Wünsche, Pläne, Lügen und Gewalt

'David' by Michelangelo JBU0001

Der Mensch – zwischen Wunsch und Realität

Das Schicksal des Menschen ist der Mensch.

Das gilt für den Einzelnen, der kaum längere Zeit ungesellig leben kann, wenn er essen, trinken, sich warm halten und soziale Grundbedürfnisse befriedigen will.

Das gilt für die Gattung in einer enger werdenden Welt mit knappen Ressourcen und begrenzten Räumen. Zwar werden natürliche Katastrophen unsere Spezies immer gefährden – niemals werden sich Erdbeben, Überflutungen, Brände, Seuchen, Einschläge von Asteroiden oder kosmische Strahlung gänzlich beherrschen lassen – aber wir stehen heute mehr denn je vor der Frage, ob nicht menschliches Handeln, ob nicht seine Formen sozialer Interaktion das eigentliche Problem sind.

Können wir Konflikte zwischen konkurrierenden Gruppen – Nationen, Kulturen, Ethnien, Religionen, Konzernen, Banken, Regierungen, Parteien oder sonstiger (an Stämme der Steinzeit erinnernder) Organisationsformen – anders als durch Gewalt lösen? Sind nicht aggressive Strebungen, Dominanzwünsche und Gewalt elementare Strategien des Überlebens?

Gewalt als Schlägereien, Revolten, Kriege und Terrorattacken hat es immer gegeben, sie dauert fort und findet neue Formen im Cyberspace. Der Einzelne hatte wenig mehr als den Zufall auf seiner Seite, wenn es ums Überleben ging. Die naturwüchsige Strategie von Herden, Schwärmen, Sippen, Horden, Banden verbesserte seine Chancen, alle profitierten vom Schutz, vom Fortbestand der Gemeinschaft, Verlierer blieb immer der Einzelne. Ähnlich verhält es sich mit Strategien der stammeskulturell geprägten Meute, des Mobs, der Staaten, Unternehmen und Verbände aller Art.

Mit der Entwicklung moderner Staaten und Firmen samt Heeren von Arbeitern und Angestellten wird das Phänomen struktureller Gewalt interessant: Es gibt Organisationen, die nach außen und innen rücksichtslos ihre Interessen zur Selbsterhaltung durchsetzen – gegen Leib und Leben des Einzelnen, gegen die Konkurrenz, das Gemeinwesen und gegen die Natur.  Sie trachten danach, sich mit besonderen Rechten auszustatten – auf nationaler, zunehmend supranationaler Ebene, so dass weder sie selbst noch eines ihrer Mitglieder für jede Art Fehlleistung in Haftung zu nehmen wären. Solche Organisationen versuchen mit legalen oder kriminellen Mitteln, die Grundlage allgemeinen Rechts zu usurpieren: das „Gewaltmonopol des Staates“. Dass Konflikte eskalieren, dass sie in vollkommene Zerstörung münden, nehmen sie schlimmstenfalls in Kauf. Sie stellen die ihnen zugehörigen Menschen von Verantwortung frei und machen sie zu willfährigen Handlangern.

Der Vorgang wird an den totalitären Systemen des Kommunismus und Nationalsozialismus deutlich. Religiöse oder andere ideologische Verklärungen von Gewalt gab es seit je – hier wuchs sie unterm Deckmantel von Heilsversprechen für ihre Gefolgschaft auf die Dimension von Genoziden und Weltkriegen an. Angesichts globaler Auswirkungen, die seit dem 20. Jahrhundert sowohl mit Kriegen unmittelbar, als auch mit Angriffen auf Energie- oder Finanzwirtschaft, Informations-und Versorgungssysteme einhergehen, ist zu fragen, ob Konflikte zwischen Menschen auch künftig so unvermeidlich und unbeherrschbar bleiben wie Naturereignisse.

Lässt sich das Verhalten von Milliarden Menschen nicht auf ein friedliches, ausbalanciertes Zusammenleben hin beeinflussen, auf kooperative Strategien der Individuen und ihrer Organisationen, zum Nutzen der Gattung mit ihrer Kultur (Technik) und der sie umgebenden Natur? Derzeit erscheint das – mit dem Blick auf politische Realitäten – als Wunschtraum.

Zweierlei zumindest ist sicher:

  • Konflikte sind unvermeidlich; sie erzeugen die Dynamik zwischen Gruppen von Menschen ebenso wie zwischen Individuen und dem gesamten Umfeld, mit dem wir alle interagieren: mit der Welt.
  • Konflikte werden in Zukunft ALLE betreffen. Die globale Wirtschaft wird es unvermeidlich geben und damit wechselseitige Abhängigkeiten aller von (fast) allen. Das betrifft die natürlichen Ressourcen ebenso wie den Informationsaustausch.

Angesichts dieser mit dem abgedroschenen Begriff „Komplexität“ unzulänglich beschriebenen Lage ist nichts verdächtiger als Heilslehren.

Der Artikel steht am Anfang zur Neufassung des Buches „Der menschliche Kosmos“. Mehr dazu gibt es im zugehörigen Weblog.

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Träume altern nicht (Schluss)

Zurück zu Teil (7)

2015-06-08 14.21.15Sie ist schon da. Sie winkt mir mit der Kuchengabel von einem Fensterplatz aus zu, Heidelbeertorte und Latte macchiato sind zur Hälfte verspeist, sie strahlt:

„Schwarzwald und Ostsee – mehr brauche ich nicht. Schön, dass du da bist, und das mit dem Wetter hast du auch wieder hingekriegt.“

„Möchtest du nachher wandern oder nur spazierengehen?“

„Mach dich nur lustig.“ Sie streckt ein paar äußerst elegante Schuhchen unterm Tisch vor. „Das ist schon ein Zugeständnis an Freudenstadt. Für alle Fälle habe ich noch ein paar Wanderschuhe im Kofferraum, aber die passen nicht so gut zum Rest.“ Ihr Lächeln erübrigt weitere Anspielungen. Sie ist schon aufgestanden, umarmt mich, ihr Mund ist an meinem Ohr. „Ich möchte gern wissen, wie du hier lebst.“ Jetzt schaut sie mir direkt in die Augen. „Darf ich?“

„Es ist nicht mehr so gemütlich wie in meiner Berliner Bude, falls du das meinst, und zu einem Haus hat ‘s nie gereicht, aber der Balkon ist nett. Hast du keine Angst vor Paparazzi?“

„Die hängen wir ab. Sekt?“ Sie winkt der Serviererin, etwas Leckeres von Badischen Winzern löst die Zungen, ehe ich zum Nachdenken komme, hat sie die Rechnung bezahlt, drängt zum Aufbruch.

