Leben ist gratis – im Wesentlichen

Krohusblüte

Die verlässlichen Wunder eines jeden Jahres – gratis

„Gratiskultur“ ist beinahe ein Schimpfwort. Es zielt wohl auf eine Haltung, die sich mit dem Slogan „Ich – alles – sofort – gratis!“ verkürzen ließe und ungehemmtem, egoistischem Anspruch eignet. Freilich soll dieses Schimpfwort inzwischen die freie Verfügbarkeit von Inhalten im Internet allgemein disqualifizieren.
Das macht mich hellhörig. In diesem pejorativen Gebrauch äußert sich die Wut von Geldmaschinenbetreibern, denen es partout nicht gelingen will, auch noch die Atemluft – wie schließlich jegliches Lebensbedürfnis und jede Lebensäußerung – zu verwerten.
Ich gestehe ganz offen: ich bin ein Kind der Gratiskultur und werde alles tun, zu ihrer Ausbreitung beizutragen. Den absolut größten, den wesentlichen Teil meines Lebens verdanke ich nämlich nicht der Warenwirtschaft, sondern dem unmittelbaren Umgang mit Menschen, den Gaben Gottes in Form der uns umgebenden Natur und meiner Bereitschaft, nach bestem Vermögen – und dabei handelte es sich eben nicht um Geld – mit beiden in Austausch zu treten. Was ich an Liebe empfing, war ebenso gratis wie die Einführungen in Literatur, Musik, Umgangsformen, die ich durch meine Großmutter erfuhr. Die Gegenleistungen, die mir abverlangt wurden, waren Neugier, Lernbereitschaft, eine Lebendigkeit und ein Wachstum, an denen sich andere freuten. Es war und ist bis heute wechelseitiges Nutznießen der Ganzheit von Menschen und Welt, in die alle Arbeit vorangegangener Generationen eingeflossen ist: so kostenlos wie unbezahlbar. Nur ein kleiner Teil der Güter ist handelbar; einige davon sind unentbehrlich: Essen, Trinken, Kleidung, ein Dach überm Kopf, Energie zum Heizen. Je älter ich werde, desto geringer wird mein Bedarf an Habseligkeiten, aber auch meine Bereitschaft, im Markt der Medien mitzuwirtschaften, dessen Waren mich nicht interessieren.
Markt und Geld sind sehr spezielle Werkzeuge, mit denen der Mensch seine Reichweite bis tief in die Prozesse von Natur und Kultur erweitern konnte. Wir stehen heute vor der Frage, ob wir zu den Werkzeugen der Werkzeuge werden. Werde ich wirklich nur von einer Arbeit leben können, die vermarktbar ist?
Einen großen Teil meiner Texte stelle ich gratis in Netz – „Der menschliche Kosmos“ ist bei googles Buchsuche in wesentlichen Teilen lesbar. Und darin fühle ich mich mit vielen anderen Urhebern verbunden, die Dasselbe tun: gratis, zum Nutzen der Allgemeinheit, laden Fotografen Bilder hoch, werden Konzerte auf YouTube hörbar. Das macht Hoffnung und schafft Vertrauen.
Einen Beitrag zur Kultur jenseits des Kommerzes leistet auch das Webportal „Human Pictures“. Wer Filme, Videos, Clips mit sozial engagierten Inhalten dort hochlädt, tut es gratis und erhält ebenso gratis eine redaktionelle Bewertung. Es soll mehr daraus werden: ein Netzwerk engagierter Filmemacher und eine weltweite Unterstützung für Bildungsprojekte. Gratis, aber nicht umsonst.

