Die Lust am Stempeln

Meine Mutter als Kind 1930 vorm Elternhaus
Meine Mutter als Kind 1930 vorm Elternhaus

Mein Elternhaus, Nummer 26 in der Herrenstraße in Suhl, einer durch ihre Waffenproduktion in Europa bekannten Thüringischen Kleinstadt, trug bis zu seinem  Abriss bei den Nachbarn den Namen “Bornmüllers Hof”. Das im Geviert um einen romantischen Innenhof gebaute Fachwerk aus dem 18. Jahrhundert beherbergte bis zur Inflation 1923 die Gewehrfabrik Richard Bornmüller und Co..

Im Maschinenraum des Handelsschiffes „Freienfels“ im Indischen Ozean

Meinem Großvater Karl fiel als einem 1919 aus Kriegsgefangenschaft im fernen Australien entlassenen Schiffsingenieur nur mehr das Los zu, die Reste der untergegangenen Firma seines Onkels Richard und seines Vaters Hilmar aufzulösen. Die Geschäfte waren schon während des Weltkriegs schlecht, denn Richard war zwar ein begnadeter Erfinder, erlangte Beachtung aber nur durch Jagd- und Sportwaffen. Den großen Konkurrenten – Haenel, Krieghoff, Gebrüder Merkel, Sauer, Simson – mit ihren Aufträgen vom Militär war er nicht gewachsen. So verschwand das Unternehmen; mein Großvater wurde arbeitslos, verdingte sich zeitweise bei Simson als Pförtner, später bei Krieghoff in der Produktion für den nächsten Weltkrieg.

Hinterhaus von Herrenstraße 26, vormals Gewehrfabrik

Als ich geboren wurde, existierten noch Überreste der einstigen Firma: Im Hinterhaus, direkt am Ufer des Flüsschens Lauter befand sich das ehemalige Kontor, an dessen Fenster mein Großvater noch zu erkennen ist. Es wurde in den 60er Jahren zu meinem Abenteuerspielplatz. Ich fand dort neben zahllosen Unterlagen einstiger Buchführung – sogar Scheckheften der „Schwarzburgischen Landesbank zu Sondershausen“ – unbenutzte Dokumente, Kassenbücher, Formulare, vor allem aber etliche Stempel. Alsbald wurde Beschreiben und Bestempeln zu einer wahren Leidenschaft. In der fiktiven Welt von „Richard Bornmüller & Co.“ war ich der Chef. Mit gehörten die Gespenster alter Gewehre und Apparaturen, Konten, Kredite und Debite. Stempel machten mich zum Eigentümer. Ich erteilte schriftliche Weisungen an Lieferanten und Angestellte, korrespondierte mit Kunden, rechnete aus und ab: Stempel und Unterschrift besiegelten mein Walten.

Weder Bank noch Fürstentum überlebten: Schwarzburg-Sondershausen

Stempel, Marken, Siegel, Wappen: Sie waren über Jahrtausende die materiellen Belege für die gesellschaftliche Stellung ihrer Inhaber, Symbole informeller Macht. Sie zu fälschen wurde bestraft, Strafen variierten von Prügeln und Pranger bei einfacher Urkundenfälschung bis zur Kerkerhaft und Todesstrafe etwa für Falschmünzerei oder den Missbrauch herrschaftlicher Insignien. Im Porträt des Königs oder der Kaiserin prägte sich deren Rang ebenso aus wie die unangreifbare Macht des Staates auf dem Geldschein.

1910 eine Menge Geld – nach der Inflation nur noch Altpapier. Wert heute: Null Komma Nix!

Es ist kein Zufall, dass wir im Zeitalter von Massengesellschaft und Massenkommunikation den Siegeszug der „digitalen Signatur“ erleben – einschließlich des Aufkommens digitaler Währungen. Daneben aber konkurrieren „analoge“ Geschäftszeichen und Gesichter immer noch als Ausdruck informeller Macht: Marken und Prominenz anstelle von Zunftzeichen, Petschaft, Prägestempel. Und es offenbart sich auch hier das spannungsvolle Verhältnis von Qualität und Quantität. Numismatiker und Philatelisten wissen, wovon ich rede, ebenso Kunstsammler und Museen. Nicht die Menge an historischen Objekten entscheidet über deren Wert, sondern ihre Qualität. Originalität und Erhaltungszustand, Alter, Seltenheit, das Signet des Künstlers zählen. Massenhafte Verfügbarkeit entwertet jede Kopie: In ihr verschwinden fast alle unnachahmlichen Eigenschaften der Vorlage.

Vom „Klassenfeind“ zur D-Mark umgerubelt: Geld der sozialistischen Pleite

Mir erscheinen die Bitcoins und ihre Verwandten – die geplante digitale Währung der EZB zumal – ebenso gespenstisch wie die Versprechungen eines Tausenders aus dem Kaiserreich oder die einer 500-Mark-Banknote der DDR. Wenn der nächste große Kladderadatsch kommt, wird einfach niemand mehr da sein, jene Versprechen auf ihren Wert einzulösen, für die arbeitende Menschen das Kostbarste hergeben, was ihnen das Universum schenkt: Lebenszeit. Die einzigartige, unverwechselbare, unersetzliche Qualität des Individuums. Ihr gegenüber sind eigentlich alle Stempel und Währungen wertlos: keine Sekunde ist zurückzukaufen. Das Signum über ihren Wert oder Unwert drückt ihr jeder selbst auf: indem er sie als Erfahrung nutzt. Niemand außer ihm selber kann das.

Aber virtuelle Währungen sind mir nur ein Hinweis darauf, wie spannungsvoll sich informelle und materielle Dimension von Macht zueinander verhalten. Selbst die imposantesten Unternehmen müssen fürchten, dass eine ihrer – aufwendig beworbenen und geschützten – Marken entwertet wird. Umgekehrt können Marken und Signets gescheiterter Firmen zu neuem Glanz kommen. Und in Zeiten globaler Netzwerke kann eine einzige Information – unabhängig vom Wahrheitsgehalt – katastrophale Wertverluste bewirken.

Die informelle Dimension der Macht hat an Bedeutung gewonnen: Die „Aufmerksamkeitsökonomie“ treibt sowohl die Konzerne wie die Mächtigen dieser Erde vor sich her. Und dieses Phänomen greift tatsächlich tief ins Leben des Einzelnen: Seine berufliche Existenz, seine Chancen bei der Partnerwahl, sein Ansehen, das seiner Familie und Freunde wird durch fortwährende Kämpfe um die Deutungshoheit von „Gut“ und „Böse“ erschüttert. Er beteiligt sich auch gern virtuell daran: beim Computerspiel, in den „sozialen Netzwerken“, als Zuschauer und Kommentator. Anders als in religiös orientierten Gesellschaften, wo überschaubare Normen und Alltagsrituale das Zusammenleben „prägen“, sieht sich das Individuum rasch wechselnden Werturteilen, Ansprüchen immer neuer Korporationen auf Deutungshoheit, immer rascherem Verfall vermeintlicher Gewissheiten gegenüber. Worauf und auf wen ist Verlass? Wem kann, wem darf einer vertrauen?

Texte von Bert Brecht und der „Staatsfeind“ als Clown 1981

In den Tagen vor meinem 70sten Geburtstag kamen mir meine Stasi-Akten wieder in die Hände. Sie reichen über 50 Jahre zurück, bis in meine Schulzeit. Höhepunkt der Mühewaltungen von offiziellen, inoffiziellen – informellen – und „gesellschaftlichen“ Mitarbeitern waren die 80er Jahre. Dutzende von ihnen bespitzelten und lähmten meine Arbeit als Regisseur und Schauspieler bis zum Berufsverbot. Unter ihnen waren Kolleginnen und Kollegen, Freunde – allerdings kaum enge – etliche Personen in Behörden, im Theaterverband und Kulturministerium, sogar der Hauptdarsteller einer meiner letzten Inszenierungen. Ich war als „feindlich negatives Subjekt“ abgestempelt.

