Der Affenkönig und die Kommunistin

Gelbflussgeister

Die Ausgabe des Greifenverlages aus den 50er Jahren

Eine Leseratte war ich zeitlebens. Natürlich haben sich die von der Großmutter vorgelesenen, erst recht die selbst verschlungenen Bücher besonders tief eingeprägt. Zu ihnen gehört “Die Geister des Gelben Flusses”, eine Sammlung chinesischer Märchen und Legenden. Der deutsche Sinologe Richard Wilhelm hatte sie 1914 bei Eugen Diederichs herausgegeben, eine gekürzte Lizenz-Ausgabe des Greifenverlags Rudolstadt bekam ich zu Weihnachten 1959 geschenkt. Namentlich die letzte Geschichte, “Der Affe Sun Wu Kung”, grub sich mir ins Gedächtnis und blieb dort, obwohl kurz danach der politische Bruch zwischen Maos China und Chruschtschows Sowjetunion die Kultur des Reiches der Mitte weitgehend aus Bibliotheken und Schulbüchern der DDR verbannte – keine Nachauflagen für “Die Geister des Gelben Flusses”. Daran konnte auch das Nachwort der treuen Kommunistin Klara Blum (chinesisch 朱白兰) nichts ändern, die mit Zitaten Maos und eines damaligen Vizekulturministers die uralten Texte von der Schlacke feudalen Aberglaubens reinigen und dem “jahrtausendelangen revolutionären Traum des Volkes, den es schließlich aus eigener Kraft verwirklicht hat” zuschlagen möchte. Sie lobt Richard Wilhelm als Übersetzer, wirft ihm zugleich vor, in patriarchalischer und bürgerlicher Begrenztheit nicht zu erkennen, dass Sun Wu Kung “die Verkörperung der unterdrückten Klassen in der Ming-Zeit” sei. Die Marxistin fordert im Fahrwasser von Mao und seinen Apparatschiks die Deutungshoheit über das “kulturelle Erbe”. Ihre Erfahrungen in Stalins Russland, wo ihr chinesischer Ehemann sein Leben 1943 in einem Lager verloren hat, erschüttern diesen Glauben nicht.

Die Ironie der Geschichte will, dass Mao und seine “Roten Garden” – von ihrer Mission besonders begeisterte jugendliche Kommunisten – während der “Kulturrevolution” fast die gesamte klassische chinesische Literatur – die westliche Kultur sowieso – buchstäblich vernichten wollten. Zehn Jahre lang, von 1966 bis 1976, rotteten sie alles aus, was nicht zum Bild der einzig wahren Volksherrschaft nach vollendetem Klassenkampf und zu deren vollkommener Harmonie passen mochte. Menschen mit abweichender Meinung wurden denunziert, gedemütigt, in Gefängnisse und Arbeitslager deportiert, ermordet. Tempel, Museen und andere Kulturstätten verwüsteten die Revolutionäre, sie ruinierten das Bildungssystem, indem sie jegliche Wissenschaft, vor allem die Geschichte, an die Bedürfnisse Maos und seiner Gefolgschaft anpassten. Erst nach Maos Tod begann ein mühsamer und widersprüchlicher Weg der Rückbesinnung auf die chinesische Tradition. Der Affe Sun Wu Kung allerdings hatte überlebt, wurde sehr schnell wieder zum Volkshelden; zahllose Filme, Spiele, Kitschprodukte bezeugen seine Unsterblichkeit.