Vom Vergnügen, „Babels Berg“ zu besteigen

Die Germanistin Dominique Wendland-Stindel kennt sich, da sie aus Frankreich kommt, in der deutschen wie französischen Literatur aus; unser Gedankenaustausch bei „Leben Lesen“ und im freundschaftlichen Kreis ist äußerst anregend. Aus ihrer Feder hätte ich auch scharfe Kritik zu meinen Romanen dankbar entgegen genommen. Umso mehr hat mich gefreut, dass sie „Babels Berg“ mit Vergnügen gelesen hat.
Soviel sei nur verraten : Sennewalds „Babels Berg“ ist viel, viel mehr als die (erwartete) Schilderung einer Jugend in der DDR der 60er und 70er Jahre. Es sind die beispielhaften, mal umwerfend komischen, mal bedrückenden, aber immer mitreißenden Lehrjahre eines neuartigen Candide namens Gustav Horbel. Er, der Physikstudent in Ostberlin, ist Zeuge und Akteur einer Fülle von Ereignissen und Entwicklungen, die ihn – und uns Leser – manchmal bis zu der Frage bringen könnten, ob die Welt ( nun ja, die damalige … ) doch nicht etwa eine Scheibe sein könnte. Eine sich ewig drehende oder ins Unendliche fliegende, versteht sich.

Mit welcher Chuzpe der Physiker Sennewald für den Augenblick eines folgenschweren Diskuswurfs die Naturgesetze ausser Kraft setzt, ist eines Mikhail Bulgakow oder eines Georges Méliès würdig. Und auch der „Überhorbel“ als freudscher Schutzengel sei hier erwähnt als ein Beispiel für die vielen augenzwinkernden Jubelmomente, die den Leser reichlich belohnen.

Sollte ein Kinoliebhaber – etwa aufgrund des Titels – einen Rückblick auf die berühmte Potsdamer Filmfabrik erwarten, so wird er hier Anderes, aber auch viel Besseres finden – nämlich ein filmreifes Drehbuch in der Gestalt eines sprachlich eleganten Romans : verblüffende Bildmetaphern, spritzige Dialoge, skurrile bis hinreißende Akteure, einen temporeichen Szenenwechsel, einen hintergründigen, niemals menschenverachtenden Humor. Dem Autor ist ein erstaunlicher Grenzgang , nicht nur zwischen Ost und West, sondern zwischen Fiktion und Realität, Dichtung und Naturwissenschaft, Satire und Information glänzend gelungen. Diese fulminante “ Raumzeitreise“ durch Ost- und Westberlin um 1970 – und weit darüber hinaus – ist eine große Lesefreude, die ich jedem empfehlen kann.

Dottore Silviagro und die Moral der Pappnasen

doktorhut

Doktorhut und Pappnase als moderne Attibute politscher Entertainer

Gewaltiges Geräusch in den Medien wegen des Plagiatsvorwurfs gegen den Minister zu Guttenberg – seine Anhänger nennen’s eine Kampagne. Aber es gibt hierzulande klare Regeln für wissenschaftliche Arbeit, und Gleichheit vor dem Gesetz ist ein Verfassungsgrundsatz. Wenn die Anschuldigungen gegen den Minister Guttenberg zutreffen, wird das die nämlichen Konsequenzen haben müssen, wie in jedem anderen Fall wissenschaftlicher Unehrlichkeit: die Aberkennung seiner Promotion.

Interessant bleibt die Frage, wie dehnbar inzwischen die Anforderungen an die moralische Lauterkeit von politischen Führungskräften geworden sind. Wenn Politiker in schlechtester Tradition meinen, Moral weiterhin im Stile von Sonnenkönigen oder Dorftyrannen privat bewirtschaften zu können, irren sie, weil Intransparenz und Unredlichkeit keinesfalls geeignet sind, das Gemeinwesen auf globale Zivilisationsprozesse hin zu entwickeln. Demokratie hat Zukunft – ohne Silviagro, Plagiarius boulevardensis und Prof. Dr. mult. Kim irgendwas. Solche Kasperlfiguren dürfen gern die Gaudimedien bevölkern und einer Renaissance der commedia dell arte dienen, politische Verantwortung steht ihnen nicht zu.