Die Machtverhältnisse in der Demokratie, in der ich seit über 30 Jahren lebe, erscheinen unübersichtlicher als damals, die Kämpfe um Deutungshoheiten nicht weniger verbissen. Zahllose Organisationen bewaffnen sich mit Stempeln. Sie verteilen sie samt dem Versprechen an ihre Gefolgschaft, sich als die „Guten“ einen Anteil der Privilegien und des Eigentums zu sichern, die den als böse gebrandmarkten weggenommen werden. Sie bevollmächtigen, Letztere zu bepöbeln, zu denunzieren, an den Pranger zu stellen, auszuplündern, gar auszulöschen. Egal ob im Cyberspace oder in der Realität: Diese Jahrtausende alten Muster menschlichen Handelns ändern sich nicht. Ich durfte im längst vergessenen Kontor meines Großvaters lernen – und das war der Wert der wertlosen Stempel – wie vergänglich Insignien der Macht sind, und wie kostbar dagegen die Erfahrung eines Vertrauens in liebevolle Zuwendung von Menschen, die immer beides sein können: gut und böse.

Rezensent sein? Immer noch nicht

Borck_Organisation
Anspruchsvolle Lektüre aus der Praxis für die Praxis

Gebhard Borcks Buch “Chef sein? – Lieber was bewegen!” hat mir sehr gefallen, weil es die Probleme und Konflikte der – am Ende erfolgreichen – Transformation eines Unternehmens genau und ehrlich beschreibt. Den Titel habe ich damals paraphrasiert, weil mir seine Arbeit sympathisch ist, mir angesichts des interessanten Stoffs Quengeleien über Sprache und Stil fern lagen. So ähnlich geht es mir auch mit dem neuen Buch, aber aus anderen Gründen.

Zum einen stehe ich der Vielfalt an Konzepten, Modellen, Methoden in betriebswirtschaftlichen Debatten, von denen darin die Rede ist, mit ziemlicher Unkenntnis gegenüber, zum anderen sehe ich grundlegende Empfehlungen fürs Handeln, die der Autor als “Playbook” (Ach! übers unvermeidliche Denglisch!) ausbreitet, mit Neugier und einiger Befriedigung.

Das liegt daran, dass ihre psychologischen und soziologischen Wegweiser den meinen ähneln. Gebhard Borck bezieht sich etwa auf Arbeiten von Viktor Frankl und Erich Fromm, und er nutzt beim praktischen Umsetzen der von ihm initiierten Veränderungen in Unternehmen auch Uwe Renalds Müllers Buch “Machtwechsel im Management”, das 1999 verdientermaßen den “American Business Book Award erhielt. Müllers früher Tod nach schwerer Krankheit kam dem Beweis der Praxistauglichkeit zuvor. Umso erfreulicher, dass seine klugen Analysen und Vorschläge weiterhin angewandt werden.

Mit einem Kunstgriff beginnt’s: Drei „Archetypen“ stellt der Autor vor, liefert dazu gleich passende Vignetten und ordnet ihnen drei Modelle von Führung in Unternehmen zu. Originelle Idee dabei ist, ausgerechnet Pippi Langstrumpf für das autoritäre, hierarchische, in zentral gesteuerten Organisationen zu besetzen. Hoppla: Despot und Anarchistin? Na klar: Sie sind zwei Seiten einer Medaille mit der Prägung „Ich mach mir die Welt, wiedewiedewie sie mir gefällt.“ Dazu hat Pippi sowohl die materielle – Kiste voll Gold – wie informelle Macht, nämlich Zauberkräfte. Alle finden sie toll. Fast alle. Typ zwei ist von der britischen Volkswirtschaftlerin Kate Raworth inspiriert, ein Modell der Ökonomie insgesamt in Form eines Donuts, mathematisch gesprochen eines Torus. Dieses Modell führt Gebhard Borck durch seinen Text fort, um zu erläutern, wie wichtig das Erkennen von Grenzen für unser Handeln ist. „Auf dem Donut arbeiten“ wird als besondere Perspektive etabliert, etwa so:

„Auf dem Donut wird verhandelt. Hier muss die Organisation lernen, Konflikte zu lösen. Sonst drohen faule Kompromisse. Diese gefährden die Firma, anstatt sie zu stabilisieren. Autorität ist hier ein Talent, kein Bestandteil der Stellenbeschreibung.“

Dazu gibt es als „Alternative“ noch die „Zombie-Apokalypse“: „verwöhnt aufsässige Mitarbeiter und autoritätsberaubt dienende Führungskräfte“, meist Ergebnis fragwürdiger Transformationsversuche unter dem Etikett „New Work“. Aus den drei Rollenperspektiven lassen sich nun sowohl das Geschehen wie Handlungsoptionen in einem Unternehmen betrachten. Natürlich überlagern sie sich in der Realität oft, es gibt Rollenwechsel und Regression, und das gilt auch für die von Uwe Renald Müller definierten drei Systeme der Führung (aggressiv und destruktiv, aggressiv und nicht-destruktiv, kooperativ-lebensbejahend) und zugehörige „Reifegrade“ der ihnen folgenden Gruppen. Gebhard Borck visiert mit seiner Methode der „Betriebskatalyse“ den höchsten Reifegrad an: selbstorganisierend/ selbststeuernd. Im Buch erläutert er „Denkwerkzeuge“, mannigfaltige Wege, Methoden und Mittel, wie das praktisch erreicht werden kann. Er illustriert mit eigenen Schaubildern, Übersichtsplänen und Vignetten – das mag für viele die Orientierung erleichtern. Ausdrücklich besteht er darauf, dass die Katalyse für jede Firma – mit je eigener „DNA“ – einen spezifischen Verlauf nimmt und Rezepte so wenig wie Handlungsschemata kennt.

Entscheidender Vorzug der Katalyse ist, dass sie Widerstände, Krisen und Konflikte nicht abwehrt, sondern als Teil des Prozesses nutzt, um die Organisation lernfähig zu halten. So zumindest habe ich insbesondere den Abschnitt 13.2 verstanden, und hier treffen sich meine Erfahrungen mit denen des Autors. Er kann anhand verschiedener Kunden belegen, dass es funktioniert, freilich nicht ohne gelegentlich dramatisch zugespitzte Situationen. Die Firma Heiler hat jedenfalls dank der dort gereiften Zusammenarbeit die Corona-bedingten Erschütterungen des Jahres 2020 gut gemeistert.

Über das Bild des „Donuts“ im Buch bin ich dann doch gestolpert: Hier verkauft uns der Autor die 2-dimensionale Projektion des Kringels als Modell. Dadurch entstehen fünf getrennte Topoi. Beim echten, dreidimensionalen Torus sind es nur drei: eine Teigfüllung, eine Kruste, die sie umhüllt, und die Umgebung. Interessant sind freilich die Randzonen zwischen Teig und Kruste innen, Kruste und Umgebung außen: Randbedingungen für Interaktionen zwischen Teig und Kruste, Kruste und Umgebung – also Luft oder Öl verschiedener Temperatur beim Backwerk. Wann es „reif“ ist, wie lange es genießbar bleibt – das ist in der Praxis schon eine ziemlich komplexe Sache. Sie hängt von der Qualität der Zutaten im Teig ebenso ab wie von der Kunst, das Verhältnis von Teig und Kruste zu steuern: irgendwo zwischen knusprig und luftig soll es sein. Am Ende gilt für den Kringelbäcker dasselbe wie für den betriebswirtschaftlichen Katalysator: Erfahrung zählt, und wenn der Kunde anbeißt, beweist sich der Donut – beim Essen.

