Alle Jahre wieder…

Alle Jahre wieder…

20160311_201637

„Rilkes Blick, Rilkes Gesichter“ im März 2016

Annegret und Bernd Müller (Gesang, Gitarre) und Achim Quellmalz (Klarinette) gestalten inzwischen gemeinsam mit mir unsere Literaturabende im Atlantic Parkhotel in Baden-Baden. Seit 2013 unterhalten wir Gäste und Besucher des Hauses auch am Nachmittag des 24.12.; mit Geschichten und Liedern stimmen wir auf den Heiligen Abend ein. Es begann 2013 mit “Nussknacker und Mausekönig“ von E.T.A. Hoffmann 2014  folgte „Weihnachtsschmuck: Friede – Freude – Eierkuchen?“, ein unterhaltsamer Dialog zwischen Bruder und Schwester, die sich ihrer Kindheit in den 50er Jahren erinnern. Lachend über schräge Episoden aus Zeiten des Mangels fragen sich die Geschwister: Könnten wir uns heute noch so von der Weihnacht verzaubern lassen? Was ist geblieben vom Entzücken, von der Stimmung jener Jahre, als tradiertes Ritual und kleinste Geschenke die Augen leuchten ließen?

Hotelgästen und Hotelleitung gefiel das so gut, dass sie sich einen alljährlichen „Weihnachtskaffee“ im Kaminzimmer wünschen. 2015 amüsierten sie sich über „Die Weihnachtshasserin“. Eine Probe dazu habe ich  als Video auf YouTube hochgeladen. Das Programm für 2016 wird hier noch nicht verraten.

Advertisements

Weihnachtsschmuck: Friede – Freude – Eierkuchen? (Schluss)

Foto0790Geschenke seien verkappte Tauschgeschäfte, meint sie, oder sie dienten dazu Abhängigkeiten zu schaffen, zu befestigen oder auszuweiten. Sie korrumpieren, meint sie. Dankbarkeit macht erpressbar.

Aber das hängt von den Zielen der Schenkenden ebenso ab wie von den Erwartungen der Beschenkten – oder?

Ich weiß es nicht. Ein noch so gut gemeintes Geschenk kann sich als Fluch für den Beschenkten erweisen – ein übler Bestechungsversuch als Glücksfall. Liebe, Vertrauen, Güte und Gnade lassen sich nicht berechnen wie Gewicht, Länge, elektrische Spannung oder Benzinverbrauch. Ihre Dimension ist die Zeit, nicht die Ticktack-Zeit der Uhren und Terminplaner. Die Lebenszeit, die Erinnerung, die unsere Seele zeichnet und befestigt wie die Jahresringe das Holz. Die Erinnerung an Weihnachten ist so ein Jahresring: „Fürchtet euch nicht“ heißt die Botschaft eines jeden Jahres. Sie ist keine Versicherung, nur Ausdruck einer Hoffnung, dass ein weiteres, gesegnetes Stück Leben beginnen kann. Sie mag unerfüllt bleiben, aber sie hat große Kunst hervorgebracht, sie hat getröstet und ermutigt. Mich jedenfalls. Ich weiß nicht, wie es Dir geht.

Ich weiß es auch nicht. Aber ich möchte auf das Weihnachtsoratorium so wenig verzichten wie auf all die anderen wundersamen Dinge, die mit Geld nicht zu bezahlen sind.

 

Licht braucht Dunkelheit

 

Die Sonne geht wieder schlafen

Fürs dunkle halbe Jahr

Der Nebel lümmelt am Fluss

Die Sonne sagt ich muss

Einmal krankfeiern dürfen

Vergessen, vergessen

Dass ich so lange und immer zu Fuß

Für euch am Himmel war.

Ich gab noch den Blättern die Farben

Aus Wolken wird mein Bett

Schreit nicht, es werde zu kalt

Bedenkt, ich bin schon alt

Sah Welten entstehen

Vergessen, vergessen

Wie Völker und Heere – es gab keinen Halt

Am eigenen Dasein starben.

