Die geliehene Erde

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Hieronymus Bosch „Das irdische Paradies“

Wir Lebenden – so lese und höre ich immer wieder einmal – haben die Erde nur von zukünftigen Generationen geliehen. Wir seien also verpflichtet, durch nachhaltiges Wirtschaften, durch achtsamen Umgang mit der Natur und ihren Ressourcen diesen Nachfahren eine wohl bestellte Erde zu übergeben. Mindestens so wohl bestellt, wie die „Leihgeber“ dieselbe vorzufinden wünschen, wenn nicht besser.

Das bedeutet nichts anderes, als sämtliche Ansprüche von vorgestellten Menschen einer vorgestellten Zukunft samt dem vorgestellten Zustand von Tieren, Pflanzen, natürlichen Ressourcen zu Maßgaben heutiger Entscheidungen zu machen. So versuchen fürsorglichen Eltern sich die Zukunft ihrer Kinder vorzustellen, sie wünschen, dass ihre Kinder es „einmal besser haben“ sollen. Gute Eltern! Gute Eltern erziehen ihre Kinder dann gewiss auch zu derselben Haltung: Auch die haben ja nur von Nachfahren geborgt und müssen vererben, was jene an gepflegtem Planeten erwarten.

Ein Blick in die Geschichte weckt bei mir erhebliche Zweifel, ob dabei nicht allerhand schiefgehen kann. Zugleich frage ich mich, mit welchem Recht und bis zu welcher Grenze einer seinen Vorfahren vorwerfen darf, ihn nicht in eine wunschgemäß ausgestattete und gepflegte Umwelt hineingeboren, sondern ihm stattdessen gewaltige Probleme hinterlassen zu haben. Muss er sich nicht während seiner Ausbildung und seines Arbeitslebens mehr oder weniger engagiert, fleißig, manchmal erfolgreich mit „ererbten“ Kulturgütern ebenso wie mit hinterlassenen Konflikten befassen? Unsereiner hatte reichlich Gründe, das Verhalten von Eltern und Großeltern kritisch zu betrachten. Durfte ich also nicht meiner Mutter und Großmutter vorwerfen, durch das Festhalten an bürgerlichen Traditionen, durch Dulden, gar Unterstützen des Nazireichs sich mitschuldig gemacht zu haben an Krieg und Massenmorden, an den folgenden Mangeljahren, die meine und meiner Mitschüler Kindheit und Jugend prägten?

Das tat ich durchaus, dazu wurde ich von manchem Lehrer und den „Jugendorganisationen“ der DDR unablässig angeleitet. Dennoch gelang es insbesondere meiner Großmutter, meine Neugier und mein Interesse für überkommene Leidenschaften und Irrtümer, für Glück und Unglück der Vorfahren zu entzünden. Womöglich noch schlimmer: Sie brachte mich ans Lesen. Sonntags besuchte ich den Kindergottesdienst, nicht weil sie es forderte, sondern weil es mir dort gefiel. Natürlich lernte ich so auch das vierte Gebot kennen: „Du sollst Vater und Mutter ehren, auf dass dir‘s wohl ergehe und du lange lebest auf Erden.“ Ein Gebot, das auf Nachfahren verpflichtet, gibt es nicht. Kinder kommen in jüdisch-christlichen Geboten nicht vor, außer als diejenigen, die ihren Eltern Respekt schulden.

Dekalog

Dekalog-Pergament 1768

An dieser Stelle empfehle ich, die „Zehn Gebote“ der Juden und Christen einmal ebenso an der Realität zu prüfen, wie die „Zehn Gebote der sozialistischen Moral und Ethik“. Gönnen Sie sich den Spaß zu lesen, was 1958 von SED-Chef Ulbricht verkündet, 1963 ins Parteiprogramm aufgenommen wurde. So sollten wir zu neuen Menschen erzogen werden. Lassen wir Glaubensfragen einmal außen vor: Welches Gebot halten Sie für einigermaßen lebenstauglich?

Natürlich haben wir Walter Ulbrichts volkspädagogische Handreichungen damals genauso ignoriert, wie ich es heute mit Erziehungsversuchen durch Politiker, NGO oder ihnen dienstbare Journalisten tue. Sie verpflichten auf abstrakte kollektive Ziele und haben mit Realitätssinn so wenig wie mit der Kenntnis von Naturgesetzen zu tun. Ihre Fragwürdigkeit tarnen Geübtere mit ritueller Mechanik: Worthülsen vom laufenden Band. Heines Wort über „Das alte Entsagungslied, das Eiapopeia vom Himmel, mit dem man einlullt, wenn es greint, das Volk, den großen Lümmel“ ist Handlungsmaxime der neuesten Weltenretter. Na klar: „Ich kenne die Weise, ich kenne den Text, ich kenn‘ auch die Herren Verfasser. Ich weiß: sie trinken heimlich Wein und predigen öffentlich Wasser.“ Und heute jetten sie klimarettendend oder urlaubend um den Globus, ihre schwere Aufgabe verlangt Opfer.

„Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert“, heißt es. Sozialisten bewiesen oft und eindrucksvoll, dass von ideologischem Schwulst zu massiver Unterdrückung jeder Gegenmeinung nur ein kleiner Schritt ist, sobald sie zur Macht kommen. So entstanden sozialistische Paradiese mit einer ganz eigenen Moral – etwa „Alle sind gleich, aber einige sind gleicher.“ Die Sprache wurde politisch angepasst, und wer „1984“ gelesen hat, kennt die bestechende Logik von „Freiheit ist Sklaverei“, „Krieg ist Frieden“… Ich höre heute noch die Fistelstimme des „Spitzbartes“, wenn Politbürokraten die Bevölkerung über die Gnade belehren, in ihrem Paradies gut und gern leben zu dürfen

Die uralten Regeln aus der Bibel erschienen mir dagegen alltagstauglich. Ich versuche bis heute, sie weitgehend einzuhalten. Es hat mir nicht geschadet, gelang freilich nicht immer. Das ging meinen Vorfahren nicht anders, deshalb schaue ich mit einigem Respekt auf ihre Leistungen, entdecke dabei Erstaunliches und nehme jene Moralprediger nicht mehr ernst, die ihre eigene Großartigkeit durch „brutalstmögliche“ Aufklärung des Versagens überragender Persönlichkeiten der Geschichte beweisen wollen. Nur auf den Schultern makellos reiner Heroen wollen sie zu stehen kommen. Den Ansprüchen von Feministen, Philosemiten, Umwelt- und Tierschützern, Menschenrechtsaktivisten und Anti-Irgendwas-Kämpfern müssen die Unter-stützenden (korrekt gegendert!) entsprechen, ansonsten blüht ihnen posthum der Pranger.

Das Problem dabei: in der Realität sind wir von all den Milliarden vor uns im historischen Geschehen Lebenden untrennbar, auch von den schlimmsten Übeltätern. Wir können es uns nicht aussuchen, denn wir hängen an allen Prozessen, unterliegen all den bis ins Molkeulargenetische ausgeprägten Impulsen der Entwicklungsgeschichte, die Menschen mit dem Universum verbinden. Die Geschichte war und ist nicht änderbar, nur interpretierbar. Man nennt das jetzt „Narrativ“, und im Dienste einer Gerechtigkeit, die bei genauerem Hinsehen viele kleine Nutznießerchen hat, darf daran kräftig weggelassen, geschraubt, beschönigt werden, um den eigenen Profit zu mehren. Je größer und mächtiger die Korporation, desto heftiger. Das ist nicht neu, aber seit dem 20. Jahrhundert haben wir gelernt, wie totalitäre Diktaturen Vergangenheit umlügen und versprechen, die Welt zu retten, auch wie sie dabei mit abweichenden Meinungen und mit Menschen umgehen, die sie äußern.

Mag sein, dass Johann Sebastian Bach – wie die allermeisten seiner Zeitgenossen – judenfeindlich eingestellt war. Seine Musik ist es nicht. Wenn das Werk mehr weiß als sein Schöpfer, wird es überleben. Eine widerlegte Theorie aber wird nicht dadurch richtig, dass sie als religiöse Wahnidee fortexistiert und womöglich Gesellschaften umstürzt. Sie hat die Wahrheit gegen sich: unsere gelebte, auf Vergangenem gründende Realität. Sie schenkt die Freiheit, Nein zu sagen, wenn Ideologen und Politbürokraten die Zukunft bewirtschaften wollen.

Die ganz privaten Klimakatastrophen

IMG_20141003_182837_1Dass Menschen für Geld oder Karriere (oder beides) jede Freundschaft opfern, ist gewöhnlich. Im System der rechnenden, alles quantifizierenden Gesellschaft sind Vertrauen, Freundschaft, Liebe keine darstellbaren Größen. Experten der Statistik bemühen sich dennoch mit enormem Aufwand an Projekt- und Werbegeldern, alles und jeden in ihre Rangordnungen – denglisch “Rankings” – einzukästeln. Dabei kommen romantische Konstrukte wie “Die größte Liebe des Jahrhunderts” etc. heraus. Sie lassen sich medial prima vermarkten, und die auf Konsenskultur und Passgerechtigkeit zu den Geldmaschinen konditionierte Herde folgt ihnen gern.

