Politbürokraten, Meutenmut und Populismus

Porträtfoto von Immo Sennewald 1983

1983 in Ostberlin: Der Autor kurz vorm Berufsverbot

Was Vera Lengsfeld, Monika Maron, Henryk M. Broder, Uwe Tellkamp und anderen Unterzeichnern der „Erklärung 2018“ widerfährt, erinnert deutlich an die Spaltung der Kulturlandschaft in der DDR nach der Ausweisung Wolf Biermanns durch das SED-Regime. Die parteitreuen Medien entfesselten eine Hetzkampagne gegen alle, die sich dem Protest zugunsten Biermanns anschlossen. Zu besichtigen war der Meutenmut besinnungsloser Mitläufer ebenso wie die Infamie von „Kunst- und Kulturschaffenden“ die aus der Hetzkampagne Vorteile für ihre Karriere gewannen. Die Ausreisewelle prominenter Autoren wie Günter Kunert, Jurek Becker, Hans-Joachim Schädlich, von Stars wie Manfred Krug und Armin Müller-Stahl, von Musikern, Malern, Regisseuren ebbte bis zum Zusammenbruch des „Arbeiter-und-Bauern-Staates“ nicht ab. Sie war Signal und Triebkraft für das Scheitern des „real existierenden Sozialismus. Die Politbürokratie West scheint inzwischen denselben Weg gehen zu wollen.

Brecht hat einmal das Problem von Leuten beschrieben, die auf absterbenden Ästen sitzen: Sie können nichts anderes als Sägen erfinden. Abgesehen davon, dass die DDR schon 1977 wirtschaftlich und moralisch dem Bankrott entgegentrudelte: Ihre politische Führung – das „Politbüro des ZK der SED mit dem Generalsekretär Genossen Erich Honecker an der Spitze“ blendete die Realität mit Hilfe der linientreuen Presse und des Staatsrundfunks sowie zahlloser „Massenorganisationen“ fast vollständig aus. Ob „Freie Deutsche Jugend“ (FDJ), „Freier Deutscher Gewerkschaftsbund“ (FDGB), „Demokratischer Frauenbund Deutschlands“ (DFD), „Kulturbund“, „Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft“ (DSF), in deren mindestens einer fast jeder Erwachsene Zwangsmitglied wurde: Sie alle bekräftigten in normiertem SED-Jargon ergebenst, dass Biermann verdientermaßen ausgewiesen worden sei. Wochenlang füllten parteifromme Journalisten die Zeitungsspalten, die Kanäle des DDR-Fernsehens und Rundfunks mit solchen Bekenntnissen. Wer sich dem zu verschließen suchte, gar eine abweichende Meinung äußerte, kam am Arbeitsplatz, in Schulen oder Hochschulen unter Druck. Nur mit Glück entzogen sich manche – im „Raketenschirm“ habe ich eine solche Szene festgehalten.

In Kneipen, Cafés, Zugabteilen, Kleingärten, Familien und unter Freunden konnte jeder, dem die Informationen über den äußerst zahmen, fast unterwürfigen Protest der „Dissidenten“ einigermaßen vollständig vorlagen, sich ein eigenes Bild vom Geschehen machen. Es war keineswegs „die Stimme des Volkes“, die täglich landauf, landab über die Zeitungen der SED, der Blockparteien, der Massenorganisationen guthieß, was Honeckers Politbürokraten anrichteten. Der Riss zwischen der Wahrnehmung von Herrschenden und Beherrschten wurde immer tiefer. Natürlich schrieben das SED und Stasi sogleich der „ideologischen Diversion“ zu, die von den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten jenseits des „Antifaschistischen Schutzwalls“ betrieben werde. Es sollte sich bald zeigen, dass im Gegenteil die Kluft umso tiefer wurde, je mehr die Apparatschiks wirtschaftliche, politische und moralische Konflikte tabuisierten. Wer sie beschrieb, zur Diskussion und zu Reformen aufforderte, wurde schnell zum „feindlich-negativen Subjekt“, verdächtig der „politischen Untergrundtätigkeit“ (Stasi-Kürzel PUT), und riskierte die berufliche Existenz, gar die Inhaftierung.

