Denkmäler stürzen – eine Lust?

Manche Denkmäler fielen im Sozialismus, andere in Kriegen und Revolutionen – fast immer, weil sie Ideologen störten

Der Tod gehört zum Leben: Was für manche eine Binsenweisheit ist, können andere schwer hinnehmen, vor allem wenn es nächste Angehörige, womöglich gar sie selbst anlangt. Die Todesfurcht ist eine anthropologische Konstante. Während weltweit die Angst vor der Ansteckung mit dem Corona-Virus grassiert, Regierungen und internationale Organisationen, bestärkt durch eine Sintflut medialer Alarmrufe mit Maßnahmen hantieren, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat, bedarf das keines Beweises.

Eine mindestens ebenso starke Konstante ist der Wunsch des Menschen nach Unsterblichkeit, oder wenigstens nach einem möglichst langen Leben bei guter Gesundheit. Beides wird gewöhnlich den Göttern zugeschrieben – sie sind ewig, manche durch den Verzehr ihnen vorbehaltener Obstsorten auch ewig jung und gesund. Der Mensch vermiede gern Krankheit und Altern; den Tod überlistet er nur im Reich des Mythischen oder im Märchen. Was ihn von allen anderen ihm bekannten Lebewesen unterscheidet ist, dass er über solche Dinge nachdenkt. Mehr noch: Göttern gleich möchte er in Worten und Werken über sein zeitlich begrenztes Dasein hinaus fortleben, ersatzweise „sich verewigen“.

Falls er das mit größeren Bau- oder Kunstwerken, nicht nur mit grob in Bäume gekerbten Initialen, irgendwo als Tags aufgesprühten Insignien oder anderen eher banalen Memorabilia tun will, muss er dazu die Macht haben – oder die besondere Gunst der Mächtigen. Monumente kosten. Notwendig ist, dass er über hinreichend großes Ansehen verfügt. Nur in beiden Dimensionen der Macht – in der materiellen wie der informellen – außergewöhnliche Ereignisse und Personen werden bedenkmalt, Schlachten und ihre Lenker, Eroberer, Diplomaten, bedeutende Reformer, außerordentliche Wissenschaftler und Künstler.

Reichtum allein schützt nicht vorm Vergessen werden, ein tadelloser Ruf allein ebensowenig. Fügt sich beides in den Augen der Entscheider, so finden sich Mittel in der Kultur: an Bauten, in Malerei, Skulpturen, Sprache und Schrift. Möglichst resistente Materialien verschaffen dem Geschehen und seinen Protagonisten Überlebensgröße und -dauer, ein Denk-Mal im weitesten Sinn.

Herausragende Leistungen zum Wohle des Stammes, einer Dynastie, Religion, Ethnie, Nation, des Berufsstands, der „Bewegung“ verhelfen zur Nachhaltigkeit in deren Gedächtnis. Auch exorbitante Schandtaten. Wer ein Denkmal für etwas oder irgendwen er-richtet, wird das Gedenken in seinem Sinn aus-richten, Erinnerung reinigen von unpassenden Eigenarten, menschlichen Schwächen, etwaigen Verbrechen des Bedenkmalten.

Das Gedenken beruft sich allerdings meist auf Erinnerungen vieler, so werden überaus zähe und zugleich plastische, schillernde Mythen überliefert, wie im Falle Alexander des Großen oder des römischen Kaisers Nero. Bildwerke oder – mit Aufkommen von Schriftsprachen – in dauerhafte Materialien geprägte Zeugnisse bewahrten Ruhm und Ansehen, zugleich bildeten sich Mythen und wucherten unkontrolliert in alle Richtungen. Mythos und Monument sind so komplementär wie informelle und materielle Macht.

Das Flüchtige und das Träge – ein Exkurs

Lassen sie mich hier auf biologische, womöglich gar physikalische Hintergründe – vielleicht besser „Untergründe“ – schauen. Schließlich basiert das Leben auf einer universellen Geschichte, und bis heute gehört der Streit über Gestalt und Geschehen des Urknalls zu den heftigsten, denen selbst das gemeinhin eher ausgeglichene Gemüt eines Physikers sich auszusetzen bereit ist. Ob mit dem Entstehen unseres Universums – also dem, was wir mittels menschengemachter Instrumente über dessen Fortgang herausgefunden zu haben meinen – zugleich ein anderes unterging, ist gänzlich ungeklärt. Auch darüber gibt es wirklich hochinteressante, allerdings meist nur für einschlägig Vorgebildete verständliche Theorien.1

Ein ebenso unerklärtes und umstrittenes Phänomen ist die „Dunkle Materie“. Dass es sie geben muss, leiten Kosmologen aus nicht zu bestreitenden Messungen der Gravitation ab. Obwohl dieser rätselhafte „Stoff“ unsichtbar ist, sich jeder direkten Beobachtung entzieht, folglich nur mittelbar, etwa aus Beobachtungen von Galaxienhaufen, als existent erweist, hat er die sechsfache Gravitation der sichtbaren Materie. Es kommt noch schlimmer: Die „Dunkle Energie“ nimmt in kosmologischen Modellen sogar 72% des Materie- und Energiegehaltes, die Dunkle Materie 23%, die Atome des heutigen Universums nur 4,6% ein. Das Ausmaß an Ungewissheit ist schlechterdings überwältigend.

Mehr zu solchen „Welträtseln“ findet sich in Enzyklopädien wie der Wikipedia; ich will hier nur mit der Frage schließen, ob es sich dabei um ungelöste oder womöglich unlösbare Probleme bei der Frage nach dem wichtigsten Stoff handelt, aus dem wir Menschen gemacht sind: aus Zeit.

Augustinus im Lateran – Phantasieporträt aus dem 6.Jahrhundert

Spätestens hier endet – nicht von ungefähr – der neuerdings viel beschworene „Konsens in der Wissenschaft“, und die Religion betritt die Bühne. Von dem Kirchenvater und Bischof Augustinus (*13. November 354 in Tagaste, einer Stadt im heutigen Algerien, + 28.August 430 in Hippo Regius) stammt der weithin bekannte Ausspruch

„Was also ist ‚Zeit‘? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; will ich es einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht.“ (Confessiones XI, 14)

Er weist auf die Kluft zwischen subjektivem Zeitempfinden und dem unerbittlichen, unbeeinflussbaren Gang der universalen Zeit hin, die jeden von uns werden und vergehen lässt. Woher kommen wir? Wohin (ver-)gehen wir?

Auch Religion ist eine anthropologische Konstante, vielen missfällt das, insbesondere Leuten, die „Wissenschaft“ gern in den Rang der Unfehlbarkeit erhöben und sie damit der Religion gleichstellten – im Zeitalter der Gleichstellung mögen manche das als Fortschritt sehen, aber hinter diesem Calauer steckt natürlich der Wunsch, Wissenschaft wie Religon politisch zu instrumentalisieren. Da hört der Spaß auf.

Spaß beiseite also, dafür noch einmal: Was den Menschen von allen anderen ihm bekannten Lebewesen unterscheidet ist, dass er über solche Fragen nachdenkt. Genauer gesagt: Er investiert immer mehr Zeit und Energie, sie zu beantworten. Ein Megaprojekt wie der Teilchenbeschleuniger Large Hadron Collider in Genf verschlingt Unsummen – Jahresbudget 1 Milliarde € – und die Zahl der am Projekt und der Auswertung von Experimenten direkt oder indirekt beteiligten Forscher und Mitarbeiter in aller Welt geht in die Hunderttausende. Hier geht es um den Mikrokosmos, die kleinsten Elementarteilchen, aber letzten Endes soll ihr Verhalten auch erklären, was das Universum ausmacht. Inmitten des unvorstellbar Winzigen und Flüchtigen und des unvorstellbar Großen und Trägen bewegt sich die seltsame Spezies Mensch. Seltsam, weil jeder Einzelne wieder – das erstaunt und beschäftigt die Hirnforscher – eine Qualität dynamischer Wechselwirkungen zwischen seinem Körper, Gehirn und der Lebensumgebung ins Universum einbringt, die astronomische Dimensionen hat und nicht weniger ungelöste Fragen aufwirft, als das Weltgeschehen insgesamt. Vielleicht auch unlösbare?

Existiert nur, was messbar ist? Was genau ist eigentlich Information? Erlangen und gebrauchen wir sie ausschließlich in Gestalt der uns bekannten Medien – also an irgendein Material oder eine Energieform gebunden? Ist ihre Qualität nur anhand ihres praktischen Nutzens zu bewerten? Was entscheidet über das Erscheinen von Persönlichkeiten, die alle vergleichbaren ihrer Zeit in den Schatten stellen und Schicksale von Völkern, Kulturen, Zivilisationen prägen, und zwar sowohl als Zerstörer wie als Erfinder, Erbauer, Schöpfer beispielloser neuer Werke? Und andererseits: Welche Impulse des Einzelnen oder von Kollektiven höchst unterschiedlicher Größe bis hin zu ganzen Nationen, Weltanschauungen, Kulturen treiben Menschen dazu, immer wieder tödliche Risiken einzugehen? Handelt es sich auch dabei um eine anthropologische Konstante? Verbindet nicht gerade dieses Risikoverhalten den Menschen mit allem Existierenden, weil es ohne fortwährende Bewegung auf dem unendlich schmalen Grat des Ereignishorizonts eben nicht existierte?

Diese Frage möchte ich mit Ja beantworten. Dass die Grundimpulse Erlangen und Vermeiden die Welt jederzeit bewegen, dass so beständig Zukunft entsteht und Vergangenheit hinterm Ereignishorizont verschwindet, unerreichbar wird, dass dabei aber genügend träge Masse – mit uns – im Ereignishorizont „gefangen“ bleibt, um daraus Hypothesen über das Vergangene aufstellen zu können, ist ein interessanter Gedanke. Den Grundimpulsen fiele dabei die Rolle des Flüchtigen zu. Wo sie sich im Geschehen materialisieren, verschwinden sie2 zugleich, ohne je aufzuhören. Kosmologen sehen in der Dunklen Energie das „Auseinanderfliegen“ des Universums begründet; eines der vielen unbegriffenen – unbegreiflichen? – Phänomene. Im Gedankenexperiment will ich dort einmal das Flüchtige vermuten. Das Träge ist sein Komplement. Und damit schließe ich den Exkurs.

Die Ewigkeit des Flüchtigen

Falls Sie den Eindruck haben, dass es sich bei mir um einen Feld-, Wald- und Wiesenphilosophen handelt: Das stimmt. Nicht unbescheiden genug, fügte ich gern noch den Luft-, Feuer- und Wasserphilosophen hinzu. Und Ja! ich überschätze mich. Das sehe ich allerdings als normales Risikoverhalten. Menschen auf der Jagd, Menschen, die Kinder zeugen, brauchen es ebenso wie Mauersegler, die 10 von 12 Monaten fliegend in der Luft verbringen, zehntausende Kilometer zwischen Europa und Afrika zurücklegen, dabei eine besondere Art zu schlafen entwickelt haben und – wenn ich’s richtig verstanden habe – sogar kopulieren. Menschen können das inzwischen auch, mehr noch: sie können sogar als einzige Lebewesen im Flug eine warme Mahlzeit zu sich nehmen. Konstatierte der unvergessene Philosoph Loriot.

Otto von Lilienthal 1894 – kein weiter Weg mehr bis zum Fliegen.

Um so weit zu kommen, mussten sie allerdings enormen Aufwand an Technik treiben. Viele starben beim Versuch, es den Vögeln gleich zu tun; die meisten hatten sich überschätzt, viele sterben immer noch, weil sie Risiken unterschätzen. Dasselbe galt und gilt für Bergsteiger, Tiefseetaucher, Langstrecken- und Skiläufer, Autofahrer… Vor allem für Krieger. Spätestens hier stößt einer auf einen wichtigen Unterschied: Wird der Impuls, ins Risiko zu springen, freiwillig ausgelöst, die (Todes-)Gefahr bewusst ignorierend – oder wird er erzwungen? Handelt einer selbständig oder getrieben? Sucht er gar den Tod? Welche Informationen sind ihm zugänglich, welche ausschlaggebend?

Keine Entscheidung – ich rede hier nicht von „rein rationalen“, die es nur als Sonderfälle in der Spieltheorie gibt – erfolgt aufgrund absolut verlässlicher und vollständiger Informationen. Jede Situation überforderte mit der Menge und Komplexität ihrer Einflussfaktoren die Fähigkeiten des Menschen und seiner Instrumente, sie wahrzunehmen und in angemessener Weise zu reagieren. Stattdessen verfügt er über ein im Hinter- (oder Unter-)grund wirkendes System der Intuition und Antizipation. Man kennt es als „Sechster Sinn“, aber das greift zu kurz. Die beteiligten Faktoren sind nur teilweise bekannt, und alle Versuche, einer „Künstlichen Intelligenz“ etwas auch nur Vergleichbares zu verpassen, scheitern – für den Physiker vorhersehbar.

Die Grundimpulse – Erlangen und Vermeiden – sind doch offenbar stark an gedankliche und sprachliche Partikel wie „Gut und Böse“ gekoppelt; auch sie sind komplementär. Könnte es sein, dass jeder Entscheidung, logisch in ein Ja oder Nein gefasst, Impulse des Flüchtigen vorauslaufen – Interaktionen zwischen Bewusstem und Unbewusstem?

