Versorgungsfall oder Persönlichkeit – eine Hartz-IV-Frage

Das politische Spektakel um die sogenannten Hartz-IV-Gesetze nimmt kein Ende, eigentlich sollte dem Mann, dessen Name Sozialgeschichte schreibt, ein Denkmal gesetzt werden. Finanzieren werden es die Nutznießer der Fürsorgeindustrie: Rechtsanwälte, Journalisten, Politiker, Funktionäre, deren Weizen auf dem Mist deutscher Sozialgesetzgebung blüht wie nie zuvor.

Kein Grund eigentlich auch für alle anderen, über den Sozialstaat zu klagen – er gehört immer noch zu den leidlich intakten dieser Welt, jedenfalls wenn wir auf die Gelder schauen, die für Personal, Ausstattung, Versorgung mit Medikamenten und Hilfsmitteln, Kontrollen und Überwachung fließen. Geld ist auch gar nicht das Problem; selbst wenn ein Vielfaches in das System investiert würde, milderte es nicht Armut und Elend. Im Gegenteil: indem wir ausschließlich übers Geld verhandeln, mit dem eben jene Nutznießer der Fürsorgeindustrie gefüttert werden, übersehen wir das eigentliche Elend, dem mit der Delegierung an einschlägige Geldmaschinen eben nicht beizukommen ist. Die Rede ist von schreiender Armut an sozialer Grundbildung und einer Verelendung der Kultur infolge besinnungsloser Überflutung mit Medienmüll. Wir dürfen ohne zu übertreiben die mediale Landschaft als Müllhalde sehen, an der Produzenten und Verwerter prächtig verdienen, während eine wachsende Zahl von Menschen sich der Verwertung stinkender Reste hingeben. Das erspart ihnen die Mühsal einer weiterführenden Bildung, die Müllproduzenten andererseits sind der Verantwortung ledig, mehr für das Fortkommen der Randexistenzen tun zu müssen; sie schlafen sehr ruhig, da Müllfresser in ihrem persönlichen Umfeld nur ausnahmsweise auftauchen.

Sie halten mir entgegen, Slums neben Müllkippen gebe es nicht in Deutschland? Vielleicht nicht die Slums neben echten Mülldeponien wie in Asien oder Afrika. (Dorthin entsorgen wir ganz gern gefährliche Wohlstandsabfälle). Aber ist es übertrieben zu sagen, dass Deponien hierzulande besser gegen Giftmüll und Ausbrüche gesundheitsgefährdender Stoffe gesichert sind, als Kinderzimmer und Altenheime gegen das schleichende Gift der Gefühlskälte, gegen das Ausbrechen asozialer Gier nach Macht und Geld, einschließlich Lust an der sadistischen Vorführung von Gewalt, Prangerritualen und anderen Formen der Demütigung?

Welches Verhalten erleben Kinder als vorbildhaft und welche werden dadurch bei ihnen ausgebildet? Die des prügelnden, am Lebenslimit vegetierenden Proletariers dürfen wir wohl dem Reich historischer oder geografischer Erzählung zurechnen – je düsterer die Farben, in denen Medien, Pädagogen, Politiker sie malen, desto paradiesischer leuchtet der eigene Herrschaftsbereich. Nein. Fast alle Kinder – egal ob aus der “Elite” oder dem “Hartz-IV-Reich” – erleben durchsetzungsstarke Rechthaber und Anspruchswahrer als erfolgreich. Nur ausnahmsweise machen sie im familiären Umfeld die Erfahrung, dass Teilen, Helfen, Verzicht auf kurzfristigen Vorteil, mutiges Eintreten für eigene Meinung und das Recht des Schwächeren belohnt werden. Das gilt für Kindergärten und Schulen nicht minder. Der Medienmüll à la “Dschungelcamp” wuchert auch auf den Pausenhöfen der bestgeführten Anstalten, und die Pausenhöfe sind wesentlicher Trainingsplatz des Sozialverhaltens; die Klassenzimmer sind es oft nur insofern, als dort überforderte Pädagogen ihr angestelltes Dasein für die Jugend zum Spicken im Internet freigeben.