JadekaiserWeihnachten 1959 fesselten mich, den damals Neunjährigen, all die Märchen aus China: Götter und Göttinnen, Dämonen und Gespenster, Flussgeister, Drachen, Hexen und Zauberer verwoben sich darin zwischen Traum und Wirklichkeit so selbstverständlich mit lebendigen Menschen, wie ich es aus Märchen der Gebrüder Grimm und vielen anderen kannte: In Großmut, Liebe und Niedertracht. Ich bestaunte Holzschnitte, die mir im Vergleich zu den Aquarellen meiner Mutter nüchtern, gleichwohl exotisch und geheimnisvoll erschienen. Es gab einen Jadekaiser als Herrn des Himmels, eine Göttin der Barmherzigkeit, einen “göttlichen Landmann” – und alle diese Figuren konkurrierten nicht mit meinem kindlichen Glauben an christliche Verhältnisse von Heiligkeit. Sie waren anders, sehr fern, wohingegen die irdischen Verhältnisse – Neid, Habgier, Zwietracht, Eitelkeit, Herrschsucht, Gewalttätigkeit, Heuchelei, Feigheit… in Konkurrenz zu (auch von meiner Großmutter beschworener) Hilfsbereitschaft, Redlichkeit, Mut, Aufrichtigkeit, Geduld, Höflichkeit… – sich offenbar im fernen China seit alten Zeiten nicht anders gestalteten als in Suhl, einer Bezirkshauptstadt des Arbeiter- und Bauernstaates DDR. Dort ging ich zur Schule und machte auf dem Pausenhof satirisch meiner Empörung über sozialistische Kulturvernichtung in der Volksrepublik Luft. Natürlich gab es Parallelen: Das 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 – auch als “Kahlschlag-Plenum” bezeichnet – hatte eine radikale, dogmatische Parteilinie für die gesamte künstlerische und wissenschaftliche Arbeit durchgesetzt. Das war auch im Unterricht deutlich spürbar.

Der 16jährige Pennäler erfand den “Genossen WU” (leicht als Initial des Spitzbarts an der Spitze zu erkennen), führte absurde Erlasse, blödsinnige Verbote und ideologische Flohknackereien vor. Unterm Gelächter und Applaus von Mitschülern fühlte er sich als Affenkönig Sun Wu Kung aus dem Märchenbuch, der den Himmelsherren herausfordert. Tatsächlich brachten ihm seine Heldentaten eine Einladung zur Schulleitung ein, es war nicht die letzte Strafmaßnahme hochmögender Tempelwächter des Sozialismus. 1989 erlaubten sie ihm schließlich “Die Reise nach Westen”, aber anders als der Sun Wu Kung im klassischen Chinesischen Roman der Ming-Zeit trat er sie nicht als Begleiter einer Delegation an, die weise Schriften des Buddha gen Osten holen sollte, auf dass verkommene Verhältnisse und ehrlos Regierende geläutert würden. Im Osten war Hopfen und Malz verloren. Das einzige was vom Reich der Moskauer Kommunisten und ihrer Statthalter in Ostberlin übrig blieb, war der Aberglaube, ihre Lehre brächte das Heil auf Erden. Meine Reise führte in den folgenden Jahren auch nach China, wo ich Vielfalt und Reichtum überkommener Kulturen bestaunte und verfilmte, zugleich die Schattenseiten der politischen Herrschaft daselbst erfuhr.

Guanyin_GeisterWelche Gottheit mich mit meiner chinesischen Lebensgefährtin zusammengeführt hat, ist bis heute zwischen uns umstritten. Shiqin behauptet, es sei Guanyin, die Göttin der Barmherzigkeit gewesen, ich würde auf Sun Wu Kung wetten. Zum einen demonstriert die Chinesin gern, dass sie mich jederzeit zum Narren halten kann, zum anderen ist sie im Jahr des Affen geboren, und schon als wir uns kennenlernten waren der alte Sun und seine Streiche Gesprächsthema. Wir sind seither einige Mal in China gewesen, haben viele dicke Bücher zusammen gelesen – vor allem zeitgenössische wie die des großartigen Liao Yiwu – aber auch Klassiker wie den “Traum der roten Kammer”.

Als kürzlich “Die Reise nach Westen” bei Reclam in einer vortreffliche Neuübersetzung der Schweizer Sinologin Eva Lüdi Kong erschien, waren wir hocherfreut. Der Wälzer von über 1300 Seiten unterhält uns seit Wochen, nicht nur wegen der drolligen Affengeschichten, über die wir uns schon als Kinder amüsierten, sondern wegen der vielen Querverbindungen zu chinesischer Kultur, Mythologie, Geschichte, die sich Dank der Kommentare und Anmerkungen von Eva Lüdi Kong verfolgen lassen. Wer Chinesisch lernt, kommt an diesem Klassiker kaum vorbei – und wird eine Menge Spaß haben, wenn er in Sun Wu Kungs Abenteuer, allerlei Konflikte von Göttern und Menschen und in die Lehren von Konfuzius, der Buddhisten und Daoisten eintaucht.

