Wettlauf der Killer

20170518_BalkonLebenslang musste sich mein Körper mit Gästen beschäftigen. Auch mit sich selbst, und er hat das wunderbar gemacht. Ich darf sagen, dass ich ein Mordsglück mit ihm hatte, ihn mag und gern noch viele vergnügte Jahre mit ihm zubringen möchte. Nicht alle Gäste waren willkommen, manche hatten allzu eigennützige und besitzergreifende Absichten, dann mussten Arzt und Apotheker helfen, die lästigen Besucher loszuwerden. Niemals wird sich feststellen lassen, ob solche gewaltsamen Hinauswürfe – für zahllose Viren, Bakterien, Pilze endeten sie tödlich – nicht auch Schrammen im Organismus hinterließen, die langfristig meine Lebenszeit verkürzen, aber sei’s drum: Auch ohne Arznei war mein Körper in dieser Richtung allzeit wehrhaft, er erwarb Resistenzen, das Immunsystem hat eine Menge Probleme weggeschafft. Es hat weitgehend unbemerkt sogar Krebszellen entsorgt, viele, viele Jahre lang: Ein enormer Berg Arbeit, zahllose Lernprozesse, und jetzt, da das Leben sich immer mehr der Kategorie “Rest” zuordnen lassen muss, bin ich dafür aus tiefstem Herzen dankbar.

Mir ist klar, dass der treue alte Bursche – die Geräusche von Schultern, Knien, Sprunggelenken, Wirbeln etc. legen den Ausdruck „Knacker“ nahe – es immer schwerer haben wird, nicht nur die Attacken aus dem Mikrokosmos abzuwehren, er wird auch wachsende Müllberge seines Stoffwechsels schlechter bewältigen, wird hinnehmen, wenn sich in der reichlich strapazierten Außenhülle beulenförmige Nichtsnutze einquartieren, wird in den Verdauungskanälen unerwünschte Stoffe schwerer beherrschen, wegen mürber Nervenbahnen später und weniger zuverlässig reagieren, kurz: Er wird schwächer werden, verletzbarer, während die Schmarotzer an Zahl und Diversität zunehmen. Ihnen ist egal, dass sein Tod fast immer auch den ihren zur Folge hat – sein Ende ist gewiss. Nur der genaue Zeitpunkt und der Name dessen, der den entscheidenden Treffer setzt, bleiben im Dunkel, es sei denn, Gerichtsmediziner sind gehalten, behufs gerichtlicher Auswertung einen Killer namhaft zu machen. Dann ist das Rennen aber längst gelaufen.

Hier nun stellt sich die Frage, ob ich in diesen voll entbrannten Wettlauf der Killer eingreifen sollte, und – wenn ja – wie. Ganz einfach werden Sie sagen, gehen Sie zu einem Arzt, lassen Sie sich gründlich checken, tun Sie etwas gegen erkannte Probleme und leben Sie fortan gesundheitsbewusster. Ein paar Dinge sprechen dagegen:

  • „Wer als gesund gilt, ist nur nicht genau genug untersucht“, hat irgendwann ein abgeklärter Weiser des Medizinbetriebs gesagt, und das trifft mit sehr, sehr hoher Wahrscheinlichkeit zu
  • Ärzte werden entweder reich, weil sie brillant sind – dann haben sie andere Patienten als ich es bin – oder reich,  weil sie nicht brillant, aber versiert im Umgang mit bürokratischen Verhältnissen und Geldmaschinen sind, dann könnte es sein, dass sie mich besonders genau untersuchen und manches behandlungsbedürftig finden, womit mein Körper ganz gut alleine zurechtkäme. Ich habe solche zum Glück kaum kennengelernt, aber es soll sie geben, anders ist das Wachstum von Kontrollmechanismen und der Gesundheitsbürokratie kaum erklärbar. Das Wort „Krebswachstum“ drängt sich auf. Ärzte schließlich, die brillant aber nicht reich sind, gelten als aussterbende Spezies. Ich verdanke ihnen viel, vor allem, weil sie erkannten, wann sie wirklich meinem Körper zu Hilfe kommen mussten. Sie haben ebenso wie die schlecht bezahlten Pflegeberufe ein Nachwuchsproblem.
  • Die Wissenschaft tappt bei einer auf die individuelle Biographie von Patienten zielenden Medizin noch weitgehend im Dunkeln, das ist kein Wunder, denn sie sprengt alle von der Bürokratie vorgegebenen Budgets. Wo sie es versucht – folgerichtig bei den größten Killern wie dem Krebs – werden Therapien schnell unbezahlbar. Nur sehr, sehr Reiche oder Mächtige dürfen also auf Heilung hoffen, wo Ärmere einfach sterben. Böse Kenner des Fürsorgestaates nennen das „sozialverträgliches Frühableben“.