Langsam wird klar, dass diese Form von Erziehung und Bildung uns am Ende unseres Lebens reif für die Deponie machen könnte. Wir fürchten uns davor, hilfsbedürftig zu werden. Wir glauben dennoch hartnäckig weiter daran, letztlich alle Probleme mit Geld lösen zu können. Deshalb zahlen wir für Versicherungen. Sie sollen uns unabhängig machen von den Unwägbarkeiten des Lebens, von Konflikten in der Familie, mit dem Arbeitgeber, von Unfällen, Krankheiten, Naturkatastrophen. Wir sind so damit beschäftigt, das Geld für diese Unabhängigkeit zu verdienen, dass wir nicht merken, wenn uns am Ende niemand mehr braucht, dann nämlich, wenn wir nicht mehr funktionieren in der Welt leistungsorientierter, abrechenbarer, durchorganisierter Routinen und Rituale, wenn die Durchsetzungsstarken uns nicht mehr als potente Kunden sehen, sondern an uns Geld nur mehr zu verdienen ist, indem man uns – satt und sauber – ruhig stellt. Dafür kommt die Versicherung auf, die wir mehr oder weniger teuer bezahlt haben. Wir haben uns selber abgeschafft, während wir uns abschafften – jedenfalls als Persönlichkeiten. Persönlichkeiten leben nämlich von sozialem Umfeld, von , zu denen durchaus Konflikte gehören, allerdings auch die Fähigkeit, sie auszuhalten und – widerständig oder kooperativ – zu überwinden. Geld braucht einer dafür nicht, Vorbilder schon. Die geeignete Bildung ist das Training einer – für geringeren Einsatz ist Persönlichkeit nicht zu haben, für Geld gar nicht. Wo aber Persönlichkeit und personalisiertes Umfeld fehlen, also fast überall in der Arbeitswelt der Geldmaschinen, bleiben nur Versorgungsfälle.

In den vergangenen Jahren lasen, hörten, sahen wir immer wieder ; Reportagen oder Insiderprotokolle von schauderhaften Verhältnissen waren das, Geschichten von Übergriffen gegen wehrlose Patienten, von Gewalt und elendem Siechtum, von einsamem Absterben in sterilen oder verwahrlosten Häusern, wo überfordertes, unterbezahltes Personal menschliche Zuwendung durch forsche Sprüche und gnadenlose Routine ersetzt. Man mochte es nicht mehr lesen, hoffte zugleich inständig, dank eigenen familiären Rückhalts oder hinreichender finanzieller Vorsorge nicht auf einer solchen geordneten Deponie zu enden.

Da die Kinder längst im selben Tretrad des Sich-unabhängig-Machens mindestens ein Drittel ihres Lebens zubringen, also mit ihrer eigenen Entsorgung beschäftigt sind, haben sie natürlich keine Zeit, leidende Eltern zu betreuen, Dasselbe gilt – in unterschiedlich an Gewissensnöte gekoppelter Form – für Enkel, Geschwister, Freunde, Kollegen, … kurz: die ganze menschliche Umgebung. Jeder einzelne und alle zusammen wären mit der Pflege eines Dementen überfordert. Klar. Und deshalb sterben sehr, sehr viele von uns satt und sauber, aber sehr einsam.

Es fehlt uns an menschlicher Zuwendung, nicht an elektronisch gesteuerten Rollstühlen, Hör- und Sehhilfen, Prothesen, barrierefreien Internetseiten. Es fehlt uns an nachhaltigem, verlässlichem Zusammenhalt. Die sind unbezahlbar, um die muss man sich lebenslang selber bemühen, indem man Gefühlsbindungen wichtiger nimmt als Sachwerte, Rituale der Vertrautheit wichtiger als Höchstleistungen. Ein Heimaufenthalt wird dann immer noch nicht schön, aber man erhält bestimmt Besuch, der einen im Rollstuhl herumfährt, einen umarmt, bei den Händen hält, mit einem redet. Für das letzte Quäntchen eigenen Vermögens (also der Fähigkeiten, nicht des Geldes) findet sich in jedem Heim noch eine erfüllende Aufgabe, auf die man trainiert ist: die einen von Sachen unabhängig macht, nicht von Menschen. Vielleicht ändern sich dann sogar die Heime.