Versorgungsfall oder Persönlichkeit – eine Hartz-IV-Frage

Das politische Spektakel um die sogenannten Hartz-IV-Gesetze nimmt kein Ende, eigentlich sollte dem Mann, dessen Name Sozialgeschichte schreibt, ein Denkmal gesetzt werden. Finanzieren werden es die Nutznießer der Fürsorgeindustrie: Rechtsanwälte, Journalisten, Politiker, Funktionäre, deren Weizen auf dem Mist deutscher Sozialgesetzgebung blüht wie nie zuvor.

Kein Grund eigentlich auch für alle anderen, über den Sozialstaat zu klagen – er gehört immer noch zu den leidlich intakten dieser Welt, jedenfalls wenn wir auf die Gelder schauen, die für Personal, Ausstattung, Versorgung mit Medikamenten und Hilfsmitteln, Kontrollen und Überwachung fließen. Geld ist auch gar nicht das Problem; selbst wenn ein Vielfaches in das System investiert würde, milderte es nicht Armut und Elend. Im Gegenteil: indem wir ausschließlich übers Geld verhandeln, mit dem eben jene Nutznießer der Fürsorgeindustrie gefüttert werden, übersehen wir das eigentliche Elend, dem mit der Delegierung an einschlägige Geldmaschinen eben nicht beizukommen ist. Die Rede ist von schreiender Armut an sozialer Grundbildung und einer Verelendung der Kultur infolge besinnungsloser Überflutung mit Medienmüll. Wir dürfen ohne zu übertreiben die mediale Landschaft als Müllhalde sehen, an der Produzenten und Verwerter prächtig verdienen, während eine wachsende Zahl von Menschen sich der Verwertung stinkender Reste hingeben. Das erspart ihnen die Mühsal einer weiterführenden Bildung, die Müllproduzenten andererseits sind der Verantwortung ledig, mehr für das Fortkommen der Randexistenzen tun zu müssen; sie schlafen sehr ruhig, da Müllfresser in ihrem persönlichen Umfeld nur ausnahmsweise auftauchen.

Sie halten mir entgegen, Slums neben Müllkippen gebe es nicht in Deutschland? Vielleicht nicht die Slums neben echten Mülldeponien wie in Asien oder Afrika. (Dorthin entsorgen wir ganz gern gefährliche Wohlstandsabfälle). Aber ist es übertrieben zu sagen, dass Deponien hierzulande besser gegen Giftmüll und Ausbrüche gesundheitsgefährdender Stoffe gesichert sind, als Kinderzimmer und Altenheime gegen das schleichende Gift der Gefühlskälte, gegen das Ausbrechen asozialer Gier nach Macht und Geld, einschließlich Lust an der sadistischen Vorführung von Gewalt, Prangerritualen und anderen Formen der Demütigung?

Welches Verhalten erleben Kinder als vorbildhaft und welche werden dadurch bei ihnen ausgebildet? Die des prügelnden, am Lebenslimit vegetierenden Proletariers dürfen wir wohl dem Reich historischer oder geografischer Erzählung zurechnen – je düsterer die Farben, in denen Medien, Pädagogen, Politiker sie malen, desto paradiesischer leuchtet der eigene Herrschaftsbereich. Nein. Fast alle Kinder – egal ob aus der “Elite” oder dem “Hartz-IV-Reich” – erleben durchsetzungsstarke Rechthaber und Anspruchswahrer als erfolgreich. Nur ausnahmsweise machen sie im familiären Umfeld die Erfahrung, dass Teilen, Helfen, Verzicht auf kurzfristigen Vorteil, mutiges Eintreten für eigene Meinung und das Recht des Schwächeren belohnt werden. Das gilt für Kindergärten und Schulen nicht minder. Der Medienmüll à la “Dschungelcamp” wuchert auch auf den Pausenhöfen der bestgeführten Anstalten, und die Pausenhöfe sind wesentlicher Trainingsplatz des Sozialverhaltens; die Klassenzimmer sind es oft nur insofern, als dort überforderte Pädagogen ihr angestelltes Dasein für die Jugend zum Spicken im Internet freigeben.

