Nietzsche und die Folgen

NietzscheMeine liebsten Bücher waren allzeit diejenigen, die Lust und Neugier auf mehr Lektüre anfachten: Dieses gehört ab jetzt dazu, ich habe es begierig gelesen und wurde bestens unterhalten.

Andreas Urs Sommer ist ausgewiesener Nietzsche-Fachmann, seine Kenntnis der Werke und der Biographie ist umfassend, und er beweist mit seinem Buch, dass Nietzsches Idee von der “fröhlichen Wissenschaft” sich in zeitgemäße Literatur umsetzen lässt, er tut das sprachlich elegant, fern aller ideologischen Blähungen und akademischen Flohknackerei. Sowohl der erste Teil, der sich mit Nietzsches Werken und den biographischen Umständen ihres Entstehens befasst, als auch der zweite, in dem er die Wirkungsgeschichte bis heute anhand prägnanter Beispiele erzählt, sprengt von den Texten in 130 Jahren angelagerte politische Krusten und Verfälschungen ab: Die Tiefe und Vielseitigkeit Nietzsches, die Risse und Konflikte in seinem Leben werden anschaulich, auch etliche Anlässe zu späteren Missverständnissen.

Mir gefiel besonders, wie Sommer Eigenarten der Originaltexte herausarbeitet, wie dadurch etwa Nietzsches Suche nach einem eigenen Verständnis von Wissenschaft und Kunst für den Leser einsichtig wird. Dabei ist keine Spur von “Heldenverehrung” oder, wichtiger noch, keine Spur jener von Medien penetrant geübten, billigen Häme beim Attackieren vermeintlicher Denkmäler im Spiel. So wurde mein Vergnügen bei der Lektüre etwa von “Menschliches – Allzumenschliches” neu geweckt, meine Distanz zum “Zarathustra” mir selbst erklärlich, mein Interesse an “mehr Nietzsche” insgesamt bestärkt.

Weil Nietzsche immer wieder Perspektiven und Stil wechselte, entzieht er sich freilich „einfachen“ Deutungen, und weil andererseits fast jeder aus seinen Texten nur lesen kann, was ihm eigene Wahrnehmung und mehr oder weniger bewusste Impulsverstärker zu erkennen geben, treibt Nietzsche wie kaum ein anderer Philososoph eine konflikthafte Rezeptionsgeschichte hervor. Es macht Andreas Urs Sommer sichtlich Spaß, deren zahllose Kapriolen und Katastrophen zu verfolgen, sich Verklärer und Verteufler vorzuknöpfen, dabei verfolgt er zugleich die stimulierende, „katalytische“ Wirkung der Werke für Philosophie, Kunst und Literatur bis in unsere Zeit.

Die Fälschungen und Klitterungen der Nietzsche-Schwester Elisabeth, die den Kult um den schnauzbärtigen Philosophen begründete, sind zwar längst offenbart, gleichwohl nutzt auch manch heutige Zitatenschleuder unbeirrt die dort entstandenen Zerrbilder und Klischees. Nietzsche selbst verabscheute deutschen „Bierernst“, Moralinsäure und Nationalismus; es ist eine bittere Ironie, dass ausgerechnet er, der ins Äußerste gesteigerte Individualität vorlebte, von kollektivistischen Schreihälsen wie Mussolini und Hitler in Dienst genommen wurde. Insofern bereiten Sommers Analysen  kommunistischer und nationalsozialistischer Versuche, den Philosophen für die je eigene Propaganda zu instrumentalisieren besondere Genugtuung: Sie konnten ihn als Ideengeber sowenig zerstören wie seine geschworenen Feinde.

Schön kurzweilig lesen sich Geschichten über allerlei Parodistisches und Satirisches zum Thema, ebenso das „Was wäre wenn…“ eine der illustren Frauen (Lou von Salomé, Frau von Bachofen, Cosima von Bülow) sich den eher unattraktiven Mann erwählt hätte. Und das ist nur eine aus einem Schwarm von Fragen des Autors am Ende des Buches. Auf die letzte, in einer Nachbemerkung: „Falls sich Nietzsche doch lohnt, für wen und warum?“ versuche ich eine Antwort: Nicht für Leute, die ihn als zitierfähige Autorität im Kampf um moralische Deutungshoheit benutzen wollen. Politbürokraten und ihre mediale Gefolgschaft, Heilsverkünder und die Kollektive von Hanni und Nanni, Krethi und Plethi, Hinz und Kunz in der Maskerade von Bessermenschen werden ihre liebe Not haben, Nietzsches Werke noch einmal in politische Stempelkästen zu quetschen. Dazu sind sie einfach zu explosiv.