Großmutter 1989

Uneitles Vorbild, Erzieherin für drei Generationen, 86 Jahre alt

Eheliche Rollenspiele und andere Sozialrituale

In den 90er Jahren wohnte ich zur Miete in einem Haus mit Garten. Bei schönem Wetter saß ich gern auf der Wiese, ich rauchte Pfeife. Die Nachbarn, ein Ehepaar von etwa sechzig Jahren, nutzten ihren Garten viel häufiger. Sie hatten sich sogar einen kleinen runden Pavillon mit grünen Fensterscheiben gebaut, obwohl es vom Garten nur ein paar Schritte ins Haus waren. Anfangs hatte ich mich gewundert, wieso jemand sich in einem Gartenhaus grüne Gardinen vor die Fenster hängte, bis ich bemerkte, dass es weiße Stores hinter grünen Scheiben waren, die  mich befremdeten. Ebenso befremdlich erschien mir, dass im Pavillon, den aufzubauen einige tausend Mark und gute zwei Wochenenden handwerklicher Arbeit gekostet hatte, nur gelegentlich Gartenmöbel untergestellt wurden. Auch dieses Rätsel löste sich: der Pavillon war – vermutlich wegen der grünen Scheiben – ein Sonderangebot, er blieb unmöbliert, er sollte keineswegs die Besitzer bei Regen beherbergen, er beherbergte etwas viel Kostbareres: Dort stand – in Reichweite, nicht etwa in der eine Gehminute entfernten Küche – der Kühlschrank, und im Kühlschrank war das Bier.

Es war für unsere Nachbarn so wichtig, das Bier in der Nähe zu haben, weil sie sich fast immer stritten. Sie redeten ausdauernd aufeinander ein, wellenförmig brandeten Gespräche auf, gipfelten in beleidigenden Worten, brachen ins Schweigen. Sie versetzten sich gegenseitig in Zyklen der Aufregung. Ein Zyklus lief aber nicht synchron mit dem Leeren einer Bierflasche ab. Ich konnte niemals herausfinden, wer von beiden mehr und schneller trank – einerlei: es kam anscheinend einem Koitus Interruptus gleich, wenn eine besonders heftige Attacke wegen einer leeren Flasche, demzufolge eines Ganges in die Küche hätte unterbrochen werden müssen. Tatsächlich war der Kühlschrank im Pavillon mit den grünen Fensterscheiben Teil eines ebenso detailliert wie unbewusst inszenierten und mit nicht nachlassender Energie aufgeführten Dramas.

Nach mehreren Frühling-Sommer-Herbst-Staffeln als unfreiwilliger Zuhörer glaubte ich, Dreierlei feststellen zu können:
Die Rollen waren fest vergeben, die Dramaturgie blieb dieselbe, nur die Texte variierten ein wenig. Sie büßten weder an Schwung noch Emotionalität ein, und es war vollkommen sinnlos, nach Gründen für das Gezänk zu fragen. Nicht einmal Anlässe ließen sich erkennen – außer schönem Wetter im Garten und Bier im Kühlschrank. Es ging auch gar nicht um Gründe von Ärgernissen, die zu diskutieren und auszuräumen gewesen wären. Es ging insbesondere nicht um Veränderungen innerhalb einer ehelichen Beziehung. Sie hielt – so entnahm ich über den Zaun wehenden Dialogfetzen – schon 40 Jahre. Bei all der Aufregung und Dynamik des Redens und Gestikulierens, des einander Aufreizens und Ankeifens ging es im Gegenteil darum, dass sich nichts verändern durfte, dass jeder immer wieder aufs Neue seine Rolle, seine Wahrnehmung eigener Überlegenheit gegen den törichten Partner verteidigte. Es handelte sich um eine Dynamik, deren Ziel das Gleichgewicht war.