Langsam wird klar, dass diese Form von Erziehung und Bildung uns am Ende unseres Lebens reif für die Deponie machen könnte. Wir fürchten uns davor, hilfsbedürftig zu werden. Wir glauben dennoch hartnäckig weiter daran, letztlich alle Probleme mit Geld lösen zu können. Deshalb zahlen wir für Versicherungen. Sie sollen uns unabhängig machen von den Unwägbarkeiten des Lebens, von Konflikten in der Familie, mit dem Arbeitgeber, von Unfällen, Krankheiten, Naturkatastrophen. Wir sind so damit beschäftigt, das Geld für diese Unabhängigkeit zu verdienen, dass wir nicht merken, wenn uns am Ende niemand mehr braucht, dann nämlich, wenn wir nicht mehr funktionieren in der Welt leistungsorientierter, abrechenbarer, durchorganisierter Routinen und Rituale, wenn die Durchsetzungsstarken uns nicht mehr als potente Kunden sehen, sondern an uns Geld nur mehr zu verdienen ist, indem man uns – satt und sauber – ruhig stellt. Dafür kommt die Versicherung auf, die wir mehr oder weniger teuer bezahlt haben. Wir haben uns selber abgeschafft, während wir uns abschafften – jedenfalls als Persönlichkeiten. Persönlichkeiten leben nämlich von sozialem Umfeld, von , zu denen durchaus Konflikte gehören, allerdings auch die Fähigkeit, sie auszuhalten und – widerständig oder kooperativ – zu überwinden. Geld braucht einer dafür nicht, Vorbilder schon. Die geeignete Bildung ist das Training einer – für geringeren Einsatz ist Persönlichkeit nicht zu haben, für Geld gar nicht. Wo aber Persönlichkeit und personalisiertes Umfeld fehlen, also fast überall in der Arbeitswelt der Geldmaschinen, bleiben nur Versorgungsfälle.

In den vergangenen Jahren lasen, hörten, sahen wir immer wieder ; Reportagen oder Insiderprotokolle von schauderhaften Verhältnissen waren das, Geschichten von Übergriffen gegen wehrlose Patienten, von Gewalt und elendem Siechtum, von einsamem Absterben in sterilen oder verwahrlosten Häusern, wo überfordertes, unterbezahltes Personal menschliche Zuwendung durch forsche Sprüche und gnadenlose Routine ersetzt. Man mochte es nicht mehr lesen, hoffte zugleich inständig, dank eigenen familiären Rückhalts oder hinreichender finanzieller Vorsorge nicht auf einer solchen geordneten Deponie zu enden.

Da die Kinder längst im selben Tretrad des Sich-unabhängig-Machens mindestens ein Drittel ihres Lebens zubringen, also mit ihrer eigenen Entsorgung beschäftigt sind, haben sie natürlich keine Zeit, leidende Eltern zu betreuen, Dasselbe gilt – in unterschiedlich an Gewissensnöte gekoppelter Form – für Enkel, Geschwister, Freunde, Kollegen, … kurz: die ganze menschliche Umgebung. Jeder einzelne und alle zusammen wären mit der Pflege eines Dementen überfordert. Klar. Und deshalb sterben sehr, sehr viele von uns satt und sauber, aber sehr einsam.

Es fehlt uns an menschlicher Zuwendung, nicht an elektronisch gesteuerten Rollstühlen, Hör- und Sehhilfen, Prothesen, barrierefreien Internetseiten. Es fehlt uns an nachhaltigem, verlässlichem Zusammenhalt. Die sind unbezahlbar, um die muss man sich lebenslang selber bemühen, indem man Gefühlsbindungen wichtiger nimmt als Sachwerte, Rituale der Vertrautheit wichtiger als Höchstleistungen. Ein Heimaufenthalt wird dann immer noch nicht schön, aber man erhält bestimmt Besuch, der einen im Rollstuhl herumfährt, einen umarmt, bei den Händen hält, mit einem redet. Für das letzte Quäntchen eigenen Vermögens (also der Fähigkeiten, nicht des Geldes) findet sich in jedem Heim noch eine erfüllende Aufgabe, auf die man trainiert ist: die einen von Sachen unabhängig macht, nicht von Menschen. Vielleicht ändern sich dann sogar die Heime.