Unter zahllosen Beispielen seien zwei bekannte herausgegriffen, bei denen historisches Geschehen statt eines katastrophalen einen glimpflichen Verlauf nahmen:

Als am 26. September 1983 ein Softwarefehler in der Satellitenüberwachung der Roten Armee einen Angriff der USA auf die Sowjetunion mit Atomraketen signalisierte, hätte dies den Beginn des 3. – nuklearen – Weltkrieges bedeuten können. Verhindert wurde er nur durch den diensthabende Oberstleutnant Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow. Er stand vor der Wahl, strikt nach den ihm verfügbaren Informationen und entsprechenden Anweisungen zu handeln, oder – in der Sprache subalterner Ordnung „eigenmächtig“ – die verfügbaren Informationen als Fehlalarm zu interpretieren. Das bedeutete für ihn und sein Land ein unvorstellbares Risiko. Er nahm es auf sich – und lag richtig. Es trug ihm zunächst keinen Dank bei den Apparatschiks ein; erst Jahrzehnte danach wurde er dafür geehrt, vor allem in den USA.

Am 9. November 1989 löste die – vom Informationsstand der Führung seiner Partei sowenig wie von dem der bewaffneten Grenzorgane und der Stasi gedeckte – Aussage des SED-Politbüro-Mitglieds Günter Schabowski während einer internationalen Pressekonferenz über das „unverzügliche“ Inkrafttreten eines neuen „Ausreisegesetzes“ der DDR am selben Abend einen Massenansturm von Ostberlinern auf den Grenzübergang an der Bornholmer Straße aus. Der dort verantwortliche Oberstleutnant Harald Jäger musste sich entscheiden, dem Druck der Masse nachzugeben, oder als Subalterner das „Grenzregime“ nötigenfalls mit Waffengewalt durchzusetzen. Er handelte – nach eigenem Bekunden – ohne Zustimmung seiner Vorgesetzten „auf eigene Faust“, was eine Befehlsverweigerung bedeutete. Die Folgen sind Geschichte.

Es gäbe zahllose Beispiele dafür, welche massenhaften Opfer befehlsgemäßes, subalternes Verhalten in der Vergangenheit forderte und bis heute fordert. Sie weisen auf ein für autokratische, gar totalitäre Gesellschaften typisches Muster hin: Die organisierte Verantwortungslosigkeit. Keinem der – später nur ausnahmsweise als Massenmörder und Kriegsverbrecher verurteilten – Subalternen war mit Vernunftgründen hinsichtlich ihrer Schuld beizukommen. Sie beriefen sich allesamt auf das Informationssystem von Befehl und Gehorsam. Strikt rational begründet. Niemand weiß, wieviele von ihnen doch unter „Gewissensbissen“ handelten, wieviele Reue empfanden. Es gibt davon aber Zeugnisse. Natürlich auch Beweise für erheuchelte Reue mit dem Ziel, eine härtere Strafe zu vermeiden.

Noch unübersichtlicher, noch unschärfer wird das Bild, will man herausfinden, ob, wann und unter welchen Umständen ein Kollektiv aus Vernunftgründen innegehalten hätte, wären nur die Argumente gegen ein im Nachhinein als mörderisch oder selbstmörderisch erkanntes Verhalten rechtzeitig zur Stelle gewesen. Nein, ich will hier nicht nur von jenen Fällen reden, in denen sich Sekten bis heute immer wieder einmal selbst auslöschten, sondern auch von absehbar nicht zu gewinnenden Kriegen – vor allem über den letzten, ganz großen Krieg, bei dem über die Weltherrschaft entschieden wird. Mit dem Überfall der russischen Armee auf die Ukraine, befohlen von Wladimir Putin und seiner Gefolgschaft in Politik und Militär – gerechtfertigt und propagandistisch bestärkt nicht nur von russischen Medien – ist die Bedrohung für Europa wieder gegenwärtig. Dass genügend Kernwaffen existieren, die Erde in eine kaum mehr bewohnbare Trümmerwüste zu verwandeln, weiß der eine; ob, wann und von wem dieser Schritt getan wird, ist ungewiss. Wer immer ihn unternimmt, überzeugt, dass er über genügend Räumkommandos gebietet, die auf Schutt und Bergen von Leichen eine seinen Dominanzwünschen gemäße Gesellschaft begründen: Er kann nie ganz sicher sein, dass nicht auch in den eigenen Reihen ein paar seiner Gegner überleben – womöglich statt seiner. Den totalen (End-)Sieg gibt es gegen Viren und Bakterien so wenig wie gegen anderes (in der Propaganda gern auf Menschen gemünztes) „Ungeziefer„.

Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin
Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin. Im vergrößerten Bild sind Besucher zu sehen: winzigklein

Ein Monument der gegen tödlichen Größenwahn versagenden Vernunft steht in Berlin. Es soll an den Holocaust, den organisierten Massenmord an den europäischen Juden erinnern, sein Bau war nicht nur wegen der Kosten umstritten. Wer genauer hinschaut und das Treiben von Touristen zwischen den 2710 Betonstelen beobachtet, wird sich vielleicht wundern, wie gedankenlos manche die Sehenswürdigkeit durchstreifen, um sich schließlich mit einem „Selfie“ zu verewigen.

Peter Eisenmann, der Architekt, sah dies bei der Eröffnung durchaus vorher:

„Wenn man dem Auftraggeber das Projekt übergibt, dann macht er damit, was er will – es gehört ihm, er verfügt über die Arbeit. Wenn man morgen die Steine umwerfen möchte, mal ehrlich, dann ist es in Ordnung. Menschen werden im dem Feld picknicken. Kinder werden in dem Feld Fangen spielen. Es wird Mannequins geben, die hier posieren, und es werden hier Filme gedreht werden. Ich kann mir gut vorstellen, wie eine Schießerei zwischen Spionen in dem Feld endet. Es ist kein heiliger Ort.“ äußerte er 2005 in einem Interview mit dem „Spiegel“.

Die zuständigen Verwalter sehen das anders. Gegen Schmierereien ließen sie die Stelen mit einer abweisenden Schicht überziehen. Auch dem Zahn der Zeit – da er sich nicht ziehen lässt – trotzen sie etwa mit Metallbandagen gegen Risse, die sich seit 2008 infolge von Hitze, Kälte, Wind und Regen im Beton ausbreiteten. Ist es der Rang des Kunstwerkes, der – wie etwa bei Kathedralen – die fortwährende Instandhaltung erheischt? Worin stünde andererseits der mythische Rang von Tempelruinen dem intakter Bauwerke nach?

Vielleicht ist die Frage erlaubt, ob die Erbauer – neben dem rühmlichen Gedenken für die unvorstellbar vielen vernichteten Menschenleben – nicht auch der eigenen gesellschaftlichen Stellung, dem moralischen Ansehen einiges Gewicht geben wollten. So weit, so legitim. Jeder, der Wert auf eine ehrenvolle Bestattung seiner Angehörigen legt, tut das. Sepulkralkultur dient den Lebenden, nicht den Toten.

Gräberfelder und Stolpersteine, mit denen der Opfer massenhafter Morde und Selbstmorde gedacht wird, haben allerdings kaum je Nachgeborene gerettet. Sie haben auch den nächsten Krieg, den nächsten Führer und die nächsten seriellen Zerstörungen menschlicher Errungenschaften nicht verhindert. Ich wage zu behaupten, sie haben sie nicht einmal gebremst.

Gibt es irgendeinen wissenschaftlichen Beleg dagegen? Natürlich gibt es sie ohne Zahl. Jedenfalls in der Wahrnehmung jener Politiker, Journalisten und „Wissenschaftler“, die von „No Covid“, „Klimarettung“ oder der „großen Transformation“ schwadronieren. Obwohl es an begreiflichen wie berechtigten Einwänden gegen die Ermächtigung von Kommunisten und Nationalsozialisten nie gefehlt hat, war und ist der Größenwahn weltweit gültiger moralischer Überlegenheit, von der Herrschaft der Guten, vom ewigen Frieden und Glück im Glanz letzter Erkenntnis nicht ausgeträumt, egal welche Opfer er kostet. Die Farben, Symbole, Uniformen aus Stoff oder im Geiste wechselten, das Ziel – Weltregierung, absolute Hoheit über Deutung, Recht und Verteilung der Güter – blieb. Wer Bedenken vorbringt, kann heute bereits wieder vom Glück reden, wenn er nur ausgelacht, für verrückt erklärt, sozial isoliert oder ins Exil getrieben wird.

So elementar wie allgegenwärtig ist der Impuls zur Dominanz. Sein Ziel ist, Macht zu erlangen und deren Verlust zu vermeiden. Dominanz bedarf der Unterwerfung, der Subalternität – ohne Subalterne ist niemand mächtig. Das begründet eine wechselseitige Abhängigkeit beider Seiten: Sie sind komplementär, sie brauchen einander bis zur paradoxen Rollenumkehr. Wer Kinder aufzieht, erlebt das vom ersten Schrei des Säuglings an. Der vermeintlich Unterlegene kann – der elterliche Instinkt gebeut’s – andauernd, ausdauernd Fürsorge erzwingen. Eine Frau, die ihren Säugling aussetzt, ist nicht mehr Mutter, ihr drohte früher soziale Ächtung. Mit Glück fanden und finden sich passende Pflegeeltern – so weit, so auch im Tierreich geläufig und für das Fürsorgeverhältnis unerheblich. Was ich sagen will: Der Subalterne kann Fürsorge erpressen solange der „Herr“ seiner bedarf, und zwar nicht nur als Arbeitskraft, sondern auch als Zeuge seiner sozialen Stellung. Je mehr Sklaven, Soldaten, Angestellte er hat, desto größer sein Ansehen: seine informelle Macht.

Verhungernde Sklaven, zu Tode erschöpfte Zwangsarbeiter, sieglos sterbende Soldaten beenden fast jede Herrschaft nicht nur materiell sondern auch informell: König Ohneland wird zum Gespött ohne Denkmal, der größte Führer aller Zeiten wird zum Scheusal, der Firmenchef meldet Privatinsolvenz an… Soweit beliebte Dramenkonstellationen, in deren Folge manchmal ein „Negativ-Denkmal“ übrig bleibt wie der Teufel in den Mythen. Auch das kann unsterblich machen. Was da in legalen oder illegalen Überlieferungen weiter west, ohne es zu mehr als verschwörerischen Signets und Schriften zu bringen, tut’s vor allem in der Dimension des Flüchtigen.

Was im Alltag meist funktioniert: beide Seiten wissen, dass Fürsorge sie erhält, sie werden immer wieder in Konflikte geraten und Kompromisse aushandeln – mit unsicherem Ausgang. Hier ist das Flüchtige, das Volatile in seinem Element, keineswegs nur deshalb, weil die Ratio alles regelt. Im Gegenteil: Eine Einbuße an Spontaneität, Inspiration, Freiheit beim Spiel der Kräfte schwächt erfahrungsgemäß jede Beziehung. Zukunft braucht Spielräume für alle Beteiligten, das bedeutet nicht Regellosigkeit. Nur die „sichere Zukunft“ ist ein Oxymoron.

Nur der Tod ist sicher. „Mors certa, hora incerta“: In diesem lateinischen Sprichwort löst sich Augustinus‘ nachdenkliche Formulierung auf: Nur der Lebende hat Zeit, sie stirbt mit ihm. Das letzte, was er sieht, ist seine von fremden Zielen und Impulsen verstopfte Zukunft: Sei’s vom Killerinstinkt eines Feindes, dem Auto eines Geisterfahrers oder von Krankheiten, die sein Immunsystem überwältigen.

Andere können beim Sterben zuschauen, es wird Teil ihrer Erinnerung, ohne dass es als Erfahrung vermittelbar wäre. Menschen töten Menschen seit je, weil sie etwas erlangen oder vermeiden wollen, z. B. getötet zu werden. Letzteres gilt in der Gesetzgebung der meisten zivilisierten Gesellschaften als nicht zu bestrafende Notwehr. Richter müssen entscheiden, ob die subjektiv erlebte Todesfurcht begründet war. Eine unlösbare Aufgabe. Die komplexen, zeitlich und gesellschaftlich determinierten Umstände sind nie „objektiv“ zu bestimmen. Rebellen, Mörder, Totschläger, psychisch Gestörte, Polizisten, Soldaten – wer darf fremdes Leben ungestraft auslöschen? Die Chancen auf Freispruch stehen für Täter umso besser, je höher ihr Rang in den Kategorien von Kollektiven ist, die – womöglich von Staats wegen ermächtigt – die Deutungshoheit haben, und je größer dank moderner Waffentechnik ihre Entfernung zum realen Geschehen des Tötens ist.

Die organisierte Verantwortunglosigkeit moderner ökonomischer und politischer Systeme, vollendet ausgeprägt im Totalitarismus, stellt die Verursacher von nach Millionen zählenden Massakern fast immer frei, meist auch die gewalttätigsten Schergen und Handlanger. Die Urteile der Nürnberger wie der Auschwitz-Prozesse und des einen oder anderen vor internationalen Gerichtshöfen haben daran wenig oder nichts geändert. Mao Zedong, seine Gehilfen und Nachfahren in der KPChinas gelten in der Ära Xi Jinpings wieder als Vorbilder, ein rigider Nationalismus lässt jeden Dissidenten als Feind des chinesischen Volkes erscheinen, Denkmäler, Porträts, die „Mao-Bibel“ haben Konjunktur.

In etlichen Gegenden dieser Welt droht Zweiflern am Kurs der Mächtigen der Tod. Manche nehmen ihn in Kauf. Sie wollen sich „ums Verrecken nicht“ den vielen gesellen, die sich mit den je herrschenden Verhältnissen arrangieren. Kollektiver Druck mit Argumenten wie „Wer gibt dir eigentlich das Recht, dich querzulegen?“, „Willst du was Besseres sein als alle anderen?“, „Du arbeitest den Feinden der Gesellschaft in die Hände!“ schrecken sie nicht ab; dafür werden sie von Mitläufern denunziert, verleumdet, bekämpft, exekutiert – noch im vermeintlich sicheren Exil.

