Gemeinwohl oder Populismus?

Hierarchien funktionieren. Auch noch fürs Gemeinwohl der Zukunft?

Hierarchien funktionieren. Auch noch fürs Gemeinwohl der Zukunft?

Ein florierendes Gemeinwesen – das durfte ich zu meinem Glück nach der Flucht aus dem „real existierenden Sozialismus“ erfahren – offenbart sich nicht in Reden von Politikern, auf Parteitagen oder bei öffentlich zelebrierten Jubelfeiern. Es verhält sich damit vielmehr wie mit der Gesundheit: So lange sie intakt ist, wird sie kaum wahrgenommen. Ihr Wert, ihre Bedeutung offenbart sich erst dann, wenn Bedrohungen, Störungen, Verletzungen nicht mehr zu ignorieren sind. Von einem gewissen Punkt an – da nichts mehr zu beschönigen und zu beschwichtigen ist, Schmerzen das Denken okkupieren, Fieber ausbricht, der attackierte Organismus die Abwehr mobilisiert, alles andere zweitrangig wird, von diesem Moment der Qual an wird Realität anders wahrgenommen. Es ist der Moment der Wahrheit. Die singulär harte und scharfe Kante des Ereignishorizonts bricht jede Lüge. In unserer Zeit wachsender Konflikte heißt das: Ein Gemeinwesen ist in Not, wenn Grundfunktionen gefährdet sind, etwa diese:

  • Menschen dürfen frei und ohne Furcht vor Verfolgung durch den Staat oder andere Korporationen ihre Meinung äußern, sich versammeln, Parteien und Unternehmen gründen, ihren Beruf und ihre Religion ausüben etc., so lange sie sich auf dem Boden einer verfassungsmäßigen Ordnung bewegen, die den Namen verdient. Die „Verfassung der DDR“ (eigentlich waren es drei) verdiente ihn nicht, sie schuf der Willkür der SED-Diktatur freie Bahn. Zum Wesen dieser totalitären Ordnung gehörten auch Medien, die sich weitgehend der Parteilinie anpassten.
  • Eltern erziehen ihre Kinder zu selbständigen, verantwortungsbewussten, hilfsbereiten und rücksichtsvollen Persönlichkeiten, nicht zu „Anspruchsberechtigten“.
  • Im Zusammenleben mit Nachbarn kann sich gegenseitiges Vertrauen entwickeln. Der Haustürschlüssel kann stecken bleiben. Auch wenn alle unterschiedliche Interessen und widerstreitende Meinungen haben: Konflikte lassen sich viel besser von den Beteiligten selbst ohne juristische Mühewaltung lösen. Polizei und Justiz müssen nur ausnahmsweise eingreifen.
  • Jede und jeder kann sich ohne Zwang fürs Gemeinwesen engagieren – sei ’s in einem Verein, in einer Partei oder durch ein Ehrenamt, ohne dass dadurch Privilegien begründet würden. Solidarische Hilfe wird allen Bedürftigen zuteil, auch wenn sie sich selbst nicht engagierten: Vorbilder wirken meist besser als Strafen.
  • Kollektive und Korporationen – egal ob staatlich, religiös, sonstwie ideologisch oder wirtschaftlich ausgerichtet – können elementare Menschenrechte Einzelner nicht aushebeln, davor schützt das Recht.

Wenn demgegenüber der Wunsch nach mehr Staatsgewalt, mehr Regeln und Einschränkung individueller Rechte hochfiebert, ist das nicht die Stunde der „Populisten“, sondern die der Politbürokraten. Ihnen liegt nicht am Gemeinwohl, sie gieren nach Macht, die ihnen der Zugriff auf Positionen im Staat verschafft. Sie versprechen Verunsicherten Sicherheit durch mehr Kontrolle, sie nehmen ihnen die Verantwortung ab – in einem System der organisierten Verantwortungslosigkeit haben sie die Hände an den Hebeln. Und wenn Krisen, Kriege, Katastrophen ein Land, einen Kontinent ruinieren dann werden sie unsichtbar im luxuriösen Exil oder hinter Pappkameraden aus der zweiten Reihe.

