Vertrauen – wem? Ein Tucholsky-Abend hinterlässt Fragen

Karikatur aus dem 19.Jahrhundert zeigt die "gute Presse".

Die Karikatur aus dem 19.Jahrhundert zeigt die „gute Presse“. Sie unterwirft sich in vorauseilendem Gehorsam der Zensur

Mag sein, dass der Journalismus den Tiefpunkt seiner Wertschätzung immer noch nicht erreicht hat. Dass er in die Krise geraten ist, verwundert nur Leute, die letzte Wahrheiten für wünschenswert halten und sich selbst im Besitz geeigneter Werkzeuge wähnen, zu letzten Wahrheiten vorzudringen. Sie hinken in ihrem Verständnis menschlicher Erkenntnisfähigkeit damit den Naturwissenschaften, der Physik insbesondere, um mehr als ein Jahrhundert hinterher. Ihnen fehlt jede Einsicht, dass Wahrnehmung jedenfalls subjektiv, eine vermeintliche Objektivität nur aus der Sicht einer – wie immer definierten – Gottheit zu gewinnen ist, die sich jeglicher Zugehörigkeit zu sozialen Abhängigkeiten entschlägt. Relativitätstheorie und Quantenphysik haben diesen Größenwahn eigentlich erledigt. Nietzsche lieferte mit seinem konsequent subjektivistischen Denkmodell “Gott ist tot!” einen nach wie vor beeindruckenden philosophischen Beitrag.

Wir leben leider in Zeiten, da Bildungssysteme solche Einsichten zugunsten der Behauptung ignorieren, dass über Wahrheit und Irrtum mit Mehrheit – etwa in Form von Quoten oder anderen rein quantitativen Erhebungen – entschieden werden könne. Das verschafft Wahnvorstellungen ältester Provenienz ein dauerhaftes Existenzrecht. “Wenn eine Idee die Massen ergreift, wird sie zur materiellen Gewalt”, konstatierte Marx, die Geschichte belegt, dass “Idee” durchaus wüste Wahnvorstellungen bedeuten kann. Wir erlebten die Konsequenzen in Formen des Totalitarismus von Gottes-Staaten, Kommunismus und Nationalsozialismus, wir erleben sie tagtäglich in den unausrottbaren Gefolgschaften religiösen, „linken“ und „rechten“ Fanatismus. Er hat überdauert, weil das Gefühl der Zugehörigkeit zur Macht der Masse jede qualifizierte Gegenwehr bis heute zu unterwerfen imstande ist.

Neben dem Totalitarismus sah Viktor Frankl, dem KZ entkommener Neurologe und Psychologe, Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse, den Konformismus als ebenso wirkmächtige, womöglich größte Bedrohung der Freiheit an. Er fand Demokratie und Rechtsstaat durch konformes Verhalten gefährdet: Zu wollen, was die anderen tun, hindere den Menschen am sinnerfüllten Leben ebenso, wie zu tun, was die Totalitären wollen. Beide Richtungen beschäftigen heute jeden, der sich mit Verhalten und Verhältnissen in der Arbeitswelt auseinandersetzt: „Command and Control“, „Befehl und Gehorsam“ oder die „3-K-Methode“ – Kommandieren, Kontrollieren, Korrigieren – erweisen sich weithin als untauglich für den Wandel in der Informationsgesellschaft. Er verlangt selbständiges Denken und verantwortliches Handeln statt Unterordnung – und dass konformes Mitschwimmen im Soziotop nur eine Form von Subalternität ist, liegt eigentlich auf der Hand.

Wer den Alltag in modernen Redaktionsbüros von Massenmedien zwischen Peking, New York, Paris, Berlin, Mainz, Hamburg, Köln oder Baden-Baden erlebt hat, der weiß, dass eine von noch so guten Argumenten untermauerte Position chancenlos ist, falls sie von der totalitären Parteilinie abweicht oder vom konformistischen Mainstream – den auf Quoten und Verkaufszahlen orientierten Maßgaben des jeweiligen Mediums. Für Querköpfe und Abweichler bleiben Nischen – und die Hoffnung, dass es im Internet Freiräume gibt, die weder von Regierungen noch von mächtigen Konzernen oder NGO zugemauert werden können.

In China, Russland und den meisten islamischen Staaten werden diese Hoffnungen von technisch hochgerüsteten Kontrollinstanzen der Regierenden erbarmungslos zerstört. Die Medienkartelle des Westens dominieren vor allem dank konformistischer Gewöhnung ihres Publikums. Ein Spezialfall sind die Öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Sie sind in Deutschland durch das System der Rundfunkbeiträge gegenüber der Konkurrenz im Markt privilegiert, andererseits durch Gremien an staatliche, kirchliche und andere Korporationen gebunden, also keineswegs politisch unabhängig. Wer dort angestellt oder als freier Produzent von Aufträgen abhängig ist, überlebt nur konform. Ausnahmen – gern zum Beweis für angebliche Treue zum grundgesetzlichen Auftrag unabhängiger Berichterstattung vorgeführt – bestätigen die Regel. Sie werden immer seltener.