Mag sein, dass auch “Die Reise nach Westen“ Objekt von Kämpfen um die Deutungshoheit bleibt – zwischen Anhängern von Religionen und von Mao, Feministinnen, Genderbewegten, Fachwissenschaftlern. Sie alle werden – wie der Vizekulturminister – längst vergessen sein, wenn die alten Texte jedem, der sie zu lesen versteht, immer noch ihre Weisheit und ihren Humor offenbaren.

Trolle, Fakenews, Hatespeech und die Realität

LiuXiaobo

Der Friedensnobelpreisträger von 2010 ist seit Dezember 2009 in China inhaftiert

Das Selbstverständnis jeder Gesellschaft lebt nicht zuletzt von ihren Außenseitern. Sie fürchtet, verfolgt und bestraft sie bisweilen, um ihre Vorstellung von sich selbst zu konsolidieren. Ist facebook ein Schauplatz solcher Prozesse? Oder ist es nur ein Sammelpunkt für Klatsch und Tratsch, wie es seit jeher etwa Waschplätze waren? Das vor allem den Frauen eigene unsichtbare Beziehungsmanagement lebt von dem ununterdrückbaren „sozialen Rauschen“ der Gerüchte, Anekdoten, Horrormeldungen und Beziehungsdramen, anhand derer allgemeine Wertvorstellungen und individuelle Haltung durchgehechelt werden. Das Ziel der Klatsch- und Tratschenden ist ambivalent: Nicht jede(r) erhofft sich beim Auftritt im fb oder bei anderen „Social Media“ allgemeine Aufmerksamkeit. Die Mehrheit dürfte sich des wohligen Gefühls vergewissern wollen, in sozialem Einvernehmen zu schwimmen.

Zu jedem verbalen Austausch gehört der Versuch, sich in der Welt zurechtzufinden. Manche Leute sind allerdings darauf trainiert, mittels apriorischer „höherer Moral“ – also religiös, wissenschaftlich oder von Mehrheiten zementierter Glaubenssätze – den Dialog zu dominieren; aus so gewonnener Deutungshoheit leiten sie einen allgemeineren Anspruch auf Führung ab. Sie bezeugen damit tiefe Unsicherheit sowohl den Wechselfällen des Lebens als auch den eigenen Möglichkeiten gegenüber. Dagegen braucht Mut und Selbstvertrauen, wer wie Liu Xiaobo die Grenzen der Ideologie und eigener Bedürfnisse und Ängste überwindet. Trollen fehlt dieses Verständnis. Ihnen liegt nur und ausschließlich an der Selbstdarstellung. Sie wollen Aufmerksamkeit um jeden Preis. Sie schleimen, giften, faseln, salbadern, beleidigen, biedern sich an, kriechen, prahlen, lügen, schmähen, verleumden, heucheln – kurz: sie steigern sich ins ganze von Molière im „Tartuffe“ beschriebene Repertoire der Strategien, mit denen sie sich zu Herren im fremden – öffentlichen – Haus machen wollen. Es bleibt ein ihnen fremdes Haus, aber sie lassen sich gern von jeder Macht – sei’s Religion oder Staat – in Dienst nehmen, die ihnen gesteigertes Selbstgefühl und das Recht der Inbesitznahme verspricht. Sie scheitern, weil sie keinen Zugang zu  wirklichem Vertrauen haben. Sie neiden uns das Vertrauen in die Freiheit, deshalb versuchen sie, es zu paralysieren.