Was tut einer, dessen Aussicht nichts anderes als „eine See von Plagen“, ein unausweichliches, grausames Leiden mit sicherem, qualvollem Ertrinken ist – oder ein paar Schritte bis zur Gaskammer, zum Galgen, zur Guillotine? „Lever dood as Slav“, war das überlieferte Motto friesischer Freiheitskämpfer, schwimmen bis zum letzten Atemzug, strampeln, bis die Kräfte verbraucht sind, „kämpfend untergehen“, sei’s nur mit letzten Worten dem Henker die Stirn zu bieten. Der wenigsten wurde – wird – bis heute mit Ehrfurcht gedacht. Sie waren und bleiben Einzelgänger.

Unübersehbar ist das Heer jener, die sich ohne Gegenwehr ergeben, angsterstarrt, hoffend, dass „hora incerta“ vielleicht das Wunder bedeuten kann: Rettung in letzter Sekunde durch himmlische oder irdische Mächte. Schlimmer noch: manche helfen den Henkern, letzte Schreie der Verzweiflung abzuwürgen, wie es vor den Gaskammern der Shoah geschah.

Das Holocaust-Monument auf dem ehemaligen Gelände der mörderischen Mauer in Berlin ist wie für diese Masse Namenloser gemacht. Wenn es einen komplementären Mythos gibt, ist es der des anonym Untergetauchten, Geflohenen, hilfsbereiten Außenseiters in der KZ-Gesellschaft. Das Mahnmal sagt eigentlich: „Wehr‘ dich, bevor es zu spät ist!“

Damit komme ich endlich wieder auf die Überschrift zu sprechen, denn immer standen am Anfang kollektiver Selbstmorde – und jeder Griff nach der Weltherrschaft riskiert ihn – überlebensgroße Führungsfiguren und eine Ideologie. Nicht selten wurden ihnen schon frühzeitig mit ersten Erfolgen, jedenfalls wenn sie anhielten, Monumente errichtet. Die der Architektur – Tempel, Kathedralen, Moscheen, Paläste, Wallfahrtsorte – überlebten Jahrtausende ebenso wie die „Heiligen Bücher“ der Juden, Christen, Muslime. Der Begriff „Buchreligion“ sagt es. Die Schriften eines Marx, Engels, Lenin, Stalin, Mao Zedong begründeten eine Ersatzreligion von nicht weniger suizidaler Potenz. Nach vorübergehendem Sturz infolge massenhafter Gräuel unter ihrer Führerschaft kommen sie wieder zu Ehren, und architektonische Monstrositäten des Sozialismus sind Sehenswürdigkeiten wie die Marx-Statue in Trier, ein Geschenk von Xi Jinping.

All das sind Versuche, flüchtiges, vergängliches Leben und Denken – gekoppelt an besondere materielle und informelle Macht – unvergänglich zu machen. Flüchtige Zeit wird mit einem auf Ewigkeit zielenden Gewicht beladen, die Erinnerung mit einem Höchstmaß an Trägheit beschwert, auf dass die Ideen und Handlungen der Großen fortwirken, wenn die Nachwelt sich darüber verständigt, was zu erlangen, was zu vermeiden ist. Dabei gerinnt die Sprache, erstarrt in Phrasenritualen, wird in Stereotypen gestanzt, zu Worthülsen gedrechselt, wird ihres Sinnes und ihrer Sinnlichkeit beraubte verbale Uniform versteinernder Verhältnisse. „Kaderwelsch“ nannte Bertolt Brecht das. Auf die Politbürokraten der DDR gemünzt passt dieses Wort heute auf all jene doktrinären Bewegungen, die – mehr oder weniger staatlich geduldet oder gar gefördert – Kriege um die Deutungshoheit führen. Ihnen allen ist gemeinsam der kollektivistische, korporatistische, etatistische Impetus. Das freie Individuum, dessen Recht, seine Meinung zu äußern und den Verfall unter Fundamenten und hinter Fassaden der je herrschenden Ordnung bloßzulegen, eigene, selbständige Wege zu gehen, ist ihr größter Feind.

Führungsfiguren werden – fast wie Gottheiten – Stoff künstlerischen Schaffens. Bisweilen nehmen sie gottähnliche Züge an. Wer Bauten, Porträts, Standbilder, Lobpreisungen jeder medialen Form in die Welt setzt, darf darauf vertrauen, selbst ein wenig in der Aura zu glänzen, die er in Denkmälern materialisiert. Das kann schiefgehen wie bei Leni Riefenstahl, Arno Breker und literarischen Apotheosen der Tyrannei, aber selten sind die Folgen für Schöpfer und Produkt so irreparabel wie der Tod jener, die in den kollektiven Selbstmord mitmarschierten.

Manche Mythen verorten seltsame Schatten in einem besonderen Reich: Dort sind Schuld, Unrecht aller Art, aber auch Versagen, Furcht und Schrecken, Lug und Trug, Neid, Missgunst, Untreue – kurz: all jene dunklen Kräfte – beheimatet, von denen Heldendenkmäler gereinigt erscheinen. Als wolle man die Kräfte des Todes, des ewigen Wandels, das Ungreifbare und Flüchtige dort bannen. Wer errichtet ein Denkmal, das den Verfall feiert: von der Witterung zermürbt, verrostend, dahinbröckelnd, bald verschwunden? Es mag einzelne geben – vielleicht angeregt von Joseph Beuys –, durchgesetzt haben sie sich nicht.

Keines der Reiche in der menschlichen Geschichte konnte überdauern. Manche blieben an Denkmälern ihrer Tätigkeiten, Führer, Kriege erkennbar, auch sie vom unvermeidlichen Verfall gezeichnet, manche kaum mehr zu identifizieren. Die Grundimpulse der Herrschaft aber blieben mitten im materiellen und ideellen Wandel erhalten, sogar Herrschaftsformen und -methoden finden sich fast überall – zeitlos – wieder, nur neue Technik kam hinzu.

All das folgt dem Drang des Menschen zum Erobern ebenso wie Seefahrten, das Bauen von Fluggeräten und die zahllosen Konflikte, Kämpfe, Kriege, geführt um die Macht und ihren Erhalt. Das Denken muss sich dabei den beiden Grundimpulsen – Erlangen und Vermeiden – fügen: Es will in der Dimension flüchtiger Ideen dominieren, lässt Risiken geringer oder größer erscheinen, bevor über Handeln oder Zögern, Einlenken oder Durchsetzen rational entschieden wird. Man sollte meinen, dass je bedeutsamer ein Unternehmen, desto robuster das Theoriegebäude sein sollte, auf dem ein Entschluss beruht.

Das Dilemma besteht aber darin, dass über die Zukunft – also den Erfolg oder Misserfolg – niemals volles Wissen zu erlangen ist. Egal ob jemand allein oder in einem Kollektiv agiert: die Kraft elementarer Impulse triumphiert immer wieder über komplexe Erwägungen des Für und Wider. Und ein besonders schwer zu kontrollierender Impuls ist „Gewalt – Macht – Lust“.

Die "Alexanderschlacht" - 333 v.Chr. - 1528 von Albrecht Altdorfer imaginiert, weist auf die Allgegenwart von Konflikten in der Geschichte
Die „Alexanderschlacht“ – 333 v.Chr. – 1528 von Albrecht Altdorfer imaginiert, weist auf die Allgegenwart von Konflikten in der Geschichte

Natürlich lässt sich eine Elementarstrategie, wie die Gewalt es ist, nicht einfach abschaffen. Sie hat zum Überleben der Gattung beigetragen wie die Paarung zur Fortpflanzung. Menschen erleben andauernd, welches Glücksgefühl entsteht, wenn ein „Befreiungsschlag“ gelingt, wenn Fesseln gesprengt werden, wenn das Übermächtige und Bedrohliche zu Boden stürzt und zerschmettert werden kann – wie Hitlers Führerbunker und der Stacheldraht um die Arbeitslager Stalins, wie die Berliner Mauer, wie der israelische Panzer oder die Taliban–Basis, die in die Luft fliegt, wie der Kinderschänder, der einer rächenden Meute in die Hände fällt. Gewalt macht Lust, wenn sie „das Böse“ austilgt, und dieser Lust überlassen sich tagtäglich, zu jeder Stunde und Minute, in jedem Augenblick Millionen Menschen im Fernsehen, im Kino, im Theater, im Stadion oder im Panzer, mit der Steinschleuder in der Hand, im Düsenjäger, mit dem Messer oder der Maschinenpistole – oder im Bordell bei einer Minderjährigen. Oder auch mit dem Federhalter überm Papier, dem Mikrofon vor der Nase, der Kamera auf der Schulter, dem Text- und Bildverarbeitungsprogramm oder dem 3-dimensional animierten Killerspiel auf dem Monitor. GEWALT MACHT LUST.

Das steht im Vorwort zu „Der menschliche Kosmos“. Ich will hier nur auf den speziellen Aspekt des Niederwerfens und Zerstörens verhasster Feinde „in effigie“ zu sprechen kommen, also auf das Vernichten von Bildwerken, Symbolen, Büchern und anderen Medien, die anstelle der (unerreichbaren) Originale zum Ziel eines Mobs, einer Bewegung, eines Heeres werden. Linke Ideologen erfanden dafür den beschönigenden Begriff „Gewalt gegen Sachen“. Sie täuschen damit eine humane, moralisch kaum anfechtbare Zielsetzung vor, da sich ihre Brutalitäten angeblich nicht gegen menschliches Leben richten.

Tatsächlich richten sie sich nur scheinbar ausschließlich gegen materielle Zeugnisse des Daseins feindlicher Götter, Herrscher, Denker, Künstler. Die Medienwelt, auf spektakuläre Aktionen fixiert, greift dankbar nach Bildern des Vandalismus, des Schändens und Zerschmetterns, macht aber die Ziele dahinter nur dann sichtbar, wenn sie sich politisch passend einordnen lassen. Je nach Gesinnung empören sich Journalisten über den Frevel oder beschönigen, verteidigen die „Aktivisten“ und forschen nach – möglichst akzeptablen – Gründen der Täter. Sie billigen insofern deren ideelle Attacken auf das Ansehen von Personen und Werk, die nicht dem eigenen Lager zuzurechnen sind. Manchmal sondern sie ein paar Phrasen der „Betroffenheit“ über den Sachschaden ab.

Dabei toben sich „in effigie“ Mord- und Rachegelüste gegen Menschen so ungehemmt aus wie sadistische Neigungen. Schänden und Verwüsten zielt immer auf diejenigen, in deren zivilisatorischem Wertesystem Denkmäler und gesellschaftlicher Rang verankert sind. Die Täter testen spielerische Vorformen, Simulationen des Terrors. „Wie weit kann ich gehen?“ ist das Muster. Bleibt es folgenlos, wenn ich die Wände eines restaurierten Gebäudes, wenn ich ein Standbild mit meinen „Tags“ beschmiere? Wieviele Autos kann ich anzünden ohne erwischt zu werden?

Der Vandalismus korrespondiert mit Pöbeln, Diffamieren, Verleumden, Hetzen in der informellen Sphäre – also mit Angriffen aufs Ansehen, auf den Ruf des Attackierten. Die liberale, freiheitlich und rechtsstaatlich verfasste Öffentlichkeit lässt hier große Spielräume im Sinne des Wortes. Doch zielen diese ideologischen Kriege allzu oft auf Vernichtung. Genaues Hinsehen lohnt: Soll niemand mehr den Gegenspielern vertrauen, ihre Gedanken aufgreifen und verbreiten? Werden obendrein alle, deren Denken, gar geäußerte Meinung sich mit ihnen in Verbindung bringen lässt, verdächtig und ebenso attackiert – ohne Rücksicht auf Qualitäten und Leistungen? Diese Form der „Kontaktschuld“ hat in den „Social Media“ Konjunktur. Werden die je aktuell erwünschten Vorstellungen von Gut und Böse radikal in die Vergangenheit ausgedehnt, egal wie unsinnig sie aus historischer Perspektive erscheinen? Das führte dann genau zu den Alpträumen von Geschchtsklitterung in George Orwells „1984“.

Die Welt der Menschen, mit denen jeder von uns zusammenleben muss, ist von einer nie dagewesenen Komplexität. Sie wandelt sich zugleich in nie zuvor erlebter Rasanz. Die Massen an Materialien und Informationen, die in jedem Augenblick umgeschlagen werden, sind unvorstellbar, auch wenn allgegenwärtige Statistiken ihre Beherrschbarkeit suggerieren. Wer sind die wahren Herrscher? Welches sind ihre Paläste, Tempel, Kathedralen, Moscheen, Denkmäler, Bibliotheken für die Ewigkeit? Besonders Wagemutige stellen anheim, dass künftige Besucher – „Aliens“ – anhand dessen, was sie vorfinden werden, unsere Zivilisation sollten rekonstruieren können.

Ohne mich weiter auf derlei Science Fiction – nicht mehr als einen Aufguss religiöser Wunschvorstellungen – einzulassen: Die Herrscher sind nur in der von Routinen, Ritualen und Gesinnungskitsch einer quotenfixierten Aufmerksamkeits-Ökonomie befangenen Wahrnehmung der Medien überlebensgroße Persönlichkeiten. Politiker wie Milliardäre sind in der zeitlichen Relation zu Pharaonen, Propheten, Päpsten, Feldherren, Kaisern und Königen eher Zwerge.

