Verfallende Kulturen

„Es steht geschrieben…“ war einmal eine gewichtige Einleitung zu argumentieren; „Es heißt…“, oder „Man sagt…“ dagegen mit erheblicher Unsicherheit behaftet. Sollte also eine Geschichts-Schreibung verlässlicher sein als Heldenepen, Mythen, gar Gerüchte? Auch Historiker kommen seit jeher nicht ohne überlieferte oder aus Artefakten konstruierte Mutmaßungen aus, schon gar nicht ohne Impulse und Motive. In einer unübersichtlichen Landschaft aus halbwegs verlässlicher Dokumentation, Fabuliertem und schierer Propaganda hat noch niemand letzte Wahrheiten über Geschehenes, geschweige Aktuelles oder gar Zukünftiges gefunden. Dies umso weniger, wenn der über 3000 Jahre zurückliegende Untergang einer Zivilisation betrachtet werden soll, die als „Bronzezeit“ geläufig ist. Fast jeder hat in der Schule von ihr gehört und in Museen der Frühgeschichte Exponate bestaunt – etwa im Vorderasiatischen und im Neuen Museum zu Berlin

Von Ägypten, zum Zweistromland, Anatolien und der Ägäis: Globale Wirtschaft und Kultur?

Wenn einer aber zu überblicken versucht, welcher gewaltige Aufwand in den vergangenen etwa 300 Jahren für archäologische Forschung rund ums Mittelmeer und in angrenzenden Ländern getrieben und wieviel darüber geschrieben wurde, nimmt er sich schier Unmögliches vor. Eric H. Cline hat sich nur mit der Frage beschäftigt, wie dort in zahllosen Artefakten, auf Keilschrifttafeln und in Hieroglyphen erhaltene Zeugnisse einer blühenden Kultur zugleich deren innere Dynamik wie ihren Verfall bekunden. Ein Literaturverzeichnis von 36 eng bedruckten Seiten weist darauf hin, wieviel Sachkenntnis und hartnäckige Recherche er brauchte, um auf 230 Seiten vom Ende der Bronzezeit zu erzählen. Und der Leser sieht sich einer fast ebenso riesigen Menge von Anmerkungen gegenüber, wenn er Details nachgeht. Ein Blick auf die Liste der „Dramatis Personae“ überzeugte mich ebenso wie das Lesen der ersten Kapitel mit vielen Ortsnamen und der Vorgeschichte beteiligter Völker – von den Ägyptern über Assyrer, Hethiter, Ägäer, Kanaaniten – sogleich, dass ich als interessierter Laie an die Grenzen meines Vorstellungsvermögens stoße.

Ich habe also zweimal gelesen, und das hat mein Interesse noch befeuert. Cline kommt nämlich zu dem Ergebnis, dass es eine durch wirtschaftliche, politische und kulturelle Interaktionen vernetzte, heutigen globalen Verhältnissen durchaus vergleichbare multiethnische Welt war, die sich über einen Zeitraum von nur etwa hundert Jahren auflöste. In drei Kapiteln erzählt er die Vorgeschichte. Besonderen Raum nimmt dabei Ägypten ein, dessen Handelskontakte und florierende Wirtschaft über Jahrhunderte andere Völker überragten und dessen Kultur und Religion besonders gut erforscht sind. Es sind ägyptische Bildwerke, auf denen auch die sogenannten Seevölker und eine ihrer Seeschlachten mit Ägyptern abgebildet sind. Herkunft, ethnische Wurzeln, Sprache ebenso wie Auftauchen und Verschwinden dieser Seevölker geben Forschern bis heute Rätsel auf, obwohl sie mit ihren Überfällen auf sämtliche Arainersaaten des östlichen Mittelmeeres zu Niedergang und Zusammenbruch der bronzezeitlichen Kultur erheblich beigetragen haben.

Während Tontafeln, Inschriften auf Stelen, Keramiken oder Fresken bekunden, wie Handel und Handwerk zwischen Völkern und ihren Städten wie Babylon, Assur, Tyros, Memphis, Ugarit und der gegenüberliegenden Insel Zypern, dem weit entfernten Kreta, Mykene, Troja blühten, sich Sprachen und Schriften beeinflussten – es gab mit Akkadisch sogar eine „lingua franca“, die im diplomatischen Gebrauch war – fanden sich kaum Spuren, die als charakteristisch den Seevölkern zuzuordnen waren. Aber das Besondere an Clines Buch ist, dass es eine Fülle von archäologischen Untersuchungen zusammenführt, mit denen sich belegen lässt, wie nicht allein Überfälle und Zerstörungen die bronzezeitliche Blüte erstickten, sondern wie Erdbeben, klimatische Veränderungen, vor allem Dürre und folgende Hungersnöte dabei mitwirkten.