Andreas Urs Sommer “Nietzsche und die Folgen”, J.B. Metzler Verlag Stuttgart 2017, 208 Seiten, 16,95 €

 

 

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Liz Taylor an der Köttelbecke

Sie wissen nicht, was eine Köttelbecke ist? Dann wissen Sie wenig über das Ruhrgebiet und seinen besonderen Charme. Keine Ahnung, ob Reste davon die nächsten Jahre, geschweige Jahrzehnte überleben werden. Sein Gesicht wird von Migrationsprozessen verändert wie nie zuvor – charmanter wird es kaum werden. Dabei waren die ineinander verklumpten Städte zwischen Dortmund und Duisburg schon im 19. Jahrhundert Schmelztiegel der Zuwanderung: Aus allen deutschen Kleinstaaten und Osteuropa, vor allem Polen strömten Arbeiter herbei. Im Kaiserreich wurde “der Pott” Schwungrad der wirtschaftlichen Prosperität, nach dem II. Weltkrieg Kernreaktor des Wirtschaftswunders. Die Schlote rauchten, Abraumhalden und Müllkippen wuchsen, Bäche und Flüsse erstickten am Unrat aus Siedlungen und Fabriken. Wegen der vom Bergbau verursachten Erdbewegungen konnten Abwässer nicht unterirdisch abgeführt werden, so transportierten zahllose offene Kanäle des “Emschersystems” – die sogenannten Köttelbecken – stinkende Fracht zum gleichnamigen Fluss, er wurde zum schmutzigsten Europas.

Boye Direkteinleitung von verschmutztem Wasser

Einleitung von Schmutzwasser in die Boye 2005 (Foto: Diplo in der Wikimedia CC 3.0)

Seit der Wert von Kohle und Stahl dahinschwand, kämpfte die inhomogene, raue, zähe, zunehmend multiethnische Bevölkerung des eigenartigen Konglomerats zwischen Rheinland und Westfalen erbittert darum, sich vom Sanierungsfall der Bonner Republik in eine Zukunftsregion zu wandeln. Schon Ende der achtziger Jahre konnte einer dort unter blauem Himmel zwischen ergrünenden Industriebrachen, renaturierten Gewässern, Denkmälern der Gründerzeit auf stillgelegten Bahnlinien radeln und daneben Beweise erfolgreicher Startups finden – ein Computerspiel aus Wattenscheid wurde in den 1999 epidemisch: die Jagd auf Moorhühner.

Damals begann auch das große Vorhaben der “Emschergenossenschaft”, aus Köttelbecken wieder muntere, lebendige Bäche zu machen. Unser Garten grenzte an einen der offenen Abwasserkanäle, ein Stacheldrahtzaun trennte das Grün von der Betonrinne. Wir pflanzten Knöterich, er überwucherte rasch das hässliche Markenzeichen des Ostberliner Sozialismus, ließ allerdings im Sommer, wenn wenig Wasser floss, manch übelriechenden Schwaden durch.

Emscher in Recklinghausen

Die Emscher bei Recklinghausen im Januar 2005 (Foto: Stahlkocher in der Wikimedia CC 3.0)

Unsere Nachbarn am anderen Ufer, ein Ehepaar von etwa sechzig Jahren, waren trotzdem fast immer in ihrem Gärtchen. Sie hatten sich sogar einen kleinen runden Pavillon mit grünen Fensterscheiben gebaut, obwohl es vom Liegestuhl nur ein paar Schritte ins Haus waren. Wir wunderten uns anfangs, wieso jemand sich in einem Gartenhaus grüne Gardinen vor die Fenster hängte, bis wir bemerkten, dass es weiße Stores hinter grünen Scheiben waren, die uns befremdeten, vermutlich ein Sonderangebot. Ebenso befremdlich erschien uns, dass im Pavillon, den aufzubauen einiges Geld und gute zwei Wochenenden handwerklicher Arbeit gekostet hatte, offensichtlich nur Gartenmöbel untergestellt wurden. Auch dieses Rätsel löste sich: der Pavillon beherbergte etwas viel Kostbareres. Dort stand – in Reichweite, nicht etwa in der eine Gehminute entfernten Küche – der Kühlschrank, und im Kühlschrank war das Bier.