„Zu Fuß oder im Auto?“

„Wie weit ist es denn?“

„Ich habe zwanzig Minuten gebraucht, und bei dem Wetter…“

Sie zieht eine Schnute: „Dann fahren wir. Mir ist nach Balkon.“ Die Eile wird mir unheimlich, nur ist meine Gier, sie allein in meine Wohnung abzuschleppen, übermächtig. Was wird geschehen? Ich bin nicht Kachelmann, sie ist „in festen Händen“, worauf soll das hinaus? Zum ersten Mal in meinem Leben besteige ich einen Porsche, das Ding ist so unwirklich wie alles an dieser Begegnung, die kein Wiedersehen ist, sondern gespenstisch überzeichnete Episode aus einer kitschigen Fernsehserie. In den wenigen Minuten Fahrt fragt sie mich nach Beruflichem, in knappen Worten erfährt sie vom Ende meiner Arbeit in einem Forschungsinstitut, das Fragen nach meteorologischen Langzeitfolgen von -zig Tausenden Windkraftanlagen für das Klimageschehen nicht mochte und mir zum Vorruhestand verhalf. Ob sie versteht, was ich ihr von der Dynamik nichtlinearer komplexer Systeme zu erklären versuche, weiß ich nicht. Sie fährt sehr konzentriert, parkt routiniert vor dem Reihenhaus, geht zur Tür, dreht sich zu mir um, lächelt.

„Ich bin gespannt wie ‘n Flitzebogen.“

„Auf eine richtig spießige Behausung?“ frage ich. Sie lacht. Sie schlüpft durch geöffnete Türen ins Haus, in die Wohnung, wie ein Kind, das geheimgehaltene Räume erkunden will. Sie weht durch meine drei kleinen Zimmer, die Küche, das Bad, wendet sich zu mir um, breitet die Arme aus.

„Worauf wartest du, Kachelmann? Du hast mich neugierig gemacht, jetzt will ich das volle Programm.“

Ich stürze in einen Rausch, der nie enden soll, höre ihre Laute, die mich in Ekstase versetzen, zwischen Himmelblau und kosmischer Schwärze brennt die Zeit, fluten Gefühle alles Denken fort, bin ich der Welt enthoben…, bis plötzlich der schlanke Frauenkörper sich entwindet, „Scheiße!“ sagt, und „Ich muss telefonieren.“

Dann verschwindet die Sylphe im federleichten Sommergewand, säuselt zuckersüße Sätze ins Smartphone, eine vollendet routinierte, bestrickende Suada für einen Joshua, fernab jeder Ahnung vom gerade passgerecht empfangenen Gehörn. Ich fühle mich wie im eigenen Bett auf die Straße gestellt.

Ein hingehauchtes „Bis glaaahaich!“ beendet das Gespräch. „Tut mir leid“, sagt die Diva zwinkernd, „das musste jetzt sein, du Schlingel, du hast mir ziemlich zugesetzt, Respekt, aber es ist höchste Zeit für mich. Darf ich mir noch etwas wünschen?“ Ihr Gesicht hat jenen Ausdruck, mit dem Tausende Generationen schöner Frauen gewohnt sind, jeden Gedanken an Ablehnung in weggehauchten Blütenstaub zu verwandeln: „Das Petschaft. Schenkst du es mir? Vielleicht hast du auch noch ein bisschen Siegellack dazu. Es wäre so ein schönes Andenken. Darf ich es mitnehmen?“

„Du darfst“, höre ich mich sagen, „natürlich. Alles was du willst. Beim nächsten Mal, ja?“

Ich komme nicht dazu, mich aus der Trance des Liebesaktes ohnegleichen aufzurappeln, da ist sie schon aus der Tür, draußen röhrt der Porsche.

Merkurabend (10)

Träume altern nicht (7)

Zurück zu Teil (6)

IMG_20140828_172029Mein Zustand an den folgenden Tagen ist fürchterlich. „Wollen wir telefonieren?“ Ich bekomme die Stimme nicht aus dem Kopf, nicht das Schaudern aus meinen Gliedern, wenn ich wieder und wieder an den Kuss denke. Hatte ich in meinem Leben je wieder so geküsst wie in jener Nacht? Immer wieder rasen meine Phantasien zwischen der Bohème vom Prenzlauer Berg und der Architektenvilla, immer wieder sitze ich neben dem Telefon, einige Whiskys versetzen mein Gehirn in hellwache Betäubung. Ich begehre diese fremde Frau rasend, und ich weiß, dass sie mein Begehren heute so wenig teilt wie damals. Ich wüsste gern, was sie antreibt, was sie von mir wollte, vielleicht noch will, und will ‘s nicht wissen, weil es einen Traum zerstören würde, endgültig, tödlich, unwiederbringlich, denn ich bin ein 60 Jahre alter Frührentner. Schneeköniginnen treten in Freudenstadt nicht auf, schon gar nicht meinetwegen. Schließlich – deshalb brauche ich den Whisky – falls ich dort anriefe, wäre womöglich Joshua, der berühmte Architekt am Apparat, demütigende Situation, für die ich eine blöde Ausrede haben müsste, mir fällt keine ein.