Immer neue Unschärfen und Unklarheiten tauchen beim Lesen der vielstimmigen Diskussion unter Archäologen auf und führen zu neuen Fragen: Was weiß man heute genau über die demographischen Verhältnisse der in dieser frühen Form von „Globalisierung“? Dass die Staaten zentralistisch von Palästen aus regiert wurden, dass große Städte ca. 8000 Einwohner hatten ist bekannt, aber wie wirkten sich die erkennbaren Katastrophen aufs innere Gefüge aus? Unsichtbare Mitspieler müssen Seuchen gewesen sein, die sich fast immer im Zuge von Naturkatastrophen, Krieg, und Reisen ausbreiten. Dank der besonderen Begräbniskultur der Ägypter wissen wir vom Tod in den Fürstenhäusern und unter hohen Beamten – aber wie starben Sklaven, Bauern, Handwerker? Sie waren zu unbedeutend, jemals erwähnt zu werden, ihre Lebenserwartung war vermutlich gering, der Tod ein alltägliches Ereignis. Soldaten – immerhin ein besonder Beruf – zählten nur als gefallene Gegner, je mehr, desto größer der Ruhm, vielen wurden Hände als Trophäen abgehackt. Zweifellos haben Feld- und Seuchenzüge demographische Verläufe ausgeprägt, ebenso Migrationen. Die deutlichste scheint von der Ägäis auszugehen, über Land und Meer alle Küsten des östlichen Mittelmeeres ergreifend, wobei sich unterschiedlichste Ethnien mischten oder verdrängten.  Nach dem Niedergang der Hochkultur setzten sich spontane, robuste, dezentrale Wirtschaftsformen durch – Strategien des Überlebens.

Mit dem eigentlichen Untergang der Kulturen befasst sich Erik S. Cline vom vierten Kapitel an. Beispielhaft stehen dafür die Ausgrabungen in der nordsyrischen Hafenstadt Minet el-Beida und – ausgehend von dort – der Hauptstadt des Königreiches Ugarit. Dort fanden sich Zeugnisse des florierenden Handels und verschiedener Sprachen rings ums östliche Mittelmeer. Das Ugaritische hatte bereits ein frühes Alphabet. Insgesamt war das vorgefundene Schriftgut derart umfangreich, dass Ugaritologie zu einem eigenen Forschungszweig avancierte.

Während sich in vielen anderen Städten nach schweren Schlachten, Bränden, Beben, fast immer Neuansiedlungen fanden, dort Verbindungen über See und Land selbst zu entfernteren Handelspartnern so weit intakt blieben, dass der Güteraustausch wieder in Gang kam, wurde Ugarit bei einem Angriff vollkommen zerstört. und verlassen. Das Königreich war Vasallenstaat der Hethiter, aber dieses bis Mitte des 13. Jahrhunderts v. Chr. mächtige Reich löste sich wenig später vollkommen auf.

Es leuchtet ein, dass der Autor viele Ursachen des Verfalls zu einem komplexen Geschehen zusammenfasst, am Ende die Komplexitätstheorie ins Spiel bringt und damit systemisches Versagen eines von vielen – divergierenden – Kräften beeinflussten Netzwerks der Abhängigkeiten. Die herrschenden Eliten hatten offensichtlich keine Strategien, auf das Zusammenwirken von Naturkatastrophen, Freibeuterei, inneren Spannungen, Migration zu reagieren. Interessant wäre hierbei, inwiefern Religionen in die Krise kamen, weil ihre Normen setzende und durch Rituale im Alltag befestigende informelle Macht dahinschwand.

Vergleiche zum Untergang anderer Kulturen drängen sich auf. Cline erwähnt die Maya, mir fallen die Ablösung der Ming-Dynatie in China durch die von Nordosten vordringenden Mandschu und – wesentlich dramatischer – deren Niedergang als Qing-Dynatie unterm Druck der westlichen Imperien am Ende des 19. Jahrhunderts ein. Er beendete eine Jahrtausende alte Kultur chinesischer Kaiserreiche. Das wechselvolle 20. Jahrhundert, gezeichnet vom gescheiterten Versuch der Guomindang, westliche Wirtschafts- und Poltitkmodelle zu etablieren, von der blutigen Invasion der autokratischen Japaner, dem Sieg der Kommunisten unter Mao Zedong, hätte die Traditionen des alten China beinahe ausgelöscht. Sie überlebte, angepasst an ein bis heute erfolgreiches, mit totalitären Grausamkeiten einhergehendes Regime der KPCh auf der Basis kapitalistischen Wirtschaftens. Der Kampf um dessen globale Dominanz ist in vollem Gang.