Für unsere Nachbarn war wichtig, das Bier in der Nähe zu haben, weil sie sich fast immer stritten. Sie redeten ausdauernd aufeinander ein, und die wellenförmig aufbrandenden Gespräche gipfelten in Beleidigungen. Ein solcher Zyklus der Aufregung lief aber nicht synchron mit dem Leeren einer Bierflasche ab. Wir konnten zunächst nicht herausfinden, wer von beiden mehr und schneller trank, aber einerlei: es wäre anscheinend einem Koitus Interruptus gleichgekommen, hätten sie eine besonders heftige Attacke wegen einer leeren Flasche, also eines Ganges in die Küche, unterbrechen müssen. Tatsächlich war der Kühlschrank im Pavillon mit den grünen Fensterscheiben Teil eines ebenso detailliert wie unbewusst inszenierten und mit nicht nachlassender Energie aufgeführten Dramas. Die beiden quälten einander mit Hingabe, sie genossen im Gleichmaß Bier und Beschimpfungen (die Texte variierten so wenig wie die Biermarke), sie büßten an Schwung und Emotionalität nie ein.

Es wäre sinnlos, Gründe für das Gezänk finden zu wollen, nicht einmal Anlässe ließen sich erkennen – außer dass die Sonne schien und Bier im Kühlschrank war.

Soweit wir den zu uns über den Zaun herüber wehenden Sprachfetzen vertrauen konnten, währte die Beziehung trotz periodischer Konflikte an der Grenze zur Gewalttätigkeit schon 40 Jahre. Wir begannen zu verstehen, dass Mann und Frau nicht um Gründe von Ärgernissen stritten, die auszuräumen waren. Sie stritten schon gar nicht um Veränderungen ihrer Umgangsformen miteinander. Bei all der wiederkehrenden Aufregung, all dem Reden und Gestikulieren, während sie sich gegenseitig aufreizten und ankeiften, ging es im Gegenteil darum, dass sich NICHTS verändern sollte, sondern dass jeder immer wieder aufs Neue seine Rolle, seine Wahrnehmung von sich selbst gegen den anderen verteidigte. Es handelte sich um eine Dynamik, deren Ziel das Gleichgewicht war. Und genau deshalb, um dieser zum Ritual gewordenen Dynamik willen, unterscheiden sich die Konflikte unserer damaligen Nachbarn nicht von den meisten heutigen Konflikten zwischen Parteien, Völkerstämmen, Nationen, religiösen Gemeinschaften. Dort allerdings kann ein Gewaltausbruch Schlimmeres bewirken als ein blaues Auge und ein paar zerschlagene Bierflaschen.

Edward Albee hat Ähnliches in sein brillantes Theaterstück „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ hineingeschrieben; der Film mit Elizabeth Taylor und Richard Burton wurde vermutlich schon deshalb zum Klassiker, weil die beiden Schauspieler sehr nahe an eigenem Erleben agierten. Dramen wie die von Albee lassen uns beispielhaft nachempfinden, dass Sozialgebilde – nichts anderes ist eine Ehe – den gleichen Strategien folgen, wie andere lebendige Formen: Sie bilden in sich relativ geschlossene, dennoch für den Energie- und Stoffaustausch mit der Umwelt offene, dynamische Systeme mit dem Ziel der Selbsterhaltung und Reproduktion. Nicht nur – aber am einfachsten – durch Ausbrüche von Gewalt und Zerstörung werden wir Mitfühlende von Dramen und absolvieren meist unbemerkt ein „Mitspielen“ unserer eigenen Gefühle und Konfliktstrategien. So verwickeln uns Bühne, Film, manchmal sogar das Fernsehen in die Dynamik von Sozialgebilden, etwa einer Ehe an einer amerikanischen Kleinstadtuniversität oder an einer Köttelbecke in Wattenscheid.

Mehr dazu in „Der menschliche Kosmos“

Gemeinwohl oder Populismus?

 

Pyramid_of_Capitalist_System

Hierarchien funktionieren. Auch noch fürs Gemeinwohl der Zukunft?

