Alters Freuden

2012-07-02 13.04.19cut

Bild und Gedicht entstanden im Sommer 2012 am Bodensee. Da das Wetter gerade ordentlich kontrastiert, manches Mediengegacker auch, fand ich’s passend

Insektengleich such ich die letzten Strahlen

das Haar erbleicht, die Brillengläser dick

der Biss, verstärkt durch künstliche Gebilde

darf mühsam kaum den Pfeifenstengel halten:

Ich glaube, ich gehör jetzt zu den Alten.

 

Den Apfelsaft verbessre ich mit Gin

und freue mich, werd ich nicht drum gescholten

die Welt, die wir total verändern wollten.

Ich nehme sie normalerweise hin.

 

Trotzdem wüsst ich so gern noch manches besser

und freute mich am Wunder der Vernunft

stattdessen freu ich mich, muss ich nicht unters Messer

und meide gern die Apothekerzunft.

 

Ich freue mich an meiner Menschenferne

am Lauf des Mondes und am Sternenlicht

Börsen und Fußball int’ressiern mich nicht

doch hübsche junge Frauen seh ich gerne.

Dann freu ich mich, dass ich – der Balz enthoben –

mich ihnen in die Wäsche mogeln kann:

Ein Faun aus Spinnweb, ein vernetzter Mann

gedankenschnell in ihre Lust verwoben

freu mich, dass meine Phantasie nicht altern kann.

System

festung (20)Als der Ostblock wirtschaftlich und moralisch kollabierte, ein Reformer (der einzige) den Sturz des totalitären Sowjetimperialismus besiegelte, verfiel ein Ökonom im Westen auf die Idee, nun sei die Geschichte zu Ende, die beste aller möglichen Welten erreicht. Was für ein Schwachsinn.

 

 

Das egozentrische Weltsystem hat eine kalte Sonne
Den Lauf bestimmt ein Teufelskreis
Am Morgen Kind, am Abend Greis
Und zwischendurch sind wir im Gleis
Fühl ’n Schmerzen nicht noch Wonne.
Wir schau ’n auf das Zentralgestirn
Und werden blind dabei
Wir sind schon taub, sind noch nicht stumm
Anbetend kreisen wir und dumm
Um unseren Dutzendstern herum
Und kommen niemals frei.
Um diesen weißen Mittelpunkt
Da ist die Welt sehr leer
Da ist manch elend schwarzes Loch
Aus Angst und Lust, wir kreisen noch
Und finden uns nicht mehr.
Das egozentrische Weltsystem hat sieben harte Schalen
Darinnen sitzt ein Ich und friert
Im Frost und Frust, den’s selbst gebiert
Wenn’s auf die blanken Hüllen stiert
Und spiegelt seine Qualen.

16.7.1985