Cline bezieht sich auf den Komplexitätsforscher Ken Dark, wenn er feststellt, die bronzezeitliche Vernetzung soziopolitischer Strukturen habe zu gesteigerter Komplexität geführt, und je komplexer ein System, desto wahrscheinlicher sei sein Zusammenbruch. Das Ende des osteuropäischen Sozialismus bestätigt das Muster: Rudolf Bahro analysierte 1977 in seinem großes Aufsehen und noch größere Wut der sozialistischen Partei- und Staatsführung erregenden Buch „Die Alternative“, wie die ungehemmt in die Tiefe und Breite wuchernde Politbürokratie Wirtschaft und Kultur immer mehr erstickte, die Fixierung der Herrschenden auf Deutungshoheit sie zugleich in strategischer Starrheit gegenüber äußeren und inneren Anforderungen gefangen hielt – bis zum Kollaps.

Dass der Zusammenschluss west- und osteuropäischer Staaten zur EU mit einem deutlichen Zuwachs an Komplexität – also wechselseitiger Abhängigkeit in existenziellen Konfliktfeldern wie der Finanz-, Energie-, Migrationspolitik – einhergeht, muss man niemandem mehr erklären. Die Corona-Pandemie zeigt es nur einmal mehr. Wenn Politiker starr und unter Missachtung kritischer Stimmen der Strategie „Mehr Desselben“ folgen, weil ihre Deutungshoheit nicht angetastet werden darf, führen sie nicht nur ihr eigenes Land, sondern das Gefüge globalisierter Staaten in Situationen, die unbeherrschbar werden. Insofern weist „Der erste Untergang der Zivilisation“ zwar nicht auf den Weltuntergang hin, wohl aber auf den einer Zivilisation, deren Blüte noch vor dreißig Jahren gerade erst zu beginnen schien.

Heilsgeschichte

Ketzerverbrennung im Mittelalter

Ketzerverbrennung im Mittelalter

Nein – ich bilde es mir nicht ein! Die Verblödung ist unaufhaltsam. Sie muss es sein, weil sonst die Heilsgeschichte nicht vorankäme.

Mich erfasst in letzter Zeit besonders dann eine gewisse Ungeduld über den Fortgang der Heilsgeschichte, wenn ich höre, wie sich Menschen über ihre traurigen Lebensumstände empören, denen es keinen Funken der Irritation wert ist, wenn sie ihre Toiletten mit Trinkwasser spülen.

Aha, werden sie jetzt sagen, wieder einer von diesen links gestrickten grün-ökologischen Weltverbesserern, die uns den hart erarbeiteten Wohlstand nicht gönnen. Sie irren sich. Grüne Weltverbesserer sind mir gerade so lieb wie rotbraune. Der Ausruf „An die Laterne!“ ginge mir leicht von den Lippen, wenn ich den Mullahs dieser wie jeder anderen die Herrschaft über die Welt beanspruchenden Religion damit nur beikäme. Das aber ist so unmöglich, wie Kinder zu erziehen. Sie werden jedenfalls wie ihre Eltern. Meinte jedenfalls der weise Narr Karl Valentin.

Es gibt schlechterdings keinen „evolutionären Fortschritt“ im menschlichen Verhalten. Es gibt nur immer mehr Menschen. Meines Wissens hat noch niemand eine seriöse wissenschaftliche Studie darüber abgeliefert, ob im Zuge der explodierenden Bevölkerungszunahme seit 200 Jahren mehr Steinzeitverhalten oder mehr Aufklärung in die Welt gekommen ist. Meine Erfahrung sagt mir, dass die Anteile steinzeitlicher, feudaler, frühkapitalistischer, totalitärer Verhältnisse zum historischen Menschheitsganzen genau dem gegenwärtigen Anteil entsprechen. Um es einfacher zu formulieren: Es gärt nach wie vor überall, nur auf engerem (globalem) Raum und mit weniger Fluchtmöglichkeiten, und das bedeutet: das Ende – also die Apokalypse – ist genau so nahe wie die Erlösung.

Gott sei Dank.

Wilhelm Buschs Zeichnung vom asketischen Eremiten Antonius

Wilhelm Busch: Der Hl. Antonius, moosbewachsen, in Askese versunken und der Welt entronnen

Falls Sie mit dieser Erkenntnis nichts anfangen können: Arbeiten Sie weiter an der Verbesserung der Welt, rauchen Sie nicht, trinken Sie nicht, essen sie kein Fleisch, sparen Sie keine Steuern, quälen Sie keine Tiere – vom Umbringen zu schweigen – und besuchen Sie keine Freudenhäuser. Für die Feministen: Reisen sie nicht in mit einer Mischung aus Steinzeit, Gottesstaat, Kommunismus und Frühkapitalismus gesegnete Regionen, um ihr Urlaubsgeld für einen Fick mit einem attraktiven Nichtfeministen auszugeben. Bleiben Sie politisch korrekt!