Ein florierendes Gemeinwesen – das durfte ich zu meinem Glück nach der Flucht aus dem „real existierenden Sozialismus“ erfahren – offenbart sich nicht in Reden von Politikern, auf Parteitagen oder bei öffentlich zelebrierten Jubelfeiern. Es verhält sich damit vielmehr wie mit der Gesundheit: So lange sie intakt ist, wird sie kaum wahrgenommen. Ihr Wert, ihre Bedeutung offenbart sich erst dann, wenn Bedrohungen, Störungen, Verletzungen nicht mehr zu ignorieren sind. Von einem gewissen Punkt an – da nichts mehr zu beschönigen und zu beschwichtigen ist, Schmerzen das Denken okkupieren, Fieber ausbricht, der attackierte Organismus die Abwehr mobilisiert, alles andere zweitrangig wird, von diesem Moment der Qual an wird Realität anders wahrgenommen. Es ist der Moment der Wahrheit. Die singulär harte und scharfe Kante des Ereignishorizonts bricht jede Lüge. In unserer Zeit wachsender Konflikte heißt das: Ein Gemeinwesen ist in Not, wenn Grundfunktionen gefährdet sind, etwa diese:

  • Menschen dürfen frei und ohne Furcht vor Verfolgung durch den Staat oder andere Korporationen ihre Meinung äußern, sich versammeln, Parteien und Unternehmen gründen, ihren Beruf und ihre Religion ausüben etc., so lange sie sich auf dem Boden einer verfassungsmäßigen Ordnung bewegen, die den Namen verdient. Die „Verfassung der DDR“ (eigentlich waren es drei) verdiente ihn nicht, sie schuf der Willkür der SED-Diktatur freie Bahn. Zum Wesen dieser totalitären Ordnung gehörten auch Medien, die sich weitgehend der Parteilinie anpassten.
  • Eltern erziehen ihre Kinder zu selbständigen, verantwortungsbewussten, hilfsbereiten und rücksichtsvollen Persönlichkeiten, nicht zu „Anspruchsberechtigten“.
  • Im Zusammenleben mit Nachbarn kann sich gegenseitiges Vertrauen entwickeln. Der Haustürschlüssel kann stecken bleiben. Auch wenn alle unterschiedliche Interessen und widerstreitende Meinungen haben: Konflikte lassen sich viel besser von den Beteiligten selbst ohne juristische Mühewaltung lösen. Polizei und Justiz müssen nur ausnahmsweise eingreifen.
  • Jede und jeder kann sich ohne Zwang fürs Gemeinwesen engagieren – sei ’s in einem Verein, in einer Partei oder durch ein Ehrenamt, ohne dass dadurch Privilegien begründet würden. Solidarische Hilfe wird allen Bedürftigen zuteil, auch wenn sie sich selbst nicht engagierten: Vorbilder wirken meist besser als Strafen.
  • Kollektive und Korporationen – egal ob staatlich, religiös, sonstwie ideologisch oder wirtschaftlich ausgerichtet – können elementare Menschenrechte Einzelner nicht aushebeln, davor schützt das Recht.

Wenn demgegenüber der Wunsch nach mehr Staatsgewalt, mehr Regeln und Einschränkung individueller Rechte hochfiebert, ist das nicht die Stunde der „Populisten“, sondern die der Politbürokraten. Ihnen liegt nicht am Gemeinwohl, sie gieren nach Macht, die ihnen der Zugriff auf Positionen im Staat verschafft. Sie versprechen Verunsicherten Sicherheit durch mehr Kontrolle, sie nehmen ihnen die Verantwortung ab – in einem System der organisierten Verantwortungslosigkeit haben sie die Hände an den Hebeln. Und wenn Krisen, Kriege, Katastrophen ein Land, einen Kontinent ruinieren dann werden sie unsichtbar im luxuriösen Exil oder hinter Pappkameraden aus der zweiten Reihe.

Das sagt die historische Erfahrung. Und wer sie ignoriert, ist verurteilt, den nächsten Untergang zu erleben. Er kann dann seine Ignoranz mit Ausreden entschuldigen – wie Uropa seine Stimme für die NSDAP, Opa die für die SED und Papa die für…

Suchen sie sich was Passendes aus. Es passt fast alles auf Politbürokratie.

