Kostbare Entfernung

2014-04-26 19.49.38Während ich am Roman “Narbenpuppe” arbeite (erfreulicherweise wird auch das zugehörige Weblog vom Deutschen Literaturarchiv Marbach dokumentiert), werde ich wie ’s unverschämtem Vorsatz geziemt “Der menschliche Kosmos” aktualisieren. Der Anfang von Kapitel 6 ist seit heute online; was dort zu Themen wie “Hate Speech” oder “Fake News” schon 2006 erörtert wurde, bedarf eher geringfügiger Ergänzungen. Dass Gerüchte, Wahnvorstellungen und Propaganda im Zusammenleben von Menschen immer wieder die Wahrnehmung dominieren und den Sinn (vielleicht sollte ich lieber “die Sinne” sagen) für die Realität zur Kapitulation zwingen, ist wahrhaftig nichts Neues. Mundpropaganda taugte für “Fake News” ebenso wie Tontafeln, Inkunabeln, die Erfindung Gutenbergs, noch besser, schneller, massenhafter die von Radio und Fernsehen. Das Internet erfüllt dagegen die von Bertolt Brecht schon in den 30er Jahren erwünschte Vision der Interaktivität: Empfänger von Informationen haben einen Rückkanal. Wir erleben, dass manche Politiker und Journalisten so etwas nicht aushalten. Mir egal.

Mit fortschreitendem Alter stellt sich mir immer dringlicher die Frage, wofür einer seine Energien einsetzen will, von welchen Arbeitsfeldern er sich besser zurückzieht, weil Aufwand – also knapper, kostbarer werdende Lebenszeit – und Nutzen – also der Gewinn an Zufriedenheit, zu dem wohl auch das Einkommen beiträgt – nicht mehr in vernünftigem Verhältnis stehen.

Im Journalismus war mein erwartbarer Gewinn an Zufriedenheit schließlich ebenso dramatisch geschrumpft wie meine Möglichkeiten, unerfreulichen Entwicklungen auf diesem Arbeitsfeld zu wehren. Die Situation war – insbesondere was das Fernsehen anlangt – jener zu vergleichen, in der ich mich seit Anfang der 80er Jahre in der DäDäÄrr befand: Mit unvertretbarem Kraftaufwand versuchte ich damals, quadratzentimeterweise auf Theaterbühnen Handlungsfreiheiten zu behaupten. Das erwies sich als sinnlos, weil immer genügend Bereitwillige verfügbar waren, mich zu verdrängen, meine Positionen zu besetzen. Der Staat konnte meine jederzeitige Ersetzbarkeit zur Erpressung nutzen, er versuchte, mich in den Mainstream des Gehorsams zu zwingen. Ich gab nicht nach, ich stieg aus. Die Nachfolger machten Karriere – einige besonders Stromlinienförmige auch nach dem Zusammenbruch der DäDäÄrr im vereinigten Deutschland; nicht nur sie verdarben mir die Lust, jemals wieder an Stadttheatern zu inszenieren. Mit wachsender Hochachtung für die oppositionellen Autoren, Regisseure, Schauspieler, Bühnenbildner und anderen mutigen Mitarbeiter der Theater in totalitären Staaten wuchs meine Enfernung zu den Salonrevoluzzern des Westens. Ähnliches hat Liao Yiwu in China erlebt. Das Radiofeature über ihn und seinen Roman „Für ein Lied und hundert Lieder“ zeigt, wie nahe sich der aus China und der aus der DäDäÄrr „entfernte“ sind.

Ersetzbarkeit ist das Mittel der Erpressung in allen Sozialsystemen – das war keine gänzlich neue Einsicht meiner Tätigkeit als Journalist in den vergangenen zwanzig Jahren. Diese Einsicht, ihre sozialen Hintergründe, ihre Konsequenzen flossen in mein erstes Buch „Der menschliche Kosmos“ ein: 2006 begann mit seinem Erscheinen mein Ausstieg aus dem Fernsehen. Es hat wirkliche Höhepunkte, Erfolge gegeben, die dem Funktionieren demokratischer Strukturen und dem Auftrag öffentlich-rechtlicher Anstalten alle Ehre machten.