Es gibt relativ wirksame Gegenwehr: Sie ihre Suada singen lassen, ohne darauf zu reagieren, kein Futter für ihre Häme, keines für ihre Geltungssucht. Natürlich kann, wer ’s mag, Trollgefechte als Spiel nehmen – falls nichts besseres zu tun und Sucht halbwegs ausgeschlossen ist. Trolle haben dabei gute Karten. Sie sind darin geübt, „Soziale“ Medien zu strapazieren: Imponiergehabe, Beleidigungen und Drohungen für Gegenspieler, üble Nachrede, Verleumdungen, Unterstellungen, Rufmord, Greuelpropaganda, Hetze, Rassen- und Klassenhass, Geschichtsklitterung, Gerüchte, Klatsch und Tratsch – kurz: Das ganze Repertoire der Sünden gegen das achte Gebot („Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“) erscheint ihnen gerechtfertigt, um ihr Ego zu ertüchtigen. Am liebsten mit korporativer Rückendeckung von Parteien, NGO oder Regierungen. Der Troll taugt zum perfekten Kontrolleur und Denunzianten: Das Übel liegt immer bei den anderen.

Das ist nicht schön. Leider ist es menschlich, denn es gibt keine Belege dafür, dass Menschen ihre selbstgewisse Wahrnehmung massenhaft kritisch reflektierten: Der Balken im eigenen Auge wird gewohnheitsmäßig über dem Splitter im Auge des anderen übersehen. So steht ‘s in der Bibel, die vielleicht nicht direkt göttliche Wahrheiten verkündet, aber beachtliches Erfahrungswissen versammelt. Und ja, der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Dafür gibt es meines Wissens keinen seriösen Gegenbeweis. Neuere Erkenntnisse einschlägiger Disziplinen (Anthropologie, Ethnologie, Psychologie, Neurologie…) sprechen eher dafür.

Jeder und jede unterliegt den naturgesetzlichen Bedingungen eigener – subjektiver – Wahrnehmung. Überlassen wir dem Leben – der Realität – die Entscheidung, was wahr ist. Vertrauen wir vor allem nicht auf „letzte Wahrheiten“: „Nichts bleibt, mein Herz, und alles ist von Dauer“, sagt Erich Kästner. Misstrauen wir allem, was auf Feindbilder und Sündenbockrituale hinaus will. Entmutigen wir die Trolle und ihre staatlichen, ideologischen, religiösen Scharfmacher durch Schweigen, wo es ihnen nicht passt – und Widerspruch, wo sie ihn nicht erwarten.