Das sagt die historische Erfahrung. Und wer sie ignoriert, ist verurteilt, den nächsten Untergang zu erleben. Er kann dann seine Ignoranz mit Ausreden entschuldigen – wie Uropa seine Stimme für die NSDAP, Opa die für die SED und Papa die für…

Suchen sie sich was Passendes aus. Es passt fast alles auf Politbürokratie.

 

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“Es geht seinen Gang” – ein Buch der Deutschen

Vorlage_HC_rund.inddDer meisterhafte Roman von Erich Loest hat mich – noch aus dem Abstand von 40 Jahren – aufgewühlt. Wie in einem Druckkessel verdichtet er Lebensverhältnisse Mitte der 70er Jahre in Leipzig zu beklemmenden Bildern und Szenenfolgen. Sein Ich-Erzähler Wolfgang Wülff, eher ein Anti-Held, ist Ingenieur in einem “Volkseigenen Betrieb” (VEB) mit den zu jener Zeit überall in der DDR-Mangelwirtschaft üblichen Problemen. Er ist fast genau mein Jahrgang, 1949 geboren, verheiratet, lebt mit Frau und vierjährigem Töchterchen in einem Plattenbau im Leipziger “Oktoberviertel”. Zur Einheitswohnung haben sie den Einheitstrabbi, und dieses Leben ist ziemlich genau, was mir seinerzeit als Alptraum erschien. Nicht dass es mir an Respekt vor den “Werktätigen” gemangelt hätte: Allein die Aussicht, mich als funktionierendes, gar parteitreues Rädchen ins Gestell zu fügen, passte weder zu meinem Wissensdurst und Freiheitsdrang noch zu meiner Lebensgier. Zu meinen Freunden und Bekannten gehörten freilich Ingenieure wie dieser Wolfgang: Hilfsbereite, humorvolle, familienorientierte Männer. Impulse jugendlichen Aufbegehrens hatten sich oft – wie bei Wülff – nach Konflikten mit der Staatsgewalt zu hartnäckigen Traumata verknotet, aber ich bin den “gelernten DDR-Bürgern” niemals so nahe gekommen wie Erich Loest, wenn er Wülff erzählen lässt. Kein Wunder, dass das Buch trotz Behinderungen durch die Zensur im Osten ein Renner war.

Wülffs allzu normales Leben erscheint darin wie mit dem Retro-Virus der Verweigerung infiziert: Der 26jährige möchte gern in Ruhe gelassen werden, nicht aufsteigen in der sozialistischen Wirtschaftshierarchie, nicht zu den “Bestimmern” gehören. Er kümmert sich lieber um sein Töchterchen, seine Mutter, die kriselnde Ehe von Freunden. Seine geliebte Frau Jutta legt diesen Mangel an Ehrgeiz als Trägheit aus, und als er wegen Beleidigung eines Kaders vor Gericht landet, bestraft wird, weil er dessen sadistische Erziehungsversuche in einer Schwimmhalle “faschistisch” nennt, ist es um die Ehe geschehen.

Wie Loest Wülffs inneren Aufruhr in Sprache verwandelt, ihn allein in der Einsamkeit an einem Mecklenburger See, beim Hören einer Sinfonie Bruckners im Gewandhaus auf seiner Seelenwanderung begleitet, das holt dieses “Rädchen” im sozialistischen Getriebe endgültig aus der Anonymität. Am Ende verliebt er sich – in eine Alleinerziehende. Das ist kein Happyend, aber einer jener Hoffnungsfunken des Jahres 1977, die das Ende der DDR vorwegnahmen. Der Staat wurde seinen Bürgern längst nicht mehr gerecht, Rudolf Bahro hatte es im selben Jahr gnadenlos analysiert, die DDR war schon fast bankrott. Mir bleibt nur zu wünschen, Erich Loests Mühen um die deutsche Einheit würde auch künftighin dadurch belohnt, dass viele diesen Roman lesen. Die ihn gelesen haben, werden kaum zulassen, dass es in Deutschland noch einmal seinen – sozialistischen – Gang geht.