Großmutter 1989

Uneitles Vorbild, Erzieherin für drei Generationen, 86 Jahre alt

Eheliche Rollenspiele und andere Sozialrituale

In den 90er Jahren wohnte ich zur Miete in einem Haus mit Garten. Bei schönem Wetter saß ich gern auf der Wiese, ich rauchte Pfeife. Die Nachbarn, ein Ehepaar von etwa sechzig Jahren, nutzten ihren Garten viel häufiger. Sie hatten sich sogar einen kleinen runden Pavillon mit grünen Fensterscheiben gebaut, obwohl es vom Garten nur ein paar Schritte ins Haus waren. Anfangs hatte ich mich gewundert, wieso jemand sich in einem Gartenhaus grüne Gardinen vor die Fenster hängte, bis ich bemerkte, dass es weiße Stores hinter grünen Scheiben waren, die  mich befremdeten. Ebenso befremdlich erschien mir, dass im Pavillon, den aufzubauen einige tausend Mark und gute zwei Wochenenden handwerklicher Arbeit gekostet hatte, nur gelegentlich Gartenmöbel untergestellt wurden. Auch dieses Rätsel löste sich: der Pavillon war – vermutlich wegen der grünen Scheiben – ein Sonderangebot, er blieb unmöbliert, er sollte keineswegs die Besitzer bei Regen beherbergen, er beherbergte etwas viel Kostbareres: Dort stand – in Reichweite, nicht etwa in der eine Gehminute entfernten Küche – der Kühlschrank, und im Kühlschrank war das Bier.

Es war für unsere Nachbarn so wichtig, das Bier in der Nähe zu haben, weil sie sich fast immer stritten. Sie redeten ausdauernd aufeinander ein, wellenförmig brandeten Gespräche auf, gipfelten in beleidigenden Worten, brachen ins Schweigen. Sie versetzten sich gegenseitig in Zyklen der Aufregung. Ein Zyklus lief aber nicht synchron mit dem Leeren einer Bierflasche ab. Ich konnte niemals herausfinden, wer von beiden mehr und schneller trank – einerlei: es kam anscheinend einem Koitus Interruptus gleich, wenn eine besonders heftige Attacke wegen einer leeren Flasche, demzufolge eines Ganges in die Küche hätte unterbrochen werden müssen. Tatsächlich war der Kühlschrank im Pavillon mit den grünen Fensterscheiben Teil eines ebenso detailliert wie unbewusst inszenierten und mit nicht nachlassender Energie aufgeführten Dramas.

Nach mehreren Frühling-Sommer-Herbst-Staffeln als unfreiwilliger Zuhörer glaubte ich, Dreierlei feststellen zu können:
Die Rollen waren fest vergeben, die Dramaturgie blieb dieselbe, nur die Texte variierten ein wenig. Sie büßten weder an Schwung noch Emotionalität ein, und es war vollkommen sinnlos, nach Gründen für das Gezänk zu fragen. Nicht einmal Anlässe ließen sich erkennen – außer schönem Wetter im Garten und Bier im Kühlschrank. Es ging auch gar nicht um Gründe von Ärgernissen, die zu diskutieren und auszuräumen gewesen wären. Es ging insbesondere nicht um Veränderungen innerhalb einer ehelichen Beziehung. Sie hielt – so entnahm ich über den Zaun wehenden Dialogfetzen – schon 40 Jahre. Bei all der Aufregung und Dynamik des Redens und Gestikulierens, des einander Aufreizens und Ankeifens ging es im Gegenteil darum, dass sich nichts verändern durfte, dass jeder immer wieder aufs Neue seine Rolle, seine Wahrnehmung eigener Überlegenheit gegen den törichten Partner verteidigte. Es handelte sich um eine Dynamik, deren Ziel das Gleichgewicht war.

