Lichtzeichen im Labyrinth

igel_terror_su.jpg_1Schon nach kurzem Einlesen erstaunte mich die Recherchearbeit, die Regine Igel für ihr Buch geleistet hat. Ein enormes Puzzle von Zeiten, Orten, Personen tat sich auf, zusätzlich kompliziert durch Lücken und Schwärzungen in den Archivalien aus Stasi-Unterlagen, die man ihr beim BStU herauszugeben bereit war. Die größte Komplikation liegt freilich im Wesen der Sache: „Terrorismus-Lügen“ sind mehr als die gängigen Deckmäntel überm Agieren der Stasi, die einem beim ersten Blick auf den Buchtitel einfallen. Lügen, Fälschungen, Tarnen und Täuschen, kurz: Desinformation sind Methoden des Terrorismus selbst – und der Geheimdienste von Staaten, die dessen Handeln aus dem Untergrund gern und meist skrupellos ihren Interessen dienstbar machen. Insofern müsste die einstige Abteilung XXII des Mielke-Ministeriums nicht „Terrorabwehr“ sondern eigentlich „Terrorlenkung“ heißen.

Markus Wolf, bis 1987 Stellvertreter Mielkes und Chef der „Hauptverwaltung Aufklärung“ gab 1997 „Partnerschaften“ mit der PLO, mit dem berüchtigten „Schakal“ Carlos, mit der RAF zu – unbestimmt und vernebelnd. Fest steht, dass in den Jahren 1989 und 1990 vor allem bei der HVA und der Abteilung XXII sehr gründlich und erfolgreich die „operativ entscheidenden“ Akten vernichtet wurden. So entgingen deren Mitarbeiter möglichen Anklagen wegen der Beteiligung an Morden und Attentaten. Das dort gesammelte Wissen war und ist freilich auch für die westlichen Geheimdienste nützlich, weshalb eine riesige Menge erhaltener Akten im Interesse der „Staatsräson“ bis heute unter Verschluss bleiben, Regine Igel durfte sie nicht nutzen.

Sie erschloss sich Quellen im Ausland – etwa anhand der sehr weitgehenden und genauen Ermittlungen zum Terrorismus in Italien – und durchstöberte Zeitungsarchive, las zahllose einschlägige Bücher, glich mit Dokumentationen und Spielfilmen ab, befragte Zeitzeugen, übersetzte selbst aus dem Italienischen und Englischen. So fand sie heraus, wie unterbelichtet in allen Darstellungen der RAF-Aktionen das Zusammenspiel mit der Stasi erscheint. Die Netzwerke nahöstlicher, italienischer, japanischer und westdeutscher Kommandos waren mit Ostberlin eng verknüpft, fast immer mit Stasileuten infiltriert, einzelne Akteure wurden bezahlt und an geheimen Ausbildungsorten trainiert, tauchten zeitweise in der DDR unter, wurden mit Pässen und Legenden versorgt.

Neben dem frappierenden Gesamtbild, das sich trotz der staatlich verordneten Leerstellen aus dem Puzzle ergibt, erschafft die Autorin ein Panoptikum wichtiger Figuren. Es sind zahlreiche Doppel- und Mehrfachagenten darunter; bis zu Kassenbelegen der Stasi sowie Ein- und Ausreisedaten des Bundesdeutschen INPOL-Systems herunter hat Regine Igel Feinstrukturen untersucht. Wer immer sich mit dem Thema RAF und internationaler Terror befasst, wird ihre Aufschlüsse schätzen. Für mich war die Lektüre zugleich aufregend und mühsam; das Hin und Her zwischen Orten, Figuren, Ereignissen verlangt mehrfaches Lesen, Aufmerksamkeit für zahlreiche Anmerkungen, aber der Gewinn an Einsichten und Hinweisen auf weiterführende Lektüre ist enorm: Obwohl „Terrorismuslügen“ schon 2012 erschien, hat das Buch nichts an Brisanz eingebüßt.