Gebhard Borck „Die selbstwirksame Organisation“ Verlag Business Village Göttingen, 2020

Glück ist, wenn man trotzdem lebt

Friedhof in Gernsbach
Friedhof in Gernsbach

Wir erleben den vierten Sommer nach der Katastrophe. Wir haben seither wieder viele gemeinsame Spaziergänge im Schwarzwald unternommen – nicht mehr so weit, nicht mehr mit großen Höhenunterschieden – und waren mehrmals am Bodensee. Das Leben ist intensiver geworden, die Zweisamkeit zum wichtigsten Wert. Wir bewegen uns gemeinsam ohne Rollstuhl, Rollator, Gehhilfen. Gute und schlechte Tage wechseln, das ist normal, wenn man alt wird und sich „Die Leiden unserer Sterblichkeit“ (so der Titel einer lesenswerten Erzählung von Katherine Anne Porter) einfinden.

Tage, Abende, Ausblicke werden kostbar

Einen Fuß vor den anderen setzen: Das kann ein erhebendes Gefühl sein, wenn jemand aus dem Koma erwacht, nicht weiß, ob jemals wieder aufrecht stehen und gehen möglich, eine verschwundene Körperhälfte spüren mehr als ein Wunschtraum sein wird. Ich durfte meine Liebste auf dem Weg dorthin begleiten: erstes selbständiges Atmen,immer weniger lebenserhaltende Schläuche, erstes Sitzen auf der Bettkante, gestützt von strammen Handtuch-Bandagen, im Rollstuhl an die Sonne und frische Luft. Wilde Erdbeeren auf dem Klinikgelände pflücken und ihre Augen beim Naschen leuchten sehen. Aus dem Rollstuhl in die ermutigenden Trainingsstunden von Physiotherapeuten, denen wir uns nicht weniger dankbar verbunden fühlen als dem Hubschrauberpiloten, Rettungsärzten, Pflegekräften und anderen Medizinern, den fleißigen Helfern in Rehakliniken: Sie haben ihre Kräfte, ihre Freundlichkeit und Geduld in unser Glück investiert. Sie werden nicht angemessen honoriert im Vergleich zu Medienschwätzern und Politbürokraten.

Schwimmen fehlt noch – beinahe der einzige offene Wunsch. Und dass die Schmerzen ausbleiben…

Nächste Woche sind wir wieder am See. Vielleicht beginnt nach dem Urlaub ein neues Kapitel der Rehabilitation, Teil einer Studie, die hoffentlich neue therapeutische Möglichkeiten für viele Menschen erschließt, deren Flügel durch einen Schlaganfall gebrochen wurden. Ihnen allen gute Wünsche und Grüße: Glück ist das Unvergängliche im Vergehen – jeder Augenblick zählt.

Die Weisheit des Heimatkundigen

Vor Hans-Jürgen Salier empfinde ich tiefen Respekt. Nicht nur weil er 1990 – noch vor der Währungsunion und dem Ende der DDR – in Hildburghausen seinen Verlag “Frankenschwelle” gründete. Seit wir uns – einige Jahre später – erstmals begegneten, erschien mir seine Arbeit als Historiker wie Unternehmer in Südthüringen unschätzbar. Dort hatte der SED-Staat wirtschaftliche und kulturelle Stärken der ganzen Region durch Enteignen, rigides politisches Bevormunden und ein brutales Grenzregime bis auf wenige kleine Widerstandsnester abgewürgt. Zu denjenigen, die eigensinnig Auswege suchten – unter gelegentlich unvermeidlichen Rumpfbeugen, unter dauernder Beobachtung der Stasi, von der SED mit viereckigen Rädern fürs Wagenrennen um berufliche Ziele ausgestattet – gehörte der Deutschlehrer Hans-Jürgen Salier. Das achte ich umso höher, als ich, von meinem Deutschlehrer Siegfried Landgraf zu widerständigem Denken ermutigt, meiner nahe gelegenen Heimatstadt Suhl gleich nach dem Abi 1969 entfloh, der DDR kurz vorm Mauerfall entkam; Hans-Jürgen Salier blieb.

Den Bezirk Suhl im Südwesten kujonierten besonders engstirnige SED-Funktionäre. Auch in der „autonomen Gebirgsrepublik“ wurden Straßen und Schulen nach sozialistischen Säulenheiligen umbenannt, Denkmäler gestürzt, Geschichte geklittert, gewachsene Traditionen unterdrückt oder bis zum Vergessen ignoriert. Dadurch entlarven sich heute wieder die Nachfahren der SED alias „Die Linke“ ebenso wie in ihrem Bemühen, die Sprache mit doktrinären Phrasen zu verunstalten und den DDR-Sozialismus weichzuzeichnen. Ende der 80er Jahre gehörte Hans-Jürgen Salier zu den Mutigen, die dem wirtschaftlich, ökologisch, moralisch hinfälligen „Arbeiter-und-Bauern-Staat“ in einer friedlichen Revolution die Macht entwanden. Seine Notizen aus jener Zeit beweisen, wie waghalsig und doch besonnen sich Bürger ihre Freiheit und Selbstbestimmung zurückholten, ohne Rache zu üben. Sie ersparen dem Leser auch nicht die bittere Einsicht, dass die Apparatschiks der DDR samt Hilfstruppen in den Medien im vereinigten Deutschland seit 30 Jahren Karriere machen und reichlich ideologisch verblendeten Nachwuchs heranziehen konnten.

So überrascht wie ermutigt wird jeder Leser aus Saliers „biographischen Notizen“ erfahren, wie der Historiker sich in einer von den Überwachern unterschätzten und mangels Sachkenntnis nie durchschauten Nische schon in den DDR-Jahren internationales Renommee verschaffte: Als Philatelist. Beim Lesen wird auch klar, dass es dazu enormer Geduld und Hartnäckigkeit bedurfte. Unter den Augen hauptamtlicher und inoffizieller oder „gesellschaftlicher“ (IM, GSM) Stasimitarbeiter pflegte der Sammler Netzwerke überallhin. Philatelistenverband und Kulturbund spielten mit, denn Saliers Arbeiten ernteten Medaillen auch im „Nichtsozialistischen Währungsgebiet“. Das brachte Devisen. Nur der lukrative Handel mit Marken und Münzen aus der Nazizeit blieb der zuständigen staatlichen Stelle vorbehalten: der „Kommerziellen Koordinierung“ des Stasi-Majors und letzten Hoffnungsträgers von Erich & Erich: Alexander Schalck-Golodkowski. Salier erlebte das DDR-Schlusskapitel als Lektor im Berliner „transpress“-Verlag, auch dessen Niedergang im „Rette sich wer kann!“-Taumel der „Wendezeit„. Sowenig er den von der SED selbst erfundenen „Wende“-Begriff akzeptierte, so konsequent suchte er den eigenen Weg Richtung Marktwirtschaft und Demokratie.

Carl Joseph Meyer (1796-1856), berühmt als „Lexikon-Meyer“, verlegte sein „Biblio-graphisches Institut“ nach Hildburghausen.

Es ist nicht übertrieben, Hans-Jürgen Salier in den Fußstapfen eines anderen berühmten Unternehmers in Hildburghausen wandeln zu sehen. Nicht nur, weil beide daselbst als Verleger arbeiteten, sondern weil sie sich mit Leidenschaft unter hohem finanziellen und politischen Risiko für die Volksaufklärung engagierten. „Im Land der Anderen“ versteht darunter – ebenso wie Saliers frühere Bücher – keineswegs jene sich ans Publikum anbiedernde „trinkbare Information“, die ein SWR-Fernsehdirektor im Quoten-Zeitalter seinen Autoren fürs „Storytelling“ verordnete. Im Gegenteil: Genaue Datierung, Fußnoten, Bezüge zu Personen sind mit der Sorgfalt des Sammlers und Historikers vermerkt – anspruchsvolle Texte; und sie werden ebenso wie die dreibändigen „Grenzerfahrungen“ aus dem Bezirk Suhl an der Grenze zu Bayern und Hessen, die bis 2005 bei der „Frankenschwelle“ erschienen, als wichtige Dokumente der Zeitgeschichte dienen können. Für DDR-Unkundige erläutert ein Glossar am Ende des Buches Begriffe und deren Missbrauch im „Kaderwelsch“* der SED. Wer darüber Ausführlicheres erfahren möchte, findet es im gerade erschienenen E-Book des Leipziger Verlags.