Es bedarf keiner Zensur mehr, wenn die Schere im Kopf Voraussetzung zu einer Einstellung oder Vergabe eines Auftrages wird. Und da die Hochschulen des Landes in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr Absolventen mit dem Berufswunsch “Was mit Medien” in die enger werdenden Märkte entlassen haben, ist der Konformitätsdruck insbesondere auf die Heerscharen prekär um Einkommen kämpfender Absolventen vor allem aus soziologischen, politologischen, pädagogischen und – in geringerem Maß – naturwissenschaftlichen Fächern mächtig. Wer ihm ausgesetzt ist, wird es als große Ermutigung empfinden, wenigstens moralisch auf der richtigen Seite zu stehen. Er wird nicht zögern, durch besonders engagiertes Auftreten, durch die vom Arbeitgeber gewünschte Haltung, seine Karriere im Gestell voranzutreiben – oder sich als Produzent langfristig Aufträge zu sichern.

Da sind wir. Und wir haben es – horribile dictu – mit einem Staat zu tun, der gar zu gern das Internet als Kontrollinstanz in Dienst nähme. Noch sind Überwachungsmaßnahmen nach chinesischem Muster hierzulande nicht eins zu eins umsetzbar, aber das “Netzwerkdurchsetzungsgesetz” zeigt, wie sich mit dem Kunstgriff eines Outsourcings staatlicher Überwachung an private Firmen und das Ertüchtigen staatlich finanzierter Gesinnungsprüfer wie der Amadeu-Antonio-Stiftung, geführt von einer ehemaligen Stasi-Zuträgerin, fast jede kontroverse Meinungsäußerung auffinden und unterdrücken lässt. Es bedarf keines chinesischen Systems von “Social Credits”, um Menschen nach dem Muster der Stasi zu “zersetzen”. Denunziationen in den social media, beim Arbeitgeber, bei Kunden wirken. Entsprechende Aktionen gutmeinender “Social Justice Warriors”, von Ministerien oder Parteistiftungen ertüchtigt, finden Verteidiger in regierungsnahen Medien. Mit dem Anspruch moralischer Unantastbarkeit im Namen geben “Antifa”-Helden gern auch dem Impuls “Gewalt Macht Lust” nach. Das nannte man zuzeiten “sozialistischen Humanismus”: Dem Klassenfeind gegenüber ist alles erlaubt, und wer Klassenfeind, gar Faschist ist, bestimmt im Besitz letzter Wahrheit und höherer Moral die Partei, die Partei, die immer Recht hat. Und jedem Totalitarismus gesellt sich massenhaft konformistisches Mitläufertum: Eine Kultur des Beschwichtigens und Wegsehens zum Erhalt eigenen Ein- und Fortkommens.

Kurt Tucholsky, einer der erfolgreichsten Journalisten des 20. Jahrhunderts, links, demokratisch, erklärter Feind der Nazis, verzweifelte daran, dass die Weimarer Republik zerbrach, weil die Parteien – fast alle Vorläufer heutiger Parteien – unfähig waren, den Nationalsozialismus mit überzeugenden Strategien abzuwehren. Kommunisten, wenn sie nicht zur NSDAP überliefen, bekämpften die SPD als “Sozialfaschisten”, die Deutschnationale Volkspartei paktierte mit Hitler. Manche Bürgerlichen sahen ihn als geringeres Übel. Alle wollten die Macht, wenige blickten weit voraus, wie es Journalisten vom Rang eines Kurt Tucholsky, Erich Kästner, Maximilian Harden, Karl Kraus,… getan hatten.

In der Sowjetischen Besatzungszone setzten sich nach 1945 Konformisten der SPD-Führung durch, wurden von Ulbricht, Pieck & Co. mit der KPD zwangsvereinigt, in der stalinistischen SED minorisiert. Reste bürgerlicher Parteien – die „Liberalen“ der LDPD, „Nationaldemokraten“ der NDPD opponierten gegen SED-Politik sowenig wie  CDU oder Bauernpartei. Zusammen mit Massenorganisationen, denen fast jeder DDR-Bürger angehörte, waren sie Transmissionsriemen des totalitären Regimes, als „Blockparteien“ durften sie im „antifaschistischen“ Deutschland ein Scheinparlament aufführen. Der Volksmund – heute bezeichnete man das wohl als „populistisch“ oder gar „Hatespeech“ – nannte sie Blockflöten. Kultur und Medien wurden immer wieder einmal hart, nicht selten mit Hilfe von Stasi und Gesinnungsjustiz, auf Linie gebracht. Oppositionelle flohen nach Westen.

„Fehlen uns heute Köpfe wie Tucholsky, da sie doch angesichts der tiefen Spaltung des Landes wieder gebraucht würden?“ fragte mich eine Besucherin unserer Literaturreihe „Leben Lesen“. „Wenn ja: Woran ließen sie sich erkennen? Und richteten sie etwas aus?“

Ich weiß es nicht. Wenn es sie gibt, beweisen sie sich an denselben zwei Kriterien wie vertrauenswürdige Politiker: Sie wähnen sich nicht totalitär im Besitz der Wahrheit und preisen ihrem Publikum – oder ihren Wählern – weder Patentlösungen an, noch geben sie ihnen die Linie vor. Sie verschweigen oder beschönigen eigene Fehler nicht, erstreben also nicht, dass man ihnen alternativlos zu folgen habe. Und: Sie reden nicht konformistisch denen nach dem Munde, die massenhaften Zulauf und Teilhabe an der Macht versprechen.