Seine Botschaften könnten – mit den Worten eines ziemlich erfolglosen Innenministers ausgedrückt – „die Bevölkerung verunsichern“. Es zeigen sich Komplementarität und Korrespondenz von Staat und Terror: Die hohe Mobilität von Attentätern und Auftragskillern signalisiert, dass niemand an irgend einem Ort dieser Welt sicher sein kann, so will es der Terrorismus. Er kommuniziert über brutale Gewalt seine Ziele und seine Macht, damit bricht er das Gewaltmonopol des Staates. Er operiert klandestin wie die Geheimdienste, die sich spektakuläre Operationen in der Öffentlichkeit nur selten erlauben können, die aber die Sicherheit des Staates und seiner Bürger schützen sollen. Korrespondenz ergibt sich da, wo Information abzuschöpfen, wo Destabilisierung Dritter beabsichtigt ist, und es entstehen giftige Bündnisse, etwa von Rechts- und Linksextremisten, die auf Antiamerikanismus und Antizionismus gründen. Auch dabei zogen, das deckt Regine Igel auf, Stasi, KGB und andere östliche Geheimdienste jahrzehntelang die Fäden. Ein Blick auf heutige politische Konstellationen der Großmächte lässt erwarten, dass Strategien des „Deep State“ insbesondere mit islamistischem Terror kalkulieren. Deutschland ist für ihn ein logistisches Dorado.

Regine Igel „Terrorismuslügen – Wie die Stasi im Untergrund agierte“, Verlag F.A. Herbig, 2. Auflage Stuttgart 2018, 336 Seiten, 23 €

 

 

Wünsche, Pläne, Lügen und Gewalt

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Der Mensch – zwischen Wunsch und Realität

Vorwort zur Neufassung des Buches „Der menschliche Kosmos“

Das Schicksal des Menschen ist der Mensch.

Das gilt für den Einzelnen, der kaum längere Zeit ungesellig leben kann, wenn er essen, trinken, sich warm halten und soziale Grundbedürfnisse befriedigen will.

Das gilt für die Gattung in einer enger werdenden Welt mit knappen Ressourcen und begrenzten Räumen. Zwar werden natürliche Katastrophen unsere Spezies immer gefährden – niemals werden sich Erdbeben, Überflutungen, Brände, Seuchen, Einschläge von Asteroiden oder kosmische Strahlung gänzlich beherrschen lassen – aber wir stehen heute mehr denn je vor der Frage, ob nicht menschliches Handeln, ob nicht seine Formen sozialer Interaktion das eigentliche Problem sind.

Können wir Konflikte zwischen konkurrierenden Gruppen – Nationen, Kulturen, Ethnien, Religionen, Konzernen, Banken, Regierungen, Parteien oder sonstiger (an Stämme der Steinzeit erinnernder) Organisationsformen – anders als durch Gewalt lösen? Sind nicht aggressive Strebungen, Dominanzwünsche und Gewalt elementare Strategien des Überlebens?

Gewalt als Schlägereien, Revolten, Kriege und Terrorattacken hat es immer gegeben, sie dauert fort und findet neue Formen im Cyberspace. Der Einzelne hatte wenig mehr als den Zufall auf seiner Seite, wenn es ums Überleben ging. Die naturwüchsige Strategie von Herden, Schwärmen, Sippen, Horden, Banden verbesserte seine Chancen, alle profitierten vom Schutz, vom Fortbestand der Gemeinschaft, Verlierer blieb immer der Einzelne. Ähnlich verhält es sich mit Strategien der stammeskulturell geprägten Meute, des Mobs, der Staaten, Unternehmen und Verbände aller Art.

Mit der Entwicklung moderner Staaten und Firmen samt Heeren von Arbeitern und Angestellten wird das Phänomen struktureller Gewalt interessant: Es gibt Organisationen, die nach außen und innen rücksichtslos ihre Interessen zur Selbsterhaltung durchsetzen – gegen Leib und Leben des Einzelnen, gegen die Konkurrenz, das Gemeinwesen und gegen die Natur.  Sie trachten danach, sich mit besonderen Rechten auszustatten – auf nationaler, zunehmend supranationaler Ebene, so dass weder sie selbst noch eines ihrer Mitglieder für jede Art Fehlleistung in Haftung zu nehmen wären. Solche Organisationen versuchen mit legalen oder kriminellen Mitteln, die Grundlage allgemeinen Rechts zu usurpieren: das „Gewaltmonopol des Staates“. Dass Konflikte eskalieren, dass sie in vollkommene Zerstörung münden, nehmen sie schlimmstenfalls in Kauf. Sie stellen die ihnen zugehörigen Menschen von Verantwortung frei und machen sie zu willfährigen Handlangern.