Stalin, Hitler, einige Größen der Film-, Literatur- und Musikwelt sind immerhin im Gedächtnis mehrerer Generationen präsent – also in der Sphäre flüchtiger Gedanken von bislang 100 Jahren, weil sich an ihnen bis heute verdienen lässt. Das Negativ-Denkmal Hitler dürfte als Goldesel unübertroffen sein. Ob es Bill Gates oder Jeff Bezos so weit bringen werden? An welchen von den Nachfolgern des kommunistischen Kaisers Mao erinnern Sie sich? Gut, Sie sind kein Chinese. Aber wie ist’s mit englischen, französischen, spanischen Staatsoberhäuptern? Vergleichen Sie einfach spaßeshalber die Beatles mit japanischen Popstars, die 2000 Jahre seit dem Beginn des Jesus-Mythos mit den 200 der Marx-Engels-Lenin-Stalin-Mao-Religion und fragen Sie ruhig, wer auf wessen geistigen Schultern steht.

Die Herrscher von heute sind riesige Korporationen, viele global aufgestellt. Sie nahmen berühmte Architekten in Dienst für ihre Paläste, der Aufwand, sie medial aufs Spektakulärste, schier unwiderstehlich zu inszenieren, sprengt das Budget etlicher Nationen. Gerne profitierten die ärmeren Staaten von ihrer Macht, aber egal wo und von welchen Staaten oder Konzernen sie dominiert werden: Die Herren der Welt marginalisieren auf jeden Fall ihre Kultur.

Dominanz im Reich des Flüchtigen, die informelle Macht, war noch nie so entscheidend wie heute, und das lässt sich nicht nur anhand des Aufwandes, also der Quantität der dafür eingesetzten Mittel, sondern vielmehr auch am Verschleiß menschlicher Qualitäten erahnen. Die schaurigen Entwürfe von Aldous Huxleys „Schöner Neuer Welt“, Kafkas „Prozess“, Orwells „Farm der Tiere“ oder „1984“ sind – was Subalternität, Überwachung, devotes Verhalten, massenhaften Konsum verblödender Unterhaltung und die weltweit an ihrer Unangreifbarkeit arbeitenden Organisationen von Politik, Wirtschaft, Medien anlangt, längst überflügelt.

Und doch… Wer die Lebensdauer moderner Monumente – Banken, Hotels, Konzernzentralen, Sportstadien, Spielkasinos, Brücken, Bürokomplexe anschaut, wird sie vergleichsweise kurz finden. In den USA darf sich eine Firma rühmen, Weltmeister in einigen Disziplinen des Sprengens solcher Bauwerke zu sein, darunter größte, besonders komplizierte, höchste. Es gibt einen Film darüber; er ist sehenswert, nicht nur wegen der erstaunlich sorgfältig geplanten und vollzogenen Zusammenbrüche und der gescheiten Fachleute im Familienunternehmen, sondern auch wegen der Zuschauer. Es waren alles in allem Hunderttausende, oft die ehemalige Kundschaft, die mit Applaus und Feuerwerk das Ende einstiger Vergnügungsstätten und Denkmäler der Ingenieurskunst feierten.

Immer wieder komme ich ins Staunen, wie schnell berühmte Namen verblassen, politische Strömungen, Markennamen, Bücher und Filme vergessen werden. Die Impulse bleiben erhalten, und sie lassen sich nicht ersticken: Das Flüchtige treibt alle – auch die von den Mächtigen am wenigsten erwünschten Gedanken, Wünsche, Absichten, weiter. Womöglich in immer größerem Tempo? Das subjektive Zeitempfinden lässt mich ahnen, wie eine dunkle Energie das Zeitmaß des Universums bestimmen könnte. Gott sei Dank ahne ich aber nicht einmal, wieviel Zeit mir noch bleibt, geschweige, wie lange es bis zum nächsten Urknall ist.


2  Für Interessierte: In der Quantenphysik entspräche das dem „Zusammenbruch der Wellenfunktion“


1  Brian Greene: „Die verborgene Wirklichkeit, Paralleluniversen und die Gesetze des Kosmos“, Pantheon 2013

Der Beitrag erweitert den Artikel im „Globkult“-Magazin vom 16. August 2021

Verfallende Kulturen

„Es steht geschrieben…“ war einmal eine gewichtige Einleitung zu argumentieren; „Es heißt…“, oder „Man sagt…“ dagegen mit erheblicher Unsicherheit behaftet. Sollte also eine Geschichts-Schreibung verlässlicher sein als Heldenepen, Mythen, gar Gerüchte? Auch Historiker kommen seit jeher nicht ohne überlieferte oder aus Artefakten konstruierte Mutmaßungen aus, schon gar nicht ohne Impulse und Motive. In einer unübersichtlichen Landschaft aus halbwegs verlässlicher Dokumentation, Fabuliertem und schierer Propaganda hat noch niemand letzte Wahrheiten über Geschehenes, geschweige Aktuelles oder gar Zukünftiges gefunden. Dies umso weniger, wenn der über 3000 Jahre zurückliegende Untergang einer Zivilisation betrachtet werden soll, die als „Bronzezeit“ geläufig ist. Fast jeder hat in der Schule von ihr gehört und in Museen der Frühgeschichte Exponate bestaunt – etwa im Vorderasiatischen und im Neuen Museum zu Berlin

Von Ägypten, zum Zweistromland, Anatolien und der Ägäis: Globale Wirtschaft und Kultur?

Wenn einer aber zu überblicken versucht, welcher gewaltige Aufwand in den vergangenen etwa 300 Jahren für archäologische Forschung rund ums Mittelmeer und in angrenzenden Ländern getrieben und wieviel darüber geschrieben wurde, nimmt er sich schier Unmögliches vor. Eric H. Cline hat sich nur mit der Frage beschäftigt, wie dort in zahllosen Artefakten, auf Keilschrifttafeln und in Hieroglyphen erhaltene Zeugnisse einer blühenden Kultur zugleich deren innere Dynamik wie ihren Verfall bekunden. Ein Literaturverzeichnis von 36 eng bedruckten Seiten weist darauf hin, wieviel Sachkenntnis und hartnäckige Recherche er brauchte, um auf 230 Seiten vom Ende der Bronzezeit zu erzählen. Und der Leser sieht sich einer fast ebenso riesigen Menge von Anmerkungen gegenüber, wenn er Details nachgeht. Ein Blick auf die Liste der „Dramatis Personae“ überzeugte mich ebenso wie das Lesen der ersten Kapitel mit vielen Ortsnamen und der Vorgeschichte beteiligter Völker – von den Ägyptern über Assyrer, Hethiter, Ägäer, Kanaaniten – sogleich, dass ich als interessierter Laie an die Grenzen meines Vorstellungsvermögens stoße.

Ich habe also zweimal gelesen, und das hat mein Interesse noch befeuert. Cline kommt nämlich zu dem Ergebnis, dass es eine durch wirtschaftliche, politische und kulturelle Interaktionen vernetzte, heutigen globalen Verhältnissen durchaus vergleichbare multiethnische Welt war, die sich über einen Zeitraum von nur etwa hundert Jahren auflöste. In drei Kapiteln erzählt er die Vorgeschichte. Besonderen Raum nimmt dabei Ägypten ein, dessen Handelskontakte und florierende Wirtschaft über Jahrhunderte andere Völker überragten und dessen Kultur und Religion besonders gut erforscht sind. Es sind ägyptische Bildwerke, auf denen auch die sogenannten Seevölker und eine ihrer Seeschlachten mit Ägyptern abgebildet sind. Herkunft, ethnische Wurzeln, Sprache ebenso wie Auftauchen und Verschwinden dieser Seevölker geben Forschern bis heute Rätsel auf, obwohl sie mit ihren Überfällen auf sämtliche Arainersaaten des östlichen Mittelmeeres zu Niedergang und Zusammenbruch der bronzezeitlichen Kultur erheblich beigetragen haben.

Während Tontafeln, Inschriften auf Stelen, Keramiken oder Fresken bekunden, wie Handel und Handwerk zwischen Völkern und ihren Städten wie Babylon, Assur, Tyros, Memphis, Ugarit und der gegenüberliegenden Insel Zypern, dem weit entfernten Kreta, Mykene, Troja blühten, sich Sprachen und Schriften beeinflussten – es gab mit Akkadisch sogar eine „lingua franca“, die im diplomatischen Gebrauch war – fanden sich kaum Spuren, die als charakteristisch den Seevölkern zuzuordnen waren. Aber das Besondere an Clines Buch ist, dass es eine Fülle von archäologischen Untersuchungen zusammenführt, mit denen sich belegen lässt, wie nicht allein Überfälle und Zerstörungen die bronzezeitliche Blüte erstickten, sondern wie Erdbeben, klimatische Veränderungen, vor allem Dürre und folgende Hungersnöte dabei mitwirkten.

Immer neue Unschärfen und Unklarheiten tauchen beim Lesen der vielstimmigen Diskussion unter Archäologen auf und führen zu neuen Fragen: Was weiß man heute genau über die demographischen Verhältnisse der in dieser frühen Form von „Globalisierung“? Dass die Staaten zentralistisch von Palästen aus regiert wurden, dass große Städte ca. 8000 Einwohner hatten ist bekannt, aber wie wirkten sich die erkennbaren Katastrophen aufs innere Gefüge aus? Unsichtbare Mitspieler müssen Seuchen gewesen sein, die sich fast immer im Zuge von Naturkatastrophen, Krieg, und Reisen ausbreiten. Dank der besonderen Begräbniskultur der Ägypter wissen wir vom Tod in den Fürstenhäusern und unter hohen Beamten – aber wie starben Sklaven, Bauern, Handwerker? Sie waren zu unbedeutend, jemals erwähnt zu werden, ihre Lebenserwartung war vermutlich gering, der Tod ein alltägliches Ereignis. Soldaten – immerhin ein besonder Beruf – zählten nur als gefallene Gegner, je mehr, desto größer der Ruhm, vielen wurden Hände als Trophäen abgehackt. Zweifellos haben Feld- und Seuchenzüge demographische Verläufe ausgeprägt, ebenso Migrationen. Die deutlichste scheint von der Ägäis auszugehen, über Land und Meer alle Küsten des östlichen Mittelmeeres ergreifend, wobei sich unterschiedlichste Ethnien mischten oder verdrängten.  Nach dem Niedergang der Hochkultur setzten sich spontane, robuste, dezentrale Wirtschaftsformen durch – Strategien des Überlebens.

Mit dem eigentlichen Untergang der Kulturen befasst sich Erik S. Cline vom vierten Kapitel an. Beispielhaft stehen dafür die Ausgrabungen in der nordsyrischen Hafenstadt Minet el-Beida und – ausgehend von dort – der Hauptstadt des Königreiches Ugarit. Dort fanden sich Zeugnisse des florierenden Handels und verschiedener Sprachen rings ums östliche Mittelmeer. Das Ugaritische hatte bereits ein frühes Alphabet. Insgesamt war das vorgefundene Schriftgut derart umfangreich, dass Ugaritologie zu einem eigenen Forschungszweig avancierte.

Während sich in vielen anderen Städten nach schweren Schlachten, Bränden, Beben, fast immer Neuansiedlungen fanden, dort Verbindungen über See und Land selbst zu entfernteren Handelspartnern so weit intakt blieben, dass der Güteraustausch wieder in Gang kam, wurde Ugarit bei einem Angriff vollkommen zerstört. und verlassen. Das Königreich war Vasallenstaat der Hethiter, aber dieses bis Mitte des 13. Jahrhunderts v. Chr. mächtige Reich löste sich wenig später vollkommen auf.

Es leuchtet ein, dass der Autor viele Ursachen des Verfalls zu einem komplexen Geschehen zusammenfasst, am Ende die Komplexitätstheorie ins Spiel bringt und damit systemisches Versagen eines von vielen – divergierenden – Kräften beeinflussten Netzwerks der Abhängigkeiten. Die herrschenden Eliten hatten offensichtlich keine Strategien, auf das Zusammenwirken von Naturkatastrophen, Freibeuterei, inneren Spannungen, Migration zu reagieren. Interessant wäre hierbei, inwiefern Religionen in die Krise kamen, weil ihre Normen setzende und durch Rituale im Alltag befestigende informelle Macht dahinschwand.

Vergleiche zum Untergang anderer Kulturen drängen sich auf. Cline erwähnt die Maya, mir fallen die Ablösung der Ming-Dynatie in China durch die von Nordosten vordringenden Mandschu und – wesentlich dramatischer – deren Niedergang als Qing-Dynatie unterm Druck der westlichen Imperien am Ende des 19. Jahrhunderts ein. Er beendete eine Jahrtausende alte Kultur chinesischer Kaiserreiche. Das wechselvolle 20. Jahrhundert, gezeichnet vom gescheiterten Versuch der Guomindang, westliche Wirtschafts- und Poltitkmodelle zu etablieren, von der blutigen Invasion der autokratischen Japaner, dem Sieg der Kommunisten unter Mao Zedong, hätte die Traditionen des alten China beinahe ausgelöscht. Sie überlebte, angepasst an ein bis heute erfolgreiches, mit totalitären Grausamkeiten einhergehendes Regime der KPCh auf der Basis kapitalistischen Wirtschaftens. Der Kampf um dessen globale Dominanz ist in vollem Gang.

Cline bezieht sich auf den Komplexitätsforscher Ken Dark, wenn er feststellt, die bronzezeitliche Vernetzung soziopolitischer Strukturen habe zu gesteigerter Komplexität geführt, und je komplexer ein System, desto wahrscheinlicher sei sein Zusammenbruch. Das Ende des osteuropäischen Sozialismus bestätigt das Muster: Rudolf Bahro analysierte 1977 in seinem großes Aufsehen und noch größere Wut der sozialistischen Partei- und Staatsführung erregenden Buch „Die Alternative“, wie die ungehemmt in die Tiefe und Breite wuchernde Politbürokratie Wirtschaft und Kultur immer mehr erstickte, die Fixierung der Herrschenden auf Deutungshoheit sie zugleich in strategischer Starrheit gegenüber äußeren und inneren Anforderungen gefangen hielt – bis zum Kollaps.

