Weihnachtsgurken (III)

(Zurück zu Teil II)

 Als Mutter und Großmutter mir die Begebenheit erzählten, war der Heringssalat am Heiligen Abend längst wieder unverzichtbares Ritual, es kamen sogar Orangen auf den Gabentisch, denn im Rheinland war das Wirtschaftswunder im Gang, die Geschwister der Omma halfen – und zwar uneigennützig – mit Westpaketen. Aber immerhin erfuhr ich noch, dass die „Weihnachtsgurken“ wirklich für alle Beteiligten ein Glücksfall waren: Bauer Kurt hatte in jenem Jahr einen ziemlich üppigen Teil der Gurkenernte dem Zugriff der Behörden entzogen, er brachte ihn kurz vor Weihnachten mit Gewinn unter seine Kundschaft. Emmy erfreute sich jedes Jahr aufs Neue an dem mundgeblasenen Engel. Das weiß ich, weil ich in den 60er Jahren einen heftigen Flirt mit ihrer Enkelin hatte, ausgerechnet an Weihnachten und leider nur kurz, vermutlich weil ich zu viel Heringssalat gegessen hatte.

 Die Omma hatte nicht nur Weihnachten gerettet, sie hatte einen monatelang haltbaren Gurkenvorrat. Meine Mutter triumphierte, denn sie hatte bei dem Deal eine reife schauspielerische Leistung abgeliefert: Sie verabscheute den strahlenden Engel eigentlich als Kitsch und war froh, dass die Familie stattdessen etwas Anständiges zwischen die Zähne bekam. Sie hatte Geschmack, verfehlte nur knapp eine künstlerische Laufbahn, weil ich zur Unzeit auf die Welt kam, aber das ist schon wieder ein andere Geschichte. Jedenfalls verdanke ich meiner Mutter wohl die Neigung zum Theater. Die eigentliche Ironie des Ganzen stellte sich erst kürzlich heraus: Bei der beliebten Fernsehshow „Bares für Rares“ wurde ein alter Glasengel aus Lauscha auf 1500 Euro taxiert. Dafür könnten Sie etliche Gurken vergolden lassen.

Gurke aus Glas als Christbaumschmuck
Vielleicht zum Ausprobieren einer etwas anderen Bescherung?

Auch die eigentliche Geschichte von den “Weihnachtsgurken” beginnt im 19. Jahrhundert: Eine kleine Gurke aus grünem Glas hing versteckt in den Zweigen. Wer sie zuerst fand, durfte mit dem Auspacken der Geschenke beginnen. Der seltsame Baumbehang wanderte damals aus dem Thüringischen Glasbläserdorf Lauscha in die USA, wurde dort als „Christmas Pickle“ zum Renner – und kehrte, fast vergessen, vor einigen Jahren als spaßiger Brauch zur Bescherung nach Deutschland heim. Das skurrile Gemüse gibt es mittlerweile in vielen Größen und Formen. Ob und wie oft darum bei der Bescherung gestritten wird, ist erstaunlicherweise von der Wissenschaft noch nicht untersucht.

ENDE

Weihnachtsgurken (II)

(Zurück zu Teil I)

 Okay, die Weihnachtskartoffeln, die uns Emmy ins Haus brachte, waren bezahlt, ihr Besuch bei uns entsprang also durchaus weitergehendem Interesse. Natürlich wussten das auch die darbenden Großeltern, sie akzeptierten es, anders hätten sie die gute Frau ja an der Wohnungstür abfertigen können. Beide Seiten wollten die Geschäftsbeziehung fortführen, der Blick in die gute Stube mit dem Christbaum war sozusagen einer auf unser Angebot. Einen Teppich gab es schon nicht mehr, die ausgetretenen Dielen waren nackt, die Schränke fast leer. Die Ölporträts längst verblichener Vorfahren waren uninteressant, Jagdtrophäen wie Zwölfender, Gehörne, ausgestopfte tropische Fische, Haifischgebisse etc. ließen Lebensmittelproduzenten erfahrungsgemäß kalt, wurmstichiges Biedermeier ebenso. Blieb der Christbaumschmuck. Sie merken, worauf es hinauslief? Meine Omma hub also an:

„Jefällt ihr dat Zeusch?“ fragte sie in ihrem rheinischen Singsang, und sie benutzte die Anrede in der dritten Person Singular, um ihr miserables Blatt mit dem einzigen Argument aufzuwerten, das sie hatte: Wäre der Preis miserabel, würde es kein Spiel geben. Die Omma hatte ihren Stolz. Sie fügte hinzu: „Et is ja in diesen Zeiten nit mehr viel wärt, aber wer weiß, wat kütt. Un et hängen eben Erinnerungen dran – sowat jibt keiner janz leischt ausse Hände. Un Billischkram am Christbaum – daran hätten Kinder und vielleischt mal Enkel janz sischer kin Fröid. Stimmt‘s Töschterschen?“

Meine Mutter nickte stumm und hielt mit dem Schmücken inne. Die besten Stücke lagen noch in den Pappkartons. Sie hatte mit der Tochter der Bauern die Schulbank in der Grundschule gedrückt, sie bereitwillig von Schulaufgaben abschreiben lassen. Das war eine der Grundlagen jener Geschäftsbeziehungen, an der Kartoffelsäcke und Krautköpfe hingen. Eine andere war, dass der Großvater mit Ärzten und Beamten am Stammtisch gesessen hatte. Auch das wusste die Bauersfrau, jeder wusste es, und es hielt die Habgier im Zaum. Sich beim Arzt einen Ruf als Halsabschneider zu erwerben, konnte sich in den Kleinstädten und Dörfern nur leisten, wer soviel Geld oder soviel Macht besaß, dass ihm ein übler Leumund egal sein konnte. Aber in den Jahren wertlosen Geldes, einer untergegangenen und einer von Besatzern verfügten Macht sortierten sich die Beziehungen neu. Sich Vertrauen zu erwerben bei den Richtigen war heikel – wer waren die Richtigen? Unsere „Dorfmadam“ hielt sich einfach an die Regel, dass man eine Gans, die goldene Eier – oder silberne Christbaumkugeln – legt, nicht schlachten soll.

 „Normole Silbädängä honn mä scho. Owä…ä boar Glöckle…onn: Dor in dä Mett doos Engele! Is scho ebbes…“1

 „Mutti, bitte! Nicht den Engel! Er ist das Schönste am ganzen Baum, gib ihn bitte, bitte nicht weg!“ Mit erhobener Hand brachte die Omma ihre Tochter zum Schweigen:

 „Also die Glöckschen könnten wir jerade so verschmerzen. Wat hätt se denn anzubieten?“

 „Doss mi kä Gäns mäa honn, dos wässt ü jo. Mittm Flaaisch is niss. Mi honn selwä net viel mäa wie Aardäffel, owä: Ä Lawwerwuäscht hätt ich noch. Ä Lawwewuäscht, ä Blutwuäscht on ä aigläts Sauschwänzle, für … sas Glöckle on dan Ängel.“2

 „Bitte Mutti! Mir reichen Kartoffeln, und wenn wir vielleicht den Hering…“

 „Gettz wachte domal!“, die Omma wurde ärgerlich. „Ob Elfriede den Hering bekommt, und uns davon abjibt, weißt du doch jar nit! Also. Vier Glocken für die Leberwurst, ouf dat andere müssen wir leider verzischten. Hoffen wir, dass wenigstens der Hering… Gundula, getz geh doch mal eben in die Küsche un frach den Papa, wat er davon hält.“ Gundula, aus der drei Jahre später meine Mutter werden sollte, verschwand. Die Bauersfrau seufzte, ihre Augen hingen an der Figur aus innen mit Silbernitrat verspiegeltem Glas, die auf einer Kugel dahinzuschweben schien. Große Flügel waren ausgebreitet, überm goldenen Blondhaar glänzte ein Heiligenschein. Zweifellos hatte der Glasbläser damit ein Meisterstück gefertigt.

 Dann gab sich Emmy einen Ruck: „Vier Glöckle für die Lawwerwuäscht. Un nu sö ich äuch ebbes: Wann ü ons dan Engel losst, no griecht‘e net bloß die Blutwuäscht on‘s Schwänzle, no griecht‘e ä gaanz Fässle mit Gorge derzu! Dor hott‘ü wochelang dervo, aa fürn Harengsselodt.“3

 Weitere Details des Handels erspare ich Ihnen – etwa wie lange Gundula und der Opa ihn durch Widerreden und Fragen nach der Größe des Fasses hinauszögerten – die Entscheidung fiel, als Tante Elfriede auftrat und, ohne auf die Bäuerin zu achten, ausrief: „Kinners die Heringe sinn da, und drei davon für euch, is dat nich doll?“.