Erich Loest
Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene
Roman, Mitteldeutscher Verlag, 294 S., geb.
ISBN 978-3-86152-021-4

Rauch ohne Moral

Als Kind beeindruckte mich mein Großonkel Walter schwer, weil er aus seiner Zigarre – meistens waren das ziemlich übelriechende Stumpen – mit nur einem einzigen Zug ein Dutzend sehr wohlgeformte Kringel produzieren konnte. Sein zu einem “O” geformter, schmallippiger Mund entließ Serien makelloser hellgrauer Ringe in den Raum, meine Schwester und ich staunten, der alte Mann genoss die Show. Sie findet heute noch unter jungen Leuten Bewunderer, das Internet ist voller Bilder, Videos, Anleitungen, wie’s geht. Die Shisha wird ebenso gern eingesetzt wie die E-Zigarette, dagegen sind klassische Tabakpfeife und Zigarren in dieser Generation nicht angesagt: Die Welt des Rauchens hat sich in 50 Jahren sehr gewandelt.

IMMO_1967Rahmen

Auf der Wartburg 1967

Damals kaufte ich mir meine erste Pfeife. Ich bin dieser Form des Tabakkonsums treu geblieben, die Stasi vermerkte in meiner Akte alsbald, dass ich mir derart wohl ein besonderes Ansehen geben wolle, wie auch durchs Tragen vor allem schwarzer Kleidung westlicher Herkunft. Wie so etwas ausgehen kann, ist in einem kurzen Film zu sehen.

Tragen kann einer hier und heute was er will. Rauchen wird von der Politbürokratie bekämpft, obwohl die Tabaksteuer immer noch ihren Wohlstand mitfinanziert. In den Printmedien, auf den Fernsehschirmen – namentlich öffentlich-rechtlichen – wagt es kaum mehr jemand, sich im Stile von Helmut Schmidt oder Ludwig Erhard zu präsentieren. Ein später Sieg nichtrauchender Vorbilder wie John D. Rockefeller, Adolf Hitler, Nelson Mandela und der Dalai Lama. Individuellen Lebensstil über genussvolle Tabak-Kultur in Form exzellenter Zigarren, kunstvoll aus Holz oder Meerschaum gefertigter Pfeifen zu pflegen: So etwas machen nur alte weiße Männer oder spleenige Selbstdarsteller beiderlei Geschlechts. Noch lässt es der Tugendfuror bei diesem Blick über die Schulter bewenden. Und ich werde’s halten wie meine Mutter, eine Raucherin vom Kaliber Helmut Schmidt, mit dem sie auch die Initialen teilt.

Kringel um Kringel rauch‘ ich mich ans SterbenWIN_20170216_16_43_22_cut
Dem Grabe näher bringt mich jedes Glas.
So tu ich Gutes allen meinen Erben
Wer schneller stirbt, der gönnt auch anderen was.

Der Tabakvorrat reicht, die Bar voll Flaschen
Solange mir kein Arzt den Spaß verdirbt
Das letzte Hemd hat schließlich keine Taschen;
Sei ‘s drum, dass Lust mir Höllenqual erwirbt.

Sei ‘s drum, dass üble Krankheitsherde glimmen
Dass der Gevatter seine Sense wetzt
Wer lustvoll lebt, lacht jedenfalls zuletzt;
Es gilt am Ende: Die Bilanz muss stimmen.

Die letzte Wahrheit lass ich gern den Moralisten
Mein Leben wird sie – wie meine Tod – ent-Rüsten.