2009 waren Hans-Jürgen Salier und ich gemeinsam in Hildburghausen unterwegs, für den SWR-Hörfunk entstand das Feature „Wikipedias Urgroßvater: Der Lexikon-Meyer“. Mich erstaunten Saliers Sachkenntnis wie seine Heimatverbundenheit. Sie spricht aus dem Programm seines Sohnes Bastian, der 2006 in Leipzig den Salier Verlag als Nachfolger der „Frankenschwelle“ gegründet hat. Auch Joseph Meyers Sohn Herrmann Julius führte in Leipzig das Werk seines Vaters fort. Den Saliers und ihren Büchern wünschte ich einen mindestens ebenso großen Erfolg: Damit nicht wieder selbst verschuldete Unmündigkeit National- oder „Real“-Sozialisten zur Macht verhilft und Thüringen, Deutschland und Europa verdunkelt.

*) Zum Begriff gibt es ein Gedicht von Bertolt Brecht in den „Buckower Elegien“ [Nr. 11] DIE NEUE MUNDART. Es lohnt immer, sie zu lesen.

Hans-Jürgen Salier

Im Land der Anderen – Begegnungen mit dem Sozialismus in der DDR.

Salier Verlag
Mai 2020 – 283 Seiten, 14,90 €

Impulse und Macht

Teil 4 des Vorworts zu „Der menschliche Kosmos. Zurück zu Teil 3

Komplexe Impulssteuerung beim Schwimmen: nicht untergehen, Atem holen, vorankommen

Die Irritation beim Wechsel von der Frage „WARUM?“ zur Frage „WOZU?“ ist von derselben Art, wie sie ein Rechtshänder empfindet, der wegen einer Verletzung lernen muss, mit der linken Hand zu schreiben. Ebenso gut kann einer trainieren, bei der Einschätzung seines Umgangs mit Menschen und Umwelt eben nicht nur die – bewährte, aber begrenzte – Methode der Konstruktion von Ursachen und Vergangenheiten zu nutzen. Er wird Muster anders erkennen, wenn er fragt: „Was wollen die am Geschehen Beteiligten erlangen, was vermeiden?“, wenn er auf den Verlauf innerer und äußerer Energieflüsse, die Bewegungen dynamischer Systeme und Metasysteme blickt, und den Einfluss eigener Impulse zum Erlangen und Vermeiden mit erfasst.
Dieser Wechsel der Perspektive ist nicht neu. Wieso ihn nicht nur für den Bau von Lasern, Quantencomputern oder einzelne klinische Anwendungen der Psychologie vollziehen, sondern allgemein nutzbar machen? Nicht nur das naturwissenschaftliche Denken, sondern auch Psychologie und Philosophie profitieren davon. Seit einiger Zeit ist der Begriff der „Propriozeption“ im Gebrauch. Er bezeichnet die Eigenwahrnehmung des sich bewegenden Körpers, also die Wahrnehmung fortwährend und meist unbewusst ablaufender Impulse. Sie umfasst nicht nur motorische Bewegungen wie Laufen, Schwimmen, Springen, sondern auch die Lage unserer Organe im Raum, aber auch die Motorik der nonverbalen Kommunikation – also etwa das Lächeln, Hochziehen der Brauen, Redegesten, den Tränenfluss, Schreien und Lachen. Darauf werde ich später ausgiebig zurückkommen. Impulse haben stets ein Ziel. Folgerichtig wäre, dieses Geschehen für den ausschlaggebenden Komplex menschlicher Existenz anzuwenden: Impulsverläufe in Konflikten.

Gemetzel auf einer Grafik von Francesco Goya
Goyas „Desastros de la Guera“ illustrieren die Sprache der Gewalt

Damit sind wir wieder beim Phänomen der Gewalt. Das Ziel von Gewalt ist Destruktion. Sie erstrebt einen chaotischen – regellosen – Zustand, von dem aus eigene Interessen durchgesetzt, fremde Interessen ausgeschaltet oder stark abgeschwächt werden können. Sie nimmt schwere Störungen, ja sogar die Vernichtung des eigenen Systems in Kauf. Gewalt ist nur eine von vielen elementaren Strategien gegen innere oder äußere Störungen des dynamischen inneren bzw. äußeren Gleichgewichts. Auf menschliche Konflikte bezogen: ein Ziel wird erreicht oder ein Schaden vermieden durch destruktives Verhalten; das Risiko, dabei schwerere Verluste zu erleiden, gar zu sterben, wird ignoriert. Das kann spontan geschehen oder bewusst, und es wird umso wahrscheinlicher geschehen, je öfter sich die gewaltsame Strategie mit der Erfahrung eines Erfolges verbindet – egal ob es sich um einen vermeintlichen oder wirklichen Erfolg handelt. Was Sieg, was Niederlage ist – darüber entscheidet die subjektive Wahrnehmung. Strategiewechsel infolge von Niederlagen sind selten. Ich wage zu behaupten: sie sind niemals durchgreifend. Nachzuweisen, dass jemals irgendeine Strategie zwischen den Anfängen der Evolution und dem Anthropozän, zwischen Steinzeit und „Postmoderne“ ausgestorben wäre, bedürfte einer aufwendigen, höchst wahrscheinlich erfolglosen Suche. Sicher ist nur eines: Im „Ernst-“Fall, wenn der „Tunnelblick“ die Selbstwahrnehmung einschränkt, werden alle anderen möglichen Strategien ausgeblendet bis zum Amoklauf: der „Totale Krieg“ zerstört andere und sich selbst.

Brennender Reichstag 27./28. Februar 1933
Setzte am 27./28. Februar 1933 ein Einzelner den Reichstag in Brand? Warum? – oder besser: Wozu?

“Aufarbeitung” ist ein ebenso häufig wie fahrlässig gebrauchtes, bis zum Überdruss verschlissenes Wort. Sie folgt Katastrophen so sicher wie das Amen in der Kirche: sie ist auch meist nichts als Ritual. Jeder, der seine Haltung, Ziele, Handlungsmotive vorteilhaft darstellen will, distanziert sich rituell von den an Katastrophen “Schuldigen”. Die Deutungshoheit über die Frage “Warum” wird zur Monstranz, wird unangreifbar, die eigene Position geheiligt. So geschah es mit der “antifaschistischen Aufarbeitung” des Nationalsozialismus durch marxistisch-leninistische Staatsideologie.

Tatsächlich verirrt sich die Frage nach dem „Warum“ zwischen Ratlosigkeit, unbrauchbaren Spekulationen, Schuldzuweisungen im Nebel der Unverantwortlichkeit, wenn es um Gewaltherrschaft zum Beispiel von Nationalsozialisten oder Kommunisten, um Amokläufe in Schulen oder Familien, um Terrorakte und katastrophale Schlampereien in Kernkraftwerken oder Chemiefabriken geht. Das ist kein Zufall. „Ursachen“ sind Konstrukte menschlicher Denk- und Kommunikationsprozesse. Die Frage nach den Zielen derjenigen, die da „aufarbeiten”, muss vorab gestellt werden. Dann kann über die Ziele derjenigen nachgedacht werden, die „in der Vergangenheit” handelten, darüber wie sie ihre Ziele, wie sie Umstände ihres Handelns wahrnahmen, wie sie zu Entscheidungen kamen. Dieses Nachdenken offenbart eine Dynamik sich häufig wiederholender Muster. Wer rechtzeitig und vorbehaltlos nach den eigenen, dann nach den Zielen anderer fragt und beides in ein Verhältnis bringt, wer das fragt, solange Schlamperei, Feindseligkeit, Gewalt noch „latent“ sind, kann dank erkannter Muster künftige Konfliktverläufe abschätzen, sogar manche Katastrophe abwenden. Auf unabwendbare wird er sich einrichten müssen. Konflikte sind letztlich so wenig vorhersehbar wie Menschen einheitlichen Handlungsmustern folgen, so wenig sich „Tugenden” und „Laster” säuberlich scheiden lassen.

