Ein tragischer Held – links, grün, vergessen

Bahro

Vierzig Jahre werden es, dass Rudolf Bahro seine radikale Abrechnung mit dem “real existierenden Sozialismus” in Buchform fasste. Die DDR-Oberen hatten 1976 gerade Wolf Biermann ausgewiesen, die kulturelle Landschaft riss auseinander, nicht nur wegen Biermann, sondern auch wegen der vielen anderen, die sich an seine Seite stellten und nun erpresst, bedroht, bedrängt oder bestochen wurden, auf dass sie widerriefen. “Die Alternative” durfte natürlich nicht in der DDR erscheinen, ihr Autor wurde von der Stasi inhaftiert, als er das Buch 1977 im Westen veröffentlichte.

Zehn Jahre später las Bahro dem Westen die Leviten und prognostizierte ökologische und soziale Katastrophen. Ist seine Analyse überholt? Es lohnt sich, angesichts der Konflikte unserer Tage das Scheitern dieses “linksgrünen Propheten” noch einmal genauer anzuschauen. Was haben heutige Weltenretter und Verkäufer linksgrüner Rezepte mit Bahro gemein? Wie sähe er es, wenn unter schadenfrohen Kommentaren autoritärer Regimes und ihrer Mitläufer lechtsrinke (oder rinkslechte) Heilsbringer demokratische Grundwerte zersetzen, wenn Tendenzen zum fürsorglich-bevormundenden Staat den Wert individueller Freiheit in Frage stellen wie einst in der DDR, wenn dem Bürger ein Korsett politisch korrekter Gesinnung aufgeschwatzt , Sicherheit vor Freiheit wieder zur Raison d’être wird?

Vor zehn Jahren habe ich ehemalige Weggefährten Bahros befragt. Das Radiofeature auf SWR 2 enthält frappierend aktuelle Einsichten in den Unsinn und die Gefahren utopischer Konstrukte mit Massenwirkung. “Den Fürsten der ökologischen Wende”, von dem sich Bahro die Weltenrettung versprach, hat es nie gegeben. Heerscharen von gewaltbereiten Mitläufern für alle möglichen Heilsversprechen gibt es. Viel mehr als er gern auf seiner Seite gehabt hätte.

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Vom Glück der Rauswürfe

Caspar_David_Friedrich_006Natürlich hatten sie vollkommen Recht, die Herren Hauptabteilungs-, Abteilungs- und der kommissarische Redaktionsleiter (er brachte es trotz wirklich beachtlicher Leistungen als Radfahrer nie zum etatmäßigen), als sie mir beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen den Stuhl vor die Tür setzten und meinen Vertrag als “fester Freier” nicht verlängerten: einen Nörgler, Quertreiber, Nestbeschmutzer kann eine Anstalt auf dem Weg zur quotenoptimierten Stromlinienform nicht brauchen.

Das traf mich damals hart, meine Einnahmen schrumpften von 100 auf 30%, obendrein gestaltete die Anstaltsbürokratie das Ende eines solchen “Rahmenvertrags” zu einem juristisch makellos abgesicherten “Ende mit Schrecken” aus: Der Verbannte durfte von keiner anderen Redaktion des Senders beschäftigt werden – das bedeutete: zwischen Trier und Heidenheim an der Brenz, Mainz und Friedrichshafen nahm kein Hund mehr ein Stück Brot von mir, falls seine Versorgung irgendwie mit dem SWR zu tun hatte. Ich bin trotzdem nicht sicher, ob sich das Fernsehen von diesem aufwendig und radikal vollzogenen Befreiungsschlag gegen einen penetranten Störenfried bis heute erholt hat.

Es war nicht der erste Hinauswurf meines Lebens. Die finanziellen Einbußen brachten mich für Jahre ins Schleudern, sie demolierten obendrein meine Altersversorgung: Im Gegensatz zur Rente für gut angepasste DDR-Bürger ist meine wegen jahrelanger Berufsverbote im Arbeiter- und Bauernstaat sowieso erbärmlich. Besonders ernst nahm ich diesen Hinauswurf indessen aus anderen Gründen: Die Schikanen des Ostens hatte ich unter anderem deshalb verkraftet, weil ich eine demokratische Öffentlichkeit für wünschenswert hielt und der marxistisch-leninistischen Form von Volksverblödung mit der Überzeugung entgegentrat: es geht auch anders, und das kann man bei den Anstalten des Westens sehen.

Das war ein Irrtum. Misstrauisch wurde ich spätestens an dem Tag, als der Fernsehdirektor verkündete, man habe „trinkbare Informationen“ zu liefern. Das hat funktioniert. Das Programm ist ein einziges Besäufnis: Bier zum Fußball, Wein – halbtrocken zur Volksmusik, trocken zur Talkrunde –, bunte Cocktails für bunte Serien, nette Filmchen, Prosecco für den Boulevard am Vorabend, süffig! Der Rest ist nur mit viel Schnaps zu ertragen. Vor allem die Gesundheitsratgeber. Süffig. Fast schon ein Glück, dass nicht mehr alle mitsaufen wollen. Die Zeche zahlen sie trotzdem.

Ich bin draußen – ich bin froh. Finanziell geht’s mir schlecht, aber ich habe seit dem Rauswurf drei Bücher veröffentlicht, das vierte ist fertig. Sie gehören nicht zum süffigen Teil des enormen Ausstoßes an Gedrucktem, aber sie sind ihr Geld wert – im Gegensatz zu dem, was mir auch künftig die GEZ abknöpfen wird. Das Beste: meine Leser bezahlen freiwillig.