Der Vorgang wird an den totalitären Systemen des Kommunismus und Nationalsozialismus deutlich. Religiöse oder andere ideologische Verklärungen von Gewalt gab es seit je – hier wuchs sie unterm Deckmantel von Heilsversprechen für ihre Gefolgschaft auf die Dimension von Genoziden und Weltkriegen an. Angesichts globaler Auswirkungen, die seit dem 20. Jahrhundert sowohl mit Kriegen unmittelbar, als auch mit Angriffen auf Energie- oder Finanzwirtschaft, Informations-und Versorgungssysteme einhergehen, ist zu fragen, ob Konflikte zwischen Menschen auch künftig so unvermeidlich und unbeherrschbar bleiben wie Naturereignisse.

Lässt sich das Verhalten von Milliarden Menschen nicht auf ein friedliches, ausbalanciertes Zusammenleben hin beeinflussen, auf kooperative Strategien der Individuen und ihrer Organisationen, zum Nutzen der Gattung mit ihrer Kultur (Technik) und der sie umgebenden Natur? Derzeit erscheint das – mit dem Blick auf politische Realitäten – als Wunschtraum.

Zweierlei zumindest ist sicher:

  • Konflikte sind unvermeidlich; sie erzeugen die Dynamik zwischen Gruppen von Menschen ebenso wie zwischen Individuen und dem gesamten Umfeld, mit dem wir alle interagieren: mit der Welt.
  • Konflikte werden in Zukunft ALLE betreffen. Die globale Wirtschaft wird es unvermeidlich geben und damit wechselseitige Abhängigkeiten aller von (fast) allen. Das betrifft die natürlichen Ressourcen ebenso wie den Informationsaustausch.

Angesichts dieser mit dem abgedroschenen Begriff „Komplexität“ unzulänglich beschriebenen Lage ist nichts verdächtiger als Heilslehren.

Der Artikel steht am Anfang zur Neufassung des Buches „Der menschliche Kosmos“.

„Wir sind Gedächtnis“ – und Konflikt

Korte_MWir_sind_Gedaechtnis_177610Wollte ich alle Informationen aufzählen, die mir bemerkenswert erschienen beim Lesen dieses Buches – womit sollte ich beginnen? Und wieviel wird meine Erinnerung bewahren können von der Fülle angebotenen Materials aus der Hirnforschung, aus der Theorie des Lernens, der Psychologie und last but not least Verbindungen zur Literatur, Kunst, Musik? Es wird jedenfalls – und der Experte Martin Korte erklärt auch, wieso – ein Bruchteil dessen sein, was ein Experte zu verdauen in der Lage wäre. Immerhin habe ich Fachleuten das Vergnügen voraus, viel mehr Neues und Unbekanntes zu erfahren, oder Bekanntes in überraschenden Zusammenhängen zu entdecken.  Mit etwas Kreativität sollte es möglich sein, vielen am Thema Interessierten die Lektüre von “Wir sind Gedächtnis” nahezubringen.