Die Weihnachtshasserin

Kerzenschnee totelNicht alle mögen Weihnachten – klar. Ich wünsche dennoch meinen Lesern ein erholsames Fest voll Freude, am besten in liebenswerter Gesellschaft. Als kleines Geschenk hier ein Ausschnitt aus der Kurzgeschichte obigen Titels, die ich Gästen im Kaminzimmer des „Atlantic-Parkhotels“ gestern zu Gehör brachte. Gemeinsam mit Annegret und Bernd Müller (Gitarre) haben wir auch gesungen – gehasst hat niemand, gelacht haben alle.

„Es ist abartig!“
Gäste vom Nachbartisch schauten herüber, ich bemerkte, dass ich einen roten Kopf bekam. Die Leute dachten wunders womit ich mir diesen Wutschrei verdient hatte. Frau Herzberg aber schaute mir plötzlich direkt in die Augen, griff nach meiner Hand und sagte: „Tut mir leid, seien Sie mir nicht böse. Es geht nicht gegen Sie. Aber schauen Sie sich nur all die schönen, stolzen Bäume an, die für blöde Märkte, Kaufhäuser, Kantinen, Kneipen, Bahnhöfe oder Millionen Wohnzimmer abgehackt werden, die dort vertrocknen und dann verbrannt werden! Fast 30 Millionen, allein in Deutschland jedes Jahr! Stellen Sie sich vor, Ihre Füße würden abgesägt, man schraubte Sie in ein Metallgestell, behängte Sie mit billigem Glitzerzeug und würfe Sie nach 14 Tagen einfach weg.“
Ihre Stimme war plötzlich weich geworden, ihre Augen glänzten feucht, sie hatte wirklich Mitleid mit den Bäumen. Das heißt, sie hatte irgendwann versucht sich vorzustellen, wie sich eine Säge an den Füßen anfühlt – oder jemand hatte sie dazu gebracht, sich das vorzustellen. Das war kein Spaß.
„Eine Säge an den Füßen“, murmelte ich, „das ist kein Spaß. Wenn Sie so etwas Kindern erzählen, werden Sie womöglich nie mehr Weihnachtsbäume anschleppen müssen.“
„Sehen Sie! Wieso erzählen wir das den Kindern dann nicht?“ Jetzt schimmerten ihre Augen hoffnungsfroh. Ich seufzte.
„Sehen Sie ’s mir bitte nach“, ich legte meine Hand auf die ihre, „Bäume mögen Gefühle haben, aber wenn wir schon von Bäumen und Menschen reden, kommen wir um die Unterschiede nicht herum. Ich liebe Bäume, seit meiner Kindheit fühle ich mich im Wald zuhause. Dort tanke ich Kraft, habe oft in bösen Zeiten Trost gefunden. Und – glauben Sie ’s oder nicht – dazu passt ausgerechnet ein Weihnachtslied.

O Tannenbaum, o Tannenbaum,
dein Kleid will mich was lehren:
Die Hoffnung und Beständigkeit
gibt Trost und Kraft zu jeder Zeit,
o Tannenbaum, o Tannenbaum,
dein Kleid will mich was lehren.“

Frau Herzberg entzog mir ihre Hand. „Ja ja. Mit dieser Art von Gedudel wurden früher Kinder eingelullt: ‚Hoffnung‘, ‚Beständigkeit‘. Was soll der Quatsch noch im digitalen Zeitalter, wo sich alles in rasendem Tempo ändert? Für Kinder zählt das neueste Smartphone zu Weihnachten, der Baum darf ruhig aus Plastik sein.“

Der Anfang der Geschichte findet sich als Video auf YouTube, wer mehr möchte, melde sich gern.

Demokratie ohne Demokraten – war da was?

Bundesarchiv Bild 102-08215, Berlin, Verfassungsfeier im Stadion

Die Weimarer Republik feiert noch sich selbst – Lechtsrinks schaufelt ihr das Grab

Das „Netzwerkdurchsetzungsgesetz“ – schon das Wort ist als bürokratisches Monstrum kenntlich – erweist sich als das, wofür Heiko Maas und die Seinen es erfanden: Als Mittel, die Meinungsfreiheit organisiert und automatisiert abzuschaffen. Der Trick: Staatliche Zensur wird an private Unternehmen von kartellartiger Macht ausgelagert, schönes Beispiel politischer Falschmünzerei.