Genießt eure künstlichen Monde

Es lohnt ein jedes Fest

Verbaumelt ruhig etwas Zeit

Die Zeit ist unser Kleid

Dessen Farben verblassen

Vergessen, vergessen

Viel zu geschwind – dann ist es soweit

Es hilft uns kein Attest.

Dann liegt auf gestorbenen Träumen

Ein Leichentuch aus Schnee.

Schon ist das Jahr vorbei

Und mit Lichtern und Lärmen

vergessen, vergessen

wir Winter und Trauer – wie tief sie auch sei

nichts dürfen wir versäumen.

Weihnachtsschmuck: Friede – Freude – Eierkuchen? (V)

Die Bücher machten den Unterschied. Und dass die Omma uns vorlas – bis wir selber lesen konnten. Wir wollten es. Weihnachten war die große Zeit der Neugier. Das kann bei den Kindern nebenan nicht anders gewesen sein. Was mag ihre Phantasie bewegt haben?

Ja. Diese geprügelten Kinder. Die Mädchen kriegten weniger ab als die Buben –das war vielleicht Erwins Form der Ritterlichkeit. Wir sind mit keinem von ihnen zur Schule gegangen, sie landeten alle in der „Hilfsschule“ – so hieß das damals – vermutlich konnten sie kaum richtig lesen und schreiben. Bücher lagen wohl kaum für sie unterm Christbaum.

Bildung ist keine Frage des Geldes. Schulen und Bibliotheken waren frei. Heute würde es heißen, die Hüllerkinder entstammten „bildungsfernen Schichten“. Damals, im „Arbeiter und Bauernstaat“ durfte sich Erwin der „führenden Klasse des Proletariats“ zurechnen. Entsprechend ungehemmt behandelte er seinen Nachwuchs.

Wäre es Sigi und den anderen besser ergangen, wenn sie in einem „Erziehungsheim“ gelandet wären?

Wer weiß? Vielleicht hätten sie dort gelernt, sich als Schläger Respekt zu verschaffen? Oder als Duckmäuser und Denunzianten? Den anderen bei Erwin und Lilo hinzuhängen, um selber den Prügeln zu entkommen – darauf waren sie trainiert.

Wir haben nie mit diesen Kindern gespielt, immer mit den Kusinen und anderen aus der Nachbarschaft.

Worüber hätten wir mit ihnen reden sollen? Außerdem rochen sie schlecht. Kinder kennen da keine Gnade. Trotzdem war diese unüberwindliche Trennung zwischen Nachbarn, die eigentlich Tür an Tür lebten, keine Frage des Geldes. Mag sein, dass sie noch weniger Auswahl an Speisen hatten als wir, aber der Mangel im Osten traf uns genauso wie sie. Ich glaube, dass es einfach für sie sehr viel weniger Freude im Leben gab – ich kann mir nicht einmal vorstellen, woran sie sich hätten freuen können, außer vielleicht an reichlichem Essen und ein paar Süßigkeiten zu Weihnachten, neuer Kleidung oder Schuhen, die Mädchen hatten einfache Puppen. Und Frieden? Das dritte Wort war übrigens Gnade. Weihnachtsfriede, Weihnachtsfreude, Weihnachtsgnade.

Das ist komisch. Jetzt – da du es sagst – fällt mir ein, wie der Pastor das von der Kanzel in den hohen, von Kerzen erleuchteten Kirchenraum rief. Er hatte eine mächtige Stimme, er brauchte kein Mikrophon. Noch in der letzten Reihe war er zu hören. „Weihnachtsgnade“! Auf einmal verstehe ich, wieso die Hüllerkinder an ihren Eltern hingen.

Du meinst, sie liebten sie trotz der Prügel?