Die Einsicht brachte mich auf neue Gedanken über die Dynamik menschlicher Wechselwirkungen. Ich begann, vertraute Perspektiven des Denkens zu verlassen. Wir sind gewohnt, das Handeln der Menschen auf seine Gründe hin zu untersuchen. Aber diese Suche führt nur zu ebenso begrenzten Einsichten, wie die Vorstellung, dass die Sonne im Osten auf- und im Westen untergeht. Wer nach Gründen fragt, konstruiert eindimensionale Beziehungen zwischen subjektiv wahrgenommenen, zurückliegenden Ereignissen. Im Falle unseres Ehepaares hieße das etwa, dass die Frau ihren Mann einen Schlappschwanz nennt, weil er seinen ehelichen Aufgaben unzureichend nahgekommen ist. Natürlich könnten wir dann den Mann als den am Konflikt Schuldigen ausmachen. Als unbeteiligte (und von den Streitenden nicht bemerkte) Beobachter könnten wir uns damit zufrieden geben und unser Urteil über die Defizite der nachbarlichen Ehe fällen.  Dadurch würden wir mit großer Wahrscheinlichkeit völlig falsch urteilen. Wie falsch, erführen wir spätestens, wenn wir von dem Ursache-Wirkungs-Schema auf andere eheliche Konflikte schlössen, womöglich auf unsere eigenen.

Durch meine Beschäftigung mit der Quantenphysik und einschlägiger Literatur längst neugierig geworden, fragte ich nach meiner eigenen Rolle in dem Gartendrama. Wir alle sind nämlich nie „objektiv“ urteilende Beobachter. Wir sind an den Wechselwirkungen beteiligt, unterliegen all den Gefühlen und Trieben, deren wir uns normalerweise nicht bewusst sind. Wir sind uns ihrer so wenig bewusst, wie wir den dauernden Kraftaufwand bemerken, den unser Körper der Schwerkraft entgegensetzt, damit wir aufrecht gehen können.

Sobald ich bedachte, dass der Streit im Garten geführt wurde, dass die Nachbarn sehr wohl mit Zuhörern rechneten, verändert sich alles. Ich war als Beobachter eben nicht „unbeteiligt“. Der „Schlappschwanz“ hatte mit der erotischen Leistungsfähigkeit des Mannes viel weniger zu tun, als mit der Absicht der Frau, ihn öffentlich zu demütigen. Er musste entsprechend reagieren, seine Reaktion fiel für die Frau so wenig überraschend aus, wie er selbst von Demütigungsversuchen überrascht wurde. Das Drama führte nicht zur Auflösung der Ehe, es erhielt sie am Leben.

Edward Albee hat Ähnliches in seinem brillanten Theaterstück „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ beschrieben. Der Film mit Richard Burton und Liz Taylor ist ein Klassiker. Darin wird ein junges Pärchen zunächst Zeuge, wie das alte Ehepaar sich in Konflikten zerfleischt. Dann aber nehmen die beiden ihre jungen Gäste während einer nächtlichen Party zu Komplizen in wechselnden Schlachtszenen, zerfleddern dabei deren Liebesidyll. Am Schluss bleibt alles beim Alten – kein Konflikt wird gelöst, der nächste ist gewiss, aber die Zerstörung des Idylls befestigt das Zusammenleben der Alten – damit wird ein unbewusstes Ziel erreicht, denn eine Scheidung würde mehr zerstören, als nur die Gemeinschaft unter einem Dach.

Dramen wie die von Albee lassen beispielhaft nachempfinden, dass Sozialgebilde – nichts anderes ist eine Ehe – den gleichen Strategien folgen, wie andere lebendige Formen: sie bilden in sich relativ geschlossene, dennoch für den Energie- und Stoffaustausch mit der Umwelt offene, dynamische Systeme mit dem Ziel der Selbsterhaltung und Reproduktion. Bühne, Film oder manchmal sogar das Fernsehen verwickeln in die Dynamik solcher Sozialgebilde und ihrer Figuren – je stärker sie von den Darstellern mit Leben erfüllt werden, desto mehr. Wir erleben emotionale Wechselwirkungen mit, werden mehr als nur Augen- und Ohrenzeugen: wir werden Mitfühlende. Diese Resonanz entsteht vor allem, weil wir die Ziele der Handelnden teilen, ihre Ängste und Wünsche. Fremde Erfahrung wird so in die unsere „eingebettet“. Diesen Vorgang, der den ganzen Körper erfasst, entdeckt seit einigen Jahren die Psychologie. Von ihm aus beginnen Wissenschaften und Künste – Psychologie, Physik, Biologie, Philosophie und Musik, Schauspiel, Film, Malerei, Skulptur, Tanz, Literatur zusammenzuwachsen – als menschliche Arbeitsfelder auf dem Weg zu einer neuen Kultur.