Kortes Reise durch den „Kosmos im Kopf“ beginnt beim „autobiographischen“ Gedächtnis, und wie in den folgenden Kapiteln erstaunen sogleich die Leistungen unseres Gehirns, verblüfft aber auch, wie wenig von seinen Prozessen uns bewusst wird. Stillstand kennt es nicht, darin gleicht es dem Universum und dem Mikrokosmos der Elementarteilchen. Astronomische Zahlen beschreiben die Dimensionalität der Vernetzung, der Signalwege, der chemischen und energetischen Abläufe. In Raum und Zeit konfiguriert sich das Gedächtnis fortwährend neu – der größte Teil dieses Eigenlebens bleibt uns verborgen. Immerhin hat die Wissenschaft in den vergangenen Jahrzehnten viel Neues über Strukturen und Funktionen herausgefunden. Korte erläutert das anhand zahlreicher Abbildungen, er kommt auf den Erkenntnisfortschritt seit der Antike und dem Hl. Augustinus zurück, benennt wichtige Stationen bis in die Gegenwart und Beiträge bedeutender Forscher. Seine Fähigkeit, souverän das große Forschungsfeld zu überblicken, verbindet sich mit Freude am Erzählen. Wenn er etwa über neue Erkenntnisse zur Rolle des Schlafs beim Lernen spricht, ist die Begeisterung des Lernforschers zu spüren. Zitate aus der Fachliteratur sind ebenso wie solche von Ovid über Shakespeare bis zu Nietzsche, Freud, Marcel Proust und Homer Simpson als „Gedankenflüge“ passend zum Titelbild typographisch eingebunden: So macht Lesen Spaß.

Das Kapitel über die „Auslagerung“ individuellen Wissens in die weltumspannenden digitalen Netzwerke weckte meine Aufmerksamkeit. Korte referiert das Für und Wider, die Grenzen und Defizite des „Multitaskings“, die Vorteile des „Learning bei doing“. Er stellt die Bedeutsamkeit kultureller Kontexte gegenüber schierem Vermitteln von Fakten heraus und befürchtet, dass Internetgewohnheiten das Denken selbst verändern. Dazu führt er „eine nicht zu vernachlässigende Deprivation unseres Stirnlappens“ an, „der eben vor allem damit beschäftigt ist, die Gefühle, Einstellungen und Empfindungen unserer Mitmenschen im sozialen Kontext zu erahnen…“. Leider beleuchtet er die Bedeutung der nonverbalen Signale – der Mienen, Gesten, Laute – für die Kommunikation nur allzu kurz, obwohl er ihnen 70 bis 80% des Geschehens zuordnet. Sie bilden sich schon im Mutterleib, werden zwar abhängig von der Lernumgebung nach der Geburt individualtypisch ausgeprägt, bleiben aber lebenslang tief im Unbewussten des Gedächtnisses verankert. Sie sind menschenallgemein, wenn auch kulturell überformt. Fast jeder versteht sie – unabhängig von der Sprache – richtig: Wer kein Deutsch kann, wird kaum freundlich auf ein aggressives „Du Depp!“ reagieren. Er würde sich aber kaum beleidigt fühlen, wenn ich ihm mit von Herzen kommender Bewunderung und einem Lächeln sagte: „Du bist ein Depp ohnegleichen!“. 

In Grenzen sind – etwa bei Schauspielern – solche emotionalen Signale trainierbar,  sie formen gleichwohl zwar stabile, vor allem aber kaum zu beeinflussende Persönlichkeitsmuster. Und sie können enorme gruppendynamische Kraft entfalten – im Jubel der Stadien, in Rührung und Gelächter des Theaterpublikums, im Johlen des Mobs, im Kriegsgeschrei. Die vielbegackerten Echokammern und Filterblasen des World Wide Web erscheinen als Surrogat solcher Interaktionen und aller möglichen sozialen Rituale und Rollen. Aber auch in virtuellen Beziehungen zwischen Menschen steuern Emotionen und Impulse tief im Gedächtnis das Verhalten. Korte streift den Zusammenhang noch einmal im Kapitel über das Vergessen, wenn er auf „Narben der Erinnerung“ – meist in der Kindheit erlittenener Verletzungen – zu sprechen kommt, und im vorletzten Kapitel die Zerstörung des „kollektiven Gedächtnisses“ durch Kriege und totalitäre Systeme anspricht, aber er lässt Fragen nach Wut, Hass, Ekel, Aggressivität, Machtgier, Habsucht, Rachedurst… außen vor – auch die nach Liebe, Altruismus, Empathie – und beschränkt sich alles in allem auf kognitive Aspekte. Ein umfänglicher Abschnitt über die Alzheimer-Krankheit und das Schlusskapitel mit Tipps, wie einer sein Gedächtnis fit hält, ließen mich an jene konfliktscheue Wissenschaft denken, die von wohlmeinenden Medien gern „eingekauft“ und als „trinkbare Information“ (die Formulierung stammt von einem ehemaligen Fernsehdirektor) dem vermeintlich minder verständigen Publikum verabreicht wird.