Die Entwicklung aber macht aus Journalisten zunehmend Erfüllungsgehilfen. Quotenvermutungen bestimmen fast ausschließlich, welche Themen ins Programm kommen; statt journalistisch distanzierter Haltung beim Berichten und womöglich quer stehender eigener Meinung beim Kommentieren richten sich Stellungnahmen an minder qualifizierten Prominenten oder politisch korrekten Experten aus. Es ist egal, ob die vermeintlichen Gewissheiten von heute sich morgen als Unsinn erweisen: Hauptsache schnellstens auf der „richtigen“ Seite dabei sein, Hauptsache Quote. Und “Hauptsache Follower” ist der Ausdruck kollektivistischer Herdenimpulse in den Social Media, führt zu “Filterblasen”, die nichts anderes sind als Tribalismus, wie er sich in den Ritualen etwa der Fußballfans manifestiert. Dass die Journaille gerade hier fast ausnahmslos unkritisch ihr Geschäft macht, sagt alles.

Für mich wurde es höchste Zeit, mich aus diesem Geschäft zu verabschieden, nur noch das zu tun, was mit meiner Haltung vereinbar ist: So wenig wie der staatlich verordneten Monokultur im Osten werde ich der auf Konformismus zielenden Monokultur des Mainstreams zuarbeiten. Es gibt Wichtigeres – sogar Wichtigeres als Geld.

Die unsichtbaren Führer

Erwin_Schrödinger[2]Das ist Erwin Schrödinger, ein brillanter Autor und Physiker.

Verhältnismäßig wenige Menschen kennen ihn, noch weniger verstehen seine Quantentheorie. Sie hat gleichwohl und dank der Arbeit zahlloser Wissenschaftler und Ingenieure mit und ohne Namen unser Leben völlig umgekrempelt – für die meisten unsichtbar. Die digitale Welt von heute basiert auf Erkenntnissen der Quantenphysik und der Relativitätstheorie von Albert Einstein, gewaltige Lebensleistungen von vielen anderen skalierten sie zum Menschheitspotential wie einst die Physik Newtons und die Dampfmaschine James Watts.

Schaut einer darauf, welche Macht digitale Medien heute im Alltag haben, wird er über die Kluft stolpern. die sich zwischen dem Wissen, der Erfahrung und der Weltsicht eines Erwin Schrödinger und den Wahnideen von Quoten und Umfragen auftut, die sich heute für Wissenschaft ausgeben. Massenhaft laufen Menschen, den Blick starr aufs Smartphone gerichtet, Botschaften nach, deren Macher nicht einmal versucht haben, physikalische Essentials des Mikro- und Makrokosmos, geschweige des Universums zu verstehen. „Urknall“ ist für sie nicht mehr und nicht weniger als ein gut zu bebilderndes Feuerwerk mit einigem Geräusch. Sofern sie nicht der Quote dient, entledigen sich solche Medien der Wissenschaft und ihrer aufklärerischen Bestimmung, sie wird zum Etikett. Ihre Erkenntnisse dürfen – “heruntergebrochen” auf beliebig mangelhafte Wahrnehmung – von jedem Deppen in Dienst genommen werden. Jeder Depp fühlt sich folglich auf der Höhe der ihm vom fürsorglichen Redakteur übereigneten Wissenschaftlichkeit, noch wenn er im Supermarkt seine Karotten kauft.

Nein, ich rede hier nicht von den Dominanzbotschaften religiösen Wahns, denen noch die Kernwaffe zum Instrument ihrer heiligen Bessermenschlichkeit wird: Alle andern dürfen ausgerottet werden, ehe sie sowieso in der Hölle landen, das Paradies gehört den Glaubenskriegern. Ich rede nur vom Halbwissen einer Journaille, die “Erkenntnisse” nur dann aufsucht und publiziert, wenn sie zu ihrem Brötchengeber passen. Sie geht mit Konflikten dieser Welt lässig um, solange es keine Tarifkonflikte sind. Sie brandmarkt Übeltäter umso schonungsloser, je weiter sie davon entfernt sind, karriereschädlich zu wirken.