Dass der Zusammenschluss west- und osteuropäischer Staaten zur EU mit einem deutlichen Zuwachs an Komplexität – also wechselseitiger Abhängigkeit in existenziellen Konfliktfeldern wie der Finanz-, Energie-, Migrationspolitik – einhergeht, muss man niemandem mehr erklären. Die Corona-Pandemie zeigt es nur einmal mehr. Wenn Politiker starr und unter Missachtung kritischer Stimmen der Strategie „Mehr Desselben“ folgen, weil ihre Deutungshoheit nicht angetastet werden darf, führen sie nicht nur ihr eigenes Land, sondern das Gefüge globalisierter Staaten in Situationen, die unbeherrschbar werden. Insofern weist „Der erste Untergang der Zivilisation“ zwar nicht auf den Weltuntergang hin, wohl aber auf den einer Zivilisation, deren Blüte noch vor dreißig Jahren gerade erst zu beginnen schien.

Impulse und Macht

Teil 4 des Vorworts zu „Der menschliche Kosmos. Zurück zu Teil 3

Komplexe Impulssteuerung beim Schwimmen: nicht untergehen, Atem holen, vorankommen

Die Irritation beim Wechsel von der Frage „WARUM?“ zur Frage „WOZU?“ ist von derselben Art, wie sie ein Rechtshänder empfindet, der wegen einer Verletzung lernen muss, mit der linken Hand zu schreiben. Ebenso gut kann einer trainieren, bei der Einschätzung seines Umgangs mit Menschen und Umwelt eben nicht nur die – bewährte, aber begrenzte – Methode der Konstruktion von Ursachen und Vergangenheiten zu nutzen. Er wird Muster anders erkennen, wenn er fragt: „Was wollen die am Geschehen Beteiligten erlangen, was vermeiden?“, wenn er auf den Verlauf innerer und äußerer Energieflüsse, die Bewegungen dynamischer Systeme und Metasysteme blickt, und den Einfluss eigener Impulse zum Erlangen und Vermeiden mit erfasst.
Dieser Wechsel der Perspektive ist nicht neu. Wieso ihn nicht nur für den Bau von Lasern, Quantencomputern oder einzelne klinische Anwendungen der Psychologie vollziehen, sondern allgemein nutzbar machen? Nicht nur das naturwissenschaftliche Denken, sondern auch Psychologie und Philosophie profitieren davon. Seit einiger Zeit ist der Begriff der „Propriozeption“ im Gebrauch. Er bezeichnet die Eigenwahrnehmung des sich bewegenden Körpers, also die Wahrnehmung fortwährend und meist unbewusst ablaufender Impulse. Sie umfasst nicht nur motorische Bewegungen wie Laufen, Schwimmen, Springen, sondern auch die Lage unserer Organe im Raum, aber auch die Motorik der nonverbalen Kommunikation – also etwa das Lächeln, Hochziehen der Brauen, Redegesten, den Tränenfluss, Schreien und Lachen. Darauf werde ich später ausgiebig zurückkommen. Impulse haben stets ein Ziel. Folgerichtig wäre, dieses Geschehen für den ausschlaggebenden Komplex menschlicher Existenz anzuwenden: Impulsverläufe in Konflikten.

Gemetzel auf einer Grafik von Francesco Goya
Goyas „Desastros de la Guera“ illustrieren die Sprache der Gewalt

Damit sind wir wieder beim Phänomen der Gewalt. Das Ziel von Gewalt ist Destruktion. Sie erstrebt einen chaotischen – regellosen – Zustand, von dem aus eigene Interessen durchgesetzt, fremde Interessen ausgeschaltet oder stark abgeschwächt werden können. Sie nimmt schwere Störungen, ja sogar die Vernichtung des eigenen Systems in Kauf. Gewalt ist nur eine von vielen elementaren Strategien gegen innere oder äußere Störungen des dynamischen inneren bzw. äußeren Gleichgewichts. Auf menschliche Konflikte bezogen: ein Ziel wird erreicht oder ein Schaden vermieden durch destruktives Verhalten; das Risiko, dabei schwerere Verluste zu erleiden, gar zu sterben, wird ignoriert. Das kann spontan geschehen oder bewusst, und es wird umso wahrscheinlicher geschehen, je öfter sich die gewaltsame Strategie mit der Erfahrung eines Erfolges verbindet – egal ob es sich um einen vermeintlichen oder wirklichen Erfolg handelt. Was Sieg, was Niederlage ist – darüber entscheidet die subjektive Wahrnehmung. Strategiewechsel infolge von Niederlagen sind selten. Ich wage zu behaupten: sie sind niemals durchgreifend. Nachzuweisen, dass jemals irgendeine Strategie zwischen den Anfängen der Evolution und dem Anthropozän, zwischen Steinzeit und „Postmoderne“ ausgestorben wäre, bedürfte einer aufwendigen, höchst wahrscheinlich erfolglosen Suche. Sicher ist nur eines: Im „Ernst-“Fall, wenn der „Tunnelblick“ die Selbstwahrnehmung einschränkt, werden alle anderen möglichen Strategien ausgeblendet bis zum Amoklauf: der „Totale Krieg“ zerstört andere und sich selbst.

Brennender Reichstag 27./28. Februar 1933
Setzte am 27./28. Februar 1933 ein Einzelner den Reichstag in Brand? Warum? – oder besser: Wozu?

“Aufarbeitung” ist ein ebenso häufig wie fahrlässig gebrauchtes, bis zum Überdruss verschlissenes Wort. Sie folgt Katastrophen so sicher wie das Amen in der Kirche: sie ist auch meist nichts als Ritual. Jeder, der seine Haltung, Ziele, Handlungsmotive vorteilhaft darstellen will, distanziert sich rituell von den an Katastrophen “Schuldigen”. Die Deutungshoheit über die Frage “Warum” wird zur Monstranz, wird unangreifbar, die eigene Position geheiligt. So geschah es mit der “antifaschistischen Aufarbeitung” des Nationalsozialismus durch marxistisch-leninistische Staatsideologie.

Tatsächlich verirrt sich die Frage nach dem „Warum“ zwischen Ratlosigkeit, unbrauchbaren Spekulationen, Schuldzuweisungen im Nebel der Unverantwortlichkeit, wenn es um Gewaltherrschaft zum Beispiel von Nationalsozialisten oder Kommunisten, um Amokläufe in Schulen oder Familien, um Terrorakte und katastrophale Schlampereien in Kernkraftwerken oder Chemiefabriken geht. Das ist kein Zufall. „Ursachen“ sind Konstrukte menschlicher Denk- und Kommunikationsprozesse. Die Frage nach den Zielen derjenigen, die da „aufarbeiten”, muss vorab gestellt werden. Dann kann über die Ziele derjenigen nachgedacht werden, die „in der Vergangenheit” handelten, darüber wie sie ihre Ziele, wie sie Umstände ihres Handelns wahrnahmen, wie sie zu Entscheidungen kamen. Dieses Nachdenken offenbart eine Dynamik sich häufig wiederholender Muster. Wer rechtzeitig und vorbehaltlos nach den eigenen, dann nach den Zielen anderer fragt und beides in ein Verhältnis bringt, wer das fragt, solange Schlamperei, Feindseligkeit, Gewalt noch „latent“ sind, kann dank erkannter Muster künftige Konfliktverläufe abschätzen, sogar manche Katastrophe abwenden. Auf unabwendbare wird er sich einrichten müssen. Konflikte sind letztlich so wenig vorhersehbar wie Menschen einheitlichen Handlungsmustern folgen, so wenig sich „Tugenden” und „Laster” säuberlich scheiden lassen.

Titel zu "Masse und Macht" von Elias Canetti
Längst nicht ausgeschöpft: Der Gedankenreichtum von Elias Canetti

Hierzu sei beispielsweise auf Nietzsches interessante aphoristische Gedanken in „Menschliches Allzumenschliches“ und auf Elias Canettis „Masse und Macht“ verwiesen. Beide bereichern die Diskussion um den „Freien Willen“ in hohem Maß.
Sind die Ketten der Kausalität, des Denkens in Abfolgen von Ursachen und Wirkungen, gesprengt, können die Konflikte des Individuums und der Metasysteme von Familien, Nationen, Völkern und ihren Kulturen besser verstanden werden. Quantenphysik, Relativitätstheorie und Informatik haben längst offenbart, wie brüchig diese Ketten sind. Wer sich nicht befreit, wird die Krisen und Katastrophen der sich global organisierenden Menschheit nicht verstehen, geschweige abwenden. „Wer die Ursachen beherrscht, gebietet über die Folgen” – auf dieser Einstellung fußen Strategien der mechanischen Dominanz. Wir erleben aber am Beispiel des weltweiten Terrorismus gerade, dass auch das gewaltigste Übergewicht mechanischer (militärischer) Instrumentarien systemische Prozesse nicht nachhaltig steuern kann. Der Perspektivenwechsel wird sich durchsetzen, weil er keiner ideologischen Rechtfertigung bedarf. Das Zeitalter universeller Gesellschaftsentwürfe ist allerdings genau deshalb vorbei. Sie waren immer die gedanklichen Rechtfertigungen für mechanische Dominanz, ihr systematischer Fehler ist, dass sie eine „Objektivität“ oder göttliche Herkunft von Modellvorstellungen, von „Vergangenheit“ und „Gegenwart“ erforderten, mit der „Zukunft“ zu prognostizieren ist – bis hin zur sogenannten „Weltformel“ oder zum „Weltgericht“. Aber eine solche Formel kann und wird es niemals geben. Die Revolution unserer Zeit ist der revolutionierte Zeitbegriff: Der Mensch erschafft Raum und Zeit unseres Universums mit, während er denkt, Denken ist schon Handeln, und die Dynamik dieser unauflösbaren Wechselwirkung kann nicht formelhaft „fixiert“ werden, weil eine Fixierung das Ende der Dynamik selbst bedeuten würde. Die neue Perspektive widerlegt indessen keineswegs den Sinn der Forschung, sie zeigt nur deutlicher die eigenen Grenzen; mechanische Vorstellungen versagen darin.

Titel der Ausgabe 2006 von "Der menschliche Kosmos"
„Der menschliche Kosmos“ erschien 2006 – als Vorlage zum Mit- und Weiterdenken

Reden wir vom Ziel dieses Buches: Es will keine neuen Weisheiten verkünden, sondern ein Training anbieten: Leser können versuchen, öfter statt nach dem „Warum“ nach Zielen und Strategien zu fragen, sie können versuchen, ihren eigenen Alltag anders zu erleben und zu gestalten – egal ob sie es in der internationalen Politik, im Management oder in den eigenen vier Wänden tun. In diesem Sinne ist es ganz und gar unvollkommen, weil es darauf vertraut, dass es nur Anregungen für alle diejenigen gibt, die – mit neuer Sicht auf die Welt und sich selbst – handelnd Erfahrungen machen und neue, wichtigere Kapitel schreiben werden. Es lebt von der Subjektivität der Wahrnehmung, und gibt die Subjektivität des Autors immer wieder preis. Es soll Lust darauf machen, einige der vielen alltäglichen „Algorithmen“, Rituale und Strategien kennenzulernen, mit denen unser Gehirn, unser Körper und die umgebende Welt – der „menschliche Kosmos“ – aufeinander wirken. Das wenigste davon ist uns bewusst, eben weil unser Bewusstsein um Größenordnungen von der Dimension des Kosmos entfernt ist. Aber Entdeckungsreisen sind möglich. Im Himmel und auf Erden.

Ende des Vorworts

Wovon Medien – themenunabhängig – leben

Unser Gehirn hat ein Problem: “WARUM” ist seine Lieblingsfrage. Und die Antwort erfolgt reflexhaft – seit Millionen Jahren. Was das für unsere Wahrnehmung und unser Zusammenleben bedeutet, damit befasst sich Kapitel 4 in “Der menschliche Kosmos”.