Sie hatten einfach niemand anderen. Niemanden, der sich ihnen zuwandte, der ihnen Aufmerksamkeit schenkte, sie wichtig nahm, indem er sie lobte und strafte. Diese Bindung war – so primitiv und erschreckend sie uns erschien – besser als gar keine. Ob man das Liebe nennen kann weiß ich nicht. Die älteren Söhne machten sich aus dem Staub, sobald sie alt genug waren, und tauchten nie mehr auf. Aber ich habe erlebt, wie die Kleineren Lilo buchstäblich am Schürzenzipfel hingen und wie ihre Blicke an Erwins Lippen klebten, wenn er mal nicht brüllte, sondern ihnen etwas erklärte oder mit einem der Nachbarn redete. Ich kann mir vorstellen, wie dankbar, vielleicht demütig, sie Heiligabend ihre Bonbons, ihre Puppe oder sonst ein Spielzeug empfingen.

Von Erwins und Lilos Gnaden.

Der Vater war in ihren Augen ja auch ein mächtiger Beschützer – gegen die bösen Hausbesitzer zum Beispiel. Die hatten sogar einen Hund!

Schecki, diesen Kläffer. Wenn er Erwin nur von weitem sah, kniff er den Schwanz ein. Eigentlich hatte er gar keinen Schwanz, nur einen Stummel.

Ja, aber ziemlich laut bellen konnte er: Wenn sich die Omma, Mutter und die Hüllers anbrüllten, machte er im Hintergrund Rabatz – und die Kinder hatten Respekt vor ihm – jedenfalls, so lange sie klein waren. Schecki knurrte sie gewohnheitsmäßig an, wenn sie an ihm vorübergingen. Ihr Vater hatte keine Angst, er war ihr Held. Er konnte Schecki zerschmettern. Schecki wusste das.

Aber das meinte der Pastor wohl nicht, wenn er von Weihnachtsgnade sprach: Dass einer demütig und dankbar sein soll, weil er nicht vom HERRN wegen seiner Sünden zerschmettert wurde. Mit Dankbarkeit hatte es aber wohl schon zu tun. Und bei mir sind diese drei Worte hängengeblieben. Wenn die Lichter brennen, wenn für eine Zeit – sie mag noch so kurz sein – die Ängste, Sorgen und Konflikte schweigen, dann empfinde ich diese Zeit als Gnade, ich bin dankbar dafür.

Ich auch. Ich rieche den Duft von altem und neuem Wachs, die Flämmchen wecken alle Erinnerungen, die Freuden unserer Kindertage…

Deshalb der Fimmel mit den echten Kerzen. Großartig! In Zeiten, da jeder gefahrlos mit farbigen LED dekoriert…

Ja! Oder warmweiß, mit Funkfernbedinung, dimmbar und mit Flackereffekt…

…in Zeiten, da der Gesetzgeber Rauchmelder in jeder Wohnung vorschreibt, kokelst du mit tropfenden Wachslichtern herum. Das kann sich nur einer leisten, der keine Kinder hat.

Sogar Hüllers mit ihren sechs Kindern haben sich das geleistet. Es hat nie einen Brand gegeben. Bei ihnen nicht, bei uns nicht. Alle, auch die Kinder, passten auf. Alles hängt davon ab, wieviel Aufmerksamkeit dem Weihnachtsbaum gehören soll. Ist er wirklich der Mittelpunkt? Wenn er nur ein Stück Dekoration ist, das halt ein- und ausgeschaltet, sonst aber nicht weiter beachtet wird, weil der Tablet-Computer, die Spielekonsole oder das Fernsehprogramm wichtig sind, sollte er absolut alle Normen der Brandsicherheit erfüllen. „Achten Sie bitte auf die Prüfzeichen des TÜV!“

Steckst du dir Kerzen an die Fichte

Zeigt dich das Fernsehen bald im Brandberichte.“

Ha ha. Hast du noch nie jemanden wegen der Weihnachtsstimmung jammern hören, die sich so gar nicht einstellen will? Da ist doch nun wirklich alles nach Plan gelaufen: Einige Besuche auf dem Weihnachtsmarkt hätten helfen sollen, die Geschenke waren rechtzeitig gekauft und verpackt, der Baum geschmückt, das Essen vorbereitet, wer sicher gehen wollte, in Stimmung zu kommen, hat die Christvesper über sich ergehen lassen, samt quengelnden Babys, langweiliger Predigt und von der Orgel mühsam niedergehaltener falscher Gesänge – und hastdunichtgesehen isses schon wieder vorbei, irgendwie kam man nicht in Stimmung. Glaub mir: Die Wachslichter machen einen Unterschied. Du musst dich um sie kümmern, sie beobachten, erneuern, aufrichten, damit sie nicht tropfen. Und wenn du das nicht als zusätzliche Last und Verpflichtung siehst, sondern als Chance, dir Zeit zu nehmen fürs Erinnern, Nachdenken, Reflektieren – dann geben die Flammen dir viel Zeit zurück.