Der verstellte Frieden

Goya_War2.jpg

Blatt 3 aus Goyas „Schrecken des Krieges“

“Wenn irgendein Konflikt mit Hilfe der Sprache gelöst werden soll, muss er in voller Schärfe und mit allen Sinnen wahrgenommen und nicht zuvor auf die Terminologie politischer Correctness hingebogen oder hinter den Lügen sozialpädagogischen Wunschdenkens versteckt werden.”
So steht’s im dritten Kapitel von „Der menschliche Kosmos“. Und – in aller Bescheidenheit – dort finden sich auch einige wichtige Hinweise auf die Entstehung beispielloser Gewalttaten wie die von Anders B. Breivik, von Robert Steinhäuser in Erfurt 2002, von Emsdetten und Winnenden. Die unbequemen Fragen des Buches passen natürlich nicht in eine Medienlandschaft, die das Ziehen von Schubladen als erfolgreiches Sozialritual etabliert hat.
“Eine Psychopathologie Adolf Eichmanns hat es deshalb nie gegeben, weil sein Verhalten lebenslang den Normativen eines brauchbaren, wenig auffälligen AnGestellten entsprach. Seine Selbstwahrnehmung war entsprechend. Das liegt nun nicht etwa daran, dass Eichmann psychisch nicht gestört gewesen wäre, sondern daran, dass seine psychische Deformation massenhaft verbreitet, ja sogar als besondere Eignung für spezielle politische Ziele willkommen ist. Die Typen mit dem herzlichen Verhältnis zu Frau und Kindern und keinerlei persönlichen Aversionen gegen Juden, Russen, Deutsche, Katholiken, Protestanten, Andersfarbige, Schwule, Rechte, Linke oder überhaupt irgendwie „Andere“ drücken – mit dem reinsten Gewissen der Welt – auf den Knopf mit der Hunderttausend- Tote- Technik. Das gilt als gesund.”
Das hätte Anders Breivik auch getan, nur hatte er nicht die Rückendeckung eines Regimes. Er hat sich sein eigenes erfunden. Er erfand sich selbst die Partei, die ihn anderenorts als Helden gefeiert hätte. Die Welt ist voll solcher Orte. Jeder Panzerfahrer in Syrien oder Libyen, jeder Anhänger des IS massakriert bedenkenlos Frauen und Kinder, wenn das Feindbild stimmt, um nach dem Einsatz wieder sein Kindchen auf dem Schoß zu schaukeln und seiner Frau zu sagen wie schön sie ist. Ab und zu brechen solche menschengemachten Konstrukte von Recht und Gerechtigkeit zusammen. Die verpimpelten AnGestellten, deren Waffen zu unverdächtigen bürokratischen Prozeduren geschrumpft sind, schlagen dann die Hände überm Kopf zusammen und suchen Rat bei Leuten, die ihnen erklären, dass Massenmörder Psychopathen sind. Sind sie aber nicht.
Schön bequem ist auch die Erklärung von der “narzisstischen Persönlichkeitsstörung”. Sie suggeriert, dass man Massenmörder nur rechtzeitig in eine Menschenreparaturwerkstatt schaffen müsste, um Massaker zu verhindern. Schön. Mozart wäre als Komponist auf diese Art ebenso verhinderbar gewesen wie ETA Hoffmann als Autor, und – auch nur als Beispiel – Konstantin Wecker als Held der Antifa.
“Die auf möglichst massenhaften (Quote!) voyeuristischen Konsum von Gewalt ein-Gestell-ten Medien schreiben die Zyklen von Gewalt- Macht- Lust massenhaft als emotionale Erfolgsgeschichte fort. Die ideologische Trennung von „guter“ und „böser“ Gewalt ver-stellt ihre Wahrnehmung als Geschichte zerstörter Möglichkeiten.”
Das Problem menschlicher Wahrnehmung ist, dass sie nicht wissen will, was quer zu ihren weitgehend und vor allem kurzfristigen und kurzsichtigen Erlangungs- und Vermeidungsstrategien steht. Das finden Sie unzutreffend? Ich freue mich auf Ihre Kommentare – aber lesen sollten Sie vorher schon.

(Der Artikel aktualisiert „Die unsichtbaren Massenmörder“ vom 31.11.2011)

Alle Jahre wieder…

Alle Jahre wieder…

20160311_201637

„Rilkes Blick, Rilkes Gesichter“ im März 2016

Annegret und Bernd Müller (Gesang, Gitarre) und Achim Quellmalz (Klarinette) gestalten inzwischen gemeinsam mit mir unsere Literaturabende im Atlantic Parkhotel in Baden-Baden. Seit 2013 unterhalten wir Gäste und Besucher des Hauses auch am Nachmittag des 24.12.; mit Geschichten und Liedern stimmen wir auf den Heiligen Abend ein. Es begann 2013 mit “Nussknacker und Mausekönig“ von E.T.A. Hoffmann 2014  folgte „Weihnachtsschmuck: Friede – Freude – Eierkuchen?“, ein unterhaltsamer Dialog zwischen Bruder und Schwester, die sich ihrer Kindheit in den 50er Jahren erinnern. Lachend über schräge Episoden aus Zeiten des Mangels fragen sich die Geschwister: Könnten wir uns heute noch so von der Weihnacht verzaubern lassen? Was ist geblieben vom Entzücken, von der Stimmung jener Jahre, als tradiertes Ritual und kleinste Geschenke die Augen leuchten ließen?

Hotelgästen und Hotelleitung gefiel das so gut, dass sie sich einen alljährlichen „Weihnachtskaffee“ im Kaminzimmer wünschen. 2015 amüsierten sie sich über „Die Weihnachtshasserin“. Eine Probe dazu habe ich  als Video auf YouTube hochgeladen. Das Programm für 2016 wird hier noch nicht verraten.