 „Also jut, Emmy.“ Die Omma nahm die straffe Haltung einer Großgrundbesitzerin an, „sie kriegt wat sie will, vier Glocken und den Engel. Aber dat Fass muss heute noch in unserem Keller stehen, damit isch bis nach dem Gottesdienst den Heringssalat fertischkrieje.“

 Emmy klatschte in die Hände und grinste: „Ha frailich! Doos stätt jo scho onne be main Kurt afn Schliite! Zonte schafft hes glaich inn Keller noa!“4

 Keine Ahnung, ob Sie sich vorstellen können, welche Gefühle die Beteiligten von damals bewegten. Der einzige, der ein Haar im Heringssalat hätte finden können, war mein Opa. Er wusste, dass Tante Elfriedes Heringe ihn einen Teil seines Tabakvorrates kosten würden. Sein Neffe Hans, Elfriedes Ehemann, war Raucher. Tabak war eines der wichtigsten Zahlungsmittel, natürlich auch innerfamiliär, aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.


1               „Normale Silberdinger haben wir schon. Aber ein paar Glöckchen.. Und da, in der Mitte, das Engelchen wäre schon was…“

2               „Dass wir keine Gänse mehr haben, wisst Ihr ja. Mit Fleisch ist es nichts. Wir haben selber nicht viel mehr als Kartoffeln, aber: Eine Leberwurst hätte ich noch. Eine Leberwurst, eine Blutwurst und ein eingelegtes Sauschwänzchen für… sechs Glöckchen und den Engel.“

3               „Vier Glöckchen für die Leberwurst. Und jetzt sage ich Euch etwas: Wenn Ihr uns den Engel überlasst, kriegt Ihr nicht nur die Blutwurst und das Schwänzchen, dann kriegt Ihr ein ganzes Fässchen mit Gurken dazu! Da habt Ihr wochenlang davon, auch für den Heringssalat.“

4„Ja freilich, das steht ja schon unten bei meinem Kurt auf dem Schlitten! Jetzt schafft er‘s gleich hinunter in den Keller!“

Zur Fortsetzung (Teil III und Schluss)

Weihnachtsgurken (I)

1971 fielen die letzten Fachwerkhäuser der Herrenstraße in Suhl

Es sind jetzt ziemlich genau 50 Jahre, seit das Weihnachtshaus abgerissen wurde. Ich nenne es so, weil kein Weihnachten wie in dem alten Fachwerk mit den krumm getretenen Treppen war. Zwischen Toreinfahrt und erstem Stock hatten sich unter den Füßen von acht Generationen Holz und Nägel so aneinander abgearbeitet, dass beim Auf und Ab eine ganz eigene, knarrende Tonleiter hörbar wurde. Der Familienhund erkannte daran genau, wer kam, er sprang entweder zur Tür oder schlief einfach weiter. Selten knurrte er leise. Dann waren der Nachbar und seine Frau unterwegs, Familie Hüller, oder „die Hüllers“. Er mochte sie nicht, wir auch nicht. Sie schlugen ihre Kinder – aber das ist eine andere Geschichte.

 Wir wohnten also im ersten Stock dieses Hauses, von dort führte eine weitere knarrende Tonleiter auf den Dachboden, und dort war das Reich der Abenteuer, dunkel vom Staub der Jahrhunderte, von Sonnenstrahlen durchflirrt. In einer der Bodenkammern roch es ganzjährig nach Weihnachten, nach altem Stearin, Zimt, Mandeln und Räucherwerk. Na gut: Das mit den Gewürzen bilde ich mir womöglich nur ein – der Duft nach Kerzenwachs jedenfalls entströmte einer runden Schachtel aus Bast, die Frühling, Sommer, Herbst verdämmerte, bis ich sie aus dem Schrank holte für wenige Stunden, darin bewahrten wir Dutzende von Kerzenhaltern samt Wachsresten auf. Zur Bastschachtel gehörten Pappkartons, ebenso alt und staubig, voll wundersamer Dinge aus Glimmer, Glas und Stanniol. Wenn der Winter kalt und trocken war, flimmerten Pulverschneeflocken im Halbdunkel des Fachwerks. Der Wind trieb Kristalle durch Ritzen zwischen Ziegeln, Balken, Sparren; Lichtstreifen wanderten über grauweiße Wellen von Staubschnee, über schiefgetretene Dielen. Ich kann sie noch knarren hören.