Und jetzt kommt’s: Ich habe mich lebenslang Frauen gegenüber so gut wie nie politisch korrekt verhalten. Ob sie mich mochten oder nicht, war auch so gut wie nie eine Frage der politischen Korrektheit. Wir hatten eine Menge Spaß miteinander, und ich habe – mutwillig, unbedacht oder sogar in vollem Bewusstsein Regeln aller Art missachtet. Wer auch immer diese Regeln aufstellte, tat es – in seiner Lesart – zum Zwecke der Weltverbesserung; der Fortschritt der Menschheit verdankt sich indessen den Regelverstößen mindestens ebenso sehr wie ihrer Einhaltung. Auf einen wissenschaftlichen Beweis der Anteile dürfen wir getrost bis zum Jüngsten Tag warten.

Das Altern geht mit der vergnüglichen Gewissheit einher, dass einer nie mehr politische Korrektheit zum Teil eines Balzspiels machen muss. Wozu also sollte er überhaupt noch politisch korrekt sein?

Vielleicht, damit ein Staatswesen ihm nicht die Rente streicht – sofern es ihn nicht gleich ins Lager oder in die Psychiatrie verfrachtet.

Bei beidem handelt es sich um „Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen“.

Jugend ohne rote Sonne

Tiel von "Chinakinder"

Wem gehört die Zukunft in China, Hongkong, Taiwan?

Dieses Buch verdient jede Empfehlung. Schon deshalb, weil es die großartigen Romane von Liao Yiwu dokumentarisch ergänzt, weil es obendrein Leser erreicht, die mit chinesischen Traditionen, mit Geschichte und Kultur des Landes noch wenig vertraut sind. Sonja Maaß und Jörg Endriss haben 30 junge Chinesen auf ihren Reisen porträtiert, befragt, und ihre höchst unterschiedlichen Selbstauskünfte zu Alltagserfahrungen, Wünschen, Hoffnungen und zur großen Politik aufgeschrieben. Sie haben nicht nur die unter Mao Zedong und Deng Xiao Ping geprägte „Volksrepublik“ der Kommunistischen Partei, sondern auch die 1999 von der britischen Krone aus kolonialer Bindung entlassene „Sonderverwaltungszone“ Hongkong und die „abtrünnige Provinz“ Taiwan erkundet. Das ist schon deshalb spannend, weil die historisch höchst unterschiedlich gewachsenen politischen Verhältnisse heute denselben Prozessen globaler Wirtschaft unterworfen sind, Peking eine gewaltige Übermacht hat, Hongkong und Taiwan gleichwohl selbstbewusst auf kommunistischen Dominanzanspruch reagieren.

Jedes einzelne der Kurzporträts ist lesenswert, weil es die besondere Lage der jungen Menschen in ihrer speziellen politischen, ethnischen, wirtschaftlichen und familiären Umgebung ausleuchtet. Der Leser erfährt so zugleich etwas über die Mannigfaltigkeit von Problemen, die etwa infolge der Ein-Kind-Politik entstanden – und China eine überalterte Bevölkerung sowie Mangel an Frauen im Heiratsalter bescherten. Zu beinahe jedem dieser zahllosen Probleme finden die Chinesen originelle Lösungen, oft als Schlupflöcher in den starren staatlichen Regelsystemen. Beispiel „Hukou“, die „Haushaltsregistrierung“: Kein Chinese darf seinen Wohnort frei wählen. Dadurch können Wanderarbeiter – es sind Hunderte Millionen – Sozialleistungen nur am ursprünglichen Wohnort beziehen, nur dort dürfen ihre Kinder zur Schule gehen.  Millionenfach müssen sich Familien trennen. Das System ist ebenso dysfunktional wie „Gaokao“, die Zugangsbestimmungen für Hochschulen. Korruption und Bürokratie sind auch infolgedessen monströs. Umso mehr verblüffen der Mut und Einfallsreichtum vieler Heranwachsender.

Egal ob Punk, an der Leistungsgrenze schuftender Wander- oder treuer Parteiarbeiter, egal ob „Tochter aus reichem Haus“ mit unternehmerischem Ehrgeiz, Feministin oder Homosexueller: Bei den meisten findet sich neben der Neugier auf die Welt und dem Wunsch, aus dem eigenen Leben etwas zu machen, eine grundlegende Loyalität zum eigenen Land. Wenn der Wunsch nach Freiheit sich mit dem nach sozialer Verantwortung verbindet, hängt das gleichwohl eher mit traditionellen Verpflichtungen auf die Familie als mit politischen Motiven zusammen.