4. Kapitel

Mir nützt, was anderen schadet – das egozentrische Weltsystem
Wahrnehmung und Wahrnehmungsfehler des egozentrischen Weltsystems. Rollenspiele vor der Gaskammer. Mitleid und Schadenfreude als soziale Schmiermittel.
sündenbockDas älteste und unentbehrlichste Haustier des Menschen ist der Sündenbock.
Dieses Tier besitzt einige erstaunliche Eigenschaften: Es ist praktisch fast überall und jederzeit verfügbar, ohne dass es anwesend sein müsste. Seine Gestalt ist von unbegrenzter Mannigfaltigkeit: gerade war es noch der Nachbar mit seinem knatternden Rasenmäher, da nimmt es schon verallgemeinert die Form einer stinkenden, umweltzerstörenden Autolawine an, beschleunigt jäh bis zum Überschallknall eines Militärjets. Die Fratze der Kommunisten erscheint kurz im Abgasstrahl. Die Menschen schütteln noch die Fäuste gegen den Himmel, da plumpst der Sündenbock ihnen als Kohlendioxyd speiender amerikanischer Politiker vor die Füße. Der aber löst sich sofort in Nebel auf: „Die CIA!“ raunt es dunkel. „Die Illuminati“, grunzt der populärwissenschaftlich gerüstete Papa und greift zum Bier. Auf dem Bildschirm erscheint ein mit professoralen Weihen geadelter Sachverständiger und schickt sich an, den Schuldigen des jeweiligen Elends dingfest zu machen, aber plötzlich verlischt das Bild.
„Vanessa, du kleines Mistvieh, leg sofort die Fernbedienung auf den Tisch“, kreischt die Mama, es folgt das Geräusch eines schweren pädagogischen Missgriffs und das Geplärr jener kleinen, schwachen Figur, in die der Sündenbock gerade inkarniert ist.
Vom Sündenbock lässt sich nur eines mit Sicherheit sagen: er ist schuld. Niemand hat meines Wissens – und das grenzt in der Ära des quantifizierenden Denkens an ein Wunder – genau quantifiziert, wie viel Zeit Menschen im Laufe ihres Lebens mit der Jagd nach dem Sündenbock verbringen. Es ist sehr viel. Denn nicht nur die wirkliche Jagd – etwa auf den Pfuscher am Arbeitsplatz oder in der Verkehrsbehörde – frisst ja Zeit, auch die Beschreibungen, Analysen, Klassifizierungen seiner politischen, wirtschaftlichen, moralischen Erscheinungsformen müssen dazu gerechnet werden, seine Auftritte auf Bühnen, in Film, Funk, Fernsehen und Computerspielen, in Büchern und Zeitschriften. Genaugenommen sind wir mit wenig anderem so ausdauernd beschäftigt wie mit ihm, dem Sündenbock, oder anders gesagt, damit, Feindbilder zu zeichnen und Schuld zuzuweisen.
Weiterlesen in Abschnitt 2

Diktatur und Schwarmdummheit

AlbertEinstein_BriefmarkeTeil 3 des Vorworts von „Der menschliche Kosmos“. Zurück zu Teil 2

Die Physik erweiterte ihr Weltbild seit Beginn des 20. Jahrhunderts um Relativitäts– und Quantentheorie. Sie revolutionierte das wissenschaftliche Denken, Forschung und Technik, auch die Philosophie, vor allem aber die Informationstechnologie. Mit dem Boom der digitalen Kommunikation, der globalen Netzwerke und deren Allgegenwart verschoben sich Konkurrenzen um die Macht zwischen deren materieller und informeller Dimension. Wirtschaft und Politik, natürlich auch die ihnen hörigen Medien, folgen gewohnheitsmäßig aber den Mustern mechanischer Dominanz. Sie zeigen das Universum als ununterbrochene zeitliche Abfolge von Vorgängen, durch Ursache und Wirkung verknüpft. Der Mensch ist herausgehobenen Beobachter, der seine Sicht mittels immer besserer Instrumente zu einem „objektiven“ Bild, zur „objektiven Wahrheit“ vervollkommnet. In deren Besitz wähnte sich der Marxismus-Leninismus und beanspruchte die Weltherrschaft mit dem Versprechen, das Wohl der Menschheit mittels Planwirtschaft durchzusetzen. Leicht abgewandelt ersetzen heutige kollektivistische Bewegungen den „Godmode“ objektiver Erkenntnis durch die „Weisheit der Vielen“, „Schwarmintelligenz“ oder – so kurz wie kindisch – durch das simple „Wir sind mehr“.

Dieses Vorgehen hat sich in der Wechselwirkung zwischen Sinnen, Umgebung und Gehirn durchaus bewährt. Es hat der Menschheit und ihrem Instrumentarium enorme Erfolge ermöglicht – es hat sie allerdings auch an den Rand der Selbstvernichtung geführt. Die Frage „Warum“ ermöglichte, Krankheitserreger und „Schädlinge“ auszurotten, Schuldige zu identifizieren, zu bestrafen in der Hoffnung, andere Missetäter abzuschrecken. Die Masse folgte dem Rezept fast jederzeit, ohne sich über die Theorie dahinter und mögliche systemische Nebenwirkungen Gedanken zu machen. So ließen Ausrottungsfeldzüge – etwa mit Antibiotika – immer gefährlichere Krankheitskeime heranwachsen, manche „Schädlingsbekämpfung“ vergiftete die Umwelt bis zur Unbewohnbarkeit. Kriminalität ließ sich durch grausamste Verfolgung nie beherrschen, stattdessen zerstörten Denunziation, Folter, Lagerhaft Vertrauensgrundlagen der Gesellschaft. Der Zugriff auf die „Ursachen“ löste immer nur Teile eines Problems, indem mechanisch an „Stellschrauben“ gedreht wurde, was neue Probleme erschuf, gern als „Herausforderung“ beschönigt. Die Frage „Warum“ führt zu Antworten von sehr begrenztem Wert.

Wie wäre es, stattdessen öfter zu fragen „WOZU“? Genau das versucht dieses Buch.

In den vergangenen Jahrzehnten hat das Denken neue Bereiche eröffnet, es sind Begriffe wie „systemisch“, „vernetzt“, „ganzheitlich“ oder „komplex“ aufgekommen, ohne dass sie das Alltagsverhalten wirklich verändert hätten; oft sind sie nur Worthülsen, hinter denen sich tief eingewöhnte Denk- und Umgangsformen verbergen. Denn nach wie vor wird für fast jedes Problem nach einer „Ursache“ gesucht und für jeden Schaden nach einem Schuldigen – und ebenso oft geht es um die Macht: die informelle und materielle.

Wie ließe sich das Herangehen an komplexe Systeme verbessern? Ein paar Einsichten können helfen:

  • Auf die „wirkliche Vergangenheit“ haben wir keinen Zugriff, denn es gibt keine ZeitmaschineDelorean5Zeitmaschine, die ihn uns verschaffen könnte. „Vergangenheit“ – also jedes Ereignis in zurückliegender Zeit – lässt sich nur in Hervorbringungen unseres Gehirns „behandeln“, als Konstrukt, als Modell. Das Modell kann umfänglich sein und viele Details enthalten, wenn viele Gehirne an seinem Zustandekommen beteiligt sind – es bleibt ein Modell. Die vermeintlichen „Ursachen“ sind also ebenfalls Konstrukte. Das aber bedeutet, dass jede „Vergangenheit“ – jede Modellbildung überhaupt – unlösbar mit den Zielen desjenigen verbunden ist, der sie modelliert, ob er sich dessen bewusst ist oder nicht. Es gab und gibt keine von Zielen menschlichen Lebens abgekoppelte „Objektivität“ – weder im Denken noch im Handeln.
  • Nirgendwo in unserer Umgebung gibt es irgendein System – und das gilt vor allem für lebende Organismen –, das existieren könnte, ohne in Bewegung zu sein. Das gilt für die „innere“ Bewegung, mit der das System seine charakteristische Form aufrechterhält und für die „äußere“ Bewegung, in der das System mit seiner Umgebung wechselwirkt. Es ist diese Bewegung, die wir als „Zeit“ wahrnehmen.
  • „Innere“ und „äußere“ Bewegungen sind verkoppelt und konkurrieren miteinander. Jedes einzelne System hat das Ziel, sich in Form und Funktion zu erhalten, das heißt, die für seine innere Bewegung nötige Energie zu erlangen und äußere Störungen zu vermeiden. Eine der wesentlichen Strategien ist, dass sich viele Individuen – oder einzelne Zellen – zusammenschließen zu Schwärmen – bzw. neuen Organismen. Deren Form und Funktion ist nicht mehr durch einfache Ursache-Wirkungs-Schemata von der einzelnen Zelle – vom Individuum – abzuleiten.

Anschauliche Beispiele sind Schwärme von Fischen und Vögeln oder Pseudoplasmodien, Vielzeller, die sich schneckenhaft fortbewegen. Darin haben einzelne, zuvor amöbenhaft lebende Zellen einer bestimmten Art von Schleimpilzen die selbständige Existenz aufgegeben, wurden ununterscheidbare Teile eines „Metasystems“ mit qualitativ völlig anderen Erhaltungsstrategien und Bewegungsmustern als die Teilorganismen. Menschenmassen können „Schwarmqualität“ erreichen. Physisch ist das bisweilen in Zeitrafferaufnahmen sicht-, im Stadiongeräusch hörbar. Die Kommunikationskanäle, deren es dazu bedarf, sind ein Hauptthema, dieses Buches.

  • Es gibt kein System, das von Wechselwirkungen unabhäng existiert, und diese Wechselwirkungen lassen sich von den Erlangungs- und Vermeidungsstrategien aus – also den Zielen der wechselwirkenden Systeme – statt von deren „Vergangenheit“ („Ursachen“) aus betrachten.

Diese veränderte Art, Menschen und ihre Umwelt anzuschauen, erscheint zunächst mindestens irritierend, wenn nicht unlogisch. Das liegt aber einfach daran, dass fast jeder mit Begriffen wie „Vergangenheit“ und „Ursache“ verwachsen ist – genauso selbstverständlich, wie sein Gehirn „kopfstehende“ Bilder von der Netzhaut umdreht. Es ist ein winziger Teil einer ungeheuren, andauernden, unzertrennlichen und komplexen Zusammenarbeit zwischen Körper, Gehirn und Welt.

Fortsetzung (Teil 4 und Schluss des Vorworts)

Wir sind die Guten und bringen euch um

Exécution de Marie-Antoinette, Musée de la Révolution française - Vizille
Jubelnde Menschenmenge bei der Enthauptung von Marie Antoinette (Musée de la Révolution française [CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D)

„Der menschliche Kosmos“ – das verlangt der tolldreiste Titel – ist „Work in Progress“. Das Weblog gibt Leseproben dazu. Hier Teil 2 des Vorworts. Teil 1 unterm Link

Die Frage nach dem Überleben der Menschheit ist – spätestens seit dem nuklearen Gleichgewicht des Schreckens – die Frage nach einem Umgang mit Konflikten, der Gewalt begrenzt.
Wie soll das gehen?
Natürlich lässt sich eine Elementarstrategie, wie die Gewalt es ist, nicht einfach abschaffen. Sie hat zum Überleben der Gattung beigetragen wie die Paarung zur Fortpflanzung. Menschen erleben andauernd, welches Glücksgefühl entsteht, wenn ein „Befreiungsschlag“ gelingt, wenn Fesseln gesprengt werden, wenn das Übermächtige und Bedrohliche zu Boden stürzt und zerschmettert werden kann – wie Hitlers Führerbunker und der Stacheldraht um die Arbeitslager Stalins, wie die Berliner Mauer, wie der israelische Panzer oder der Taliban- Bunker, der in die Luft fliegt, wie der Kinderschänder, der einer rächenden Meute in die Hände fällt. Gewalt macht Lust, wenn sie „das Böse“ austilgt, und dieser Lust überlassen sich tagtäglich, zu jeder Stunde und Minute, in jedem Augenblick Millionen Menschen im Fernsehen, im Kino, im Theater, im Stadion oder im Panzer, mit der Steinschleuder in der Hand, im Düsenjäger, mit dem Messer oder der Maschinenpistole – oder im Bordell bei einer Minderjährigen. Oder auch mit dem Federhalter überm Papier, dem Mikrofon vor der Nase, der Kamera auf der Schulter, dem Text- und Bildverarbeitungsprogramm oder dem 3-dimensional animierten Killerspiel auf dem Monitor. GEWALT MACHT LUST.
„Das Böse“ sind immer die anderen.
„Gewalt Macht Lust“ – das ist ein Dreigestirn von fast ebenso metaphysischer Dimension wie „Glaube Liebe Hoffnung“. Aber mit der Moral und Metaphysik von Gut und Böse kommt man ihm ebenso wenig bei, wie mit dem Schraubenzieher des mechanischen Zeitalters, das den Menschen als vernunftbegabtes Tier und den Kosmos als Räderwerk von unablässig aufeinander folgenden Ursachen und Wirkungen ansieht.
Gewalt ist weder gut noch böse, dazu macht sie nur und ausschließlich unsere Wahrnehmung. Ebenso wenig ist sie „gerecht“ oder „ungerecht“ – dazu macht sie ausschließlich die Wahrnehmung und Interpretation ihrer Opfer oder Nutznießer.
Eines aber ist Gewalt ganz sicher: sie ist immer an ein Ziel gebunden, sie ist eine Elementarstrategie zur Erlangung eines Ziels. Das Ziel kann sein, zu vermeiden, dass ein anderer sein Ziel erreicht.

Wer dem Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt entkommen will, muss vor allem aufhören, zwischen „böser“ und „guter“, „gerechter“ und „ungerechter“ Gewalt zu unterscheiden. Er muss aufhören, nach vermeintlich rechtfertigenden Ursachen zu fragen und stattdessen die ZIELE der Handelnden erkunden.

Der Einzelne – wie das als Subjekt handelnde Kollektiv – muss imstande sein, die Perspektive zu wechseln.

Das Bild des Menschen von sich und seiner Umwelt wandelt sich fortwährend, selten freiwillig. Sigmund Freud und manche gegenwärtigen Autoren sehen etwa in der „Kopernikanischen Wende“, in Darwins Evolutionslehre, in Freuds Psychoanalyse „Kränkungen der Menschheit“. Neue Kränkung sei von der Künstlichen Intelligenz zu erwarten. Kränkung oder nicht: Seit je offenbaren Vorstellungen vom Menschen vor allem erstaunliche, bisweilen erschreckende Redundanz, selten dagegen neue Farben und Konturen. Beachtliche Beiträge lieferten etwa der amerikanische Philosoph Alva Noë mit seinem Buch „Du bist nicht Dein Gehirn“1 – zu einer „radikalen Philosophie des Bewusstseins“ und Rüdiger Safranski mit „Das Böse oder Das Drama der Freiheit“2.

Fortsetzung


1  Alva Noë „Du bist nicht Dein Gehirn“ Piper Verlag, 2010

2 Rüdiger Safranski S. Fischer Verlage 2003 „Das Böse oder Das Drama der Freiheit“

Unsterblicher Kitsch?

