Jugend ohne rote Sonne

Chinakinder_medDieses Buch verdient jede Empfehlung. Schon deshalb, weil es die großartigen Romane von Liao Yiwu dokumentarisch ergänzt, weil es obendrein Leser erreicht, die mit chinesischen Traditionen, mit Geschichte und Kultur des Landes noch wenig vertraut sind. Sonja Maaß und Jörg Endriss haben 30 junge Chinesen auf ihren Reisen porträtiert, befragt, und ihre höchst unterschiedlichen Selbstauskünfte zu Alltagserfahrungen, Wünschen, Hoffnungen und zur großen Politik aufgeschrieben. Sie haben nicht nur die unter Mao Zedong und Deng Xiao Ping geprägte „Volksrepublik“ der Kommunistischen Partei, sondern auch die 1999 von der britischen Krone aus kolonialer Bindung entlassene „Sonderverwaltungszone“ Hongkong und die „abtrünnige Provinz“ Taiwan erkundet. Das ist schon deshalb spannend, weil die historisch höchst unterschiedlich gewachsenen politischen Verhältnisse heute denselben Prozessen globaler Wirtschaft unterworfen sind, Peking eine gewaltige Übermacht hat, Hongkong und Taiwan gleichwohl selbstbewusst auf kommunistischen Dominanzanspruch reagieren.

Jedes einzelne der Kurzporträts ist lesenswert, weil es die besondere Lage der jungen Menschen in ihrer speziellen politischen, ethnischen, wirtschaftlichen und familiären Umgebung ausleuchtet. Der Leser erfährt so zugleich etwas über die Mannigfaltigkeit von Problemen, die etwa infolge der Ein-Kind-Politik entstanden – und China eine überalterte Bevölkerung sowie Mangel an Frauen im Heiratsalter bescherten. Zu beinahe jedem dieser zahllosen Probleme finden die Chinesen originelle Lösungen, oft als Schlupflöcher in den starren staatlichen Regelsystemen. Beispiel „Hukou“, die „Haushaltsregistrierung“: Kein Chinese darf seinen Wohnort frei wählen. Dadurch können Wanderarbeiter – es sind Hunderte Millionen – Sozialleistungen nur am ursprünglichen Wohnort beziehen, nur dort dürfen ihre Kinder zur Schule gehen.  Millionenfach müssen sich Familien trennen. Das System ist ebenso dysfunktional wie „Gaokao“, die Zugangsbestimmungen für Hochschulen. Korruption und Bürokratie sind auch infolgedessen monströs. Umso mehr verblüffen der Mut und Einfallsreichtum vieler Heranwachsender.

Egal ob Punk, an der Leistungsgrenze schuftender Wander- oder treuer Parteiarbeiter, egal ob „Tochter aus reichem Haus“ mit unternehmerischem Ehrgeiz, Feministin oder Homosexueller: Bei den meisten findet sich neben der Neugier auf die Welt und dem Wunsch, aus dem eigenen Leben etwas zu machen, eine grundlegende Loyalität zum eigenen Land. Wenn der Wunsch nach Freiheit sich mit dem nach sozialer Verantwortung verbindet, hängt das gleichwohl eher mit traditionellen Verpflichtungen auf die Familie als mit politischen Motiven zusammen.

Im kommunistischen China hilft unpolitischer Pragmatismus zu überleben. Totalitäre Herrschaft unterdrückt Konflikte und erlegt Medien Zensur und Selbstzensur auf. Die Bruchlinien zeigen sich am Verhältnis zu Hongkong und Taiwan; dort treten viele junge Menschen entschieden für demokratische Entwicklung ein, den Nationalismus aus Peking lehnen sie ab. Der weltweite Austausch vor allem von Studenten arbeitet ihnen zu.

Jörg Endriss und Sonja Maaß beschreiben neben Metrolpolen auch dörfliches Leben. Sie sind weit gereist – etwa in die Provinz Yunnan im Südwesten. Die Artikel von dort zeigen den Farbenreichtum des Riesenreiches, auch ins Buch eingebundene Fotos wecken die Lust, es kennenzulernen. Anmerkungen im Glossar helfen zum Verständnis, auch das gescheite Nachwort, das wichtige wirtschaftliche, politische, kulturelle Gegebenheiten zusammenfasst. Die Autoren trafen auf neugierige, aufgeschlossene junge Menschen, die ihre Wünsche und Ziele an einem weiten Horizont suchen. Die rote Sonne Mao Zedong hat außerhalb der politischen Doktrin keinen Widerschein mehr.