Nach einer knappen Woche schreckt mich das Telefon auf, ich weiß sofort, dass sie es ist, hätte ich den Anruf ignorieren wollen, hätte ich ebenso gut das Whiskyglas essen können.

„Ja?“

„Ich dachte mir schon, dass du dich nicht melden würdest, also tu ich ‘s. Stör ich?“

„Nein. Ich freu mich, hatte mich ehrlich gesagt nicht getraut. Wie geht ‘s dir?“

„Ich würde dich gern sehen.“ Sie macht keine Umstände – und mich sofort wieder verlegen. Sie weiß das offensichtlich und fährt fort: „Deine Kollegen haben Bombenwetter versprochen, mir ist nach einem Ausflug in den Schwarzwald. Wie wär ‘s morgen zum Kaffee, sagen wir halb drei im ‚Bacher‘, dort darfst du sogar rauchen. Danach gehen wir spazieren.“

„Das lässt sich einrichten. Du kennst dich anscheinend gut aus: ‚Was in Wien das Café Sacher ist in Freudenstadt das Bacher‘.“

„Ich habe ein bisschen recherchiert. Das Internet ist ziemlich verlässlich. Ist es nicht toll, dass wir das erleben? Wir können unsere Erfahrungen mit jeder Art Wissen verbinden. Noch in unserem Alter wartet das Abenteuer. Wir finden heraus, was uns an irgend einem Ort dieser Welt erwartet, trotzdem kann dort Unvorhersehbares geschehen.“

„Das war im WC nicht anders. Wir wussten, was uns dort erwartet: Ziemlich wenig. Wir kamen an diesen tristen Ort, weil es dort eine Gemeinschaft der Illusionslosen gab. Das war exotisch in einem Sozialismus, der Illusionen als Realität verordnete. ‚Du hast keine Chance, also nutze sie‘ – das war einer der Sprüche von damals. Mein Freund, der Schauspieler, hat das immer gesagt. Er wanderte in den Knast, als er einen Ausreiseantrag stellte. Vielleicht hat einer der Stasis im WC ihm dazu verholfen. Die saßen dort im Dutzend. Davor müssen wir uns im ‚Bacher‘ freilich nicht fürchten.“

„Du warst kein Stasi – oder?“

„Hast du das gedacht?“

„Ich wollte es rausfinden. Unter den Paradiesvögeln des Ostens warst du wirklich der mit dem spießigen Stasilook. Tut mir leid, ich wollte dich nicht kränken, aber so war ‘s.“

„Dass ein paar besonders bunte Vögel für die Stasi gearbeitet haben, kam dir nicht in den Sinn?“

„Nein. Weiß nicht. Meine Güte, ich war Zweiundzwanzig. Einige meiner Lehrer an der Schauspielschule waren Stasis, einige meiner Lover: Es war ja auch eine Art Spiel: So einem Typen mit den Titten vor der Nase herumzuschaukeln, bis er alles Mögliche ausplauderte, und ihm dann das Spielzeug wegzuziehen. Wollen wir dieses Scheißthema nicht beenden? Du warst keiner von denen. Das habe ich an dem Abend im WC gespürt, sonst wäre ich nicht in deiner Studentenbude gelandet. Und ich hätte dich nicht nach dreißig Jahren angerufen.“

Vermutlich habe ich schon ein paar Whiskys zu viel getrunken. Mich packt plötzlich ein Lachkrampf, der sich noch am Telefon sehr ungesund anhören muss. Die DDR und ihre Stasi sind lange untergegangen, aber das Misstrauen hat überlebt. Als habe einer sich an die tägliche Dosis Arsenik gewöhnt, um gegen das Gift immun zu werden. In alten Zeiten sollen Leute sich so vor Giftmorden geschützt haben.

„Kachelmann hatte wirklich Glück. Hätte ihn eine Stasitante mit Tittenschaukeln kirre gemacht und anschließend wegen Vergewaltigung hingehängt, wäre er für etliche Jahre in Bautzen eingefahren.“ Mir fällt sofort ein, dass es nicht unbedingt so gelaufen wäre. Einen Prominenten wie Kachelmann hätten die Mitarbeiter des Liebesministeriums viel lieber erpresst, sich als Spitzel unter Seinesgleichen nützlich zu machen. Vielleicht hat die schöne Heike denselben Gedanken, denn für eine Weile bleibt das Telefon stumm. Dann seufzt sie.

„Ich mag diese feministische Hysterie auch nicht. Immerhin hat dein Kollege Kachelmann Recht bekommen.“

„Es hat ihn die Existenz gekostet und viel Lebenszeit.“

„Du bist ziemlich verbittert, nicht wahr? Traust du mir etwa eine solche Sauerei zu?“ Der Alkohol hat mich hinreichend enthemmt, auf diese Frage zu antworten.

„Ich traue Frauen jede Art sadistischer Grausamkeit zu, die gemeinhin Männern – vor Boschausschnitt.jpgallem weißen – vorbehalten sein soll. Ihre Methoden sind subtiler. Sie sind körperlich unterlegen, blutige Rache wie in ‚Kill Bill‘ wird kaum eine üben. Dazu bräuchte es auch eine Energie und Hartnäckigkeit, wie sie nur ein Filmautor mit der Phantasie Quentin Tarantinos ersinnen kann. Die reale Rache der Frauen erfordert kein entbehrungsreiches Erlernen männlicher Kampfkunst, wie Uma Thurmann es vorführt. Die Jahrtausende alten weiblichen Methoden sind ererbt, sie werden auf ganz normalen Schulhöfen trainiert, sind unschlagbar, und der härteste Macho bekommt nicht einmal mit, wie sie funktionieren.“

„Hasst du die Frauen, weil deine Ehe schief ging?“

„Deine erste Ehe ging auch schief, hasst du deshalb die Männer?“

„Das ist etwas ganz anderes. Lass uns lieber morgen darüber reden, ja? Mich hasst du jedenfalls nicht – oder?“

„Morgen, okay. Schlaf gut.“ Und damit schalte ich das Gespräch ab. Vielleicht werde ich vergebens im Café Bacher auf die Schneekönigin warten.