Das will ich gelten lassen. Eigentlich versteht sich von selbst, dass Weihnachten als Position im Terminplaner wenig Freude verheißt – mögen die Geschenke noch so kostbar sein. Für uns Kinder war es viel mehr: Ein im Sinne des Wortes leuchtendes Versprechen, beglückt zu werden. Alles war gespannte Erwartung.

Was erwarte ich – wie erwarte ich es? Eine entferntere Verwandte hat sich mir gegenüber mal als „Weihnachtshasserin“ geoutet.

Vielleicht weil sie die Religion nicht mag?

Sie mag auch weder Heringssalat noch Gänsebraten, weder Lebkuchen noch Schokolade, weder Glühwein noch Eierpunsch. Sie mag nichts verschenken, auch keine Geschenke empfangen. Sie betont, sie habe alles, was sie braucht.

Gibt es etwas, worüber sie sich freut?

Dass sie gesund ist. Dass ihr nichts fehlt. Nichts.

Kein Geschenk.

Weiter zum Schluss

Weihnachtsschmuck: Friede – Freude – Eierkuchen? (IV)

kERZENGARTENJa. Das ist die Frage. Wieso hat die Omma nicht einfach Erwins Geschenk akzeptiert als – noch so vorübergehenden – Ausdruck seiner Güte? Als Beweis dafür, dass doch in jedem Menschen ein guter Kern steckt?

Sie wollte in puncto Güte das letzte Wort haben. Sie war ziemlich aristokratisch. Die Omma. Sie war ein leuchtendes Beispiel, wie sich aristokratische Haltung auch noch unter erbärmlichsten Umständen zu behaupten versucht. Wir waren fast mittellos, selbst auf die Gnade der Verwandtschaft im Westen angewiesen. Aber ein Geschenk von einem Proleten – ausgeschlossen!

Da ist natürlich was dran. Und natürlich hat Erwins Instinkt ihm genau diese Deutung eingegeben. Es war also nix mit Weihnachtsfriede, Weihnachtsfreude, Weihnachtswunder. Erwin grüßte bis Neujahr nicht einmal mehr. Die Art, wie die Omma auf den geschenkten Baum reagierte, empfand er als gnädige Herablassung, als arrogant. Er hatte eben auch seinen Stolz. Die Hüllers blieben uns, die wir der verabscheuungswürdigen Klasse der Hausbesitzer angehörten, also weiterhin, bis zu ihrem Auszug kurz vor dem Abriss des alten Hauses, spinnefeind, trotz der Westschokolade und der für damalige Verhältnisse exorbitanten Zahlung von zehn Mark für eine – höchst wahrscheinlich geklaute – Fichte.

Das leuchtet doch auch ein – oder?

Die Omma hatte ihre eigene Logik: „Wenn ich einen geklauten Baum bezahle, ohne zu fragen, bin ich vielleicht dämlich. Nehme ich ihn als Geschenk, mache ich mich dem Dieb zum Kumpan. Das möchte Erwin vielleicht, aber ich möchte das nicht. Basta.“ So durfte jeder seine Vorurteile behalten. Auf unsere Omma könnte man den alten Spruch münzen: „Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz“: Zehn Mark und zwei Tafeln echte Schokolade für eine Krücke von einem Christbaum.

Hm. Mir wäre auch die Schokolade lieber gewesen. Ein Weihnachtsfriede mit Erwin Hüller hätte sowieso kaum bis Neujahr gedauert.

Das wusste die Omma natürlich auch. Nicht, dass sie keinen Frieden gewollt hätte.