Der Riss durch die Welt

IMG_20160928_192453Darf, soll sich einer nicht zerrissen fühlen, wenn er die Schönheit der Welt erschaut, hört, mit allen Sinnen sich ihr zeitlebens geöffnet hat, andererseits immer wieder der Massaker gewahr wird, der unbelehrbaren Hassgesänge in den Medien, des Gekreischs der nach Aufmerksamkeit gierenden Sozialmechaniker, die mit ihren kausalen Kurzschlüssen alles erklären zu können meinen, kurz: Aller erdenklichen Hässlichkeit jenseits allen Maßes und ohne Aussicht auf Besinnung, ohne Einlenken mit dem Blick darauf, wie viel Schönheit ihre fanatisch auf eigene Dominanz fixierte Wahrnehmung fortwährend, in jedem Augenblick, unwiederbringlich zerstört? Es wird ihn zerreißen. Und er wird resignierend feststellen, dass hier Naturgesetze geradesogut für das Geschehen verantwortlich zu machen sind wie eine undurchschaubare göttliche Weisheit.

Aber ich werde nie akzeptieren, dass irgendwer für sich beanspruchen darf, göttlicher oder “wissenschaftlicher” Sendung zu folgen (im Falle der “wissenschaftlichen Weltanschauung” des Marxismus-Leninismus-Maoismus handelt es sich zwar um Ersatzreligion, aber solche Unterschiede werden von ihren Anhängern beharrlich ignoriert), die just seine Weltsicht als Ausweis religiöser, politischer oder wirtschaftlicher Vormacht unangreifbar macht und ihm erlaubt, andere zu dominieren.

Die vermeintliche zeitliche Abfolge von Gesellschaftsformen erweist sich als fortdauerndes Nebeneinander. Sie sind alle da: Die Rudelführer, Kriegsherren, Sklavenhalter und –händler, Cäsaren und ihre Statthalter, Propheten aller Art nebst Mitläufern, Zaren, Kaiser, Revoluzzer und Umstürzler, Dorftyrannen, Stammesfürsten samt Harem, Menschenfresser, Bombenwerfer, Blockwarte und Lagerverwalter – und Heerscharen von Nutznießern, Weißwäschern, Denunzianten – Männlein und Weiblein – haschen nach ihrem Anteil am beseligenden Gefühl der Zugehörigkeit, nach dem Schutz der Herde und ihrem Moment der Teilhabe an Gewalt Macht Lust.

Sie sammeln sich auch um passende Gegenspieler. Gern maskiert sich der Wunsch nach Umsturz als Opferpose; passiv-aggressiv verharrt, wer zur Ohnmacht verurteilt ist, im Destruktiven, wird heimlich zum Gegenspieler – zur Gegenspielerin – der Mächtigen, bis sie in unvermeidliche Krisen geraten, dann läuft er den neuen Herren zu. Dabei sortieren sich die Herrinnen gern im Hintergrund: In Jahrhunderttausenden haben sie gelernt, mit Verhältnissen umzugehen, die Männern Heldenposen gestatten, ihnen und der Nachkommenschaft ein gedeihliches Auskommen im Windschatten. Natürlich kennt die Neuzeit den Prinzgemahl. Aber egal wie “queer” sich Geschlechter-Verhältnisse gestalten mögen: Die überkommenen menschlichen Handlungsimpulse aller Epochen prägen sie. Neid, Hab- und Machtgier, Eifersucht, Missgunst, Argwohn, Feigheit, Rachsucht. Die entgegengesetzten freilich auch: Liebe, Hilfsbereitschaft, Aufgeschlossenheit…

Das Schöne bleibt – so gern jeder Politkitsch es in plastinierter Form dienstbar machen möchte – ein Gemeingut, das sich nur die Ärmsten der Armen für Geld abkaufen lassen.