Es ist bizarr, wenn heute ausgerechnet ARD und ZDF – seinerzeit einigermaßen glaubwürdige Quelle fürs zunehmend des Sozialismus überdrüssige Staatsvolk der DDR – einer selbsternannten „Antifa“ helfen, Schutzwälle gegen den „Populismus“ zu errichten – also gegen kritische Stimmen, die im Staatsvolk verbreitete, höchst brisante Fragen stellen. Die Kontrollstellen, die Autoren und Interviewpartner dort passieren müssen, sondern erbarmungslos alles aus, was „rechts“ ist. Wer Glück hat, geht als „umstritten“ durch, wer Pech hat, wird mit dem Stempel „Nazi“ versehen und ausgegrenzt. Der antipopulistische Schutzwall verweigert ohne Ansehen des Ranges auch ausländischen Wissenschaftlern, Künstlern – Politikern sowieso – den Zugang zum Reich der einzig reputierlichen Meinung, wenn sie einmal den Stempel „Rechtspopulist“ im Pass haben. Als hätten nicht dieselben Anstalten über Jahrzehnte – verstärkt durch das Aufkommen privater Sender und des Internets – mittels einer alle Programme dominierenden Quotenmechanik einem Populismus gehuldigt, der von „Medienforschern“ unter dem Schlagwort „Publikumsnähe“ durchgesetzt wurde. Gesendet wird, was gefällt, nicht was Fachjournalisten für mitteilungswürdig im Sinne des Grundgesetzes halten. So sehen die Programme aus. „Boulevardisierung“ und „Infantilisierung“ prägen die Vorabend- und Abendprogramme. Für Anspruchsvolleres bleiben Nachtstunden und Spartenkanäle. Zugleich wuchs bei der Anstaltsbürokratie die einigermaßen verwegene Überzeugung, im alleinigen Besitz des Wissens darüber zu sein, was „die Menschen da draußen“ verstehen, und wie man ihr Verständnis von der Welt – bei gleichzeitiger Versorgung mit Bundesliga, jeder Art sportlicher Mega-Events, Kriminalserien und -filmen, volkstümelnden und Talkshows – in Bahnen lenkt, die der politischen Stabilität dienen. Es ist ziemlich genau das Konzept, dem auch der DDR-Staatsfunk folgte. Allfälligen Ärger über das Agieren der Mächtigen durfte auch dort das Kabarett auffangen – redaktionell sorgsam betreut, versteht sich. Rechte Kabarettisten wollen „unsere Menschen“ nicht.

Gleichwohl schafften die Politbürokraten Ost es nie, den Zufluss unerwünschter Informationen über den erbärmlichen Zustand des Staatswesens gänzlich zu unterbinden. Das werden nicht einmal Putin und die Chinesischen Kommunisten schaffen. Jede Zensur, jedes NetzDG erschafft beim Volk, dem großen Lümmel, eine unstillbare Gier nach neuen, unkontrollierbaren Kanälen. Ja, es scheut sich nicht, „Fake News“ und „Hate Speech“ zu verbreiten, schon um die Mächtigen zu ärgern. Man könnte das als Folge gelungener Infantilisierung sehen. Um das Spiel offen zu halten, brechen Unterlegene (Kinder zumal) erfahrungsgemäß umso häufiger und drastischer die Regeln, je weniger sie noch zu verlieren haben. Daran lassen sie sich durch Zurufe wie „Loser“, „Pack“, „Abgehängte“ ebenso erfahrungsgemäß nicht hindern.

Politbürokraten in ihrer auf maximale Sicherheit programmierten, statistisch untermauerten Fixierung aufs Ziel des Machterhalts um jeden Preis (sie müssen ja nicht zahlen) verstehen das nicht. Gewohnt, Fehler möglichst niemals zuzugeben, bemerken sie am Ende nicht einmal den Übergang in den Verfolgungswahn. Sie können nur neue Stempel, Redeverbote und Schutzwälle erfinden, und sie rekrutieren und armieren fortwährend neue Hilfstruppen, gern aus dem Medien- und Hochschulprekariat, für den ideologischen Endsieg. Dank enger personeller Netzwerke insbesondere zu den Anstalten wachsen die Schutzwälle. Die ideologischen sind oft haltbarer als die aus Beton: Was der SED die Stasi und an der Innerdeutschen Grenze die SM-70 war, ist heutigen Propagandakräften das Netzwerkdurchsetzungsgesetz. Facebook, Twitter und andere „Soziale Netzwerke“ sollen dafür sorgen, dass sich digitale Grenzverletzer selbst liquidieren. Kein Bürokrat hat hier den Finger am Abzug, große Konzerne organisieren die Verantwortungslosigkeit für Sperren, gelöschte Profile und erstickte Meinungsäußerungen. Wenn diese Waffen gelegentlich nach hinten los gehen, trifft das nur als Kollateralschäden abrechenbare Hilfskräfte: Übereifrige Aktivisten der eigentlich guten Sache.

Es geht voran. Wer riskiert schon seine berufliche Existenz, seine Reputation als Autorin oder Kameramann, seine Reichweite als „Freier“, wenn er auf die ideologischen Grenzbefestigungen trifft, die das Scheitern von Politbürokraten und ihrer medialen Gefolgschaft etwa in der Flüchtlings-, Energie- oder Europapolitik ummauern?