Titel zu "Masse und Macht" von Elias Canetti
Längst nicht ausgeschöpft: Der Gedankenreichtum von Elias Canetti

Hierzu sei beispielsweise auf Nietzsches interessante aphoristische Gedanken in „Menschliches Allzumenschliches“ und auf Elias Canettis „Masse und Macht“ verwiesen. Beide bereichern die Diskussion um den „Freien Willen“ in hohem Maß.
Sind die Ketten der Kausalität, des Denkens in Abfolgen von Ursachen und Wirkungen, gesprengt, können die Konflikte des Individuums und der Metasysteme von Familien, Nationen, Völkern und ihren Kulturen besser verstanden werden. Quantenphysik, Relativitätstheorie und Informatik haben längst offenbart, wie brüchig diese Ketten sind. Wer sich nicht befreit, wird die Krisen und Katastrophen der sich global organisierenden Menschheit nicht verstehen, geschweige abwenden. „Wer die Ursachen beherrscht, gebietet über die Folgen” – auf dieser Einstellung fußen Strategien der mechanischen Dominanz. Wir erleben aber am Beispiel des weltweiten Terrorismus gerade, dass auch das gewaltigste Übergewicht mechanischer (militärischer) Instrumentarien systemische Prozesse nicht nachhaltig steuern kann. Der Perspektivenwechsel wird sich durchsetzen, weil er keiner ideologischen Rechtfertigung bedarf. Das Zeitalter universeller Gesellschaftsentwürfe ist allerdings genau deshalb vorbei. Sie waren immer die gedanklichen Rechtfertigungen für mechanische Dominanz, ihr systematischer Fehler ist, dass sie eine „Objektivität“ oder göttliche Herkunft von Modellvorstellungen, von „Vergangenheit“ und „Gegenwart“ erforderten, mit der „Zukunft“ zu prognostizieren ist – bis hin zur sogenannten „Weltformel“ oder zum „Weltgericht“. Aber eine solche Formel kann und wird es niemals geben. Die Revolution unserer Zeit ist der revolutionierte Zeitbegriff: Der Mensch erschafft Raum und Zeit unseres Universums mit, während er denkt, Denken ist schon Handeln, und die Dynamik dieser unauflösbaren Wechselwirkung kann nicht formelhaft „fixiert“ werden, weil eine Fixierung das Ende der Dynamik selbst bedeuten würde. Die neue Perspektive widerlegt indessen keineswegs den Sinn der Forschung, sie zeigt nur deutlicher die eigenen Grenzen; mechanische Vorstellungen versagen darin.

Titel der Ausgabe 2006 von "Der menschliche Kosmos"
„Der menschliche Kosmos“ erschien 2006 – als Vorlage zum Mit- und Weiterdenken

Reden wir vom Ziel dieses Buches: Es will keine neuen Weisheiten verkünden, sondern ein Training anbieten: Leser können versuchen, öfter statt nach dem „Warum“ nach Zielen und Strategien zu fragen, sie können versuchen, ihren eigenen Alltag anders zu erleben und zu gestalten – egal ob sie es in der internationalen Politik, im Management oder in den eigenen vier Wänden tun. In diesem Sinne ist es ganz und gar unvollkommen, weil es darauf vertraut, dass es nur Anregungen für alle diejenigen gibt, die – mit neuer Sicht auf die Welt und sich selbst – handelnd Erfahrungen machen und neue, wichtigere Kapitel schreiben werden. Es lebt von der Subjektivität der Wahrnehmung, und gibt die Subjektivität des Autors immer wieder preis. Es soll Lust darauf machen, einige der vielen alltäglichen „Algorithmen“, Rituale und Strategien kennenzulernen, mit denen unser Gehirn, unser Körper und die umgebende Welt – der „menschliche Kosmos“ – aufeinander wirken. Das wenigste davon ist uns bewusst, eben weil unser Bewusstsein um Größenordnungen von der Dimension des Kosmos entfernt ist. Aber Entdeckungsreisen sind möglich. Im Himmel und auf Erden.

Ende des Vorworts

Wirtschaft im Sozialismus – Reformen, Kollaps, Machtanspruch

cover-jhk-2020Aus dem Abstand von mehr als 30 Jahren erscheint unbegreiflich, dass viele Wirtschaftsexperten, Politiker, Journalisten und Historiker sich nach dem Zusammenbruch des osteuropäischen Sozialismus der Illusion hingaben, damit seien Marktwirtschaft, Kapitalismus, Freiheit und Demokratie auf dem Weg zum globalen Erfolg nicht mehr aufzuhalten. Wurde der Aufstieg Chinas, seine Stellung in Südostasien, Ambitionen im pazifischen Raum und in Afrika unterschätzt, weil oder obwohl die Einparteien-Diktatur der KPCh während und nach dem Massaker des 4. Juni 1989 auf dem Tian’anmen ihren Machtanspruch demonstrierte?

Vielleicht konnten sich die meisten nicht vorstellen, dass „sozialistische Marktwirtschaft“ in globalen Beziehungen mit fast allen Staaten funktioniert, wenn eine Ein-Parteien-Diktatur auf starre Pläne für Unternehmen, Binnen- und Finanzwirtschaft verzichtet, die Privatwirtschaft fördert, das Land weitgehend dezentral verwaltet und dem Gros des Volkes ein Leben im Wohlstand erlaubt. Die chinesische Führung zeigt sich zugleich sehr genau über weltweit agierende Kräfte und ihre Strategien informiert, bietet sich als innovationsstarker und verlässlicher Partner an, unterdrückt aber jegliche politische Einflussnahme ebenso rigide wie Opposition im eigenen Lande. Das „Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung“ macht einiges verständlich: Im „real exisiterenden Sozialismus“ des von der UdSSR dominierten RGW waren alle Versuche wirtschaftlicher Reformen an der Angst der ideologietreuen Nomenklatura vorm politischen Kontrollverlust gescheitert – und Gorbatschows „Perestroika“ führte ihn schließlich herbei.

Die Autoren des Jahrbuchs beleuchten nun interessante Querverbindungen und Unterschiede zwischen frühen – fast vergessenen – Reformversuchen in Osteuropa und dem chinesischen Pfad zur ökonomischen Weltmacht. Der Leser erfährt, wie sorgfältig chinesische Experten die Entwicklungen in Titos Jugoslawien, in Polen, Ungarn und der ČSSR analysierten und mit Experten von dort kooperierten, ohne zu kopieren. Denn was dort in den 60er Jahren einige Geburtsfehler sozialistischen Wirtschaftens ausgleichen sollte, erwies sich als wenig erfolgreich – oder wurde aus politischen Gründen abgewürgt wie der Prager Frühling 1968. So war es auch Bemühungen von Deng Xiaoping und Liu Shaoqi Anfang der 60er Jahre ergangen, als sie nach Maos größenwahnsinnigem „Großen Sprung“, der -zig Millionen Hungertote forderte, insbesondere die Landwirtschaft reformieren wollten. Der „Große Vorsitzende“, um seine Macht besorgt, entfesselte die Kulturrevolution, das Land versank im Chaos.