Im kommunistischen China hilft unpolitischer Pragmatismus zu überleben. Totalitäre Herrschaft unterdrückt Konflikte und erlegt Medien Zensur und Selbstzensur auf. Die Bruchlinien zeigen sich am Verhältnis zu Hongkong und Taiwan; dort treten viele junge Menschen entschieden für demokratische Entwicklung ein, den Nationalismus aus Peking lehnen sie ab. Der weltweite Austausch vor allem von Studenten arbeitet ihnen zu.

Jörg Endriss und Sonja Maaß beschreiben neben Metrolpolen auch dörfliches Leben. Sie sind weit gereist – etwa in die Provinz Yunnan im Südwesten. Die Artikel von dort zeigen den Farbenreichtum des Riesenreiches, auch ins Buch eingebundene Fotos wecken die Lust, es kennenzulernen. Anmerkungen im Glossar helfen zum Verständnis, auch das gescheite Nachwort, das wichtige wirtschaftliche, politische, kulturelle Gegebenheiten zusammenfasst. Die Autoren trafen auf neugierige, aufgeschlossene junge Menschen, die ihre Wünsche und Ziele an einem weiten Horizont suchen. Die rote Sonne Mao Zedong hat außerhalb der politischen Doktrin keinen Widerschein mehr.

Jörg Endriss, Sonja Maaß „Chinakinder – Moderne Rebellen in einer alten Welt“

Conbook-Verlag, 410 Seiten, 12,95 €

Beschäftigt oder beteiligt? – Arbeitswelt 4.0

Wird überhaupt noch darüber gestritten, ob das Ziel eines Unternehmens maximaler Gewinn sei oder seine gedeihliche Existenz als Sozialgebilde?

In mancher Arbeitsumgebung wird darüber nicht einmal gesprochen – darauf deuten zumindest Studien wie der Gallup Engagement Index hin, die Andreas Zeuch am Anfang seines Buches „Alle Macht für niemand“ heranzieht.

zeuch_300dpi_cmykSie besagen, dass ca. 20 % der Mitarbeiter innerlich gekündigt haben bzw. „Dienst nach Vorschrift“ schieben. Während des vergangenen Jahrzehnts seien den Unternehmen dadurch jährlich im Mittel etwa 100 Milliarden € verloren gegangen, rechnet Zeuch vor. Quelle der Unlust und ihrer Folgeschäden – darüber sind fast alle Autoren in den drei hier vorgestellten Bücher mit ihm einig – ist meist der Mangel an Eigenverantwortlichkeit und Mitbestimmung der Beschäftigten. Der Sinn ihrer Tätigkeit hat wenig oder nichts mit eigenen Intentionen zu tun, er geht über den schieren Gelderwerb kaum hinaus, die Strukturen sind hierarchisch – oft wird so vor allem die Verantwortungslosigkeit organisiert. Was daraus wird, zeigt das Beispiel VW – es gibt zahllose andere.

Jedes der drei hier vorgestellten Bücher ist zu empfehlen, gerade weil sie aus sehr unterschiedlichen Positionen zur Sache kommen. Alle können aus denselben Quellen schöpfen, aber Absichten und Vorgehensweisen unterscheiden sich ebenso wie die Aufmachung: Das von Thomas Sattelberger, Isabell Welpe und Andreas Boes herausgegebene „Management-Buch des Jahres 2015“ aus dem Haufe-Verlag ist in Design, Grafik und Druck das aufwendigste.  81VtJOVIYxL„Das demokratische Unternehmen – Neue Arbeits- und Führungskulturen im Zeitalter digitaler Wirtschaft“ versammelt nicht weniger als 27 Autoren mit ausgewiesener akademischer bzw. Management-Erfahrung. Die Arbeitsministerin Nahles steht protokollgemäß voran. Ihr Statement klopft staatstragende Schultern, bleibt schwammig und oberflächlich. Es fragt hauptsächlich nach Rahmen für die digital und global entgrenzte Wirtschaft, also nach der Bestandsgarantie für Posten in Gewerkschaft und Politik.

