Schöne Einsamkeit

Fiddler_crabWas tut einer wie ich, abends spät noch vorm Rechner sitzend, müde vom Rauschen der für Quoten und Kommerz kanalisierten Informationen und Meinungen? Er sinnt über Zukünftiges nach, er ist froh, dass die Aufregungen, Empörungen, Begierden aufbrandender Medienwogen im geduldigen Sand des Alltags verebben. Ihrer Wucht widerstehen ununterscheidbare Sandkörner, denen jederzeit egal ist, was ihnen geschieht, wohin es sie treibt: Die Energie der Wellen erschöpft sich in folgenlosen Umsortierungen, Strand bleibt Strand. Mindestens Erdbeben, Tsunamis, Vulkanausbrüche müssen geschehen, um Küstenlinien zu ändern – in Zeitspannen, die wir uns vorstellen können, geschieht so etwas kaum.

Deutschlands Küsten sind flach, die Naturgewalten verschonen seine Bewohner glücklicherweise.

Hier stutzt der schläfrige Blogger: Ausgerechnet das Staatsvolk eines von solchen Katastrophen nicht bedrohten Landes hat sein Glück, seine wissenschaftliche und technische Potenz, seine vielfältige und reiche Kultur, den ausgemachten Wohlstand der Mehrheit innerhalb eines Jahrhunderts zweimal vollkommen ruiniert für ein paar Hundert Kilometer mehr an Küstenlinie, hat sich obendrein den Ruf diktaturtauglicher Mitläufer erworben. Dieses Volk durfte sich bestenfalls darüber freuen, als Weltmeister technischer und sportlicher Präzision geachtet zu werden, es wird mittlerweile gelobt, weil es das Schwenken von Fahnen nicht mehr zwanghaft mit militärischem Größenwahn verbindet, sondern darin fast so selbstverständlich Leistungen Einzelner vergesellschaftet, wie’s Amerikaner, Russen oder Chinesen tun. Dieses Volk ist befriedet, sogar bewundert. Aber ist es damit zufrieden?

Wäre es so, wäre es nur eine andere Form von Katastrophe. Es wäre jene Sorte Selbstzufriedenheit, die ein untergegangenes Staatswesen namens DDR mit Beton und brutalen Strafen gegen Nestbeschmutzer aufrechterhielt: mit einer Strategie zum Tod. Die Deutschen haben gelernt, dass über ihr Schicksal in Moskau, Washington, New York, Singapur, Peking entschieden wird, in globalen Konzernzentralen, auch in Afrika, Israel oder Afghanistan – jedenfalls nicht in Berlin oder Brüssel. Die Medien umspülen uns mit dieser Sorte Gewissheiten.

Haben wir nicht dennoch die Wahl, ob wir uns wie Sandkörner verhalten wollen, oder doch mal schauen, was die Natur sonst noch an intelligenten Strategien erfand?

Unter Sandkörnern überleben in der Brandung die merkwürdigsten Wesen.

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3 Kommentare zu “Schöne Einsamkeit

  1. Herrlich vesteckt, der Hinweis auf unsere fehlende Souveränität auch noch nach zig Jahren des Verlierens des zweiten Weltkriegs (die Briten sprechen da wohl eher vom zweiten 30-Jährigen Krieg).
    Ja, wer ein wenig im Netz forscht, darf erkennen, wie das was gelaufen ist und dass wir nicht in Trauer marschieren müssen. Wir waren da wahrlich nicht allein, die die braune Soße angerichtet hat. Wie heißt es so schön: Kinder der Umstände …
    Daher sollten wir das beste draus machen und nach vorne schauen:
    die Welt geht besser, wenn wir nur wollen. Also lasst uns wollen …
    Herzlich Martin

    • Danke fürs Lesen und den Kommentar. Die braunen und die roten Weltverbesserer macht uns keiner nach. Ich halte jede Sorte Weltverbesserung – auch grüne – für eine tödliche voluntaristische Anmaßung. Das mag an der tief verwurzelten Kontroverse zu Marx‘ Feuerbachthese liegen, nach der es darauf ankomme, die Welt zu ändern. Die Welt ändern wir sowieso, und dabei folgen wir biologischen Erfordernissen, Steinzeitimpulsen und Dorfritualen mehr als Geboten einer vom Zeitgeist (Heil! Der Marxismus-Leninismus siegt, weil er wahr ist! etc. etc. …) verdorbenen Vernunft. Die Natur setzt uns aber instand, uns mit allen Sinnen in der Welt zu spüren und zu finden. Wir haben Kultur, wir können spielen – das heißt aus Simulationen lernen, wie aus Fehlern, nur zu geringeren Kosten. Schaffen wir die Blockwarte ab (auch die Blockwärterinnen): Regeln sind zum Spielen da, nicht, das Spiel zu verhindern. Man kann sie auch verändern, wenn’s dem Spiel gut tut. Schule ohne Spiel z.B. ist tödlich. Alles andere auch.

      • Ja, das Leben sollte ein Spiel sein. Auch das Arbeiten sollte so empfunden werden sollen. Noch sind wir nicht ganz da, aber es finden sich immer mehr, die das so sehen. Hier haben sich einige zusammengetan, um in die Richtung einladen zu denken und zu handeln:
        Initiative WirtschaftsDemokratie
        Die Idee ist, durch Vormachen den Sog zu entwickeln, folgen zu wollen. So dass am Ende die Freude auch beim Arbeiten in der Selbstbestimmung gefühlt werden kann.

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