Aber „Vorwärts immer, rückwärts nimmer!“ erwies sich schon für die Politbürokratie Ost als Strategie zum Absturz. Gerade im Reich der Ideen sind Vorstellungskraft und Vermehrung der „Grenzverletzer“ enorm. Das beginnt schon da, wo die Bezeichnung „Experte“ volkstümlich Schwätzer bedeutet, und „umstritten“ mutig. Ja, die politischen Witze aus dem Volksmund sind auch in „Sozialen Medien“ nicht selten unflätig. Gerade deshalb lohnt es sich, Peter Rühmkorfs Buch „Über das Volksvermögen“ nach fast 50 Jahren wieder zu lesen – eine brillante Verteidigungsschrift für das Recht auf freie Meinungsäußerung, wie es das Grundgesetz bestimmt.

 

 

 

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Nietzsche und die Folgen

NietzscheMeine liebsten Bücher waren allzeit diejenigen, die Lust und Neugier auf mehr Lektüre anfachten: Dieses gehört ab jetzt dazu, ich habe es begierig gelesen und wurde bestens unterhalten.

Andreas Urs Sommer ist ausgewiesener Nietzsche-Fachmann, seine Kenntnis der Werke und der Biographie ist umfassend, und er beweist mit seinem Buch, dass Nietzsches Idee von der “fröhlichen Wissenschaft” sich in zeitgemäße Literatur umsetzen lässt, er tut das sprachlich elegant, fern aller ideologischen Blähungen und akademischen Flohknackerei. Sowohl der erste Teil, der sich mit Nietzsches Werken und den biographischen Umständen ihres Entstehens befasst, als auch der zweite, in dem er die Wirkungsgeschichte bis heute anhand prägnanter Beispiele erzählt, sprengt von den Texten in 130 Jahren angelagerte politische Krusten und Verfälschungen ab: Die Tiefe und Vielseitigkeit Nietzsches, die Risse und Konflikte in seinem Leben werden anschaulich, auch etliche Anlässe zu späteren Missverständnissen.

Mir gefiel besonders, wie Sommer Eigenarten der Originaltexte herausarbeitet, wie dadurch etwa Nietzsches Suche nach einem eigenen Verständnis von Wissenschaft und Kunst für den Leser einsichtig wird. Dabei ist keine Spur von “Heldenverehrung” oder, wichtiger noch, keine Spur jener von Medien penetrant geübten, billigen Häme beim Attackieren vermeintlicher Denkmäler im Spiel. So wurde mein Vergnügen bei der Lektüre etwa von “Menschliches – Allzumenschliches” neu geweckt, meine Distanz zum “Zarathustra” mir selbst erklärlich, mein Interesse an “mehr Nietzsche” insgesamt bestärkt.

Weil Nietzsche immer wieder Perspektiven und Stil wechselte, entzieht er sich freilich „einfachen“ Deutungen, und weil andererseits fast jeder aus seinen Texten nur lesen kann, was ihm eigene Wahrnehmung und mehr oder weniger bewusste Impulsverstärker zu erkennen geben, treibt Nietzsche wie kaum ein anderer Philososoph eine konflikthafte Rezeptionsgeschichte hervor. Es macht Andreas Urs Sommer sichtlich Spaß, deren zahllose Kapriolen und Katastrophen zu verfolgen, sich Verklärer und Verteufler vorzuknöpfen, dabei verfolgt er zugleich die stimulierende, „katalytische“ Wirkung der Werke für Philosophie, Kunst und Literatur bis in unsere Zeit.

Die Fälschungen und Klitterungen der Nietzsche-Schwester Elisabeth, die den Kult um den schnauzbärtigen Philosophen begründete, sind zwar längst offenbart, gleichwohl nutzt auch manch heutige Zitatenschleuder unbeirrt die dort entstandenen Zerrbilder und Klischees. Nietzsche selbst verabscheute deutschen „Bierernst“, Moralinsäure und Nationalismus; es ist eine bittere Ironie, dass ausgerechnet er, der ins Äußerste gesteigerte Individualität vorlebte, von kollektivistischen Schreihälsen wie Mussolini und Hitler in Dienst genommen wurde. Insofern bereiten Sommers Analysen  kommunistischer und nationalsozialistischer Versuche, den Philosophen für die je eigene Propaganda zu instrumentalisieren besondere Genugtuung: Sie konnten ihn als Ideengeber sowenig zerstören wie seine geschworenen Feinde.