Im Gegenteil. Sie hasste Zank und Streit. Sie litt körperlich, wenn sie mit ihrer Tochter oder einem von uns aneinandergeriet. Ich frage mich, was passiert wäre, wenn nicht Lilo die Tür geöffnet hätte sondern Erwin. Er hätte das Geld womöglich zurückgewiesen. Was dann?

Vielleicht hätte die Omma Hüllers die nächste Miete erlassen. Zwölf Mark. Die Schokolade hätte sie heimlich den Kindern zugesteckt.

Wenn wir was übrig gelassen hätten.

Es war nicht allein der reichere Gabentisch, der uns von den Hüllers trennte.

Wären da nicht die Pakete aus dem Westen gewesen… Ohne sie hätte das Christkind uns freilich nicht viel mehr und anderes bescheren können als Sigi und seinen Geschwistern.

Weiter zum Teil V

Weihnachtsschmuck: Friede – Freude – Eierkuchen? (III)

Grinsekatze.jpg

Grinsekatze war in diesem Fall ein Grinsekater, schwarz

Komisch – diese Geschichte habe ich anscheinend vergessen.

Du warst erst acht, glaube ich – vielleicht auch an diesem Tag noch bei den Kusinen zum Spielen. Der Elfjährige bekam den Auftrag, den Duftbaum am besten gleich zu zerhacken, während sich die Mutter, den Rodelschlitten an der Hand, eine Handsäge im Rucksack, auf den Weg nach Ersatz machte. Notfalls hätte sie im Wald eine Fichte geklaut. Aber im Hof hielt uns Nachbar Hüller auf: „Stinkt ze sea, Lärje, oda?“. Er grinste uns an. „Isch hob jo dän Kota gäsähn. Wollta’n ondan?“

Hüller hat Hilfe angeboten? Vor diesem Schläger hatte ich immer nur Angst.

Ich auch. Mutter und ich – wir trauten ihm beide nicht über den Weg, Mutter wollte schon ablehnen, aber mit einem Blick auf die Uhr besann sie sich. „Was soll er denn kosten?“

Nüscht, ze Weenocht is geschenkt. Un weilse da Lilo geholfen ham mit dän Sigi.“

Stimmt. Unsere Mutter als Hebamme beim fünften – oder war ’s das sechste? – Kind der dicken Lilo. Ich hab ’s kaum glauben wollen. Ausgerechnet unsere Mutter schneidet in diesem stinkenden Loch einem Neugeborenen die Nabelschnur durch, badet es, wickelt es in Windeln. Das muss in jenem Jahr gewesen sein. War ’s nicht das Mauerjahr?

Niemand kam mehr weg. Aus uns konnten keine Flüchtlinge mehr werden. Mutter und Großmutter hatten jahrelang darüber gestritten: Gehen oder bleiben? Sie waren geblieben, sie wollten unser marodes altes Fachwerkhaus und den Garten unbedingt erhalten, trotz Mangels an Handwerkern und Material, trotz des Ärgers mit Behörden und Nachbarn wie Erwin und Lilo. Dabei bestimmten sie längst nicht mehr darüber, wer bei uns wohnte. Erwin war eingezogen, weil er nach dem Krieg – je nach politischer Sicht – „Umsiedler“ aus Breslau, so hieß es in der DDR, Flüchtling oder „Heimatvertriebener“ war, so hieß es im Westen. Erwin hatte zwei Söhne mitgebracht, fand in einem der umliegenden Dörfer seine Lilo und zeugte mit ihr weitere Kinder. Dem Jüngsten half unsere Mutter in die Welt, weil die Hebamme nicht schnell genug für Lilos routinierte Niederkunft war.

Beide deutsche Staaten wiesen nach dem Krieg Flüchtlingen Quartiere zu, Eigentümer mussten Platz machen und Zimmer räumen.

Wir hatten immer noch genug. Aber viel komfortabler als die Hüllers lebten wir nicht. Zwar hatten wir ’ne Wasserleitung wir mussten keine Eimer die Treppen hoch schleppen, aber hinunter aufs Plumpsklo mussten wir genauso, kein Spaß im Winter bei zehn Grad Minus.