Schmutzige Strahlen – saubere Strahlen

Binsenwasen bei Baden-Baden

Sonne und Schnee - Symbole der Reinheit

Aus China kommt eine Erfolgsmeldung: Der “Spiegel” und andere Publikationen geben eine Information des chinesischen Staatsfernsehens weiter, wonach Wissenschaftler daselbst einen entscheidenden Schritt bei der Aufbereitung benutzter Brennstäbe aus Atomreaktoren voran gekommen sind.

Das wäre ein Durchbruch für die Nutzung von Energie aus der Spaltung von Atomkernen. Sie ist seit dem Unfall im sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl im April 1986 zum Symbol für “schmutzige” Energie geworden, weil die Explosion eines Reaktors damals unbeherrschbar große Mengen radioaktiver – also für menschliches Leben gefährlicher – Partikel in die Atmosphäre schleuderte. In Deutschland starb kein einziger Mensch, nur die Forschung an dieser Form der Energieerzeugung; Diskussionen zum Thema nahmen religiöse Züge an. Massenhaft wurde das Mantra: “Sonne und Wind sauber, Kohle, Öl und Kernenergie schmutzig” wiederholt; sich an Bahngeleise zu ketten, Transporte von radioaktivem Müll zu verhindern gilt manchen als Heldentat.

Solche Transporte würden die Chinesen künftig nicht mehr brauchen, denn sie könnten direkt neben den Kernspaltungs-Reaktoren Anlagen zur Aufbereitung von Brennstäben betreiben. Sie werden das bestimmt tun, schon um die begrenzten Reserven an spaltbarem Uran um den Faktor 60 (!) besser zu nutzen. Sie werden die bösen, schmutzigen Chinesen sein.

Unsere Grünen, unsere politischen Saubermänner aller möglichen Parteien aber werden ihrer Gemeinde die frohe Botschaft verkünden: ihr seid sauber! Denn bei der Produktion von Solarzellen  (aus Kostengründen gern in China), Windrädern, Biogasanlagen, bei deren Transport an Einsatzorte, bei deren Wartung, Reparatur, Erneuerung, bei der Produktion von wärmedämmenden Kunststoffen für die Sanierung unzähliger Altbauten nebst deren Erneuerung, weil sie sich als Schimmelbrüter erweisen, bei Monokulturen aus die Landschaften verwüstenden Mais- Raps- und Werweißwas-für-Energiepflanzen, bei der klimaverändernden Wirkung von Windparks für die atmosphärischen Strömungen bleibt es sauber, sauber, sauber – das Gewissen. Gefährlich sind immer die anderen.

Ein guter Freund hob auf die “Spiegel”-Meldung hin beschwörend die Hände: “Wiederaufbereitung! Das schmutzige Strahlungszeug könnte ja dann direkt am Weltmarkt gehandelt werden, auch von Schurkenstaaten!” Könnte es. Wird es vermutlich auch. Ich bin nur nicht sicher, ob aus einem Schurkenstaat durch das Aufstellen von Windrädern ein achtbares Gemeinwesen wird, mal abgesehen davon, dass für solche Sozialgebilde – in der Regel durch religiöse Wahnvorstellungen zusammengehalten – wir die Schurken sind.

Jetzt fragen Sie mich mal, welche Wahnvorstellungen uns zusammen halten. Es ist – neben anderen – die, Probleme der Zivilisation, also vor allem , mit technischen Mitteln lösen zu können. Man nennt das auch “Versachlichen”. Abgesehen davon, dass diese Wahnvorstellung täglich neue Katastrophen hervorbringt – sie ist nur eine Form des Herrschaftswahns, dessen Ziel die ist. Herrschaftswahn ist vor allem an einem Symptom zu erkennen: Schmutzig sind die anderen; jede Frage wie schmutzig die eigenen Geschäfte sind, jede Diskussion, ob Schmutz womöglich zum Leben gehört, wird ausgeblendet. Aber “Reinheit” ist keine Kategorie der Natur, nur eine Hervorbringung jener Kultur, die sich selbst als “sauber” deklariert, um alles “Schmutzige” dominieren bzw. ausrotten zu dürfen.