Knäblein vom Christbaum mit antikem Schmuck
Der Autor als Knäblein vor antikem Schmuck

 Immer wenn mich meine Großmutter auf den Dachboden schickte, den Weihnachtsschmuck zu holen, war ich ganz von Vorfreude erfüllt. Ebenso aufregend war, den Christbaum aus dem Hof heraufzuschleppen – er reichte vom Boden bis zur Decke – das untere Ende mit Axt und Messer fürs breite Holzkreuz zuzuspitzen, in mit ein paar Schlägen zu verkeilen, aufzurichten bis er genau senkrecht stand, und all die alten Herrlichkeiten aufzuhängen, die mindestens von Urgroßeltern überliefert waren. Einige besonders kunstvolle Kugeln von den Lauschaer Glasbläsern und Schnitzereien aus Fernost, die der Großvater von Seereisen nach Südostasien mitgebracht hatte, waren leider in den Hungerjahren nach dem Zweiten Weltkrieg verloren gegangen. Der Tauschhandel mit Bauern, Hamstertouren nannte man das wohl damals, dieser Tauschhandel hatte nicht nur Teppiche, Bettwäsche, Porzellan und Gläser der Familie aufs Allernotwendigste reduziert – der Besuch einer Bauersfrau mit dringend benötigten Kartoffeln kostete Teile des traditionellen Baumbehangs: Emmy, so hieß sie, kam just am Heiligen Abend, alle waren froh, dass sie überhaupt kam, warf einen Blick auf meine Mutter, damals noch eine junge Frau von 21, die beim Schmücken war, und rief:

 „Hauwawau! So ebbes Deures hon mi net derhemm!“1

 Ich weiß nicht, ob Großvater und Großmutter damals einen kurzen Blick blitzschnellen Einvernehmens wechselten, die Omma erzählte mir jedenfalls 10 Jahre danach, dass sich der alte Herr, er stammte noch aus dem 19. Jahrhundert, mit seiner Tabakspfeife in die Küche verzog. Woher er im schlimmsten Mangel den Tabak hatte, ist wieder eine andere Geschichte. Großmutter begann, mit der „Dorfmadam“ zu feilschen. Ob sie denn gern etwas von dem Schmuck haben wolle, und was sie dafür herzugeben bereit sei.

 Nein. Wenn Sie, liebes Publikum, verstehen wollen, wie seltsam damals die Diktion, wie ausgeprägt Rollenmuster waren, die sich heute kaum mehr jemand vorstellen kann, muss ich anders erzählen. Bedenken Sie bitte, dass Landwirte in den ersten Jahren nach dem Krieg, in der sowjetischen Besatzungszone zumal, für Lebensmittel fast jede Gegenleistung verlangen konnten. Es gab sie, wenn überhaupt, nur auf Marken. Weihnachtsgänse gehörten ins Reich der Märchen aus guter alter Zeit. Mein Großvater war von einem stattlichen Sechziger zu einem klapprigen Greis heruntergehungert, dem jeder Filmregisseur unserer Tage eine stattliche Gage für einen Auftritt als Lagerhäftling in gestreiftem Anzug… Entschuldigung, ich schweife schon wieder ab.

 Die „Dorfmadam“ – Ausdruck meiner Omma – hatte damals Trumpfkarten in der Hand, mit denen heute, im Zeitalter globalen Handels, nicht einmal die allermächtigsten Landwirte der EU Subventionen abtrotzen könnten, vier Asse sozusagen, sie hießen Hunger, Hunger, Hunger und Hunger. Sie wusste das. Haben Sie eine Idee davon, was damals ein Zentner Kartoffeln wert war?


1               Übersetzt ins Hochdeutsch „Donnerwetter, so was Teures haben wir nicht zu Hause!“

Zur Fortsetzung (Teil II)

Europa der Völker oder der Bürokraten?