Dass du mit deinen dicken Büchern dir dort nicht als Kind den Hintern erfroren hast… Aber egal: Wie ging’s mit Erwin weiter? Habt ihr den Baum genommen?

Er hatte zwei. Der erste habe Lilo nicht gefallen, da habe er einen anderen organisiert.

Klar: organisiert. Gekauft hatte er ihn nicht.

Er hätte auch lügen können – es war egal. Mutter hatte schließlich den Fuchsschwanz im Rucksack, und er war nicht so dumm, dass er das nicht mitbekommen hätte. Der erste Baum war wirklich nicht sehr ansehnlich, er bot uns aber sogar den besseren an: „Isch bin bloß ee eenfocha Oabeta, oba isch weeß, wos sisch zu Weenochtn geheat…“

Holla. Ob das der dicken Lilo gefallen hätte?

Wir werden es nie erfahren, Mutter nahm natürlich den schlechteren. Sie bedankte sich überschwänglich, Erwin murmelte noch etwas davon, dass die Hausbesitzer ja auch mehr und schöneren Schmuck haben als „ee eenfocha Oabeta“, dann trampelten wir erleichtert nach oben, auf die warme Insel, um die Krüppelfichte zum Christbaum herauszuputzen.

Christliche Nächstenliebe bei Erwin Hüller? Ich sehe diesen pöbelnden, prügelnden Ausbund an Hässlichkeit mit den eng neben der Hakennase stehenden gelben Augen, den an der Glatze klebenden Haarsträhnen, der Warze auf der Oberlippe genau vor mir. Sein schmaler Mund verzieht sich überm Porzellangebiss zu einem schiefen Grinsen, niemals hätte er ein Lächeln zustande gebracht. Ein Weihnachtsgeschenk von ihm wäre ein Weihnachtswunder… Das war das dritte Wort des Pastors, nicht wahr? Weihnachtsfriede, Weihnachtsfreude, Weihnachtswunder.

Es würde passen und es wäre ein prima Motiv für eine herzerwärmende Predigt zur Christvesper. Das Wunder von Bethlehem. Gott, der Allmächtige, begibt sich seiner Allmacht und kommt als bettelarmes, schutzbedürftiges Kind im Stall von Bethlehem zur Welt – wie der kleine Sigi im Hüllerstall.

Auf den kleinen Sigi warteten allerdings von seinem ersten Schrei an so viel Schläge, dass er an Leib und Seele Schaden nahm. Wäre er im Namen des Herrn geboren worden, hätten Erwin und Lilo ihm die Heilsgeschichte aus den Kaldaunen geprügelt. Sein Kreuz waren schon die Eltern. Seltsame Geschichte. Weil unsere Mutter ihren Abscheu überwand und Geburtshilfe leistete, zeigt sogar ein Erwin Hüller zu Weihnachten Gefühl. Soweit ich mich erinnern kann, hat dieses Wunder – in Gestalt eines krüppligen Christbaums – allerdings weder Sigis Kindheit noch das Verhältnis zwischen den Hüllers und uns mit Nächstenliebe erfüllt.

Das Wunder fand ja auch nicht statt. Und das dritte Wort war auch nicht Wunder. Das war dem Pastor womöglich zu abgedroschen. Manchmal glaube ich, dieser alte Mann mit patriarchaler Erscheinung wollte alles außer Eierkuchen-Eiapopeia zu Weihnachten. Mich beunruhigt er heute noch. Seine Botschaft von der Kanzel war: Prüft euch selbst. Was ist euch euer Glaube wert, was eure Nächstenliebe?

Er war beeindruckend. Aber wieso wurde nichts aus dem Wunder? Hatte Erwin damals irgendeine Heimtücke in petto, die ich nicht mitbekommen habe? Die etwas krumme, kleine Fichte als Ausnahme in der Reihe unserer stattlichen Christbäume kann ich mir inzwischen vorstellen. Entspannte sich nicht sogar das Verhältnis zu den Hüllers ein wenig – nach diesem Zeugnis guten Willens?