Gleichwohl gab es schon in den 70er Jahren Wirtschaftsbeziehungen in den Westen – noch bevor Henry Kissinger mit seiner „Pendeldiplomatie“ und Zhou Enlai die Beziehungen der USA zu China neu ausrichteten. Die KPCh bestand immer auf Selbständigkeit vor allem gegenüber der Führung in Moskau. Die Beiträge des „Jahrbuches“ über die „Scharnierjahre 1974/1975“, und Chinas Engagement in Tansania zeigen beispielhaft, dass sowohl Mao als auch Deng in ihre Wirtschaftspolitik westliche Firmen einbezogen. Das Bemühen, weltweit als Führungs-macht der „unabhängigen Staaten“ wahrgenommen zu werden, hinderte die Chinesen auch nicht, in Afrika auf Jahre der Solidarität knallhartes Geschäft folgen zu lassen.

Alle wissenschaftlichen Beiträge habe ich mit großem Interesse gelesen; sie sind nicht nur für Fachleute aufschlussreich. Dass die politischen Unterschiede zu Osteuropa nur am Rande erörtert werden, ist kein Mangel. Wer das Geschehen in unseren östlichen Nachbarländern oder auch auf Kuba verfolgt, versteht, weshalb in Polen, Ungarn oder den Baltischen Staaten Globalistische oder sozialistische Parteien weniger erfolgreich sind als hierzulande: Freiheit und Nationalstolz gingen für viele dort mit dem Ende des Ostblock-Internationalismus einher. Für viele Chinesen dagegen gehören die KPCh und der Aufstieg ihres Landes zur Weltmacht zusammen. Liu Xiaobo, der von Xi Jinping zum Sterben aus dem Kerker entlassene Friedensnobelpreisträger, hat den chinesischen Nationalismus und dessen Gefahren in seinem Buch „Ich habe keine Feinde, ich kenne keinen Hass“ charakterisiert. Xi Jinping muss heute nicht einmal „China first!“ verkünden, um auf einen großen Konsens der Bevölkerung rechnen zu können. Nur wenige wagen, um einige Fußbreit politischer Freiheit zu kämpfen. Umso notwendiger bleibt Kommunismusforschung.

Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2020 – Machterhalt durch Wirtschaftsreformen. Chinas Einfluss auf die sozialistische Welt. Metropol Verlag Berlin, 256 Seiten, 29,00 €

Wovon Medien – themenunabhängig – leben

Unser Gehirn hat ein Problem: “WARUM” ist seine Lieblingsfrage. Und die Antwort erfolgt reflexhaft – seit Millionen Jahren. Was das für unsere Wahrnehmung und unser Zusammenleben bedeutet, damit befasst sich Kapitel 4 in “Der menschliche Kosmos”.

4. Kapitel

Mir nützt, was anderen schadet – das egozentrische Weltsystem
Wahrnehmung und Wahrnehmungsfehler des egozentrischen Weltsystems. Rollenspiele vor der Gaskammer. Mitleid und Schadenfreude als soziale Schmiermittel.
sündenbockDas älteste und unentbehrlichste Haustier des Menschen ist der Sündenbock.
Dieses Tier besitzt einige erstaunliche Eigenschaften: Es ist praktisch fast überall und jederzeit verfügbar, ohne dass es anwesend sein müsste. Seine Gestalt ist von unbegrenzter Mannigfaltigkeit: gerade war es noch der Nachbar mit seinem knatternden Rasenmäher, da nimmt es schon verallgemeinert die Form einer stinkenden, umweltzerstörenden Autolawine an, beschleunigt jäh bis zum Überschallknall eines Militärjets. Die Fratze der Kommunisten erscheint kurz im Abgasstrahl. Die Menschen schütteln noch die Fäuste gegen den Himmel, da plumpst der Sündenbock ihnen als Kohlendioxyd speiender amerikanischer Politiker vor die Füße. Der aber löst sich sofort in Nebel auf: „Die CIA!“ raunt es dunkel. „Die Illuminati“, grunzt der populärwissenschaftlich gerüstete Papa und greift zum Bier. Auf dem Bildschirm erscheint ein mit professoralen Weihen geadelter Sachverständiger und schickt sich an, den Schuldigen des jeweiligen Elends dingfest zu machen, aber plötzlich verlischt das Bild.
„Vanessa, du kleines Mistvieh, leg sofort die Fernbedienung auf den Tisch“, kreischt die Mama, es folgt das Geräusch eines schweren pädagogischen Missgriffs und das Geplärr jener kleinen, schwachen Figur, in die der Sündenbock gerade inkarniert ist.
Vom Sündenbock lässt sich nur eines mit Sicherheit sagen: er ist schuld. Niemand hat meines Wissens – und das grenzt in der Ära des quantifizierenden Denkens an ein Wunder – genau quantifiziert, wie viel Zeit Menschen im Laufe ihres Lebens mit der Jagd nach dem Sündenbock verbringen. Es ist sehr viel. Denn nicht nur die wirkliche Jagd – etwa auf den Pfuscher am Arbeitsplatz oder in der Verkehrsbehörde – frisst ja Zeit, auch die Beschreibungen, Analysen, Klassifizierungen seiner politischen, wirtschaftlichen, moralischen Erscheinungsformen müssen dazu gerechnet werden, seine Auftritte auf Bühnen, in Film, Funk, Fernsehen und Computerspielen, in Büchern und Zeitschriften. Genaugenommen sind wir mit wenig anderem so ausdauernd beschäftigt wie mit ihm, dem Sündenbock, oder anders gesagt, damit, Feindbilder zu zeichnen und Schuld zuzuweisen.
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Diktatur und Schwarmdummheit

AlbertEinstein_BriefmarkeTeil 3 des Vorworts von „Der menschliche Kosmos“. Zurück zu Teil 2

Die Physik erweiterte ihr Weltbild seit Beginn des 20. Jahrhunderts um Relativitäts– und Quantentheorie. Sie revolutionierte das wissenschaftliche Denken, Forschung und Technik, auch die Philosophie, vor allem aber die Informationstechnologie. Mit dem Boom der digitalen Kommunikation, der globalen Netzwerke und deren Allgegenwart verschoben sich Konkurrenzen um die Macht zwischen deren materieller und informeller Dimension. Wirtschaft und Politik, natürlich auch die ihnen hörigen Medien, folgen gewohnheitsmäßig aber den Mustern mechanischer Dominanz. Sie zeigen das Universum als ununterbrochene zeitliche Abfolge von Vorgängen, durch Ursache und Wirkung verknüpft. Der Mensch ist herausgehobenen Beobachter, der seine Sicht mittels immer besserer Instrumente zu einem „objektiven“ Bild, zur „objektiven Wahrheit“ vervollkommnet. In deren Besitz wähnte sich der Marxismus-Leninismus und beanspruchte die Weltherrschaft mit dem Versprechen, das Wohl der Menschheit mittels Planwirtschaft durchzusetzen. Leicht abgewandelt ersetzen heutige kollektivistische Bewegungen den „Godmode“ objektiver Erkenntnis durch die „Weisheit der Vielen“, „Schwarmintelligenz“ oder – so kurz wie kindisch – durch das simple „Wir sind mehr“.

Dieses Vorgehen hat sich in der Wechselwirkung zwischen Sinnen, Umgebung und Gehirn durchaus bewährt. Es hat der Menschheit und ihrem Instrumentarium enorme Erfolge ermöglicht – es hat sie allerdings auch an den Rand der Selbstvernichtung geführt. Die Frage „Warum“ ermöglichte, Krankheitserreger und „Schädlinge“ auszurotten, Schuldige zu identifizieren, zu bestrafen in der Hoffnung, andere Missetäter abzuschrecken. Die Masse folgte dem Rezept fast jederzeit, ohne sich über die Theorie dahinter und mögliche systemische Nebenwirkungen Gedanken zu machen. So ließen Ausrottungsfeldzüge – etwa mit Antibiotika – immer gefährlichere Krankheitskeime heranwachsen, manche „Schädlingsbekämpfung“ vergiftete die Umwelt bis zur Unbewohnbarkeit. Kriminalität ließ sich durch grausamste Verfolgung nie beherrschen, stattdessen zerstörten Denunziation, Folter, Lagerhaft Vertrauensgrundlagen der Gesellschaft. Der Zugriff auf die „Ursachen“ löste immer nur Teile eines Problems, indem mechanisch an „Stellschrauben“ gedreht wurde, was neue Probleme erschuf, gern als „Herausforderung“ beschönigt. Die Frage „Warum“ führt zu Antworten von sehr begrenztem Wert.

