Alle Jahre wieder…

Alle Jahre wieder…

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„Rilkes Blick, Rilkes Gesichter“ im März 2016

Annegret und Bernd Müller (Gesang, Gitarre) und Achim Quellmalz (Klarinette) gestalten inzwischen gemeinsam mit mir unsere Literaturabende im Atlantic Parkhotel in Baden-Baden. Seit 2013 unterhalten wir Gäste und Besucher des Hauses auch am Nachmittag des 24.12.; mit Geschichten und Liedern stimmen wir auf den Heiligen Abend ein. Es begann 2013 mit “Nussknacker und Mausekönig“ von E.T.A. Hoffmann 2014  folgte „Weihnachtsschmuck: Friede – Freude – Eierkuchen?“, ein unterhaltsamer Dialog zwischen Bruder und Schwester, die sich ihrer Kindheit in den 50er Jahren erinnern. Lachend über schräge Episoden aus Zeiten des Mangels fragen sich die Geschwister: Könnten wir uns heute noch so von der Weihnacht verzaubern lassen? Was ist geblieben vom Entzücken, von der Stimmung jener Jahre, als tradiertes Ritual und kleinste Geschenke die Augen leuchten ließen?

Hotelgästen und Hotelleitung gefiel das so gut, dass sie sich einen alljährlichen „Weihnachtskaffee“ im Kaminzimmer wünschen. 2015 amüsierten sie sich über „Die Weihnachtshasserin“. Eine Probe dazu habe ich  als Video auf YouTube hochgeladen. Das Programm für 2016 wird hier noch nicht verraten.

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November

IMG_20151101_135739_1Allerseelentag. Die letzten Farben verschwimmen im Nebel. Zeit fürs Erinnern: "Was man besaß, weiß man, wenn man’s verlor… und der November trägt den Trauerflor." Sagt Erich Kästner, und "Wer noch nicht starb, dem steht es noch bevor." Das verstehe ich als ironische Aufforderung, die gezählten Tage zu nutzen.

Auf dem Friedhof blüht unterdessen das Leben: Rosen und Chrysanthemen leuchten, Amseln spektakeln, ein Zaunkönig verspeist genüsslich ein Insekt. Übergänge von Schönheit und Schmerz, Leben und Tod – fern aller "Dringlichkeiten". Ich denke an “Selige Sehnsucht”, Goethe schrieb das, als er in meinem Alter war, 1815, und an die “Marienbader Elegie” acht Jahre später – darin er, der Greis, von einer verzweifelten Liebe zu einer 18jährigen Abschied nimmt. Für die einen letzter, persönlichster Höhepunkt seiner Lyrik, für de anderen “aufgeplustertes hohles Stroh” und “ekelhafte Wichtigthuerei” (Otto Erich Hartleben). Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie die Genderbewegten beiderlei Geschlechts das heute kommentieren.

 

Goethes Elegien

Den Schmerz lass ein. Er sagt: „Du lebst noch, Alter“,

Sagt, „lass mich ruhig an deiner Seite sein

ich bin für die gezählten Tage dein Verwalter

wenn ich dich stör, betäube mich mit Wein.

 

Es sei ein Bündnis gegen’s frühe Sterben,

gegen den Wunsch zu gehen vor der Zeit.

Ich mache Dich zum letzten Flug bereit

Wie den am Kerzenlicht verbrannten Falter.“

 

Lass ein den Schmerz, lass Dir den Becher reichen

Der ein für alle mal erprobt dein Sehnen

Hältst Du nicht stand, welkst Du dahin mit jenen

Die greinend sich aus trübem Dasein schleichen.

 

Du musst ihn wollen, diesen Weg ins Helle

Der ohne Leiden nicht zu finden ist

Lass ein den Schmerz, verstrichen ist die Frist

Mach einmal noch aus Qualen eine Quelle.

 

Fühl, wie die Träume eggen deinen Leib

Die Haut aufs Blut zu schinden sei dir Zeitvertreib

Streu Würze des Verzichts ins bloße Fleisch

Ertrag noch stumm am Pranger das Gekreisch

Ein letztes, engstes Band von dir zum Weib

Hüll dich in letzter Worte dunklen Sinn

Dann wirst du still. Dann nimmt der Schmerz dich hin.

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Alters Freuden

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Bild und Gedicht entstanden im Sommer 2012 am Bodensee. Da das Wetter gerade ordentlich kontrastiert, manches Mediengegacker auch, fand ich’s passend

Insektengleich such ich die letzten Strahlen

das Haar erbleicht, die Brillengläser dick

der Biss, verstärkt durch künstliche Gebilde

darf mühsam kaum den Pfeifenstengel halten:

Ich glaube, ich gehör jetzt zu den Alten.

 

Den Apfelsaft verbessre ich mit Gin

und freue mich, werd ich nicht drum gescholten

die Welt, die wir total verändern wollten.

Ich nehme sie normalerweise hin.

 

Trotzdem wüsst ich so gern noch manches besser

und freute mich am Wunder der Vernunft

stattdessen freu ich mich, muss ich nicht unters Messer

und meide gern die Apothekerzunft.

 

Ich freue mich an meiner Menschenferne

am Lauf des Mondes und am Sternenlicht

Börsen und Fußball int’ressiern mich nicht

doch hübsche junge Frauen seh ich gerne.

Dann freu ich mich, dass ich – der Balz enthoben –

mich ihnen in die Wäsche mogeln kann:

Ein Faun aus Spinnweb, ein vernetzter Mann

gedankenschnell in ihre Lust verwoben

freu mich, dass meine Phantasie nicht altern kann.