Das Menschenrecht auf Rechnen ist beinahe durchgesetzt, die auf Geldwert und Preise verkürzte Perspektive des Subjekts auch. Massenhaft. Für den einzelnen Menschen ergibt sich daraus bisweilen ein Problem. Er wähnt zwar, dass zu seinem Lebensglück nur genug Geld – die Größenordnungen geben die Stars der Rankings vor – nötig ist, aber wenn sich die  Realität solchen Wünschen verweigert, greift er in der Not auf atavistische Lebensmittel wie Vertrauen, Freundschaft, Liebe zurück. Gern stellt er sie bei besserer Gelegenheit auch wieder in den Dienst von Erwerb und Karriere – das ist in dem herrschenden sozialen Umfeld schier unvermeidlich.

Gelegentlich aber stört das unberechenbare, aus Schmutz und Spontaneität genährte Leben den Fortschritt der Geldwirtschaft. Da wollen sich Leute partout nicht für ein paar Tausend (schlimmstenfalls Millionen) ihre lächerlichen, wirtschaftlich völlig irrelevanten Eigensinnigkeiten abkaufen lassen. Denen fehlt einfach die Sozialkompetenz. Die sind nicht bereit, ihre egozentrischen Spinnereien dem berechenbaren Nutzwert anderer unterzuordnen. Sie sind asozial.

Irre ich mich – oder ist das die Beschreibung eines sozialen Klimas?

Wenn Freundschaft, wenn Liebe zu diesem Klima passen muss, dann kündige ich sie auf. Vertrauen wird dazu sowieso niemals passen. Und wie Liebe, Freundschaft, Vertrauen “nachhaltig” sein sollen, wenn man sie ausrechnen können muss – darauf sind mir die Experten und Statistiken dieser Welt die Antwort schuldig.

Gut und Böse

©Photo. R.M.N. / R.-G. OjŽda

Gut und böse – sauber geschieden?

Was hat es eigentlich mit dem Begriff „Gutmenschen“ auf sich? Handelt es sich um eine Frage der Ehre? Wird ein Anspruch – Gutes tun zu wollen – zu einer Beleidigung?

Nachdem Paukboden und Pistolenduell als Beweise der Ehrenhaftigkeit ein wenig aus der Mode gekommen sind, scheint es doch ein starkes Bedürfnis nach Ersatz zu geben – zumindest im Verbalen. Da ist mit Worten statt Waffen ein weniger ehrenhafter Gegner zu erledigen. Der „Neoliberale“ und der „Chauvi“, der „Rassist“ und „Homophobe“ leisten in diesen Wortgefechten ebenso gute Dienste wie der „Kommunist“ oder „Gutmensch“. In Balz- und Rivalitätsritualen geübten Männern ist ein jahrhunderttausende alter Vorsprung, den Damen ein gewisser Nachholbedarf in derlei Attacken zweifellos zuzugestehen. Alles in allem bleibt es spannend – und einträglich für den Boulevard, also auch für die gebührenfinanzierten Anstalten, denn Gewalt Macht Lust – sei’s auch nur in Form verbaler Kraftmeierei – ist das Geheimnis jeglichen erfolgreichen „Storytellings“. Das gilt auch für Kraftmeierinnenei – Alice Schwarzer wird es gern bestätigen.

Das Universum bewegt sich inzwischen ungerührt weiter, die Reserven des Planeten werden für alle – unabhängig vom Geschlecht, der Religion, der Überzeugung eigener Unfehlbarkeit knapper. Vielleicht könnte man’s so formulieren: Egal an welche Götter einer glaubt: Er sollte nicht wähnen, dass deren Geduld mit der Schwachsinnigkeit ihrer Gemeinde unerschöpflich ist.

Aber genau das ist der Wahn, dem gegenüber sich bislang alle Versuche verständigen Nachdenkens schlecht behaupten konnten. Okay: Die Sache bleibt spannend, je nach persönlicher Position mehr oder weniger ernst, vielleicht nicht einmal hoffnungslos. Allerdings kommen wir auf keinen Fall raus. Es wäre eine Überlegung  wert, ob man nicht vielleicht doch mehr Energie in die Suche nach gemeinsamen Zielen und Partnerschaften investieren sollte als in die nach wunderbar aufregenden Feindbildern.

Zukunft, Panzer und Moral

Bald 500 Jahre alt ist Thomas Morus’ Roman von der Insel Utopia.