Wie wäre es, stattdessen öfter zu fragen „WOZU“? Genau das versucht dieses Buch.

In den vergangenen Jahrzehnten hat das Denken neue Bereiche eröffnet, es sind Begriffe wie „systemisch“, „vernetzt“, „ganzheitlich“ oder „komplex“ aufgekommen, ohne dass sie das Alltagsverhalten wirklich verändert hätten; oft sind sie nur Worthülsen, hinter denen sich tief eingewöhnte Denk- und Umgangsformen verbergen. Denn nach wie vor wird für fast jedes Problem nach einer „Ursache“ gesucht und für jeden Schaden nach einem Schuldigen – und ebenso oft geht es um die Macht: die informelle und materielle.

Wie ließe sich das Herangehen an komplexe Systeme verbessern? Ein paar Einsichten können helfen:

  • Auf die „wirkliche Vergangenheit“ haben wir keinen Zugriff, denn es gibt keine ZeitmaschineDelorean5Zeitmaschine, die ihn uns verschaffen könnte. „Vergangenheit“ – also jedes Ereignis in zurückliegender Zeit – lässt sich nur in Hervorbringungen unseres Gehirns „behandeln“, als Konstrukt, als Modell. Das Modell kann umfänglich sein und viele Details enthalten, wenn viele Gehirne an seinem Zustandekommen beteiligt sind – es bleibt ein Modell. Die vermeintlichen „Ursachen“ sind also ebenfalls Konstrukte. Das aber bedeutet, dass jede „Vergangenheit“ – jede Modellbildung überhaupt – unlösbar mit den Zielen desjenigen verbunden ist, der sie modelliert, ob er sich dessen bewusst ist oder nicht. Es gab und gibt keine von Zielen menschlichen Lebens abgekoppelte „Objektivität“ – weder im Denken noch im Handeln.
  • Nirgendwo in unserer Umgebung gibt es irgendein System – und das gilt vor allem für lebende Organismen –, das existieren könnte, ohne in Bewegung zu sein. Das gilt für die „innere“ Bewegung, mit der das System seine charakteristische Form aufrechterhält und für die „äußere“ Bewegung, in der das System mit seiner Umgebung wechselwirkt. Es ist diese Bewegung, die wir als „Zeit“ wahrnehmen.
  • „Innere“ und „äußere“ Bewegungen sind verkoppelt und konkurrieren miteinander. Jedes einzelne System hat das Ziel, sich in Form und Funktion zu erhalten, das heißt, die für seine innere Bewegung nötige Energie zu erlangen und äußere Störungen zu vermeiden. Eine der wesentlichen Strategien ist, dass sich viele Individuen – oder einzelne Zellen – zusammenschließen zu Schwärmen – bzw. neuen Organismen. Deren Form und Funktion ist nicht mehr durch einfache Ursache-Wirkungs-Schemata von der einzelnen Zelle – vom Individuum – abzuleiten.

Anschauliche Beispiele sind Schwärme von Fischen und Vögeln oder Pseudoplasmodien, Vielzeller, die sich schneckenhaft fortbewegen. Darin haben einzelne, zuvor amöbenhaft lebende Zellen einer bestimmten Art von Schleimpilzen die selbständige Existenz aufgegeben, wurden ununterscheidbare Teile eines „Metasystems“ mit qualitativ völlig anderen Erhaltungsstrategien und Bewegungsmustern als die Teilorganismen. Menschenmassen können „Schwarmqualität“ erreichen. Physisch ist das bisweilen in Zeitrafferaufnahmen sicht-, im Stadiongeräusch hörbar. Die Kommunikationskanäle, deren es dazu bedarf, sind ein Hauptthema, dieses Buches.

  • Es gibt kein System, das von Wechselwirkungen unabhäng existiert, und diese Wechselwirkungen lassen sich von den Erlangungs- und Vermeidungsstrategien aus – also den Zielen der wechselwirkenden Systeme – statt von deren „Vergangenheit“ („Ursachen“) aus betrachten.

Diese veränderte Art, Menschen und ihre Umwelt anzuschauen, erscheint zunächst mindestens irritierend, wenn nicht unlogisch. Das liegt aber einfach daran, dass fast jeder mit Begriffen wie „Vergangenheit“ und „Ursache“ verwachsen ist – genauso selbstverständlich, wie sein Gehirn „kopfstehende“ Bilder von der Netzhaut umdreht. Es ist ein winziger Teil einer ungeheuren, andauernden, unzertrennlichen und komplexen Zusammenarbeit zwischen Körper, Gehirn und Welt.

Fortsetzung (Teil 4 und Schluss des Vorworts)

Wir sind die Guten und bringen euch um

Exécution de Marie-Antoinette, Musée de la Révolution française - Vizille
Jubelnde Menschenmenge bei der Enthauptung von Marie Antoinette (Musée de la Révolution française [CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D)

„Der menschliche Kosmos“ – das verlangt der tolldreiste Titel – ist „Work in Progress“. Das Weblog gibt Leseproben dazu. Hier Teil 2 des Vorworts. Teil 1 unterm Link

Die Frage nach dem Überleben der Menschheit ist – spätestens seit dem nuklearen Gleichgewicht des Schreckens – die Frage nach einem Umgang mit Konflikten, der Gewalt begrenzt.
Wie soll das gehen?
Natürlich lässt sich eine Elementarstrategie, wie die Gewalt es ist, nicht einfach abschaffen. Sie hat zum Überleben der Gattung beigetragen wie die Paarung zur Fortpflanzung. Menschen erleben andauernd, welches Glücksgefühl entsteht, wenn ein „Befreiungsschlag“ gelingt, wenn Fesseln gesprengt werden, wenn das Übermächtige und Bedrohliche zu Boden stürzt und zerschmettert werden kann – wie Hitlers Führerbunker und der Stacheldraht um die Arbeitslager Stalins, wie die Berliner Mauer, wie der israelische Panzer oder der Taliban- Bunker, der in die Luft fliegt, wie der Kinderschänder, der einer rächenden Meute in die Hände fällt. Gewalt macht Lust, wenn sie „das Böse“ austilgt, und dieser Lust überlassen sich tagtäglich, zu jeder Stunde und Minute, in jedem Augenblick Millionen Menschen im Fernsehen, im Kino, im Theater, im Stadion oder im Panzer, mit der Steinschleuder in der Hand, im Düsenjäger, mit dem Messer oder der Maschinenpistole – oder im Bordell bei einer Minderjährigen. Oder auch mit dem Federhalter überm Papier, dem Mikrofon vor der Nase, der Kamera auf der Schulter, dem Text- und Bildverarbeitungsprogramm oder dem 3-dimensional animierten Killerspiel auf dem Monitor. GEWALT MACHT LUST.
„Das Böse“ sind immer die anderen.
„Gewalt Macht Lust“ – das ist ein Dreigestirn von fast ebenso metaphysischer Dimension wie „Glaube Liebe Hoffnung“. Aber mit der Moral und Metaphysik von Gut und Böse kommt man ihm ebenso wenig bei, wie mit dem Schraubenzieher des mechanischen Zeitalters, das den Menschen als vernunftbegabtes Tier und den Kosmos als Räderwerk von unablässig aufeinander folgenden Ursachen und Wirkungen ansieht.
Gewalt ist weder gut noch böse, dazu macht sie nur und ausschließlich unsere Wahrnehmung. Ebenso wenig ist sie „gerecht“ oder „ungerecht“ – dazu macht sie ausschließlich die Wahrnehmung und Interpretation ihrer Opfer oder Nutznießer.
Eines aber ist Gewalt ganz sicher: sie ist immer an ein Ziel gebunden, sie ist eine Elementarstrategie zur Erlangung eines Ziels. Das Ziel kann sein, zu vermeiden, dass ein anderer sein Ziel erreicht.