Abschiedswunsch zum Ewigkeits-Sonntag

IMG_20151101_140019_1Am letzten Sonntag des November – Erich Kästner lässt ihn im zugehörigen Monatsgedicht den Trauerflor tragen – gedenken wir der Verstorbenen und des Todes. Je älter ich werde, desto dankbarer bin ich für das Glück meiner Lebensjahre, für die liebsten Menschen, die Freunde, die Lehrer, die Hilfsbereiten. Hilfe kam nicht selten in Form von Konflikten. Ich musste mich entscheiden, Bauchlandungen waren unvermeidlich, ich durfte mich, um einiges klüger, aufrappeln. Die Häme derjenigen, die ihr Motto „Mir nützt, was anderen schadet“ nicht verhehlten, motivierte eher als sie mich demütigen konnte – Schadenfreude ist ein ebenso einseitiges wie kurzes Vergnügen. Trotzdem finden ganze Berufszweige gutes Auskommen, wenn sie die Leute damit beliefern: Sie ist ein Sozialritual wie die Jagd nach Sündenböcken, so etwas verkauft sich auf dem Medienmarkt immer.

Derlei Gedanken kommen beim Gang über den Friedhof, wo zwar Laubbläser und andere technische Hilfsmittel die Totenruhe wieder an den Achtstundentag anpassen, seitab der gärtnerischen Mühewaltungen aber das Leben in schönster Vielfalt triumphiert: Amsel, Drossel, Fink und Star, Rotkehlchen, Grasmücken, Meisen aller Art, Specht und Zaunkönig lassen von sich hören, Bäume und Blüten feiern ihre Jahreszeiten, mitten in lärmverschmutzten Großstädten darf sich das Herz der Stille öffnen. Dann wird daraus vielleicht ein

Abschiedswunsch

Das Jahr meines Todes sei sonnensatt.
Mögen Menschen trinken in vollen Zügen
Vom Licht, von der Lust, vom schieren Vergnügen
Vom duftenden Wald und der Kühle im Watt.
Wenn abends die Fische nach Süden fliegen
Wenn Frösche und Eulen die Sterne anbeten
Eltern beim Tanz ihre Kinder vertreten
Wenn Wein die Regie nimmt und Fleisch den Verstand
Wenn du mich liebst mit dem Rücken zur Wand
Wenn alle Monde sich uns vermählen
Wenn wir endlich am Ende sind mit dem Erzählen
Erlöst uns, versprich ’s mir, der letzte Kuss
Sei mein Universum, eine Welt ohne Muss
Du, meine Liebe, bist ohnegleichen
Das Jahr die Sekunde: ich muss dich erreichen.

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Wettlauf der Killer

20170518_BalkonLebenslang musste sich mein Körper mit Gästen beschäftigen. Auch mit sich selbst, und er hat das wunderbar gemacht. Ich darf sagen, dass ich ein Mordsglück mit ihm hatte, ihn mag und gern noch viele vergnügte Jahre mit ihm zubringen möchte. Nicht alle Gäste waren willkommen, manche hatten allzu eigennützige und besitzergreifende Absichten, dann mussten Arzt und Apotheker helfen, die lästigen Besucher loszuwerden. Niemals wird sich feststellen lassen, ob solche gewaltsamen Hinauswürfe – für zahllose Viren, Bakterien, Pilze endeten sie tödlich – nicht auch Schrammen im Organismus hinterließen, die langfristig meine Lebenszeit verkürzen, aber sei’s drum: Auch ohne Arznei war mein Körper in dieser Richtung allzeit wehrhaft, er erwarb Resistenzen, das Immunsystem hat eine Menge Probleme weggeschafft. Es hat weitgehend unbemerkt sogar Krebszellen entsorgt, viele, viele Jahre lang: Ein enormer Berg Arbeit, zahllose Lernprozesse, und jetzt, da das Leben sich immer mehr der Kategorie “Rest” zuordnen lassen muss, bin ich dafür aus tiefstem Herzen dankbar.