Die Einsicht brachte mich auf neue Gedanken über die Dynamik menschlicher Wechselwirkungen. Ich begann, vertraute Perspektiven des Denkens zu verlassen. Wir sind gewohnt, das Handeln der Menschen auf seine Gründe hin zu untersuchen. Aber diese Suche führt nur zu ebenso begrenzten Einsichten, wie die Vorstellung, dass die Sonne im Osten auf- und im Westen untergeht. Wer nach Gründen fragt, konstruiert eindimensionale Beziehungen zwischen subjektiv wahrgenommenen, zurückliegenden Ereignissen. Im Falle unseres Ehepaares hieße das etwa, dass die Frau ihren Mann einen Schlappschwanz nennt, weil er seinen ehelichen Aufgaben unzureichend nahgekommen ist. Natürlich könnten wir dann den Mann als den am Konflikt Schuldigen ausmachen. Als unbeteiligte (und von den Streitenden nicht bemerkte) Beobachter könnten wir uns damit zufrieden geben und unser Urteil über die Defizite der nachbarlichen Ehe fällen.  Dadurch würden wir mit großer Wahrscheinlichkeit völlig falsch urteilen. Wie falsch, erführen wir spätestens, wenn wir von dem Ursache-Wirkungs-Schema auf andere eheliche Konflikte schlössen, womöglich auf unsere eigenen.

Durch meine Beschäftigung mit der Quantenphysik und einschlägiger Literatur längst neugierig geworden, fragte ich nach meiner eigenen Rolle in dem Gartendrama. Wir alle sind nämlich nie „objektiv“ urteilende Beobachter. Wir sind an den Wechselwirkungen beteiligt, unterliegen all den Gefühlen und Trieben, deren wir uns normalerweise nicht bewusst sind. Wir sind uns ihrer so wenig bewusst, wie wir den dauernden Kraftaufwand bemerken, den unser Körper der Schwerkraft entgegensetzt, damit wir aufrecht gehen können.

Sobald ich bedachte, dass der Streit im Garten geführt wurde, dass die Nachbarn sehr wohl mit Zuhörern rechneten, verändert sich alles. Ich war als Beobachter eben nicht „unbeteiligt“. Der „Schlappschwanz“ hatte mit der erotischen Leistungsfähigkeit des Mannes viel weniger zu tun, als mit der Absicht der Frau, ihn öffentlich zu demütigen. Er musste entsprechend reagieren, seine Reaktion fiel für die Frau so wenig überraschend aus, wie er selbst von Demütigungsversuchen überrascht wurde. Das Drama führte nicht zur Auflösung der Ehe, es erhielt sie am Leben.

Edward Albee hat Ähnliches in seinem brillanten Theaterstück „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ beschrieben. Der Film mit Richard Burton und Liz Taylor ist ein Klassiker. Darin wird ein junges Pärchen zunächst Zeuge, wie das alte Ehepaar sich in Konflikten zerfleischt. Dann aber nehmen die beiden ihre jungen Gäste während einer nächtlichen Party zu Komplizen in wechselnden Schlachtszenen, zerfleddern dabei deren Liebesidyll. Am Schluss bleibt alles beim Alten – kein Konflikt wird gelöst, der nächste ist gewiss, aber die Zerstörung des Idylls befestigt das Zusammenleben der Alten – damit wird ein unbewusstes Ziel erreicht, denn eine Scheidung würde mehr zerstören, als nur die Gemeinschaft unter einem Dach.