Thomas Sattelberger, Ex-Manager in einigen globalen Konzernen, interessiert den Leser dagegen gleich mit einem strukturierenden Blick auf Megatrends. Er kondensiert Entwicklungen in Schaubildern, kommt sehr schnell auf die dunklen Seiten digitaler Wirtschaft und Technologien. „Letztlich geht es um die Frage, ob sie zu mehr Demokratisierung führen und bisherige Eliten entmachten oder ob Letztere sogar an Macht gewinnen und die Ökonomie in einer Art kapitalistischer Landnahme von den Menschen Besitz ergreift.“ Spätestens hier darf sich der Leser fragen, wie seine ganz persönliche Rolle in diesem Spektakel aussehen soll. Sattelberger bietet ihm nach einer mit einschlägigen Fachbegriffen gespickten Tour de Force immerhin die Aussicht auf eine – auch dank digitaler Technik – demokratisierte „Arbeitswelt 4.0“ und meldet entsprechenden gesellschaftlichen Bildungsbedarf an.

Auch das Autorenkollektiv um Andreas Boes – es schöpft aus einer großen Zahl einschlägiger Publikationen – sieht die Entwicklung an einer Scheidelinie „Zwischen digitalem Fließband und Empowerment der Beschäftigten“. Es fordert dazu auf, an dieser Linie zu messen, wie Unternehmen geführt werden, insbesondere mit Blick auf neue Techniken und Organisationsformen, etwa flexible Arbeitszeiten. Das folgende Kapitel „Der Blick der Managementforschung“, konstatiert, dass Transformationsprozesse im Gang sind. Isabell M. Welpe und zwei ihrer Kollegen von der TU München haben es verfasst. Sie sehen Transparenz und Partizipation auf dem Vormarsch; sehr kompakt beschreiben sie Wege, Begleitfaktoren, Probleme, die damit einhergehen, wenn Unternehmen demokratische Organisationsformen einführen.

Während ansonsten der Geruhsamkeit deutschen Korporationsdenkens wenig mehr entquillt, als Heere von sprachlichen -ung-Geheuern, geharnischt mit unpersönlichen “Es muss…”-Konstruktionen, während sich jedem Handlungsimpuls also Worthülsen entgegenwerfen und nahelegen: Demokratisieren in Unternehmen ist für die Beschäftigten zu schwer, man muss es dem Management überlassen, setzt sich Shoshana Zuboff von der Harvard Business School konkret mit dem “Modell Uber” auseinander, mit Individualisierung versus “Massen-Bewirtschaftung” und bescheinigt Europa eine Chance, mit “digital disruption” besser zurande zu kommen als amerikanische Wettbewerber – wenn es deren einseitige Profitorientierung vermeidet. Armin Steuernagel bestätigt sie darin mit einem Streiflicht über Geschichte und Rechtsformen von Arbeit und Eigentum.

Das Interessanteste am Buch aber sind zweifellos die Praxis-Beispiele: Berichte aus Unternehmen, die unterschiedliche Wege zur Demokratisierung bereits gehen. Eines davon ist Haufe-Umantis. Es scheint, dass sich der Haufe-Verlag hier eigener Reformprozesse erinnert: Anfang der 2000er Jahre hatte sie der damalige Geschäftsführer Uwe Renald Müller („Machtwechsel im Management“, Haufe 1997, Global Business Book Awards Winner 1997) angestoßen.

Auch Andreas Zeuch führt Haufe-Umantis als Beispiel beachtenswerter neuer Formen in der demokratischen Unternehmensführung an, aber er nutzt andere Erzählformen. Nicht die Insider reflektieren bei ihm eigene Transformationen, Zeuch lässt seinen theoretischen Überlegungen aus dem ersten Teil des Buches – “Provokation” – im zweiten, “Inspiration”, Reportagen und Interviews mit Verantwortlichen folgen. Wer ihn kennt, schätzt seine Eloquenz, er ist ein anregender Gesprächspartner und Autor (“Feel it! – So viel Intuition verträgt Ihr Unternehmen”), und ich persönlich mag seine von Wissen und Erfahrungen befestigte, gleichwohl deutlich subjektive Sicht. Er engagiert sich seit Jahren in “Change”-Prozessen: als Ideengeber, Teilnehmer, Berater und Beobachter, ihn interessiert auch das Scheitern solcher Prozesse – dafür gibt es ein lehrhaftes Exempel – und er hat immer gesellschaftliche Entwicklungen im Auge: Wie kann die Arbeitswelt zur Werkstatt und zum Handlungsort für demokratisches Verhalten werden? Sinnkopplung am Arbeitsplatz könnte den Einzelnen ermutigen, ertüchtigen und erfahren lassen, wie individuelle Möglichkeiten und Gemeinwohl aneinander, miteinander wachsen können.