Solche Leute zeigen mit Fingern auf Trump, ihren eigenen Anteil an der Verblödung von Wählern blenden sie gewohnheitsmäßig aus: Sie werden dafür bezahlt. Der Donald im White House wird vermutlich dem Donald des Wahlkampfes so ähnlich sehen, wie der am Zaun des Kanzleramts rüttelnde Gerhard dem Agenda-2010- und Northstream-Profiteur. „Im engen Kreis verenget sich der Sinn, es wächst der Mensch an seinen größeren Zwecken.“ – meinte Schiller, und so wurden aus Kommunisten Nazis, aus der Physikerin Merkel die Totengräberin der deutschen Kernforschung, aus allen möglichen vermeintlichen Rettern und Retterinnen der Nation, der Umwelt, der Menschenrechte, der Frauen, Minderheiten, sonstwie Benachteiligten, kurz: den Weltverbesserern aller Rassen, Religionen und Ideologien normalerweise ziemlich erfolgreiche und mächtige Profiteure oder die Opfer der nächsten Wahnideen. Ja, es gibt Ausnahmen. Die meisten machten einfach ihre Arbeit, manche wurden dadurch sogar berühmt, obwohl sie keine Anpasser waren.

Vom Glück des Alterns

img_20160902_154703Müsste ich mich morgen aus dem Leben verabschieden, täte ich ’s mit einem Gefühl tiefer Dankbarkeit. Es war köstlich, Mühe und Arbeit waren erwünscht, die Liebste, die Freunde, die Wege durch Kunst und Wissenschaft, begleitet von sehr verschiedenen Menschen – Persönlichkeiten – beglückendes und erfüllendes Sich-Begegnen, konfliktreiches Geschehen: Fluss, Sturz und Rausch. So konnte ich meine Bücher schreiben, meine Filme und Radiofeatures machen. Wer immer mich kritisch begleitete, mich zu Veränderungen zwang, weil er gute Argumente hatte, mir die Leviten las, war ein Helfer zum Glück.

Das Altern sagt – auf andere Art als äußere Umstände nicht nur in früheren Jahren: Erkenne deine Grenzen. Die äußeren Umstände sind indessen – heute so wenig wie damals – nicht das Wichtigste. Mag sein, dass deine einstigen Hoffnungen nicht die der Jungen sind – so wenig wie die Hoffnungen deiner Eltern die deinen waren. Und das bedeutet: Halte deine Augen offen fürs Wesentliche. Falls doch einmal ein Kind oder ein heranwachsender, naturgemäß krisenanfälliger Mensch mit dem ganzen gewaltigen Gebirge der Zukunft vor Augen dich fragen sollte: Du kannst, musst ihn nicht von eigenen Fehlern abhalten, aber Hinweise auf Rettungsanker und verlässliche Wegweiser kannst du geben.

Ist es nicht eine wunderbare Aussicht, für solche Fälle aus Bücherregalen und Mediatheken schöpfen zu können, die ihren Wert im eigenen Erleben bewährt haben, einem Erleben, das von sich sagen kann: Ich möchte – auch und gerade wegen der Bauchlandungen – mit niemandem tauschen?