KershawAchterbahn2dDieses Buch ist ein Solitär in der Vermittlung jüngerer europäischer Geschichte. Am Ehesten würde man ihm gerecht, wenn man es zum Ausgangspunkt möglichst vieler Debatten zwischen Generationen, Nationalitäten, politischen Einstellungen machte – eine Hoffnung, die in scharfem Kontrast zum herrschenden Geist in der Politik, in den Medien und leider auch zur mangelnden Sorgfalt in der Gestaltung von Schulbüchern und Lehrplänen steht.

Den Titel hat Ian Kershaw trefflich gewählt. Sowohl was das schwindelerregende Auf und Ab, das Tempo und die Rasanz anlangt, mit der seit 1950 Geschichte „erfahren“ wird, als auch die rasch wechselnden Perspektiven und atemberaubenden Momente nahe am Absturz: Der Zeitgenosse bestätigt ihm, dass er ihn zu einer großartigen Reise einlud. Sie führte durch erschreckende und bezaubernde Landschaften, lenkte den Blick auf unbekannte Details, schärfte das Gefühl für abrupte Wendungen. Sie ist noch nicht zu Ende.

Die Bibliographie belegt ein veritables Gebirge an Informationen, das Ian Kershaw durchforscht hat, er hat dort hinein klug die Trasse seiner Achterbahn konstruiert, er baut Ausblicke auf Krisen und Umbrüche, Personen und Parteien, Ökonomie, Politik und Kultur, auf Nationen, Europa und die Welt ein und setzt sie zueinander in Beziehung. So wird etwa das Panorama des Kalten Krieges zugleich breit und tiefenscharf. Beim Betrachten desselben ebenso wie beim Passieren von Abgründen möglicher nuklearer Konflikte oder des hochbrandenden Jubels nach dem Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs erlebte ich meine eigene Vergangenheit als sehr präsent – wie viel Glück ich hatte, dem DDR-Sozialismus zu entkommen! – und doch sehr, sehr fern. Das liegt wohl an der klaren, unverschnörkelten Sprache des Erzählers, sie ist frei von Effekten, aber keineswegs ermüdend. Dafür ist gewiss auch dem Übersetzer Klaus-Dieter Schmidt zu danken.

Freilich: Wer Höhen und Tiefen der Historie selbst “durchwandert” hat, schaut mit anderen Augen auf die Bilder dieser Berg- und Talfahrt als Jüngere. Ihnen mögen sie wie Kulissen erscheinen, die sich mit anderen Geschichtsbildern vergleichen lassen. Ian Kershaw verhehlt nicht, dass er seine Route durchs zurückliegende Jahrzehnt an offiziösen Sichtachsen ausrichtet. So erscheinen etwa Klimawandel und Energiepolitik in allzu bekanntem Ausschnitt. Der Sachverstand von Naturwissenschaftlern und Technikern (nicht einmal der des IPCC) blendet die Chancen der Nukleartechnik für eine gewünschte Begrenzung des Kohlendioxyds in der Atmosphäre längst nicht mehr aus. Kershaw verweilt dagegen beim populistischen Ruf nach “Atomausstieg” – wegen der in Tschernobyl und Fukushima offenbarten Gefahren dieser Technik. Aber wenn dieser Ruf auch ein langes Echo hat: Der vermeintliche Echofelsen ist aus Medienmaché.

Ian Kershaw ist klug genug, kritische Fragen an die Zukunft seiner britischen Heimat und der EU zu stellen, er ermahnt dringlich zu Reformen. Was er sich dabei vom Walten der Bundeskanzlerin Merkel und des Präsidenten Macron verspricht, blieb mir rätselhaft. Bisweilen verengt er die Perspektive, etwa wenn er zunehmenden Islamistischen Terror auf Kolonialismus und fraglos verderbliche Interventionen des Westens im Nahen Osten bzw. in Afrika sowie Benachteiligungen von Moslems in Europa zurückführt. Innersystemische Impulse religiös grundierten Machtwillens kommen kaum ins Blickfeld.

Zeit, einen Blick auf eine zweite Metapher des Autors zu werfen, den “Schraubstock”. Er verwendet sie für die totalitären Regimes des Ostblocks, sie ist einprägsam aber etwas simpel. Es drehten ja nicht nur ein Stalin, Breshnew, Honecker und ihre Gefolgschaft an der Schraube gesellschaftlicher Kontrolle. Da sind Hunderttausende von Rädchen und Hebeln im Gestell des Staates und der Medien, “An-Gestellte”, und was sie treibt, ist nicht nur Einkommen, sondern auch informelle Teilhabe an der Macht. Sie gehören dazu, und Konformität ist der Eintrittspreis.

