Weihnachtsschmuck: Friede – Freude – Eierkuchen? (V)

Die Bücher machten den Unterschied. Und dass die Omma uns vorlas – bis wir selber lesen konnten. Wir wollten es. Weihnachten war die große Zeit der Neugier. Das kann bei den Kindern nebenan nicht anders gewesen sein. Was mag ihre Phantasie bewegt haben?

Ja. Diese geprügelten Kinder. Die Mädchen kriegten weniger ab als die Buben –das war vielleicht Erwins Form der Ritterlichkeit. Wir sind mit keinem von ihnen zur Schule gegangen, sie landeten alle in der „Hilfsschule“ – so hieß das damals – vermutlich konnten sie kaum richtig lesen und schreiben. Bücher lagen wohl kaum für sie unterm Christbaum.

Bildung ist keine Frage des Geldes. Schulen und Bibliotheken waren frei. Heute würde es heißen, die Hüllerkinder entstammten „bildungsfernen Schichten“. Damals, im „Arbeiter und Bauernstaat“ durfte sich Erwin der „führenden Klasse des Proletariats“ zurechnen. Entsprechend ungehemmt behandelte er seinen Nachwuchs.

Wäre es Sigi und den anderen besser ergangen, wenn sie in einem „Erziehungsheim“ gelandet wären?

Wer weiß? Vielleicht hätten sie dort gelernt, sich als Schläger Respekt zu verschaffen? Oder als Duckmäuser und Denunzianten? Den anderen bei Erwin und Lilo hinzuhängen, um selber den Prügeln zu entkommen – darauf waren sie trainiert.

Wir haben nie mit diesen Kindern gespielt, immer mit den Kusinen und anderen aus der Nachbarschaft.

Worüber hätten wir mit ihnen reden sollen? Außerdem rochen sie schlecht. Kinder kennen da keine Gnade. Trotzdem war diese unüberwindliche Trennung zwischen Nachbarn, die eigentlich Tür an Tür lebten, keine Frage des Geldes. Mag sein, dass sie noch weniger Auswahl an Speisen hatten als wir, aber der Mangel im Osten traf uns genauso wie sie. Ich glaube, dass es einfach für sie sehr viel weniger Freude im Leben gab – ich kann mir nicht einmal vorstellen, woran sie sich hätten freuen können, außer vielleicht an reichlichem Essen und ein paar Süßigkeiten zu Weihnachten, neuer Kleidung oder Schuhen, die Mädchen hatten einfache Puppen. Und Frieden? Das dritte Wort war übrigens Gnade. Weihnachtsfriede, Weihnachtsfreude, Weihnachtsgnade.

Das ist komisch. Jetzt – da du es sagst – fällt mir ein, wie der Pastor das von der Kanzel in den hohen, von Kerzen erleuchteten Kirchenraum rief. Er hatte eine mächtige Stimme, er brauchte kein Mikrophon. Noch in der letzten Reihe war er zu hören. „Weihnachtsgnade“! Auf einmal verstehe ich, wieso die Hüllerkinder an ihren Eltern hingen.

Du meinst, sie liebten sie trotz der Prügel?

Sie hatten einfach niemand anderen. Niemanden, der sich ihnen zuwandte, der ihnen Aufmerksamkeit schenkte, sie wichtig nahm, indem er sie lobte und strafte. Diese Bindung war – so primitiv und erschreckend sie uns erschien – besser als gar keine. Ob man das Liebe nennen kann weiß ich nicht. Die älteren Söhne machten sich aus dem Staub, sobald sie alt genug waren, und tauchten nie mehr auf. Aber ich habe erlebt, wie die Kleineren Lilo buchstäblich am Schürzenzipfel hingen und wie ihre Blicke an Erwins Lippen klebten, wenn er mal nicht brüllte, sondern ihnen etwas erklärte oder mit einem der Nachbarn redete. Ich kann mir vorstellen, wie dankbar, vielleicht demütig, sie Heiligabend ihre Bonbons, ihre Puppe oder sonst ein Spielzeug empfingen.

Von Erwins und Lilos Gnaden.

Der Vater war in ihren Augen ja auch ein mächtiger Beschützer – gegen die bösen Hausbesitzer zum Beispiel. Die hatten sogar einen Hund!

Schecki, diesen Kläffer. Wenn er Erwin nur von weitem sah, kniff er den Schwanz ein. Eigentlich hatte er gar keinen Schwanz, nur einen Stummel.

Ja, aber ziemlich laut bellen konnte er: Wenn sich die Omma, Mutter und die Hüllers anbrüllten, machte er im Hintergrund Rabatz – und die Kinder hatten Respekt vor ihm – jedenfalls, so lange sie klein waren. Schecki knurrte sie gewohnheitsmäßig an, wenn sie an ihm vorübergingen. Ihr Vater hatte keine Angst, er war ihr Held. Er konnte Schecki zerschmettern. Schecki wusste das.