Letzteres überlasse ich gern Leuten, die Anderen vorschreiben, wie sie gesundheitsverträglich zu leben haben, damit die Sozialkosten gedeckelt werden können. Ich kenne einige, die damit unerschütterliche Heilslehren für die Welt verbinden. In der Regel ist ihre eigene Versorgung mit ärztlichen Leistungen brillant. Ob ihre Lebensfreude größer ist als meine, sei dahingestellt – ich bin wieder bei meinem Körper und seiner Biographie voller Freuden und: Wunder!

Weniger ist es nicht, was in diesem Kosmos molekularen, mikrobiologischen, physiologischen, psychischen Geschehens im Laufe der Jahrzehnte ablief und jede Sekunde abläuft. Auf bis zu drei Kilogramm wird die Masse der Kleinstlebewesen veranschlagt, die unser Dasein jederzeit teilen. Und unter ihnen gibt es – wie überall sonst in der Welt – neben Fressen und gefressen Werden, neben Konkurrenz und Verdrängung auch Symbiosen, Lernprozesse, Anpassung und Integration. Helfen nicht manche Viren dem Immunsystem, neue Strategien zu entwickeln, ohne dass wir es merken? Vom Mikrokosmos genetischer und epigenetischer Dynamik ist so viel oder so wenig bekannt wie vom Universum. Der Wissenschaft gehen die Rätsel nicht aus, eher die Mittel. Zu beobachten ist, dass ihre Grenzen weniger vom Forscherdrang als von Geldmaschinen und Bürokratie gesetzt werden.

Die Lust am Spiel ist nicht gealtert

Seltsamerweise beunruhigt mich das umso weniger, je älter ich werde. Ich habe meinem wundertätigen Körper viel Auslauf gegeben, lustvoll drauflos gelebt, und die Naturwissenschaften haben mich gelehrt, dass die auf Sicherheit programmierte Mechanik von Geldmaschinen und Bürokratie, Planwirtschaft und Heilslehren es verdienen, radikal in Frage gestellt zu werden. Wenn ich Grenzen überschritt, erwies sich das meist als großes Glück, jedenfalls als unschätzbare Erfahrung. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“, sagt Erich Kästner. Konflikte waren so unvermeidlich wie förderlich. Für den Rest meines Lebens werde ich also auf meinen Körper hören wie bisher, so wenig wie möglich Zeit in Wartezimmern, Krankenhäusern, Reha-Einrichtungen verbringen. Es sei denn, ich kann dort Menschen mit Literatur Vergnügen machen und sie ermutigen: Im Wettlauf mit den Killern, in der Beschränktheit des „Gesundheitswesens“.

 

Abschiedswunsch

2012-05-17 16.34.28Weil gerade Winter ist und das Jahr zu Ende geht, weil es das Todesjahr meiner Mutter ist, weil die Abschiede immer mehr werden: von den eigenen Träumen und Vorhaben, von den Hoffnungen, die einer in andere gesetzt hat, weil … das Leben immer noch das größte Geschenk ist – hier ein Text gegen den epochalen Winter*

 

 

Das Jahr meines Todes sei sonnensatt.
Mögen Menschen trinken in vollen Zügen
Vom Licht, von der Lust, vom schieren Vergnügen
Vom duftenden Wald und der Kühle im Watt.
Wenn abends die Fische nach Süden fliegen
Wenn Frösche und Eulen die Sterne anbeten
Eltern beim Tanz ihre Kinder vertreten
Wenn Wein die Regie nimmt und Fleisch den Verstand
Wenn du mich liebst mit dem Rücken zur Wand
Wenn alle Monde sich uns vermählen
Wenn wir endlich am Ende sind mit dem Erzählen
Erlöst uns, versprich ’s mir, der letzte Kuss
Sei mein Universum, eine Welt ohne Muss
Du, meine Liebe, bist ohnegleichen
Das Jahr die Sekunde: ich muss dich erreichen.