Fortsetzung folgt

Träume altern nicht (6)

Zurück zu Teil (5)

 

„Keine Ahnung.“

Bornmüller-Wappen„Das einzig Erfreuliche an deiner ziemlich scheußlichen Studentenbude waren die Bücher, ein paar Schallplatten und Erbstücke aus deiner Familie. Die fand ich wirklich toll. Ein paar Wochen nach – nun ja – unserem Liebesabenteuer kam überraschend dein Brief, und das Kuvert war versiegelt. Du hattest mir die Geschichte vom Petschaft mit dem Familienwappen erzählt, so was hatte ich noch nie gesehen, dann hielt ich dieses rote Medaillon zwischen den Fingern. Hast du das Petschaft noch?“

„Gewiss. Aber einen versiegelten Brief müsste ich heute mindestens in Luftpolster verpacken, damit das Siegel den Transport per Post übersteht. Schreibt überhaupt noch irgendwer Briefe?“

„Geschäftspost. Irgendwelche Dinge, die gerichtsfest sein müssen.“

„Können Liebeserklärungen gerichtsfest sein?“ Wir brechen beide in Gelächter aus. Es schüttelt uns. Immer, wenn wir uns zu beruhigen versuchen, genügt ein Blick, den Anfall zu erneuern, obwohl daran längst nichts Komisches mehr ist: Der Tag, von dem an Verliebte ihr Einverständnis zum Hupfauf notariell beglaubigen lassen müssen, scheint nicht mehr fern. Als sei Liebe nicht genau deshalb unwiderstehlich, weil sie seit je mit dem Risiko von Schmerz, Scheitern und Verlust einhergeht. Ich reiße mich zusammen.

„‘Weh spricht vergeh‘, doch alle Lust will Ewigkeit.‘ Ich sollte dankbar sein, dass du dich im Guten erinnerst. Eine Ewigkeit ist vergangen. Hätte sich damals mein Traum erfüllt – wer weiß, was aus uns geworden wäre.“

„Blödsinn. Du hast geträumt, mehr war nicht. Du warst nicht mein einziger Kurzgespiele. Na und? Dürfen nur Männer reihenweise Affären haben, ohne sich um unerfüllte Träume ihrer Bettgenossinnen zu kümmern? Wieso nicht umgekehrt?“

Sie hat recht. Was soll dabei herauskommen, über unerfüllte Träume nachzudenken? Dass einer meistens Blödsinn träumt? Dass einer seine Ziele gefälligst an der Realität ausrichten sollte, oder an dem, was andere ihm als Realität einreden?

„Na klar“, murmle ich, fülle die Gläser wieder und proste der Traumfrau zu, „Nicht alle meine Träume sind zerflattert, und nicht jeder erfüllte erwies sich als Glück. Zumindest das wirst du nicht anders erlebt haben. Trinken wir aufs Glück der erfüllten Träume.“ Ihre Augen sind einen Moment in meinen, sie hebt die Brauen, schürzt die Lippen.

„Ich wünsch dir Glück. Du bist ziemlich gebeutelt worden. Prost!“

Mir fällt plötzlich ein, wer Taittinger war: Ein österreichischer Baron, der ein Mädchen namens Mitzi geschwängert, sie natürlich nicht geheiratet, sondern im Puff untergebracht und dem Schah von Persien bei dessen Staatsbesuch in Wien untergeschoben hatte. Mitzi sah einer Gräfin ähnlich, in die der Schah sich beim Ball am k.u.k Hof verliebt hatte. Er erwartete selbstverständlich, dass ihm der Beischlaf mit jedweder Frau aus der Entourage des Gastgebers zustünde. Um eine diplomatische Katastrophe abzuwenden, waren die zuständigen Beamten Taittingers Idee gefolgt, dem kaiserlichen Perser Mitzi anstelle der Gräfin ins Bett zu legen. Das funktionierte nur teilweise, brachte Taittinger eine schmachvolle Versetzung in die Provinz, Mitzi aber ein reiches Geschenk vom Schah ein. Was daraus wird, steht in Joseph Roths Roman „Die Geschichte von der 1002ten Nacht“; ich kenne kaum ein Buch, in dem Affären trister sind, sich Geldgier mit Niedertracht schamloser paart und noch der letzte Traum grausam zerfleddert. Taittinger…

„Hattest du keine Träume, damals? Von großen Rollen am Theater, beim Film?Wärst du nicht gern ein Star geworden?“ Heike schüttelt sich ein wenig, zieht das Oberteil enger um ihre Schultern. Im Garten lagern Schatten, eine Amsel meckert, die Mauersegler kreischen lustvoll aus dem verblassenden Himmel. Die Traumfrau reicht mir ihr leeres Glas, ohne mich anzusehen.

„Lass uns nach drinnen gehen, mir wird kalt.“ Drinnen hat sich wie von Geisterhand ein Kaminfeuer entzündet. Zwei der berühmten Sessel von Marcel Breuer stehen davor, ein Tischchen mit Sektkühler, darin eine noch ungeöffnete Flasche Taittinger. Wer hat sie hingestellt?