Jörg Endriss, Sonja Maaß „Chinakinder – Moderne Rebellen in einer alten Welt“

Conbook-Verlag, 410 Seiten, 12,95 €

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Reise in den Kosmos

Ein Buch, das niemals fertig wird, 1998 begonnen, 2006 erstmals veröffentlicht, ist unterwegs. “Es will keine neuen Weisheiten verkünden, sondern ein Training anbieten: Leser können versuchen, öfter statt nach dem „Warum“ nach Zielen und Strategien zu fragen, sie können versuchen, ihren eigenen Alltag anders zu erleben und zu gestalten – egal ob sie es in der internationalen Politik, im Management oder in den eigenen vier Wänden tun.” So war der Vorsatz. Weil in vielen Diskussionen seither diese Texte ihre Haltbarkeit beweisen, vieles andererseits erneuert und ergänzt werden muss, komme ich hier und im Weblog “Der menschliche Kosmos” darauf zurück.

Kapitel 5

Sozialstaat und Gestell – ein Exkurs über systematische Fehler

Die Fiktion der „sozialen Gerechtigkeit“ und die latente Gewalt institutionalisierter Heilsversprechen

Engels_1856„Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen“ abzuschaffen: das ist ein Ziel, dem kaum einer sich verweigern würde. Wer wollte Ausbeutung dulden oder gar befürworten? Nur Zyniker oder Despoten sind so unverfroren.

Als , Bürgersohn und Unternehmer aus Wuppertal, sich der „Lage der arbeitenden Klasse in England“ annahm, beschrieb er elende Zustände, die uns heute in Europa kaum mehr vorstellbar erscheinen. Das menschliche Desaster der Proletarier war erschütternd wie heute das in chinesischen, philippinischen, indischen oder pakistanischen „Sweat Shops“. Während damals wie heute große Teile der Bevölkerung in Armut schuften und vegetieren, kommen die Aufsteiger des Industriezeitalters zu unmäßigem Reichtum. Der Kapitalismus nahm zu Marxengels Zeiten Fahrt auf, er hat sein Tempo bis heute fast ununterbrochen gesteigert. Aus Kriegen und Naturkatastrophen schöpfte er Gewinne, er machte aus der Welt einen einzigen großen Markt.

Kapital_titel_bd1Karl Marx hat diese Umwälzung vorhergesehen: er prophezeite Technisierung, Industrialisierung, globale Märkte und Unternehmen; die Dynamik des kapitalistischen Systems der Wertschöpfung erkannte er als gewaltig. Interessanterweise wollte er diese Dynamik auch keineswegs stoppen und er hätte sicherlich für den Bau von Atomkraftwerken und Weltraumstationen gestimmt. Marx war nur die „Naturwüchsigkeit“, das wilde und ungehemmte Wachstum unheimlich. Und den jungen Mann erzürnten die Rohheit und Verantwortungslosigkeit, mit der Unternehmer und Spekulanten Gewinne auf den Knochen der Arbeiter machten. Weil er den Heilsversprechen der Religionen aus gutem Grund misstraute, sah er in einer Zeit, als die Wissenschaften die Technik, die Wirtschaft und das gesamte Denken umkrempelten, nur in der konsequent atheistischen, wissenschaftlichen Behandlung sozialer Fragen eine Chance. Er wollte die Rechtfertigungen des Unrechts zerschmettern, indem er die Verhältnisse „objektiv“ auf dem Seziertisch der kritischen Vernunft betrachtete. Er wollte sie von ideologischen Verkleidungen befreien, die Elend und Ausbeutung unabänderlich erscheinen ließen. Seine Schriften begründeten und beförderten Bewegungen, die als „sozialistische“ und „kommunistische“ hinfort Ökonomie und Politik mitbestimmten.

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