Schön kurzweilig lesen sich Geschichten über allerlei Parodistisches und Satirisches zum Thema, ebenso das „Was wäre wenn…“ eine der illustren Frauen (Lou von Salomé, Frau von Bachofen, Cosima von Bülow) sich den eher unattraktiven Mann erwählt hätte. Und das ist nur eine aus einem Schwarm von Fragen des Autors am Ende des Buches. Auf die letzte, in einer Nachbemerkung: „Falls sich Nietzsche doch lohnt, für wen und warum?“ versuche ich eine Antwort: Nicht für Leute, die ihn als zitierfähige Autorität im Kampf um moralische Deutungshoheit benutzen wollen. Politbürokraten und ihre mediale Gefolgschaft, Heilsverkünder und die Kollektive von Hanni und Nanni, Krethi und Plethi, Hinz und Kunz in der Maskerade von Bessermenschen werden ihre liebe Not haben, Nietzsches Werke noch einmal in politische Stempelkästen zu quetschen. Dazu sind sie einfach zu explosiv.

Andreas Urs Sommer “Nietzsche und die Folgen”, J.B. Metzler Verlag Stuttgart 2017, 208 Seiten, 16,95 €

 

 

Liz Taylor an der Köttelbecke

Sie wissen nicht, was eine Köttelbecke ist? Dann wissen Sie wenig über das Ruhrgebiet und seinen besonderen Charme. Keine Ahnung, ob Reste davon die nächsten Jahre, geschweige Jahrzehnte überleben werden. Sein Gesicht wird von Migrationsprozessen verändert wie nie zuvor – charmanter wird es kaum werden. Dabei waren die ineinander verklumpten Städte zwischen Dortmund und Duisburg schon im 19. Jahrhundert Schmelztiegel der Zuwanderung: Aus allen deutschen Kleinstaaten und Osteuropa, vor allem Polen strömten Arbeiter herbei. Im Kaiserreich wurde “der Pott” Schwungrad der wirtschaftlichen Prosperität, nach dem II. Weltkrieg Kernreaktor des Wirtschaftswunders. Die Schlote rauchten, Abraumhalden und Müllkippen wuchsen, Bäche und Flüsse erstickten am Unrat aus Siedlungen und Fabriken. Wegen der vom Bergbau verursachten Erdbewegungen konnten Abwässer nicht unterirdisch abgeführt werden, so transportierten zahllose offene Kanäle des “Emschersystems” – die sogenannten Köttelbecken – stinkende Fracht zum gleichnamigen Fluss, er wurde zum schmutzigsten Europas.

Boye Direkteinleitung von verschmutztem Wasser

Einleitung von Schmutzwasser in die Boye 2005 (Foto: Diplo in der Wikimedia CC 3.0)

Seit der Wert von Kohle und Stahl dahinschwand, kämpfte die inhomogene, raue, zähe, zunehmend multiethnische Bevölkerung des eigenartigen Konglomerats zwischen Rheinland und Westfalen erbittert darum, sich vom Sanierungsfall der Bonner Republik in eine Zukunftsregion zu wandeln. Schon Ende der achtziger Jahre konnte einer dort unter blauem Himmel zwischen ergrünenden Industriebrachen, renaturierten Gewässern, Denkmälern der Gründerzeit auf stillgelegten Bahnlinien radeln und daneben Beweise erfolgreicher Startups finden – ein Computerspiel aus Wattenscheid wurde in den 1999 epidemisch: die Jagd auf Moorhühner.

Damals begann auch das große Vorhaben der “Emschergenossenschaft”, aus Köttelbecken wieder muntere, lebendige Bäche zu machen. Unser Garten grenzte an einen der offenen Abwasserkanäle, ein Stacheldrahtzaun trennte das Grün von der Betonrinne. Wir pflanzten Knöterich, er überwucherte rasch das hässliche Markenzeichen des Ostberliner Sozialismus, ließ allerdings im Sommer, wenn wenig Wasser floss, manch übelriechenden Schwaden durch.

Emscher in Recklinghausen

Die Emscher bei Recklinghausen im Januar 2005 (Foto: Stahlkocher in der Wikimedia CC 3.0)

Unsere Nachbarn am anderen Ufer, ein Ehepaar von etwa sechzig Jahren, waren trotzdem fast immer in ihrem Gärtchen. Sie hatten sich sogar einen kleinen runden Pavillon mit grünen Fensterscheiben gebaut, obwohl es vom Liegestuhl nur ein paar Schritte ins Haus waren. Wir wunderten uns anfangs, wieso jemand sich in einem Gartenhaus grüne Gardinen vor die Fenster hängte, bis wir bemerkten, dass es weiße Stores hinter grünen Scheiben waren, die uns befremdeten, vermutlich ein Sonderangebot. Ebenso befremdlich erschien uns, dass im Pavillon, den aufzubauen einiges Geld und gute zwei Wochenenden handwerklicher Arbeit gekostet hatte, offensichtlich nur Gartenmöbel untergestellt wurden. Auch dieses Rätsel löste sich: der Pavillon beherbergte etwas viel Kostbareres. Dort stand – in Reichweite, nicht etwa in der eine Gehminute entfernten Küche – der Kühlschrank, und im Kühlschrank war das Bier.