Teil 3 des Buches – “Aktion” befasst sich mit Haltungen zum Wandel und Instrumenten dafür. Zeuch stellt klar, dass Demokratisierung nur “top down” UND “bottom up” funktionieren kann, dass Bereitschaft zum Rollenwechsel und Konfliktfähigkeit unverzichtbar sind – also geeignete Formen der Kommunikation, letztlich eine Kultur, die Fehler, Missverständnisse, Krisen als Lernprozesse versteht. Dass eine solche Kultur völlig neue Beziehungen innerhalb der Arbeitswelt ermöglicht, individuelle Freiräume schafft und dennoch jederzeit effizienter ist als angst- und kontrollgesteuerte Strukturen und Taktgeber, erörtert auch das dritte Buch:

presse-983Im  bescheidenen Gewand einer Broschüre mit nicht mehr als ein paar Strichmännchen zur grafischen Beigabe und unter Verzicht auf Insider-Terminologie, auf Schlagworte wie “Redundanz”, “Resilienz”, “Prokrastinieren” und anderes, kommen Stefan Fouriers Vorschläge daher, wie sich arbeitende Menschen – egal ob Männer oder Frauen, egal ob an der Basis oder “an der Spitze” – eigener Konflikte, Ängste, Belastungen inne werden und sie meistern können. Mich irritierte zunächst der Titel, denn “schlau” changiert zwischen “intelligent”, “klug”, “listig” und “abgefeimt”. Fouriers Überlegungen – sie gehen darin über „Ratgeberliteratur” hinaus – zielen eher aufs Gescheit werden. Sie sind vor allem ausgegoren: Auf sympathische Weise gesteht der Autor von Anfang an, wie er selbst in die “Perfektionismusfalle” getappt ist, ehe er gescheit wurde; wenn er über wachsenden Leistungsdruck und Komplexität spricht, tut er es aus Erfahrung heraus und gut verständlich. Mir fiel Erich Kästners Wort über Frau Lehmann ein, die so viel liebenswerter und unbeschwerter durchs Leben ginge, versuchte sie nur, statt perfekt die perfekte Frau Lehmann zu sein. So komplex die Welt ist, so komplex ist Jede und Jeder – Vereinfachungen führen nicht weiter, verbünden wir uns lieber mit Komplexität.

Allerdings sind Menschen seit je auf vereinfachende Weltbilder fixiert – seien sie von Priestern im Namen Gottes verkündigt, von Konzernchefs, Despoten oder Medien. Wollen Menschen überleben, wollen sie etwas gelten, müssen sich ihre Selbstbilder möglichst perfekt solchen vom sozialen Umfeld akzeptierten Modellen der Wirklichkeit anverwandeln – mit allen Rollenzuweisungen und Ritualen etwa in einer Konzernhierarchie, sei es bewusst oder unbewusst. Dass jeder von uns die Realität fortwährend miterschafft, dass er bei der Wahl seiner Rolle Freiheiten hat, dass er sie sogar erweitern und wechseln kann, indem er die Kräfte seines sozialen Umfelds zu erkennen, zu mobilisieren, zu nutzen, versteht – das ist eine demokratische Grundidee. Aus ihr resultieren Kommunikation, Lernprozesse, Kooperation – sie stehen in dynamischer Wechselbeziehung zu Konkurrenz, zu Missverständnissen, auch zum Scheitern. Stefan Fourier macht viele interessante Vorschläge zu wachem, offenem Umgang, zu besserer Selbstwahrnehmung, für mehr Freude und Erfolg in der Arbeit bei gleichzeitig schonendem Einsatz eigener Ressourcen. Ohne das Wort “Sinnkopplung” zu benutzen, sieht er in Sinn, Vertrauen, Offenheit, Verantwortung “soziosystemische Erfolgsfaktoren”.

Wenn er dazu empfiehlt, “persönliche Qualitäten für Chaosfitness” zu entwickeln – “Wach, mutig, schnell, diszipliniert, unerschütterlich”, sieht das für mich allerdings nach Actionkino aus. Das Rollenangebot und die persönlichen Stärken von Individuen sind viel reicher und überraschender. Mit von Platon abgeleiteten “Archetypen” – Führer, Macher, Mitmacher und Opponent – versucht Fourier Interaktionen in sozialen Systemen zu erklären, übersieht dabei aber z.B. die Ambivalenz der “Mitmacher”. Er sieht den “Macher”, der zum Kriegstreiber wird, aber nicht den “Mitmacher” im Lynchmob.

Dass ich Fouriers Buch mit Vergnügen gelesen habe, lag aber an solchen Gelegenheiten zum Einspruch weniger als an den vielen Anregungen, an der verständigen und verständlichen Sprache, mit der er sich in den Diskurs um die Arbeitswelt von morgen einbringt. Es will eben nicht perfekt sein. Vielleicht ist es schlau. Gescheit ist es allemal.