Der Schnee ist nicht sauber. Die Sonnenstrahlen sind es auch nicht.

Verbote stählen deutsche Leitkultur

Der Autor mit Zigarre

Zigarren rauchen erhöht mein Wohlbefinden


Das Beste an Heidelberg ist das Café gegenüber dem Bahnhof. Dort kann man rauchen. Von dort ist es auch nicht mehr weit zu den Zügen, die einen aus Heidelberg wegschaffen.

Es hätte mich nicht gewundert, wenn es in der vom Tourismus verheerten Neckarstadt überhaupt keinen gemütlichen Ort mehr gäbe, an dem ich eine gute Havanna zum Kaffee bzw. Viertele hätte genießen können. Immerhin wird von hier aus der Feldzug gegen den mörderischen Qualm dirigiert. Die Krebsforscher sind Lichtgestalten, deren Aura das ansonsten trübe Bild nicht nur von Gesundheitspolitikern ein wenig aufhellt; Verdienstorden säumen ihre Ruhmeswege.

Nebenher leisten sie einen bedeutenden Beitrag zur kulturellen Ausprägung des deutschen Nationalcharakters. In dem zweiten Rauchercafé von Heidelberg (man bat mich dort, Namen und Standort nicht herauszuposaunen) feiert das Denunziantentum seine Restauration (schöner Doppelsinn!): mehrmals die Woche wird beim Ordnungsamt angezeigt, dass Schwaden aus dem Rauchersalon, durch eine von Zeit zu Zeit benutzte Tür hindurchwabernd, die empfindliche Gesundheit der daneben verweilenden Nichtraucher bedrohen. Natürlich könnten sie sich woanders hinsetzen – vielleicht sogar in ein Nichtrauchercafé. Damit aber wäre ihrem teutonischen Furor nach der Durchsetzung von Verboten nicht Genüge getan: „Da könnte ja jeder …!“, „Wehret den Anfängen!“ Vermutlich fahren diese von wissenschaftlichem und gesellschaftlichem Missionsgeist Druchdrungenen in der Welt herum, um Reiseveranstaltern ihre Versäumnisse vorzurechnen – es ist ihr Verständnis von Migration mit Leitkultur.

Es wird schließlich nicht nur die Gesundheit geschützt. Deutschland ist und bleibt das Reservat von Hausmeistern, Oberlehrern, Denunzianten, die vor allem eines wollen: Ihre Mitmenschen zur Ordnung erziehen. Welche Ordnung ist eigentlich egal. So ist dafür gesorgt, dass sämtliche historischen deutschen Perioden von Barbarossa bis zur DäDäÄrr in ihren Archetypen weiterleben, überall.

Bücher- und Autorenschicksal: keiner liest’s

Die barocke Nationalbibliothek: Bestaunen - aber lesen?


Bildquelle: http://www.wissenswerkstatt.net unter cc

Als ich 1974 die Nationalbibliothek in Prag besuchte – untergebracht in einem barocken Kloster – die durch ihre Größe wie durch den enormen Bestand unvergesslich blieb, ebenso durch ihre Prachtentfaltung und ihre Kunstwerke – erschrak ich bei dem Gedanken, wie viele der in Leder gebundenen kostbaren Bände vollständig aus dem Bewusstsein der Menschen verschwunden sind.
Ebenso erschreckend ist dem Autor heute, da Veröffentlichungen jedem möglich sind, die Vorstellung, seine eigenen Bücher könnten im alljährlich die Märkte flutenden Meer der Publikationen völlig verschwinden.
SWR 2 – einer der letzten Leuchttürme am Rande dieses Meeres – hat sich des Themas „Ungelesene Bücher“ angenommen. Bis 21.12.2010 ist die interessante Funkstunde online abrufbar.