Für unsere Nachbarn war wichtig, das Bier in der Nähe zu haben, weil sie sich fast immer stritten. Sie redeten ausdauernd aufeinander ein, und die wellenförmig aufbrandenden Gespräche gipfelten in Beleidigungen. Ein solcher Zyklus der Aufregung lief aber nicht synchron mit dem Leeren einer Bierflasche ab. Wir konnten zunächst nicht herausfinden, wer von beiden mehr und schneller trank, aber einerlei: es wäre anscheinend einem Koitus Interruptus gleichgekommen, hätten sie eine besonders heftige Attacke wegen einer leeren Flasche, also eines Ganges in die Küche, unterbrechen müssen. Tatsächlich war der Kühlschrank im Pavillon mit den grünen Fensterscheiben Teil eines ebenso detailliert wie unbewusst inszenierten und mit nicht nachlassender Energie aufgeführten Dramas. Die beiden quälten einander mit Hingabe, sie genossen im Gleichmaß Bier und Beschimpfungen (die Texte variierten so wenig wie die Biermarke), sie büßten an Schwung und Emotionalität nie ein.

Es wäre sinnlos, Gründe für das Gezänk finden zu wollen, nicht einmal Anlässe ließen sich erkennen – außer dass die Sonne schien und Bier im Kühlschrank war.

Soweit wir den zu uns über den Zaun herüber wehenden Sprachfetzen vertrauen konnten, währte die Beziehung trotz periodischer Konflikte an der Grenze zur Gewalttätigkeit schon 40 Jahre. Wir begannen zu verstehen, dass Mann und Frau nicht um Gründe von Ärgernissen stritten, die auszuräumen waren. Sie stritten schon gar nicht um Veränderungen ihrer Umgangsformen miteinander. Bei all der wiederkehrenden Aufregung, all dem Reden und Gestikulieren, während sie sich gegenseitig aufreizten und ankeiften, ging es im Gegenteil darum, dass sich NICHTS verändern sollte, sondern dass jeder immer wieder aufs Neue seine Rolle, seine Wahrnehmung von sich selbst gegen den anderen verteidigte. Es handelte sich um eine Dynamik, deren Ziel das Gleichgewicht war. Und genau deshalb, um dieser zum Ritual gewordenen Dynamik willen, unterscheiden sich die Konflikte unserer damaligen Nachbarn nicht von den meisten heutigen Konflikten zwischen Parteien, Völkerstämmen, Nationen, religiösen Gemeinschaften. Dort allerdings kann ein Gewaltausbruch Schlimmeres bewirken als ein blaues Auge und ein paar zerschlagene Bierflaschen.

Edward Albee hat Ähnliches in sein brillantes Theaterstück „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ hineingeschrieben; der Film mit Elizabeth Taylor und Richard Burton wurde vermutlich schon deshalb zum Klassiker, weil die beiden Schauspieler sehr nahe an eigenem Erleben agierten. Dramen wie die von Albee lassen uns beispielhaft nachempfinden, dass Sozialgebilde – nichts anderes ist eine Ehe – den gleichen Strategien folgen, wie andere lebendige Formen: Sie bilden in sich relativ geschlossene, dennoch für den Energie- und Stoffaustausch mit der Umwelt offene, dynamische Systeme mit dem Ziel der Selbsterhaltung und Reproduktion. Nicht nur – aber am einfachsten – durch Ausbrüche von Gewalt und Zerstörung werden wir Mitfühlende von Dramen und absolvieren meist unbemerkt ein „Mitspielen“ unserer eigenen Gefühle und Konfliktstrategien. So verwickeln uns Bühne, Film, manchmal sogar das Fernsehen in die Dynamik von Sozialgebilden, etwa einer Ehe an einer amerikanischen Kleinstadtuniversität oder an einer Köttelbecke in Wattenscheid.

Mehr dazu in „Der menschliche Kosmos“

Gemeinwohl oder Populismus?

 

Pyramid_of_Capitalist_System

Hierarchien funktionieren. Auch noch fürs Gemeinwohl der Zukunft?