Mir ist klar, dass der treue alte Bursche – die Geräusche von Schultern, Knien, Sprunggelenken, Wirbeln etc. legen den Ausdruck „Knacker“ nahe – es immer schwerer haben wird, nicht nur die Attacken aus dem Mikrokosmos abzuwehren, er wird auch wachsende Müllberge seines Stoffwechsels schlechter bewältigen, wird hinnehmen, wenn sich in der reichlich strapazierten Außenhülle beulenförmige Nichtsnutze einquartieren, wird in den Verdauungskanälen unerwünschte Stoffe schwerer beherrschen, wegen mürber Nervenbahnen später und weniger zuverlässig reagieren, kurz: Er wird schwächer werden, verletzbarer, während die Schmarotzer an Zahl und Diversität zunehmen. Ihnen ist egal, dass sein Tod fast immer auch den ihren zur Folge hat – sein Ende ist gewiss. Nur der genaue Zeitpunkt und der Name dessen, der den entscheidenden Treffer setzt, bleiben im Dunkel, es sei denn, Gerichtsmediziner sind gehalten, behufs gerichtlicher Auswertung einen Killer namhaft zu machen. Dann ist das Rennen aber längst gelaufen.

Hier nun stellt sich die Frage, ob ich in diesen voll entbrannten Wettlauf der Killer eingreifen sollte, und – wenn ja – wie. Ganz einfach werden Sie sagen, gehen Sie zu einem Arzt, lassen Sie sich gründlich checken, tun Sie etwas gegen erkannte Probleme und leben Sie fortan gesundheitsbewusster. Ein paar Dinge sprechen dagegen:

  • „Wer als gesund gilt, ist nur nicht genau genug untersucht“, hat irgendwann ein abgeklärter Weiser des Medizinbetriebs gesagt, und das trifft mit sehr, sehr hoher Wahrscheinlichkeit zu
  • Ärzte werden entweder reich, weil sie brillant sind – dann haben sie andere Patienten als ich es bin – oder reich,  weil sie nicht brillant, aber versiert im Umgang mit bürokratischen Verhältnissen und Geldmaschinen sind, dann könnte es sein, dass sie mich besonders genau untersuchen und manches behandlungsbedürftig finden, womit mein Körper ganz gut alleine zurechtkäme. Ich habe solche zum Glück kaum kennengelernt, aber es soll sie geben, anders ist das Wachstum von Kontrollmechanismen und der Gesundheitsbürokratie kaum erklärbar. Das Wort „Krebswachstum“ drängt sich auf. Ärzte schließlich, die brillant aber nicht reich sind, gelten als aussterbende Spezies. Ich verdanke ihnen viel, vor allem, weil sie erkannten, wann sie wirklich meinem Körper zu Hilfe kommen mussten. Sie haben ebenso wie die schlecht bezahlten Pflegeberufe ein Nachwuchsproblem.
  • Die Wissenschaft tappt bei einer auf die individuelle Biographie von Patienten zielenden Medizin noch weitgehend im Dunkeln, das ist kein Wunder, denn sie sprengt alle von der Bürokratie vorgegebenen Budgets. Wo sie es versucht – folgerichtig bei den größten Killern wie dem Krebs – werden Therapien schnell unbezahlbar. Nur sehr, sehr Reiche oder Mächtige dürfen also auf Heilung hoffen, wo Ärmere einfach sterben. Böse Kenner des Fürsorgestaates nennen das „sozialverträgliches Frühableben“.

Letzteres überlasse ich gern Leuten, die Anderen vorschreiben, wie sie gesundheitsverträglich zu leben haben, damit die Sozialkosten gedeckelt werden können. Ich kenne einige, die damit unerschütterliche Heilslehren für die Welt verbinden. In der Regel ist ihre eigene Versorgung mit ärztlichen Leistungen brillant. Ob ihre Lebensfreude größer ist als meine, sei dahingestellt – ich bin wieder bei meinem Körper und seiner Biographie voller Freuden und: Wunder!