Das freilich ist eine seltene Spezies. Aber es gibt sie. Sie entlassen den mündigen Bürger nicht aus der Verantwortung. Sie machen ihm nur Mut, an der richtigen Stelle Nein zu sagen: Wenn er tun soll, was die anderen wollen, oder wenn er wollen muss, was die anderen tun. Sie begleiten ihn, wenn er vor der Frage nach Sinn steht – ohne Antworten zu geben, geschweige „alternativlose“ letzte Wahrheiten im Namen höherer Moral zu verkaufen. Sie sind noch da. Sie werden angegriffen von Totalitären und Konformisten. Sie sind noch nicht emigriert. Ob sie etwas ausrichten können, ist die Frage, an der sogar ein Tucholsky verzweifelte.

Rezensent sein? – Lieber was empfehlen

Titel des Buches "Chef sein? - Lieber was bewegen!"Ja, ich bin voreingenommen, denn ich kenne und schätze Gebhard Borck seit Jahren, wir haben uns über seine Ideen lebhaft ausgetauscht. Ich bin also kein „neutraler“ Kritiker, das Erscheinen dieses Buches hat mich sehr gefreut, ich wünsche ihm viele, viele Leser. Dem Vorhaben von Stefan Heiler, sich mit seinem Unternehmen im Wettbewerb am Markt ganz ohne “Führungskräfte” zu behaupten, dabei unkonventionell mit einem „Katalysator“ namens Borck vorzugehen, gehört meine ganze Sympathie. Es ist ein mutiger Schritt, er hat sich gelohnt, und die ihn wagten, waren so oft am Rande des Scheiterns, dass einen auf über 300 Seiten niemals die Fragen loslassen “Schaffen sie ’s? Und wenn ja – wie?”.

Das liegt auch an der Erzählform. Die Sprache bleibt locker und gut verständlich, selbst wenn durchaus Fachwissen vermittelt wird – etwa an einen Nicht-Betriebswirt wie mich. Graphiken veranschaulichen gedankliche Abläufe und Prozesse im Unternehmen. Einen chronologischen Ablauf in einer Geschichte von Helden, die “per aspera ad astra” dem Sieg entgegen streben, gibt es nicht, stattdessen einen skizzenhaften Aufriss von Begebenheiten, vor allem Konfliktlagen. Sie erscheinen mal anekdotisch, mal als Dialog oder Gesprächsprotokoll, manchmal als lapidarer Bericht. Manche zeitliche Zuordnung mag sich der Leser selbst erschließen, er muss es nicht, um das Wesentliche am Geschehen zu begreifen: Wie bei der Alois Heiler GmbH in Waghäusel eine ganz neue Unternehmensform gelebt – bisweilen erlitten – wurde. Dabei haben alle Beteiligten, nicht nur die Autoren, „Denkwerkzeuge“ entwickelt und erprobt, sie haben eine „Firmen-DNA“ modelliert, von der andere vergleichbare Vorhaben einiges lernen können.

Zwischen dem Unternehmer Stephan Heiler und seinem Berater Gebhard Borck wuchs während dieses Prozesses eine schöpferische Freundschaft, wie sie sich einer wünscht: Beim Lesen wird deutlich, wie stark das Vertrauen in die Kompetenz und Verlässlichkeit des anderen ist. So etwas steckt durchaus an. Zugleich legten beide größten Wert auf die Transparenz aller Entscheidungen der jeweils Verantwortlichen – und das waren eben keine Chefs, Abteilungs-, Gruppen- oder sonstigen Leiter, sondern immer öfter die Mitarbeiter selbst, Männer und Frauen, die sich in neuen Rollen beweisen mussten – und durften. Keineswegs alle waren mit einer “Sinnkopplung” dauerhaft an derart eigenverantwortliches Handeln in vernetzten, nicht hierarchischen Teams zu binden. Viele verließen Heiler, darunter sehr kompetente. “Der Mensch ist ein Gewohnheitstier”, heißt es nicht von Ungefähr; lieb gewordene Muster und Rituale locken mit einem Gefühl von Sicherheit bei weniger Energieaufwand, womöglich besserer Bezahlung: Angepasst an den Mainstream lebt sich’s für viele komfortabler.

Das Buch ist eine durchaus vergnügliche Lektion übers Fragen, über Reibungen, Missverständnisse und Turbulenzen. Dass Klatsch und Tratsch auch bei diesem Beispiel von “New Work” unausrottbar bleiben, überrascht nicht, aber es macht Spaß, den Autoren bei diesem wie anderen „Fällen“ aus ihrem Alltag über die Schulter zu schauen. Wer das – über das Buch hinaus —  tun möchte: Weblogs sowohl des Unternehmens Heiler als auch von Gebhard Borck bieten reichlich Informationen. Patentrezepte werden sich dort kaum finden lassen, dafür eine ermutigende Menge von Erfahrungen im Umgang mit Konflikten auf dem Weg in alternative Arbeitswelten.

Gebhard Borck, Stephan Heiler „Chef sein? Lieber was bewegen! – Warum wir keine Führungskräfte mehr brauchen“, 304 Seiten, Heiler&Borck 2018

Brehms Tierleben

Titelbild von Brehms TierlebenEin Lieblingsbuch meiner Kindheit darf ich wieder in der Hand halten: Meine Großmutter las uns daraus vor, es begleitete uns auf Wanderungen durch Wald und Flur, wo wir manchen seiner Protagonisten begegneten, einige schlüpften als Findelkinder zeitweise bei uns unter – Eichhörnchen und Igel zum Beispiel – den Kindern zur Freude, den Familienhunden zum Ärger. Meine Mutter zeichnete und malte, was wir dabei und im heimatlichen Thüringer Wald erlebten.
Unsere Originalbände von „Brehms Tierleben“ haben die Wechselfälle des Lebens nicht überstanden, unser Vergnügen an der Naturbeobachtung und am Umgang mit Tieren, das sie vor über 60 Jahren prägten, blieb. Texte und Illustrationen lesen und betrachten – das ist wie ein Wiedersehen mit sehr vertrauten Freunden nach langer Zeit. Zugleich erfreut es, weil Bildungsgänge ihren Wert beweisen, die seit 200 Jahren enzyklopädisches Wissen allen Schichten der Bevölkerung zugänglich machten.