Weil der Etatismus marschiert…

…und über dem Geräusch der rinkslechten oder lechtsrinken Empörungsmaschinerie das Verständnis von Gemeinsinn und Demokratie langsam unhörbar wird, stelle ich einen weiteren Abschnitt aus “Der menschliche Kosmos” online. Manche Gedanken (das Buch erschien 2006) werden inzwischen von Jüngeren aufgegriffen und weitergeführt. Kritik allseits erwünscht – Meinungsfreiheit wird zu einem umso kostbareren Gut, je lauter das Pöbeln der Fanatiker auf Straßen und in digitalen Räumen dröhnt.
Linke“ oder sonstwie „kapitalismuskritisch“ Bewegte mit ihrem unerschütterlichen Sinn für soziale Gerechtigkeit wandeln gern auf bequemem Sport- oder Outdoor-Schuhwerk (egal ob Marke oder nicht: fast alles kommt aus Billiglohnländern) zu amtlich genehmigten, völlig gefahrlosen Demonstrationen gegen „die Globalisierung“. Von dort führt sie der Weg an die Imbissbude; sie verzehren billige Lebensmittel und trinken Coca-Cola. Wenn sie Pech haben, stecken in Würsten und Frikadellen große Anteile verdorbenen Fleisches. Die Lebensmittelbehörde kann nicht überall sein; auch für den fleischverarbeitenden Betrieb ist Geiz geil und wer sich an Regeln hält, blöd.
Abends sehen sich die Kämpfer für soziale Gerechtigkeit selbst mit ihren Fahnen und Spruchbändern im Fernsehen und sind sehr zufrieden. Anschließend dürfen sie sich über die billigen rumänischen Arbeitskräfte in Wurstfabriken und den neuesten Lebensmittelskandal ereifern und schreien nach härteren Regeln und Strafen. Sie fordern noch mehr behördliche Aufsicht und Schutz der einheimischen An-Gestell-ten vor ausländischem Lohndumping. Das hindert sie natürlich keineswegs, das Panier gegen zuviel staatliche Überwachung zu schwenken. Rühren lassen sie sich gern von „investigativen“ Geschichten über deutsche Kinder, die in Ostberliner Plattenbauten „unter der Armutsgrenze“ leben. Erschüttert blicken sie in eine 80-Quadratmeter-Wohnung, wo nichts als Couchgarnituren, Betten, Fernseher, Waschmaschine, Kühlschrank, etliche Spielsachen und sonstige Segnungen der Konsumgesellschaft von schreiendem Elend künden und eine sichtlich hingebungsvoll dem Bacchus huldigende Mutter mit der Zigarette in der Hand erklärt, sie müsse halt ihre fünf Kinder zur kirchlichen Suppenküche schicken, weil am Monatsende einfach kein Geld fürs Essen da sei. Bücher sind in dem „Elendsquartier“ nicht zu sehen.
Es ist in all den von Sozialkitsch strotzenden Mitleidsfilmchen und -artikelchen auch nie von der eigentlichen Armut die Rede, unter der die Kinder leiden: von der geistigen und emotionalen Armut einer Gesellschaft, die Vermögen nur in Geld, Glück nur in den Lebensumstand fasst „Arbeit zu haben“, was eigentlich meint: an-gestellt zu sein. Die Wortwahl aber ver-stellt die Verhältnisse: Im Englischen ist die saufende Mutter, die offensichtlich wenig davon hält, ihre Zeit mit Arbeit am sozialen Vermögen ihrer Kinder zu füllen, „un-employed“, also „nicht angestellt“. Im Deutschen ist sie arbeitslos. Was für ein Unglück, und was für ein schlagendes Argument zugunsten der Fürsorgeindustrie!
Wir kommen hier dem ganzen Wahn der „sozialen Sicherungssysteme“ auf die Schliche. Wer oder was soll wogegen gesichert werden? Menschen gegen Hunger und Durst, Kälte, Krankheit, soziale Isolation. Sehr einsichtig. Aber Angst vor derart elementaren Bedrohungen muss hierzulande kaum noch jemand haben. Sollen Menschen auch dagegen versichert werden, für sich und andere Menschen Verantwortung übernehmen zu müssen? Darauf läuft es hinaus. Die Stärke der Gemeinschaft zugunsten der Schwachen einzusetzen – das war das Ziel der sozialen Korporationen; sie nahmen dabei nur die natürliche Strategie von Schwärmen und Herden auf. Aber deren Ein-stellung auf mechanische Denk- und Organisationsstrukturen, wo jeder „Störung“ mit dem Hebelzug an korporativen Machinstrumenten oder nötigenfalls dem Einbau weiterer Hebel und Zahnräder begegnet wird, hat monströse Gestelle heranwachsen lassen: Kranken-, Renten-, Arbeitslosen-, Lebens-, Unfall-, Rechtsschutz-, Haftpflicht-, Hausrat-, Glasschutz-, Feuer- und zahllose weitere Versicherungen, die ihrerseits gegen Risiken rückversichert sind.
Der Hauptzweck, Menschen gegen unkalkulierbare Lebensrisiken zu schützen, ist gegenüber der Selbsterhaltung oder gar dem Gewinnstreben dieser Unternehmen längst zur Nebensache geworden. Die Versicherungsnehmer üben ihre Art „sozialer Gerechtigkeit“: Ein kleiner privater Zugewinn nebenbei durch einen Versicherungsbetrug zu Lasten der anderen Prämienzahler wird von vielen ohne Gewissensbisse „organisiert“. Und wer sich versichert, tut’s nicht gegen Naturkatastrophen, sondern hauptsächlich gegen andere Menschen. Die Rechtsschutzversicherungen boomen. Was die Kassen der Assekuranzen zum Klingen bringt, ist vor allem die Angst, auf Hilfen anderer Menschen angewiesen zu sein. Das mächtige Gestell soll stattdessen alle Probleme lösen.
Dank dieser universellen Versicherungsstrategie ist die Gesellschaft inzwischen vor allem durch Angst gesteuert: Rund um die Uhr leiern die Medien ihre Gefährdungslitanei, „the German Angst“ hat lächerliche Berühmtheit. Unsere Nachbarn wissen immer noch nicht genau, ob sie über uns lachen oder uns fürchten sollen.
Zögert überhaupt noch jemand, seinen Besitzstand, egal welcher Form, zu sichern, indem er jedes nur irgend verfügbare korporative Instrument nutzt? Ob es um die Karriere in Politik, Behörde oder Großunternehmen geht oder um nachbarschaftliche Beziehungen – wer kann, setzt seine Ziele mittels korporativer Macht durch. Wer sich von Partymusik gestört fühlt, klingelt nicht beim Nachbarn, er ruft die Polizei. Die vom Ehemann betrogene Schauspielerin mobilisiert die Presse, um ihr höchst privates Leiden in den Rang einer gesellschaftlichen Katastrophe zu erheben.
Gut in Erinnerung ist der öffentlich-rechtliche Talkmaster mit der Lizenz zum Denunzieren. Er bezahlte Drogen und Prostituierte mit Geldern aus Gebühren, den Zuschauern abgefordert für die von der Verfassung vorgesehene „kulturelle Grundversorgung“. Die Gebühreneintreiber und -verwalter schreiben weiterhin vor, womit versorgt wird und lassen es sich von einer an-Gestellten Medienforschung bestätigen, die natürlich ebenfalls von Gebührengeldern lebt. Mit diesem Segen durfte sich der amoralische Großdenunziator im Fernsehen unverfroren als Megamoralist präsentieren – er brachte Quote. Seine Lebensgefährtin, gut bekannt für Quoten im „Schmuddel-TV“, ließ er auch gleich mit einem gut dotierten Sendeplatz versorgen. Und der Oberhäuptling der Anstalt finanzierte sich aus Gebühren eine ganz sicher kulturvolle Geburtstagsfeier im Luxushotel. Fast zur selben Zeit deckte ein „investigatives“ Magazin des Senders „schonungslos“ auf, wie Personalräte die Macht ihres Autokonzerns zu Lustreisen nutzten.
Unfälle? Zufälle?