„Hast du sowas wie einen Butler?“

„Nur eine Haushälterin, aber sie ist wirklich großartig. Sie ist weg. Ich hatte ihr gesagt, dass sie um acht gehen kann, vorher noch den Schampus hinstellen – für den Fall, dass es später wird.“ Sie lacht mich an, streckt mir die Hände entgegen. „Sei nicht so etepetete. Genieße den Augenblick. Ich freue mich, dass du da bist. Und das mit den Träumen ist ganz einfach: Als wir im WC ‚Rotkäppchen‘ tranken, hatte ich längst keine mehr. Mit sechzehn wollte ich zum Theater, weil ich einen aufregenden Freund hatte, er war Regisseur. Die meisten Stars der DDR waren da schon im Westen. Wenige schafften es nach Hollywood wie „Minchen“ Mueller-Stahl und Uli Mühe mit seinem Oscar später in den 90ern; die Domröse, die Sass versanken im Alkohol, was blieb, waren Anpasser, mehr oder weniger, sogar die zweite Garnitur wanderte aus. Ein paar Verrückte machten auf Opposition, damit war ihre Karriere bei Film oder Fernsehen gelaufen. Sie taten sich in kleinen Gruppen zusammen, dort fragten sie sich andauernd, wer von ihnen sie für die Stasi observierte. Es war immer irgendwer bei der Stasi. Sogar mich haben sie gefragt, ‚ob ich nicht einen Beweis meiner fortschrittlichen Einstellung antreten möchte und mir damit den Weg zu größeren Aufgaben ebnen‘, oder so ähnlich. Da waren meine Theaterträume längst tot. Ich hatte die Provinz erlebt. Uckermark, Mecklenburg, Radebeul, Annaberg-Buchholz. Schau dich um, Kachelmann: Hätten wir beide vor dreißig Jahren von solchem Luxus geträumt? Wie armselig unsere Träume waren! Wach auf! Und gieß uns ein.“ Der Korken knallt diesmal, das macht ihr Spaß, der Champagner sprudelt in die Kelche, sie legt ihre Hand auf meine Schulter, als wir anstoßen.

„Weiß dein Mann, dass ich zu Besuch bin?“ Sie prustet los.

„Ich glaube, du bist ein richtiger Spießer. Natürlich weiß er es. Und er hat eine Heidenangst, dass du mich flachlegst. Deshalb hat er hier überall Kameras eingebaut und kann uns von seinem Smartphone aus sehen.“ Sie schaut mich aufmerksam an. Ich fühle mich wie ein Insekt. Was geschieht hier? Ich bin ein Mann von gut sechzig Jahren, ohne jede Veranlassung, mich minderbemittelt zu fühlen. Wo ist mein Selbstbewusstsein hin, wo der Abstand, aus dem heraus ich mit dieser Frau am Telefon sprach?

Gustav_Klimt_Kuss„Küss mich“, sagt sie, die Hand auf meiner Schulter zieht mich heran, schon ist ihr Gesicht an meinem, öffnet sich der schöne Mund, habe ich sie mit der freien Hand umfasst, versinke in einem Kuss. Ich spüre die vollen Brüste, spüre, wie sie ihren Schenkel um meine Beine schlingt. Der Kuss ist endlos, ich will nichts als küssen, nichts als diese schlangenhafte, eisige Gluthitze fühlen, mich verlieren in Lust in Ewigkeit Amen.

„Du erstickst mich ja.“ Sie hat sich mir entwunden, strahlt und lacht. „Schlimmer als ein Junger. Verlernt hast du nix.“ Meine Gier nach dieser Schönheit ist ungestillt, unstillbar, aber sie hält mich mit einer Handbewegung auf Abstand. „Hab ein bisschen Geduld, Kachelmann. Ich muss nachdenken. Du hast einen seltsamen Charme. Aber du wirst verstehen, dass ich nicht Hals über Kopf etwas fortsetze, was ich vor dreißig Jahren als nettes, flüchtiges Abenteuer sah. Ich habe nichts gegen Abenteuer, so lange sie außerhalb meiner vier Wände passieren. Das ist das mindeste, was ich Joshua schulde, ihm gehört dieses Haus. Wollen wir telefonieren?“ Mir ist völlig egal, wie diese Geschichte weitergeht, ich will nur, dass sie weitergeht. Und ich will raus aus dem Kristallpalast.

„Ruf mich an. Die Nummer hast du ja. Bis dann also – Tschüs!“ Ich bin schon auf dem Weg hinaus, winke nur kurz zurück, wie von Furien gehetzt laufe ich zur Bushaltestelle. Natürlich verkehrt keine Linie mehr um diese Zeit in den Villenvorort, ich telefoniere ein Taxi herbei, lasse mich zum Bahnhof fahren, wo mir ein gnädiger Kiosk zu dem Alkoholpensum verhilft, mit dem ich die Heimfahrt überstehe, der Taxifahrer in Freudenstadt nutzt meinen Zustand für einen satten Aufschlag, es ist mir egal.

Fortsetzung Teil (7)

Deuter und Diktatoren

Vierbeiner gut – Zweibeiner schlecht!