Weniger ist es nicht, was in diesem Kosmos molekularen, mikrobiologischen, physiologischen, psychischen Geschehens im Laufe der Jahrzehnte ablief und jede Sekunde abläuft. Auf bis zu drei Kilogramm wird die Masse der Kleinstlebewesen veranschlagt, die unser Dasein jederzeit teilen. Und unter ihnen gibt es – wie überall sonst in der Welt – neben Fressen und gefressen Werden, neben Konkurrenz und Verdrängung auch Symbiosen, Lernprozesse, Anpassung und Integration. Helfen nicht manche Viren dem Immunsystem, neue Strategien zu entwickeln, ohne dass wir es merken? Vom Mikrokosmos genetischer und epigenetischer Dynamik ist so viel oder so wenig bekannt wie vom Universum. Der Wissenschaft gehen die Rätsel nicht aus, eher die Mittel. Zu beobachten ist, dass ihre Grenzen weniger vom Forscherdrang als von Geldmaschinen und Bürokratie gesetzt werden.

Die Lust am Spiel ist nicht gealtert

Seltsamerweise beunruhigt mich das umso weniger, je älter ich werde. Ich habe meinem wundertätigen Körper viel Auslauf gegeben, lustvoll drauflos gelebt, und die Naturwissenschaften haben mich gelehrt, dass die auf Sicherheit programmierte Mechanik von Geldmaschinen und Bürokratie, Planwirtschaft und Heilslehren es verdienen, radikal in Frage gestellt zu werden. Wenn ich Grenzen überschritt, erwies sich das meist als großes Glück, jedenfalls als unschätzbare Erfahrung. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“, sagt Erich Kästner. Konflikte waren so unvermeidlich wie förderlich. Für den Rest meines Lebens werde ich also auf meinen Körper hören wie bisher, so wenig wie möglich Zeit in Wartezimmern, Krankenhäusern, Reha-Einrichtungen verbringen. Es sei denn, ich kann dort Menschen mit Literatur Vergnügen machen und sie ermutigen: Im Wettlauf mit den Killern, in der Beschränktheit des „Gesundheitswesens“.

 

Wissen wohin

Radern_(Variante_mit_Eisenstange)

Willst du wissen — willst du nicht
Wo entlang die Wege führen
Willst du nur nach vorne stieren
Mit dem Köder vorm Gesicht?

Ach, die Leute werden schneller
Werden wilder, werden mehr
Nach dem Gelde drängt das Heer
Schlägt für Gulden, feilscht um Heller.

Rechts und links von all den Zügen
Liegen Leichen deiner Träume
Die verbrannten Paradiese
Müllbedeckte Rückzugsräume.
Aus dem Abfall wuchern Lügen
Wie so schön die Wettbewerbe
Wie so fair die Leistungsdaten
Wie so kühn die Heldentaten.
Glück ist Gold. Du kannst dich fügen.

Oder lieber innehalten
Deine wunden Füße fragen:
Lohnt das Ziel, die Last zu tragen?
Zähle deine Kummerfalten
Und dann gib dich nicht geschlagen.