Dramen wie die von Albee lassen beispielhaft nachempfinden, dass Sozialgebilde – nichts anderes ist eine Ehe – den gleichen Strategien folgen, wie andere lebendige Formen: sie bilden in sich relativ geschlossene, dennoch für den Energie- und Stoffaustausch mit der Umwelt offene, dynamische Systeme mit dem Ziel der Selbsterhaltung und Reproduktion. Bühne, Film oder manchmal sogar das Fernsehen verwickeln in die Dynamik solcher Sozialgebilde und ihrer Figuren – je stärker sie von den Darstellern mit Leben erfüllt werden, desto mehr. Wir erleben emotionale Wechselwirkungen mit, werden mehr als nur Augen- und Ohrenzeugen: wir werden Mitfühlende. Diese Resonanz entsteht vor allem, weil wir die Ziele der Handelnden teilen, ihre Ängste und Wünsche. Fremde Erfahrung wird so in die unsere „eingebettet“. Diesen Vorgang, der den ganzen Körper erfasst, entdeckt seit einigen Jahren die Psychologie. Von ihm aus beginnen Wissenschaften und Künste – Psychologie, Physik, Biologie, Philosophie und Musik, Schauspiel, Film, Malerei, Skulptur, Tanz, Literatur zusammenzuwachsen – als menschliche Arbeitsfelder auf dem Weg zu einer neuen Kultur.

Schmutzige Strahlen – saubere Strahlen

Binsenwasen bei Baden-Baden

Sonne und Schnee - Symbole der Reinheit

Aus China kommt eine Erfolgsmeldung: Der “Spiegel” und andere Publikationen geben eine Information des chinesischen Staatsfernsehens weiter, wonach Wissenschaftler daselbst einen entscheidenden Schritt bei der Aufbereitung benutzter Brennstäbe aus Atomreaktoren voran gekommen sind.

Das wäre ein Durchbruch für die Nutzung von Energie aus der Spaltung von Atomkernen. Sie ist seit dem Unfall im sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl im April 1986 zum Symbol für “schmutzige” Energie geworden, weil die Explosion eines Reaktors damals unbeherrschbar große Mengen radioaktiver – also für menschliches Leben gefährlicher – Partikel in die Atmosphäre schleuderte. In Deutschland starb kein einziger Mensch, nur die Forschung an dieser Form der Energieerzeugung; Diskussionen zum Thema nahmen religiöse Züge an. Massenhaft wurde das Mantra: “Sonne und Wind sauber, Kohle, Öl und Kernenergie schmutzig” wiederholt; sich an Bahngeleise zu ketten, Transporte von radioaktivem Müll zu verhindern gilt manchen als Heldentat.

Solche Transporte würden die Chinesen künftig nicht mehr brauchen, denn sie könnten direkt neben den Kernspaltungs-Reaktoren Anlagen zur Aufbereitung von Brennstäben betreiben. Sie werden das bestimmt tun, schon um die begrenzten Reserven an spaltbarem Uran um den Faktor 60 (!) besser zu nutzen. Sie werden die bösen, schmutzigen Chinesen sein.

Unsere Grünen, unsere politischen Saubermänner aller möglichen Parteien aber werden ihrer Gemeinde die frohe Botschaft verkünden: ihr seid sauber! Denn bei der Produktion von Solarzellen  (aus Kostengründen gern in China), Windrädern, Biogasanlagen, bei deren Transport an Einsatzorte, bei deren Wartung, Reparatur, Erneuerung, bei der Produktion von wärmedämmenden Kunststoffen für die Sanierung unzähliger Altbauten nebst deren Erneuerung, weil sie sich als Schimmelbrüter erweisen, bei Monokulturen aus die Landschaften verwüstenden Mais- Raps- und Werweißwas-für-Energiepflanzen, bei der klimaverändernden Wirkung von Windparks für die atmosphärischen Strömungen bleibt es sauber, sauber, sauber – das Gewissen. Gefährlich sind immer die anderen.