Lechtsrinks auf dem Vormarsch

Wahlrecht_-_Das_Illustrierte_Blatt_-_Januar_1919Dass ehemalige Anhänger der Linkspartei im Berliner Osten ebenso wie in Meckpomm massenhaft zur AfD überlaufen, ist vollkommen verständlich. Ebenso wie – schon fast vergessen – Wählerwanderungen von bürgerlichen Parteien (dazu gehörte die SPD) in Richtung „Protest“ bei den absterbenden „Piraten“. Glaubte ich daran, dass der Staat gefälligst für mein Wohlergehen zu sorgen habe, wählte ich vermutlich auch eine Partei (oder schlüge mich einer stellvertretenden NGO zu), die mir verspricht, den Staat und die Gesellschaft dahingehend zu ändern, dass er seine Fürsorge vor allem meinen Interessen angedeihen ließe. An dieser subjektiven Wahrnehmung, zum Herdenimpuls verdichtet, starb nicht nur die Weimarer Republik.

Demokratie und Rechtsstaat sind ein verdammt schwieriges Geschäft. Leute, die gern Probleme im Interesse des Gemeinwesens – relativ unabhängig vom eigenen Vorteil – lösen, lassen sich darauf ein, aber auch Karrieristen. Für sie kommt dann selten ein schneller Profit des Typs "Mir nützt, was anderen schadet" in Sicht. Mit solcher Erwartung ist indessen das Wesen des Menschen tief imprägniert. Manche Kulturen bewahren es sorgsam, indem sie ihren Anhängern die Überzeugung vermitteln "Du bist erhaben, die anderen minderwertig". Sie haben eine beinahe unwiderstehliche historische Wucht auf ihrer Seite, schneller, massenhafter Zulauf war stets garantiert. Vernunft und Logik spielen einfach keine Rolle, wenn jeder blutige Depp sich gebenedeit fühlen darf, vielleicht sogar Führer werden. Religionen – natürlich auch Ersatzreligionen – rekrutieren so ihre Anhänger und Aktivisten.

Der säkulare Staat wandelt solche überkommenen, tief verwurzelten Gefühle von eigener Höchstwertigkeit ab. An ihre Stelle tritt die staatlich garantierte Anspruchsberechtigung. Der Bürger des fürsorglichen Staats erwartet, dass er jedem anderen gegenüber zumindest gleiche, gern etwas privilegierte Ansprüche hat – und die „Staatsdiener“ leben ihm das vor. Wer weniger brav ist, hat weniger zu beanspruchen, meint der Wähler, und macht sein Kreuz dort, wo ihm seine private Werteskala nicht durcheinander gerät. Im günstigsten Fall – bei wirtschaftlicher Prosperität und persönlichem Wohlstand – kommt dabei eine Demokratie liberaler Prägung unter dem Motto „Leben und leben lassen“ heraus.

Keine Gesellschaftsordnung hat indessen vermocht, elementare Strebungen wie Neid, Missgunst, Eifersucht, Argwohn, Machtgier und Habsucht zu eliminieren. Demokratie und Rechtsstaat ziehen Grenzen und lassen menschlichen Regungen wie Großmut, Hilfsbereitschaft, Zuwendung, Vertrauen, Demut, Bescheidenheit einigen Raum, sich zu entfalten. Das sind Rettungsanker noch in schlimmsten Formen der Gewaltherrschaft, sie sind gleichwohl keine Selbstverständlichkeit, wenn Meinungsfreiheit gerade nicht durch Folterkeller und Sippenhaft bedroht ist. Die Wahl der Mittel bleibt jedenfalls subjektivem Empfinden anheim gestellt, und wo Konkurrenz und Anpassung den Alltag bestimmen, werden sie manchem Anspruchsberechtigten einfach lästig. Wenn der öffentliche Diskurs obendrein vom Nachdenken über individuelle Verpflichtungen aufs Gemeinwohl entbindet, der Staat zwar Vieles verspricht, aber in unvermeidlichen Krisen und Konflikten immer weniger halten kann, dann kommt die Stunde der Rebellen, der Revolutionäre und charismatischen Führer. Der Anspruchsberechtigte macht sein Kreuz dort, wo seine Ansprüche vermeintlich wahrgenommen werden. Der Staat, den er will, soll gefälligst zu ihm passen.