Grau_KitschDen Begriff “Kitsch” gibt es wahrscheinlich erst seit den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts, unsicher ist, ob er Lehnwort aus der Sprache der Roma, sicher, dass er als Lehnwort aus dem Deutschen ins Englische, Französische, Türkische, Griechische übernommen wurde. Der Artikel in der “Wikipedia” bietet Beispiele und Indizien, aber Kitsch präzise zu definieren gelang ebenso wenig, wie Dinge aus der Welt zu schaffen, die ihm zugerechnet werden. Alexander Grau, promovierter Philosoph und freier Publizist, widmet dem Phänomen – insbesondere seiner politischen und speziell der deutschen Spielart – einen Essay, den ich mit Vergnügen gelesen habe und weiterempfehle.

Ohne den kenntnisreichen und klug argumentierenden Text verkürzen zu können, drängten sich zwei Gedanken vor: Kitsch ist keineswegs harmlos, und es wird ihn geben, solange Menschen Dominanz- und Herdenimpulsen folgen, also auch noch dann, wenn Außerirdische auf die Überreste unserer Zivilisation stoßen. Vielleicht können sie klären, ob und inwieweit politischer Kitsch für deren Untergang ursächlich war.

Alexander Graus geistesgeschichtlichen Überlegungen zufolge gab es Kitsch schon in sehr frühen Kulturen, er hängt eng mit Religionen zusammen. Das ist nicht verwunderlich, denn in Auseinandersetzungen um die Macht gab und gibt es immer eine materielle und eine informelle Dimension; Kitsch hat einige Qualitäten, die ihn zum kommunikativen Kitt in Kollektiven prädestinieren. Wem es gelingt, einen Kultgegenstand, ein Ritual, eine Person, ein Ereignis im allgemeinen Bewusstsein zu überhöhen, als mehr erscheinen zu lassen, als es wirklich ist, also sich und anderen eine sinngebende, kollektive Bedeutsamkeit vorzutäuschen, wem das gelingt, der erlangt damit informelle Macht. Hat er Erfolg, kann er genügend Anhänger emotional an den (Kitsch-)Kult binden, wird er seine Deutungshoheit befestigen. Auch wenn die harte Realität ihn einmal widerlegt, muss das nicht Konsens und Konformität zerstören; es bedarf dazu katastrophalen Scheiterns, selbst das überlebt der Kitsch meist.

Das liegt zweifellos am Bedürfnis des Einzelnen, sich im Kollektiv geborgen zu fühlen: Die Familie, die Herde, die Organisation versprechen Schutz, Zusammenhalt, Teilhabe auch an materieller Macht – um den Preis konformen Verhaltens und Denkens. Alexander Grau sieht im Kitsch ein hochinfektiöses Pathogen, „insbesondere in Zeiten starker Veränderungen und Verunsicherung, wenn die Menschen anfällig sind für alles, was Geborgenheit verspricht, Nestwärme und Sicherheit.“

Von der säkularen Ausprägung des Politkitschs nach der Französischen Revolution, von seinen ebenso pompösen wie lächerlichen Wandlungen im 19. Jahrhundert, kommt der Autor zu den totalitären Systemen des Faschismus und Kommunismus; in beiden wird der Kitsch allgegenwärtig, sakrosankt – und wer kritische Fragen stellt, wird zum Feind, den es zu isolieren, zu bestrafen, zu vernichten gilt. Er zitiert Milan Kundera: „Unter diesem Gesichtspunkt kann man den sogenanten Gulag als Klärgrube betrachten, in die der totalitäre Kitsch seinen Abfall wirft.“

Sowohl der faschistische wie der antifaschistische und kommunistische Kitsch haben die Zusammenbrüche der jeweiligen Systeme trotz Millionen Menschenopfern gut überstanden, sie leben mit ihren Phrasen, Parolen, Symbolen, Ritualen in Erlösungsgeschichten für die jeweilige Gefolgschaft fort. Alexander Grau nennt ihn an der Realität gescheitert, nicht ohne im „absoluten Kitsch“, im „Traum von der totalen Versöhnung der Welt“, wiedergeboren zu werden – als der „Leitideologie spätbürgerlicher Gesellschaften“.

Das letzte Kapitel widmet er der „deutschen Spezialität“, und es ist amüsant, wie der auf Rationalität bedachte und der Gefühligkeit abholde Autor seinem Abscheu darüber Luft macht. Ich verstehe ihn gut. Insbesondere der „absolute Kitsch“ ist in seinen politischen, medialen, ästhetischen Auftritten schwer erträglich – aber noch gefährdet es nicht das Leben des Einzelnen, sich ihm mit Mut zu selbständigem Denken, scharfen Argumenten, beißendem Witz zu widersetzen. Nicht wenige wagen es. Das ist in China, in Russland, im Herrschaftsbereich von Gottesstaaten und sonstigen Diktaturen anders. Dort blüht der Kitsch, Gegenwehr kann tödlich sein. Er blüht auch in supranationalen Politbürokratien wie UN und EU. Ein verfasster politischer Wille, ihm den Garaus zu machen, ist schlechterdings nicht vorstellbar, zumal in den Subkulturen des Internets der Nachwuchs üppig gedeiht.

„Il faut cultiver notre jardin“, lässt Voltaire, der Aufklärer, am Schluss des Romans „Candide“ den gescheiterten Philosophen Pangloss sagen. Kitschfreie Bündnisse der Vernunft zwischen Naturwissenschaftlern, Künstlern, sogar manchen Politikern und Leuten, die „Was mit Medien“ machen, sind dabei immerhin noch möglich. In der „Blogosphäre“ zum Beispiel.

Alexander Grau „Politischer Kitsch“, Claudius Verlag, gebundene Ausgabe 128 Seiten, 14 €

Die Macht der Rituale und die Rituale der Macht – Fortsetzung

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Berlin, GLAM on Tour (2018), Jagdschloss Grunewald NIK 5073

David schlägt Goliath – Gemälde aus der Werkstatt von Lucas Cranach d. Ä.

Vor jedem Handeln liegt eine Entscheidung. In den allermeisten Fällen sind wir uns dieser Entscheidungen nicht bewusst. Wenn wir zurückschauen, ergibt sich fast ausnahmslos, dass einer der Handelnden die Tendenz hatte zu dominieren. Es gab immer einen Sieger, einen „Hammer“ und einen „Amboss“. Unsere Geschichtsschreibung und insbesondere die Massenkultur suggerieren, dass ein Sieg, dass das Beherrschen des Gegners wünschenswert ist: „The Winner Takes it All“. Egal was die Siege kosten – sie sind zunächst und vor allem Siege. Diesem Prinzip ist der Mensch seinem Mitmenschen und seiner natürlichen Umwelt gegenüber einige Jahrtausende hindurch gefolgt, und er beherrscht sie mit seinem bewundernswert entwickelten Instrumentarium heute in Bereichen, von denen nur Visionäre vor hundert Jahren träumten. Überschallflüge, Raumgleiter, Tiefseetaucher, Rasterkraftmikroskope für Millionstel Millimeter kleine Räume, Laserimpulse von gewaltiger Energiedichte, die so kurz sind, dass sich Trillionstel Sekunden kurze Prozesse in Molekülen fotografieren lassen. In den Medien jagen sich die Meldungen von immer mächtigeren Wirtschaftsunternehmen und Supercomputern, gentechnischen Wunderwaffen gegen Krankheiten; bald sollen Roboter, so klein wie Bakterien, unsere Körper durchwandern, diagnostizieren und reparieren.

Noch mehr fesseln das Publikum und die für Werbeeinnahmen zuständigen Medienmanager allerdings Nachrichten von Katastrophen: Wirbelstürme, Killerviren, abstürzende Jets, Massenmorde, Erdbeben, Klimawandel. „Wird es schlimmer?“ fragen die Journalisten mit Mienen voller Besorgnis, „Und wenn ja: WARUM? UND WER IST SCHULD?“
Sie sollten sich damit nicht weiter quälen. Die Menschheit ist einfach dabei, sich zu Tode zu siegen. Das ist ganz normal, denn jede Strategie ist eine Strategie zum Tod. Solange wir dem Dominanzprinzip huldigen, die Welt als Maschine betrachten, deren Rädchen nach dem Prinzip von Ursache und Wirkung ineinandergreifen und nach dem Warum fragen, wenn uns ein Kampfhund in die Nase beißt, sind die Tage menschlicher Existenz ebenso gezählt, wie die Minuten eines Igels, der sich vor einem Vierzigtonner zusammenrollt.

Bevor in einer Interaktion eine Entscheidung fällt – also andauernd im „Rhythmus von Millisekunden“ – ist in einem komplexen Prozess die Auswahl einer bestimmten Strategie abgelaufen. Jede Lebensform entscheidet sich für diejenige, welche das Wünschenswerte, das erfahrungsgemäß Erfolgreiche, antizipiert. Um es noch einmal ganz deutlich zu unterstreichen: Entscheidungen und Handeln sind von Zielen bestimmt, nicht von Ursachen, die „innere Matrix“ liefert dafür die Strategien. 99 % der Entscheidungen erfolgen unbewusst. Und die gewählten Strategien laufen ganz und gar nicht immer auf erfolgreiche Dominanz hinaus, sondern – Sie können es vielleicht schon nicht mehr hören – auf den Erhalt dynamischer Gleichgewichte, unabhängig von den Zielen der Beteiligten. Dabei konkurrieren Strategien mit äußerst unterschiedlichen Zeithorizonten, die sich im Laufe des Lebens obendrein sehr verändern. Bewusst wird von diesem permanenten „Streit der Gefühle“ das wenigste.
Aber unsere Wahrnehmung ist retrospektiv. Wir schauen auf das Ergebnis und interpretieren es auf Ursache und Wirkung hin. Wir konstruieren Wirklichkeit über Blicke in den Rückspiegel, während das Leben unablässig weitergeht – und wir von der Realität vor uns, von der Zukunft, nichts wissen können. Wir können nur aus statistischen Daten eine mögliche Zukunft modellieren. Das funktioniert erfahrungsgemäß ganz gut, aber es bleibt eben ein Modell, das von Daten aus dem Rückspiegel lebt.

02 I Exposición Monográfica Club Rottweiler de España - Santa Brigida - Gran Canaria

Rottweiler sind nicht bissiger als andere Hunde. Auf den Halter kommt es an

Realität: Die Nase blutet, der Rottweiler ist weg. – Konstrukt, um sicheres Verhalten gegen künftig auftauchende Beißer herauszufinden: „Was habe ich falsch gemacht? Warum hat er gerade mich gebissen?“ Außer der Frage war nichts falsch. Es war Glück.

Der Rottweiler antizipierte eine leichte Beute und hätte sicher weiter gespielt. Er hätte Sie gern zum apportierbaren Fleischklumpen gemacht, aber ein Pfiff seines Herrn, eines strengen Dominanzanhängers, hielt ihn ab. Hasso wollte, statt seinem Instinkt zu folgen, lieber schwerste Prügel vermeiden: Ziel und Strategie wechselten blitzschnell. So weit die Realität. Ebenso naheliegende wie fragwürdige Schlüsse:

  • Alle Rottweiler sind bissig – meide sie!
  • Leinenzwang für Hunde muss überall gelten!
  • Das Halten bissiger Hunde muss verboten werden!
  • Hundehalter brauchen einen Hunde-Führerschein!
  • Hunde dürfen nur in umzäunten, mit Warnhinweis ausgewiesenen Gebieten frei laufen!

Jeder dieser Schlüsse – hierzulande gern in Regeln gefasst und mit bürokratischem Aufwand verbunden – zieht Verhaltensszenarien nach sich. Besteht auch nur eines die Prüfung auf Realitätstauglichkeit? Schon Versuche, in Verkehrsmitteln oder an öffentlichen Plätzen, wo sich Menschen drängen, einen Zwang zu Leine oder Beißkorb durchsetzen zu wollen, sind hoffnungslos gescheitert. Regeln wecken sofort den Impuls, sie zu umgehen. Es stellt sich eine neue Realität ein, von der manche nutznießen, unter der andere leiden. Das Grundproblem der Hundehaltung bleibt weitgehend ungelöst, Tucholskys Glosse über Hunde und Hundehalter aktuell wie je.

Welche Vielzahl von Strategien wir einsetzen, habe ich in dem (bisher nicht im Weblog publizierten) Kapitel des “Kosmos” über die „wortlose Weltsprache”, den körperlichen, nonverbalen Teil der Kommunikation, angedeutet – auch dass unsere Wahl- und Entscheidungsfreiheit ziemlich beschränkt ist. Aber des Menschen besonderes Instrument – Sprache und sprachliches Bewusstsein –, das ihn vom Igel unterscheidet, könnte er zu Anderem nutzen, als nur um zu dominieren. Wir können uns bewusst machen, dass Dominanz nur den engsten Zeithorizont erfasst und als singuläres Verhältnis in dynamischen Systemen auf Stillstand und chaotischen Zusammenbruch – also Krise, Gewalt, nicht selten Krieg und Tod hinausläuft. Daran ist noch jede totalitäre Ordnung gescheitert.
Anschaulich gesprochen: Wer seinen Trieben, Wünschen und Lüsten samt ihren mechanischen Rechtfertigungen („wenn ich’s nicht tue, tut’s ein anderer“, „schließlich machen es alle so“) folgt und despotisch durchsetzt „was das Herz begehrt“, zerstört sich selbst. Anarchie ist insofern nur die Kehrseite des Despotismus, dem sie zu trotzen behauptet. Sich jederzeit möglichst nach Lust und Laune verhalten zu können, erscheint vielen wünschenswert und entspricht kindlichen Vorstellungen von „Freiheit“. „Keine Macht für niemand“ oder „Gebt den Kindern das Kommando“, so wird gesungen und skandiert. Es sind Despotenträume.