Solche Organisationen, gern auch als Bürokratie bezeichnet, waren in der Geschichte erstaunlich resilient gegenüber Machtwechseln: Deutsche Beamte blieben nach Hitlers Ermächtigung ebenso in Lohn und Brot wie nach dessen Untergang. Jüngstes Beispiel sind fast problemlos vom IS übernommene Behörden in Teilen des Irak; Houellebecqs Roman “Soumission” (“Die Unterwerfung”) beschreibt den Übergang zur Herrschaft des Islam in Frankreich aus der Sicht eines Hochschul-Angestellten. Ian Kershaw beweist auf der Fahrt mit der Achterbahn auch seine Sachkenntnis in Kunst, Literatur, Musik. Erstaunlicherweise deutet er nur an, welche Fragen sich insbesondere für die Kultur stellen, wenn in der EU, aber auch den UN und zahllosen immer mächtigeren NGO eine supranationale Bürokratie heranwächst, deren Anspruch auf Konformität schon sichtbar, deren Kompetenz zur Lösung der entscheidenden Konflikte in der Welt aber genau deshalb durchaus zweifelhaft ist.

Am Anfang ihrer Amtszeit verkündete Angela Merkel, sie wolle der Bürokratie Schranken setzen. Inzwischen treffen planwirtschaftliche Ausflüge der Bundeskanzlerin – etwa in der Klima-, Energie- und Migrationspolitik – auf ein erstaunliches Einvernehmen bei fast allen Parteien. Auch die Medien gehen gern konform. Widerspruch gegen die uneinlösbaren Wechsel auf europäische, gar globale Lösungen wird gern mit politischem Extremismus in Verbindung gebracht: “Rechts” und “populistisch” sei das. Auch Kershaw zeigt mit dem Finger in diese Richtung. Dass aber in Polen, Ungarn, Österreich konservative Regierungen großen Rückhalt finden, eben weil Frau Merkel und die EU-Bürokratie versagen, klärt er gar nicht als systemischen Mangel auf. Kurz und Orban haben nicht seine Sympathien – anders als der “grüne” Österreichische Präsident Van der Bellen. Das ist schön subjektiv, schmälert nicht das Vergnügen und ist mir viel lieber als vorgebliche „Objektivität“.

Am Schluss der “Achterbahnfahrt” spricht Kershaw vor allem von der Unsicherheit, Unvorhersagbarkeit und Unwägbarkeit aktueller Entwicklungen. Nein, eine EUdSSR wird es nicht geben, schon gar kein neues Nazireich. Aber bewegen wir uns nicht derzeit auf den Gleitkissen politischer Korruption weiter Richtung Konformismus? Viktor Frankl hat ihn als ebenso gefährlich für die Demokratie bezeichnet, wie den Totalitarismus, und mit dem Blick auf China, wo der Staat mit totaler Überwachung Konsens und Konformität der Meinungen durchsetzt, ist das beklemmend aktuell.

Unvermeidlich sind und bleiben Konflikte mit solchen Staaten, wenn individuelle Freiheit und Menschenrechte verteidigt werden sollen. Werden die westlichen Demokratien standhalten oder sich – wie auch immer ideologisch fundierten – kollektivistischen Diktaten unterwerfen? Sie haben – z.B. in den KSZE-Verhandlungen – Stärke bewiesen, als sie Menschen- und Bürgerrechte gegen den totalitären Konsens von der Überlegenheit sozialistischer Gesellschaften vertraglich durchsetzten. Vielen Europäern brachte das die Freiheit. Dass ein solcher Prozess in globalen Konflikten möglich wird, ist nicht mehr als eine Hoffnung. Sie zerbräche, wenn in den europäischen Staaten selbst Überwachung und Kontrolle durch bürokratische Apparate – seien es Behörden oder “outgesourcte” Zensur-, Spitzel- und Denunziations-Kollektive – die Freiheit der Bürger auf konforme Schienen zwänge.

 

Ian Kershaw Achterbahn

Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt

Originaltitel: Roller-Coaster. Europe 1950-2017

Originalverlag: Allen Lane

Hardcover mit Schutzumschlag, 832 Seiten, 15,0 x 22,7 cm

mit Abbildungen

ISBN: 978-3-421-04734-2