Ein florierendes Gemeinwesen – das durfte ich zu meinem Glück nach der Flucht aus dem „real existierenden Sozialismus“ erfahren – offenbart sich nicht in Reden von Politikern, auf Parteitagen oder bei öffentlich zelebrierten Jubelfeiern. Es verhält sich damit vielmehr wie mit der Gesundheit: So lange sie intakt ist, wird sie kaum wahrgenommen. Ihr Wert, ihre Bedeutung offenbart sich erst dann, wenn Bedrohungen, Störungen, Verletzungen nicht mehr zu ignorieren sind. Von einem gewissen Punkt an – da nichts mehr zu beschönigen und zu beschwichtigen ist, Schmerzen das Denken okkupieren, Fieber ausbricht, der attackierte Organismus die Abwehr mobilisiert, alles andere zweitrangig wird, von diesem Moment der Qual an wird Realität anders wahrgenommen. Es ist der Moment der Wahrheit. Die singulär harte und scharfe Kante des Ereignishorizonts bricht jede Lüge. In unserer Zeit wachsender Konflikte heißt das: Ein Gemeinwesen ist in Not, wenn Grundfunktionen gefährdet sind, etwa diese:

  • Menschen dürfen frei und ohne Furcht vor Verfolgung durch den Staat oder andere Korporationen ihre Meinung äußern, sich versammeln, Parteien und Unternehmen gründen, ihren Beruf und ihre Religion ausüben etc., so lange sie sich auf dem Boden einer verfassungsmäßigen Ordnung bewegen, die den Namen verdient. Die „Verfassung der DDR“ (eigentlich waren es drei) verdiente ihn nicht, sie schuf der Willkür der SED-Diktatur freie Bahn. Zum Wesen dieser totalitären Ordnung gehörten auch Medien, die sich weitgehend der Parteilinie anpassten.
  • Eltern erziehen ihre Kinder zu selbständigen, verantwortungsbewussten, hilfsbereiten und rücksichtsvollen Persönlichkeiten, nicht zu „Anspruchsberechtigten“.
  • Im Zusammenleben mit Nachbarn kann sich gegenseitiges Vertrauen entwickeln. Der Haustürschlüssel kann stecken bleiben. Auch wenn alle unterschiedliche Interessen und widerstreitende Meinungen haben: Konflikte lassen sich viel besser von den Beteiligten selbst ohne juristische Mühewaltung lösen. Polizei und Justiz müssen nur ausnahmsweise eingreifen.
  • Jede und jeder kann sich ohne Zwang fürs Gemeinwesen engagieren – sei ’s in einem Verein, in einer Partei oder durch ein Ehrenamt, ohne dass dadurch Privilegien begründet würden. Solidarische Hilfe wird allen Bedürftigen zuteil, auch wenn sie sich selbst nicht engagierten: Vorbilder wirken meist besser als Strafen.
  • Kollektive und Korporationen – egal ob staatlich, religiös, sonstwie ideologisch oder wirtschaftlich ausgerichtet – können elementare Menschenrechte Einzelner nicht aushebeln, davor schützt das Recht.

Wenn demgegenüber der Wunsch nach mehr Staatsgewalt, mehr Regeln und Einschränkung individueller Rechte hochfiebert, ist das nicht die Stunde der „Populisten“, sondern die der Politbürokraten. Ihnen liegt nicht am Gemeinwohl, sie gieren nach Macht, die ihnen der Zugriff auf Positionen im Staat verschafft. Sie versprechen Verunsicherten Sicherheit durch mehr Kontrolle, sie nehmen ihnen die Verantwortung ab – in einem System der organisierten Verantwortungslosigkeit haben sie die Hände an den Hebeln. Und wenn Krisen, Kriege, Katastrophen ein Land, einen Kontinent ruinieren dann werden sie unsichtbar im luxuriösen Exil oder hinter Pappkameraden aus der zweiten Reihe.

Das sagt die historische Erfahrung. Und wer sie ignoriert, ist verurteilt, den nächsten Untergang zu erleben. Er kann dann seine Ignoranz mit Ausreden entschuldigen – wie Uropa seine Stimme für die NSDAP, Opa die für die SED und Papa die für…

Suchen sie sich was Passendes aus. Es passt fast alles auf Politbürokratie.