Wo Funken sind, ist Hoffnung

Abendstimmung am Kurhaus

Kultur schafft Vertrauen

Das war eine seltsame Erfahrung am Sonntagabend: Zur zweiten Veranstaltung „Leben Lesen“ kamen viel weniger „Miterzähler“ als zum Sommerevent im August; vermutlich wird es diesmal auch kein Presseecho geben. Dennoch war die kleine Versammlung außergewöhnlich, anregend, reich an verschiedensten An- und Einsichten – niemand hätte es erwartet. Das lag zum einen an der Art, wie sich die erzählerische Improvisation entwickelte, zum anderen an den „Mitspielern“ selbst, deren Lebensgeschichten wahrhaftig um den Erdball reichen: eine Sängerin von den Philippinen, eine Germanistin französischer Herkunft, eine Wirtschaftsfachfrau aus China, eine Eventmanagerin aus Russland, eine deutsche Künstlerin, ein Ingenieurwissenschaftler, dazu ein Politiker mit rumäniendeutscher Jugend, ein Schriftsteller aus Zürich, ebenfalls in Rumänien geboren, ein deutscher Unternehmensberater, der gerade sein erstes Buch mit Lyrik und Aphorismen veröffentlicht hat …
„Herbstzeit – Lose: Schicksale, Wendungen, Ausblicke“ – dieser Titel stand über dem Abend. Wir haben eine Ahnung davon bekommen, wie eng Schicksale in unserer Welt zusammenhängen, wie erstaunlich, wie bereichernd, beglückend, wie unentbehrlich der Austausch der Kulturen in Zukunft sein wird – und dass Baden-Baden dafür ein privilegierter Ort ist. Und deshalb lohnt es sich, weiterzumachen, auch wenn aus „Leben – Lesen“ vorerst kein „Megaevent“ mit medialer Schallverstärkung wird.

Ostetiketten und DDR-Popanze

Einen DDR-Roman habe sie sich ganz anders vorgestellt, ließ mich eine Münchener Zuhörerin nach der Lesung aus wissen, sie habe allerlei unersprießliche Erfahrungen gemacht, fände aber in meinen Texten nichts davon.

Wir konnten dem Thema nicht auf den Grund gehen, dazu fehlte die Zeit; mir ging der Gedanke nicht aus dem Kopf, was wohl zu dieser Kopplung von Etikett “DDR-Roman” und negativer Erwartung geführt haben mochte – immerhin sind ja in den vergangenen Jahren etliche Buchpreise und ein “Oscar” in eben jene Richtung vergeben worden. Zu viele? Wird der Aufarbeitungs- oder (auf der Gegenseite) Beschönigungsliteratur aus dem Osten zu viel Aufmerksamkeit zuteil? Ist das Sujet schon klebrig, eine Leimrute politischer Korrektheit wie der Nationalsozialismus?

An dieser Stelle wurde mir bewusst, was meine Romane von der Mehrzahl der vom untergegangenen Arbeiter- und Bauern-Staat handelnden Texte, Filme, Dokus, Shows unterscheidet: weder noch oder gar der trennen Orte und Personen vom Rest der Welt, sie behandeln DäDäDäÄrr nicht als Popanz mit Stasimuseum und Horrorkabinett der Mangelwirtschaft. Sie wollen nicht – so wie ich das niemals wollte – die Erfahrungen Ost ohne den Kontext West, sie wollen weder gruselige Vergangenheit ausstellen noch schiefe Vergleiche mit heutigen Verhältnissen beschwören. Sie handeln von Leben in Deutschland, in der Welt, mit denen wir alle durchs Universum, durch FrühlingSommerHerbstWinter, Dürre, Regen, Wolkenzüge, Blütensterben, Hunger, Kriege, Vergangenheiten in Gegenwart und Zukunft untrennbar verbunden sind, sie handeln von dem also, was uns ausmacht: erheiternd, beglückend, lächerlich, furchterregend – in Freud und Leid. Die Romane gehören zum “Menschlichen Kosmos”, sie sind keine “DDR-Literatur”, sondern in sehr persönlichem Sinn politisch: unabhängig von Parteien und politischen Systemen.

Leben Lesen

Interview in "Freies Wort" - zum Lesen anklicken

Interview in "Freies Wort"

Am 4. November veröffentlichte die Suhler Regionalzeitung „Freies Wort“ ein Interview zur Arbeit an der Romantrilogie, deren zweiter Teil, „Babels Berg“ Ende Oktober in Suhl und Berlin Premiere hatte. Zwei Verkaufstage genügten, um auf der Bestsellerliste für Oktober prominente Autoren zu überflügeln: Tilo Sarrazin landete auf Platz drei, Joachim Gauck auf dem zweiten Rang.