Der Affenkönig und die Kommunistin

Gelbflussgeister

Die Ausgabe des Greifenverlages aus den 50er Jahren

Eine Leseratte war ich zeitlebens. Natürlich haben sich die von der Großmutter vorgelesenen, erst recht die selbst verschlungenen Bücher besonders tief eingeprägt. Zu ihnen gehört “Die Geister des Gelben Flusses”, eine Sammlung chinesischer Märchen und Legenden. Der deutsche Sinologe Richard Wilhelm hatte sie 1914 bei Eugen Diederichs herausgegeben, eine gekürzte Lizenz-Ausgabe des Greifenverlags Rudolstadt bekam ich zu Weihnachten 1959 geschenkt. Namentlich die letzte Geschichte, “Der Affe Sun Wu Kung”, grub sich mir ins Gedächtnis und blieb dort, obwohl kurz danach der politische Bruch zwischen Maos China und Chruschtschows Sowjetunion die Kultur des Reiches der Mitte weitgehend aus Bibliotheken und Schulbüchern der DDR verbannte – keine Nachauflagen für “Die Geister des Gelben Flusses”. Daran konnte auch das Nachwort der treuen Kommunistin Klara Blum (chinesisch 朱白兰) nichts ändern, die mit Zitaten Maos und eines damaligen Vizekulturministers die uralten Texte von der Schlacke feudalen Aberglaubens reinigen und dem “jahrtausendelangen revolutionären Traum des Volkes, den es schließlich aus eigener Kraft verwirklicht hat” zuschlagen möchte. Sie lobt Richard Wilhelm als Übersetzer, wirft ihm zugleich vor, in patriarchalischer und bürgerlicher Begrenztheit nicht zu erkennen, dass Sun Wu Kung “die Verkörperung der unterdrückten Klassen in der Ming-Zeit” sei. Die Marxistin fordert im Fahrwasser von Mao und seinen Apparatschiks die Deutungshoheit über das “kulturelle Erbe”. Ihre Erfahrungen in Stalins Russland, wo ihr chinesischer Ehemann sein Leben 1943 in einem Lager verloren hat, erschüttern diesen Glauben nicht.

Die Ironie der Geschichte will, dass Mao und seine “Roten Garden” – von ihrer Mission besonders begeisterte jugendliche Kommunisten – während der “Kulturrevolution” fast die gesamte klassische chinesische Literatur – die westliche Kultur sowieso – buchstäblich vernichten wollten. Zehn Jahre lang, von 1966 bis 1976, rotteten sie alles aus, was nicht zum Bild der einzig wahren Volksherrschaft nach vollendetem Klassenkampf und zu deren vollkommener Harmonie passen mochte. Menschen mit abweichender Meinung wurden denunziert, gedemütigt, in Gefängnisse und Arbeitslager deportiert, ermordet. Tempel, Museen und andere Kulturstätten verwüsteten die Revolutionäre, sie ruinierten das Bildungssystem, indem sie jegliche Wissenschaft, vor allem die Geschichte, an die Bedürfnisse Maos und seiner Gefolgschaft anpassten. Erst nach Maos Tod begann ein mühsamer und widersprüchlicher Weg der Rückbesinnung auf die chinesische Tradition. Der Affe Sun Wu Kung allerdings hatte überlebt, wurde sehr schnell wieder zum Volkshelden; zahllose Filme, Spiele, Kitschprodukte bezeugen seine Unsterblichkeit.

JadekaiserWeihnachten 1959 fesselten mich, den damals Neunjährigen, all die Märchen aus China: Götter und Göttinnen, Dämonen und Gespenster, Flussgeister, Drachen, Hexen und Zauberer verwoben sich darin zwischen Traum und Wirklichkeit so selbstverständlich mit lebendigen Menschen, wie ich es aus Märchen der Gebrüder Grimm und vielen anderen kannte: In Großmut, Liebe und Niedertracht. Ich bestaunte Holzschnitte, die mir im Vergleich zu den Aquarellen meiner Mutter nüchtern, gleichwohl exotisch und geheimnisvoll erschienen. Es gab einen Jadekaiser als Herrn des Himmels, eine Göttin der Barmherzigkeit, einen “göttlichen Landmann” – und alle diese Figuren konkurrierten nicht mit meinem kindlichen Glauben an christliche Verhältnisse von Heiligkeit. Sie waren anders, sehr fern, wohingegen die irdischen Verhältnisse – Neid, Habgier, Zwietracht, Eitelkeit, Herrschsucht, Gewalttätigkeit, Heuchelei, Feigheit… in Konkurrenz zu (auch von meiner Großmutter beschworener) Hilfsbereitschaft, Redlichkeit, Mut, Aufrichtigkeit, Geduld, Höflichkeit… – sich offenbar im fernen China seit alten Zeiten nicht anders gestalteten als in Suhl, einer Bezirkshauptstadt des Arbeiter- und Bauernstaates DDR. Dort ging ich zur Schule und machte auf dem Pausenhof satirisch meiner Empörung über sozialistische Kulturvernichtung in der Volksrepublik Luft. Natürlich gab es Parallelen: Das 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 – auch als “Kahlschlag-Plenum” bezeichnet – hatte eine radikale, dogmatische Parteilinie für die gesamte künstlerische und wissenschaftliche Arbeit durchgesetzt. Das war auch im Unterricht deutlich spürbar.