* “Der epochale Winter” ist ein Buch des Schweizers Hanspeter Padrutt aus dem Jahr 1984

Ein Friedhofsjahrgang – ein Zeitalter

Recherchen zu einem Buch nehmen manchmal seltsame Umwege: Meine Erinnerungen an das Jahr 1976 sind ziemlich präsent, trotzdem vergewissere ich mich bisweilen – etwa darüber, was gerade in der Welt geschah, während Gustav Horbels Regiestudium knapp vor einem abrupten Ende stand.

Als schritte ich eine lange Reihe von Gräbern entlang, so ist mir bei Betrachtung dieses Jahres 1976, und vor jedem Stein oder Kreuz muss ich verweilen, weil mein eigenes Leben auf besondere Weise mit den Toten verbunden ist: jetzt, 35 Jahre nach ihrem Tod sogar intensiver als damals. Komme ich selbst dem Tod immer näher, da ich mich nun schon jahrzehntelange mit den Hingeschiedenen befasse? Oder zeigt sich an diesem Phänomen die Ganzheit der Welt, in der jeder mit allem verbunden, womöglich in einem die Zeiten übergreifenden Sinn “verschränkt” ist?

Werner Heisenberg verdanke ich meine Vorstellungen von der Quantenphysik; die Frage, ob er den Nationalsozialisten zur Atombombe verhelfen wollte, hat mich lange beschäftigt – zu seinem 100sten Geburtstag habe ich 2001 einen Film gemacht. Die Gedankenwelt des Philosophen Martin Heidegger lernte ich erst in den 80er Jahren kennen; er war in der DäDäÄrr nicht geschätzt, aber für mein Buch “Der menschliche Kosmos” war sein Blick auf die Technisierung der Welt eine Hilfe. Gustav Heinemann, der Bundespräsident der Ära Brandt,  hatte 1950 aus christlicher Überzeugung die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik abgelehnt, war als CDU-Innenminister zurückgetreten, weil er fand, dass Adenauers Politik die deutsche Spaltung vertiefte.

Ein folgenschweres Erdbeben in China 1976 sahen manche als Vorzeichen für den Tod Mao Zedongs, das folgende politische und wirtschaftlich Beben hat die Welt erfasst, auch wenn manche es immer noch nicht merken wollen. In Deutschland starben vier “Überzeugungstäter” in jenem Jahr; ihre Motive könnten gegensätzlicher nicht sein, ihre Schicksale weisen – jedes für sich – auf bis heute unbewältigte Konflikte: Michael Gartenschläger wird von einem Stasi-Kommando erschossen, als er mörderische Sprengfallen an der Innerdeutschen Grenze abmontiert, Flüchtlinge aus dem Osten – so beschrieb es ein hoher NVA-Offizier – “verarbeiteten sich selbst zu Hackfleisch”, wenn sie diese Todesautomaten auslösten. Ulrike Meinhof, von der Gustav Heinemann gesagt hatte: „Mit allem, was sie getan hat, so unverständlich es war, hat sie uns gemeint.“, erhängte sich in ihrer Gefängniszelle, ihrem Tod folgte eine Welle von Terrorakten. Anneliese Michel, 24jährige Pädagogikstudentin, wird Opfer eines Exorzismus – religiöser Wahn im idyllischen Mainfranken. Die Evangelische Kirchenführung im Osten sieht tatenlos zu, wie der Pfarrer Oskar Brüsewitz an seinen Konflikten mit dem SED-Staat zerbricht, er verbrennt sich vor der Zeitzer Michaelskirche.

Da wären noch die Erinnerungen an Max Ernst, Fritz Lang, Man Ray, André Malraux, Benjamin Britten und – ja! – auch an den Miterfinder der sowjetischen Düsenjäger der MiG-Serie, Michail Gurewitsch.

Am Ende des Spaziergangs zwischen den Gräbern von 1976 ist große Dankbarkeit: irgendwo wartet die eigene Reihe, wer Glück hat, muss nicht zu lange ausharren, und Vergessen kann auch eine Gnade sein.