Der Riss durch die Welt

IMG_20160928_192453Darf, soll sich einer nicht zerrissen fühlen, wenn er die Schönheit der Welt erschaut, hört, mit allen Sinnen sich ihr zeitlebens geöffnet hat, andererseits immer wieder der Massaker gewahr wird, der unbelehrbaren Hassgesänge in den Medien, des Gekreischs der nach Aufmerksamkeit gierenden Sozialmechaniker, die mit ihren kausalen Kurzschlüssen alles erklären zu können meinen, kurz: Aller erdenklichen Hässlichkeit jenseits allen Maßes und ohne Aussicht auf Besinnung, ohne Einlenken mit dem Blick darauf, wie viel Schönheit ihre fanatisch auf eigene Dominanz fixierte Wahrnehmung fortwährend, in jedem Augenblick, unwiederbringlich zerstört? Es wird ihn zerreißen. Und er wird resignierend feststellen, dass hier Naturgesetze geradesogut für das Geschehen verantwortlich zu machen sind wie eine undurchschaubare göttliche Weisheit.

Aber ich werde nie akzeptieren, dass irgendwer für sich beanspruchen darf, göttlicher oder “wissenschaftlicher” Sendung zu folgen (im Falle der “wissenschaftlichen Weltanschauung” des Marxismus-Leninismus-Maoismus handelt es sich zwar um Ersatzreligion, aber solche Unterschiede werden von ihren Anhängern beharrlich ignoriert), die just seine Weltsicht als Ausweis religiöser, politischer oder wirtschaftlicher Vormacht unangreifbar macht und ihm erlaubt, andere zu dominieren.