Ein guter Freund hob auf die “Spiegel”-Meldung hin beschwörend die Hände: “Wiederaufbereitung! Das schmutzige Strahlungszeug könnte ja dann direkt am Weltmarkt gehandelt werden, auch von Schurkenstaaten!” Könnte es. Wird es vermutlich auch. Ich bin nur nicht sicher, ob aus einem Schurkenstaat durch das Aufstellen von Windrädern ein achtbares Gemeinwesen wird, mal abgesehen davon, dass für solche Sozialgebilde – in der Regel durch religiöse Wahnvorstellungen zusammengehalten – wir die Schurken sind.

Jetzt fragen Sie mich mal, welche Wahnvorstellungen uns zusammen halten. Es ist – neben anderen – die, Probleme der Zivilisation, also vor allem , mit technischen Mitteln lösen zu können. Man nennt das auch “Versachlichen”. Abgesehen davon, dass diese Wahnvorstellung täglich neue Katastrophen hervorbringt – sie ist nur eine Form des Herrschaftswahns, dessen Ziel die ist. Herrschaftswahn ist vor allem an einem Symptom zu erkennen: Schmutzig sind die anderen; jede Frage wie schmutzig die eigenen Geschäfte sind, jede Diskussion, ob Schmutz womöglich zum Leben gehört, wird ausgeblendet. Aber “Reinheit” ist keine Kategorie der Natur, nur eine Hervorbringung jener Kultur, die sich selbst als “sauber” deklariert, um alles “Schmutzige” dominieren bzw. ausrotten zu dürfen.

Der Schnee ist nicht sauber. Die Sonnenstrahlen sind es auch nicht.

Verbote stählen deutsche Leitkultur

Der Autor mit Zigarre

Zigarren rauchen erhöht mein Wohlbefinden


Das Beste an Heidelberg ist das Café gegenüber dem Bahnhof. Dort kann man rauchen. Von dort ist es auch nicht mehr weit zu den Zügen, die einen aus Heidelberg wegschaffen.

Es hätte mich nicht gewundert, wenn es in der vom Tourismus verheerten Neckarstadt überhaupt keinen gemütlichen Ort mehr gäbe, an dem ich eine gute Havanna zum Kaffee bzw. Viertele hätte genießen können. Immerhin wird von hier aus der Feldzug gegen den mörderischen Qualm dirigiert. Die Krebsforscher sind Lichtgestalten, deren Aura das ansonsten trübe Bild nicht nur von Gesundheitspolitikern ein wenig aufhellt; Verdienstorden säumen ihre Ruhmeswege.

Nebenher leisten sie einen bedeutenden Beitrag zur kulturellen Ausprägung des deutschen Nationalcharakters. In dem zweiten Rauchercafé von Heidelberg (man bat mich dort, Namen und Standort nicht herauszuposaunen) feiert das Denunziantentum seine Restauration (schöner Doppelsinn!): mehrmals die Woche wird beim Ordnungsamt angezeigt, dass Schwaden aus dem Rauchersalon, durch eine von Zeit zu Zeit benutzte Tür hindurchwabernd, die empfindliche Gesundheit der daneben verweilenden Nichtraucher bedrohen. Natürlich könnten sie sich woanders hinsetzen – vielleicht sogar in ein Nichtrauchercafé. Damit aber wäre ihrem teutonischen Furor nach der Durchsetzung von Verboten nicht Genüge getan: „Da könnte ja jeder …!“, „Wehret den Anfängen!“ Vermutlich fahren diese von wissenschaftlichem und gesellschaftlichem Missionsgeist Druchdrungenen in der Welt herum, um Reiseveranstaltern ihre Versäumnisse vorzurechnen – es ist ihr Verständnis von Migration mit Leitkultur.

Es wird schließlich nicht nur die Gesundheit geschützt. Deutschland ist und bleibt das Reservat von Hausmeistern, Oberlehrern, Denunzianten, die vor allem eines wollen: Ihre Mitmenschen zur Ordnung erziehen. Welche Ordnung ist eigentlich egal. So ist dafür gesorgt, dass sämtliche historischen deutschen Perioden von Barbarossa bis zur DäDäÄrr in ihren Archetypen weiterleben, überall.