In der Art hat das Houellebecq in seiner „Unterwerfung“ zugespitzt erzählt. Was Demokratie gefährdet, lässt sich ziemlich genau beschreiben. Was massenhaft erwünscht ist, auch. Mit Blick auf IOC, FIFA, EU, UNO, die meisten NGO, ihre medialen Hilfstruppen frage ich mich: Wer will eigentlich noch Demokratie und Rechtsstaat? Wer will mehr als die Freiheit der eigenen "Bedürfnisbefriedigung" und "Anspruchsberechtigung?

Kriminelle und gewaltbereite Zuwanderer

Bundesarchiv_Bild_183-1988-0317-312,_Alexander_Schalck-GolodkowskiDass mit dem Zustrom von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten auch dessen Konflikte zu uns kommen, kann ebensowenig verwundern, wie der Zustrom von Kriminellen und Stasis im Zuge der Ausreise aus der DäDäÄrr seit den 70er Jahren bis zu deren Zusammenbruch. Sie brachten ihre kriminelle Energie mit – oder den Welt-Verbesserer-Wahn des Marxismus-Leninismus. Manche warfen sich aufs (kriminelle) Reichwerden, manche arbeiten immer noch daran, dä DäDäÄrr wieder aufleben zu lassen. Die meisten wurden ganz normale Bundesbürger.

Zu bezweifeln ist indessen noch, dass afrikanische Warlords, saudische Potentaten, die Herren Assad, Erdogan und andere Premiumkunden der deutschen Waffenexport-Wirtschaft in nächster Zeit Zuflucht am Tegernsee finden, wie einst der Stasioberst, Waffenhändler und Duzfreund von F.J. Strauß, Herr Alexander Schalck-Golodkowski. (Bild aus dem Bundesarchiv, Bild 183-1988-0317-312 / Brüggmann, Eva / CC-BY-SA 3.0)

Die Qualitäten unseres Gemeinwesens – eine ist Meinungsfreiheit, also auch Transparenz der Extreme – werden sich in harten Konflikten behaupten müssen. Schafft es unsere Kultur, überzeugend zu belegen, dass Dominanz keine zukunftsfähige Strategie ist? Dass Aufklärung, kooperativer Ideenreichtum, Wohlstand und Solidarität  der unheiligen Dreifaltigkeit von Gewalt – Macht – Lust  gewachsen sind? Dass das „Leben der Anderen“ in womöglich mühsamen Prozessen mit unserem eigenen zusammen fruchtbar werden kann?

Der Glaube, die Hoffnung, dass es gelingen kann, sind keine Frage der Religion. Religion und Aufklärung müssen sich gegenseitig nicht ausschließen – aber damit sind wir noch ganz am Anfang. Jeder Einzelne. Herdenimpulse und Feindbilder sind tief eingewurzelt – die “Schwarmintelligenz” hat ihre Tauglichkeit zur Konfliktbewältigung bis heute nicht bewiesen, jedenfalls nicht in den “Social Media”. Dort toben sich dieselben Reflexe aus wie im Dreißigjährigen Krieg, im Nationalismus, im Totalitarismus. Sei’s drum: Die Bewegung der Hilfesuchenden richtet sich nicht nur auf den ökonomischen Erfolg, unser Wohlstand besteht nicht nur aus “Anspruchsberechtigung an Sozialsysteme”. Dieser Sozialismus ist kollabiert. Übersehen wir nicht, dass er – wie der Kommunismus – auf dem Holz der kapitalistischen Wirtschaftsform gewachsen ist. Marktwirtschaft, Demokratie, Rechtsstaat bieten indessen genügend Raum für eine Kultur jenseits des Denkens in Zahlen, Klassen, göttlichen Verheißungen, und “Amboss-oder-Hammer”-Schemata. Für Krisen und Konflikte brauchen wir sie, und es gibt sie schon – allerdings nicht in den quotenfixierten Erzählungen der Massenmedien.