Der 16jährige Pennäler erfand den “Genossen WU” (leicht als Initial des Spitzbarts an der Spitze zu erkennen), führte absurde Erlasse, blödsinnige Verbote und ideologische Flohknackereien vor. Unterm Gelächter und Applaus von Mitschülern fühlte er sich als Affenkönig Sun Wu Kung aus dem Märchenbuch, der den Himmelsherren herausfordert. Tatsächlich brachten ihm seine Heldentaten eine Einladung zur Schulleitung ein, es war nicht die letzte Strafmaßnahme hochmögender Tempelwächter des Sozialismus. 1989 erlaubten sie ihm schließlich “Die Reise nach Westen”, aber anders als der Sun Wu Kung im klassischen Chinesischen Roman der Ming-Zeit trat er sie nicht als Begleiter einer Delegation an, die weise Schriften des Buddha gen Osten holen sollte, auf dass verkommene Verhältnisse und ehrlos Regierende geläutert würden. Im Osten war Hopfen und Malz verloren. Das einzige was vom Reich der Moskauer Kommunisten und ihrer Statthalter in Ostberlin übrig blieb, war der Aberglaube, ihre Lehre brächte das Heil auf Erden. Meine Reise führte in den folgenden Jahren auch nach China, wo ich Vielfalt und Reichtum überkommener Kulturen bestaunte und verfilmte, zugleich die Schattenseiten der politischen Herrschaft daselbst erfuhr.

Guanyin_GeisterWelche Gottheit mich mit meiner chinesischen Lebensgefährtin zusammengeführt hat, ist bis heute zwischen uns umstritten. Shiqin behauptet, es sei Guanyin, die Göttin der Barmherzigkeit gewesen, ich würde auf Sun Wu Kung wetten. Zum einen demonstriert die Chinesin gern, dass sie mich jederzeit zum Narren halten kann, zum anderen ist sie im Jahr des Affen geboren, und schon als wir uns kennenlernten waren der alte Sun und seine Streiche Gesprächsthema. Wir sind seither einige Mal in China gewesen, haben viele dicke Bücher zusammen gelesen – vor allem zeitgenössische wie die des großartigen Liao Yiwu – aber auch Klassiker wie den “Traum der roten Kammer”.

Als kürzlich “Die Reise nach Westen” bei Reclam in einer vortreffliche Neuübersetzung der Schweizer Sinologin Eva Lüdi Kong erschien, waren wir hocherfreut. Der Wälzer von über 1300 Seiten unterhält uns seit Wochen, nicht nur wegen der drolligen Affengeschichten, über die wir uns schon als Kinder amüsierten, sondern wegen der vielen Querverbindungen zu chinesischer Kultur, Mythologie, Geschichte, die sich Dank der Kommentare und Anmerkungen von Eva Lüdi Kong verfolgen lassen. Wer Chinesisch lernt, kommt an diesem Klassiker kaum vorbei – und wird eine Menge Spaß haben, wenn er in Sun Wu Kungs Abenteuer, allerlei Konflikte von Göttern und Menschen und in die Lehren von Konfuzius, der Buddhisten und Daoisten eintaucht.

Mag sein, dass auch “Die Reise nach Westen“ Objekt von Kämpfen um die Deutungshoheit bleibt – zwischen Anhängern von Religionen und von Mao, Feministinnen, Genderbewegten, Fachwissenschaftlern. Sie alle werden – wie der Vizekulturminister – längst vergessen sein, wenn die alten Texte jedem, der sie zu lesen versteht, immer noch ihre Weisheit und ihren Humor offenbaren.