Wer dem Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt entkommen will, muss vor allem aufhören, zwischen „böser“ und „guter“, „gerechter“ und „ungerechter“ Gewalt zu unterscheiden. Er muss aufhören, nach vermeintlich rechtfertigenden Ursachen zu fragen und stattdessen die ZIELE der Handelnden erkunden.

Der Einzelne – wie das als Subjekt handelnde Kollektiv – muss imstande sein, die Perspektive zu wechseln.

Das Bild des Menschen von sich und seiner Umwelt wandelt sich fortwährend, selten freiwillig. Sigmund Freud und manche gegenwärtigen Autoren sehen etwa in der „Kopernikanischen Wende“, in Darwins Evolutionslehre, in Freuds Psychoanalyse „Kränkungen der Menschheit“. Neue Kränkung sei von der Künstlichen Intelligenz zu erwarten. Kränkung oder nicht: Seit je offenbaren Vorstellungen vom Menschen vor allem erstaunliche, bisweilen erschreckende Redundanz, selten dagegen neue Farben und Konturen. Beachtliche Beiträge lieferten etwa der amerikanische Philosoph Alva Noë mit seinem Buch „Du bist nicht Dein Gehirn“1 – zu einer „radikalen Philosophie des Bewusstseins“ und Rüdiger Safranski mit „Das Böse oder Das Drama der Freiheit“2.

Fortsetzung


1  Alva Noë „Du bist nicht Dein Gehirn“ Piper Verlag, 2010

2 Rüdiger Safranski S. Fischer Verlage 2003 „Das Böse oder Das Drama der Freiheit“

Unsterblicher Kitsch?

Grau_KitschDen Begriff “Kitsch” gibt es wahrscheinlich erst seit den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts, unsicher ist, ob er Lehnwort aus der Sprache der Roma, sicher, dass er als Lehnwort aus dem Deutschen ins Englische, Französische, Türkische, Griechische übernommen wurde. Der Artikel in der “Wikipedia” bietet Beispiele und Indizien, aber Kitsch präzise zu definieren gelang ebenso wenig, wie Dinge aus der Welt zu schaffen, die ihm zugerechnet werden. Alexander Grau, promovierter Philosoph und freier Publizist, widmet dem Phänomen – insbesondere seiner politischen und speziell der deutschen Spielart – einen Essay, den ich mit Vergnügen gelesen habe und weiterempfehle.

Ohne den kenntnisreichen und klug argumentierenden Text verkürzen zu können, drängten sich zwei Gedanken vor: Kitsch ist keineswegs harmlos, und es wird ihn geben, solange Menschen Dominanz- und Herdenimpulsen folgen, also auch noch dann, wenn Außerirdische auf die Überreste unserer Zivilisation stoßen. Vielleicht können sie klären, ob und inwieweit politischer Kitsch für deren Untergang ursächlich war.

Alexander Graus geistesgeschichtlichen Überlegungen zufolge gab es Kitsch schon in sehr frühen Kulturen, er hängt eng mit Religionen zusammen. Das ist nicht verwunderlich, denn in Auseinandersetzungen um die Macht gab und gibt es immer eine materielle und eine informelle Dimension; Kitsch hat einige Qualitäten, die ihn zum kommunikativen Kitt in Kollektiven prädestinieren. Wem es gelingt, einen Kultgegenstand, ein Ritual, eine Person, ein Ereignis im allgemeinen Bewusstsein zu überhöhen, als mehr erscheinen zu lassen, als es wirklich ist, also sich und anderen eine sinngebende, kollektive Bedeutsamkeit vorzutäuschen, wem das gelingt, der erlangt damit informelle Macht. Hat er Erfolg, kann er genügend Anhänger emotional an den (Kitsch-)Kult binden, wird er seine Deutungshoheit befestigen. Auch wenn die harte Realität ihn einmal widerlegt, muss das nicht Konsens und Konformität zerstören; es bedarf dazu katastrophalen Scheiterns, selbst das überlebt der Kitsch meist.

Das liegt zweifellos am Bedürfnis des Einzelnen, sich im Kollektiv geborgen zu fühlen: Die Familie, die Herde, die Organisation versprechen Schutz, Zusammenhalt, Teilhabe auch an materieller Macht – um den Preis konformen Verhaltens und Denkens. Alexander Grau sieht im Kitsch ein hochinfektiöses Pathogen, „insbesondere in Zeiten starker Veränderungen und Verunsicherung, wenn die Menschen anfällig sind für alles, was Geborgenheit verspricht, Nestwärme und Sicherheit.“

Von der säkularen Ausprägung des Politkitschs nach der Französischen Revolution, von seinen ebenso pompösen wie lächerlichen Wandlungen im 19. Jahrhundert, kommt der Autor zu den totalitären Systemen des Faschismus und Kommunismus; in beiden wird der Kitsch allgegenwärtig, sakrosankt – und wer kritische Fragen stellt, wird zum Feind, den es zu isolieren, zu bestrafen, zu vernichten gilt. Er zitiert Milan Kundera: „Unter diesem Gesichtspunkt kann man den sogenanten Gulag als Klärgrube betrachten, in die der totalitäre Kitsch seinen Abfall wirft.“

Sowohl der faschistische wie der antifaschistische und kommunistische Kitsch haben die Zusammenbrüche der jeweiligen Systeme trotz Millionen Menschenopfern gut überstanden, sie leben mit ihren Phrasen, Parolen, Symbolen, Ritualen in Erlösungsgeschichten für die jeweilige Gefolgschaft fort. Alexander Grau nennt ihn an der Realität gescheitert, nicht ohne im „absoluten Kitsch“, im „Traum von der totalen Versöhnung der Welt“, wiedergeboren zu werden – als der „Leitideologie spätbürgerlicher Gesellschaften“.

Das letzte Kapitel widmet er der „deutschen Spezialität“, und es ist amüsant, wie der auf Rationalität bedachte und der Gefühligkeit abholde Autor seinem Abscheu darüber Luft macht. Ich verstehe ihn gut. Insbesondere der „absolute Kitsch“ ist in seinen politischen, medialen, ästhetischen Auftritten schwer erträglich – aber noch gefährdet es nicht das Leben des Einzelnen, sich ihm mit Mut zu selbständigem Denken, scharfen Argumenten, beißendem Witz zu widersetzen. Nicht wenige wagen es. Das ist in China, in Russland, im Herrschaftsbereich von Gottesstaaten und sonstigen Diktaturen anders. Dort blüht der Kitsch, Gegenwehr kann tödlich sein. Er blüht auch in supranationalen Politbürokratien wie UN und EU. Ein verfasster politischer Wille, ihm den Garaus zu machen, ist schlechterdings nicht vorstellbar, zumal in den Subkulturen des Internets der Nachwuchs üppig gedeiht.

„Il faut cultiver notre jardin“, lässt Voltaire, der Aufklärer, am Schluss des Romans „Candide“ den gescheiterten Philosophen Pangloss sagen. Kitschfreie Bündnisse der Vernunft zwischen Naturwissenschaftlern, Künstlern, sogar manchen Politikern und Leuten, die „Was mit Medien“ machen, sind dabei immerhin noch möglich. In der „Blogosphäre“ zum Beispiel.

Alexander Grau „Politischer Kitsch“, Claudius Verlag, gebundene Ausgabe 128 Seiten, 14 €