Ein Blick auf die Editionsgeschichte zeigt, welchen Rang Brehms Arbeit beanspruchen darf, inzwischen gibt es sie auch in digitalisierter Form. Dem Dudenverlag ist die vorliegende Neuausgabe von Teilen des Gesamtwerkes zu verdanken; sie enthält Tiere, die wir heute noch in freier Wildbahn oder Naturparks antreffen. Einband und Druck insbesondere der Graphiken machen das Buch zum willkommenen Geschenk.

Das 19. Jahrhundert war eines der Forschungsreisenden, der Lexika und Enzyklopädien. Mit Alfred Brehm und Hermann Julius Meyer, dem Sohn des berühmten „Lexicon-Meyer“, fanden sich zwei Große dieser Blütezeit. 1863 erschienen in dessen „Bibliographischem Institut“ die ersten sechs Bände des „Illustrierten Thierlebens“ mit Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Robert Kretschmer, in der zweiten Auflage ab 1876 unter dem heute geläufigen Namen „Brems Tierleben“ kamen farbige Illustrationen von Gustav Mützel und Eduard Oscar Schmidt hinzu, deren Qualität Charles Darwin mit dem Lob bedachte, sie seien die besten, die er je in einem Werk gesehen habe.

Karsten Brensing hat eine kluge, gut lesbare Einführung geschrieben, die Brehms Leben und Walten – etwa als Zoodirektor in Hamburg und Berlin – mit der Entwicklung seiner Wissenschaft bis in die moderne Verhaltenspsychologie verknüpft. „…tatsächlich sind wir kaum weitergekommen“, schreibt er, „Brehm hat durch seine Herangehensweise, sich in Tiere hineinzuversetzen und sie zu vermenschlichen, viele Dinge bereits erkannt und aufgeschrieben, die die moderne Naturwissenschaft erst nach viel Zögern als bewiesen akzeptiert hat.“

Sowohl die Entwicklung der Arten wie die des Individuums lassen erkennen, dass tierisches und menschliches Verhalten eng verbunden sind. Wir leben und lernen voneinander und miteinander. Kaum ein anderes Forschungsfeld ist reicher, als die Untersuchung der dabei wirkenden genetischen, sozialen und psychischen Faktoren. Zum Vergnügen an Brehms Sprache und Erzählkunst gesellt sich also die Neugier, der Wissenschaft von heute bei der Arbeit zuzusehen. Wer ein Übriges tun will, besuche die Gedenkstätte in Renthendorf. Sie wurde 2012 bis 2018 generalsaniert. Jochen Süß beschreibt in einem kurzen Nachwort, wie dort auch das kostbare Erbe von Brehms Vater Christian Ludwig, eines emsigen Vogelkundlers, bewahrt wird.

Alfred Brehm, Karsten Brensing „Brehms Tierleben“, Dudenverlag, 240 Seiten

ISBN: 978-3-411-71782-8, 20 €

Chinas „Masterplan“ – und Europas Eliten

Titel zu "Der Masterplan" von Stefan Scheuer

Wieviel Freiheit bleibt Europa?

„China first!“ Das müsste Xi Jinping, Parteiführer der Chinesischen Kommunisten und Staatsoberhaupt des Reiches der Mitte nicht proklamieren, um die Linie seiner Politik klarzustellen. Wie Mao Zedong ist er Führer auf Lebenszeit, jede Art polititscher Opposition lässt er brutal unterdrücken. Als Liu Xiaobo, Friedensnobelpreisträger 2010, vor den Folgen des chinesischen Nationalismus warnte, verschwand er im Kerker, bis ihn seine Krankheit zum Tode begnadigte.

Xi Jinping gewährte der deutschen Kanzlerin den Wunsch, Liu Xia, die Witwe Liu Xiaobos, in die Freiheit des deutschen Asyls aufnehmen zu dürfen, Angela Merkel „gab er damit Gesicht“, die chinesische Gepflogenheit, Verhandlungspartner in aller Augen aufzuwerten. Sie durfte sich bedanken. Mir fielen sofort die „Freikäufe“ ein, mit denen die Bundesrepublik politischen Gefangenen aus der DDR heraushalf. Heute sind nicht Kommunisten dringend auf Geld und wirtschaftliche Zusammenarbeit angewiesen, sondern deutsche Politiker und Konzernchefs haben ohne die KPCh keine Zukunft. Und weshalb das so ist, darüber hat Stephan Scheuer ein hoch informatives Buch geschrieben, es stimmt für die Zukunft Europas und Deutschlands nicht optimistisch.