Wenn Politiker im Kampf um die Deutungshoheit auf dem Weg zur Macht Herdenimpulse nutzen – tut das die Gegenseite, wird sie gern als „populistisch“ geschmäht – leisten immer noch die Methoden der Schweine in Orwells „Farm der Tiere“ gute Dienste. Allerdings zeigt sich, wie bei Orwell nachzulesen, dass die Realität ziemlich hartnäckig widersteht, wenn Ideologen sie schweinemäßig umzulügen versuchen.
Das Wort „Freunde“ erlebte in der DäDäÄrr auf diese Weise einen Bedeutungswandel. Stalinismusverträglich wurde es von der Politbürokratie auf jeden beliebigen Einwohner der Sowjetunion gemünzt. Es gab eine „Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft“, wer nicht berufliche Nachteile in Kauf nehmen wollte, wurde Zwangsmitglied – „freiwillig gezwungen“ nannte das der Volksmund. Da insbesondere die Chefs der KPdSU wenig freundschaftliche Gefühle weckten, drückte „die Freunde“ umgangssprachlich das Gegenteil aus: Misstrauen, Hohn, Spott.
Die meisten Russen haben nicht verdient, in diesem Sinn als „Freunde“ bezeichnet zu werden. Das legt die Frage nahe, ob es nicht als zu verfolgende „hate speech“ einzuordnen ist, überhaupt irgendeine Menschengruppe so zu bezeichnen.
Oder anders gewendet: Darf jemand wie Heiko Maas es als „hate speech“ einordnen, wenn ich ihn als Freund, als hm, äußerst honorigen Volksvertreter oder leuchtenden Verfechter des Grundgesetztes bezeichne? In Kenntnis meiner Denkweise könnte er sich womöglich beleidigt fühlen. Das Problem hat E.T.A. Hoffmann im „Meister Floh“ schon einmal illustriert: der Geheime Rat Knarrpanti sah sich jederzeit imstande, Personen zu kriminalisieren. Habe man einen Delinquenten erst einmal inhaftiert, meinte er, fände sich schon das passende Delikt, ihn auch gerichtsfest beliebig lange hinter Gitter zu bringen. Die böse Satire Hoffmanns auf den seinerzeitigen Berliner Polizeidirektor fiel folgerichtig unter Zensur, der Autor entging selbst strafrechtlicher Verfolgung nur, weil ihn der Alkoholtod dahinraffte.
Ich überlege, ein „Dschungelbuch der Deutungen“ zu schreiben, das die ganze Komplexität solcher tierisch-menschlichen Phänomene zumindest aufscheinen lässt. Aber womöglich wäre das nur ein ebenso hoffnungsloser Versuch wie die Texte von Peter Panther, Theobald Tiger,… alias Kurt Tucholsky, den Erich Kästner einmal als kleinen dicken Berliner beschrieb, der versucht habe, mit seiner Schreibmaschine eine Katastrophe aufzuhalten. Die Umdeutungen haben wieder Konjunktur in der Politbürokratie und ihrer ideologischen und journalistischen Gefolgschaft.
Die Einwohner der DäDäÄrr durften zwar Tucho lesen, der war ja Antifa, aber nicht Orwell. Manchmal frage ich mich, ob der Applaus für die Weisen von damals nicht den heutigen Herden als Ersatz fürs Nachdenken über die Verhältnisse im eigenen Gatter dient. In der Regel befreit sie von ihrem Schicksal nur der Schlachter oder ein Wirbelsturm. Aber in stürmischen Zeiten der Freiheit sind Herdentiere meist ratlos, sie wecken nostalgische Wünsche nach verlorener Stallwärme. Zu besichtigen etwa bei den ihrer Sowjetunion beraubten Freunden.
Was bleibt? Tiefes Misstrauen gegenüber Deutern. Tieferes Misstrauen gegenüber Deutern von Gut und Böse. Tiefstes Misstrauen gegenüber Deutern, die Herdenimpulse in Dienst nehmen wollen, indem sie Propaganda als Heilsversprechen ausgeben.

“Es geht seinen Gang” – ein Buch der Deutschen

Vorlage_HC_rund.inddDer meisterhafte Roman von Erich Loest hat mich – noch aus dem Abstand von 40 Jahren – aufgewühlt. Wie in einem Druckkessel verdichtet er Lebensverhältnisse Mitte der 70er Jahre in Leipzig zu beklemmenden Bildern und Szenenfolgen. Sein Ich-Erzähler Wolfgang Wülff, eher ein Anti-Held, ist Ingenieur in einem “Volkseigenen Betrieb” (VEB) mit den zu jener Zeit überall in der DDR-Mangelwirtschaft üblichen Problemen. Er ist fast genau mein Jahrgang, 1949 geboren, verheiratet, lebt mit Frau und vierjährigem Töchterchen in einem Plattenbau im Leipziger “Oktoberviertel”. Zur Einheitswohnung haben sie den Einheitstrabbi, und dieses Leben ist ziemlich genau, was mir seinerzeit als Alptraum erschien. Nicht dass es mir an Respekt vor den “Werktätigen” gemangelt hätte: Allein die Aussicht, mich als funktionierendes, gar parteitreues Rädchen ins Gestell zu fügen, passte weder zu meinem Wissensdurst und Freiheitsdrang noch zu meiner Lebensgier. Zu meinen Freunden und Bekannten gehörten freilich Ingenieure wie dieser Wolfgang: Hilfsbereite, humorvolle, familienorientierte Männer. Impulse jugendlichen Aufbegehrens hatten sich oft – wie bei Wülff – nach Konflikten mit der Staatsgewalt zu hartnäckigen Traumata verknotet, aber ich bin den “gelernten DDR-Bürgern” niemals so nahe gekommen wie Erich Loest, wenn er Wülff erzählen lässt. Kein Wunder, dass das Buch trotz Behinderungen durch die Zensur im Osten ein Renner war.

Wülffs allzu normales Leben erscheint darin wie mit dem Retro-Virus der Verweigerung infiziert: Der 26jährige möchte gern in Ruhe gelassen werden, nicht aufsteigen in der sozialistischen Wirtschaftshierarchie, nicht zu den “Bestimmern” gehören. Er kümmert sich lieber um sein Töchterchen, seine Mutter, die kriselnde Ehe von Freunden. Seine geliebte Frau Jutta legt diesen Mangel an Ehrgeiz als Trägheit aus, und als er wegen Beleidigung eines Kaders vor Gericht landet, bestraft wird, weil er dessen sadistische Erziehungsversuche in einer Schwimmhalle “faschistisch” nennt, ist es um die Ehe geschehen.

Wie Loest Wülffs inneren Aufruhr in Sprache verwandelt, ihn allein in der Einsamkeit an einem Mecklenburger See, beim Hören einer Sinfonie Bruckners im Gewandhaus auf seiner Seelenwanderung begleitet, das holt dieses “Rädchen” im sozialistischen Getriebe endgültig aus der Anonymität. Am Ende verliebt er sich – in eine Alleinerziehende. Das ist kein Happyend, aber einer jener Hoffnungsfunken des Jahres 1977, die das Ende der DDR vorwegnahmen. Der Staat wurde seinen Bürgern längst nicht mehr gerecht, Rudolf Bahro hatte es im selben Jahr gnadenlos analysiert, die DDR war schon fast bankrott. Mir bleibt nur zu wünschen, Erich Loests Mühen um die deutsche Einheit würde auch künftighin dadurch belohnt, dass viele diesen Roman lesen. Die ihn gelesen haben, werden kaum zulassen, dass es in Deutschland noch einmal seinen – sozialistischen – Gang geht.