Natürlich war’s für ein „Heimspiel“, natürlich ist Suhl eine kleine Stadt – dennoch freue ich mich, dass die Lesung viele Zuhörer überzeugte, dass auch an den Tagen darauf Leser den freundlichen Buchhändlern, der Familie Waniek, einen Besuch abstatteten. Buchhändler und kleine Verleger haben’s bekanntlich nicht leicht – herzliches Dankeschön um so mehr an sie und natürlich an meine Verleger Hans Jürgen und Bastian Salier.

Vorlesen? – Mit Vergnügen!

Zeitungsartikel 30.10.2010

Bericht von der Buchpremiere zu "Babels Berg"

Lilian Klement, Redakteurin der Regionalzeitung  „Freies Wort“ hat einen Bericht über die Buchpremiere von „Babels Berg“ in Suhl geschrieben – der Spaß, den Publikum und Vorleser dabei hatten, ist spürbar. Mehr kann sich eigentlich kein Autor wünschen, höchstens, dass sich Mundpropaganda langfristig als wirksamstes Verkaufsargument erweist. Ich zweifle jedenfalls nicht daran, dass Leser zu der deutsch-deutschen Romantrilogie „Blick vom Turm“ – „Babels Berg“ – „Raketenschirm“ ein sehr viel persönlicheres Verhältnis entwickeln, als zu den von PR-Strategen in den Buchmarkt gepressten Bestsellern, die nach wenigen Jahren zu Hunderttausenden als Pfennigartikel im Internet digital verramscht werden. Nachzulesen ist das jetzt schon bei amazon.

Wiedergefunden und neu entdeckt

Bucheinband von der amazon-Seite
Bucheinband von der amazon-Seite

Ionesco war über 60, als er seinen ersten Roman vorlegte, er war längst berühmt als Erzähler und Bühnenautor, er war ein Clown, einer von hohen Graden, der sich nicht über andere lustig macht, sondern über sich selbst, ein Philosoph dazu.
Vermutlich ist das ein Grund dafür, weshalb sich “Der Einzelgänger” heute so aktuell und erheiternd liest. Ionesco stemmt seine anregenden philosophischen und psychologischen Einsichten nicht mit Wortgewalt aufs literarische Proszenium, er legt sie einem unscheinbaren, unheldischen Frühpensionär in den Mund – genauer: er gibt ihm eine Gedankenstimme. Dann lässt er ihn durch die Gassen , die Läden und Restaurants einer Pariser Vorstadt stolpern (es könnte beinahe jede andere Großstadt sein) und am Alltag scheitern, während eben dieser banale Alltag sich in ein Tollhaus von Bürgerkrieg, Revoluzzergeschrei und Anarchie verwandelt. Der Antiheld verbarrikadiert sich in seiner Wohnung, lässt den Weltuntergang, wohlversorgt mit Alkohol, dem Treibstoff seines Sinnens, vorüberziehen, Ende gleich Anfang, die Banalität hält wieder Einzug, der Trinker aber hat immerhin eine Vision gehabt: Er hat einen Zipfel universaler Helligkeit ergriffen.
Ein wundersam traurig-komisches Buch ist das; ich konnte mich dem kleinen großen Sonderling so wenig entziehen wie ich sein Leben teilen möchte. Den Schmerz an der Nahtstelle aus Vereinzelung, Bedürfnis nach sozialer Bindung und Abscheu vor der Banalität kenne ich. Und natürlich war ich überrascht, wie weit Ionescos philosophisches Verständnis vor fast vierzig Jahren ging. Er hatte ein untrügliches Gespür für überzeitlich Verhaltensmuster – und die spezifische Form, die sie mit Beginn der 70er Jahre anzunehmen begannen. Heute lesen wir das und staunen.

Eugène Ionesco “Der Einzelgänger” aus dem Französischen von Lore Kornell in der dt. Erstausgabe Hanser 1973, 163 Seiten