Die Omma hat es verhindert. Das Wunder fiel einfach aus. Es gab kein Geschenk, es gab demzufolge auch keinen Dank und keine gemilderten Antipathien. Kaum dass Mutter Erwins Baum ins Kreuz gekeilt, die Geschichte erzählt und mit dem Dekorieren begonnen hatte, griff die Omma zu ihrem Portemonnaie und verließ die Wohnung. Da ich neugierig war, folgte ich auf dem Fuß. Die Omma klopfte bei Hüllers, drückte der verdatterten Lilo zehn Mark in die Hand und sprach: „Dankeschön für den Weihnachtsbaum, Sie haben uns sehr geholfen. Ich weiß das zu schätzen. Ich weiß auch, dass Sie viel nötiger als wir das Geld für so ein Bäumchen brauchen, darum nehmen Sie das, auch für Ihre Kinder.“ Damit ließ sie dem Geldschein noch zwei Tafeln Schokolade aus ihrer Schürzentasche folgen, drehte sich um, schob mich in die Wohnung, ehe Lilo „Muff!“ hätte sagen können, von mir zu schweigen. Ich war stinksauer. Die Schokolade…

…kam aus einem Westpaket und war eigentlich für uns, nicht für die blöden Hüllerskinder. Wieso hat sie das getan? Etwa aus Nächstenliebe und Dankbarkeit für Erwins weihnachtliche Wandlung vom Saulus zum Paulus? Mit dem Mann hatte sie nichts als Ärger erlebt – von Mietschulden bis zu den zahllosen Interventionen gegen Prügelattacken auf die Kinder und vergeblichen Versuchen, Lilo daran zu hindern, die Wäsche statt in der Waschküche auf dem Vorplatz zu waschen.

Weiter zum Teil IV

Weihnachtsschmuck: Friede – Freude – Eierkuchen? (II)

Herrenstraße26Weihnachtsfriede, Weihnachtsfreude, Weihnachts…”, nein, das dritte Wort war nicht “Eierkuchen”. Es war ein Wort, das der alte Pfarrer, ein Orator vor dem Herrn, in der Heiligabend wie sonst nie gefüllten Kirche dem Publikum abverlangte. Dem Publikum, denn “Gemeinde”, Gläubige, die zum Gottesdienst kamen, waren ja nur wenige. Die meisten dieser Kirchenbesucher wollten sich in die rechte Stimmung bringen und den mitgebrachten Kindern die Zeit bis zur Bescherung verkürzen. Ganz wenige kamen, weil sie sich dem antireligiösen Staatswesen widersetzen wollten. Der Pastor wartete einen winzigen Moment, als wollte er das Wort aus dem Publikum hören.

Was war eigentlich dieses „dritte Wort“?

Denk nach. Was passt zu Weihnachten, zu Friede und Freude – außer Eierkuchen?

Heringssalat?

Stimmt. Auch Tauwetter. Vor allem natürlich „Geschenke“. Und der Baum.

Wenn wir ihn aus dem frischen Pulverschnee im Hof holten, war er noch steif vom Frost. Wir schüttelten ihn ab, trugen ihn die Tonleiter hoch, spitzten mit einem großen Küchenmesser das untere Ende zu. Der Fuß wurde in einem Holzkreuz verkeilt, die Wohnzimmertür verriegelt, denn er stand genau davor, in einer Ecke, und er reichte bis zur Decke.

Bis an eine besonders auffällige Schmutzbatik. Ja, an einen Winter erinnere ich mich besonders. Es fror Stein und Bein, und unser Christbaum war ein Prachtexemplar, gerade gewachsen, so hoch, dass wir unten etwas absägen mussten. Wir packten den Schmuck aus den Schachteln: die Kerzenhalter voll altem Wachs wurden angeklemmt, die silbernen Kugeln, Vögel, Glocken so verteilt, dass sie nicht über den Kerzen hingen, möglichst auch nicht darunter, damit wenigstens ein paar über die Feiertage kamen, ohne von Stearin bekleckert zu werden. Es war sehr alter Christbaumschmuck, damals schon mindestens 20, 30 Jahre alt, und es war ziemlich viel. Der Baum hing voll und bekam zum Schluss noch ordentlich Lametta.