Erich Loest
Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene
Roman, Mitteldeutscher Verlag, 294 S., geb.
ISBN 978-3-86152-021-4

Träume altern nicht (5)

Zurück zu Teil (4)

Keine vierzehn Tage später drücke ich einen Klingelknopf aus Edelstahl, glotze in eine Kamera, eine Eisentür in Rost-Design öffnet sich in der mannshohen Hecke auf einen von Rosen gesäumten, glasüberdachten Parkweg. Auf der obersten von fünf Stufen zum Eingang eines Palastes, ganz aus Kristall, steht die Schneekönigin und winkt. Die späte Sonne beleuchtet ihr Haar, ein langes himmelblaues Kleid aus Chiffon umspielt die Traumfigur. Sie kommt auf mich zu. Ich umklammere das Bukett, die Papierhülle habe ich an der Bushaltestelle entsorgt. Ich bin ohne Auto gekommen, weil einerseits meine Augen ziemlich schlecht geworden sind, ich mich andererseits heute betrinken will. Wenn nicht bei der Gastgeberin, dann hinterher in irgendeiner Kneipe. Noch bin ich stocknüchtern wie selten, seit meine Frau gestorben ist.

Aprilcut„Guten Tag, Leo.“ Der Strauß landet in der ausgestreckten Hand. „Oh wie schön. Das wäre doch nicht…“ Wir lachen beide los. Die Distanz ist wieder weg. Sie umarmt mich und küsst mich auf beide Wangen. „Komm rein, Kachelmann, du kannst offenbar Wetter nach Wunsch machen.“ Hinter mir schließt sich lautlos die Glastür, innen ist Park wie außen, nur das Allerheiligste liegt hinter hohen Wänden aus kostbarem Holz.

„Nettes Anwesen.“ Ironie ist der Strohhalm des Romantikers. Sie strahlt mich an.

„Nicht wahr? Schön, dass es dir gefällt. Joshua ist Architekt – und er baut die tollsten Sachen. Sogar in China.“

„Donnerwetter. Das Rosttor ist wohl Tarnung?“

„Es hat eine Geschichte – in unserem Alter haben fast alle Sachen ihre Geschichte. Joshua würde nichts um sich, um uns herum dulden, was nicht mit unserer Geschichte zusammenhinge. Irgendwelche gekauften Antiquitäten zum Beispiel. Sowas ist für Parvenüs.“

„Guter Standpunkt. Nur nicht für Antiquitätenhändler.“ Ihr Lachen antwortet aus einem Korallenmund ohne eine Spur von Altersfältchen drumherum. Sie muss jetzt 55 sein, aber außer Krähenfüßen an den Augen und unvermeidlichen Furchen auf der Stirn, zwischen Mund und Nase, ist ihr Gesicht jugendlich geblieben. Kein plastischer Chirurg hat geschönt: Es ist umwerfend. Es wirft mich um. Unsere Augen treffen sich – der Moment ist zu kurz.

„Ich dachte mir, dass du es genauso siehst. Und deshalb habe ich dich angerufen. Aber davon später. Was darf ich dir anbieten?“

„Alkohol. Damit komme ich gut zurecht.“ Sie wirkt nicht irritiert. Stattdessen nimmt sie meine Hand, was einen Stromschlag von 100 000 Volt auslöst. Sie zieht mich um eine Ecke des Edelholzturms in eine Halle mit wenigen Ledersesseln, draußen blühen Rosen und ein Tulpenbaum, Solitär zwischen Eichen, Koniferen, darunter eine Libanonzeder und eine Sequoia, vermutlich wird sie die Villa aus Glas um einige Jahrhunderte überdauern, wenn man sie lässt. Bäume und Menschen. Liebe und Leben. ‚Nichts bleibt, mein Herz, und alles ist von Dauer‘. Erich Kästners melancholischer August ist in meinem Kopf. Eine Sternschnuppe zwischen Händen. ‚Dann wünsche deinen Wunsch: Doch gib gut Acht…‘ Ihre Hand löst sich.

„Whisky?“

„Fangen wir lieber mit Sekt an. Es ist erst Juni, noch nicht August. ‚Aus Gras wird Heu, aus Obst Kompott, aus Kälbern werden Rinder, und – weil ‘s zur Jahreszeit gehört – aus Küssen kleine Kinder.‘ Habt ihr welche?“ Das ist ein schönes Ablenkungsmanöver, sie geht nicht darauf ein.

„An deine Vorliebe für Kästner erinnere ich mich. An deinen Brief, Romantiker. Trotzdem willst du immer gleich zur Sache kommen. Hab ein bisschen Geduld mit mir. Ich hole uns Gläser. Ist ‚Taittinger‘ okay? Rotkäppchen gibt ‘s leider nicht.“

Der Brief. Das Gedicht. Eigentlich waren es zwei Gedichte: „Der August“ aus Erich Kästners Zyklus „Die dreizehn Monate“ und eines von mir. Ich hatte verstanden, dass die Schneekönigin nur für einen flüchtigen Moment bei mir verweilte, mitten im Sommer. Mich verblüfft, dass sie außer zwei Sektgläsern auch ein vergilbtes Blatt Papier in der Hand hält, jenes miserable, holzhaltige Papier aus DDR-Produktion, auf dem ich vor über dreißig Jahren verzweifelte und hoffnungsvolle Verse niedergeschrieben habe. Sie hat ihn aufbewahrt.

„Ich hab ihn noch, deinen Brief. Weder vorher noch nachher hat mir irgendwer ein Gedicht geschrieben. Lass uns darauf trinken: Auf die einzigartigen, unnachahmlichen, persönlichen Dinge in unserem Leben.“ Der Champagner perlt in den Gläsern. Woran nur erinnert mich der Name „Taittinger“? Sie schaut mich an, ich suche in den graublauen Augen den Lichtpunkt. Er ist nicht da. Die Sektkelche klirren aneinander, wir trinken. Auf Dinge. Was meint sie?