Schon im Vorwort reißt er auf, wie Maos „Volksrepublik“ in nur 40 Jahren vom Drittweltland zur zweitstärksten Wirtschaftsmacht heranwuchs und inzwischen mit seiner Innovationskraft sämtliche Industriestaaten vor sich her treibt. In folgenden neun Kapiteln legt er dar, wie sich Xi Jinpings unbegrenzte Machtfülle parallel zum Wohlstand von fast 1,4 Milliarden Menschen steigerte, chinesische Internet-Konzerne wie Baidu, Tencent, Alibaba, Huawei zu den amerikanischen Konkurrenten – Google, Facebook, Amazon, Apple – aufschlossen und die Digitalisierung des Alltags nirgenwo weiter fortgeschritten ist als in China. Andrerseits expandieren chinesische Firmen auf alle Kontinente. Sie schaffen Infrastrukturen in Afrika und Südamerika, dringen mit Finanzdienstleistungen und Firmenkäufen sowohl zu den Verbrauchern wie in Unternehmen vor, diktieren das Tempo bei der Entwicklung von autonomer Mobilität, sind Marktführer bei Drohnen. „Sieben von zehn weltweit verkauften Drohnen stammen von DJI“, schreibt Stephan Scheuer. Er liefert zu den Zahlen spannende Geschichten über Erfolge und Misserfolge großer Konzerne. Fast alle beeindrucken durch ihre Lernfähigkeit zwischen der Dynamik globaler Märkte und den Einschränkungen staatlicher Bürokratie, der Abschottung durch die „Great Chinese Firewall“. Manche Biographien ihrer Chefs taugen zur Legende. Frank Wang (DJI), Jack Ma (Alibaba), Pony Ma (Tencent), Robin Li (Baidu) mögen durchaus westlichen Vorbildern ähneln, sie unterscheiden sich jedenfalls durch ihre vollkommene Loyalität gegenüber der Partei.

Auch die Lebensgeschichte von Justin Lin (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Filmregisseur) liest sich abenteuerlich: Von Taiwan schwimmt er 1979 kilometerweit ins verfeindete Rotchina, darf nach Jahren der Bewährung in Peking Wirtschaft studieren und auf Vermittlung des Nobelpreisträgers Theodore W. Schultz in Chicago promovieren. Er brachte es zum Chef-Ökonomen der Weltbank. Dass die Finanzkrise von 2008 von China gut verkraftet wurde, weil die Führung nicht sparte, sondern beherzt in Infrastruktur investierte, dürfte ihm zu verdanken sein. Stefan Scheuer nennt ihn den Chefstrategen – nicht nur für Chinas globale Expansionspläne. Der Ausstieg des Staates aus der Wirtschaft ist für ihn kein Ziel, und die Einparteienherrschaft infrage zu stellen, käme ihm nicht in den Sinn, im Gegenteil: Megafusionen von Staatsfirmen wie bei der Bahn, der Telekommunikation, bei Energiekonzernen, Banken und Autoherstellern dienen der globalen Expansion chinesischer Vormacht.

Alle technologischen Neuerungen nutzen die regierenden Kommunisten zugleich für ihr wichtigstes Ziel, eine „harmonische Gesellschaft“ aus konform handelnden „neuen Menschen“ zu schaffen – davon handelt Kapitel acht „Der Staat: Big Brother trifft Big Data“. Weitgehende Überwachung und soziale Kontrolle, ein darauf basierendes System von Belohnung und Bestrafung für jeden Einzelnen sind in manchen Städten und Regionen bereits realisiert, bis 2020 soll das flächendeckend funktionieren. Nicht nur Behörden, Verkehrsüberwachung, Fahrkarten und Flugtickets liefern Daten fürs Profil eines Bürgers, jede seiner Aktivitäten im Netz – Einkäufe, Online-Spiele, Finanztransaktionen, Chats… – fließen ein. Dank der uneingeschränkten Kooperation von Alibaba und Tencent, dank der hochentwickelten Auswertungs-Algorithmen von Baidu werden Bürger gläsern. Die wenigsten werden sich dagegen wehren, denn schon eine abweichende Meinung kann drakonisch geahndet werden.

Viele dieser Entwicklungen finden sich in journalistischen Berichten, Stephan Scheuer fasst sie klug zusammen, stellt sie in historischen Kontext etwa des Maoismus, bereichert sie um eigene Erfahrungen. Er zeigt, wie die Großmacht beginnt, Europa zu dominieren: Deutsche Autoproduzenten geraten unter Druck, wenn einer ihrer wichtigsten Märkte aufgrund staatlicher Planung auf E-Mobilität umgestellt wird, Fernziel: autonomes Fahren. Hier beginnen die Fragen. Datentechnisch ist ein autonomes Fahrzeug völlig transparent. Wird ein bürokratisches Monster wie die DSGVO chinesische Hersteller hindern, ihre Bauteile für Transfers zu nutzen? Standen bisher schon Smartphones aus China im Verdacht, ungeschützt gegenüber geheimdienstlichen Hackern zu sein, so wird etwa mit der Ausbreitung chinesischer Bezahldienste auch in deutschen Geschäften und Online-Märkten ein Zugriff des chinesischen Staates auf solche digitalen Quellen wahrscheinlicher. Wird aus dieser IT-Vormacht Chinas mit dem Blick etwa auf von künstlicher Intelligenz gesteuerte Kampfdrohnen bald eine miltitärische? Google hat sich in den USA aus einem entsprechenden Projekt zurückgezogen, Baidu wird das gewiss nicht tun.