“Es geht seinen Gang” – ein Buch der Deutschen

Vorlage_HC_rund.inddDer meisterhafte Roman von Erich Loest hat mich – noch aus dem Abstand von 40 Jahren – aufgewühlt. Wie in einem Druckkessel verdichtet er Lebensverhältnisse Mitte der 70er Jahre in Leipzig zu beklemmenden Bildern und Szenenfolgen. Sein Ich-Erzähler Wolfgang Wülff, eher ein Anti-Held, ist Ingenieur in einem “Volkseigenen Betrieb” (VEB) mit den zu jener Zeit überall in der DDR-Mangelwirtschaft üblichen Problemen. Er ist fast genau mein Jahrgang, 1949 geboren, verheiratet, lebt mit Frau und vierjährigem Töchterchen in einem Plattenbau im Leipziger “Oktoberviertel”. Zur Einheitswohnung haben sie den Einheitstrabbi, und dieses Leben ist ziemlich genau, was mir seinerzeit als Alptraum erschien. Nicht dass es mir an Respekt vor den “Werktätigen” gemangelt hätte: Allein die Aussicht, mich als funktionierendes, gar parteitreues Rädchen ins Gestell zu fügen, passte weder zu meinem Wissensdurst und Freiheitsdrang noch zu meiner Lebensgier. Zu meinen Freunden und Bekannten gehörten freilich Ingenieure wie dieser Wolfgang: Hilfsbereite, humorvolle, familienorientierte Männer. Impulse jugendlichen Aufbegehrens hatten sich oft – wie bei Wülff – nach Konflikten mit der Staatsgewalt zu hartnäckigen Traumata verknotet, aber ich bin den “gelernten DDR-Bürgern” niemals so nahe gekommen wie Erich Loest, wenn er Wülff erzählen lässt. Kein Wunder, dass das Buch trotz Behinderungen durch die Zensur im Osten ein Renner war.

Wülffs allzu normales Leben erscheint darin wie mit dem Retro-Virus der Verweigerung infiziert: Der 26jährige möchte gern in Ruhe gelassen werden, nicht aufsteigen in der sozialistischen Wirtschaftshierarchie, nicht zu den “Bestimmern” gehören. Er kümmert sich lieber um sein Töchterchen, seine Mutter, die kriselnde Ehe von Freunden. Seine geliebte Frau Jutta legt diesen Mangel an Ehrgeiz als Trägheit aus, und als er wegen Beleidigung eines Kaders vor Gericht landet, bestraft wird, weil er dessen sadistische Erziehungsversuche in einer Schwimmhalle “faschistisch” nennt, ist es um die Ehe geschehen.

Wie Loest Wülffs inneren Aufruhr in Sprache verwandelt, ihn allein in der Einsamkeit an einem Mecklenburger See, beim Hören einer Sinfonie Bruckners im Gewandhaus auf seiner Seelenwanderung begleitet, das holt dieses “Rädchen” im sozialistischen Getriebe endgültig aus der Anonymität. Am Ende verliebt er sich – in eine Alleinerziehende. Das ist kein Happyend, aber einer jener Hoffnungsfunken des Jahres 1977, die das Ende der DDR vorwegnahmen. Der Staat wurde seinen Bürgern längst nicht mehr gerecht, Rudolf Bahro hatte es im selben Jahr gnadenlos analysiert, die DDR war schon fast bankrott. Mir bleibt nur zu wünschen, Erich Loests Mühen um die deutsche Einheit würde auch künftighin dadurch belohnt, dass viele diesen Roman lesen. Die ihn gelesen haben, werden kaum zulassen, dass es in Deutschland noch einmal seinen – sozialistischen – Gang geht.

Erich Loest
Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene
Roman, Mitteldeutscher Verlag, 294 S., geb.
ISBN 978-3-86152-021-4

Rauch ohne Moral

Als Kind beeindruckte mich mein Großonkel Walter schwer, weil er aus seiner Zigarre – meistens waren das ziemlich übelriechende Stumpen – mit nur einem einzigen Zug ein Dutzend sehr wohlgeformte Kringel produzieren konnte. Sein zu einem “O” geformter, schmallippiger Mund entließ Serien makelloser hellgrauer Ringe in den Raum, meine Schwester und ich staunten, der alte Mann genoss die Show. Sie findet heute noch unter jungen Leuten Bewunderer, das Internet ist voller Bilder, Videos, Anleitungen, wie’s geht. Die Shisha wird ebenso gern eingesetzt wie die E-Zigarette, dagegen sind klassische Tabakpfeife und Zigarren in dieser Generation nicht angesagt: Die Welt des Rauchens hat sich in 50 Jahren sehr gewandelt.

IMMO_1967Rahmen

Auf der Wartburg 1967

Damals kaufte ich mir meine erste Pfeife. Ich bin dieser Form des Tabakkonsums treu geblieben, die Stasi vermerkte in meiner Akte alsbald, dass ich mir derart wohl ein besonderes Ansehen geben wolle, wie auch durchs Tragen vor allem schwarzer Kleidung westlicher Herkunft. Wie so etwas ausgehen kann, ist in einem kurzen Film zu sehen.