„Ist denn ein Gedicht ein Ding?“ Für einen Moment scheint sie irritiert. Dann deutet sie auf einen der Sessel – Bauhaus oder Vitra? – lacht, und es wirkt verlegen, setzt sich mir gegenüber, schlägt makellose Beine übereinander.

„Irgendwie schon, oder? Jemand malt ein Bild, singt einen Song, schreibt ein Buch – und das kann man kaufen.“

„Dieses Gedicht nicht. Ich habe nie mehr eins geschrieben. Ich bin Meteorologe. Gewesen.“ Sie seufzt.

„Du bist immer noch gekränkt, beleidigt, ich weiß. Das hast du in diesem Gedicht ja auch ausgedrückt, so ähnlich wie Heine, der sagt: ‚Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu, und wem sie just passieret, dem bricht das Herz entzwei.‘ Keine Ahnung, wie viele Herzen ich gebrochen habe, die meisten Kerle, mit denen ich damals ins Bett gegangen bin, haben sich ‘s jedenfalls nicht anmerken lassen, wenn ich verschwand oder sie eine neue Favoritin auflasen. Du warst der Einzige, der mir einen Brief geschrieben hat. Woher hattest du überhaupt meine Adresse?“

„Mein Schauspieler-Freund hat sie herausgefunden. Er hat mich für verrückt erklärt, aber er hat ‘s gemacht. Du bist mir noch eine Antwort schuldig.“

„Was meinst du?“

„Habt ihr Kinder?“

„Zwei. Das heißt ich drei, eine Tochter aus meiner ersten Ehe, wir haben kaum Kontakt, mein Exmann hatte das Sorgerecht. Zwei Söhne mit Joshua, längst aus dem Haus. Es geht ihnen gut. Weshalb interessiert dich das? Hast du welche?“

„Meine Frau hatte eine Tochter. Sie sind beide tot. Ein Unfall.“

„Um Gottes willen, wie furchtbar.“ Ihre Anteilnahme wirkt echt. „Wann war das?“

„Vor drei Jahren. Jenny war gerade achtzehn geworden, ihre Mutter bei mir ausgezogen. Sie wollte sich trennen. Sie hatte gute Gründe. Ich hatte meinen Job verloren, ich trank zu viel. Ironie des Schicksals: Ein besoffener Geisterfahrer raste in ihr Auto. Sie wollten gemeinsam nach Dänemark in den Urlaub fahren – ohne mich. Ich hatte also Glück.“ Heike, von Alter und Unglück anscheinend ziemlich verschont, ist für einen Moment sprachlos. Dann trinkt sie ihren Sekt auf einen Zug aus, schüttelt sich, mir fällt auf, dass ihre Brüste schwerer geworden sind, makellos verpackt, als trüge sie einen Push-BH, und starrt mich an:

„Wie kannst du so etwas sagen?“

„Ich saß nicht mit im Auto.“ Jetzt steht sie auf, läuft vor der Glaswand auf und ab, die Hände vorm Gesicht aneinandergelegt, schüttelt mehrmals den Kopf. Ich ziehe meine Zigarillos aus der Tasche. „Vermutlich darf ich hier nicht rauchen?“

IMG_20150613_212414„Was? Nein, doch. Besser, wir gehen auf die Terrasse. Nimmst du Flasche und Gläser mit?“ Lautlos öffnet sich eine der Glaswände. Wir stehen im Park. Die Sonne malt aus Zirruswolken rote Arabesken in den Abendhimmel. Im leichten Wind umspielt das Tüllkleid ihre Beine. Sie ist wunderschön. Was wäre passiert, wenn ich sie angelogen hätte, statt eines Witwers für sie ein alter Hagestolz geblieben wäre? Ich zünde mir einen Zigarillo an. Was sollte diese Frau, mit der mich nichts verbindet als ein heftiges erotisches Abenteuer vor Jahrzehnten, an meinem Leben interessieren? Wieso bin ich hier? Was will sie?

„Du bist“, sagt sie, „anscheinend sehr verbittert. Tut es dir denn gar nicht leid um die beiden?“

„Die Trennung warf mich um. Die Nachricht vom Tod war… gespenstisch. Aber davon blieb nicht mehr als: Schade um zwei besondere, liebenswerte Menschen. Ich habe sie geliebt, um sie geweint, ja. Aber Sie hatten mich verlassen, ich war aus ihrem Leben verbannt. Ich hätte ihnen Besseres gewünscht als den Tod auf der Autobahn, aber er stand ebenso wenig in meiner Macht wie ihre Entscheidung, mich allein zu lassen. Ich lebe halt noch. Sollte ich nicht?“ Sie schüttelt wieder den Kopf, dreht sich zu mir. Ihre Augen funkeln.

„Aber es hätte in deiner Macht gelegen, weniger zu trinken. Man muss doch um seine Liebe kämpfen…“

„Wer ist ‚man‘? Nur der Mann? Was heißt ‚kämpfen‘? Hätte ich mir ihre Liebe etwa ‚erkämpfen‘ können, wenn eine von beiden als Pflegefall zurückgekehrt wäre? Das ist doch Kitsch, Spekulation aus der Sicht einer Unbeteiligten – entschuldige. Ich hätte nicht davon anfangen sollen. Wir haben beide zu viel erlebt, als dass man ‘s an einem Nachmittag abhandeln könnte. Genießen wir lieber den Moment, einverstanden? Auf deine Gesundheit und auf deine Schönheit. Du bist immer noch unwiderstehlich.“ Ich fülle die Gläser. „Taittinger“. Wer war Taittinger? „Auf das Leben.“ Sie stößt nicht mit mir an, nickt mir nur zu. Ich entzünde einen neuen Zigarillo. „Schon seltsam, dass du den Brief so lange behalten hast.“ Jetzt lächelt sie wieder:

„Ich habe sogar das Kuvert aufbewahrt. Du weißt, warum?“

Fortsetzung folgt