Aber das meinte der Pastor wohl nicht, wenn er von Weihnachtsgnade sprach: Dass einer demütig und dankbar sein soll, weil er nicht vom HERRN wegen seiner Sünden zerschmettert wurde. Mit Dankbarkeit hatte es aber wohl schon zu tun. Und bei mir sind diese drei Worte hängengeblieben. Wenn die Lichter brennen, wenn für eine Zeit – sie mag noch so kurz sein – die Ängste, Sorgen und Konflikte schweigen, dann empfinde ich diese Zeit als Gnade, ich bin dankbar dafür.

Ich auch. Ich rieche den Duft von altem und neuem Wachs, die Flämmchen wecken alle Erinnerungen, die Freuden unserer Kindertage…

Deshalb der Fimmel mit den echten Kerzen. Großartig! In Zeiten, da jeder gefahrlos mit farbigen LED dekoriert…

Ja! Oder warmweiß, mit Funkfernbedinung, dimmbar und mit Flackereffekt…

…in Zeiten, da der Gesetzgeber Rauchmelder in jeder Wohnung vorschreibt, kokelst du mit tropfenden Wachslichtern herum. Das kann sich nur einer leisten, der keine Kinder hat.

Sogar Hüllers mit ihren sechs Kindern haben sich das geleistet. Es hat nie einen Brand gegeben. Bei ihnen nicht, bei uns nicht. Alle, auch die Kinder, passten auf. Alles hängt davon ab, wieviel Aufmerksamkeit dem Weihnachtsbaum gehören soll. Ist er wirklich der Mittelpunkt? Wenn er nur ein Stück Dekoration ist, das halt ein- und ausgeschaltet, sonst aber nicht weiter beachtet wird, weil der Tablet-Computer, die Spielekonsole oder das Fernsehprogramm wichtig sind, sollte er absolut alle Normen der Brandsicherheit erfüllen. „Achten Sie bitte auf die Prüfzeichen des TÜV!“

Steckst du dir Kerzen an die Fichte

Zeigt dich das Fernsehen bald im Brandberichte.“

Ha ha. Hast du noch nie jemanden wegen der Weihnachtsstimmung jammern hören, die sich so gar nicht einstellen will? Da ist doch nun wirklich alles nach Plan gelaufen: Einige Besuche auf dem Weihnachtsmarkt hätten helfen sollen, die Geschenke waren rechtzeitig gekauft und verpackt, der Baum geschmückt, das Essen vorbereitet, wer sicher gehen wollte, in Stimmung zu kommen, hat die Christvesper über sich ergehen lassen, samt quengelnden Babys, langweiliger Predigt und von der Orgel mühsam niedergehaltener falscher Gesänge – und hastdunichtgesehen isses schon wieder vorbei, irgendwie kam man nicht in Stimmung. Glaub mir: Die Wachslichter machen einen Unterschied. Du musst dich um sie kümmern, sie beobachten, erneuern, aufrichten, damit sie nicht tropfen. Und wenn du das nicht als zusätzliche Last und Verpflichtung siehst, sondern als Chance, dir Zeit zu nehmen fürs Erinnern, Nachdenken, Reflektieren – dann geben die Flammen dir viel Zeit zurück.

Das will ich gelten lassen. Eigentlich versteht sich von selbst, dass Weihnachten als Position im Terminplaner wenig Freude verheißt – mögen die Geschenke noch so kostbar sein. Für uns Kinder war es viel mehr: Ein im Sinne des Wortes leuchtendes Versprechen, beglückt zu werden. Alles war gespannte Erwartung.

Was erwarte ich – wie erwarte ich es? Eine entferntere Verwandte hat sich mir gegenüber mal als „Weihnachtshasserin“ geoutet.

Vielleicht weil sie die Religion nicht mag?

Sie mag auch weder Heringssalat noch Gänsebraten, weder Lebkuchen noch Schokolade, weder Glühwein noch Eierpunsch. Sie mag nichts verschenken, auch keine Geschenke empfangen. Sie betont, sie habe alles, was sie braucht.

Gibt es etwas, worüber sie sich freut?

Dass sie gesund ist. Dass ihr nichts fehlt. Nichts.

Kein Geschenk.

Weiter zum Schluss

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Ein Kommentar zu “Weihnachtsschmuck: Friede – Freude – Eierkuchen? (V)

  1. Hallo Immo,noch heute Vormittag wollte ich nach der nächsten Weihnachtsgeschichte fragen,nun konnte ich sie lesen und dies mit Freude.Danke!Lieben Gruß🎄 Anke

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