Die vermeintliche zeitliche Abfolge von Gesellschaftsformen erweist sich als fortdauerndes Nebeneinander. Sie sind alle da: Die Rudelführer, Kriegsherren, Sklavenhalter und –händler, Cäsaren und ihre Statthalter, Propheten aller Art nebst Mitläufern, Zaren, Kaiser, Revoluzzer und Umstürzler, Dorftyrannen, Stammesfürsten samt Harem, Menschenfresser, Bombenwerfer, Blockwarte und Lagerverwalter – und Heerscharen von Nutznießern, Weißwäschern, Denunzianten – Männlein und Weiblein – haschen nach ihrem Anteil am beseligenden Gefühl der Zugehörigkeit, nach dem Schutz der Herde und ihrem Moment der Teilhabe an Gewalt Macht Lust.

Sie sammeln sich auch um passende Gegenspieler. Gern maskiert sich der Wunsch nach Umsturz als Opferpose; passiv-aggressiv verharrt, wer zur Ohnmacht verurteilt ist, im Destruktiven, wird heimlich zum Gegenspieler – zur Gegenspielerin – der Mächtigen, bis sie in unvermeidliche Krisen geraten, dann läuft er den neuen Herren zu. Dabei sortieren sich die Herrinnen gern im Hintergrund: In Jahrhunderttausenden haben sie gelernt, mit Verhältnissen umzugehen, die Männern Heldenposen gestatten, ihnen und der Nachkommenschaft ein gedeihliches Auskommen im Windschatten. Natürlich kennt die Neuzeit den Prinzgemahl. Aber egal wie “queer” sich Geschlechter-Verhältnisse gestalten mögen: Die überkommenen menschlichen Handlungsimpulse aller Epochen prägen sie. Neid, Hab- und Machtgier, Eifersucht, Missgunst, Argwohn, Feigheit, Rachsucht. Die entgegengesetzten freilich auch: Liebe, Hilfsbereitschaft, Aufgeschlossenheit…

Das Schöne bleibt – so gern jeder Politkitsch es in plastinierter Form dienstbar machen möchte – ein Gemeingut, das sich nur die Ärmsten der Armen für Geld abkaufen lassen.

Ade effbee!

Wohnort, Heimat, Zuflucht

Wohnort, Heimat, Zuflucht

Fraglos war’s eine wichtige Erfahrung, fraglos waren unter den fb-Kontakten, etwas hochtrabend Freunde geheißen, wirklich interessante, kluge, poetische, witzige Menschen mit lesenswerten Texten und ansehnlichen Fotos, aber nach sieben Jahren (wie die Zeit vergeht!) kann ich dem „Sozialen Netzwerk“ nur noch wenig abgewinnen, es frisst andererseits unverhältnismäßig viel Zeit, betrachte ich auch nur das rasche „Drüberscrollen“ bei Banalitäten, Pöbeleien, Panikmache, -zigfach Geteiltem, Werbung, … .
Drum habe ich meinen fb-Account heute stillgelegt. Wer wirklich an meinen Gedanken, Reflexionen, Pointen, Fotos interessiert ist, findet meinen Weblog – und kann den direkten Meinungsaustausch suchen, dafür gibt’s obendrein die „Literatur“-Community bei google+, twittern werde ich auch bisweilen.

Viel besser gefällt mir der persönliche Umgang mit Freunden: Er ist unersetzlich, es kann einer gar nicht genug Zeit darauf verwenden, Freundschaften zu pflegen, die den Namen verdienen, noch dazu, da seine Lebensspanne erkennbar gegen Null geht. In diesem Sinn: Willkommen hier oder bei meinen Veranstaltungen etwa im „Atlantic Parkhotel“ in Baden-Baden. Die nächste wird am 14. Oktober sein und hat den Titel „Keine Angst vor netten Leuten“. Satirische Texte von Tucholsky bis heute stehen auf dem Programm. 

Hausgötter, Epigonen, Trittbrettfahrer – und Autoren

DSCN4415“Literatur stimmt die Saiten, auf denen das Leben spielt.” Meinen Wechsel von der Naturwissenschaft ans Theater fasste ich mit 25 in diesen Satz. In der Physik, Schauspielregie, in vielen Jahren Praxis als Autor für Öffentlich-Rechtliche Medien, beim Schreiben von Büchern und Publikationen im Web: Mein Leben lang hat mich dieser Satz begleitet. Und so sehe ich es immer noch, nachdem meine “Erwerbsbiographie” mit dem Erreichen des “Renteneintrittsalters” abgeschlossen ist. Wenn ich zurückblicke, war dieses selten unterlassene “Stimmen” Anfang und unverzichtbare Voraussetzung für viele wundersame Konzerte, fürs Zusammenspiel mit den liebenswertesten Menschen, die sich einer wünschen kann – und wenn ich versäumte, auf sie zu hören, kassierte ich bittere Niederlagen.