Eine „Kombination aus Ignoranz und Selbstzweifel“ bescheinigt der Autor im letzten Kapitel dem „einst so stolzen“ Europa. Was die „Eliten“ von Politik und Wirtschaft anlangt, ist vor allem Ersteres auffällig.  Abgesehen von politischen und Finanzkrisen: Schon ein Blick auf die Bahn, die Verkehrsinfrastruktur, den Netzausbau und die Mängel im Bildungssystem löst begründete Zweifel daran aus, mit China auch nur gleichziehen zu können. Deutschland hat mindestens ein Jahrzehnt verloren. Sollte sich Europas Bevölkerung mit der EU so verbunden fühlen wie die Chinesen mit ihrem Land? Mancher Politbürokrat agiert, als würde er gern mittels IT und Medien nach chinesischem Muster die Bevölkerung umerziehen, jeden Widerspruch eliminieren. Affinitäten zu Marx, Lenin und Mao sind wieder en vogue. Der goldene Marx aus China in Trier ist eine Ironie der Geschichte.

Stephan Scheuer „Der Masterplan – Chinas Weg zur Hightech-Weltherrschaft“ 1. Auflage 2018, 208 Seiten ISBN: 978-3-451-39900-8, 22 €

Hoffnung unter Panzerketten

Titel zu Erich Loests "Sommergewitter"

Loest erlebte das DDR-Zuchthaus als Gefangener. Er kannte auch die Perspektive der Mächtigen

Jahrestage, Jubiläen, Gedenkfeiern bringen selten frische Gedanken, originelle Erkenntnisse hervor, schon gar nicht, wenn sie gemütlich im Mainstream dümpelnden Journalisten anbefohlen werden. Ein kurzer Blick auf Texte zum 17. Juni 1953, zum 13. August 1961, zu den sowjetischen Militäraktionen in Ungarn 1956, in der ČSSR 1968, zur Geschichte der polnischen Werftarbeiter und der Gewerkschaft „Solidarność“ in den 70er und 80er Jahren, zum Massaker der Chinesischen Politbürokratie auf dem Tian’anmen am 4. Juni 1989 und nicht zuletzt zum Mauerfall 1989 genügt meist, mich zu überzeugen, dass ihre Lektüre so aufklärerisch und demokratiefördernd ist wie ein Pfund Toastbrot vom Discounter.

Man könnte einwenden, dass mit ärmlichen, ausgeleierten Fakten und zu nichts verpflichtenden, moralischen Worthülsen die „Chronistenpflicht“ zu erfüllen, immer noch besser sei, als solche historischen Landmarken dem Vergessen zu überlassen. Ich bezweifle das. Banalitäten und ritualisierter Wortgebrauch erzeugen Überdruss und ebensowenig Verständnis fürs historische Geschehen wie das Auswendiglernen dynastischer Erbfolgen.

Titelbild zu György Dalos "1956"

Mit 13 erlebte der Autor russische Panzer in Budapest

Das Erinnern von Zeitzeugen, ihre Ängste, ihre Verzweiflung, ihr Mut und ihre Entscheidung zum Widerstand verschwinden hinter Phrasen und medienpolitsch gleichrichtendem Geräusch. Freilich: Wenn Mitläufer erzählen, ist wenig mehr zu lernen als das Mitlaufen, das langweilt. Jugendliche werden so kaum mehr erreicht. Sie erkennen nicht, welche Verhaltensmuster damals wie heute die Herrschaft des Unrechts begünstigen, und wie sich Einzelne dagegen wehren können. Ihr eigenes Verhalten ist davon entkoppelt. In der auf Sicherheit programmierten Welt der An-Gestell-ten erlabt man sich, wohlig erschaudernd, an den Konflikten, Gewalttaten, Abenteuern, Leiden fiktiver Gestalten in komfortabler, berührungslos Distanz via Leinwand oder Bildschirm, manchmal noch auf Buchseiten.

„Es muss etwas geschehen, aber es darf nichts passieren“, ist das Losungswort der Zeit. Die Realität minimiert Risiken, lässt Abenteuer nur im umzäunten Bereich zu, verdrängt Konflikte. Viele suchen sie dort, wohin das Angebot sie lockt, also gern in bipolaren Gamer-Welten, Serien und Filmen über heilige Kriege vom Mittelalter quer durch die Neuzeit bis in eine Zukunft aus digital aufgedonnerten Mythologemen. Allgegenwärtige Bewegtbilder verhelfen schmerz- und risikolos zum erhabenen Selbstgefühl eines Helden auf der Seite des Guten. Wundert es jemanden, dass der Büchermarkt sich diesen Schemata weitgehend anpasst hat? Verkauft wird, was TV-Quote und Blockbuster nahelegen. Es sind vor allem erfahrungslose Erzählungen. Sie ersticken die Fähigkeit, sich für anderes als das Vertraute und Erwünschte zu öffnen, sie verstellen den Blick in die Geschichte.

In den totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts wurde Geschichte innerhalb der kulturellen Gleichschaltung auf bizarre Weise geklittert. Die dagegen aufbegehrten, waren fast immer Einzelgänger, Verfemte, Verlachte. Nur selten gelang es ihnen, sich in Gruppen von Außenseitern zu organisieren, noch seltener konnten sie sich an die Spitze größerer Bewegungen von Unzufriedenen setzen. Den Zusammenbruch eines Systems überlebten sie meist nur, um sich ohnmächtig – bestenfalls oder auch schlimmstenfalls abgefunden – der neuen Politbürokratie und ihrer historischen Selbstbeweihräucherung in den Medien gegenüberzusehen.