Ob sie als Satire, Albtraum oder Zukunftsvision einer moralisch geläuterten Nation gelten darf, ist die Frage

Insel_Utopia

Zu bestimmten Terminen wird der sowieso weitgehend homophone Journalismus in seinem Gleichklang besonders penetrant. Einer ist – falls sich seiner überhaupt jemand erinnert – der 17. Juni. Über die plattgewalzten Gefechtsfelder der Quotenmedien “walzen die Panzer des SED-Regimes” oder “der Sowjets”,  “den Aufstand der ostdeutschen Arbeiter nieder”, oder so ähnlich. In der Abgasfahne verwehen noch ein paar pflichtgemäße Hinweise auf Stasi, den Bau der Mauer, das politische Personal und das Ende der DäDäÄrr – auf zur nächsten Agenturmeldung.

Über eigentlich Wichtiges wird kein Wort mehr verloren, denn aus Geschichte, lernt sowieso niemand etwas, schließlich gibt es Statistiken, mit deren Hilfe sich Zukunft präzise vorhersagen lässt, je genauer und umfänglicher Daten erhoben worden sind, desto besser. Nun ja.

Ein Blick auf die Zukunftsprognosen des Jahres 1953 – die in den am meisten konsumierten Kanälen, die am weitesten verbreiteten, am innigsten geglaubten und brachial gegen abweichende Meinungen durchgesetzten, lassen ahnen, dass es um die gesicherten Weisheiten von heute nicht besser steht als um die “wissenschaftliche Weltanschauung”, kremlastrologische Vorhersagen oder vermutete Trends in Technik und Wirtschaft von damals. Das einzige, was sich damals wie heute dauerhaft bewährt, ist die Fähigkeit menschlicher Wahrnehmung, unangenehme Tatbestände auszublenden.

Zu diesen unangenehmen Tatbeständen gehört, dass eine überwältigende Masse der Bevölkerung in Deutschland der Machtübernahme der Nazis 1933 zujubelte, bei der Ausrufung der DäDäÄrr 1949 die Köpfe einzog und nickte, am 17. Juni 1953 mit eingezogenem Kopf und eingeschaltetem RIAS zu Hause blieb. Sie hätte die Köpfe auch 1989 und darüber hinaus eingezogen, hätte nicht die politische Großwetterlage – vor allem die Situation in der Sowjetunion, in Polen, in Ungarn – hätten nicht Massenflucht, der Präzedenzfall von Leipzig und der Aufwind der Opposition den Impuls “Ich auch” zum Mitmarschieren in die neue Richtung ermutigt. Der Marsch schwenkte rasch und deutlich in Richtung “erst kommt das Fressen, dann die Moral”. Fast alle, auch die strammsten SED-Mitmarschierer waren dabei.

Es wäre nicht Deutschland, verliefe der Marsch unter dem Banner “Ich will das jetzt auch” anders als in Richtung der just am mächtigsten Erscheinenden, jener, deren Heilsversprechen mit dem größten Verdrängungsvermögen gegen die Konkurrenz einhergehen. Manche nennen das hinterher Revolution.

Wenn alle – auch Katzen, Hunde, Meerschweinchen etc. satt genug sind, die Frage nach dem Fressen also nur noch hinsichtlich der Details “Bio oder nicht?”, “Fleisch oder nicht?” unbeantwortet, dann ist’s in Deutschland Zeit, die Moralfrage zu stellen.

Führerinnen und Führer finden sich alsbald, die Freispruch von allen Sünden, die Zugehörigkeit zum Strom des Guten verheißen. Linksrotgrünen, tier- und naturschützerischen, esoterischen Populationen, Glaubensrichtungen aller Art verkündigen sie eine bessere, saubere, moralischere Welt vollständiger Gleichberechtigung für alles und jeden, sie werden zur Avantgarde für all jene, sich zu kurz gekommen, von der Demokratie enttäuscht fühlen. Eine neue Zukunft muss her: Utopia.

Tatsächlich bedienen sich die Künder der neuen Zukunft einer wohlbekannten politischen Kraft: des “kleinen Mannes”, manchmal im Journalistenrotwelsch auch “der kleine Mann auf der Straße” genannt, inzwischen viel deutlicher als “der kleine Mann auf der Datenautobahn” auszumachen. Er will sich dort nicht allein fühlen, er will mitlaufen. Schon strömt in Communities zusammen, was nichts so sehr fürchtet, wie nicht dabei zu sein, wenn es Machtgefühl wie Freibier zu saufen gibt. Das könnte man aus der Geschichte lernen.

Die nicht mitmarschieren wollen in den moralischen Feldzügen deutscher Duckmäuse gegen den Rest der Welt, werden allerdings nicht die Köpfe einziehen: Damit der 17. Juni 1953 ebenso Geschichte bleibt wie der 13. August 1961, der 30. Januar 1933 und der 9. November 1938.