Wen schließlich meint das „Wir“ im Titel? Alle Menschen? Eine wohlversorgte, aufgeschlossene Leserschaft? Letztere wünsche ich dem Buch, falls sie weitergehende Fragen stellt, ist das ganz im Sinne des sympathischen Autors und seiner Lernforschung. Die von ihm kurz angedeutete Idee, man könne Vorurteile – also womöglich Feindbilder – aus dem Gedächtnis mittels Workshops ausräumen, erscheint mir gleichwohl so lächerlich wie gespenstisch. Kürzlich schlugen – so war in Medien zu lesen und zu hören – Bonner Wissenschaftler vor, das Hormon Oxytocin gegen Fremdenfeindlichkeit zu verabreichen. Solange derart mechanistisch mit dem – auch für das Lernen – unvermeidlichen Konfliktgeschehen der realen Welt kalkuliert wird, bleibt das kollektive Gedächtnis der Menschheit – also unseres – bedroht.

Martin Korte “Wir sind Gedächtnis”, DVA Sachbuch 2017, 384 Seiten, 20 €

Fragen nach Sinn und Ziel

Hinrichtung eines Delinquenten

Recht oder Gewalt – Macht – Lust?

Krisenherde, Gewalttätigkeiten, Kriege und Massaker in „Failed States“ treiben Bilderwogen hoch, der politische Einfluss von Nationalstaaten aufs wirtschaftliche Geschehen schwindet, die #EU ist eher ein Sanierungsfall als gestaltende Kraft im globalen Geschehen. Vor der Bundestagswahl werfen sich Parteien in Pose, ihre Programme bestehen hauptsächlich aus Worthülsen. Um ihre Handlungsunfähigkeit auf den wesentlichen Feldern wie Energie-, Migrations-, Finanz-, Abrüstungspolitik zu kaschieren, füttern sie mit Steuergeldern Korporationen – darunter zahllose sogenannte NGO -, die sie folgerichtig als willige Helfer für den Machterhalt und Schutzschild gegen unerwünschte Kritik dienstbar machen.

Statt Konflikte zu benennen und nach Lösungen zu suchen, gebrauchen fast alle Protagonisten der Wahlkämpfe den dicken Zeigefinger, der immer auf die anderen weist, und gegenüber den Wählern die bevormundende Moralkeule in der Art von Aufklebern auf Tabakverpackungen (Tödlich! Gefährlich! Klimaschädlich! Arm- und krankmachend…!). Sie mobilisieren den Versicherungs- und Vermeidungsimpuls der Wähler. Selbständigen Handlungs- und Entscheidungswillen, Meinungsfreiheit und Verantwortungsbereitschaft bremsen solche Organisationen gern aus, denn sie dienen nicht ihrem wichtigsten Ziel: Selbsterhaltung – koste es das Gemeinwesen, was es wolle.

Schauen Sie sich daraufhin die vertrauten „Gestelle“ (die Bezeichnung weist aus, dass vor allem ihre An-Gestellten nutznießen) einmal an.

Titel zu "Der menschliche Kosmos"

Gefühle, Konflikte, Strategien

Wenn Sie sich für Zusammenhänge, Strukturen und Handlungsmuster interessieren, ihre eigene Position daraufhin befragen wollen, ob und wieviel sinnvolles und erfülltes Erleben sich damit verbindet, dann lesen Sie “Der menschliche Kosmos” einfach online – so viel Sie mögen – und stellen Sie Ihre Fragen.

„Der menschliche Kosmos“ ist nämlich Ihrer.