„Früher war mehr Lametta“!

Ja. Der Baum sah prächtig aus. Heiligabend mittags taute er auf und begann zu duften.

Fichte oder Tanne?

Keines von beiden. Er hatte ein Geheimnis, das vom Frost konserviert worden war, und nun, da in der Stube das Eis schmolz, gab er es preis: Im verschneiten Hof hatte ihn der schwarze Kater angepinkelt.

Woher weißt du, dass es der schwarze war? Im Hof trieben sich Dutzende Kater herum.

Der schwarze war der hässlichste und bösartigste, unbestritten. Einmal hätte ich ihn fast erwischt, wie er auf die Schwelle meines Kinderzimmers pisste, der Gestank war unverwechselbar. Wir mussten also an jenem Heiligabend mittags den wunderschönen Baum abdekorieren, wegschaffen und irgendwie einen neuen besorgen.

Weiter zum Teil III

Weihnachtsschmuck: Friede – Freude – Eierkuchen? (I)

Ein Dialog zwischen Geschwistern

weihnacht53Erinnerst du dich? Dieser Duft nach altem Stearin. Er entströmt einer runden Schachtel aus Bast, dunkel vom Staub der Jahrzehnte in der Bodenkammer. Alles was zu diesem Duft gehört, ist längst verschwunden: der Dachboden, wo die Schachtel den Frühling, Sommer, Herbst verdämmert, bis sie aus dem Schrank geholt wird für wenige Stunden, mit ihr die Pappkartons, nicht weniger alt und staubig, voll wundersamer Dinge aus Glimmer, Glas und Stanniol. Manchmal flimmern Pulverschneeflocken im Halbdunkel des Fachwerks, wenn der Winter kalt ist und trocken, der Wind treibt Kristalle zwischen Ziegeln, Balken, Sparren hindurch. Da sind Ritzen, durch die weißes Licht flirrt, über grauweiße Wellen von Staubschnee, über schiefgetretene Dielen. Hörst du sie knarren?

Ja ja. Damals. Es war eine Hatz, den Schnee wegzuschaffen, bevor er schmelzen und braune Wasserränder an die Decke darunter batiken konnte. Schmutzbatik. Schmutzbatiken gab’s einige an den Zimmerdecken des alten Hauses. Aber der Boden war eine riesige Wunderkammer. Von dort holten wir auch Schlitten, Bretter und Skischuhe.

Verschwunden, vergangen. Aber der Duft alter Kerzenreste – weißt du noch? Es riecht nach Weihnacht. Bis Heiligabend hat der Christbaum im Hof gestanden, im Schnee. Dann tragen wir ihn hinauf, den Schmuck vom Boden herunter über die knarrenden Holztreppen. Tonleitern aus Holz. Gestimmt in zwei Jahrhunderten von Tausenden Füßen: langsamen und schweren, kleinen, flinken, leichten, und von Hundepfoten.

Auch von Stürzen. Vom Poltern der Zinkeimer, die Nachbar Hüller seinen Buben nachschleuderte: „Holamal’n Eema Wossa, Lärje!“ Tag für Tag. Wasser von der Leitung im Hof für den wachsenden Haushalt, Kind für Kind, fast Jahr für Jahr. Wie viele Eimer Wasser haben sie hinauf geschleppt in knapp zwei Jahrzehnten? Was für Weihnachten mögen sie gehabt haben, diese Hüllers, in ihrer Wohnküche? Ich weiß nicht einmal mehr, ob die Kinder zu Weihnachten weniger Prügel bekamen. Die Tür zu diesem stinkenden Stall blieb immer zu. Meistens knallte sie zu, dann hörten wir das Gebrüll der Eltern, das Jammern und Schreien der Kinder. Gab es dort ein Weihnachten?

Immerhin wünschte man auch diesen Nachbarn „Frohe Weihnachten“. Und einen Baum hatten sie wohl, sie gingen nur nicht zur Kirche.

Weiter zum Teil II