Dieses Geschehen durfte ich literarisch verdauen, verdichten: Dankbar empfange ich Zuspruch vom Verleger, von Rezensenten, von meinem Publikum bei Versuchen, Texte spielerisch und im Dialog mit Zuhörern leben zu lassen. Natürlich hatte ich Lehrmeister, nenne sie meine literarischen Hausgötter und verzichte aufs Herunterbeten der langen Liste von der Antike bis zur Gegenwart. Ihnen allen ist nur eines gemeinsam: Ihre unverwechselbare Qualität. Dass sie über die Jahrhunderte hinweg, bisweilen auch in Emergenz, eine enorme Leserschaft gewannen, spricht dafür, aber es ist nicht diese Quantität, mit der sie mein Herz eroberten und weshalb ihre Texte für mich lebenserhaltend waren. Tatsächlich konnte ich sie im Konzert des Lebens immer hören, auch dann, vor allem dann, wenn ich selbst falsche Töne produzierte.

Seit einigen Jahren habe ich meiner Neugier, Leidenschaft und Wertschätzung für Literatur das Bemühen hinzugefügt, auf interessante Texte aufmerksam zu machen. Rezensionen im Programm von SWR 2, im eigenen und freundschaftlich verbundenen Weblogs sollen nicht nur jüngeren, sondern auch zu Unrecht vergessenen Autoren Leser zuführen. Dabei leiste ich mir in einem auf womöglich skandalträchtige Vermarktung ausgerichteten Literaturbetrieb einen eisernen Grundsatz: Keine Verrisse! Es ist viel von Aufmerksamkeitsökonomie die Rede – und wieso sollte ich meine und die Zeit von Lesern an schlechte Texte verschwenden, während andere, wenig beachtet und nicht von Agenturen und Großverlagen “gepushte” Talente unbeachtet bleiben? Keine Verrisse – und sei der Autor noch so prominent und die verlegerische Kampagne noch so aufwendig finanziert. Das ist freilich eine Haltung, die in Redaktionen etablierter Medien wenig Resonanz findet, sie sind auf Quoten – und Skandal macht Quote – fixiert wie die Verlage aufs Verkaufen. Mir, dem alten Mann, kann das egal sein. Ich darf nach den Begabungen suchen, die nicht in die Schemata von Quote und Auflagenhöhe passen. Allerdings verpflichten mich meine literarischen Hausgötter auf einige Fragen an die Autorinnen und Autoren:

”Was erwartet ihr von mir als Leser? Bewunderung? Mitgefühl? Empörung? Konsens? Schlüpfrigen Voyeurismus, gern beim Inszenieren von Gewalt – Macht – Lust?” Dafür bin ich nicht zu haben. Ich orientiere mich an Qualitäten der Großen, nicht der Massentauglichen (Quote). Anfang des 19.Jahrhunderts hießen sie Kotzebue, Raupach, Clauren, Birch-Pfeiffer, Anfang des 20. Courths-Mahler, Eugenie Marlitt, Rudolf Herzog… Nichts gegen “Trivialliteratur”: Die Lektüre lohnt sich allein deshalb, weil einer lernen kann, welchen Mustern Verkäuflichkeit folgt, auch, welche Literatur sich von Diktaturen und Herdenimpulsen in Dienst nehmen lässt. Genau dazu taugen meine literarischen Hausgötter gewiss nicht. Mit ihnen werde ich auch meine letzten Lebensjahre höchst vergnüglich zubringen. Ganz sicher werde ich keine Zeit an Verrisse von Epigonen, schlimmer: Trittbrettfahrern, verschwenden, die sich etwa von einem Emile Zola oder George Simenon den moralischen Anstrich für ihren bequemen Sozialkitsch borgen oder von H. G. Wells, Orwell oder Stanislaw Lem die Faszination der SciFi. Ich ignoriere Autoren, deren Blick starr auf die “Tatort”-Verfilmbarkeit oder sonst irgendeine Vermaktungschance – möglichst in Serie – gerichtet ist. Viel Erfolg, Leute, aber dafür ist mir meine Zeit zu schade.