Der verstellte Frieden

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Blatt 3 aus Goyas „Schrecken des Krieges“

“Wenn irgendein Konflikt mit Hilfe der Sprache gelöst werden soll, muss er in voller Schärfe und mit allen Sinnen wahrgenommen und nicht zuvor auf die Terminologie politischer Correctness hingebogen oder hinter den Lügen sozialpädagogischen Wunschdenkens versteckt werden.”
So steht’s im dritten Kapitel von „Der menschliche Kosmos“. Und – in aller Bescheidenheit – dort finden sich auch einige wichtige Hinweise auf die Entstehung beispielloser Gewalttaten wie die von Anders B. Breivik, von Robert Steinhäuser in Erfurt 2002, von Emsdetten und Winnenden. Die unbequemen Fragen des Buches passen natürlich nicht in eine Medienlandschaft, die das Ziehen von Schubladen als erfolgreiches Sozialritual etabliert hat.
“Eine Psychopathologie Adolf Eichmanns hat es deshalb nie gegeben, weil sein Verhalten lebenslang den Normativen eines brauchbaren, wenig auffälligen AnGestellten entsprach. Seine Selbstwahrnehmung war entsprechend. Das liegt nun nicht etwa daran, dass Eichmann psychisch nicht gestört gewesen wäre, sondern daran, dass seine psychische Deformation massenhaft verbreitet, ja sogar als besondere Eignung für spezielle politische Ziele willkommen ist.

Ein Apparatschik der mörderischen Art braucht keine „teuflisch-dämonische Tiefe“ – das hat Hannah Arendt schon im Eichmann-Prozess beobachtet. Es genügen Karrieregeilheit und ein empathiefreier Dominanzimpuls. Solche Figuren reussieren besonders in totalitären Systemen: Dserschinski, Beria, Heydrich, Mielke sind nur die bekanntesten von ihnen. Es gibt sie aber in jedem Herrschaftsapparat, auch in demokratischen Staaten. Wenn Parteien sich ihrer Dienste auf dem Weg zur Macht bedienen können, tun sie es. Solange demokratische Öffentlichkeit und Rechtsstaat funktionieren, sind sie aufzuhalten. Sie werden folglich alles daran setzen, Meinungsfreiheit und unabhängige Justiz zu torpedieren. Solche Typen mit einem herzlichen Verhältnis zu Frau und Kindern und – nach eigenem Bekunden – keinerlei persönlichen Aversionen gegen Juden, Russen, Deutsche, Katholiken, Protestanten, Andersfarbige, Schwule, Rechte, Linke oder überhaupt irgendwie „Andere“ drücken aber nötigenfalls – mit dem reinsten Gewissen der Welt – auf den Knopf mit der Hunderttausend-Tote-Technik. Warum? Weil sie es können. Das gilt als gesund.

Das hätte Anders Breivik auch getan, nur hatte er nicht die Rückendeckung eines Regimes. Er hat sich sein eigenes erfunden. Er erfand sich selbst die Partei, die ihn anderenorts als Helden gefeiert hätte. Die Welt ist voll solcher Orte. Jeder Panzerfahrer in Syrien oder Libyen, jeder Anhänger des IS massakriert bedenkenlos Frauen und Kinder, wenn das Feindbild stimmt, um nach dem Einsatz wieder sein Kindchen auf dem Schoß zu schaukeln und seiner Frau zu sagen wie schön sie ist. Ab und zu brechen solche menschengemachten Konstrukte von Recht und Gerechtigkeit zusammen. Die verpimpelten AnGestellten, deren Waffen zu unverdächtigen bürokratischen Prozeduren geschrumpft sind, schlagen dann die Hände überm Kopf zusammen und suchen Rat bei Leuten, die ihnen erklären, dass Massenmörder Psychopathen sind. Sind sie aber nicht.
Schön bequem ist auch die Erklärung von der “narzisstischen Persönlichkeitsstörung”. Sie suggeriert, dass man Massenmörder nur rechtzeitig in eine Menschenreparaturwerkstatt schaffen müsste, um Massaker zu verhindern. Schön. Mozart wäre als Komponist auf diese Art ebenso verhinderbar gewesen wie ETA Hoffmann als Autor, und – auch nur als Beispiel – Konstantin Wecker als Held der Antifa.
“Die auf möglichst massenhaften (Quote!) voyeuristischen Konsum von Gewalt ein-Gestell-ten Medien schreiben die Zyklen von Gewalt- Macht- Lust massenhaft als emotionale Erfolgsgeschichte fort. Die ideologische Trennung von „guter“ und „böser“ Gewalt ver-stellt ihre Wahrnehmung als Geschichte zerstörter Möglichkeiten.”
Das Problem menschlicher Wahrnehmung ist, dass sie nicht wissen will, was quer zu ihren weitgehend und vor allem kurzfristigen und kurzsichtigen Erlangungs- und Vermeidungsstrategien steht. Das finden Sie unzutreffend? Ich freue mich auf Ihre Kommentare – aber lesen sollten Sie vorher schon.