Titel von Pavel Kohouts "Mein tolles Leben mit Hitler, Stalin und Havel"

„Die unendliche Leichtigkeit des Seins“ machte ihn berühmt

Im Westen Sozialisierte können das kaum jenen nachempfinden, die totalitäre Gesellschaften an Leib und Seele erdulden mussten. Das wird am Umgang mit den „68ern“ überdeutlich. Die literarischen Zeugenaussagen, oft auch Meinungsäußerungen der Oppositionellen im „real exisitierenden Sozialismus“ sind mit dem Mainstream des Marktes kaum vereinbar. Er entstand mit dem Vordringen sozialistisch gestimmter Kräfte in Führungspositionen von Staat und Gesellschaft infolge der 68er Bewegung. Schlimmer noch: Politbürokaten des Westens und ihre mediale Clacque verweigern Polen, Ungarn, Tschechen, Slowaken, Balten, Ostdeutschen das Verständnis für die nachwirkende Furcht, ihre Selbstbestimmung an eine „EUdSSR“ zu verlieren. Das offenbart sich am 21. August 2018, da sich der Einmarsch sowjetischer Panzer in der Tschechoslowakei, die Zerstörung der letzten Hoffnung auf Reform des Sozialismus im Herrschaftsgebiet Moskaus, zum 50sten Male jährt, wieder schmerzhaft.

Darum empfehle ich ein paar Bücher, die erzählen, ohne bequeme Distanz zuzulassen. Über Liao Yiwus Gefangenschaft nach dem Protest gegen das Massaker 1989 habe ich berichtet: „Für ein Lied und hundert Lieder“ erschien nach seiner Flucht 2011 ins Exil. Es ist so aktuell wie damals. Der Tod seines Freundes Liu Xiaobo, Friedensnobelpreisträger von 2010, infolge brutaler Gefangenschaft und die endlich mit internationaler Unterstützung gelungene Befreiung seiner Witwe Liu Xia sind beständige Mahnung, den Heils- und Harmonieversprechen kommunistischer Parteien misstrauisch zu begegnen.

Titelbild zu Immo Sennewald "Blick vom Turm"

Zwischen zwei Jahrhunderten – mit dem Blick aus einem dritten

Für mein eigenes Leben war der 21. August 1968 ein wegweisender Tag. Was dem kaum 18jähringen damals widerfuhr, floss in den ersten meiner drei Romane über deutsch-deutsche Geschichte, über die Musik der Jugend, ihre Abenteuer, Lust und Leid, Glück und Abstürze in der DDR zwischen Thüringer Wald und Berlin – und im vereinigten Deutschland ein. Der August 1968 ist 50 Jahre her – und nichts ist vergessen. Aufgeschrieben wurde vieles schon in den 80er Jahren, erscheinen konnte es erst mit dem Abstand weiterer 20 Jahre, 2008. Und das geschah auch aus der Erfahrung, dass im Westen nicht begriffen wird, wie kollektivistische Ideologien den Untergang der DDR überdauerten, und welche Gefahren mit dem bequemen Leben einhergehen, das Politbürokraten und ihre mediale Gefolgschaft versprechen.

Die Abenteuer des kleinen Gustav Horbel in der großen Stadt Berlin im August 1968, als in Prag die Panzer rollten, sind im Salier Verlag Leipzig erschienen.

Links zu den Büchern:

Ideen beim Aufräumen des Kellers

Von Wahlen ist andauernd die Rede, Umfragen und Prognosen sind allgegenwärtig in den Medien, auch wenn es noch ein Jahr oder länger dauern kann, ehe einer wieder aufgefordert ist, seine Stimme abzugeben. Das ist schon lästig genug, schlimmer wird es, wenn Wahlplakate auftauchen. Sie fordern dazu auf, sämtliche schlechten Erfahrungen mit Parteien zu vergessen und zu glauben. Woran? An Versprechen, die so schwammig, irrational und unglaubwürdig sind, dass sie schon von Weitem stinken. Gestern fielen mir bei einer ungeliebten aber nützlichen Arbeit ein, welchen Reim ich mir darauf machen könnte, um mich weniger zu ärgern.

Wahlversprechen

Wenn‘s im Keller schimmlig müffelt
könnte es geboten sein
man schaut dort in Ecken rein
wo von Flaschen, ausgesüffelt
noch Kartons ihr Dasein fristen
die uns einstmals, bunt und fein
sagten, was wir trinken müssten
um von Herzen froh zu sein.

Solche Reste riechen übel
wie Erinnerung an Wahlen
als ich einstmals unter Qualen
bombardiert mit Wachstumszahlen
leicht beschwipst von den Versprechen
mich entschloss, den Schwur zu brechen
nimmermehr daran zu glauben
dass – ob Falken oder Tauben –
der Gewählten einzig Ziel
nicht sei: Wähl mich – und schweig still.

In der Stille fault sodann
was man nur noch ändern kann
wenn man hart und ohne Säumen
ausräumt, was statt bunten Träumen
Moder und Verfall gebar.
Merke: Über falsch und wahr
frage nicht die Emballage
Prüf den Inhalt, hab Courage.
Was dir imponieren will
allzu oft ist‘s nichts als Müll.