Tragen kann einer hier und heute was er will. Rauchen wird von der Politbürokratie bekämpft, obwohl die Tabaksteuer immer noch ihren Wohlstand mitfinanziert. In den Printmedien, auf den Fernsehschirmen – namentlich öffentlich-rechtlichen – wagt es kaum mehr jemand, sich im Stile von Helmut Schmidt oder Ludwig Erhard zu präsentieren. Ein später Sieg nichtrauchender Vorbilder wie John D. Rockefeller, Adolf Hitler, Nelson Mandela und der Dalai Lama. Individuellen Lebensstil über genussvolle Tabak-Kultur in Form exzellenter Zigarren, kunstvoll aus Holz oder Meerschaum gefertigter Pfeifen zu pflegen: So etwas machen nur alte weiße Männer oder spleenige Selbstdarsteller beiderlei Geschlechts. Noch lässt es der Tugendfuror bei diesem Blick über die Schulter bewenden. Und ich werde’s halten wie meine Mutter, eine Raucherin vom Kaliber Helmut Schmidt, mit dem sie auch die Initialen teilt.

Kringel um Kringel rauch‘ ich mich ans SterbenWIN_20170216_16_43_22_cut
Dem Grabe näher bringt mich jedes Glas.
So tu ich Gutes allen meinen Erben
Wer schneller stirbt, der gönnt auch anderen was.

Der Tabakvorrat reicht, die Bar voll Flaschen
Solange mir kein Arzt den Spaß verdirbt
Das letzte Hemd hat schließlich keine Taschen;
Sei ‘s drum, dass Lust mir Höllenqual erwirbt.

Sei ‘s drum, dass üble Krankheitsherde glimmen
Dass der Gevatter seine Sense wetzt
Wer lustvoll lebt, lacht jedenfalls zuletzt;
Es gilt am Ende: Die Bilanz muss stimmen.

Die letzte Wahrheit lass ich gern den Moralisten
Mein Leben wird sie – wie meine Tod – ent-Rüsten.

Abschiedswunsch zum Ewigkeits-Sonntag

IMG_20151101_140019_1Am letzten Sonntag des November – Erich Kästner lässt ihn im zugehörigen Monatsgedicht den Trauerflor tragen – gedenken wir der Verstorbenen und des Todes. Je älter ich werde, desto dankbarer bin ich für das Glück meiner Lebensjahre, für die liebsten Menschen, die Freunde, die Lehrer, die Hilfsbereiten. Hilfe kam nicht selten in Form von Konflikten. Ich musste mich entscheiden, Bauchlandungen waren unvermeidlich, ich durfte mich, um einiges klüger, aufrappeln. Die Häme derjenigen, die ihr Motto „Mir nützt, was anderen schadet“ nicht verhehlten, motivierte eher als sie mich demütigen konnte – Schadenfreude ist ein ebenso einseitiges wie kurzes Vergnügen. Trotzdem finden ganze Berufszweige gutes Auskommen, wenn sie die Leute damit beliefern: Sie ist ein Sozialritual wie die Jagd nach Sündenböcken, so etwas verkauft sich auf dem Medienmarkt immer.

Derlei Gedanken kommen beim Gang über den Friedhof, wo zwar Laubbläser und andere technische Hilfsmittel die Totenruhe wieder an den Achtstundentag anpassen, seitab der gärtnerischen Mühewaltungen aber das Leben in schönster Vielfalt triumphiert: Amsel, Drossel, Fink und Star, Rotkehlchen, Grasmücken, Meisen aller Art, Specht und Zaunkönig lassen von sich hören, Bäume und Blüten feiern ihre Jahreszeiten, mitten in lärmverschmutzten Großstädten darf sich das Herz der Stille öffnen. Dann wird daraus vielleicht ein

Abschiedswunsch

Das Jahr meines Todes sei sonnensatt.
Mögen Menschen trinken in vollen Zügen
Vom Licht, von der Lust, vom schieren Vergnügen
Vom duftenden Wald und der Kühle im Watt.
Wenn abends die Fische nach Süden fliegen
Wenn Frösche und Eulen die Sterne anbeten
Eltern beim Tanz ihre Kinder vertreten
Wenn Wein die Regie nimmt und Fleisch den Verstand
Wenn du mich liebst mit dem Rücken zur Wand
Wenn alle Monde sich uns vermählen
Wenn wir endlich am Ende sind mit dem Erzählen
Erlöst uns, versprich ’s mir, der letzte Kuss
Sei mein Universum, eine Welt ohne Muss
Du, meine Liebe, bist ohnegleichen
Das Jahr die Sekunde: ich muss dich erreichen.

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