(Der Artikel aktualisiert „Die unsichtbaren Massenmörder“ vom 31.11.2011)

Kriminelle und gewaltbereite Zuwanderer

Bundesarchiv_Bild_183-1988-0317-312,_Alexander_Schalck-GolodkowskiDass mit dem Zustrom von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten auch dessen Konflikte zu uns kommen, kann ebensowenig verwundern, wie der Zustrom von Kriminellen und Stasis im Zuge der Ausreise aus der DäDäÄrr seit den 70er Jahren bis zu deren Zusammenbruch. Sie brachten ihre kriminelle Energie mit – oder den Welt-Verbesserer-Wahn des Marxismus-Leninismus. Manche warfen sich aufs (kriminelle) Reichwerden, manche arbeiten immer noch daran, dä DäDäÄrr wieder aufleben zu lassen. Die meisten wurden ganz normale Bundesbürger.

Zu bezweifeln ist indessen noch, dass afrikanische Warlords, saudische Potentaten, die Herren Assad, Erdogan und andere Premiumkunden der deutschen Waffenexport-Wirtschaft in nächster Zeit Zuflucht am Tegernsee finden, wie einst der Stasioberst, Waffenhändler und Duzfreund von F.J. Strauß, Herr Alexander Schalck-Golodkowski. (Bild aus dem Bundesarchiv, Bild 183-1988-0317-312 / Brüggmann, Eva / CC-BY-SA 3.0)

Die Qualitäten unseres Gemeinwesens – eine ist Meinungsfreiheit, also auch Transparenz der Extreme – werden sich in harten Konflikten behaupten müssen. Schafft es unsere Kultur, überzeugend zu belegen, dass Dominanz keine zukunftsfähige Strategie ist? Dass Aufklärung, kooperativer Ideenreichtum, Wohlstand und Solidarität  der unheiligen Dreifaltigkeit von Gewalt – Macht – Lust  gewachsen sind? Dass das „Leben der Anderen“ in womöglich mühsamen Prozessen mit unserem eigenen zusammen fruchtbar werden kann?

Der Glaube, die Hoffnung, dass es gelingen kann, sind keine Frage der Religion. Religion und Aufklärung müssen sich gegenseitig nicht ausschließen – aber damit sind wir noch ganz am Anfang. Jeder Einzelne. Herdenimpulse und Feindbilder sind tief eingewurzelt – die “Schwarmintelligenz” hat ihre Tauglichkeit zur Konfliktbewältigung bis heute nicht bewiesen, jedenfalls nicht in den “Social Media”. Dort toben sich dieselben Reflexe aus wie im Dreißigjährigen Krieg, im Nationalismus, im Totalitarismus. Sei’s drum: Die Bewegung der Hilfesuchenden richtet sich nicht nur auf den ökonomischen Erfolg, unser Wohlstand besteht nicht nur aus “Anspruchsberechtigung an Sozialsysteme”. Dieser Sozialismus ist kollabiert. Übersehen wir nicht, dass er – wie der Kommunismus – auf dem Holz der kapitalistischen Wirtschaftsform gewachsen ist. Marktwirtschaft, Demokratie, Rechtsstaat bieten indessen genügend Raum für eine Kultur jenseits des Denkens in Zahlen, Klassen, göttlichen Verheißungen, und “Amboss-oder-Hammer”-Schemata. Für Krisen und Konflikte brauchen wir sie, und es gibt sie schon – allerdings nicht in den quotenfixierten Erzählungen der Massenmedien.