Anhand der von Facebook und Twitter geübten Praxis zeigt sich schon jetzt: Auf lange Sicht erledigte die Politbürokratie gern jede Opposition – anders kämen solche Gesetze nicht zustande, denn es gab von dort vernehmlichen, anhaltenden Protest. Das Schlimme: Die Wahrnehmung eines großen Teils der Bevölkerung ist dank Quotenmechanik und Umfrageverblödung derart auf konforme Mediokratie konditioniert, dass sich für Krisen immer passende Sündenböcke finden, dass Konflikte als störend, Auseinandersetzungen um Demokratie als Angelegenheit der Parteien betrachtet werden. Nachdem diese und ihre mediale Gefolgschaft die Leute zum Stimmvieh und sich gegenseitig unangreifbar gemacht haben, was ein aberwitziges Wachstum der Bürokratie mit sich brachte, scheinen sie jetzt mit den Mitteln der Digitalisierung den letzten Schritt zur chinesischen Harmonie à la KPCh gehen zu wollen. Sie sperrt alles, was nicht nach ihrem Geschmack ist, und wem solche Harmonie – oder Gleichschaltung – nicht schmeckt, der landet – wie der Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo hinter Gittern, bis der Tod Harmonie herstellt, oder wie der Schriftsteller Liao Yiwu im Exil, wenn er Glück hat.

Mit der Gleichschaltung hat Deutschland reichlich Erfahrung. Ich lese gerade Kästners „Notabene 45“ – und möchte über die ewige Wiederholung Desselben schier verzweifeln, denn der DDR-Bürger richtete sich mit der nämlichen Indolenz unter der geistigen Hoheit des Politbüros der SED ein, wie seine Eltern bei den Nazis. Die erkennbar zur Katastrophe führende Realitätsferne herrschender Ideologen hinderte die Eifrigsten in der Masse der Mitläufer nicht, jeden Oppositionellen als Quertreiber, Störenfried, gar Verräter zu denunzieren – bis zum bustäblich allerletzten Moment vor dem Knall. Und danach gab es kaum eine Schamfrist, ehe den Dissidenten wieder leidenschaftlich am Zeug geflickt wurde.

Hier wirkt ein Herdenimpuls, dem mit noch so guten Argumenten und historischer Erfahrung nicht beizukommen ist, es gibt eine speziell deutsche Ausprägung, sie ist literarisch, filmisch in all ihren Scheußlichkeiten dokumentiert, ohne an Wirkung zu verlieren.

Was bleibt? Sich auch künftighin von der Herde fernzuhalten, dem medialen Einverständnis mit Argumenten zu begegnen, Schützengräben zu meiden und der einzig unwiderlegbaren Wahrheit gefasst zu begegnen.

Wünsche, Pläne, Lügen und Gewalt

'David' by Michelangelo JBU0001

Der Mensch – zwischen Wunsch und Realität

Das Schicksal des Menschen ist der Mensch.

Das gilt für den Einzelnen, der kaum längere Zeit ungesellig leben kann, wenn er essen, trinken, sich warm halten und soziale Grundbedürfnisse befriedigen will.

Das gilt für die Gattung in einer enger werdenden Welt mit knappen Ressourcen und begrenzten Räumen. Zwar werden natürliche Katastrophen unsere Spezies immer gefährden – niemals werden sich Erdbeben, Überflutungen, Brände, Seuchen, Einschläge von Asteroiden oder kosmische Strahlung gänzlich beherrschen lassen – aber wir stehen heute mehr denn je vor der Frage, ob nicht menschliches Handeln, ob nicht seine Formen sozialer Interaktion das eigentliche Problem sind.

Können wir Konflikte zwischen konkurrierenden Gruppen – Nationen, Kulturen, Ethnien, Religionen, Konzernen, Banken, Regierungen, Parteien oder sonstiger (an Stämme der Steinzeit erinnernder) Organisationsformen – anders als durch Gewalt lösen? Sind nicht aggressive Strebungen, Dominanzwünsche und Gewalt elementare Strategien des Überlebens?

Gewalt als Schlägereien, Revolten, Kriege und Terrorattacken hat es immer gegeben, sie dauert fort und findet neue Formen im Cyberspace. Der Einzelne hatte wenig mehr als den Zufall auf seiner Seite, wenn es ums Überleben ging. Die naturwüchsige Strategie von Herden, Schwärmen, Sippen, Horden, Banden verbesserte seine Chancen, alle profitierten vom Schutz, vom Fortbestand der Gemeinschaft, Verlierer blieb immer der Einzelne. Ähnlich verhält es sich mit Strategien der stammeskulturell geprägten Meute, des Mobs, der Staaten, Unternehmen und Verbände aller Art.