Wenn Sie sich für größere Zusammenhänge interessieren, auch dafür, wie Ihr Alltag ritualisiert ist, könnte Ihnen die Neufassung von „Der menschliche Kosmos“ als E-Book gefallen. Kostet nur 9,90 € und hält einige Überraschungen für Sie bereit. Die meisten sind eher erfreulich.

Unterwerfung

Wer seine Aufmerksamkeit von den Szenarien der „Klimarettung“ löst und sich mit realen Gefahren dieser Welt befasst, stößt auf beunruhigende ungelöste – womöglich unlösbare? – Konflikte. Ein zusätzlicher Blick in die Geschichte verdeutlicht, dass sie fast jederzeit in Kriege übergehen können, deren Verlauf und Ende Klimaszenarien erledigt. Was sagt die Erfahrung?

Die Eiapopeia- und Grusel-„Narrative“ allgegenwärtiger Quotenmaschinen lügen darüber hinweg. Sie vertrauen auf das Gewohnheitstier im Menschen, sie beschäftigen es mit Krimi, Sport und Talkshows rund um die Uhr, sie „framen“ Informationen passend zu ihrer selbstgewissen „Haltung“ und rechnen sich diese Form verblödenden sozialen „Hausfriedens“ als moralisches Verdienst an, für den jeder zahlungspflichtig ist.

Das funktioniert, weil kaum irgendwer sich nach Konflikten sehnt, fast alle sich aber gern im Fernsehen, Kino, im Buch oder Videospiel mitleidend den Verfolgten als Hüter der Gerechtigkeit gesellen, schadenfroh das Böse unterliegen sehen. Für die meisten sind Krieg, Spucken und Schläge ins Gesicht, Vergewaltigung, Raub, Einbruch in die eigene Wohnung fern ihres realen Erlebens. Sie arbeiten sich daran emotional in virtuellen Räumen lesend, zuschauend oder -hörend, Killer-spielend oder in den Scharmützeln der Social Media ab: Sie haben das alles jederzeit unter Kontrolle, so genießen sie den Kitzel der Angstlust. Falls sie bei facebook oder twitter unter verbalen Beschuss geraten, gar in einen „Shitstorm“, erwacht jäh der Wunsch, diesen Gegner auch unter Kontrolle zu bekommen. Es gibt Organisationen, die ihnen beizustehen versprechen, natürlich bieten sich – fürsorglich – der Staat und die Quotenmaschinen an.

Inzwischen dringen allerdings die weltweit brennenden Konflikte ins reale Leben ein. Das Vertrauen der Vielen in eine staatliche Ordnung, die sich das Gewaltmonopol vorbehält, wird erschüttert, wenn sie außerstande ist, es durchzusetzen. Polizisten sind längst permanent ebenso überfordert wie Staatsanwälte und Gerichte. Derweil blüht das Geschäft von Anwälten, die soziale Benachteiligung, kulturellen (religiösen) Hintergrund, persönliche Traumatisierung ihrer kriminellen Klientel wortreich zu deren Verteidigung ins Feld führen. Der Rechtsstaat kapituliert in immer mehr Fällen vor der schieren Masse notwendiger gerichtsfester Ermittlungen.

Es gibt ihn ohnehin nur noch auf dem Papier, weil mindestens ein großer Teil der Justiz nicht mehr unabhängig, sondern in ideologischen Zwangsjacken herrschender Parteien operiert. Diese Parteien aber sind nicht auf das Gemeinwohl fixiert (sofern sie es je waren), sondern auf ihre Machtimpulse. Nur die Konkurrenz mit anderen Parteien zwänge sie, über Grundwerte wie das Recht auf freie Meinungsäußerung, die Versammlungsfreiheit oder die der Berufsausübung und die Freiheit von Wissenschaft und Kunst nachzudenken. Nur Konkurrenz zwänge sie, Freiräume und Widerstände zuzulassen. Ist eine solche Konkurrenz erkennbar? In meinen Augen nicht.

Im Einparteiensystem der DDR waren Alternativen eliminiert, die „GroKo“ lässt, anhand der Aktivitäten zur Zensur im Internet und zur Ermächtigung nichtstaatlicher Korporationen erkennen, wohin sie steuert. Der BND, der Verfassungsschutz mögen demokratischer Kontrolle unterliegen – eine wachsende Zahl von mit Steuern finanzierten und von Parteien oder NGO gesteuerten politischen Korporationen sind längst unkontrollierbar. Und sie zeigen erstaunlichen Ehrgeiz, unliebsame Meinungen im bislang unkontrollierten Internet zu unterdrücken. Sie wollen eine außerstaatliche Zensur, sie wollen unangreifbar werden wie Öffentlich-Rechtliche Anstalten, deren Quotenfixierung, Versorgungsmonopol und Finanzgebaren seit langem ihren grundgesetzlichen Auftrag zur Farce werden lässt.

Sie alle haben ihre Wirklichkeiten: Die Parteiführer, die Medienchefs, die Mitläufer, die wütenden Gegenspieler von der linken, rechten, feministischen, Gender-, Islam-, Irgendwiefundi-, Veganerfront. In diesen Wirklichkeiten werden genau jene realen Konfliktfelder ausgeblendet, für die sie keine Konzepte und Strategien haben. Die Realität aber hat eine unendlich scharfe, harte und unausweichliche Kante. Sie scheidet Wollen von Erfahrung, Wahnideen von Wissen.

Dimensionen und Dynamik der Macht (II)

(Zurück zu Teil I)

Die Gleichung Leben = Materie + Information bedarf genauerer Betrachtung. Zunächst beinhaltet die “Materie” darin nach der Einstein’schen Äquivalenz E = mc² auch die Energie. Die “Information” umgreift die Gesamtheit der Strategien, die im Genom evolutionsgeschichtlich eingeschrieben sind und sämtliche Lebensprozesse steuern – nach außen und innen. Der Anschaulichkeit halber könnte man sie denen im “Betriebssystem” eines Computers vergleichen, nur sind sie um astronomische Größenordnungen komplexer und vielgestaltiger. Nicht von ungefähr ist das Genom ein ebenso unerschöpfliches Forschungsfeld wie die Elementarteilchen und die Kosmologie.

Sich mit der informellen Seite der Macht als sozialem Phänomen zu befassen heißt also: auch unbewusste Prozesse im Verhalten von Individuen und Gruppen einbeziehen. Hier können organische Grundimpulse (Atmung, Ernährung, Schlaf) außer Acht gelassen werden, die so unvermeidlich wie automatisch das Handeln von Individuen bestimmen. Delegieren lassen sie sich – besten- oder schlimmstenfalls – an medizinische Apparate. Schon anders verhält es sich mit der Reproduktion (wie mit der Sexualität allgemein): Es gehören mindestens zwei dazu. Hier erscheinen Dominanz und Unterwerfung als Impulse informeller Macht. Sie setzen keineswegs verständige Überlegung voraus. Gefühle wie Angst, Neid, Missgunst, Hass, Rachedurst, aber auch Schutzbedürfnis, der Wunsch nach sozialer Zugehörigkeit, Mitleid triggern oder verstärken sie. Und sie lassen sich tatsächlich an andere – Einzelne oder Gruppen – delegieren.

Titel von "Macht und Stellvertretung"

Weshalb Demokratien zur Herrschaft von Wenigen werden

Wolfgang Sofsky hat 2019 dazu einen Essay veröffentlicht. “Macht und Stellvertretung” ist – wie Elias Canettis “Masse und Macht” – eine Phänomenologie politischer Verhaltensweisen und Organisationsformen, obendrein ein wahres Pandämonium sozialer Rollen und zugehöriger Interaktionen. Canettis wie Sofskys Texte vereinen Tiefe, Klarheit und sprachliche Originalität.

Nicht von ungefähr wählt Sofsky in einigen Passagen das Theater als Vergleich: Dort wurden von Anbeginn Fragen der Macht und der Moral öffentlich verhandelt. Fast alle Charaktermasken – der Tribun, der Demagoge, der Statthalter, der Tyrann, der Anhänger, der Parteisoldat, der Schildknappe und viele andere – begegnen uns seit der Antike. Unveränderte Mythen und Handlungsmuster machen die Dramen von Aischylos über Shakespeare, Molière, Tschechow… bis in die Gegenwart aktuell. Zugleich ist Theater – wie alle Medien – Instrument informeller Macht: Das Geschehen hinter der Bühne bleibt fürs Publikum im Dunkeln. „Vertretungsmacht ist nicht zuletzt Theatrokratie“ schreibt Sofsky im Kapitel „Publikum“. Alle seine Gedanken – etwa zu Organisationsformen der Hierarchie oder zur Partizipation – führen immer auf beobachtbare, ganz gegenwärtige und konkrete Erscheinungen und Personen, ich bin ihnen mit größtem Vergnügen gefolgt.

Unvermeidlich geriet ich an eine schwer fassbare, notwendige Qualität informeller Macht, eine notwendige Voraussetzung für Stellvertretung (egal ob durch Delegierte, Anwälte, Vorstände): Das Vertrauen. Es gründet nur zum Teil auf sachlichen Erwägungen. Intuition und Antizipation bestimmen die Entscheidung des Einzelnen, wem er es schenken, wem verweigern will. Dabei ist er sehr stark von „Herdenimpulsen„, von seiner Gruppenzugehörigkeit und  Stellung beeinflusst.

Die Funktionsmechanismen der modernen Medien orientieren sich fast ausschließlich an Quantitäten: Quoten, Reichweiten, Klickzahlen. Sie sind darin genuin kollektivistisch. Die scheinbare Freiheit des Internets, der sozialen Medien insbesondere, jedem eine eigene Stimme zu geben, geht in der Aufmerksamkeitsökonomie unter, deren Dynamik wirtschaftlichen und politischen Zielen verschiedenster Korporationen – Konzerne, Parteien, NGO – unterworfen ist.

Molière als Cäsar, gemalt von Nicolas_Mignard_(1658)

Molière in der Rolle als Cäsar 1658. Als er den religiösen Heuchler Tartuffe spielte, konnte ihn nicht einmal der König vor der Wut des Klerus schützen

Shakespeares Globe Theatre war von buntem Getümmel erfüllt, ein Marktplatz der Meinungen und Gefühle. Wandertruppen bis weit ins 18. Jahrhundert spielten ohnehin auf den Märkten, Aufführungen lebten von Zurufen und passenden Extemporés der Akteure, die Dramen entstanden und veränderten sich im Wechselspiel mit der Menge. Wenige stiegen – wie Molière – auf stehende Bühnen mit barocker, kirchenähnlicher Architektur samt Königsloge empor. Es folgte das bürgerliche Theater mit „vierter Wand“, Spartenteilung und Regie als Beruf, abhängig von behördlicher Förderung. Die Akteure sind allen möglichen informellen Zwängen unterworfen.

Das Publikum darf, ob zur Unterhaltung oder moralischen Reinigung, mitfühlen. Nur ausnahmsweise handelt es: Dann löst ein einzelner, vernehmlicher Zwischenrufer womöglich den Abbruch einer Aufführung aus. Das aber gelingt nur, wenn er „Sprachrohr“ vieler ist, die ihren Unmut delegieren.

Natürlich kann auch er beauftragt sein – von Partei und Stasi wie in der DDR, von einer NGO (etwa der Feministen oder Tierschützer), einer religiösen Gruppierung, einem konkurrierenden Unternehmen. Der Nachweis solcher Interessenvertretung wird immer schwieriger, je komplexer, je weiter ein Medium sich in globale Dimensionen ausdehnt. Um informelle Macht zu erlangen, ist der materielle Besitz des Störers übrigens nebensächlich, sogar die Qualität seiner Einwürfe. Mancher „YouTuber“ profitiert nur sehr kurz von der großen Aufmerksamkeit für seine Aktion. Gewinner sind die, denen er zugearbeitet hat. Sie profitieren, wenn sie dauerhaft Aufmerksamkeit neuer Gruppen gewinnen – am Ende womöglich massenhaftes Vertrauen. Sie machen sich zu Stellvertretern und setzen damit den Prozess der Entfremdung in Gang, den Sofsky eindrücklich beschreibt. Dabei wird informelle Qualität durch Quantität ersetzt. Deutungshoheit über die Wirklichkeit ist nicht mehr im verständigen Diskurs über den Sinn zu erlangen, sondern wird im Machtkampf der Ideologien ausgefochten.

Wenn Stellvertretung hinfällig wird, weil sie an Konflikten der Realität scheitert, und das Vertrauen der Vertretenen verliert, kommt die Zeit der Revolutionen, der Ablösung einer Elite von der informellen Macht. Das Spiel beginnt von Neuem. „Das Drehbuch der Oligarchie und politischen Entfremdung beginnt keineswegs erst, nachdem Ruhe eingekehrt ist. Es war niemals aufgehoben, auch nicht während des Sturzes des alten Regimes. Und es bleibt solange in Kraft, wie die letzte Revolution noch aussteht, die Aufhebung jeder Stellvertretung.“

Wolfgang Sofskys Schlußsatz im Essay lässt keine Zweifel: Der Autor macht sich nicht zum Stellvertreter seines Lesers, sondern verweist ihn auf sich selbst zurück. Das hat mir besonders gefallen. Auch „Der menschliche Kosmos“ gründet auf diesem Verständnis von Freiheit.

Wolfgang Sofsky: Macht und Stellvertretung, Taschenbuch 132 Seiten, Verlag: Independently published 2019, ISBN-10: 1093388749 ISBN-13: 978-1093388749, 9,80 €

Bernd-Olaf Küppers: Die Berechenbarkeit der Welt – Grenzfragen der exakten Wissenschaften Gebunden 194 Seiten, S. Hirzel Verlag 2012, ISBN 978-3-7776-2151-7, 32 €