Stefan Fourier “Schlau statt perfekt” Verlag Business Village 2015, 204 Seiten, 19,80 €

Andreas Zeuch „Alle Macht für niemand“, Murmann Verlag 2015, 264 Seiten,     25 € 

Sattelberger/Welpe/Boes (Hrsg.) “Das demokratische Unternehmen” Haufe Verlag, 310 Seiten,

Schöne Einsamkeit

Fiddler_crabWas tut einer wie ich, abends spät noch vorm Rechner sitzend, müde vom Rauschen der für Quoten und Kommerz kanalisierten Informationen und Meinungen? Er sinnt über Zukünftiges nach, er ist froh, dass die Aufregungen, Empörungen, Begierden aufbrandender Medienwogen im geduldigen Sand des Alltags verebben. Ihrer Wucht widerstehen ununterscheidbare Sandkörner, denen jederzeit egal ist, was ihnen geschieht, wohin es sie treibt: Die Energie der Wellen erschöpft sich in folgenlosen Umsortierungen, Strand bleibt Strand. Mindestens Erdbeben, Tsunamis, Vulkanausbrüche müssen geschehen, um Küstenlinien zu ändern – in Zeitspannen, die wir uns vorstellen können, geschieht so etwas kaum.

Deutschlands Küsten sind flach, die Naturgewalten verschonen seine Bewohner glücklicherweise.

Hier stutzt der schläfrige Blogger: Ausgerechnet das Staatsvolk eines von solchen Katastrophen nicht bedrohten Landes hat sein Glück, seine wissenschaftliche und technische Potenz, seine vielfältige und reiche Kultur, den ausgemachten Wohlstand der Mehrheit innerhalb eines Jahrhunderts zweimal vollkommen ruiniert für ein paar Hundert Kilometer mehr an Küstenlinie, hat sich obendrein den Ruf diktaturtauglicher Mitläufer erworben. Dieses Volk durfte sich bestenfalls darüber freuen, als Weltmeister technischer und sportlicher Präzision geachtet zu werden, es wird mittlerweile gelobt, weil es das Schwenken von Fahnen nicht mehr zwanghaft mit militärischem Größenwahn verbindet, sondern darin fast so selbstverständlich Leistungen Einzelner vergesellschaftet, wie’s Amerikaner, Russen oder Chinesen tun. Dieses Volk ist befriedet, sogar bewundert. Aber ist es damit zufrieden?

Wäre es so, wäre es nur eine andere Form von Katastrophe. Es wäre jene Sorte Selbstzufriedenheit, die ein untergegangenes Staatswesen namens DDR mit Beton und brutalen Strafen gegen Nestbeschmutzer aufrechterhielt: mit einer Strategie zum Tod. Die Deutschen haben gelernt, dass über ihr Schicksal in Moskau, Washington, New York, Singapur, Peking entschieden wird, in globalen Konzernzentralen, auch in Afrika, Israel oder Afghanistan – jedenfalls nicht in Berlin oder Brüssel. Die Medien umspülen uns mit dieser Sorte Gewissheiten.

Haben wir nicht dennoch die Wahl, ob wir uns wie Sandkörner verhalten wollen, oder doch mal schauen, was die Natur sonst noch an intelligenten Strategien erfand?

Unter Sandkörnern überleben in der Brandung die merkwürdigsten Wesen.

Königs-Spiele

Das folgende Gedicht ist nicht aus aktuellem Anlass entstanden. Gaddafi ist nicht der erste, gewiss auch nicht der letzte Narr mit Ambitionen und einer zahllosen Gefolgschaft, die nach seinem Tod nahezu unsichtbar wird. Sein Nachlass ist einschüchternd: freigesetzte Waffenarsenale für neue Massenmorde

Die Kaiser starben und die Könige sind

Nur Marionetten auf globaler Bühne.

Die Generäle kämpfen in den Wüsten

Im Hochgebirge herrschen die Tyrannen

Von Erdgas’, Koks oder Petroleums Gnaden

Und Stammesfürsten schürfen aus den Minen

Was Weltmarkt ihnen lässt für ihre Konkubinen.

Der neue Mensch nach Marx und Mao schafft

Sich einen neuen Herrn und er erkennt

Darin sich selbst. Und fürchtet sich gar sehr

Vor all den alten, bösen Potentaten

Die aus der Menschen Knochen, Blut und Schweiß

Sich Pyramiden schufen. Jeder weiß

Inzwischen, dass die Greueltaten

Der alten Zeit – nur etwas umverteilt

Dem neuen Menschen heut den Wohlstand schaffen.

Er liefert der Gewalt die stärksten Waffen

Gern zahlt er dann für des Gewissens Ruh

Gebühren für medialen Weihrauch zu.