Mit der Entwicklung moderner Staaten und Firmen samt Heeren von Arbeitern und Angestellten wird das Phänomen struktureller Gewalt interessant: Es gibt Organisationen, die nach außen und innen rücksichtslos ihre Interessen zur Selbsterhaltung durchsetzen – gegen Leib und Leben des Einzelnen, gegen die Konkurrenz, das Gemeinwesen und gegen die Natur.  Sie trachten danach, sich mit besonderen Rechten auszustatten – auf nationaler, zunehmend supranationaler Ebene, so dass weder sie selbst noch eines ihrer Mitglieder für jede Art Fehlleistung in Haftung zu nehmen wären. Solche Organisationen versuchen mit legalen oder kriminellen Mitteln, die Grundlage allgemeinen Rechts zu usurpieren: das „Gewaltmonopol des Staates“. Dass Konflikte eskalieren, dass sie in vollkommene Zerstörung münden, nehmen sie schlimmstenfalls in Kauf. Sie stellen die ihnen zugehörigen Menschen von Verantwortung frei und machen sie zu willfährigen Handlangern.

Der Vorgang wird an den totalitären Systemen des Kommunismus und Nationalsozialismus deutlich. Religiöse oder andere ideologische Verklärungen von Gewalt gab es seit je – hier wuchs sie unterm Deckmantel von Heilsversprechen für ihre Gefolgschaft auf die Dimension von Genoziden und Weltkriegen an. Angesichts globaler Auswirkungen, die seit dem 20. Jahrhundert sowohl mit Kriegen unmittelbar, als auch mit Angriffen auf Energie- oder Finanzwirtschaft, Informations-und Versorgungssysteme einhergehen, ist zu fragen, ob Konflikte zwischen Menschen auch künftig so unvermeidlich und unbeherrschbar bleiben wie Naturereignisse.

Lässt sich das Verhalten von Milliarden Menschen nicht auf ein friedliches, ausbalanciertes Zusammenleben hin beeinflussen, auf kooperative Strategien der Individuen und ihrer Organisationen, zum Nutzen der Gattung mit ihrer Kultur (Technik) und der sie umgebenden Natur? Derzeit erscheint das – mit dem Blick auf politische Realitäten – als Wunschtraum.

Zweierlei zumindest ist sicher:

  • Konflikte sind unvermeidlich; sie erzeugen die Dynamik zwischen Gruppen von Menschen ebenso wie zwischen Individuen und dem gesamten Umfeld, mit dem wir alle interagieren: mit der Welt.
  • Konflikte werden in Zukunft ALLE betreffen. Die globale Wirtschaft wird es unvermeidlich geben und damit wechselseitige Abhängigkeiten aller von (fast) allen. Das betrifft die natürlichen Ressourcen ebenso wie den Informationsaustausch.

Angesichts dieser mit dem abgedroschenen Begriff „Komplexität“ unzulänglich beschriebenen Lage ist nichts verdächtiger als Heilslehren.

Der Artikel steht am Anfang zur Neufassung des Buches „Der menschliche Kosmos“. Mehr dazu gibt es im zugehörigen Weblog.

Träume altern nicht (Schluss)

Zurück zu Teil (7)

2015-06-08 14.21.15Sie ist schon da. Sie winkt mir mit der Kuchengabel von einem Fensterplatz aus zu, Heidelbeertorte und Latte macchiato sind zur Hälfte verspeist, sie strahlt:

„Schwarzwald und Ostsee – mehr brauche ich nicht. Schön, dass du da bist, und das mit dem Wetter hast du auch wieder hingekriegt.“

„Möchtest du nachher wandern oder nur spazierengehen?“

„Mach dich nur lustig.“ Sie streckt ein paar äußerst elegante Schuhchen unterm Tisch vor. „Das ist schon ein Zugeständnis an Freudenstadt. Für alle Fälle habe ich noch ein paar Wanderschuhe im Kofferraum, aber die passen nicht so gut zum Rest.“ Ihr Lächeln erübrigt weitere Anspielungen. Sie ist schon aufgestanden, umarmt mich, ihr Mund ist an meinem Ohr. „Ich möchte gern wissen, wie du hier lebst.“ Jetzt schaut sie mir direkt in die Augen. „Darf ich?“

„Es ist nicht mehr so gemütlich wie in meiner Berliner Bude, falls du das meinst, und zu einem Haus hat ‘s nie gereicht, aber der Balkon ist nett. Hast du keine Angst vor Paparazzi?“

„Die hängen wir ab. Sekt?“ Sie winkt der Serviererin, etwas Leckeres von Badischen Winzern löst die Zungen, ehe ich zum Nachdenken komme, hat sie die Rechnung bezahlt, drängt zum Aufbruch.

