jahren vom Schweizer Pastor Lavater und unserem großen Goethe mit den „Physiognomischen Fragmenten zur Beförderung von Menschenkenntnis und Menschenliebe“ begonnen wurde – die Massenmedien und vornehmlich das Fernsehen bringen es zur Vollendung: jeder Mensch ist Psychologe! Und so entscheidet er über das Schicksal des Gemeinwesens mit, indem er seine in der „Lindenstraße“ und bei „Big Brother“ erworbene Fähigkeit nutzt, Sympathische von Unsympathischen zu scheiden und Urteile über jemandes Glaubwürdigkeit sowie seine Tugenden und Laster zu sprechen. Und dann schreitet er zur Wahlurne.

So durften wir erleben, wie gut es auch unseren Politikern zu Gesicht steht, sich in fein differenzierter Menschenbeobachtung zu üben. Hat doch nach einer Sitzung des parlamentarischen Untersuchungsausschusses in der CDU- Spendenaffäre Herr Ströbele, Abgeordneter der Grünen, die von Frau Baumeister vergossenen Tränen in die Waagschale der Glaubwürdigkeit geworfen. Sie neigte sich daraufhin zu Ungunsten von Wolfgang Schäuble. Ströbele ist uns nicht länger fremd. Voller Spannung erleben wir, wie aus einer Affäre eine Herzensaffäre wird. Wir nehmen uns vor, unsere Abgeordneten, Minister und Beamten, selbst Kanzler, Kanzlerinnen und Bundespräsidenten künftighin mit anderen Augen zu sehen: so wie Hansemann, Mutter Beimer oder die Punchingbälle von Dieter Bohlen und Heidi Klum.

Manchmal beschleicht mich allerdings der Verdacht, dass es längst Beraterverträge, dass es gar ein Kartell geben könnte. Schließlich beschäftigen viele Manager Schauspiellehrer, um ihre „Performance“ zu verbessern. Und dann frage ich mich: ist das jetzt noch gute, echte Seifenoper oder schon böse, verlogene Politik?

Leben ist gratis – im Wesentlichen

Schneeglöckchen

Vorboten? Glücksboten – gratis!

„Gratiskultur“ ist beinahe ein Schimpfwort. Es zielt wohl auf eine Haltung, die sich mit dem Slogan „Ich – alles – sofort – gratis!“ verkürzen ließe und ungehemmtem, egoistischem Anspruch eignet. Freilich soll dieses Schimpfwort inzwischen die freie Verfügbarkeit von Inhalten im Internet allgemein disqualifizieren.
Das macht mich hellhörig. In diesem pejorativen Gebrauch äußert sich die Wut von Geldmaschinenbetreibern, denen es partout nicht gelingen will, auch noch die Atemluft – wie schließlich jegliches Lebensbedürfnis und jede Lebensäußerung – zu verwerten.
Ich gestehe ganz offen: ich bin ein Kind der Gratiskultur und werde alles tun, zu ihrer Ausbreitung beizutragen. Den absolut größten, den wesentlichen Teil meines Lebens verdanke ich nämlich nicht der Warenwirtschaft, sondern dem unmittelbaren Umgang mit Menschen, den Gaben Gottes in Form der uns umgebenden Natur und meiner Bereitschaft, nach bestem Vermögen – und dabei handelte es sich eben nicht um Geld – mit beiden in Austausch zu treten. Was ich an Liebe empfing, war ebenso gratis wie die Einführungen in Literatur, Musik, Umgangsformen, die ich durch meine Großmutter erfuhr. Die Gegenleistungen, die mir abverlangt wurden, waren Neugier, Lernbereitschaft, eine Lebendigkeit und ein Wachstum, an denen sich andere freuten. Es war und ist bis heute wechelseitiges Nutznießen der Ganzheit von Menschen und Welt, in die alle Arbeit vorangegangener Generationen eingeflossen ist: so kostenlos wie unbezahlbar. Nur ein kleiner Teil der Güter ist handelbar; einige davon sind unentbehrlich: Essen, Trinken, Kleidung, ein Dach überm Kopf, Energie zum Heizen. Je älter ich werde, desto geringer wird mein Bedarf an Habseligkeiten, aber auch meine Bereitschaft, im Markt der Medien mitzuwirtschaften, dessen Waren mich nicht interessieren.
Markt und Geld sind sehr spezielle Werkzeuge, mit denen der Mensch seine Reichweite bis tief in die Prozesse von Natur und Kultur erweitern konnte. Wir stehen heute vor der Frage, ob wir zu den Werkzeugen der Werkzeuge werden. Werde ich wirklich nur von einer Arbeit leben können, die vermarktbar ist?
Einen großen Teil meiner Texte stelle ich gratis in Netz – „Der menschliche Kosmos“ ist bei googles Buchsuche in wesentlichen Teilen lesbar. Und darin fühle ich mich mit vielen anderen Urhebern verbunden, die Dasselbe tun: gratis, zum Nutzen der Allgemeinheit hat ein Fotograf das Bild des Schneeglöckchens bei Wikipedia hochgeladen. Es ist ein Bild der Hoffnung.
Einen Beitrag zur Kultur jenseits des Kommerzes leistet seit ein paar Monaten auch das Webportal „Human Pictures“. Wer Filme, Videos, Clips mit sozial engagierten Inhalten dort hochlädt, tut es gratis und erhält ebenso gratis eine redaktionelle Bewertung. Es soll mehr daraus werden: ein Netzwerk engagierter Filmemacher und eine weltweite Unterstützung für Bildungsprojekte. Gratis, aber nicht umsonst.

Dottore Silviagro und die Moral der Pappnasen

Doktorhut

Doktorhut und Pappnase: zeitgenössische Kostüme der Politik

Gewaltiges Geräusch in den Medien wegen des Plagiatsvorwurfs gegen den Minister zu Guttenberg – seine Anhänger nennen’s eine Kampagne. Aber es gibt hierzulande klare Regeln für wissenschaftliche Arbeit, und Gleichheit vor dem Gesetz ist ein Verfassungsgrundsatz. Wenn die Anschuldigungen gegen den Minister Guttenberg zutreffen, wird das die nämlichen Konsequenzen haben müssen, wie in jedem anderen Fall wissenschaftlicher Unehrlichkeit: die Aberkennung seiner Promotion.

Interessant bleibt die Frage, wie dehnbar inzwischen die Anforderungen an die moralische Lauterkeit von politischen Führungskräften geworden sind. Wenn Politiker in schlechtester Tradition meinen, Moral weiterhin im Stile von Sonnenkönigen oder Dorftyrannen privat bewirtschaften zu können, irren sie, weil Intransparenz und Unredlichkeit keinesfalls geeignet sind, das Gemeinwesen auf globale Zivilisationsprozesse hin zu entwickeln. Demokratie hat Zukunft – ohne Silviagro, Plagiarius boulevardensis und Prof. Dr. mult. Kim irgendwas. Solche Kasperlfiguren dürfen gern die Gaudimedien bevölkern und einer Renaissance der commedia dell arte dienen, politische Verantwortung steht ihnen nicht zu.