Enthemmt – und leider nackt

BoschausschnittTummelplätze zivilisierten Umgangs sind die “social media” – Facebook zumal – gewiss nicht. “Ließe sich aus Pöbeleien Elektrizität gewinnen, könnte fb allein die Welt mit Energie versorgen”, habe ich kürzlich gelesen, fand das überzeugend und habe es geteilt. Es wird nichts nützen. Es mag statistisch belegt sein, dass die Menschheit heute weniger Mord, Totschlag, Kriegs- und andere Greuel erfährt als zuvor in ihrer Geschichte: Die gedankliche Bereitschaft, andere zu verletzen, um sich eigener überlegener Kraft und Wertigkeit zu vergewissern, sei beides auch nur eingebildet – diese Bereitschaft dürfte sich statistischen Erhebungen entziehen. Ob “hate speech” beim Imponiergehabe bleibt oder physischer Gewalt den Weg ebnet, ist die eine Frage.

Wenn demokratische Staaten mit halbwegs florierender Wirtschaft und funktionstüchtigem Rechtssystem sich darum bemühen, aggressive und auf Dominanz zielende Impulse von Einzelnen und Gruppen aufzufangen, gar fürs Gemeinwesen produktiv werden zu lassen, indem sie selbst divergenten Kulturen und bizarren Persönlichkeiten Freiräume öffnen und sie erhalten, werden sie zugleich gewärtigen müssen, dass auch die unerfreulichsten Geisteshaltungen sich ihre Nischen suchen. Dann wäre die nächste Frage, ob eine Gesellschaft sogleich mit dem Eisernen Besen “Wehret den Anfängen” üben oder es auf den praktischen Beweis ihrer Reife und überlegener Strategien ankommen lassen will.

Vermutlich bin ich nicht ganz allein, wenn ich unserem Gemeinwesen zutraue, ohne Zensur, ohne staatliche Überwachung à la Stasi, ohne Prüfungen von Religion oder anderen persönlich ausgeprägten Gesinnungen auszukommen. Dass sich gewaltbereite Minderheiten über die Strukturen von Staat und Gesellschaft erheben, Angst und Schrecken verbreiten, Mehrheiten für die Selbstermächtigung gewinnen können wie in Zeiten der Weimarer Republik – fürchten das nicht nur Hasenfüße mit wenig eigenem Engagement für unser dem Totalitarismus und der Spaltung entwachsenes Gemeinwesen? Die Menschen in meiner Umgebung halte ich allesamt für souverän und standfest genug, Dichotomiefallen zu vermeiden, die gern von Medien und Parteigängern des Musters “Wo wir sind, sind die Guten, alles andere gehört zu den Bösen” aufgestellt werden.

Möglicherweise alleine stehe ich da, wenn ich “Filterblasen” in den fb, g+, twitter, xing, linkedin etc. nicht schlimm finde. Für mich bedeutet Freiheit vor allem die Freiheit Nein sagen zu dürfen – und wenn ich keine Lust auf Pöbeleien habe, dann meide ich die Gesellschaft von Leuten, die das Pöbeln als Ausdrucksform ihres Selbstgefühls brauchen und praktizieren. Klar: In jungen Jahren bin ich keinem Scharmützel aus dem Weg gegangen, das ich für unvermeidlich hielt, und ich denke nicht daran, der heutigen Jugend ihre Erfahrungen mit Konflikten zu ersparen – die Jüngeren können angesichts gut entwickelter einschlägiger Methoden sowieso schon vieles besser machen als wir. Wenn sie wollen. Wer allerdings heute nicht die Minimalkriterien gesitteten Umgangs erfüllt, die mir seinerzeit von meiner Großmutter auf den Weg gegeben wurden, dem weise ich die Tür aus meiner Wohnung so gut wie aus meiner “Filterblase”.

Mögen die Parteigänger – egal welcher Glaubensrichtung – in der Demokratie nicht mehr als ihre Chance sehen, aggressiv ihre Vorurteile in die Welt zu setzen und Anspruch auf die eigene Vorherrschaft zu erheben, mögen sie vollkommen enthemmt pöbeln, verunglimpfen, hetzen: Sie zeigen sich nackt. Ich bezweifle, dass dieser Anblick auf viel mehr als Ihresgleichen anziehend wirkt.