„Zu Fuß oder im Auto?“

„Wie weit ist es denn?“

„Ich habe zwanzig Minuten gebraucht, und bei dem Wetter…“

Sie zieht eine Schnute: „Dann fahren wir. Mir ist nach Balkon.“ Die Eile wird mir unheimlich, nur ist meine Gier, sie allein in meine Wohnung abzuschleppen, übermächtig. Was wird geschehen? Ich bin nicht Kachelmann, sie ist „in festen Händen“, worauf soll das hinaus? Zum ersten Mal in meinem Leben besteige ich einen Porsche, das Ding ist so unwirklich wie alles an dieser Begegnung, die kein Wiedersehen ist, sondern gespenstisch überzeichnete Episode aus einer kitschigen Fernsehserie. In den wenigen Minuten Fahrt fragt sie mich nach Beruflichem, in knappen Worten erfährt sie vom Ende meiner Arbeit in einem Forschungsinstitut, das Fragen nach meteorologischen Langzeitfolgen von -zig Tausenden Windkraftanlagen für das Klimageschehen nicht mochte und mir zum Vorruhestand verhalf. Ob sie versteht, was ich ihr von der Dynamik nichtlinearer komplexer Systeme zu erklären versuche, weiß ich nicht. Sie fährt sehr konzentriert, parkt routiniert vor dem Reihenhaus, geht zur Tür, dreht sich zu mir um, lächelt.

„Ich bin gespannt wie ‘n Flitzebogen.“

„Auf eine richtig spießige Behausung?“ frage ich. Sie lacht. Sie schlüpft durch geöffnete Türen ins Haus, in die Wohnung, wie ein Kind, das geheimgehaltene Räume erkunden will. Sie weht durch meine drei kleinen Zimmer, die Küche, das Bad, wendet sich zu mir um, breitet die Arme aus.

„Worauf wartest du, Kachelmann? Du hast mich neugierig gemacht, jetzt will ich das volle Programm.“

Ich stürze in einen Rausch, der nie enden soll, höre ihre Laute, die mich in Ekstase versetzen, zwischen Himmelblau und kosmischer Schwärze brennt die Zeit, fluten Gefühle alles Denken fort, bin ich der Welt enthoben…, bis plötzlich der schlanke Frauenkörper sich entwindet, „Scheiße!“ sagt, und „Ich muss telefonieren.“

Dann verschwindet die Sylphe im federleichten Sommergewand, säuselt zuckersüße Sätze ins Smartphone, eine vollendet routinierte, bestrickende Suada für einen Joshua, fernab jeder Ahnung vom gerade passgerecht empfangenen Gehörn. Ich fühle mich wie im eigenen Bett auf die Straße gestellt.

Ein hingehauchtes „Bis glaaahaich!“ beendet das Gespräch. „Tut mir leid“, sagt die Diva zwinkernd, „das musste jetzt sein, du Schlingel, du hast mir ziemlich zugesetzt, Respekt, aber es ist höchste Zeit für mich. Darf ich mir noch etwas wünschen?“ Ihr Gesicht hat jenen Ausdruck, mit dem Tausende Generationen schöner Frauen gewohnt sind, jeden Gedanken an Ablehnung in weggehauchten Blütenstaub zu verwandeln: „Das Petschaft. Schenkst du es mir? Vielleicht hast du auch noch ein bisschen Siegellack dazu. Es wäre so ein schönes Andenken. Darf ich es mitnehmen?“

„Du darfst“, höre ich mich sagen, „natürlich. Alles was du willst. Beim nächsten Mal, ja?“

Ich komme nicht dazu, mich aus der Trance des Liebesaktes ohnegleichen aufzurappeln, da ist sie schon aus der Tür, draußen röhrt der Porsche.

Merkurabend (10)