Lichtzeichen im Labyrinth

igel_terror_su.jpg_1Schon nach kurzem Einlesen erstaunte mich die Recherchearbeit, die Regine Igel für ihr Buch geleistet hat. Ein enormes Puzzle von Zeiten, Orten, Personen tat sich auf, zusätzlich kompliziert durch Lücken und Schwärzungen in den Archivalien aus Stasi-Unterlagen, die man ihr beim BStU herauszugeben bereit war. Die größte Komplikation liegt freilich im Wesen der Sache: „Terrorismus-Lügen“ sind mehr als die gängigen Deckmäntel überm Agieren der Stasi, die einem beim ersten Blick auf den Buchtitel einfallen. Lügen, Fälschungen, Tarnen und Täuschen, kurz: Desinformation sind Methoden des Terrorismus selbst – und der Geheimdienste von Staaten, die dessen Handeln aus dem Untergrund gern und meist skrupellos ihren Interessen dienstbar machen. Insofern müsste die einstige Abteilung XXII des Mielke-Ministeriums nicht „Terrorabwehr“ sondern eigentlich „Terrorlenkung“ heißen.

Markus Wolf, bis 1987 Stellvertreter Mielkes und Chef der „Hauptverwaltung Aufklärung“ gab 1997 „Partnerschaften“ mit der PLO, mit dem berüchtigten „Schakal“ Carlos, mit der RAF zu – unbestimmt und vernebelnd. Fest steht, dass in den Jahren 1989 und 1990 vor allem bei der HVA und der Abteilung XXII sehr gründlich und erfolgreich die „operativ entscheidenden“ Akten vernichtet wurden. So entgingen deren Mitarbeiter möglichen Anklagen wegen der Beteiligung an Morden und Attentaten. Das dort gesammelte Wissen war und ist freilich auch für die westlichen Geheimdienste nützlich, weshalb eine riesige Menge erhaltener Akten im Interesse der „Staatsräson“ bis heute unter Verschluss bleiben, Regine Igel durfte sie nicht nutzen.

Sie erschloss sich Quellen im Ausland – etwa anhand der sehr weitgehenden und genauen Ermittlungen zum Terrorismus in Italien – und durchstöberte Zeitungsarchive, las zahllose einschlägige Bücher, glich mit Dokumentationen und Spielfilmen ab, befragte Zeitzeugen, übersetzte selbst aus dem Italienischen und Englischen. So fand sie heraus, wie unterbelichtet in allen Darstellungen der RAF-Aktionen das Zusammenspiel mit der Stasi erscheint. Die Netzwerke nahöstlicher, italienischer, japanischer und westdeutscher Kommandos waren mit Ostberlin eng verknüpft, fast immer mit Stasileuten infiltriert, einzelne Akteure wurden bezahlt und an geheimen Ausbildungsorten trainiert, tauchten zeitweise in der DDR unter, wurden mit Pässen und Legenden versorgt.

Neben dem frappierenden Gesamtbild, das sich trotz der staatlich verordneten Leerstellen aus dem Puzzle ergibt, erschafft die Autorin ein Panoptikum wichtiger Figuren. Es sind zahlreiche Doppel- und Mehrfachagenten darunter; bis zu Kassenbelegen der Stasi sowie Ein- und Ausreisedaten des Bundesdeutschen INPOL-Systems herunter hat Regine Igel Feinstrukturen untersucht. Wer immer sich mit dem Thema RAF und internationaler Terror befasst, wird ihre Aufschlüsse schätzen. Für mich war die Lektüre zugleich aufregend und mühsam; das Hin und Her zwischen Orten, Figuren, Ereignissen verlangt mehrfaches Lesen, Aufmerksamkeit für zahlreiche Anmerkungen, aber der Gewinn an Einsichten und Hinweisen auf weiterführende Lektüre ist enorm: Obwohl „Terrorismuslügen“ schon 2012 erschien, hat das Buch nichts an Brisanz eingebüßt.

Seine Botschaften könnten – mit den Worten eines ziemlich erfolglosen Innenministers ausgedrückt – „die Bevölkerung verunsichern“. Es zeigen sich Komplementarität und Korrespondenz von Staat und Terror: Die hohe Mobilität von Attentätern und Auftragskillern signalisiert, dass niemand an irgend einem Ort dieser Welt sicher sein kann, so will es der Terrorismus. Er kommuniziert über brutale Gewalt seine Ziele und seine Macht, damit bricht er das Gewaltmonopol des Staates. Er operiert klandestin wie die Geheimdienste, die sich spektakuläre Operationen in der Öffentlichkeit nur selten erlauben können, die aber die Sicherheit des Staates und seiner Bürger schützen sollen. Korrespondenz ergibt sich da, wo Information abzuschöpfen, wo Destabilisierung Dritter beabsichtigt ist, und es entstehen giftige Bündnisse, etwa von Rechts- und Linksextremisten, die auf Antiamerikanismus und Antizionismus gründen. Auch dabei zogen, das deckt Regine Igel auf, Stasi, KGB und andere östliche Geheimdienste jahrzehntelang die Fäden. Ein Blick auf heutige politische Konstellationen der Großmächte lässt erwarten, dass Strategien des „Deep State“ insbesondere mit islamistischem Terror kalkulieren. Deutschland ist für ihn ein logistisches Dorado.

Regine Igel „Terrorismuslügen – Wie die Stasi im Untergrund agierte“, Verlag F.A. Herbig, 2. Auflage Stuttgart 2018, 336 Seiten, 23 €